Sechstes Kapitel

Goldener Herbst! Ein königlicher Verschwender bist du. Deiner Geliebten,

der Sonne, gibst du in brennenden Farben zurück, was sie an Sommerglut

der Erde geschenkt hat. Nichts ist dir zu gering, um es mit dem Glanz

deiner Liebe zu überschütten. Auf die ödesten Mauern zaubert dein Blick

jauchzende Melodien von Gelb und Rot. Aus dem armen Sand märkischen

Bodens lockst du der Sonnenblumen tropische Pracht hervor und lehrst

sie, ihr Strahlenangesicht deiner Geliebten anbetend zuzukehren. Unter

deinem Hauch reifen die Früchte, und schwer von Segen neigen sich die

Äste vor dir. Von entblätterten Blüten trägt dein Atem zarte Samenfäden

über die Wiesen und schüttelt von den alten Eichen die Hoffnung

kommender Jahre.

Tage, über die der Himmel leuchtet wie flüssiges Silber, läßt du in

Nächten untergehen, die tief und dunkel sind, ein zukunftschwangeres

Geheimnis.

Nicht wie die jungen Mädchen den Lenz begrüßen -- schämig errötend und

demutsvoll -- empfing ich dich. Ich forderte von dir, erhobenen Hauptes,

meinen Anteil an deinem Reichtum, Fürst des Jahres. Und, siehe, aus

meinem Herzen wuchsen glutrote Blumen, meine Seele wurde zu deinem

Saitenspiel, mein Schoß zum Tempel des Lebens -- -- --

Es kam über mich wie ein einziger großer Feiertag. Er duldete nichts

Dunkles. Aus den Kammern vertrieb ich allen Staub der Vergangenheit, aus

Kisten und Kasten alles, was moderte. Ich badete meine Augen, daß sie

klar und hell wurden und die Welt ihnen in einem Glanz erschien, wie sie

ihn nie vorher gesehen hatten. Wie der Herbstwind am Morgen die Nebel

zerstreut, so flohen die Sorgen vor dem Sturm meiner Seligkeit. Ich ging

der Sonne nach. Auch den verlorensten ihrer Strahlen fing ich auf und

barg ihn in der Schatzkammer meiner Seele.

Sonnengesegnet sollte es sein, mein Kind!

Ich war nicht mehr Ich. Das geheimnisvoll neue Leben unter meinem Herzen

hatte von mir Besitz ergriffen. Ich träumte nicht mehr meine engen

Träume, die sich im Kreise um mich selbst bewegten, und lebte nicht mehr

meiner kleinen Hoffnung, die ihren Bogen nur bis zum Friedhofstor des

eigenen Daseins spannte. Wie Wandervögel flogen meine Träume weit über

mein Gesichtsfeld hinaus, und die Brücke, die die Hoffnung baute,

verband die Zeit mit der Ewigkeit.

Ich ward mir selbst zum Heiligtum. Ich pflegte meinen Körper wie der

Gläubige den Schrein, der das Allerheiligste birgt. Und meiner Seele

Eingang hüteten goldgepanzerte Wächter; die Schärfe ihres Schwertes traf

jeden bösen Gedanken, ihren Speeren entging kein niedriges Gefühl. Denn

mein Körper und meine Seele nährten das neue Leben. Kein Tropfen Giftes

durfte in ihnen sein.

* * * * *

Ich wünschte mir einen Sohn. Einen, der ein Führer und Vorkämpfer werden

könnte. Aber die Erfüllung dieses Wunsches schien mir fast zu viel des

Glücks. Und so dachte ich auch der Tochter -- einer, die ein Vollmensch

und darum ein echtes Weib sein sollte. Von nun an stand Watts Ganymed

vor meinem Platz auf unserem großen Schreibtisch und neben ihm ein

süßes, blondes Mädelchen nach einem Porträt von Gainsborough. Ich sah

von einem zum anderen, und tief in mein Herz prägten sich die holden

Kindergesichter. Mein Mann brachte mir täglich frische Blumen für sie.

Einmal aber kam er nach Haus und stellte statt ihrer ein neues Bild

mitten auf den Schreibtisch. Es war Meister Dürers furchtloser Ritter,

der seelenruhig, im Schritt, den Kopf erhoben, das Auge gradaus

gerichtet, an allen Schrecken des Daseins vorüberreitet.

»Laß kommen die Höll, mit mir zu streiten, ich will durch Tod und Teufel

reiten --,« ist sein Wahlspruch. »Wenn's ein Bub wird,« sagte der

Liebste, »so soll's so einer sein.«

»Du hast recht,« antwortete ich und drückte ihm zärtlich die Hand, »ich

habe schon zu viel an das Kind und zu wenig an den Mann gedacht,« dabei

wies ich lächelnd auf die Wolken weißen Linnens, die mich umgaben, und

zeigte stolz die ersten winzigen Hemdchen, die daraus entstanden waren.

Mein Mann hatte zuerst von dieser Arbeit nichts wissen wollen. »Du

nimmst einer armen Näherin das Brot und hast selbst weit Besseres zu

tun,« war seine Ansicht gewesen. Aber zum erstenmal hatte ich ihm

widersprochen und meinen Willen durchgesetzt. Auf die Stoffe, die meines

Kindes Körper berühren sollten, durften keine Kummertränen fallen;

Mutterliebe mußte die Nadel führen, Mutterträume sich mit jedem Stich

hinein verweben. Nun kam es freilich vor, daß ich im Übereifer

stundenlang über der Arbeit saß und vernachlässigte, was ich sonst zu

tun hatte. »Das muß anders werden, Heinz,« sagte ich laut und faltete

die Leinwand zusammen. »Auch um des Kindes willen darf ich die Welt

außerhalb unserer vier Wände nicht vergessen, die doch auch seine Welt

sein wird. Schau, hier ist ein Brief von Wanda Orbin --,« ich reichte

ihn meinem Mann hinüber, der sich an den Schreibtisch gesetzt hatte;

»sie beklagt sich, weil ich zu wenig für die 'Freiheit' schreibe; hier

sind eine Reihe Aufforderungen zu Vorträgen, -- ich war nahe daran, sie

ablehnend zu beantworten --«

»Und hier,« unterbrach er mich, »habe ich Bücher, die deiner Besprechung

harren. An den Artikel, den du mir für mein Archiv versprochen hast,

will ich schon gar nicht erinnern --«

Ich stand auf und reckte mich mit einem Gefühl tiefen Wohlbefindens. »Du

wirst ihn bekommen! Ich verstehe nicht recht, warum so viele Frauen

jammern, wenn sie guter Hoffnung sind. Ich fühle Kraft für zwei!«

Und mit Feuereifer stürzte ich mich in die Arbeit, die ich nur

stundenweise unterbrach, um frische Luft zu schöpfen.

* * * * *

Ich sollte mir täglich Bewegung machen und vermied den nahen Tiergarten,

weil ich den Eltern zu begegnen fürchtete. Ich wußte: mein Herz würde

sich schmerzhaft zusammenkrampfen, und ich wollte mich jetzt nicht

grämen. So fuhren wir denn fast immer in den Grunewald und wanderten um

die stillen Seen, die zwischen entlaubten Bäumen und schwarzen Kiefern

dem Winter entgegenträumten, oder gingen auf den gepflegten Wegen der

jungen Kolonie, all die vielen Villen betrachtend, die rascher als die

Mietskasernen auf dem Kurfürstendamm aus der Erde wuchsen. Sie waren

anders als die, die noch vor wenigen Jahren entstanden waren, -- heller,

freundlicher. Die verlogenen Butzenscheibenerker und die altdeutschen

Sprüche über den Türen verschwanden mehr und mehr. Die Zeit wurde

selbstbewußter und schämte sich der erborgten Formen vergangener

Jahrhunderte. Oft freilich sahen wir halb staunend, halb lachend Häuser,

die aus lauter Originalitätssucht absurd geworden waren. Aber auch das

war im Grunde nichts anderes, als der tolle Ausbruch überschäumender

Jugendkraft, und wenn mein Mann spotten wollte, erinnerte ich an Goethes

Wort: Es ist besser, daß ein junger Mensch auf eigenem Wege irre geht,

als daß er auf fremdem recht wandelt.

