Siebentes Kapitel

Drei Monate später saß ich an unserem Schreibtisch, in einen Artikel

vertieft, den ich Wanda Orbin versprochen hatte.

»Fast schien es, als sollte der Züricher Arbeiterschutz-Kongreß den

Beweis erbringen, daß die Anhänger der verschiedensten politischen und

religiösen Weltanschauungen auf dem Gebiete praktischer Sozialreform zu

gemeinsamen Resultaten gelangen könnten. Die Fragen der Kinder- und der

Sonntagsarbeit riefen keinerlei tiefere Differenzen hervor. Nur hie und

da fiel ein Wort, das wie Wetterleuchten die Abgründe erhellte, die

tatsächlich zwischen den Rednern auseinanderklafften. Aber erst die

Frage der Frauenarbeit vollzog schließlich die Trennung der Geister.

Schon in der vorbereitenden Sektion kam es zu hitzigen Debatten: auf der

einen Seite standen die katholischen Sozialreformer Belgiens und

Österreichs, unter ihnen Männer in langem Priesterrock und brauner

Mönchskutte, auf der anderen die Führer der internationalen

Sozialdemokratie, die Bebel und Liebknecht, die Vandervelde und Geier an

ihrer Spitze. Und als wir uns am nächsten Morgen in dem hohen Saal der

Tonhalle wieder versammelten -- einem Saal, der nur für Festesfreude

geschaffen schien, -- und der blaue See und die weißen Berge durch die

breiten Fenster zu uns hereinstrahlten, ein Bild glücklichen Friedens,

da wußten wir: heute kommt es zur Schlacht. Die Tribünen waren

überfüllt: die ganze studierende Jugend Zürichs drängte sich dort oben

zusammen. Erwartungsvolle Erregung brannte auf ihren Wangen. Und unten

sammelten sich die Delegierten um ihre Tische: die Luft schien zu

vibrieren unter dem Einfluß all der klopfenden Pulse, all der

kampfheißen Blicke. Der katholische Demokrat Carton de Wiart trat hinter

das Rednerpult zur Verteidigung seines Antrags: Verbot der

großindustriellen Frauenarbeit. Mit tiefem Glockenklang erfüllte seine

schöne Stimme den Riesenraum und steigerte sich zum tragischen Pathos,

wenn sie die zerstörenden Folgen der Frauenarbeit schilderte: 'Der

Säugling verkommt in Hunger und Schmutz, die heranwachsenden Kinder

werden ein Opfer der Straße; vom erloschenen Herdfeuer flieht der Mann

und sucht Trost und Wärme im Trunk ...' Er malte nicht zu schwarz, und

auch aus den Reihen der Gegner hätte ihm niemand widersprechen

können. Aber während die tatsächlichen Zustände ihm und seinen

Gesinnungsgenossen als eine beklagenswerte Verirrung der Menschheit

erschienen, die durch ein gebieterisches 'Zurück!' von dem alten

kleinbürgerlichen Familienleben wieder abgelöst werden könnten, sahen

die Sozialdemokraten in ihnen eine notwendige Begleiterscheinung der

kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die nur durch ein 'Vorwärts!' zum

Sozialismus zu überwinden ist. 'Auch wir sind für die Verkürzung der

Arbeitszeit, für gesetzlichen Mutterschutz, für Verbot der Frauenarbeit

in gesundheitsschädlichen Betrieben,' erwiderte Frau Alix Brandt dem

Redner; 'aber für ein Verbot der Frauenarbeit überhaupt sind wir nicht.

Denn nicht jenes idyllische Bild glücklichen Familienlebens, das Herr de

Wiart in so leuchtenden Farben malte, würde seine Folge sein, sondern

eine noch größere Zerstörung der Familie, eine noch gefährlichere

Untergrabung weiblicher Kraft. Weder Laune noch Neigung treibt die

Frauen in Scharen in die Fabriken, sondern Not. Schließt ihnen deren

Tore, und dieselbe Not wird sie in das Elend der Heimarbeit treiben, wo

schrankenlos die Ausbeutung herrscht, wird sie demjenigen Frauenberuf

zuführen, vor dem weder die christliche Sittlichkeit des Staates, noch

die Ritterlichkeit der Männer das weibliche Geschlecht jemals gehütet

haben: der Prostitution.' Und in einer Rede voll hinreißender

Leidenschaft verteidigte Frau Wanda Orbin die Berufsarbeit der Frau als

die Grundlage ihrer sozialen Befreiung: 'Die Arbeit ist ihre

Menschwerdung. Was sie auf der einen Seite zerstört, baut sie auf der

anderen wieder auf für die sittliche und geistige Einheit von Mann und

Frau. Aus den Konflikten zwischen Beruf und Haus erwachsen dem Weibe

zwar die größten Schmerzen, aber auch die größte Kraft. Nicht nur, weil

ein Verbot der Frauenarbeit heute die Not steigern würde, wie meine

Vorrednerin Ihnen auseinandersetzte, stimmen wir geschlossen gegen den

Antrag Wiart, sondern weil wir Frauen die Arbeit wollen um unserer

Selbstbefreiung willen, um einer künftigen Neugestaltung der Ehe und der

Familie willen, die die ökonomische Unabhängigkeit des Weibes zur

Voraussetzung hat.' Minutenlang umbrauste der Jubel aus dem Saal

hinauf, von den Tribünen herab die Rednerin. Und als die Baronin

Vogelsang, eine zarte, schlichte Frauengestalt, sie ablöste, -- mit

niedergeschlagenen Augen und leise zitternden Händen, ungewohnt des

öffentlichen Auftretens, -- erschien sie wie die Personifizierung jener

fernen versunkenen Welt, die sie mit leisen, weichen Worten, mit einem

Appell an das Gefühl wieder glaubte heraufbeschwören zu können: 'Um der

Kinder willen, denen die Industrie die Mütter raubt, nehmen Sie den

Antrag an --;' ihre erhobenen Blicke flehten und rührten manch einem ans

Herz, so daß die rauhe Wahrheit, die der Verstand erkennt, hinter den

weichen Schleiern, die die Empfindung webt, zu verschwinden drohte ...«

Ich legte die Feder aus der Hand und seufzte tief auf. Seit meines

Kindes Geburt waren die Probleme der Frauenbefreiung für mich keine

bloßen Theorien mehr. Sie schnitten in mein eigenes Fleisch, -- und ich

war keine Industriearbeiterin, -- ich brauchte nicht von früh bis spät

in der Fabrik zu schuften, fern meinem Liebling. Mir grauste, wenn ich

daran dachte, daß so etwas möglich, ja notwendig sein konnte. Es gab

Augenblicke, in denen meine Überzeugungen auf tönernen Füßen zu stehen

schienen.

