Achtes Kapitel

»Ottoo -- addaa,« rief das helle Stimmchen meines Sohnes. Er saß auf

meinen Knieen im Wagen und winkte unermüdlich nach rechts und links, als

ob er in seiner Freude alles grüßen müßte, was er sah. Wir fuhren hinaus

in den Grunewald. Es war ein strahlender Sommertag; Scharen von Radlern

flogen an uns vorüber; selbst die Dampfstraßenbahn fauchte heut wie ein

vergnügter Alter, weil sie so viel Jugend in hellen Kleidern ins Grüne

fuhr.

Vor einem umzäunten Waldwinkel hielten wir. Ich setzte den Kleinen ins

Moos, und verwundert tippte er mit den runden rosigen Fingern jeden

Grashalm an und kroch den schillernden Käfern nach und sah mit einem

jauchzenden »Da -- da!« den Vögeln zu, die von Zweig zu Zweig hüpften.

Die alten dunkeln Kiefern wiegten ihre Häupter im Winde, die Sonne malte

runde goldene Flecke auf ihre braunen Stämme, ein paar kleine blaue

Blümchen reckten neugierig die Köpfe, und ein gelber Schmetterling

tanzte über ihnen, -- es war eine große Sommer-Festvorstellung für mein

Kind.

Wir erwachsenen Leute gingen indessen ernsthaft umher und betrachteten

das grüne Erdenfleckchen, auf dem unser Haus stehen sollte. Der

Baumeister war mit uns gekommen. Er war noch jung und ein echter

Künstler; von allen, bei denen wir gewesen waren, hatte er uns am besten

verstanden. Ich hielt das Bild des Häuschens in der Hand, das seinen

Namen trug -- Alfred Messel --, und sah es schon lebendig vor mir, mit

seinen blumenbesetzten Fensterbrettern und seinem lachenden roten Dach.

»Ein rotes Dach?« sagte der Baumeister. »Nein! Unter die schwarzen

Kiefern paßt nur ein graues.« Schwarz und grau? Wie trübe klang das! Ich

sah ihn erschrocken an, -- mir war auf einmal die Freude vergangen.

»Schwester Alix!« rief es über den Zaun. Ilse stand an der Türe, die

Hand auf der blitzenden Lenkstange ihres Rades, und neben ihr ein

großer, überschlanker Mann. Errötend stellte sie ihn vor: »Professor

Erdmann!« Sie hatte mir schon von ihm erzählt, dem aufgehenden Stern am

Himmel des Kunstgewerbes, der in den Salons des Tiergartenviertels eine

Rolle zu spielen begann, und Messel begrüßte ihn wie einen lieben

Kollegen. Nach ein paar raschen Worten drängte Ilse zum Aufbruch: »Wir

dürfen die anderen nicht verlieren,« sagte sie. »Ich find' es viel

hübscher zu zweien,« meinte ihr Begleiter und sah sie mit einem Lächeln

an, das auf ein tieferes Einverständnis der beiden schließen ließ. Sie

fuhren davon. Das helle Köpfchen meiner Schwester hob sich empor zu ihm,

seine lange Gestalt neigte sich zu ihr, -- so flogen sie nebeneinander

die sonnige Straße hinauf, bis der dunkle Wald sie verschlang.

* * * * *

»Ottoo -- addaa,« klang es wieder aus dem Wagen heraus, als wir

heimwärts fuhren. Aber die Händchen grüßten nicht mehr nach rechts und

links; krampfhaft umspannten sie einen Büschel grünes Gras, und

unverwandt hafteten die Augen meines Kindes auf dem bunten Käfer, der

sich gemächlich darin niedergelassen hatte. Auf einmal breitete er seine

schillernden Flügel aus und flog mit surrendem Geräusch davon; entsetzt

starrte mein Kind ihm nach, das Gras entfiel den Fäustchen -- ein

sehnsüchtig-schluchzendes »adda -- adda« kam von dem zuckenden Mündchen,

und verzweifelt weinte es vor sich hin. Mein Mann lächelte über den

wilden Schmerz um den entflogenen Käfer. Tut er dem kleinen Seelchen

nicht ebenso weh, wie wenn die großen Leute um den Verlust ihrer

Eroberungen trauern? dachte ich und zog meinen Liebling mitleidig in die

Arme.

* * * * *

Am nächsten Morgen in aller Frühe kam meine Schwester. Sie wollte mich

allein sprechen. Ihr heißes Gesichtchen, ihr rascher Atem, drei mühsam

hervorgestoßene Worte: »ich liebe ihn,« sagten mir genug. »Und die

Eltern?« fragte ich. »Sie wissen von nichts,« stotterte sie und sah ganz

verängstigt drein.

Ich dachte an meinen Vater: mit welch verächtlichem Naserümpfen hatte er

früher über Künstlerehen gesprochen. Sollten für seine Töchter keine

seiner heißen Wünsche in Erfüllung gehen?

»Du wirst dich auf harte Kämpfe gefaßt machen müssen, --« sagte ich, und

mein Blick haftete auf ihren kleinen, kraftlosen Händen. »Ich laufe

davon, wenn Papa es nicht zugibt,« rief sie.

Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein Schwesterchen war einmal

mein Kind gewesen, sie war es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie

schutzbedürftig vor mir stand.

Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier entgegentrat, war

mein erstes Gefühl das des Schreckens: wie bleich war er, wie groß und

schmal, wie seltsam durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen

Hände. Aber die Art, wie er mit mir sprach, ließ mich über den Menschen

seine Erscheinung vergessen.

»Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten,« antwortete er auf

meine Frage. »Freilich: Ilse stellte mir eine Bedingung, --« fügte er

lächelnd hinzu, »du mußt Alix gefallen, sagte sie.«

»Das dürfte weniger schwer sein, als daß Sie ihren Eltern, vor allem dem

Vater, gefallen müssen,« meinte ich.

»Gegen den härtesten Schädel hat sich noch immer der meine als der

härtere erwiesen,« entgegnete er.

»Aber Ilse ist weich; ob sie schweren Kämpfen gewachsen sein würde?!«

»Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und nehme alle Kämpfe auf

mich, -- nur ihrer Treue muß ich sicher sein.« Dabei funkelten seine

Augen. Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten Formen zu

verstecken; würde die kleine Ilse es ertragen können?

»Sie ist noch sehr jung,« warf ich noch einmal ein. »Um so besser,« --

ein warmer Glanz echter Freude verschönte seine Züge, -- »wir Künstler

brauchen leere Leinwand und unbehauenen Stein.«

Vor dem Abschied versprach er mir, sich meiner Mutter zu erklären, damit

sie imstande sei, den Vater vorzubereiten. Ich ging nachdenklich heim.

Ilse war ein leicht zu leitendes Kind gewesen, -- fast zu leicht, denn

mit dem Zuckerbrot der Liebe ließ sie sich willenlos hin- und herführen;

aber hörte sie auch nur eine Peitsche knallen, so erwachte ein

unbändiger Trotz in ihr, und in ihren Augen glühte der Haß gegen den,

der sie meistern wollte. Würde die Liebe dieses Mannes, der nur aus von

Energie gespannten Nerven und Sehnen zu bestehen schien, die richtige

Grenze zu finden wissen?

Meine Mutter war zuerst außer sich, als Erdmann sich ihr eröffnet hatte.

Sie kam zu mir und kämpfte mit den Tränen: »Nun bin ich es wieder, die

Eurem Vater standhalten muß! Und ich habe es doch so satt!« »Dafür wirst

du nachher um so mehr Ruhe haben,« suchte ich sie zu beruhigen. Ihre

schmalen Lippen kräuselten sich, sie hatte wohl ein bitteres Wort auf

der Zunge, aber sie sprach es nicht aus.

Erdmann verkehrte von nun an bei den Eltern. »Denk' nur, er gefällt

Papa!« erzählte mir Ilse ganz glücklich, und die Mutter lebte wieder

auf. Daß der Bewerber ihrer Tochter in guten Verhältnissen war,

beruhigte sie vor allem. Und auch ich freute mich dessen; meine

Schwester war ein verwöhntes Prinzeßchen; wie oft hatte nicht die Mutter

vor ihr gekniet, um ihr die Stiefel zuzuschnüren, damit ihr nur ja der

Rücken nicht schmerzte! Zu keinerlei Arbeit war sie jemals genötigt

worden, -- ich selbst hatte ihr nur zu häufig die Schularbeiten gemacht,

damit das Köpfchen unter den schweren goldenen Flechten nicht gar zu

müde wurde!

Eines Morgens kam die Nachricht: »Papa hat eingewilligt!« und daneben

von der Mutter Hand: »Hans war ganz ruhig. Nur als Erdmann fort war, hat

er sich stundenlang in sein Zimmer eingeschlossen.« Er mußte doppelt

gelitten haben, da er sich durch keinen Ausbruch seiner Leidenschaft

mehr zu erleichtern vermochte. Ich konnte mich noch nicht freuen, weil

ich nur seiner gedachte. Ob ich ihm schreiben dürfte, -- ob ein

verständnisvolles Wort von mir ihm zu helfen vermöchte?

Im Zoologischen Garten erwartete er täglich mein Kind. Er hatte immer

die Taschen voll für den Kleinen; war das Wetter schlecht, so ließ er

ihn zu sich kommen, setzte sich zu ihm auf den Teppich und baute dem

Enkel Bleisoldaten in Schlachtordnung auf. Und stets ließ er mich

grüßen, sagte das Mädchen. Er würde einen Brief von mir nicht

zurückweisen! An einem blauen Bändchen knüpfte ich ihn meinem Jungen um

den Hals, als er das nächste Mal zu »Apapa« fuhr. Auf dieselbe Weise

brachte er die Antwort mit zurück:

»... Hast es richtig getroffen, mein Kind: ein Auge weint, und das

andere lacht nicht. Ich muß mich selbst überwinden. Wenn man das

Fahrwasser kennt, dann hat die Hoffnung ihr Recht; aber das

unbekannte Fahrwasser, in das man sein Letztes lassen muß, das gibt

an keiner Stelle Ruhe. Daß Du mich verstanden hast, erfreut mich und

macht mich dankbar.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 13 / 30 题