Heute blieben wir in Schauen versunken vor einem Häuschen stehen, das

aus dem Märchenbuch ins Leben versetzt zu sein schien: ein tiefes Dach

hing schützend über den von rotem Weinlaub dicht umsponnenen Wänden,

hinter kleinen blitzenden Fenstern hingen weiße Vorhänge, auf den

braunen Holzaltanen blühten noch rote Geranien, und davor auf dem

glatten Rasenteppich warf ein kleiner Knabe jauchzend den bunten Ball in

die helle Herbstluft. »Wenn doch mein Kind wie dieses in Wald und Garten

wachsen könnte,« dachte ich. »Solch ein Haus möcht' ich euch bauen, dir

und dem Kinde,« sagte Heinrich im gleichen Augenblick. Ich lachte ein

wenig gezwungen. »Wie sollte das möglich sein, wo unsere Mietwohnung für

uns schon zu teuer ist!« »Wenn wir Zinsen statt Miete zu zahlen

hätten --,« meinte er nachdenklich; »Hall hat in dieser Weise schon

mancher Familie die Möglichkeit verschafft, im eigenen Häuschen und im

Freien zu wohnen!« Wir gingen schweigsam weiter, nur hier und da fiel

eine Bemerkung, die mir zeigte, das er denselben Gedanken weiter spann.

Am Wildgatter nach Hundekehle holte uns eine große Gesellschaft junger

Radler ein; ihre blanken Räder blitzten, knapp und elegant schmiegten

sich die Sportanzüge neuster Mode um die schlanken Gestalten. »Ist das

nicht --,« rief ich unwillkürlich, und mein Herz klopfte rascher, aber

schon wandte das reizende Mädchen, das dicht an mir vorbei geflogen kam,

dunkelerrötend den Kopf zur Seite. »Ilse, -- kein Zweifel,« antwortete

Heinrich. »Und sie grüßt mich nicht einmal!« Tränen verdunkelten mir den

Blick. »Wollen wir umkehren?« frug mein Begleiter sanft und zog meinen

Arm fest durch den seinen. »Nein,« entgegnete ich und versuchte zu

lächeln; »sie kann ja nichts dafür, die Kleine! Sie darf mich nicht

kennen.«

Unten vor dem Wirtshaus standen die Räder. Wir wollten gerade links

einbiegen, den Weg nach Paulsborn, der für uns so reich war an

Erinnerungen, als Ilse, nach einem Augenblick des Zögerns, quer über die

Straße zu uns herüberlief. Sie umarmte mich stürmisch.

»Sei nicht böse, Schwester,« rief sie atemlos und zog mich tiefer in den

Wald hinein. »Sie würden mich zu Hause verraten, wenn ich dich gegrüßt

hätte.« Zärtlich streichelte ich ihr das erhitzte Gesicht und drückte

ihr kleines Händchen, das immer noch so weich und zart war, so unfähig

zuzupacken und festzuhalten.

»Die Eltern wollen nichts von mir wissen?« fragte ich zaghaft.

»Wir reden viel von dir, Mama und ich,« antwortete sie, »aber vor Papa

dürfen wir deinen Namen nicht nennen. Trotzdem weiß ich, daß er sich

bangt nach dir,« fügte sie rasch hinzu, als sie sah, wie ich erschüttert

war. »Wir holen ihn manchmal vom Kasino ab; wenn wir über den

Lützowplatz fahren, läßt er deine Fenster nicht aus den Augen.«

»Und Mama, sagst du, spricht von mir?!«

»Ja. Sie hatte zuerst des Morgens rote Augen, aber jetzt ist sie ruhig.

Es quält sie nur, glaube ich, daß sie nicht weiß, ob -- ob --,« sie

errötete, ein forschender Blick glitt über meine Gestalt.

Heiß strömte es mir zum Herzen, mein ganzes, reiches Glück überkam mich,

und alles Erinnerungsweh verschwand vor ihm. »Grüße Mama,« sagte ich

weich, »und sage ihr, daß ich guter Hoffnung bin.« Ihre Hand löste sich

aus der meinen, ein Schatten schien über ihre Züge zu huschen, etwas

Fremdes stand auf einmal unsichtbar zwischen uns. »Ich muß fort, -- sie

suchen mich sonst, -- lebwohl -- --!« und schon war sie wieder jenseits

der Straße.

»Verstehst du das?« fragte ich meinen Mann, der die ganze Zeit mit

gerunzelter Stirn neben uns gestanden hatte, und sah ihr kopfschüttelnd

nach. »Nein,« sagte er, »sie scheint mir aus Widersprüchen

zusammengesetzt, deine Schwester.«

Auf dem Rückweg ertappten wir uns gegenseitig bei einem verstohlenen,

sehnsüchtigen Blick nach dem weinumsponnenen Häuschen mit dem tiefen

Dach darüber. Der Rasenplatz war leer. Ob der Kleine da oben hinter den

zugezogenen weißen Vorhängen schlummern mochte? Und ich träumte, während

wir heimwärts fuhren, offenen Auges einen gar süßen Traum.

Mein Herz war heut übervoll. Als ich abends bei den Knaben saß, um ihre

Arbeiten zu beaufsichtigen, fühlte ich stärker als sonst, wie wenig ich

sie eigentlich kannte. Sie waren nachmittags wie gewöhnlich im

Zoologischen Garten gewesen. Es kam mir wie ein Unrecht vor, daß ich sie

dort allein ließ; ich wußte nicht, was sie hörten und sahen, welchen

Einflüssen sie inmitten der verdorbenen Großstadtjugend unterliegen

mochten. Und doch, nicht möglich wäre es gewesen, so große Jungen auf

Schritt und Tritt unter Aufsicht zu halten.

Ihr Verhältnis zueinander war kein brüderliches, sie klagten sich häufig

gegenseitig bei mir an, -- das einzige Mittel, wodurch ich etwas von

ihnen zu erfahren bekam. Hätte ich doch ihr volles Vertrauen besessen!

Aber freilich: ich hatte kein Recht darauf; für sie stand ich nicht

einmal an Stelle der Mutter, denn sie lebte noch. Je erfolgloser mein

Bemühen gewesen war, ihnen näher zu kommen, desto unbegreiflicher war es

mir, daß die Mutter sich hatte von ihnen trennen können. Ein Kind bedarf

der Mutter, die es besser versteht, als es sich selbst verstehen kann.

Tiefes Mitleid ergriff mich mit den beiden Buben, aber ein noch tieferes

fast mit ihrer Mutter. Welch Schicksal mußte sie getroffen haben, daß

sich ihr Herz so hatte verhärten können? Heinrich sprach nicht gern von

ihr; und meinen Gedanken, ihr zu schreiben, um wenigstens in bezug auf

die Erziehung der Kinder im Einvernehmen mit ihr zu handeln, hatte er

schroff und ärgerlich als einen ganz törichten und zwecklosen

zurückgewiesen. Ich hatte ihn trotzdem ausgeführt -- heimlich, um ihn

nicht zu ärgern. Da wir aber im Überschwang unseres jungen Eheglücks

einander gestattet hatten, unsere Briefe gegenseitig zu öffnen, so las

er ihre Antwort: ein paar kühle hochmütige Zeilen, im Tone der Herrin

gegenüber der Gouvernante. Heinrich war damals ernstlich böse geworden,

und -- was mir am tiefsten in die Seele schnitt -- traurig dazu. »Ich

kann alles vertragen,« hatte er gesagt, »nur eins nicht: daß du

unehrlich bist mir gegenüber. Ich muß dir unbedingt vertrauen können,

sonst ist unsere Ehe keine mehr.« Seitdem hatte ich die kaum begonnene

Korrespondenz wieder abgebrochen, und die Brücke zum Herzen der Kinder,

auf die ich gehofft hatte, blieb ungebaut. Und nun kam es plötzlich wie

eine Erleuchtung über mich: ich wußte, womit ich sie würde gewinnen

können.

»Erzähl uns was,« bettelte Wolfgang wie immer, wenn er aufatmend die

Schulbücher zuschlug. »Gleich!« antwortete ich lächelnd, und ging

hinaus, um mit dem Korb voll weißer Leinwand wiederzukommen.

