Dein alter Vater.«

Meine Schwester strahlte vor Glück. Mit jener geistigen Beweglichkeit,

die ihr von jeher eigen gewesen war, ging sie vollkommen auf im

Künstlertum ihres Verlobten. Sie schien wirklich die leere Leinwand, der

unbehauene Stein, aus dem erst unter seinen Händen ein lebendiges Werk

werden sollte. Selbst ihre Kleidung richtete sie nach seinem Geschmack;

sie war eine der ersten, die jene malerischen Gewänder trug, wie sie aus

den Köpfen der jungen Vorkämpfer des aufblühenden Kunstgewerbes

hervorgingen und von den Frauenrechtlerinnen aus hygienischen, von den

Malern aus künstlerischen Gründen geschaffen wurden. Jedes Stück ihrer

künftigen Einrichtung wurde nach den Zeichnungen Erdmanns angefertigt.

»Oskars Stil entspricht so vollkommen meinem ästhetischen Empfinden,«

sagte sie, und ihr Blick flog ein wenig hochmütig über unsere Möbel

hinweg, »daß ich in einer anderen Umgebung nicht leben könnte.« Sie

hatten nahe dem Kurfürstendamm eine Wohnung gemietet, die nach Erdmanns

Angaben umgestaltet wurde. Kam das junge Paar mit der Mutter zu uns, so

drehte sich das Gespräch um die Zukunftspläne mit all ihren reizvollen

Details. Meine eigenen, die mich so glücklich gemacht, so ganz gefangen

hatten, traten dabei zurück. »Du willst uns wohl mit eurem Haus

überraschen, daß du so wenig davon erzählst,« meinte die Mutter einmal

und ich nickte dazu.

Die Gründe, warum ich schwieg, waren freilich anderer Art. Das Haus, das

inzwischen immer stattlicher aus der Erde herauswuchs, war zur Quelle

neuer drückender Sorgen geworden. Wir hatten in unserer naiven

Unkenntnis aller realen Forderungen des Lebens vorher nicht berechnet,

daß doch auch während des Baues Zinsen zu zahlen waren, die unser Budget

auf das Schwerste belasten mußten. Ich wußte oft nicht ein noch aus;

dabei sah ich, wie mein Mann unter den Verhältnissen litt, und zwar um

so mehr, je mehr er empfand, daß ich von ihnen betroffen wurde. Machte

ich einmal irgend eine von der Angst diktierte Bemerkung, so fuhr er

sich mit der Hand nervös durch das weiche, wellige Haar und sagte mit

einem gequälten Ausdruck in den Zügen: »Kümmere dich doch nicht darum!

Überlasse mir all diese Lappalien. Ich werde dir alles aus dem Wege

räumen.«

* * * * *

Um jene Zeit kamen die Kinder aus den Ferien zurück. Ich fürchtete mich

schon davor, denn noch Wochen nachher pflegten sie mir in naivem

Egoismus zu erzählen, was alles bei ihrer Mutter besser und schöner

gewesen war. Hörte es Heinrich, so schalt er sie, weil er sah, daß es

mich kränkte, und eine bleischwere Stimmung herrschte um unseren Tisch.

Diesmal stürmten sie besonders eilig die Treppe hinauf; -- so freuen sie

sich doch, nach Hause zu kommen, dachte ich. Wolfgang, der

Leichtfüßigere, kam zuerst. Kaum ließ er sich Zeit, mich zu begrüßen.

