Fünftes Kapitel

Warme Augustsonne flutete durch alle Zimmer und brütete unten in

gewitterschwangerer Hitze auf den jungen Anlagen des Lützowplatzes.

Unruhig wanderte ich von einem Raum in den anderen, rückte auf dem

mächtigen Doppelschreibtisch, den wir uns zu gemeinsamer Arbeit hatten

machen lassen, die Bilder der beiden Buben, die nun meine Stiefsöhne

waren, noch ein wenig in den Vordergrund, ging in ihr Zimmer mit dem

blumengeschmückten Balkon, von dem aus der Blick geradeaus weit über die

dichtbelaubten Bäume am Kanal schweifen konnte und rechts die Straße

hinauf bis in die grüne Tiefe des Tiergartens, strich mechanisch die

Bettdecken glatt und steckte den Kanarienvögeln, mit denen ich die

Kinder überraschen wollte, ein paar Kuchenkrümel zu, die ich nebenan vom

reichbesetzten Vespertisch geholt hatte. Immer wieder zog ich die Uhr:

gleich mußten sie kommen, schon eine Stunde fast war Heinrich fort, um

sie am Anhalter Bahnhof in Empfang zu nehmen. Ich lief durch unser

Schlafzimmer mit seinen hellen Möbeln und meergrünen Vorhängen auf die

breite Loggia hinaus: von hier würde ich sie zuerst entdecken, wenn sie

vom Lützowufer auf den Platz einbiegen würden. Ich musterte

erwartungsvoll alle Menschen. Von der luftigen Höhe meines vierten

Stockes glichen sie aufgezogenen Puppen, wie sie die Händler um

Weihnachten auf dem Asphalt laufen lassen. Und der Herkules auf der

Kanalbrücke sah wie ein Knabe aus, der mit seinem Pudel spielt.

Wehte dort nicht jemand grüßend mit einem weißen Tuch? Richtig: es war

der kleine, schwarze Hans, der dem Vater und dem Bruder voranlief. Ich

hatte doch rechtes Herzklopfen. »Du wirst sie lieb haben, meine Kinder,«

hatte Heinrich gesagt, ehe er ging. Und mein »Ja« war aus vollem Herzen

gekommen. Nun aber war mir bang. Sie waren bei ihrer Mutter gewesen --,

würden sie der jungen Frau ihres Vaters nun nicht wie einer Feindin

begegnen? Würde all meine Liebe, die ich ihnen entgegenbrachte, weil sie

Heinrichs Söhne waren, ihr Mißtrauen besiegen können?

Sie stürmten die Treppe hinauf. »Fein, daß du jetzt die Mama bist!« rief

Wölfchen. Hans sah mich nur groß an und kramte in seinem Rucksack nach

einem halbverwelkten Alpenrosensträußchen, das er mir mitgebracht hatte.

»Ihr müßt recht brav sein, damit Ihr so eine gute Mama verdient,« sagte

Heinrich. Ich warf ihm einen flehenden Blick zu. Er sollte mich nicht

loben, -- jetzt, da sie von der eigenen Mutter kamen. Aber ich hatte

ihnen wohl tiefere Empfindungen angedichtet, als sie besaßen. Sie waren

vergnügt, selbst Hans wurde gesprächig; und als ich sie zu Bett brachte,

waren sie ganz von selbst zärtlich zu mir geworden.

»Ich danke dir, Alix,« sagte Heinrich mit warmer Betonung. »Noch hast du

zum Dank keine Ursache,« antwortete ich. Mir war seltsam beklommen

zumute.

Als wir schlafen gingen, öffnete ich gedankenlos die Tür zum Zimmer der

Kinder, -- es hatte mir in den acht Tagen seit unserem Einzug als

Ankleideraum gedient --, erschrocken fuhr ich zurück: »Bist du's,

Mutter?« rief eine schlaftrunkene Stimme. Ganz leise zog ich die Türe

wieder ins Schloß; auf Zehenspitzen schlich ich ins Bett. »Liebste --

Einzigste!« flüsterte Heinrich und zog mich in seine Arme. Noch waren

wir in den Flitterwochen unserer jungen Ehe, und uns war, als ob jeder

Tag und jede Nacht uns einander aufs neue schenkte. Heute aber wehrte

ich dem Geliebten mit einem ängstlichen Blick auf die Tür, -- kaum daß

ich seinen Kuß zu erwidern wagte. Wir waren nicht mehr allein.

Zehnjährige Knaben sind hellhörig.