Schon die Reise nach Zürich war mir schwer genug geworden, obwohl ich

mein Kind in bester Obhut zurückgelassen hatte. Meine Phantasie malte

sich täglich neue Schrecken aus, die ihm zustoßen konnten. Und wie viele

Stunden des Tages mußte ich jetzt fern von ihm sein! Wie oft sprang ich

vom Schreibtisch auf und sah sehnsüchtig auf den sonnigen Platz

hinunter, wo es, in seinen weißen Wagen gebettet, auf- und

niedergefahren wurde. Wie viele Blicke aus seinen blauen Augen, wieviel

krähendes Babylachen von seinem roten Mündchen gingen mir verloren! Und

abends, und nachts: wie oft mußte ich, statt an seinem Bettchen zu

sitzen, in Versammlungen sprechen, an Partei-Zusammenkünften teilnehmen.

Manche meiner Genossinnen kamen aus der Werkstatt und der Fabrik, auch

sie hatten kleine Kinder zu Hause und kein Dienstmädchen, um sie zu

hüten; -- meine Bewunderung für sie stieg und zugleich mein Verständnis

für all die Bitterkeit, den Haß und das Mißtrauen, das sich in ihnen

angesammelt hatte. Kann ein Weib der Welt, die den Kindern die Mutter

entreißt, mit anderen Empfindungen gegenübertreten? Und doch hatte ich

mich in Zürich mit aller Leidenschaft dafür eingesetzt, die weibliche

Berufsarbeit -- auch die der Mütter -- zu erhalten? Ich zerriß den

halbfertigen Artikel wieder und schrieb an Wanda Orbin ein paar

entschuldigende Worte. Ich konnte nicht mehr über eine Frage sprechen,

ich war außer stande, den Lesern fix und fertige Ansichten aufzutischen,

seitdem sie mir zur persönlichen Angelegenheit geworden war, und ich ihr

für mich selbst die Antwort noch schuldig bleiben mußte.

Mein Mann kam nach Hause. »Bist du schon fertig?« fragte er mit einem

verwunderten Blick auf den Schreibtisch, dessen Aussehen keine Arbeit

mehr verriet. Ich erklärte ihm die Situation, obwohl ich von vorn herein

wußte, daß ihm das volle Verständnis dafür fehlen würde. Er hatte schon

oft nachsichtig, wie über eine kindliche Torheit gelächelt, wenn ich den

Konflikt berührte, in dem ich mich befand; er war sogar hie und da

heftig geworden, hatte mich für sentimental, für überängstlich erklärt,

wenn ich die Trennung von meinem Kinde, die meine Berufs- und

Parteipflichten mir auferlegte, so schwer nahm. Auch heute schüttelte er

den Kopf und unterdrückte sichtlich eine Antwort, weil er mich nicht

verletzen wollte. »Ich glaube, wir haben Grenzpfähle berührt, die das

Reich des Weibes von dem des Mannes trennen,« sagte ich nachdenklich.

»Wir sind nicht imstande, wie Ihr, alle Probleme in kühler Objektivität

zu lösen, -- wie eine mathematische Aufgabe.«

Gegen Abend besuchte uns Romberg. Wir waren rasch mitten in lebhaftester

Debatte. Das Fernbleiben aller jungen sozialpolitischen Professoren vom

Züricher Arbeiterschutz-Kongreß hatte wie eine gemeinsame Demonstration

gewirkt und war mir um so peinlicher aufgefallen, als es im Gegensatz

nicht nur zu meinen großen Hoffnungen, sondern auch im Gegensatz zu

ihren eigenen Wünschen und Äußerungen gestanden hatte.

»Waren Sie nicht derjenige, der es stets bedauerte, daß Gelehrte und

Arbeiter nicht einmal auf dem Gebiet der Sozialpolitik sich begegnen und

miteinander beraten könnten?« fragte mein Mann. »Und nun bot sich Ihnen

endlich die Gelegenheit, und Sie ergriffen sie nicht!« Romberg biß sich

in die Lippen, wie immer, wenn er um eine Antwort verlegen war.

»Die Zeit war unglücklich gewählt,« meinte er schließlich zögernd.

»Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale Presse zu

ihrer Rechtfertigung feierlich erklärte,« rief ich empört, »daß die

starke Beteiligung unserer Partei den Kongreß von vorn herein zu einem

sozialdemokratischen gestempelt habe und preußische Professoren daher

nicht hingehörten!«

Er unterbrach mich: »Sie wissen genau, daß der Vorwurf eines Mangels an

Mut mich nicht treffen kann!« Ich dachte an das rote Buch und lenkte

ein. Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allmählich dem

Interesse am Gegenstand unseres Gesprächs.

»Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in Zürich auch die

Frauenfrage gelöst,« sagte Romberg mit einem sarkastischen Lächeln.

»Ich fürchte, jede 'Lösung' ist nur der Ausgangspunkt neuer Probleme,«

erwiderte ich.

Romberg warf mir einen überraschten Blick zu: »Wie, -- auch Sie

beginnen, an der Unfehlbarkeit Ihrer Päpste zu zweifeln?! Das wird ja

immer besser: Schönlank putzt den alten Liebknecht herunter wie einen

Schulbuben und weist ihm nach, daß die Verelendungstheorie angesichts

der gestiegenen Lebenshaltung der Arbeiter zum alten Eisen geworfen

werden muß wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens; Bebel tritt

für die Beteiligung an den Landtagswahlen ein, was ein Preisgeben eines

mit aller Lungenkraft verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird

zur Antifeministin -- --«

»Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat, so ist es die, daß

meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus führen, wie Schönlanks oder

Bebels Negationen veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.«

»Also auch hier nur eine Revision des Programmes?«

»Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir durchgemacht haben, --

gewiß! Übrigens fehlt es ja der Frauenbewegung noch an jedem Programm,

weil es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung fehlt.«

»Das wäre eine Aufgabe, die Sie lösen müßten,« meinte Romberg lebhaft.

»Damit würdest du dir und anderen zur Klarheit verhelfen --,« fügte

Heinrich rasch hinzu, »ein Buch über die Frauenfrage, das von einer

Darstellung der tatsächlichen Verhältnisse ausgehen müßte, das die

wirtschaftliche, die soziale und die rechtliche Lage der Frauen zu

behandeln hätte, ...«

»In Ihnen regt sich doch sofort der Redakteur,« unterbrach ihn Romberg.

»Die vage angedeutete Idee ist unter Ihren Händen zur Disposition eines

ganzen Werkes geworden.«

Das Herz klopfte mir vor Erregung. Der Gedanke an diese Arbeit packte

mich gerade durch seine Selbstverständlichkeit. Ein zusammenfassendes,

grundlegendes Werk der Art gab es noch nicht. Es fehlte nicht nur mir,

es fehlte der ganzen Bewegung, die auch darum so unsicher hin- und

hertastete.

»Ich habe, fürchte ich, die nötigen Vorkenntnisse nicht,« meinte ich

schließlich zaghaft.

»Dafür haben Sie ja einen Nationalökonomen zum Mann,« antwortete

Romberg.