»Was meint ihr wohl, was das ist?« fragte ich und hielt ein kleines

Hemdchen hoch, sodaß das Licht der Lampe rosig hindurchschimmerte. Sie

rissen erstaunt die Augen auf. »Eurem Brüderchen oder eurem

Schwesterchen gehört es, das ihr bekommen werdet. Habt ihr die Eicheln

gesehen, die von den Bäumen fallen? Wenn die Erde sie aufnimmt, und

weich und warm einhüllt, damit der Winter ihnen nichts Böses tun kann,

so wachsen im Frühling junge Bäumchen daraus ... Und ein Vogelei kennt

ihr doch auch? Da ist zuerst gar nichts drin, wie eine weißliche

Flüssigkeit. Wenn's aber eingebettet im Nestchen liegt, und die Henne es

mit ihrem Leib bedeckt, dann entwickelt sich zuerst die gelbe Dotter und

aus ihr ein winziger lebendiger Vogel. Sobald er groß genug ist,

zerbricht er das Ei und ist da! Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß wir

uns des großen Wunders gar nicht mehr bewußt werden, -- eines Wunders,

das viel unfaßlicher ist, als wenn der Storch die kleinen Kinder

brächte, wie man es früher zu erzählen pflegte.« Ich machte eine Pause;

meine Zuhörer rührten sich nicht, und ich hatte nicht den Mut

aufzusehen. Wußte ich doch nicht, was für Blicken ich begegnen würde.

»Euch ist vielleicht auch einmal das Märchen vom Storch zu Ohren

gekommen,« fuhr ich leiser fort, »es ist dumm und albern! Die Wahrheit

ist tausendmal schöner: wie die Eichel im Schoß der Erde, ruht der

Menschensamen im Mutterleib, und wie das Vögelchen sich entwickelt, so

entwickelt sich das Kind, nur daß die Menschenmutter das Ei unter dem

Herzen trägt, bis es zerspringt und das junge Leben geboren wird.« Ich

schwieg wieder; es war so still, daß ich hätte meinen können, ich wäre

allein im Zimmer. »Weil ich euch lieb habe, euch beide --,« flüsterte

ich und senkte den Kopf tief auf die Arbeit, die meine zitternden Hände

hielten, -- »darum mag ich euch nicht belügen, darum will ich euch

anvertrauen, was mein glückseliges Geheimnis ist: ich werde auch ein

Kind bekommen!«

Eine beklemmende Stille; ich konnte die Nadel hören, wenn sie den Stoff

durchstach. Endlich sah ich empor. Die Köpfe gesenkt, mit dunkelroten

Wangen saßen die Knaben vor mir. Ein rascher scheuer Blick traf mich aus

Wolfgangs hellen Augen, um seine Lippen zuckte es. Waren es verhaltene

Tränen, oder war es am Ende gar -- Spott? Hans rutschte vom Stuhl auf

die Erde und machte sich, abgewandt von mir, an seiner Dampfmaschine zu

schaffen. Ich wußte nur zu gut, wie verdorbene Kinder das Geheimnis des

Lebens ihren Schulkameraden zu erklären pflegen: mit lüsternen

Augenzwinkern, mit der Freude am Schmutz. Hatten sie es so erfahren?!

Mir stieg die Schamröte bis unter die Haarwurzeln. Oder hatten sie,

während ich sprach, ihrer Mutter gedacht, hatten plötzlich empfunden,

daß ich sie nicht so würde lieben können wie mein eigenes Kind? Ich

seufzte tief auf. So war auch das vergebens gewesen; statt eine Schranke

einzureißen, hatte ich eine neue errichtet. Ich begegnete ihnen von nun

an mit doppelter Zärtlichkeit; ich suchte ihre Wünsche zu erfüllen, noch

ehe sie laut wurden. Aber ihre Scheu überwand ich nicht.

Vor Heinrich ließ ich mir nicht merken, was in mir vorging. Er hätte

mich mißverstehen, hätte glauben können, daß ich seine Bitte, die Kinder

lieb zu haben, nicht zu erfüllen vermöchte, -- dachte ich. Auch war er

den Kindern gegenüber oft so reizbar, daß ich Mühe hatte, ihn zu

besänftigen. Das Verlangen, mit mir allein zu sein, äußerte er zuweilen

in einer, wie mir schien, für die unschuldigen Buben empfindlichen

Weise. Ich lenkte ein, -- ich deckte zu, -- ich versteckte mein eigenes

Empfinden, das in derselben Sehnsucht gipfelte wie das seine. Wie viele

warme Worte und heiße Blicke und zarte kleine Aufmerksamkeiten, die wie

ein holder Frühlingsflor den Garten junger Ehe schmücken, wagten sich

vor den fremden Augen der Kinder nicht ans Tageslicht. Auch über das

Glück meiner Mutterhoffnung mußt' ich vor ihnen einen Schleier ziehen.

* * * * *

Wir lebten damals ganz still. Von geselligem Verkehr war selten die

Rede. Wir scheuten noch immer unliebsame Begegnungen, und unsere

Zurückhaltung, die mir als Hochmut ausgelegt wurde, steigerte nur unsere

Isoliertheit. Es kam vor, daß wir im Theater zwischen lauter alten

Bekannten saßen und uns doch wie auf einsamer Insel mitten im Meer

befanden. Man musterte uns neugierig, man tuschelte über uns, man grüßte

bestenfalls, und ich setzte dazu meine abweisendste Miene auf, um den

Menschenhunger, der mich manchmal überfiel, nicht merken zu lassen.

Zuweilen besuchten uns die Mitarbeiter an meines Mannes Zeitschrift:

Nationalökonomen, Juristen und Politiker aus aller Herren Länder, die er

mit dem ihm eigenen redaktionellen Geschick unter einen Hut zu bringen

gewußt hatte, und die, -- mochten sie sonst in ihren Ansichten noch so

weit auseinander gehen, -- unter seiner Führung gemeinsam am selben

Strange zogen.

»Ihr Mann ist ein wahres Redaktionsgenie!« sagte mir einmal einer von

ihnen, nachdem er sich nach langer Debatte doch wieder unterworfen

hatte, halb ärgerlich, halb bewundernd. »Meist erdrücken die Autoren den

Redakteur, er nimmt dankbar, was 'bewährte Mitarbeiter' ihm bringen und

ist eigentlich nur ihr Geschäftsführer. Ihr Mann aber zwingt uns in

seinen Dienst wie ein Feldherr seine Soldaten. Wenn er will, so müssen

wir alles andere stehen und liegen lassen, uns hinsetzen, die Feder

ergreifen und den gewünschten Aufsatz schreiben.«

Ich freute mich jedesmal dieser Gäste; denn mochten sie von Rußland oder

Frankreich, von England oder Italien kommen, -- eins war ihnen

gemeinsam: Tatkraft und Hoffnungsfreudigkeit. Ganz richtig äußerte sich

einer über diese innere Einheit, wenn er sagte: »Wir sind Leute mit der

Devise 'Ja, also!', im Gegensatz zu der älteren Generation der

kathedersozialistischen Nationalökonomen, die die Männer des 'Ja, aber!'

gewesen sind.« Sie zogen die Konsequenzen ihrer wissenschaftlichen

Erkenntnis und traten rückhaltlos auf Seite der Arbeiter in Fragen des

Arbeiterschutzes. In ihnen sah ich starke Verbündete der

Sozialdemokratie, und es schien mir kein Zweifel, daß die Logik der

inneren Entwicklung und der äußeren Geschehnisse sie schließlich zu

ihren offenen Parteigängern würde machen müssen.

Aber noch eine andere Tatsache unterstützte meinen Glauben an den

Fortschritt sozialer Erkenntnis: die Gründung der nationalsozialen

Partei.

Sie war eben in Frankfurt zur Welt gekommen und getauft worden; sie

hatte im Rausch der Festesfreude freilich den Mund sehr vollgenommen,

wie das nun einmal in solcher Situation deutsche Art zu sein pflegt:

»Wir stehen als Erben vor der Türe der Sozialdemokratie,« hatte Göhre

erklärt. »Wir stellen uns an die Spitze der Arbeiterbewegung, denn die

Zeit der Sozialdemokratie ist um,« hatte Sohm ihm sekundiert. Aber

solche rednerischen Entgleisungen, die unsere Parteipresse mit einem

übertriebenen Pathos rügte, statt über sie zu lächeln, wogen leicht

gegenüber dem Handeln dieser Männer und Frauen: sie anerkannten die

Gegenwartsforderungen der Sozialdemokratie, sie stellten sich, bei aller

Betonung nationaler Gesinnung, in bewußtem Gegensatz zur Regierung, die

die sozialen Pastoren maßregeln ließ, -- zum Kaiser, der ihre

Bestrebungen für sträflichen Unsinn erklärte.