Am nächsten Morgen ging ich mit ihnen in die Stadt. Ich hatte mich

überzeugt, daß sie ganz neu eingekleidet werden mußten, auch die

Schulbücher galt es anzuschaffen. In recht gedrückter Stimmung kam ich

nach Hause; die Einkäufe hatten ein großes Loch in mein Portemonnaie

gerissen. Siebenzig Mark, -- das war der ganze Rest meiner Erbschaft;

auf unsere Reisen, auf die Wohnungseinrichtung war sie draufgegangen;

Heinrich hatte schließlich auch noch den ganzen Haushalt der

geschiedenen Frau mitgegeben, und es war nun nötig geworden, alles

Fehlende zu ersetzen. Gewiß: ich hätte weniger ausgeben können --; ich

hatte an nichts anderes gedacht, als unserer Liebe ein Heim zu schaffen,

das ihrer würdig war. Glückselig hatten wir in den Tag hineingelebt; nun

erst schien das Alltagsleben anzufangen, ganz nüchtern, ganz prosaisch,

mit seinen täglichen kleinen Forderungen und seinen persönlichen Sorgen,

in deren Schwüle der Altruismus so leicht verdorrt und der Egoismus

üppig emporwuchert. Mir sank der Mut: wie würde Heinrich, der, wie es

schien, an die Unerschöpflichkeit meiner Kasse ebenso fest geglaubt

hatte wie ich, die unerwartete Nachricht aufnehmen? Ich war bei Tisch,

-- dem ersten Mittag zu Hause, wir hatten bis dahin wie lustige

Studenten stets irgendwo draußen gegessen, -- nicht gerade redselig.

Gut, daß die Buben so viel zu erzählen wußten!

Als wir uns am Schreibtisch allein gegenübersaßen, Korrekturen und

Manuskripte vor uns, bekannte ich Heinrich meine Entdeckung. Er sah mich

ganz entgeistert an. »Aber das ist doch nicht möglich!« sagte er

schließlich und strich sich mit der Hand über die heiße Stirn. »Du hast

dich bestehlen und betrügen lassen --«, fuhr er dann los mit einem

Ausdruck und einer Stimme, die ihn mir vollkommen fremd erscheinen

ließen. Entsetzt starrte ich ihn an: so hatte mein Vater ausgesehen,

wenn ich vor dem Ausbruch seines Zorns verängstigt aus dem Zimmer

entfloh. Mir stürzten die Tränen aus den Augen. »Und nun weinst du auch

noch, -- als ob damit geholfen wäre --« rief Heinrich aufgeregt. Ich

drückte mein Taschentuch vor die Augen, stand auf und riegelte

geräuschvoll die Schlafzimmertür hinter mir zu. Ich hörte, wie er die

Entreetür krachend ins Schloß warf. Es war die erste, ernste Differenz

in unserer Ehe. Aber schon als ich ihn mit langen Schritten unten über

den Lützowplatz gehen sah, war mein Kummer verflogen. Ich hätte ihn,

ohne Rücksicht auf die Verwunderung der Menschen, zurückgerufen, wenn

meine Stimme ihn erreicht haben würde. Nun stand ich weit hinausgelehnt

auf der Loggia und winkte mit dem Tuch, das noch feucht von meinen

Tränen war. Mitten auf dem Platz stand eine alte Frau mit einem Korb

voll Rosen. Seine Schritte verlangsamten sich, als er in ihre Nähe kam.

Zögernd ging er an ihr vorüber. Dann aber drehte er um, ganz rasch, als

habe er etwas sehr Wichtiges vergessen; ich sah, wie er der alten Frau

alle Rosen aus dem Korbe nahm, und den Weg hastig zurückging, den er

gekommen war. In diesem Augenblick hob er den Kopf und sah mich. Er

winkte mit der Hand voll Blumen. Ich lief die Treppe hinab, ihm

entgegen. Wir sanken einander in die Arme. »Verzeih mir, Geliebte,

verzeih!« flüsterte er. »Was sollte ich dir zu verzeihen haben ...!«

Noch am Abend fuhr er nach Frankfurt, um Hall um einen Vorschuß zu

bitten; vierundzwanzig Stunden später depeschierte er: »Anstandslos

bewilligt. Sei ohne Sorgen.«

* * * * *

»Nun müssen wir doch wohl ein paar Besuche machen,« meinte Heinrich

seufzend, ein paar Tage später, »bei meinem Bruder, bei August, bei dem

Alten --«

Wir gingen zuerst zum »Vorwärts« in die Beuthstraße, in dessen Redaktion

mein Schwager tätig war, Dunkle, schmierige Steintreppen führten hinauf.