Während des Abends, den wir im Theater verbrachten, dachte ich nur an

den Plan der Arbeit, die ich entschlossen war auszuführen. Erst auf

Rombergs wiederholtes: »Sehen Sie nur!« sah ich mich um. In der Reihe

vor uns erschienen zwei seidenrauschende Damen mit goldroten Haaren,

feuchtschimmernden Augen und unnatürlich glühenden Lippen. »Wird für

diese in Ihrem Zukunftsstaat kein Platz sein?« flüsterte Romberg. »Ich

hoffe nicht!« sagte ich. »Schade!« antwortete er lächelnd. In der

Bewunderung für derlei Erscheinungen ist er wie ein Onkel aus der

Provinz, dachte ich ärgerlich. Als wir aber nachher, seiner Gewohnheit

gemäß, die die Nacht gern zum Tage machte, noch lange bei uns

zusammensaßen, kam er auf die Begegnung zurück: »Können Sie sich

wirklich eine Welt als wünschenswert vorstellen, in der alle Frauen

Berufsphilister werden, wie es heut schon alle Männer sind; in der sie

keine Zeit mehr haben, ihre Schönheit zu pflegen, kurz, in der alle

duftenden Luxusgärten in Kartoffelfelder verwandelt werden?« --

»Ich würde solch eine Welt zerstören und nicht schaffen helfen! Aber

Frauen, wie jene, auf die Sie anspielen, gehören nicht zu den duftenden

Blumen, zu den an sich unnützen, aber unentbehrlichen Reizen des Lebens.

Sie sind verdorbene Speisen für verdorbene Gaumen.«

»Sie mögen in dem Einzelfall recht haben; unumstößlich aber bleibt für

mich das Eine: nicht die Berufsarbeiterin, nicht die, nach Ihren

Begriffen freie, emanzipierte Frau wird der Kultur höchste Blüte sein,

sondern die femme amante.« Er sah mich kampflustig an, er liebte den

Widerspruch und erwartete ihn; der Typus einer Frauenrechtlerin stand

für ihn ein für allemal fest, und er glaubte immer wieder, ihn in mir

vor sich zu haben.

»Sie hoffen umsonst auf meine sittliche Empörung,« spottete ich, »meine

Meinung stimmt fast überein mit der Ihren, nur daß ich die Existenz der

femme amante leugne, solange nicht die wahrhaft freie Frau ihre

Voraussetzung ist...«

Als Romberg uns verlassen hatte, zog mein Liebster mich in seine Arme

und flüsterte mir ins Ohr: »Hätte ich nicht meinem dummen Katzel

widersprechen müssen, das die femme amante wegdisputieren will und

selbst nichts anderes ist?« »Und nichts anderes sein will,« sagte ich

leise und gab ihm seinen Kuß zurück.

Ich lag noch lange wach und grübelte. Ob ich ihm anvertrauen könnte, was

mich bewegte? Schon in der kurzen Zeit meiner Ehe war mir klar geworden,

was ich vorher nicht verstanden und darum nur verurteilt hatte: warum

Staat und Kirche nicht die Liebe, sondern die Pflicht zur Grundlage der

Ehe gemacht haben, warum nach ihnen die Zeugung, Erhaltung und Erziehung

der Nachkommenschaft ihre Hauptaufgabe ist. Die Ehe kam mir vor wie eine

moralische alte Jungfer, die der jungen unbändigen Liebesleidenschaft

durch ihre Predigten das Leben ständig vergällt. Die Liebe braucht

Festtagsstimmung, die Ehe braucht den Alltag. Vor jedem rauhen Luftzug,

den die Ehe erzeugt, läßt die zarte Blume der Liebe die Blätter hängen.

Die Liebe ist ein Rausch, die Ehe ist nüchtern. Lodern auf dem Altar der

Liebe die Flammen, so schämen sich die Opfernden wie arme Sünder, wenn

die Ehe sie plötzlich ertappt. Eins aber vor allem wurde mir täglich

gewisser: die Liebe fordert Freiheit, die Ehe Abhängigkeit. Einer muß

sich dem anderen unterordnen, wenn der Frieden des Hauses gewahrt sein

soll, wo aber in der Liebe Unterordnung anfängt, flieht sie selbst.

So türmten sich die Probleme der Frauenfrage, -- meiner Frauenfrage.

Wahrlich, es war eine große Aufgabe, sie zu lösen.

* * * * *

Ich stürzte mich mit Feuereifer in die Vorstudien meiner Arbeit; daß sie

mich ans Haus, an den Schreibtisch fesselte, war eine willkommene

Begleiterscheinung.

Als der Vortragsaufforderungen gar zu viele wurden, -- und es blieb

nicht bei bloßen Aufforderungen, deren Annahme oder Ablehnung der

Entscheidung des Einzelnen überlassen blieb, die Genossinnen verfügten

vielmehr ohne viel zu fragen über meine Arbeitskraft --, erzählte ich

von dem Buch, das ich vorbereitete, und das mir eine gewisse

Beschränkung auferlege. Ich war nicht wenig erstaunt, daß dieselben

Menschen, die der Wissenschaft eine fast unbegrenzte Bedeutung zumessen,

über meine Mitteilung die Nase rümpften und sie nur als einen Vorwand

ansahen, um mich von der Agitation zurückzuziehen. Je mehr ich sie zu

überzeugen suchte, desto weniger verstanden sie mich. »Wer so 'ne

Erziehung jehabt hat, wie die Jenossin Brandt, für den is das Schreiben

doch keen Kunststück,« sagte eine von ihnen. »Un ieberhaupt: im Erfurter

Programm steht haarkleen allens, wat wir wollen,« fügte eine andere

hinzu. »Genosse Bebels 'Frau' und Genossin Orbins Artikel in der

'Freiheit' sind als Grundlage für unsere Bewegung mehr als ausreichend,«

sagte Martha Bartels mit einer Schärfe, die sich steigerte, je älter

sie wurde. Ich sah ein, daß nichts zu machen war; im Grunde hatten die

Frauen recht, wenn sie sich um ungelegte Eier nicht kümmern mochten.

Nur eine Idee erwähnte ich noch, die ich kürzlich als den gesunden Kern

aus der ungenießbaren Schale einer französischen Broschüre

herausgeschält hatte: die einer staatlichen Mutterschafts-Versicherung.

Ich wollte ihr eine fest umrissene Gestalt geben und sie in den

Mittelpunkt meines Buches stellen. Die Mutter schützen, solange sie das

Kind unter dem Herzen trägt, sie dem Kinde erhalten, solange es der

Pflege und Ernährung durch sie bedürftig ist, -- das schien mir aber

auch ein Ziel, würdig einer starken Bewegung, es zu erreichen. Ich

schlug vor, in unseren Versammlungen die Frage zur Erörterung zu

bringen. Aber seltsam: um unseren Sitzungstisch saßen die früh

gealterten, abgehärmten Mütter, und kein Wort, keine Miene verriet, daß

der Gedanke sie zu erwärmen vermöchte. Alles Neue galt ihnen zunächst

als etwas Feindliches. Diese Revolutionärinnen hatten schon eine

Tradition und waren darum vielfach reaktionär.

