»Ottoo -- addaa,« rief das helle Stimmchen meines Sohnes. Er saß auf
meinen Knieen im Wagen und winkte unermüdlich nach rechts und links, als
ob er in seiner Freude alles grüßen müßte, was er sah. Wir fuhren hinaus
in den Grunewald. Es war ein strahlender Sommertag; Scharen von Radlern
flogen an uns vorüber; selbst die Dampfstraßenbahn fauchte heut wie ein
vergnügter Alter, weil sie so viel Jugend in hellen Kleidern ins Grüne
fuhr.
Vor einem umzäunten Waldwinkel hielten wir. Ich setzte den Kleinen ins
Moos, und verwundert tippte er mit den runden rosigen Fingern jeden
Grashalm an und kroch den schillernden Käfern nach und sah mit einem
jauchzenden »Da -- da!« den Vögeln zu, die von Zweig zu Zweig hüpften.
Die alten dunkeln Kiefern wiegten ihre Häupter im Winde, die Sonne malte
runde goldene Flecke auf ihre braunen Stämme, ein paar kleine blaue
Blümchen reckten neugierig die Köpfe, und ein gelber Schmetterling
tanzte über ihnen, -- es war eine große Sommer-Festvorstellung für mein
Kind.
Wir erwachsenen Leute gingen indessen ernsthaft umher und betrachteten
das grüne Erdenfleckchen, auf dem unser Haus stehen sollte. Der
Baumeister war mit uns gekommen. Er war noch jung und ein echter
Künstler; von allen, bei denen wir gewesen waren, hatte er uns am besten
verstanden. Ich hielt das Bild des Häuschens in der Hand, das seinen
Namen trug -- Alfred Messel --, und sah es schon lebendig vor mir, mit
seinen blumenbesetzten Fensterbrettern und seinem lachenden roten Dach.
»Ein rotes Dach?« sagte der Baumeister. »Nein! Unter die schwarzen
Kiefern paßt nur ein graues.« Schwarz und grau? Wie trübe klang das! Ich
sah ihn erschrocken an, -- mir war auf einmal die Freude vergangen.
»Schwester Alix!« rief es über den Zaun. Ilse stand an der Türe, die
Hand auf der blitzenden Lenkstange ihres Rades, und neben ihr ein
großer, überschlanker Mann. Errötend stellte sie ihn vor: »Professor
Erdmann!« Sie hatte mir schon von ihm erzählt, dem aufgehenden Stern am
Himmel des Kunstgewerbes, der in den Salons des Tiergartenviertels eine
Rolle zu spielen begann, und Messel begrüßte ihn wie einen lieben
Kollegen. Nach ein paar raschen Worten drängte Ilse zum Aufbruch: »Wir
dürfen die anderen nicht verlieren,« sagte sie. »Ich find' es viel
hübscher zu zweien,« meinte ihr Begleiter und sah sie mit einem Lächeln
an, das auf ein tieferes Einverständnis der beiden schließen ließ. Sie
fuhren davon. Das helle Köpfchen meiner Schwester hob sich empor zu ihm,
seine lange Gestalt neigte sich zu ihr, -- so flogen sie nebeneinander
die sonnige Straße hinauf, bis der dunkle Wald sie verschlang.
* * * * *
»Ottoo -- addaa,« klang es wieder aus dem Wagen heraus, als wir
heimwärts fuhren. Aber die Händchen grüßten nicht mehr nach rechts und
links; krampfhaft umspannten sie einen Büschel grünes Gras, und
unverwandt hafteten die Augen meines Kindes auf dem bunten Käfer, der
sich gemächlich darin niedergelassen hatte. Auf einmal breitete er seine
schillernden Flügel aus und flog mit surrendem Geräusch davon; entsetzt
starrte mein Kind ihm nach, das Gras entfiel den Fäustchen -- ein
sehnsüchtig-schluchzendes »adda -- adda« kam von dem zuckenden Mündchen,
und verzweifelt weinte es vor sich hin. Mein Mann lächelte über den
wilden Schmerz um den entflogenen Käfer. Tut er dem kleinen Seelchen
nicht ebenso weh, wie wenn die großen Leute um den Verlust ihrer
Eroberungen trauern? dachte ich und zog meinen Liebling mitleidig in die
Arme.
* * * * *
Am nächsten Morgen in aller Frühe kam meine Schwester. Sie wollte mich
allein sprechen. Ihr heißes Gesichtchen, ihr rascher Atem, drei mühsam
hervorgestoßene Worte: »ich liebe ihn,« sagten mir genug. »Und die
Eltern?« fragte ich. »Sie wissen von nichts,« stotterte sie und sah ganz
verängstigt drein.
Ich dachte an meinen Vater: mit welch verächtlichem Naserümpfen hatte er
früher über Künstlerehen gesprochen. Sollten für seine Töchter keine
seiner heißen Wünsche in Erfüllung gehen?
»Du wirst dich auf harte Kämpfe gefaßt machen müssen, --« sagte ich, und
mein Blick haftete auf ihren kleinen, kraftlosen Händen. »Ich laufe
davon, wenn Papa es nicht zugibt,« rief sie.
Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein Schwesterchen war einmal
mein Kind gewesen, sie war es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie
schutzbedürftig vor mir stand.
Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier entgegentrat, war
mein erstes Gefühl das des Schreckens: wie bleich war er, wie groß und
schmal, wie seltsam durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen
Hände. Aber die Art, wie er mit mir sprach, ließ mich über den Menschen
seine Erscheinung vergessen.
»Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten,« antwortete er auf
meine Frage. »Freilich: Ilse stellte mir eine Bedingung, --« fügte er
lächelnd hinzu, »du mußt Alix gefallen, sagte sie.«
»Das dürfte weniger schwer sein, als daß Sie ihren Eltern, vor allem dem
Vater, gefallen müssen,« meinte ich.
»Gegen den härtesten Schädel hat sich noch immer der meine als der
härtere erwiesen,« entgegnete er.
»Aber Ilse ist weich; ob sie schweren Kämpfen gewachsen sein würde?!«
»Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und nehme alle Kämpfe auf
mich, -- nur ihrer Treue muß ich sicher sein.« Dabei funkelten seine
Augen. Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten Formen zu
verstecken; würde die kleine Ilse es ertragen können?
»Sie ist noch sehr jung,« warf ich noch einmal ein. »Um so besser,« --
ein warmer Glanz echter Freude verschönte seine Züge, -- »wir Künstler
brauchen leere Leinwand und unbehauenen Stein.«
Vor dem Abschied versprach er mir, sich meiner Mutter zu erklären, damit
sie imstande sei, den Vater vorzubereiten. Ich ging nachdenklich heim.
Ilse war ein leicht zu leitendes Kind gewesen, -- fast zu leicht, denn
mit dem Zuckerbrot der Liebe ließ sie sich willenlos hin- und herführen;
aber hörte sie auch nur eine Peitsche knallen, so erwachte ein
unbändiger Trotz in ihr, und in ihren Augen glühte der Haß gegen den,
der sie meistern wollte. Würde die Liebe dieses Mannes, der nur aus von
Energie gespannten Nerven und Sehnen zu bestehen schien, die richtige
Grenze zu finden wissen?
Meine Mutter war zuerst außer sich, als Erdmann sich ihr eröffnet hatte.
Sie kam zu mir und kämpfte mit den Tränen: »Nun bin ich es wieder, die
Eurem Vater standhalten muß! Und ich habe es doch so satt!« »Dafür wirst
du nachher um so mehr Ruhe haben,« suchte ich sie zu beruhigen. Ihre
schmalen Lippen kräuselten sich, sie hatte wohl ein bitteres Wort auf
der Zunge, aber sie sprach es nicht aus.
Erdmann verkehrte von nun an bei den Eltern. »Denk' nur, er gefällt
Papa!« erzählte mir Ilse ganz glücklich, und die Mutter lebte wieder
auf. Daß der Bewerber ihrer Tochter in guten Verhältnissen war,
beruhigte sie vor allem. Und auch ich freute mich dessen; meine
Schwester war ein verwöhntes Prinzeßchen; wie oft hatte nicht die Mutter
vor ihr gekniet, um ihr die Stiefel zuzuschnüren, damit ihr nur ja der
Rücken nicht schmerzte! Zu keinerlei Arbeit war sie jemals genötigt
worden, -- ich selbst hatte ihr nur zu häufig die Schularbeiten gemacht,
damit das Köpfchen unter den schweren goldenen Flechten nicht gar zu
müde wurde!
Eines Morgens kam die Nachricht: »Papa hat eingewilligt!« und daneben
von der Mutter Hand: »Hans war ganz ruhig. Nur als Erdmann fort war, hat
er sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen.« Er mußte doppelt
gelitten haben, da er sich durch keinen Ausbruch seiner Leidenschaft
mehr zu erleichtern vermochte. Ich konnte mich noch nicht freuen, weil
ich nur seiner gedachte. Ob ich ihm schreiben dürfte, -- ob ein
verständnisvolles Wort von mir ihm zu helfen vermöchte?
Im Zoologischen Garten erwartete er täglich mein Kind. Er hatte immer
die Taschen voll für den Kleinen; war das Wetter schlecht, so ließ er
ihn zu sich kommen, setzte sich zu ihm auf den Teppich und baute dem
Enkel Bleisoldaten in Schlachtordnung auf. Und stets ließ er mich
grüßen, sagte das Mädchen. Er würde einen Brief von mir nicht
zurückweisen! An einem blauen Bändchen knüpfte ich ihn meinem Jungen um
den Hals, als er das nächste Mal zu »Apapa« fuhr. Auf dieselbe Weise
brachte er die Antwort mit zurück:
»... Hast es richtig getroffen, mein Kind: ein Auge weint, und das
andere lacht nicht. Ich muß mich selbst überwinden. Wenn man das
Fahrwasser kennt, dann hat die Hoffnung ihr Recht; aber das
unbekannte Fahrwasser, in das man sein Letztes lassen muß, das gibt
an keiner Stelle Ruhe. Daß Du mich verstanden hast, erfreut mich und
macht mich dankbar.