Nur spärlich drang das Tageslicht in die Redaktionsräume, vor deren

Fenstern ein großes Fabrikgebäude mit dem Rattern seiner Maschinen und

den grauen Gestalten, die sich eilig hin- und herbewegten, als ständiges

Menetekel für die Vertreter der Arbeiterschaft drüben aufgerichtet

schien. Zwischen Haufen von Büchern und Zeitungen saß mein Schwager,

blaß und abgespannt.

Er war immer überarbeitet, denn zu seiner redaktionellen Tätigkeit

lastete er sich stets noch tausend andere Dinge auf.

»Du interessierst dich ja für die Konfektionsarbeiter,« wandte er sich

an mich, »Reinhard und ich bereiten eine Enquete vor. Man muß die

Öffentlichkeit immer wieder mit der Nase auf die Dinge stoßen. Berlepsch

ist abgesägt, die Konfektionäre haben ihr Wort gebrochen, ohne daß ein

Hahn darnach krähte, jetzt gilt's wieder Spektakel machen, sonst ist's

ganz und gar aus mit der Sozialreform.« Ich sicherte ihm freudig meine

Hilfe zu. Und mit jener nervösen Unruhe, die stets das Zeichen geistiger

Überreiztheit ist, schnitt er in der nächsten halben Stunde ein Dutzend

anderer Gesprächsthemen an, um schließlich von seinem Bruder bei der

Frage des Vorwärtskonflikts festgehalten zu werden, der gerade die

Gemüter in der Partei erhitzte und die Gegner sehr beschäftigte, die

überall hoffnungsvoll Unfrieden witterten.

»Ihr habt unrecht von Anfang bis zu Ende,« erklärte Heinrich

kategorisch. »Zuerst in der Ironisierung der Quarckschen Vorschläge und

dann in der unwürdigen Behandlung des alten Liebknecht.« »Was verstehst

du davon?« brummte Adolf.

»Erlaube: von Sozialpolitik verstehe ich ebenso viel wie du. Und

Quarcks Vorschläge liefen darauf hinaus, den Gewerkschaften eine

intensivere Beschäftigung mit sozialpolitischen Fragen ans Herz zu

legen. Darin hat er recht. Sie sind wichtiger, als leichtsinnig

begonnene Streiks.«

»Die Regierung würde auf unsere schönsten sozialpolitischen Kongresse

pfeifen, und die Folge wäre nur eine Verwischung des Klassencharakters

der Bewegung« -- Adolf redete sich in steigende Erregung hinein; jede

Unterhaltung schien sich in der Familie Brandt zum Streit auszuwachsen;

-- »selbst einen verlorenen Streik, der sie trotz alledem stärkt, weil

er die Erbitterung steigert, ziehe ich einem Liebäugeln mit bürgerlicher

Sozialreformerei vor. Und was den Alten betrifft --, ich möchte sehen,

was du tätest, wenn du mit ihm in der Redaktion säßest!« -- »Mich zanken

-- höchst wahrscheinlich! Aber nicht vor der Öffentlichkeit!« Ich hielt

den Augenblick für kritisch und stand auf. »Übrigens habe ich noch was

für dich, Schwägerin,« sagte Adolf und begann seine sämtlichen mit

Papieren vollgestopften Taschen vor uns auszuleeren. Endlich fand sich

der Zeitungsausschnitt, den er suchte.

Ich las: »Zur Palastrevolution im Vorwärts -- cherchez la femme! Wir

erhalten von authentischer Seite folgende interessante Aufklärung über

die tieferen Beweggründe der Empörung der Vorwärtsredaktion gegen ihren

Chef, Wilhelm Liebknecht. Frau von Glyzcinski, alias Fräulein Alix von

Kleve, heiratete kürzlich Dr. Brandt, einen der Vorwärtsredakteure. Ihr

brennender Ehrgeiz, der das Ziel verfolgt, das Zentralorgan der Partei

in die Hand zu bekommen, ist es, der die Intrige anzettelte. Eine

Dynastie Brandt dürfte die Dynastie Liebknecht nunmehr ablösen.«

»Verlogenes Pack!« knirschte Heinrich. Adolf lachte. »Beruhige dich,«

sagte er zu ihm, »wir bringen heute schon eine Berichtigung --« »Und wir

gehen sofort zu Liebknechts, um der Geschichte die Spitze abzubrechen.«

Adolf hielt uns noch einmal zurück: »Ich rate euch dringend, den Besuch

zu unterlassen. Der Alte kümmert sich freilich um keinerlei Geklatsch,

aber Frau Natalie erzählt in allen Parteikaffeekränzchen

Räubergeschichten über euch, die sie von deiner geschiedenen Frau gehört

haben will. Sie ist euch noch feindseliger gesinnt als Leo.« »Leo?!«

wiederholte Heinrich überrascht. So hieß jener Freund, auf dessen

enthusiastische Schilderung hin er die Bekanntschaft Rosaliens gesucht

hatte. »Das weißt du nicht?!« staunte Adolf. »Jedem, der es hören oder

nicht hören will, zählt er haarklein deine Sünden auf: daß du Rosalie

gezwungen habest, nach England zu gehen, um hier -- na, sagen wir:

ungestört zu sein, daß du sie selbst im Wochenbett nicht geschont,

sondern ihr die Einwilligung zur Scheidung durch unaufhörliche Quälerei

erpreßt hättest und sie, kaum daß sie aufstehen konnte, mit dem Säugling

aus dem Hause getrieben hast.« Heinrich war außer sich. Einer seiner

besten Freunde war Leo gewesen, und er verurteilte ihn, ohne ihn gehört

zu haben!

Wir gingen schweigsam nach Hause. Auf dem Lützowplatz sah ich Frau

Vanselow uns entgegenkommen. Sie bemerkte uns, stutzte und bog hastig in

einen Nebenweg ein. Heinrich sah mich forschend an und zog, wie zum

Schutz, meinen Arm durch den seinen. »Mach dir nichts draus, Schatz. Es

ist alles Gesindel! Du stehst zu hoch, als daß es dich verletzen

könnte.« -- »Und dich?!« fragte ich und zwang mich zum Lächeln. Er biß

sich die Lippen und schwieg.

Fast immer, wenn ich ausging, hatte ich ähnliche Begegnungen: Kein

Zweifel, meine alten Gefährtinnen aus der bürgerlichen Frauenbewegung

wollten mich nicht mehr kennen. Frau Schwabach ging mit hoch erhobenem

Kopf vorüber, wenn sie mich sah, und ich erfuhr aus den Zeitungen von

den Vorbereitungen zum internationalen Frauenkongreß, den einzuberufen

ich im Frühjahr noch mit beschlossen hatte. Man lud mich zu keiner

Sitzung mehr ein, es fehlte nur noch, daß man mir das Referat über die

Arbeiterinnenfrage fort genommen hätte, das mir seit Monaten übertragen

worden war. Ich schrieb an Frau Morgenstern, um sie daran zu erinnern.

Sie antwortete in sichtlicher Verlegenheit: »Wir glaubten nicht, daß Sie

noch Wert darauf legten, geschieht es dennoch, so können wir Sie

natürlich nicht hindern.«

Nach all diesen Erfahrungen sah ich dem Besuch bei Bebels nicht ohne

Herzklopfen entgegen, obwohl wir zu unserer Hochzeit ein

Glückwunschschreiben erhalten hatten. Vielleicht war das nichts als eine

Höflichkeit gewesen; ich fing an, mißtrauisch zu werden, und etwas wie

Verbitterung bemächtigte sich meiner. Um so freudiger war ich

überrascht, als die gute Frau Julie uns herzlich willkommen hieß. Vor

Rührung und Dankbarkeit wäre ich ihr fast um den Hals gefallen. Und wenn

ich in Bebel bisher den Vorkämpfer des Sozialismus bewundert hatte, --

von dem Augenblick an, wo er mir mit einem freundlichen: »Nun sind Sie

ganz die unsere« kräftig die Hand schüttelte, verehrte ich ihn um seiner

Menschlichkeit willen.

Ich beklagte mich über die Behandlung durch die vielen anderen, --

selbst durch Parteigenossen. »Sie wundern sich noch, daß Ihre Geschichte

so viel Staub aufgewirbelt hat?!« sagte Bebel. »Da kennen Sie unsere

männlichen und weiblichen Philister schlecht! In der Theorie läßt man

sich allerlei bieten, aber in der Praxis -- nein, das geht doch nicht!

Wo bliebe da die Moral!! Meine Frau und ich haben schon schwer für Sie

kämpfen müssen --«

»So laß doch, August, -- das erzählt man doch nicht!« wehrte Frau Julie

errötend ab, während ich ihr dankbar die mütterlich-weiche Hand drückte.

»Warum denn nicht?« meinte er. »Es ist besser, Brandts sind orientiert,

als daß sie täglich aufs neue unangenehm überrascht werden.«

»Ich hörte, daß Leo sich sehr feindselig benimmt?« fragte Heinrich.