Ein Ereignis trat ein, das vollends zwischen rechts und links wie

Scheidewasser wirken sollte: der Hafenarbeiterstreik in Hamburg. Hatte

wenige Jahre vorher die Cholera die Augen der ganzen Welt auf die

gräßlichen Elendsquartiere der reichen Kaufmannsstadt gerichtet, so

zeigte sich jetzt, daß selbst ihr Schrecken nicht imstande gewesen war,

die Brutstätten des Todes aus der Welt zu schaffen. Noch hausten zwanzig

Prozent ihrer Bewohner dicht zusammengedrängt in winzigen Räumen und

engen Gassen, -- zu fünft in einem Zimmer, zu neun in zweien! Und zu

diesen gehörten vor allem die Hafenarbeiter, die bei schwerer Arbeit,

die sie oft Tag und Nacht nicht los ließ, nicht genug verdienten, um

sich auch nur in Frieden ausruhen und frische Arbeitskräfte sammeln zu

können. Der Eindruck der Tatsachen, die der Streik enthüllte, war ein

ungeheurer, und die Haltung der Hamburger Reeder, die sich allen

Einigungsversuchen der Arbeiterorganisationen widersetzten und einen

Kampf um ein paar Groschen mehr Lohn zu einem Kampf um ihre Macht

erweiterten, empörte jeden, der vorurteilslos zu denken vermochte. In

höherem Maße als zur Zeit des Konfektionsarbeiterstreiks nahm die

Öffentlichkeit Partei für die Arbeiter, geführt von den jungen

sozialpolitischen Professoren und der nationalsozialen Partei. Das

waren, so schien mir, Symptome für das Erwachen eines Geistes, der nicht

mehr zu bannen sein würde. Und die Haltung der Gegner bekräftigte meine

Auffassung: Kleine Nadelstiche, wie die Ausweisungen englischer

Arbeiterführer, die, um Frieden zu stiften, nach Hamburg gekommen waren,

-- schroffe Erklärungen der Reichsregierung gegen die Streikenden, --

von ihr unwidersprochene Aussprüche, wie die des alten Reaktionärs

Kardorff im Reichstag: »Ich freue mich, daß man von den bedenklichen

Wegen des Erlasses von 1890 jetzt abgekommen ist,« -- Wünsche eines

Stumm und seiner Gesinnungsgenossen, die zur Bekämpfung

staatsgefährlicher Umtriebe eine Änderung der Vereinsgesetze forderten,

-- waren das alles nicht Zeichen der Angst und der Schwäche? Und war

nicht die Wandlung, die der Kaiser seit seinen sozialpolitischen

Erlassen durchgemacht hatte, ein unbewußtes Eingeständnis schwindenden

Einflusses? Erfüllt von seinem Gottesgnadentum, durchtränkt von der

Vorstellung, die Tradition und Erziehung den Fürsten unauslöschlich

einprägt: daß das Volk ihnen gegenüber im Verhältnis des Kindes zum

Vater steht, hatte er ein sozialer Kaiser sein wollen, indem er der

Arbeiterschaft als Geschenk brachte, was ihm gut schien für sie. Als sie

es ihm nicht dankte, als sie Rechte forderte, statt Gnaden zu erbitten,

sie sogar mit Gewalt ertrotzen wollte, -- da wurde der in seiner

Autorität verletzte Fürst zum zürnenden, strafenden Vater. Und derselbe

Kaiser, der 1890 für die Schaffung von Schiedsgerichten eintrat, stellte

sich 1896 auf die Seite der Hamburger Reeder und forderte die

Vereinigung aller Arbeitgeber gegen die Arbeiter.

Um diese Zeit besuchte uns mein alter Freund Professor Tondern, der ein

stiller Gelehrter irgendwo an einer Provinzuniversität geworden war, und

den ich für unsere Sache fast schon aufgegeben hatte. Er war zur Zeit

des Streiks in Hamburg gewesen, und mein Mann hatte ihn für das Archiv

zu einer Arbeit darüber aufgefordert. Statt aller Antwort kam er selbst,

ganz erfüllt von dem Erlebten.

»Da bilden wir uns nun wer weiß wie viel auf unsere Bildung, unsere alte

Kultur ein,« sagte er, »und müssen angesichts solcher Kämpfe beschämt

eingestehen, daß wir mit all dem lumpigen Rüstzeug ihren Forderungen

gegenüber jämmerlich Schiffbruch leiden würden, während die in Elend und

Unwissenheit Aufgewachsenen sich wie Helden bewähren. Sie hätten nur

sehen sollen, wie tapfer die Frauen, vom kleinen Mädchen bis zum

steinalten Mütterchen, ihren Vätern und Söhnen zur Seite standen. Da

steckt ungebrochene Jugendkraft --« Er brach seufzend ab.

»Zeugt die arbeiterfreundliche Haltung gewisser bürgerlicher Kreise

nicht auch dafür?« fragte ich.

Er schüttelte heftig den Kopf, daß die dünn gewordenen roten

Haarsträhnen flogen. »Immer noch die alte Optimistin!« murmelte er. »Zu

einem guten Teil haben Sie freilich recht --« fügte er dann laut hinzu.

»Der Streik hat die Verschlafenen aufgerüttelt, hat die

sozialpolitischen Probleme wieder in den Fluß der Diskussion gebracht,

hat die brennende Feindschaft, die der Generalstab des Kapitals, das

heißt das Kapital in seiner bedrohten politischen Machtsphäre gegen die

freie Wissenschaft empfindet, zu hellen Flammen werden lassen, -- und

das kann dem echten, dem kritischen wissenschaftlichen Geist nur heilsam

sein.«

»Diese Feindschaft muß aber auch mehr und mehr zu uns herübertreiben,«

entgegnete ich.

»Zur Sozialdemokratie? Nein! Erinnern Sie sich unserer Haltung nach der

frankfurter Tagung der Ethischen Gesellschaft? -- Seitdem hat sich für

uns nichts verändert. Wir sind sogar nur noch fester an die

Staatskrippe, und damit an den Dienst der kapitalistischen Gesellschaft

geschmiedet, weil unsere Kinder inzwischen größer und anspruchsvoller

wurden. Eine Ausnahme, wie Sie, bestätigt nur die Regel. Marx hat keine

größere Wahrheit ausgesprochen als die, daß die gesellschaftliche

Umwandlung nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann.«

Er stand auf. »Ich muß eilen, -- meine Frau wartet auf mich,« sagte er

hastig, und strich sich gleich darauf mit einer verlegen ungeschickten

Bewegung den roten Bart. Ich verstand. Es war gewissermaßen nur ein

Geschäftsbesuch gewesen. Mit Damenbesuchen wurde ich nicht verwöhnt! Er

schüttelte meinem Mann die Hand: »Sie bekommen den Aufsatz in spätestens

vierzehn Tagen.« Dann wandte er sich abschiednehmend zu mir: »Sie dürfen

mir auch die Hand geben. Meine Stellung zu Alix Brandt ist genau

dieselbe geblieben wie zu Alix von Glyzcinski.«

Kurze Zeit darauf meldete sich einer der geistvollsten

Archiv-Mitarbeiter, Professor Romberg, bei uns an. Ich sah ihm mit

gespannter Erwartung entgegen, denn ihm war ein Buch vorausgegangen, das

ihn wie ein Herold mit Fanfarenstößen angekündigt hatte. Ein schmaler

roter Band war es nur, aber das Wort »Sozialismus« prangte in goldenen

Lettern darauf, und sein Inhalt war nichts anderes als eine Verteidigung

der Lehren von Karl Marx, als eine Anerkennung der sozialdemokratischen

Arbeiterbewegung. Das Katheder eines wohlbestallten ordentlichen

preußischen Universitätsprofessors hatte sich der Verfasser wohl auf

immer verscherzt, aber eine Zuhörerschaft hatte er sich erobert, aus der

für die Sache des Sozialismus eine große Gefolgschaft werden mußte.