Von dem Plan meines Werkes sprach ich mit ihnen nicht mehr. Aber ich

beschloß, alle Zeit, die mir blieb, ihm zu widmen.

Doch auf die Möglichkeit stetiger Arbeit hoffte ich vergebens.

An unserem Schreibtisch saßen wir, mein Mann und ich. Wie schön hatten

wir es uns gedacht, das gemeinsame Arbeiten! Aber dieses

Einandergegenübersitzen von zwei Menschen, die sich lieben, die jeden

Ausdruck im Gesicht des anderen sehen müssen und unwillkürlich zu deuten

versuchen, diese Sorge, einander ja nicht zu stören, schufen eine

Atmosphäre von Nervosität, die um so unerträglicher wurde, als keiner

den Mut hatte, sie dem anderen zu gestehen. Es kam vor, daß ich

aufatmete, wenn mein Mann das Zimmer verließ; und oft ging ich hinaus,

weil ich fühlte, daß er allein sein mußte.

Tausenderlei Dinge zerrissen die Tage und die Stimmung: Da gab's bei den

Kindern Vokabeln zu überhören und Anzüge zu flicken, da waren die

Haushaltssorgen, die mich um so stärker in Anspruch nahmen, je weniger

ich von ihnen verstand, und die ständige angstvolle Frage: komme ich

aus? Auf meinen Mann, der für mich die Güte und Rücksicht selber war,

wirkte sie wie ein rotes Tuch. Ohne irgendeine Erklärung und

Entschuldigung gelten zu lassen, hielt er mich stets für schuldig, wenn

ich sie nicht bejahend beantworten konnte. »Du verschwendest, -- du läßt

dich vom Mädchen betrügen --,« rief er, während die Zornadern ihm auf

der Stirne schwollen. Und doch lebten wir nach meinen anerzogenen

Begriffen über die Maßen einfach. Mich kränkte sein Zorn, den ich als

Ungerechtigkeit empfand. Ich konnte keine gute Hausfrau sein, wenn ich

zu gleicher Zeit meinen schriftstellerischen Beruf ausüben wollte. Das

menschliche Gehirn ist auf das Nebeneinander von zwei Gedankenketten

nicht eingerichtet. Und der Haushalt erfordert umsomehr die Gedankenwelt

der Frau, je weniger ihr seine Pflichten zur mechanischen Gewohnheit

geworden sind. Mir blieb kein Ausweg: ich verschwieg meine Sorgen, ich

vermied es soviel als möglich, meinen Mann um Geld zu bitten, was ich

immer als eine Erniedrigung meiner selbst empfand. Wanda Orbin hatte

recht, tausendmal recht: die ökonomische Selbständigkeit des Weibes ist

die Voraussetzung einer glücklichen Verbindung der Geschlechter, sie

hilft so manche andere Klippen der Ehe umschiffen. Ich schrieb, neben

der Vorarbeit für mein Buch, wieder Artikel für Zeitschriften und

Tagesblätter, um Geld zu verdienen.

Nur wenn ich bei meinem Kinde war, wenn seine Pflege meine Gedanken in

Anspruch nahm, dann empfand ich das nicht wie eine Störung oder wie ein

Ablenken von meiner eigentlichen Tätigkeit. Fühlte ich sein warmes

rundes Körperchen in meinen Armen, so strömte wunschloser Friede mir

tief ins Herz. Lachten mich seine blauen Augen an, so vergaß ich alles

darüber, was es an Glück in der Welt noch geben mochte, und weinte er,

und ich wußte nicht warum, so gab es kein Menschenleid, das mir hätte

größer erscheinen können; klammerten sich seine rosigen, kleinen Finger

fest um die meinen, so fühlte ich, daß er für immer von mir Besitz

ergriffen hatte; daß mein Herz dazu da war, um ihn zu lieben, mein

Geist, um ihn zu erziehen, meine Kraft, um ihm den Weg ins Leben bahnen

zu helfen. Kam ich von ihm zu meinem Mann zurück, so war jeder Schatten

von Kummer verschwunden, ich liebte ihn doppelt, weil er meines Kindes

Vater war. Und sah ich meine Stiefsöhne dann, so tat mir das Herz weh:

ich konnte sie nicht lieben wie mein eigenes Kind; sie mußten das

fühlen, wenn ich mich auch noch so sehr bemühte, meine Zärtlichkeit für

den Kleinen nur zu äußern, sobald sie fern waren.

Zuweilen, wenn das Geld wieder einmal recht knapp war, dachte ich nicht

ohne Bitterkeit an die reiche Mutter dieser Kinder. Aber meinem Mann

sagte ich nichts davon. Die Erziehung, die ich zu Hause genossen hatte,

und deren Folgen Georgs sanfte Hand von mir abzustreifen vermochte,

bekam wieder Macht über mich: ich lernte schweigen, um nicht zu

verletzen, und um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen.

Meine Mutter kam um jene Zeit häufig zu mir. Seitdem wir unser Kind

hatten taufen lassen, war sie viel milder und herzlicher geworden,

obwohl ich sie über unsere Beweggründe nicht im Irrtum gelassen hatte.

»Wir haben kein Recht, dies Kind von vornherein in eine Ausnahmestellung

zu zwingen,« hatte ich ihr gesagt, als sie in unserer Handlungsweise

einen Ausdruck unseres eigenen Gesinnungswechsels zu sehen glaubte;

»ebensowenig wie wir es später, wenn es selbständig denken kann, hindern

wollen, zu tun oder zu lassen, was seiner eigenen Überzeugung

entspricht.«

Aber nach anderen Richtungen hütete ich mich um so mehr, sie ins

Vertrauen zu ziehen. Sie hatte mir häufig gesagt: »Wenn du einmal

verheiratet bist, wirst du einsehen, daß das Leben der Frau aus lauter

Opfern und im Kampf mit lauter Kleinkram besteht!« Sie durfte nicht

glauben, daß ihre Prophezeiung in Erfüllung gegangen wäre. Und sie mußte

in der Meinung erhalten werden, die sie schließlich allein über meine

Heirat getröstet hatte: daß meine äußere Lage die behaglichste sei. An

der Art, wie diese ruhige, anscheinend kühle Frau ihre Freude darüber

äußerte, sah ich erst, wie sehr sie selbst unter den dauernden

pekuniären Sorgen gelitten hatte. Wie oft hatte ich sie um ihrer Härte

willen im stillen angeklagt. Jetzt bat ich ihr manches ab. Ich erinnerte

mich, wie umsichtig sie den großen Haushalt geführt hatte, wie sie

stunden- und tagelang Wäsche flickte und uns unsere Kleider nähen half,

-- wie schwer mochte es auch ihr geworden sein, wie viel mochte sie

entbehrt haben!