»Und ob! Aber auch mit Singer habe ich mich schon herumgestritten, so

daß er mich schließlich fragte, ob ich ihn für einen Philister hielte,

was ich bejahte. Daß Frau Liebknecht gegen Sie beide Partei ergreift,

war bei ihren Anschauungen gar nicht anders zu erwarten. Bei den Frauen

müssen Sie sowieso darauf gefaßt sein, daß sie von einem wahren horror

ergriffen sind. Im Mittelalter hätten sie Sie als Hexe verbrannt, heute

werden Sie von hundert Mäulern begeifert und auf hundert Federn

gespießt.«

»Und da läßt sich gar nichts machen?« Meinem Mann schwollen die Adern

an den Schläfen. »Warten Sie's ab, daß ist der einzige Rat, den ich

geben kann. In vier Wochen stürzen sich die Raubtiere auf irgendeinen

anderen armen Piepmatz, der so vermessen ist, fliegen zu wollen.«

Frau Julie fragte nach meinen Eltern. Ich erzählte freimütig, was wir

durchgemacht hatten. »Arme, junge Frau -- arme junge Frau,« wiederholte

sie immer wieder und streichelte mir die Wange.

»Mach unsere Genossin nicht noch weicher, als sie ist,« sagte er -- »Sie

müßten statt dessen in Drachenblut baden! Aber eins wird Sie trösten:

die Arbeit in der Partei. Damit werden Sie schließlich auch die bösesten

Zungen zum Schweigen bringen.«

Wir schieden wie Freunde. Ich fühlte mich neu gekräftigt und voll

Hoffnung. Als wir ein paar Tage später zu Bebels geladen wurden, sah ich

diesem Ereignis mit erwartungsvoller Freude entgegen. Eine Gesellschaft

freier Geister, die die höchsten Ideale der Menschheit vertreten --

meine Sehnsucht, seit ich denken konnte --, würde sich bei ihnen

zusammenfinden: unsere Gefährten auf dem Weg in die Zukunft.

Lautes Stimmengewirr schlug uns entgegen, als wir an jenem Abend über

die gastliche Schwelle traten. Es verstummte jählings, sobald die Türe

vor uns aufging. Sie haben eben von uns gesprochen, dachte ich

unwillkürlich. Ich wurde vorgestellt und aufs Sofa gezogen. Auf dem

Tisch davor stand eine blendende Petroleumlampe. Neben mir saß eine

große, dicke Dame, die sich nicht anlehnen konnte, weil sie zu eng

geschnürt war. Sie war selbstbewußt wie anerkannte Schönheiten, warf

ihre braunen Augen siegessicher umher und behandelte mich sehr gnädig.

Ein Herr mit einem schwarzen Vollbart, der wie gut gewichste Stiefel

glänzte, rückte ihr mit seinem Stuhl immer näher und schlug sich bei

jedem Witz, den er erzählte, schallend auf die Schenkel. Er versuchte,

auch mich ins Gespräch zu ziehen. »Sie sind ja, Gott Lob, auch eine

vorurteilslose Frau,« sagte er und zwinkerte vertraulich mit den Augen.

Ich wandte mich ostentativ zur anderen Seite den Damen zu, die Frau

Bebel an den Tisch führte. Aber die Unterhaltung blieb an den

oberflächlichsten Phrasen kleben. Dazwischen hörte ich mit halbem Ohr

das Gespräch der beiden neben mir. Seine Witze wurden immer eindeutiger,

in irgend einer Friedrichsstraßen-Bar mochte er sie nicht anders

erzählen. Endlich ging's zu Tisch; ich hatte den Ehrenplatz neben Bebel.

Man sprach über die lieben Mitmenschen genau wie bei den »sauren Möpsen«

schrecklichen Angedenkens, die ich in den verschiedenen Garnisonen

meines Vaters hatte mitmachen müssen, und an Stelle von Regiments- und

Manövergeschichten über interne Parteiaffären. Da ich nichts von ihnen

verstand, konnte ich die Gesellschaft um so mehr beobachten; die Damen

waren sehr erhitzt, und wenn der Nachbar eine Bemerkung machte,

kicherten sie unaufhörlich. Die Hausfrau ging von einem zum anderen, um

zum Essen zu nötigen. Ich fing an, mich zu amüsieren, -- nicht mit den

Gästen, sondern über sie, -- und schämte mich doch wieder, daß meine

Beobachtung so kleinlich an lauter Äußerlichkeiten kleben blieb. Ich

wußte doch von vorn herein: hier waren keine Montmorencys. Aber so etwas

wie eine Gesellschaft bei Madame Roland vor 89 hatte ich mir doch wohl

vorgestellt.

Zwischen Fisch und Braten benutzte ich die Gelegenheit, um meines

Nachbarn Ansicht über den bevorstehenden Frauenkongreß einzuholen. Eine

Notiz in Wanda Orbins Zeitschrift hatte mir zu denken gegeben. »Die

Genossinnen haben beschlossen, die Einladung zum Kongreß abzulehnen,«

hieß es darin.