»Die Mutter läßt dir sagen,« rief er atemlos, »sowas dürfte nicht mehr

vorkommen. Mützen hatten wir, wie sie in Österreich nur Portiers tragen,

und Anzüge, über die die Bauernjungens lachten.« Ich fühlte, wie blaß

ich wurde. Ich hatte sie wie immer für die Reise neu eingekleidet, um ja

keinerlei Vorwurf auf mich zu laden. Und diesmal war es mir noch

schwerer geworden als sonst. Bei Tisch fing auch Hans, der stets

zurückhaltender war, zu erzählen an. »Warmes Abendessen ist viel

gesünder, meint die Mutter,« sagte er, »und es schmeckt auch besser als

immer bloß Wurst.«

Ich war so überreizt, daß ich mit den Tränen kämpfte, und als am

nächsten Morgen auch noch ein Brief aus Wien kam, in dem mir die Mutter

der Kinder über meine unzureichende Erziehung allerlei Vorhaltungen

machte, war es zu Ende mit meiner Selbstbeherrschung. Konnte ich die

Kinder denn überhaupt erziehen, wo ich ständig fürchtete, von ihnen als

die böse Stiefmutter angesehen zu werden und damit jeden Einfluß zu

verlieren?! Konnte ich sie strafen, wo ich wußte, daß sie sich bei der

eigenen Mutter darüber beklagen würden?! Ich zeigte Heinrich den Brief

und schüttete ihm, nicht ohne mich selbst all meiner versäumten

Pflichten anzuklagen, mein Herz aus.

»Und das alles sagst du mir erst jetzt?« rief er. »All den Kummer

schleppst du mit dir herum und sprichst dich nicht aus?« Er schlang den

Arm um mich und küßte mir die Tränen aus den Augen. »Hier muß gründlich

Wandel geschaffen werden, um deinetwillen ...« »Vor allem um der Kinder

willen, Heinz,« unterbrach ich ihn; »so gut geartet, wie sie sind, --

schließlich müssen sie Schaden leiden.« Wir berieten, was zu tun sei.

In früheren Jahren hatte die Mutter wiederholt versucht, ihre Söhne bei

sich zu behalten, aber immer wieder hatte Heinrich sie zurückgefordert.

»Wie konntest du?!« sagte ich leisem Vorwurf. »Kinder gehören zur

Mutter!« »Ich war sehr einsam, sehr liebebedürftig; ich hatte im

Scheidungsprozeß mit Nägeln und Zähnen um die Kinder gekämpft,«

antwortete er. »Jetzt aber ist die arme Frau viel einsamer als du, --«

»-- sie zu bemitleiden, habe ich keinen Grund,« entgegnete er hart, »sie

war es, die zuerst ihre Kinder im Stiche ließ! Jetzt darf nur die

Rücksicht auf dich und auf das Wohl der beiden Buben den Ausschlag

geben.«

In der Nacht nach unserem Gespräch warf sich Heinrich im Bett schlaflos

hin und her; im ersten Morgengrauen stand er leise auf, und ich hörte,

wie er im Zimmer nebenan auf und nieder ging. Ich hätte doch nichts

sagen sollen, dachte ich angstvoll. Er sah müde und vergrämt aus, als er

wieder zu mir hereinkam.

»Ich habe mich entschlossen, ihr die Kinder anzubieten,« sagte er.

»Wollen wir nicht doch lieber alles beim alten lassen, -- ich sehe

vielleicht nur zu schwarz,« warf ich ein.

Ich dachte an die Stunde, da er mir mit der Bitte, sie recht lieb zu

haben, seine Söhne anvertraut hatte. Er sah so finster drein! Jähe

Furcht beschlich mich um meinen kostbaren Besitz: seine Liebe. Aber er

blieb bei dem einmal gefaßten Beschluß.

Sein Anwalt schrieb in seinem Auftrag nach Wien. Die Antwort war keine

rückhaltlos zustimmende: jede Verbindung, so wünschte die Mutter, sollte

zwischen den Söhnen und dem Vater abgebrochen werden, sobald sie ihr

Haus betreten würden. Wochenlang zogen sich die Verhandlungen hin, und

die Korrespondenz nahm eine immer erbittertere Form an. Ich konnte nicht

mehr mit ansehen, wie Heinrich litt, und all die Selbstvorwürfe, die

mich quälten, nicht mehr ertragen.

Eines Abends benutzte ich meines Mannes Abwesenheit und fuhr mit dem

Nachtzug nach Wien. Vom Hotel aus meldete ich mich bei der Mutter der

Kinder an. Herzklopfend stieg ich die steinernen Stufen hinauf. In einem

Salon mit schweren Renaissancemöbeln empfing sie mich, eine schlanke,

dunkle Frau mit scharf geschnittenen, fast männlichen Zügen. Sie gab mir

nicht die Hand, sie zögerte offenbar, mir auch nur einen Stuhl

anzubieten.