* * * * *

Weihnachten 1897 war es. Zum erstenmal putzte ich für mein Kind den

Weihnachtsbaum. Erstaunt riß es die Augen auf und streckte die Händchen

verlangend aus, als es die vielen bunten Lichter sah! Unter der Tanne

lag allerlei Spielzeug für ihn, darunter ein großer bunter Hampelmann,

den mein Vater geschickt hatte. Mit dem Söhnchen auf dem Arm trat ich zu

meinem Weihnachtstisch, auf dem ein geheimnisvoll versiegelter Brief

lag. Ich öffnete ihn, während mein Junge fröhlich lallend den Hampelmann

hin- und herschwenkte: »Ein Häuschen im Grunewald« stand darin. Vor

Überraschung war ich sprachlos. Heinrich umarmte mich und das Kind,

glückselig über die Freude, die er bereitet hatte. In aller Stille hatte

er mit Hall verhandelt und ihn rasch bereit gefunden, unseren Wunsch

durch die Beschaffung von Baugeld und Hypotheken erfüllen zu helfen.

»Wie wird unser Kind gedeihen, wie ruhig und friedlich wird meine Alix

dort arbeiten können!« sagte er.

»Werden wir auch die Zinsen aufbringen können?« meinte ich schließlich,

nachdem der erste Sturm der Freude sich gelegt hatte. Ein Schatten flog

über seine Züge: »Mußt du dich immer gleich wieder fürchten, -- auch

angesichts solch eines Glücksfalles?!« Beschämt senkte ich den Kopf. Die

Lichter waren längst erloschen, und die Kinder schliefen, unser Liebling

mit dem Hampelmann, fest an sich gedrückt; der süße Duft der

Wachskerzen, vereint mit dem starken der Tanne, erfüllte das Zimmer; wir

großen Kinder träumten darin unseren Weihnachtstraum: von dem stillen

Häuschen im Wald, fern dem Lärm der Großstadt, von einer Heimat, die wir

beide nie gekannt hatten, von unserem Kind, das wachsen sollte wie die

Bäume: die Wurzeln im Boden der Mutter Erde, das Haupt erhoben, der

Sonne zu und dem Sturme trotzend.

Am nächsten Morgen, einem echten Weihnachtsfeiertag, über den der Himmel

all seinen Glanz und seine Farben goß, zog ich meinem blonden Buben ein

weißes Mäntelchen an, packte ihn sorgfältig in die weichen Kissen seines

weißen Wagens und schickte ihn zu den Eltern. Meine Gedanken begleiteten

ihn: wie ein helles Licht sah ich ihn auftauchen in dem dunklen Flur,

sah, wie der Großvater ihn feuchten Auges in die Arme nahm, fühlte, wie

der letzte eiserne Reifen um des alten Mannes Herz zersprang.

»Das war ein lieber Gedanke von Dir,« schrieb die Mutter. »Ich habe

Deinen Vater seit Jahren nicht so froh gesehen. Er strahlt noch jetzt

und behauptet, es gäbe in der ganzen Welt kein zweites Kind wie seinen

Enkel. Mich hat die Nachricht von Heinrichs Weihnachtsgeschenk noch

besonders beglückt: so hat Gott meine Gebete doch erhört und alle Strafe

von Dir abgewendet!«

* * * * *

Unseren wundergläubigen Vorfahren galten die zwölf Nächte, die dem

Weihnachtsabend folgen, für heilig: in dieser Zeit wurde die Arbeit auf

das notwendigste beschränkt, nur in Feiertagsgewändern begegneten die

Menschen einander, und die Träume, die geträumt wurden, gingen in

Erfüllung. Unter der Schwelle unseres Bewußtseins lebt und wirkt auch

heute noch dieser Glaube. In den Straßen und in den Herzen ist es

stiller als sonst. Der fieberhafte Pulsschlag des öffentlichen Lebens

stockt. Selbst der heimatloseste Weltenbummler sucht sich einen Winkel

Familienleben, wo er unterkriechen kann. Und wem es recht wohl und warm

ums Herz wird, der wünscht zuweilen, sich auf immer einspinnen zu können

in diese Stille.

Aber das junge Jahr wirft alle guten Gaben, die die Greisenhand des

alten zum Abschied spendete, aus seinem Lebenspalast hinaus und ruft mit

schmetternden Fanfaren zu neuen Kämpfen, richtet Ziele auf mit lockenden

Preisen, so daß auch die süß Schlummernden sich dem Land ihrer Träume

entreißen und im grellen Licht des Tages den alten Wettlauf wieder

beginnen.

So erging es auch uns. Sturmzeichen sahen die Wetterkundigen am Himmel

seit jenen ersten Gewitterwolken kaiserlicher Reden im vergangenen Jahr.

»Rücksichtslose Niederwerfung jeden Umsturzes« hatte die eine gefordert,

als »Vaterlandslose« hatte die andere diejenigen gebrandmarkt, die den

Flottenforderungen ablehnend gegenüberstanden. Inzwischen war die

Flottenvorlage dem Reichstag zugegangen, die ihren Schatten monatelang

vorausgeworfen hatte, und auf sieben Jahre hinaus Millionen und

Abermillionen für neue Schiffsbauten forderte. Doch die stürmische

Entrüstung, zu welcher der Philister sonst immer bereit ist, wenn seinem

Geldsack Gefahr droht, war ausgeblieben. Denn in seiner psychologischer

Kenntnis der Menschennatur, die um so überraschender war, als die

Regierungen ihre Völker mit dergleichen nicht zu verwöhnen pflegen,

waren Vorfälle, die früher spurlos vorübergingen, -- wie der Streit

eines deutschen Kaufmanns mit den Polizeibehörden der Republik Haiti und

die Ermordung zweier deutscher Missionare in China, -- zu so ernsten

Konflikten mit fremden Mächten aufgebauscht worden, daß der furor

teutonicus sich daran zu entzünden vermochte. Einmal gereizt, griff der

gute deutsche Michel wutschnaubend nach dem Racheschwert, und in seinen

Träumeraugen brannte plötzlich wieder die alte Sehnsucht nach fernen

fremden Ländern und ihren Märchenschätzen. Was uns, die wir nüchtern

geblieben waren, wie eine romantische Floskel klang, -- die pathetische

Rede des Kaisers an seinen nach China ausziehenden Bruder von dem

Dreinfahren der gepanzerten Faust und dessen Antwort von dem »Evangelium

der geheiligten Person Seiner Majestät«, das er im Auslande verkünden

wolle, -- das entsprach im Augenblick dem fanatisierten Empfinden des

deutschen Bürgers. Er, dessen Leben so lange sang- und klanglos

dahingeflossen war, der seit Bismarcks Abschied für seine

Begeisterungsfähigkeit keinen Gegenstand mehr gehabt hatte, berauschte

sich an der Idee der Weltmacht, und die ungeheure Flottenforderung

schreckte ihn nun nicht mehr.