»Ich kann Ihnen nur raten, sie ruhig anzunehmen, ohne Rücksicht darauf,

wie Frau Wanda sich stellt,« sagte Bebel und warf mit einer lebhaften

Bewegung die widerspenstigen Haare aus der Stirn. »Ich befinde mich mit

ihr stets in kleinen Konflikten wegen der ungeschickten Taktik und der

oft recht gehässigen Art, mit der sie die bürgerliche Frauenbewegung

bekämpft. Sie käme mit einer sachlichen, ruhigen Darstellung viel

weiter. Haben Sie zum Beispiel gelesen, was sie über die Resolutionen

schrieb, die hier in vier großen Versammlungen zwischen der zweiten und

dritten Lesung des Bürgerlichen Gesetzbuchs zur Annahme gelangten?«

Ich nickte: »Mich hat überhaupt gewundert, daß von seiten der

sozialdemokratischen Frauen so wenig geschah. Das Bürgerliche Gesetzbuch

hätte zu einer großen Protestbewegung Anlaß genug gegeben!«

»Sicherlich!« bekräftigte er, »und statt den gegebenen Anlaß zu

benutzen, lehnte Frau Wanda den Anschluß an den Protest der bürgerlichen

Damen ab --, nicht etwa wegen dem, was darin steht, sondern wegen dem,

was nicht darin steht! Mich amüsiert der Vorgang besonders deshalb, weil

ich selbst den Resolutionen, die Frau Vanselow mir schickte, ihre letzte

Form gegeben habe.«

»Sie scheinen mir mehr von der bürgerlichen Frauenbewegung zu halten,

als ich, die ich aus ihr hervorging,« meinte ich lächelnd.

»Die Distanz verändert immer das Urteil,« antwortete er. »Ich mache mir

aber keinerlei Illusionen, finde nur, daß es taktisch richtiger gewesen

wäre, die Empörung der bürgerlichen Damen über die Haltung des

Reichstags für uns auszunutzen, als sie so plump, wie Frau Wanda es tat,

vor den Kopf zu stoßen. Die Frauen haben tatsächliche Fortschritte

gemacht und sind mit ihren männlichen Parteigenossen, den Liberalen,

nicht in einen Topf zu werfen.«

Ich erinnerte ihn an das erwachende Interesse, das sie seit dem

Konfektionsarbeiterstreik für die Arbeiterinnenfrage an den Tag legten.

»Auch auf dem Kongreß wird sie im Verhältnis zu früheren Zeiten einen

breiten Raum einnehmen.«

»Ein Verdienst Glyzcinskis und Ihrer Zeitschrift --, das werden Sie sich

hoffentlich nicht verhehlen,« warf er ein. »Im übrigen ist das natürlich

die schwächste Seite der Damen und wird es bleiben. Sie können ihnen ja

darüber tüchtig die Leviten lesen. Mit Ausnahme der christlich-sozialen

Frauen jüngerer Richtung verstehen sie nicht einen Deut von ihr.«

Christlich-sozial, -- das war das Stichwort zur Verallgemeinerung des

Gesprächs. Göhre hatte eben sein Pfarramt niedergelegt, Naumann plante

eine Tageszeitung; die offene Trennung der Gruppe, die sich um ihn

gebildet hatte, von der Stöckerpartei, war eine schon fast vollendete

Tatsache. Man stritt mit steigender Lebhaftigkeit über ihre Ansichten,

über die Bedeutung, die sie für die Sozialdemokratie haben könne.

»Nichts als ein Unterschlupf für die Möchtegern- und

Kanndochnicht-Politiker; Offiziere ohne Armee, die mit den Jahren nach

rechts abschwenken,« sagte der mit dem schwarzen Bart und zog ihn

schmeichelnd durch kranke, blutleere Finger »Es wird unsere Sache sein,

ihnen die Entwicklung zu uns zu ermöglichen,« hörte ich Heinrichs

Stimme. »Sie sind immer ein Ideologe gewesen, lieber Brandt,« antwortete

ihm eine andere, »sollten wir uns um eine Handvoll Intellektueller die

Beine ablaufen, wo Millionen Arbeiter noch nicht die unseren sind?!«

»Gerade um die Millionen zu gewinnen, brauchen wir eine solche

Handvoll --,« entgegnete Heinrich.