»Ich komme, weil ich hoffe, daß eine mündliche Besprechung leichter zum

Ziele führen wird,« begann ich.

»Er schickt Sie?« Ihre Stimme hatte einen merkwürdig leblosen, kalten

Ton, als käme sie weit her aus dunkler Tiefe.

»Nein! Ich reiste ohne sein Wissen. Wir Frauen, meine ich, werden uns

verständigen, -- mit einigem guten Willen natürlich, -- denn zwischen

uns steht nichts --«

»Meinen Sie wirklich, daß zwischen uns nichts steht?!« Ein Blick voll

Haß streifte mich. »Meine Kinder stehlen Sie mir!«

»Ich?! --« Aufs Äußerste erstaunt sah ich sie an. »Ich, die ich sie

Ihnen wiederbringe?!« Aber sie hörte nicht auf mich. In

leidenschaftlicher Erregung kamen die Worte, sich überstürzend, von

ihren Lippen: »Habe ich nicht in diesem letzten Sommer tagtäglich hören

müssen: 'Die Mama erlaubt das alles, -- die Mama straft uns nicht, --

die Mama schenkt uns dies und jenes'?! Und jetzt soll ich vielleicht

erleben müssen, daß meine eigenen Kinder sich fort wünschen von mir?

Oder jedesmal unzufrieden heimkehren, wenn sie, wie ihr Vater es

wünscht, zu den Ferien in Berlin gewesen sind?!«

Ich verstand sie, -- so hatte ich auch ihr unbewußt Böses getan! »Sie

wissen, mein Mann hat für das erste Jahr schon auf ein Wiedersehen

verzichtet,« antwortete ich.

»Das ist aber auch das Allermindeste, was ich verlange! Im übrigen --,«

sie nahm wieder den alten eisigen Ton an und zwang sich zur Ruhe, »muß

ich umziehen, ehe die Kinder kommen. Sie sehen hier meine Wohnung --,«

sie wies nach dem Eßzimmer nebenan, »ich habe keinen Platz für sie.«

Keinen Platz für die eigenen Kinder?! Sie schien zu fühlen, was ich

empfand, denn rasch fuhr sie fort: »Ich wünsche, daß die durch Unordnung

sowieso schon genug geschädigten Buben gleich in ein regelmäßiges Leben,

eine zu ernster Arbeit gestimmte Häuslichkeit kommen.«

»Und wann, meinen Sie, dürfte das sein?« Drängte ich. »Die Situation ist

für alle Teile unerträglich!«

Sie lächelte: »Finden Sie? Ich habe Schlimmeres ausgehalten!« Tiefe

Falten gruben sich auf ihre Stirn, um ihre Mundwinkel. Wieder streifte

mich ein Blick, -- zum Fürchten. »Warten Sie nur, bis Sie fünf, sechs

Jahre mit ihm gelebt haben werden!«

Ich erhob mich, -- fast wäre der geschnitzte Stuhl bei meiner raschen

Bewegung zu Boden geglitten. Hier hatte ich nichts mehr zu tun. Sie

geleitete mich hinaus. Und als müßte sie mir zuletzt noch ihren Haß

fühlen lassen, sagte sie: »Ich werde schwere Mühe haben, -- die Kinder

sind zu schlecht erzogen.«

Ich dachte an die Buben, -- an ihre lustigen Knabenstreiche, an die

ungebundene Freiheit, die sie genossen. Noch ein gutes Wort wollte ich

bei der strengen Frau für sie einlegen und sagte bittend: »Sie werden

ihnen nicht zu plötzlich die Wandlung fühlen lassen?«

»Wie können Sie sich erlauben --?!« rief sie fassungslos. »Wer ist hier

die Mutter: Sie oder ich?!«

Krachend fiel die Flurtüre hinter mir zu. In der nächsten Nacht fuhr ich

nach Berlin zurück. Nicht das mindeste glaubte ich erreicht zu haben.