Mein Mann lächelte über meinen Enthusiasmus, er spielte sogar ein wenig

den Eifersüchtigen, als ich zum Empfang dieses Gastes ganz besondere

Vorkehrungen traf, den Tisch mit buntem Herbstlaub schmückte und eine

Flasche Wein besorgen ließ, -- zum erstenmal seit unserer

Hochzeitsfeier.

Als er eintrat, hatte ich jene seltsame Empfindung, die ich als Kind

besonders häufig gehabt hatte: daß mir derselbe Mann in derselben

Situation schon einmal begegnet war; selbst die gleichgültige

Begrüßungsphrase und der Ton seiner Stimme dabei war mir bekannt, ehe er

sie aussprach. Im ersten Augenblick war ich verwirrt und überließ

Heinrich die Unterhaltung, dann musterte ich den Gast, und dabei

verwischte sich das Gefühl langen Bekanntseins wieder, ähnlich wie ein

Traum uns um so gewisser entgleitet, je mehr wir über ihn nachdenken.

Diesen großen, tiefbrünetten Mann mit den lebhaften braunen Augen und

der hochgewölbten Stirn hatte ich gewiß noch nie gesehen. War es

Sympathie, die ich für ihn empfand? Der dunkle Bart beschattete dicke

Lippen, die von stark entwickelter Sinnlichkeit zeugten, die großen

Hände mit den breiten Fingerkuppen und den abgebrochenen Nägeln

widersprachen der vornehmen Eleganz seiner schlanken Gestalt. Aber diese

Mischung von Roheit und alter Kultur prädestinierte ihn vielleicht

gerade für die Rolle eines Führers der öffentlichen Meinung, die er,

unserer Ansicht nach, zu spielen bestimmt war.

In einer Rede, die von Geist und Wissen sprühte, setzte er meinem Mann

die Ideen auseinander, die er in einer Abhandlung für das Archiv

zusammenfassen wollte. »Wir müssen der Sozialpolitik die Krücken nehmen,

die Ethiker, Christlichsoziale und neuerdings Rassenhygieniker ihr

glaubten geben zu müssen, um sie dem von ihnen willkürlich gesteckten

Ziele entgegenhumpeln zu lassen. Sie kann und muß auf eigenen Füßen

gehen, eigene Ziele verfolgen. Ich verlange die Autonomie des

sozialpolitischen Ideals, das nicht nur nicht ethisch, nicht religiös,

nicht rassenhygienisch, sondern diesen Idealen direkt entgegengesetzt

sein kann.«

»Das sei Ihnen in bezug auf das religiöse Ideal zugegeben,« warf mein

Mann ein, »aber das ethische, das rassenhygienische?! Die 'Befreiung des

gesamten Menschengeschlechts, das unter den heutigen Zuständen leidet',

ist doch wohl ein ethisches Postulat!«

Romberg bewegte lebhaft abwehrend die Hände: »Bleiben Sie mir mit der

Zukunftsmusik des Erfurter Programms vom Leibe! Sie könnten ebenso gut

die 'Versöhnung der Klassengegensätze', die die Ethiker unter den

Nationalökonomen der Sozialpolitik als Aufgabe zuschieben, predigen.

Nein: wir stehen im Klassenkampf, wir müssen in diesem Kampf Partei

ergreifen, und zwar nicht für die Schwachen nach christlicher

Auffassung, sondern für das höchst entwickelte Wirtschaftssystem, für

die den wirtschaftlichen Fortschritt repräsentierende Klasse, das heißt

auf Kosten der anderen.«

»Mit anderen Worten: für das Proletariat?« fragte ich. Er wandte sich

mir zu.

»Gewiß: für das Proletariat, soweit seine Ideale sich mit dem Ideal der

Sozialpolitik decken: der wirtschaftlichen Vollkommenheit, und,« -- er

betonte scharf den letzten Satz, -- »soweit sie sich dauernd mit ihm

decken werden. Denn es ist einerseits in dauerndem Fluß begriffen und

ist andererseits kein absoluter Endzweck, sondern nur ein Mittel zur

Verwirklichung höherer Zwecke. Das wirtschaftliche Leben ist die

Schranke, in der unser ganzes Dasein, auch in seinen höchsten

Äußerungen, eingeschlossen ist. Wir müssen sie erweitern, so rasch als

möglich, ohne Rücksicht auf die Bedenken empfindsamer Seelen, um zu

Licht und Luft zu gelangen.«

»Und mit diesen Ansichten können Sie es verantworten, außerhalb unserer

Partei zu stehen!« rief ich aus. Er schien erstaunt.

»Alles, was ich sagte, was ich schrieb, beweist doch, daß ich es

verantworten kann!« meinte er langsam. »Oder glauben Sie, ich würde mehr

erreichen, wenn ich mich in Ihr Heer einreihen, Ihre Uniform anziehen

würde, wenn ich jede meiner Ideen, ehe ich sie auszusprechen mich

getraute, dem Votum Ihres Parteitages unterwerfe?!«

»Ich verstehe Sie nicht!« antwortete ich. »Wie reimt sich Ihre Abneigung

gegen die Partei mit diesem Buch zusammen,« -- ich hielt ihm den roten

Band entgegen, -- »mit Ihrer Verteidigung des Klassenkampfes, mit Ihrer

Prophezeiung der dauernden, der notwendigen Einheit der Bewegung?«

»Ich muß Ihre Frage mit einer Frage beantworten: Ist die Zugehörigkeit

zur Bewegung abhängig von der namentlichen Einschreibung in einen

Wahlverein? Ist es für meine Stellung wichtiger, wie ich mich nenne, als

was ich leiste?! Die Frage des Eintritts in die Partei kann für

unsereinen nur individuell gelöst werden. Ich zum Beispiel würde in dem

Augenblick flügellahm werden, wo ich in _der_ Gesellschaft aushalten

müßte.«

»Für einen Augenblick vielleicht, aber in dem Moment, wo Sie sich

durchsetzen, wo Sie Einfluß gewinnen würden, hätten Sie die Kraft Ihrer

Flügel in doppeltem Maße wieder --,« mischte sich mein Mann ins

Gespräch.

»Sie überschätzen mich, lieber Freund. Über gewisse Dinge komme ich

nicht hinweg. Sie wissen, mein 'Sozialismus' hat einen ungeahnten

Erfolg; ich brauche mich in meiner Schriftstellereitelkeit wahrhaftig

nicht gekränkt zu fühlen. Aber die Behandlung, die mir -- mir, der ich

den Sozialismus verteidige! -- von einem Teil Ihrer Presse zuteil

geworden ist, hat mir die ganze Gesellschaft auf lange verekelt!«

Der Gegensatz zwischen dem Enthusiasmus, der ihn wenige Minuten vorher

erfüllt hatte, und der morosen Stimmung, die jetzt aus Wort und Ton und

Haltung sprach, war so verblüffend, daß wir verstummten. Aber Romberg

forderte uns zur Antwort heraus:

»Sie mißbilligen meinen Standpunkt?« Fragend sah er von einem zum

anderen.

»Ganz und gar!« antwortete ich heftig. »Glauben Sie, daß wir um der

schönen Augen der Parteigenossen willen Sozialdemokraten geworden sind,

-- oder der Partei entrüstet den Rücken kehren würden, weil ein paar

Nasen uns nicht gefallen?! Wir dienen der Sache, nicht den Personen.«

»Eine so reinliche Scheidung zwischen der Sache und den Personen läßt

sich in Wirklichkeit nicht durchführen,« sagte er, sichtlich verletzt.

»Es kann sehr wohl der Fall eintreten, daß eine Sache durch eine

bestimmte Personengruppierung rettungslos verloren geht, und ich bin der

Meinung, daß in Ihrer Partei Leute den Ton angeben, die Ihre Sache

diskreditieren.«

»Wenn Sie dieser Ansicht sind, müßten Sie erst recht in die Partei

eintreten, um die Sache, die doch auch die Ihre ist, vor solchen

Einflüssen zu retten!«

Er biß sich auf die Lippen und schwieg sekundenlang. Dann ließ er sich,

wie ermüdet, in den Lehnstuhl fallen und sagte langsam: »Sie mögen recht

haben, -- auf Grund Ihrer Individualität. Ich würde einfach zugrunde

gehen, wenn ich mit dem Gesindel, das Ihre Partei groß gefuttert hat,

auf gleich und gleich verkehren müßte. Übrigens,« er lächelte ein wenig,

»Sie sind ja erst seit vorgestern 'Genossin', -- wir wollen unser

Gespräch in zehn Jahren zu Ende führen! Und Sie, mein lieber Brandt,

sind doch auch nur im Nebenberuf 'Genosse'. Wenn Sie Ihrer Frau

beistimmen, warum treten Sie nicht in die politische Arena?«

Mein Mann ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder, ehe er antwortete.