Aber die Regierung erreichte durch ihre Politik noch mehr als das:

hatte das Interesse eines großen Teiles der Bourgeoisie sich in einer

für sie bedenklichen Weise in den letzten Jahren der sozialen Frage

zugewandt, so war nunmehr ein Mittel gefunden, es von ihr abzulenken.

Mit schmerzlichem Erstaunen sah ich, wie Männer, auf die ich noch vor

wenigen Monden für unsere Sache gerechnet hatte, den Nationalismus über

den Sozialismus siegen ließen, wie selbst ein Romberg und seine Freunde

die Weltmachtpolitik verteidigten. Daß es zwischen ihr und der

Arbeiterpolitik nichts anderes geben könne als unversöhnlichen

Gegensatz, schien mir über allem Zweifel zu stehen. Für Rombergs

Argumente, der in der Erschließung neuer Absatzgebiete auch einen

Vorteil für die deutsche Arbeiterschaft sah, war ich vollkommen

unzugänglich.

Die große Flutwelle patriotischer Begeisterung trieb nicht nur alte

Freunde von unserer Sache ab, sie trug uns auch neue Feinde zu. Vielen,

die sich um Politik bisher kaum gekümmert hatten, galten wir jetzt als

Feinde des Vaterlandes, die mit allen Mitteln bekämpft werden müßten.

Der Weizen Herrn von Stumms, unseres grimmigen alten Gegners, blühte; er

drohte mit der Revolution von oben, wenn die Flottenvorlage im Reichstag

zu Falle käme. Und tatsächlich schien ein neues Ausnahmegesetz in

Vorbereitung. Der »Vorwärts« veröffentlichte ein Geheimschreiben des

Staatssekretärs des Innern an die verbündeten Regierungen, worin er ein

Gesetz zum Schutz der Arbeitswilligen in Aussicht stellte, das, nach den

Absichten unserer Gegner, die Koalitionsfreiheit der Arbeiter notwendig

beeinträchtigen, wenn nicht vernichten würde.

Was die Regierung gewollt hatte, wurde erreicht: eine Mehrheit für die

Flottenvorlage, eine scharfe Trennung zwischen den bürgerlichen Parteien

und der Sozialdemokratie für die Wahlen zum neuen Reichstag.

Aber auch für uns schien die Lage günstig: auf der einen Seite die

Weltmachtpolitik mit ihrer möglichen Folge kostspieliger Kriegsabenteuer

und drückender Steuerlasten, auf der anderen die Bedrohung des

Koalitionsrechtes, -- war das nicht genug, um die proletarischen Massen

zu einem gewaltigen Protest aufzupeitschen?! Warum war die Stimmung in

unseren Versammlungen so flau, warum fehlte auch mir, wenn ich sprach,

jene anfeuernde Kraft der Rede, die früher an ihren Wirkungen zutage

getreten war? Die starke, hoffnungsvolle Freudigkeit war verloren

gegangen, als ob sich zwischen uns und das Ziel, dem wir so

leidenschaftlich zustrebten, ein dunkler Schleier gesenkt hätte. Durch

die Einheit, die unsere Kraft gewesen war, ging ein blutender Riß. Das

Instrument der Partei klang verstimmt, als wäre eine Saite gerissen.

Langsam und allmählich, für die meisten unmerklich, hatte es sich

vorbereitet: mit der Entwickelung der Sozialdemokratie von der Sekte zur

Partei hatte sich zuerst die Taktik ihres Vorgehens leise verändert. Von

der Ablehnung jeder Beteiligung an einem Parlament des kapitalistischen

Staates als eines unmöglichen Paktierens mit der Bourgeoisie bis jetzt,

wo sogar von alten bewährten Führern die Teilnahme an den Landtagswahlen

unter dem Dreiklassenwahlsystem empfohlen wurde, war ein weiter Weg. Und

er war gegangen worden. Was einer der wenigen Staatsmänner der Partei,

Georg von Vollmar, nach dem Fall des Sozialistengesetzes unter dem

empörten Widerspruch der radikalen Elemente in der Partei erklärt hatte:

daß in dem Maße, in welchem wir einen unmittelbaren Einfluß auf den Gang

der öffentlichen Angelegenheiten gewinnen, wir unsere Kraft auf die

nächsten und dringenden Dinge konzentrieren müßten und »dem guten Willen

die offene Hand, dem schlechten die Faust« zu zeigen sei, -- das hatte

sich von Jahr zu Jahr als immer notwendiger erwiesen, und vor der Logik

der Tatsachen wich die radikale Phrase bloßer Verneinung Schritt vor

Schritt zurück.

Jetzt aber begann sogar die alt-ehrwürdige Theorie vor dem Ansturm der

jungen Praxis in ihren Grundfesten zu zittern. Im Lichte der

fortschreitenden Zeit erwiesen sich manche Fundamentalsätze, wie sie das

Erfurter Programm formuliert hatte, als überholt. Schon die

Beschäftigung mit der Agrarfrage hatte gezeigt, daß die wirtschaftliche

Entwickelung sich nicht überall mit den von Marx aufgestellten Gesetzen

in Einklang bringen ließ, daß die Konzentrierung des Kapitals sich nicht

so rasch und nicht so schematisch vollzieht, wie er auf Grund damaliger

Erfahrungen angenommen hatte. Und auch das vom kommunistischen Manifest

mit apodiktischer Sicherheit in Aussicht gestellte allgemeine

Herabsinken der Arbeiter in den Pauperismus war nicht eingetreten; die

Lebenslage des Proletariats hatte sich vielmehr im Laufe des letzten

halben Jahrhunderts gehoben. Und nun trat einer der bewährtesten

Vorkämpfer des Sozialismus, einer ihrer Märtyrer, der noch im Exil in

England lebte -- Eduard Bernstein --, auf und erörterte in breiter

Öffentlichkeit die neuen Probleme des Sozialismus. Er rüttelte weder an

seiner Voraussetzung noch an seinem Ziel, aber er zeigte an der Hand der

Tatsachen, daß der Weg zwischen beiden länger ist und anders geartet,

als Marx und seine Schüler ihn dargestellt hatten, daß wir ihn daher

mehr berücksichtigen, unsere Handlungen mehr auf seine Etappen, als auf

das schließliche Ende einstellen müßten.

Auf uns, die wir durch die Erkenntnis des Elends in der Welt zum

Sozialismus geführt worden waren, die wir von ihm in einem in seiner

Wurzel religiösen Glaubensüberschwang die Erlösung von allem Übel

erwartet hatten, wirkte die kühle Klarheit der Bernsteinschen

Beweisführungen niederschmetternd. Meinem Verstande waren die Grundsätze

des Sozialismus so ohne weiteres einleuchtend gewesen, weil mein Gefühl

mit seinem Wollen von vornherein übereinstimmte. Sie kritisch und

wissenschaftlich zu prüfen, war mir, wie Tausenden meiner

Gesinnungsgenossen, nie eingefallen. Jetzt war es ein Gebot der höchsten

Tugend, -- der intellektuellen Redlichkeit, -- es nachzuholen.