»Dafür lassen Sie nur ruhig die Verhältnisse sorgen,« sagte Bebel

lebhaft, »sie werden uns schneller, als ihr alle glaubt, die Massen

zutreiben. Noch ein paar Jahre Flottenrummel, einige Reden von S. M..«

»Und wir werden glücklich ein Dutzend Mandate mehr haben --, oder meinst

du wirklich, wir sprängen dann schon mit beiden Beinen in den

Zukunftsstaat?!« Der mit gutmütigem Spott gesprochen und bisher fast

immer geschwiegen hatte, war Ignaz Auer. Auf meine rasch entzündliche

Begeisterung, die Bebels Worte ganz anders ergänzte, wirkten die seinen

wie ein kalter Wasserstrahl. Anderen schien es ähnlich zu gehen, das

Gespräch verlor seinen allgemeinen Charakter; man stand auf. Nach ein

paar Höflichkeitsphrasen wurde der weibliche Teil der Gesellschaft in

das Wohnzimmer genötigt; die Herren rückten mit ihren Zigarren um den

Eßtisch zusammen, und durch die Tür klang ihre laute Unterhaltung. Bei

uns drinnen sprach man von Fleischpreisen und Kochrezepten; keine der

anwesenden Frauen schien in der Parteibewegung irgend eine aktive Rolle

zu spielen. Fragen von allgemeinerem Interesse wurden nicht berührt. Nur

die große, dicke Frau, deren Schönheit und Geist mir inzwischen

irgendwer gepriesen hatte, stellte sich wie ein Inquisitor kerzengerade

vor mich hin und fragte: »Wie denken Sie über Ibsen?« Die anderen

richteten selten ein Wort an mich; im Hintergrund schienen sie über mich

zu tuscheln, und ich fühlte ihre Blicke, die musternd auf mir ruhten.

Auf dem Heimweg konnte ich mir endlich Luft machen. »Das sind ja alles

Philister --,« brach ich los, »vom Herrn Amtsrichter in Neu-Ruppin hätte

ich nichts anderes erwartet.« Heinrich lachte.

»Glaubst du, die politischen Ideale könnten aus ihren Vertretern

gewandte Salonhelden machen?«

»Das nicht. Aber freiere Menschen.«

»Darüber dürften Generationen vergehen. Die Gewohnheit ist wie eine Haut

und läßt sich nicht auf einmal abziehen. Du mußt unsere Genossen bei der

Arbeit kennen lernen, nicht beim Souper.«

* * * * *

Die erste Gelegenheit dazu bot sich bald. Adolf lud uns ein, der Sitzung

der Gewerkschaftskommission beizuwohnen, in der die Vorschläge Dr.

Quarcks erörtert werden sollten. In einem Lokal der Kommandantenstraße

fand sie statt. Durch die enge Kneipe, wo es nach schlechtem Fett und

süßlichem Schnaps roch, und den regenfeuchten dunkeln Garten, wo ein

paar verkümmerte Kastanien zwischen haushohen Mauern einen endlosen

Todeskampf führten, ging es in die große, hölzerne Veranda, deren

spärliche Gasflammen die dichtgedrängte Menge unruhig beleuchteten.

Gegen hundert verschiedene Berufe waren durch ihre Delegierten

vertreten, fast lauter ernste, ältere Männer im Sonntagsrock, die

Zigarre zwischen den Lippen, den Bierkrug vor sich; nur zwei Frauen

unter ihnen: Martha Bartels und Ida Wiemer. Sie sahen uns kommen. Aber

während Martha Bartels den leeren Stuhl neben sich hastig aus der Reihe

schob und meinen Gruß frostig und fremd erwiderte, kam uns Ida Wiemer

freundlich entgegen und zog uns an ihren Tisch. »Haben Sie die Bartels

gesehen?« flüsterte sie mir zu. »Sie hat den Moralkoller, wie alle alten

Jungfern.« Mühsam drängte sich Reinhard mit seinem steifen Bein durch

die Reihen, um uns die Hand zu schütteln. »So kann ich Ihnen noch

persönlich gratulieren,« sagte er herzlich, »und uns dazu, weil Sie nun

ganz Genossin sind.«

Er war der Referent des Abends. Mit einer Schärfe, die mir die

Wichtigkeit der Sache zu überschätzen schien, wandte er sich gegen die

Vorschläge Quarcks. Erst allmählich hörte ich das Leitmotiv aus seiner

Rede heraus: den Gewerkschaften die Beratung und Beschlußfassung

sozialpolitischer Fragen überlassen, hieße den Frieden zwischen

Gewerkschaft und Partei gefährden, hieße den Parteitagen, die sich

bisher allein damit beschäftigt haben -- »den Bedürfnissen und

Interessen der deutschen Arbeiterklasse vollständig entsprechend« --,

Sonderorganisationen gegenüberstellen, in die der Einfluß bürgerlicher

Sozialreformer einzudringen imstande sein würde. Die folgende

Diskussion verschärfte noch den Eindruck, den ich gewonnen hatte.