»Ich habe nicht Ihre Begabung, die Sie zum Agitator stempelt. Und ich

bin nicht unabhängig wie Sie, was, meiner Ansicht nach, eine wichtige

Voraussetzung ist, wenn man in der Partei Wertvolles leisten will. Das

Archiv ist mein Brotgeber. Es könnte seine wertvollsten Mitarbeiter

verlieren, wenn sein Redakteur politisch hervorträte. Sonst, -- lieber

heute als morgen würde ich ein tätiger Parteigenosse sein!«

Ich hatte Heinrich noch nie so sprechen hören; eine tiefe Unbefriedigung

enthüllte sich mir, eine Seite seines Wesens, die sich selbst dem

durchdringenden Blick meiner Liebe bisher versteckt hatte. Ich konnte

den Gedanken daran nicht los werden und vergaß fast unseres Besuchers

darüber.

Beim Abschied reichte ich ihm die Hand. Ein unbehagliches Gefühl überkam

mich: die seine lag, so groß sie war, schwach und leblos in der meinen.

Menschen ohne Händedruck waren mir immer unsympathisch gewesen. Und

doch zog dieser Mann mich an.

»Wollen wir nach all dem Ernst nun nicht Berlin ein wenig genießen?«

fragte er. »Wir armen Provinzler müssen uns mit Großstadtluft auf Monate

versorgen, wenn wir einmal von unserer Kette loskommen.« Wir

verabredeten allerlei, und er ging.

»Nun?!« fragte Heinrich, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte.

»Ein interessanter Mensch, ob ein Kämpfer?!« antwortete ich

nachdenklich. »Aber was interessiert mich dies Problem, wo mein eigner

Mann mir eins aufgegeben hat!«

Er zuckte lachend die Achseln: »Kümmere dich nicht darum, Schatz, es ist

doch zunächst unlösbar.« »Du würdest wirklich gern politisch tätig

sein?« drängte ich unbeirrt. »Wäre es dir willkommen?« fragte er statt

der Antwort. Mir stieg das Blut in die Wangen. Ich sah den Geliebten an

der Stelle, die ich Romberg zugedacht hatte; ich sah uns beide Schulter

an Schulter im Kampfe stehen. »O wie schön wäre das!« flüsterte ich.

Die nächsten Tage nahm uns Romberg sehr in Anspruch. Er war von einer

fast kindlichen Genußfähigkeit, dabei voller Interesse für Kunst und

Literatur, in allem das Gegenspiel des typischen deutschen Professors.

* * * * *

Berlin war damals reich an neuem Leben für den, der es zu finden

verstand. Denn die Oberfläche trug noch immer das Stigma geschmackloser

Alltäglichkeit. Mein Instinkt war doppelt wach; meine Sinne schienen

geschärft für alles Werden, und meine Hoffnung umschlang mit üppigen

Ranken jede neue Erscheinung.

Wir sahen Gerhart Hauptmanns »Versunkene Glocke«, die zum erstenmal zur

Aufführung kam. Alles stritt um des schönen Märchens eigentlichen Inhalt

und riß ihm im Streit grausam die Schmetterlingsflügel aus. Den einen

erschien es als das tragische Bekenntnis eigener Schwäche: denn die im

Tal gegossene, für die Höhe bestimmte Glocke Meister Heinrichs stürzte

vom Berge hinab in die Tiefe, und als er selbst emporstieg, um droben

ein neues Wunderwerk zu schaffen, zog sie ihn nach sich ins Grab. Den

anderen war es nichts als ein Zeichen geistiger Reaktion: der Dichter

der 'Weber' floh vor dem wirklichen Leben. Ich aber hörte darin das

immer wiederkehrende Leitmotiv der Sehnsucht, das den Glockengießer

emporzog, auch als er an seiner Schwäche sterben mußte, ich sah die

Sonnenpilger, die den Marmortempel suchten, dessen Baumeister zugrunde

ging, dem aber Kräftigere als er Hammer und Kelle aus den toten Händen

nahmen.

Und dieselbe Sehnsucht, die der Hoffnung Schwester ist, die aus unserer

nüchternen, auf praktisch-greifbare Ziele gerichteten Zeit

hinwegverlangt in reichere, blühendere Gefilde, wo die arme gehetzte

Seele nicht mehr zu dursten und zu frieren braucht, schien einer jungen

noch unbekannten Künstlerschaft die Hand zu führen. Wir sahen Gläser,

deren zart schimmernde Blumenkelche in Märchenfarben strahlten, und

Teppiche, auf denen die ganze Fülle des Frühlings ausgestreut erschien.

Wir kamen in eine Ausstellung, die eine Welt fremder Wunder enthielt,

deren Schöpfer ein noch Unbekannter war. Staunend stand ich vor dem

schönsten, das sie bot: einem Fenster voll leuchtender Glut, mit den

Gestalten Tristans und Isoldens. In ihren Augen, in ihrer Gebärde

steigerte sich die Sehnsucht zum Verlangen; die Farben waren eine Hymne

des Lebens: das Rot jauchzte, das Blau verging in zärtlichen Melodien,

wie ein mystischer Orgelton stand das Violett dazwischen.

Achselzuckend ging die Masse an alledem vorüber. Auch die beiden Männer,

die mich begleiteten, waren mehr erstaunt als betroffen. Ob wohl nur

eine, die schwanger war, die verborgenen Lebenskeime dieser Zeit zu

schauen vermochte? Ich sog mit allen Sinnen ein, was der Menschenknospe

in meinem Schoß zur Nahrung dienen konnte.

»Seit ich Sie kenne, begreife ich nicht, wie Sie Genossin werden

konnten,« sagte Romberg beim Abschied, »mit Ihrem starken

Kulturbedürfnis, ihrem Schönheitsdurst!«

»Für mich war das nur ein Motiv mehr, um es zu werden,« antwortete ich.

»Auch den Seelenhunger der Massen nach höheren Lebenswerten möchte ich

stillen helfen.«

»Sie haben kaum einen --,« meinte er wegwerfend.

»Dann ist meine Aufgabe doppelt groß: ich muß sie hungrig machen -- --«

* * * * *

Mein Zustand hinderte mich zunächst nicht an der Parteitätigkeit. Ich

hielt Versammlungen ab, solang es ging, obwohl die schlechte Luft sich

mir immer schwerer auf den Kopf legte; ich besuchte die Sitzungen der

Frauenorganisation regelmäßig trotz der ekelerregenden Düfte der Lokale,

in denen sie stattfanden. Wenn die Polizei, die uns ständig auf den

Fersen war, gewußt hätte, wie wenig welterschütternd die Fragen waren,

über die wir debattierten, sie würde uns ruhig unserem Schicksal

überlassen haben. Seitdem Wanda Orbin nicht mehr in Berlin war, schien

zwar auch den Nur-Ja-Sagerinnen der Mund geöffnet zu sein, aber was sie

vorbrachten, das drehte sich meist um die kleinlichsten Dinge. Derselbe

Zank, derselbe Neid, der mir die bürgerliche Frauenbewegung vergällt

hatte, fand sich auch hier, nur daß er sich in gröberen Formen äußerte.

Ich wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn ich nicht allmählich Einblicke

gewonnen hätte, die mir die Dinge in anderem Licht erscheinen ließen.

Ich lernte das Leben dieser Frauen kennen. Da war eine, die tagaus,

tagein in dieselbe elende Zwischenmeisterwerkstatt ging, um, wenn sie

todmüde heimkam, von dem betrunkenen Mann mit Schlägen oder

zudringlichen Zärtlichkeiten empfangen zu werden; -- sollte sie nicht

verbittert sein? Da war eine andere, die, obwohl sie einen braven Gatten

hatte, auf ihre alten Tage in die Fabrik zurückgekehrt war, weil sie nur

auf diese Weise ihrem kranken Sohn den Besuch eines Sanatoriums

ermöglichen konnte; -- sollte sie die glücklicheren Mütter nicht

beneiden, die die Gesundheit ihrer Kinder nicht so schwer erkaufen

mußten? Und ein verblühtes Mädchen war zwischen uns, die ihrer gelähmten

Mutter ihre ganze Jugend hatte opfern müssen, -- war's nicht

begreiflich, daß etwas wie Haß in ihren Augen aufblitzte, wenn ich

sprach?