Die Zeiten meiner religiösen Kinderkämpfe schienen wiedergekehrt zu

sein. Nur daß ich jetzt mit allen Fasern meines Innern in dem Glauben

wurzelte, dem ich meinen ganzen Lebensbesitz geopfert hatte, aus dem ich

alle meine Kräfte sog. Was stand noch fest, dachte ich verzweifelt, wenn

so vieles schwankte? Ernüchtert, -- bar jener stürmischen Begeisterung,

die mich ausziehen ließ, der Menschheit eine neue Welt zu erkämpfen, sah

ich den langen, öden Weg vor mir mit all seinen kleinen Hindernissen,

die im Schweiße unseres Angesichts überwunden werden sollten, und mit

dem Ziel, das im Nebel der Ferne fast verschwand. Die Naivetät jungen

Glaubens, die noch keine Probleme kennt, ist für die Masse der Menschen

die Voraussetzung ihres Enthusiasmus und damit ihrer Stärke. Ich hatte

sie verloren wie viele meiner Genossen; das lähmte uns. Oft kamen

Augenblicke, wo ich die anderen beneidete, die, sei es aus unbewußter

Furcht vor einem inneren Zusammenbruch, sei es aus einer gewissen

Beschränktheit ihres Denkens, den alten Glauben gegenüber der neuen

Erkenntnis aufrecht erhielten und leidenschaftlich verteidigten. Mein

Gefühl war auf ihrer Seite, und nur zu häufig riß es mich wieder mit

sich fort. Vielleicht wäre es sogar auf lange Zeit hinaus das

herrschende geblieben, wenn nicht mein Mann immer wieder meinen Verstand

gegen mein Herz zu Hilfe gerufen hätte. Und die Tatsachen und die Zahlen

waren unerbittlich: Die Konzentration des Kapitals und die Eroberung der

politischen Macht durch das Proletariat waren die beiden anerkannten

Bedingungen der Verwirklichung des Sozialismus. Aber der Schneckengang

der Entwickelung zum Großbetrieb, der zuweilen sogar ein Krebsgang zu

sein schien, und die Tatsache, daß von hundert Wahlberechtigten nur

achtzehn sozialdemokratische Stimmzettel abgaben und mehr als die Hälfte

der erwachsenen männlichen Arbeiterschaft der Sozialdemokratie noch

gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüberstand, bewiesen, wie weit

wir noch vom Ziel entfernt waren. Eine Selbsttäuschung hierüber wäre ein

Verbrechen an unserer Sache gewesen, -- das sah ich ein. Es galt, den

Kinderglauben ruhig und mutig aufzugeben.

Mit jener rücksichtslosen Leidenschaft, die stets das Produkt der Angst

um die Gefährdung der Grundlagen des Lebens und Wirkens ist, bekämpfte

die Masse der Arbeiterschaft, an ihrer Spitze all die Führer, deren

heißblütiges Temperament über alle Zweifel siegte, und all die klugen

Demagogen, die auf der Seite der Mehrheit blieben, weil ihre Macht von

dieser Mehrheit abhing, die neuen Ideen und ihre Vertreter. Und dieser

ganze Kampf fiel in die Vorbereitung der Reichstagswahlen; er lähmte die

Agitationskraft der einen, die wie ich noch mit sich selbst zerfallen

waren, er lenkte die Interessen der anderen ab, die die Partei vor dem

unheilvollen Einfluß der Ketzer glaubten schützen zu müssen.

Wenn ich in Versammlungen sprach, fühlte ich: meine Worte zündeten

nicht. Einmal traf ich bei solcher Gelegenheit Reinhard wieder. Er

schien mir sehr gealtert. Wir sprachen über unsere Aussichten. »Wir

hätten zwanzig bis dreißig Mandate erobern können,« sagte er, »wäre das

ganze Getratsch von Endziel und Bewegung uns nicht in die Parade

gefahren.«

»Hat Bernstein etwa nicht recht?!« fragte ich.

»Recht! -- Recht!« antwortete er heftig. »Natürlich hat er recht in dem,

was er sagt, aber daß er es sagte, in diesem Augenblick sagte, war ein

Fehler, ein schwerer Fehler. Wir alten Gewerkschafter, die wir mitten im

Leben stehen, sind schon lange seiner Meinung, aber wir machen die

Genossen nicht kopfscheu mit theoretischem Kram, wir handeln einfach,

wie die Verhältnisse es fordern.«

»So hätte er schweigen sollen?«

»Keineswegs! Er hätte nach den Wahlen fünf Jahre zum Reden Zeit genug

gehabt. Aber daß er uns jetzt diesen Knüppel zwischen die Beine

schmeißt --«

Ich dachte an Reinhards Worte, als mir ein andermal in der Diskussion

ein rabiater Genosse vorwarf, auch ich hätte »das Endziel in die Tasche

gesteckt«, und verteidigte mich nicht. Solange wir im Kampf gegen den

gemeinsamen Gegner standen, mußte die Streitaxt begraben werden. Aber

die Radikalen dachten anders. Es kam vor, daß Reichstagskandidaten von

den eigenen Genossen wie Parteiverräter behandelt wurden. Wanda Orbin

vor allem, die immer wieder erklärte, daß die Reinheit der Partei ihr

höher stünde als ihre numerische Stärke, wurde zur fanatischen Gegnerin

aller derer, die sich nicht unverbrüchlich auf die alten Dogmen

einschwuren. Und mehr als je hatte sie die Frauen auf ihrer Seite, --

die Frauen, die nicht auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis,

sondern einzig und allein durch ihr Gefühl geleitet zu Sozialistinnen

geworden waren. Mit jener naiven Kraft der ersten Christen, die ihr

ganzes Tun und Denken auf die unmittelbare Wiederkehr des Gekreuzigten

eingerichtet hatten, hofften sie auf die baldige Erfüllung ihres

Zukunftstraums.

Als das Resultat der Wahlen bekannt wurde, -- es war in bezug auf die

Zunahme der Mandate, aber noch mehr im Hinblick auf das

Stimmenverhältnis weit hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben, --

stieg die Erbitterung gegen die »Bernsteinianer«, denen man die Schuld

an diesem Ergebnis zuschob, noch mehr.

Ein Symptom für die allgemeine Stimmung war der Beschluß, der nach

einer stürmischen Versammlung im Feenpalast von den Berlinern gefaßt

wurde. Seinem Wortlaut nach richtete er sich zwar nur gegen eine

Beteiligung an den Landtagswahlen in Berlin selbst, sein Tenor aber war

eine Verurteilung der Beteiligung überhaupt. Sie erschien den Radikalen

als ein bedenkliches Hinneigen zu revisionistischen Ideen.