Ein Brief des wiener Anwalts folgte mir auf dem Fuße. Er enthielt den

unterschriebenen Vertrag und übermittelte den Wunsch, den Kindern möchte

die Reise nach Wien nur als ein Besuch dargestellt werden, »damit sie

gerne kommen.«

Das war ein Jubel: Der Schule entrinnen, -- und eine Reise nach Wien!

Wir brachten sie zur Bahn und sahen den strahlenden Gesichtern nach, die

grüßend aus dem Kupeefenster nickten, bis der Zug unseren Blicken

entschwand.

* * * * *

Kaum drei Wochen später kehrten sie zurück, -- still und blaß. Wolfgangs

rundes Kindergesicht war schmal geworden, in Hans' dunkeln Augen hatte

sich der Ausdruck von Melancholie noch vertieft. Ihr Aufenthalt in Wien

war wirklich nur ein Besuch gewesen. Ob die einsame Frau das Glück nicht

ertragen hatte? Ob die Forderungen eines Lebens für andere sie erdrückt

haben mochten? In die größte, die letzte Einsamkeit hatte sie plötzlich

der Tod entführt.

Aber noch darüber hinaus wirkte ihr Haß: das Testament bedrohte die

Kinder mit Enterbung, wenn sie im Hause des Vaters bleiben würden. Und

so mußten sie wieder fort, da sie der Wärme, der Liebe am meisten

bedurften.

Von einer neuen Schule im Harz hatten wir erfahren, wo die Jugend in

schöner Abwechselung von Spiel und Arbeit, von der Übung körperlicher

und geistiger Kräfte sich frei und fröhlich zu entwickeln vermag, einer

Schule, deren Leiter den Mut hatte, dem Geist engherzigen Preußentums

den Eintritt bei sich zu verwehren. Dorthin brachten wir sie. Es war das

beste, das wir hatten finden können, und doch so schrecklich wenig für

die, denen die Mutter gestorben war.

* * * * *

Nun war es still bei uns im Hause. Ottochen, der sich inzwischen auf

seinen eigenen Füßchen zu bewegen gelernt hatte, lief im Zimmer der

Brüder von Stuhl zu Stuhl, guckte in die Schränke und unter die Betten

und rief vergebens »Wof« und »Ans«. Zuerst weinte er, weil sie nicht

kamen, um mit ihm zu »pielen«, dann erinnerte er sich ihrer nur noch,

wenn er auf meinem Schoß am Schreibtisch saß und ich ihm ihre Bilder

zeigte. Er war ein unbändiger kleiner Kerl, der nie lange an einem Platz

aushielt. Ein Sonnenstrahl im Zimmer, eine Fliege am Fenster,

Hundegebell und Pferdegetrappel auf der Straße, -- alles erregte seine

brennende Neugierde; wenn aber gar Soldaten vorübermarschierten, so

zappelte er mit Händen und Füßen vor Freuden, und rief, so laut er

konnte: »Daten! daten!«

Seitdem der Großvater sich dem Enkel zu Liebe einmal in die alte

Generalsuniform gezwängt hatte, ging er noch einmal so gern in die

Ansbacherstraße. »Apapa Dat, Apapa Dat,« hatte er mir mit erstaunten

Augen und einem Ausdruck von Ehrfurcht in dem Gesichtchen damals

erzählt. Und »Apapa dehn!« schrie er mit Stentorstimme, wenn wir nicht

ruhig genug mit ihm spielten.

Eines Abends im Herbst kam meine Mutter und erzählte mir, der Vater habe

heute, ohne sie zu fragen, die Wohnung gekündigt. »Er will im Grunewald

mieten,« fügte sie hinzu, »um Ottochen nahe zu sein.« Mir wurden die

Augen feucht: so ersetzte ihm der Enkel die Tochter, die er verloren

hatte.

Kurze Zeit darauf bekam ich einen Brief von ihm:

»Liebes Kind! denke doch nicht, daß es mir genügt, Deinen Jungen bei

mir zu sehen. Alte Leute brauchen viel Wärme, darum sagte ich

Ottochen heute, daß er Papa und Mama das nächste Mal mitbringen soll.

Er sah mich so ernsthaft an, daß ich glaube, er hat mich verstanden.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 14 / 30 题