Einmal besuchte ich die kleine dicke Frau Wengs; sie war vor drei Tagen

ihres siebenten Kindes genesen, und ich fand sie schon wieder hinter dem

Waschfaß. War es erstaunlich, daß sie reizbar war? All diese Frauen

standen in harter Arbeitsfron; war es nicht viel merkwürdiger, daß sie

sich dabei die Kraft, den Opfermut, die Begeisterungsfähigkeit erhalten

hatten, die es ihnen möglich machte, ihre spärliche Freizeit, ihre ihnen

so bitter nötige Nachtruhe dem Dienst der Partei zu widmen? Sie

leisteten das äußerste, was sie leisten konnten; es war nicht ihre

Schuld, daß es trotzdem so wenig war.

Ich grübelte lange nach, wie hier zu helfen wäre. Mein alter Plan eines

Zentralausschusses für Frauenarbeit tauchte wieder auf. Wenn man mit

Hilfe der Partei solch einen Mittelpunkt schaffen, die begabtesten der

Frauen dabei beschäftigen, von ihrer Erwerbsarbeit dadurch befreien

könnte? Frau Wengs war nach dem Parteitag zur »Vertrauensperson für ganz

Deutschland« gewählt worden. War es nicht wie ein Hohn auf die

Frauenbewegung, daß sie, die kaum Zeit hatte, eine Zeitung zu lesen, für

die das Schreiben eines Briefes eine fast unüberwindliche Aufgabe war,

an ihrer Spitze stehen sollte? Man hatte mir freilich erzählt, Wanda

Orbin habe ihre Wahl unterstützt, um die Leitung um so sicherer in der

eigenen Hand zu behalten, Wanda Orbin, die uns so fern war, deren

unzureichende Kenntnis der Verhältnisse schon daraus hervorging, daß

sie ihre Zeitschrift in einem Tone schrieb, der einen hohen Grad von

Wissen bei dem Leser voraussetzte. Ja, wenn sie in Berlin wäre, wenn sie

offiziell die Führung in die Hände bekäme, wenn die Gestaltung der

'Freiheit' dem Einfluß der Genossinnen zugänglich gemacht werden könnte!

Schon damit, so schien mir, wäre viel geholfen. Ich schrieb ihr in

diesem Sinne, ich fragte sie, ob sie kommen würde, wenn man die

Anstellung einer weiblichen Parteisekretärin durchgesetzt hätte. Sie

antwortete ausweichend: es fessele sie vieles, vor allem die Erziehung

ihrer Söhne in Stuttgart. Ich gab die Sache noch nicht verloren. Ich

legte meinen Plan der Schaffung eines Sekretariats für die

Frauenbewegung den Genossinnen vor, ich entwickelte ihn in einem

längeren Artikel in der 'Freiheit' und hütete mich zunächst, Wanda

Orbins Namen zu nennen, da ich wußte, daß auch sie Gegnerinnen hatte.

Die Wirkung war verblüffend: die Frauen gerieten in eine Aufregung, die

in keinem Verhältnis zur Sache zu stehen schien. Man fand es

ungeheuerlich, daß ich, die ich noch nichts, aber auch rein gar nichts

geleistet hätte, mir herausgenommen habe, an der Arbeiterinnenbewegung

Kritik zu üben; man bekämpfte meinen Plan durch Wort und Schrift, als

bedeute er eine Gefahr für die Partei. Bei der Abstimmung erhob sich

keine Hand für ihn. Ich erfuhr erst allmählich die wahre Ursache dieser

wütenden Gegnerschaft: die Frauen hatten angenommen, daß ich für mich

selbst eine einträgliche Stellung schaffen wolle. Und Wanda Orbin hatte

sie offenbar in diesem Glauben gelassen. Es gab Momente, in denen diese

Erfahrung mir wehe tat, -- trotz aller Mühe, überall nur das Gute zu

sehen. Und die Entrüstung meines Mannes, der jeden Nadelstich, der mich

traf, wie einen Dolchstoß empfand, trug nicht dazu bei, mich zu

beruhigen.

Aber die öffentlichen Ereignisse sorgten dafür, Gedanken und Interessen

auf wichtigere Dinge zu lenken, und die Verstimmung zwischen mir und den

Genossinnen in einmütige Kampflust gegen die Feinde, die unsere Sache

von außen bedrohten, zu verwandeln.

Hatten die Parlamentsreden der Herren der Rechten, vom Geiste Stumms

beherrscht, schon kriegerisch genug geklungen, so kündigten die

kaiserlichen Worte auf dem brandenburger Provinzial-Landtag Kampf bis

aufs Messer an: »Die Aufgabe, die uns allen aufgebürdet ist, die wir

verpflichtet sind zu übernehmen, ist der Kampf gegen den Umsturz mit

allen Mitteln... Ich werde mich freuen, in diesem Gefecht jedes Mannes

Hand in der meinen zu sehen, er sei edel oder unfrei,« hieß es darin,

und zum Schluß: »Wir werden nicht nachlassen, um unser Land von dieser

Pest zu befreien, die nicht nur unser Volk durchseucht, sondern auch das

Heiligste, was wir Deutsche kennen, die Stellung der Frau, zu

erschüttern trachtet.«

Kein Zweifel: ein Gewitter stand bevor, das unsere Saaten bedrohte; dem

Blitz, der die Situation grell beleuchtet hatte, folgte der Donner und

der prasselnde Regen in Gestalt einer Vereinsgesetznovelle, die dem

reaktionären preußischen Landtag zur Entscheidung vorlag und nichts

anderes bedeutete, als eine Knebelung des Koalitionsrechts, eine

Auslieferung unserer Organisationen an die Willkür der Polizei. Da war

niemand unter uns, dem nicht das Herz stürmisch geschlagen hätte, --

vor Empörung über das drohende Unrecht, vor Freude über den

aufgezwungenen Kampf. Es gab keinen kleinlichen Zank mehr; man drängte

sich zur Arbeit und übernahm auch die geringfügigste mit dem

Pflichtbewußtsein des Soldaten, der seinen Posten bezieht. Ich konnte

der vorgeschrittenen Schwangerschaft wegen nur mit der Feder tätig sein,

und Zorn und Begeisterung führte sie. Ich sah eine Zeit nahe

bevorstehen, wo die besten Elemente des Bürgertums, wo vor allem die

Vertreter der freien Wissenschaft, vor die Wahl gestellt zwischen der

Reaktion und dem Proletariat, sich auf die Seite der Arbeiter stellen

müßten.

»Du prophezeist trotz einem Bebel,« lachte mein Mann, wenn ich mich

fortreißen ließ, alles zu sagen, was ich erträumte, und dann erinnerte

er mich an jene anderen Kaiserreden, die den Dreizack des Meergottes für

die deutsche Faust verlangten, und den Beifall derselben Männer fanden,

auf die ich rechnete. Aber ich hörte nicht darauf, ich wollte nicht

hören.

* * * * *

Die Fähigkeit, Dunkles zu sehen, war meinem inneren Auge mehr und mehr

abhanden gekommen. Wo immer ich den Blick hinwandte: überall war es

hell, überall strahlte die Welt voll Frühlingsahnen. Und als es draußen

in den Gärten und auf den Plätzen wirklich zu blühen begann, da schien

mir's, als wäre dies der erste Lenz, den ich erlebte. Ich saß in der

Sonne auf dem Balkon und sah staunend, wie aus den braunen saftig

glänzenden Knospen auf den Kastanienbäumen kleine zartgrüne Blätter

leise ans Licht strebten. Ich ging am Arm des Geliebten durch den

Tiergarten, den ein starker würziger Erdgeruch erfüllte, und stand vor

dem Wunder still, das in Hunderten bunter Frühlingsblumen aus dem

Rasenteppich emporwuchs. Und die Sonne schien so mild und warm, -- wenn

sie meine Wange traf, war mir, als streichle sie mich. In der Nacht lag

ich oft stundenlang wach; ich war nicht müde. Regte sich dann in meinem

Schoß das junge Leben, so strömte es mir durch die Glieder wie Feuer.