* * * * *

In dem Kreise der Genossinnen äußerte sich das gegenseitige Mißtrauen

weniger im Streit um Meinungen, als in persönlichen Reibereien. War ich

schon während meiner Tätigkeit in der bürgerlichen Frauenbewegung zu der

Überzeugung gelangt, daß diese spezifisch weibliche Art nur durch eine

Zusammenarbeit mit dem Mann sich beseitigen lassen würde, so war ich

jetzt entschlossen, den Einfluß, den ich noch besaß, nach dieser

Richtung geltend zu machen.

»Wir haben die Gleichberechtigung der Geschlechter auf das Programm

geschrieben, wir müssen sie also zu allererst in der eigenen Partei

durchführen,« erklärte ich, und selbst die Feindseligsten waren in

diesem Gedanken mit mir einig. »Bei den Genossen aber werden Sie damit

schön abblitzen!« meinte Martha Bartels. »Bei denen heißt's noch immer,

wenn unsereins den Mund auftut: Kusch dich! zu Hause -- wie in der

Bewegung,« sagte eine andere langjährige Parteigenossin. »Sie wissen,

wie wir voriges Jahr behandelt worden sind, --« fügte die dicke Frau

Wengs hinzu, »als wir auch nur eine Einzigste von uns in den

allgemeinen Versammlungen als Delegiertin zum Parteitag wollten

aufgestellt haben. 'Wascht man eure dreckige Wäsche alleene --,' sagten

uns die Vertrauensleute.« »So müssen wir eben immer wiederkommen,«

entgegnete ich, »Na -- für die schönen Augen von Genossin Brandt tun

sie's am Ende,« höhnte Martha Bartels. Schließlich beschloß man,

noch einen Versuch zu machen, und es gelang auf einer der

Parteiversammlungen, zunächst meine Delegation zum Parteitag der Provinz

Brandenburg durchzusetzen. Die Freude der Genossinnen über diesen Erfolg

war die der Kinder, wenn sie ein neues Spiel beginnen: auf eine Zeitlang

war jeder Streit vergessen.

* * * * *

Am Vorabend der Provinzialkonferenz veröffentlichte die Presse eine neue

Rede des Kaisers, die er im Kurhause von Öynhausen gehalten hatte: »Das

Gesetz naht sich seiner Vollendung und wird den Volksvertretern noch in

diesem Jahre zugehen, worin jeder, der einen deutschen Arbeiter, der

willig ist, seine Arbeit zu vollführen, daran zu verhindern sucht, oder

gar zu einem Streik anreizt, mit Zuchthaus bestraft werden soll ...«

Das bedeutete nichts weniger und nichts mehr, als eine Vernichtung des

Koalitionsrechts, das war eine Kriegserklärung an das Proletariat, für

die es nur eine Antwort gab: einmütiges Zusammenhalten. In der Sitzung

am nächsten Morgen brachte ich eine Protestresolution ein, die zur

einstimmigen Annahme gelangte, und unter dem Eindruck der kaiserlichen

Drohung verlief die Tagung ohne einen Mißklang. Martha Bartels

schüttelte mir herzlich die Hand, wie seit Monaten nicht, die gute Frau

Wengs lachte über das ganze runde Gesicht, klopfte mir wohlwollend auf

die Schulter und versicherte: »Nun haben Sie uns aber alle miteinander

auf Ihrer Seite.«

Zwei Tage später erfuhr ich, daß einer der berliner Wahlkreise bereit

sei, mich zum nächsten Parteitag zu delegieren.

»Du bist leicht zu befriedigen!« sagte mein Mann mit einem leise

spöttischen Ton in der Stimme, als er meine Freude sah.

»Es ist doch ein Anfang,« antwortete ich. »Oder meinst du, ich wäre in

die Partei gekommen, um ewig Rekrut zu bleiben?«

»Gewiß nicht,« lachte er, »ich kenne doch meinen ehrgeizigen Schatz!«

Mir stieg das Blut in die Schläfen. War es Ehrgeiz, der mich

beherrschte, oder nicht vielmehr der berechtigte Wunsch nach einem

Wirkungskreis für meine Leistungskraft? Zu tief empfand ich das Opfer,

das ich brachte, wenn ich mein Haus und mein Kind verließ, als daß ich

es dauernd für überflüssige Nichtigkeiten hätte bringen können. Jetzt

war ich im Aufstieg, und weil ich es war, hatte ich die Sympathie der

anderen für mich; es galt nunmehr, beides festzuhalten.

* * * * *

In der Versammlung, die über die Parteitagsdelegationen endgültig zu

entscheiden hatte, herrschte von Anfang an Gewitterschwüle. Die

schroffsten Gegner saßen einander gegenüber, und bei jedem Punkt der

Tagesordnung kam es zu hitzigen Wortgefechten. Eines schien von

vornherein klar: die Masse der radikalen Berliner erwartete vom nächsten

Parteitag eine Abrechnung mit den revisionistischen Elementen in der

Partei, ja sie scheuten sich nicht, selbst gegen Bebel Stellung zu

nehmen, weil er in der Landtagswahlfrage nicht auf ihrer Seite stand.

Man forderte schließlich, daß sämtliche Delegierte sich auf die

Feenpalastresolution verpflichten sollten. Während ringsumher alles

durcheinander schrie und tobte, wurden die zur Delegation

Vorgeschlagenen aufgerufen.

»Genossin Brandt, stehen Sie auf dem Boden unseres Beschlusses?«

Überrascht fuhr ich auf, -- ich hatte nicht erwartet, als Erste gefragt

zu werden, -- ich versuchte mir im Moment die Situation zu

vergegenwärtigen. »So antworten Sie doch!« rief ungeduldig die Stimme

des Vorsitzenden.

Die Genossinnen umringten mich: »Sie werden uns doch nicht im Stiche

lassen,« flüsterte Frau Wiemer von der einen Seite, -- »wir haben ja nur

für Berlin die Beteiligung abgelehnt,« zischte mir Martha Bartels von

der anderen ins Ohr. Und ein leises »Ja« kam zögernd von meinen Lippen.

Gleich darauf hörte ich Reinhards Namen nennen, und im selben Augenblick

seine Antwort: ein scharfes »Nein«. Ich wurde gewählt -- er nicht.

Glückwünschend umringten mich die Genossinnen. Aber jedes Wort, das sie

sagten, ließ mich dunkler erröten. Am Ausgang traf ich Reinhard. »Das

hätte ich von Ihnen nicht erwartet,« sagte er. »Sie kannten doch den

tieferen Sinn der Resolution.«

Ich schlich nach Hause, müde, schuldbewußt. Noch in der Nacht schrieb

ich eine Erklärung für den »Vorwärts«, und legte mein Mandat in die

Hände meiner Wähler zurück ...

Die Frauen hätten mich am liebsten gesteinigt, die Männer lachten mich

aus. Ich schwieg. Womit hätte ich mich verteidigen können?

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 12 / 30 题