Frühzeitig war alles zu seinem Empfang bereit. Oft, wenn niemand es

merkte, schloß ich mich ein in dem hellen Zimmer, wo alles seiner

wartete, und kniete vor dem kleinen Bettchen, und vergrub meine heißen

Wangen in seinen kühlen Kissen.

Einmal, als ich mit Heinrich am Ufer entlang heimwärts ging, an der

Bucht vorbei, wo die Weiden ihre grünen Schleier tief bis zum Wasser

hinuntergleiten lassen, kam uns ein alter grauhaariger Mann entgegen.

Ich hörte zuerst nur seinen schleppenden Schritt, denn die Abendsonne,

die im Westen verglühte, blendete mich. Aber ich wußte: das war mein

Vater. Meine Knie zitterten. Und schon war er vorbei. Er schien in

Gedanken verloren und hatte uns wohl nicht erkannt. Ich wandte den Kopf

nach ihm, -- da stand er wie angewurzelt und starrte mich an, so voll

Zärtlichkeit --! Ich wäre ihm fast zu Füßen gestürzt, aber er machte

eine rasche, abwehrende Bewegung und ging weiter. An dem Abend weinte

ich. Und ich hatte doch mein Kind vor allem Kummer schützen wollen!

Wenige Tage später waren wir wieder zur gewöhnlichen Zeit fort gewesen.

Mit geheimnisvollem Lächeln öffnete mir das Mädchen die Tür, als ich

heimkam. Ins Kinderzimmer sollt' ich kommen, sagte sie. Da brannte die

Lampe unter dem Rosenschleier und auf dem weißen Tisch lagen lauter

spitzenbesetzte Hemdchen und Jäckchen, und kleine Schuhe und

Steckkissen, und lange Tragekleidchen; durch die blauen Bänder, die sie

zusammenhielten, waren Sträuße duftender Maiblumen gezogen. »Das gnädige

Fräulein brachte alles selbst,« berichtete lächelnd das Mädchen und

übergab mir einen Brief von Mama:

»Mein liebes Kind! Das alles schickt Dir Dein Vater. Er hat mir und

Deiner Schwester erlaubt, zu Dir zu gehen, und Dir seine Grüße zu

bringen. Schreibe mir, wann wir Dich besuchen können,« schrieb sie. Bald

darauf kam sie selbst. Ich hatte vor Erregung eine böse Nacht gehabt und

empfing sie auf dem Diwan liegend. Sie aber war so ruhig, so

teilnahmsvoll, als läge höchstens eine Reise zwischen ihrem ersten

Besuch und heute. Drohte eine verlegene Pause, so half das Geplauder

Ilschens darüber hinweg, die mir von ihren ersten Ballfreuden und ihren

Triumphen nicht genug erzählen konnte.

»Wie geht es dem Vater?« fragte ich schließlich zaghaft, da sie zu

vermeiden schienen, seiner Erwähnung zu tun. »Er ist recht alt

geworden,« antwortete Mama langsam. »Aber noch so rüstig,« fiel die

Schwester ein, und berichtete zum Beweis dafür von den Diners und den

Bällen, zu denen er sie begleitet hatte. Sie nannte Namen, die ich nicht

kannte, und erwähnte Gesellschaftskreise, die er früher auf das

peinlichste gemieden hatte: Tiergartensalons, in denen, wie er zu sagen

pflegte, der jüngere Offizier nur als Mitgiftjäger, der alte nur als

Tafeldekoration auftritt. Ich fühlte jetzt: er mußte sehr alt geworden

sein.

Ehe sie gingen, bat ich Ilschen, nun aber recht oft zu mir zu kommen.

Sie sah, statt zu antworten, ängstlich fragend auf Mama. »Allein darf

sie euch nicht besuchen,« sagte diese mit dem alten harten Ton in der

Stimme, während sich tiefe Falten um ihre Mundwinkel gruben. Als sie

fort waren, trat ich auf den Balkon. Ich hatte das Bedürfnis, frische

Luft zu schöpfen. Da fiel mein Blick auf die Straße: mit kleinen,

hastigen Schritten ging der Vater vor unserer Haustür auf und ab, und

als Ilse ihm entgegentrat, wandte er sich ihr mit einer raschen Bewegung

zu, und ich sah, wie sie sprach und sprach, und wie er horchte, den Kopf

ihr zugeneigt, als fürchte er, auch nur ein einzig Wort zu verlieren. An

diesem Abend mußt' ich wieder weinen.

* * * * *

Der Sommer kam. Ich schleppte mich nur noch mühsam die hohen Treppen

herauf und hinunter. Ich zählte nicht mehr nach Wochen, sondern nach

Tagen. Meine Zimmer standen voll Junirosen.

Ich war noch einmal mit den Kindern in die Stadt gegangen, um zu

besorgen, was ihnen für die Ferienreise zu ihrer Mutter noch fehlte. Als

ich daheim die Sachen in den Koffer legte, dunkelte es mir plötzlich vor

den Augen. Ein jäher Schmerz zog mir den Leib zusammen. Ich schlich ins

Wohnzimmer und fiel meinem Mann, der erschrocken vom Schreibtisch

aufgesprungen war, in die Arme. »Nun ist's so weit,« flüsterte ich und

sah ihn glückselig an. Er schickte zu meiner Ärztin. Ich aber saß still

im Lehnstuhl und spottete seiner Ängstlichkeit. Wie hätte ich mich auch

nur einen Augenblick lang fürchten können! Wenn ich die Augen schloß,

sah ich Großmamas gütiges Antlitz vor mir und hörte sie tröstend

wiederholen, was sie mir früher so oft versichert hatte: Ein Kind

gebären ist das leichteste von der Welt. Aber der Abend kam und die

Nacht, -- ich wartete noch immer. Und am folgenden Tag war ich zu

schwach, um vom Bett aufzustehen, und in der Nacht standen zwei

Ärztinnen um mein Bett, und Heinrich wich nicht von mir. Ich allein

spürte nichts von Angst; wenn ich vor Schmerzen stöhnte, so war mir's,

als wäre ich's nicht.

Am Morgen des dritten Tages strahlte der Himmel in wolkenloser Pracht;

von der Gedächtniskirche herüber klang tiefer Glockenton, und von allen

Seiten antworteten ihm hellere Stimmen. »Es will ein Sonntagskind sein,«

flüsterte ich lächelnd dem Liebsten zu, der neben mir saß, und an den

ich mich klammerte, wenn es gar zu wehe tat.

»Und in der Johannisnacht geboren werden,« hörte ich wie von ferne

sagen. Müde sank ich in die Kissen. Mir träumte von den Bergen, die zum

Himmelszelt stolz ihre weißen Häupter heben, und von grünen Matten, die

sich zart und weich zu Füßen grauer Felsen schmiegen. Und ich sah, wie

alle Spitzen zu glühen begannen, als hätten sich die Sterne auf sie

herniedergesenkt, und von allen Hügeln die Flammen loderten. Plötzlich

aber war mir, als stünde ich selbst auf dem Scheiterhaufen, -- schon

züngelte das Feuer an meinem nackten Körper empor, -- ich schrie laut

auf -- --

War ich gestorben, -- und darum so seliger Ruhe voll?! Ich schlug die

Augen auf. »Heinz!« kam es ganz, ganz leise von meinen Lippen. Ich

tastete mit den Händen auf dem Bett, -- ich fühlte seinen Kopf, -- seine

Schultern, -- warum bebten sie nur so?! Heiße Augen, die durch Tränen

leuchteten, richteten sich auf mich. Von der anderen Seite öffnete sich

die Türe, ein breiter Strom von Licht ergoß sich in das dunkel

verhangene Zimmer, auf der Schwelle stand eine Frau, ein weißes

Bündelchen auf den Armen. »Mein Kind --!« rief ich. »Unser Sohn!«

antwortete Heinrich und legte ihn mir an die Brust. Ehrfürchtig

berührten meine Lippen die von wirren Löckchen dunkel umrahmte Stirn.

Und zwei große blaue Augen, in denen des Werdens tiefes Geheimnis noch

zu schlafen schien, blickten mich an.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 11 / 30 题