Es fielen harte Worte, vor denen ich erschrak, weil sie mir eine

Vorahnung dessen gaben, was mir bevorstehen mochte. »Ein Mensch, der in

seiner bürgerlichen Existenz Fiasko gemacht hat, will uns, -- lauter

alte erprobte Gewerkschafter, -- auf neue Wege führen,« sagte der eine

unter dem Applaus der Anwesenden. »Erst soll er, wie jeder Arbeiter

auch, in die Schule gehen, ehe er das Maul aufreißt.« -- »Eine

Sozialpolitik, wie Quarck sie empfiehlt, ohne Parteipolitik, ist nichts

als jene Politik bürgerlicher Reformer, zu denen er im Grunde noch

gehört,« rief ein anderer. »Wenn er mit seiner bescheidenen

Parteistellung nicht zufrieden ist, dann hätte er lieber gleich sagen

sollen: für einen so großen Mann wie mich muß eine Extrawurst

gebraten werden, statt seine Wünsche hinter die Forderung eines

Zentral-Gewerkschaftsbureaus zu verstecken,« meinte ein dritter Redner,

dem die verbissene Wut aus dem roten Gesicht leuchtete. Erhob sich die

Debatte über persönliche Gehässigkeiten hinaus, so stand auf der einen

Seite die geschlossene Phalanx derer, die mit leidenschaftlichem Eifer

den Nachdruck auf die Gewinnung der politischen Macht durch die

Gesamtheit der Partei gelegt wissen wollten und den Gewerkschaften den

internen Kampf um bessere Lohn- und Arbeitsverhältnisse als alleinige

Aufgabe zuwiesen, auf der anderen Seite die sehr Wenigen, aus deren

Worten die Unzufriedenheit mit der praktischen Gegenwartspolitik der

Partei leise herausklang, und die vom Einfluß der Gewerkschaften auf

die soziale Gesetzgebung ein Wiederaufleben der Sozialreform erhofften.

Ganz nebenbei erwähnte auch jemand, daß unsere Vereinsgesetzgebung den

Gewerkschaften aus der Beschäftigung mit Sozialpolitik einen Strick

drehen und die Organisierung der Frauen unmöglich machen könnte. Keiner

ging weiter auf diese Bemerkung ein, auch die Frauen schwiegen, ich war

zu schüchtern, um in diesem Kreis für mein Geschlecht eine Lanze zu

brechen. Mir schien dieser Grund ausschlaggebend, um die Vorschläge

unausführbar zu finden.

Ich fühlte mehr, als daß ich verstand: unter diesen Männern, die so

eifrig debattierten, die alle so selbstverständlich nur ein Ziel im Auge

hatten, das Wohl ihrer Klasse, schlummerten Gegensätze, die irgendwann

und -wo an die Oberfläche würden treten müssen.

Wir gingen noch zusammen ins Kaffee: Reinhard, der Schwager, die beiden

Frauen und wir. Martha Bartels hatte sich erst durch Reinhards langes

Zureden dazu bewegen lassen. »Wir müssen doch unsere Enquete

besprechen,« hörte ich ihn noch sagen, als sie sich uns näherte. Ida

Wiemer stieß mich mit dem Ellbogen an und schob dann vertraulich ihren

Arm in den meinen: »Sie wissen doch: Genossin Bartels verbreitet, daß

Sie nur, um einen Mann zu finden, in die Partei kamen.«

Das gab meinem Herzen einen Stich: Martha Bartels war fast die einzige,

die die Motive meines Schritts hätte richtig beurteilen müssen. Sie

blieb steif und zurückhaltend und taute erst auf, als Adolf vorschlug,

ein paar Frauenrechtlerinnen, die sich während des Streiks bewährt

hatten, zur Arbeit heranzuziehen. »Niemals!« rief sie leidenschaftlich.

»Wir werden ihnen doch nicht die Beziehungen zur Arbeiterschaft

vermitteln, die sie nur für ihre Zwecke ausnutzen würden. Die

Christlich-Sozialen vor allem gehen nur auf den Gimpelfang aus!« Es war,

als ob ich Wanda Orbin sprechen hörte. Aber ich konnte nicht anders, als

ihr recht geben. Halb mißbilligend, halb verwundert sah Frau Wiemer, die

andrer Ansicht war, mich an, und beim Weggehen sagte sie mit einem

gereizten Ton in der Stimme. »Sie stellen sich auf ihre Seite -- nach

allem, was ich Ihnen von ihr erzählt habe?!« Die Reihe, zu staunen, war

jetzt an mir: »Hier handelt es sich um die Sache, -- nicht um die

Person!«

Auf der Heimfahrt fühlte ich mich plötzlich sehr unwohl. War es der

Tabaksqualm, den ich nicht vertragen konnte, war es die feuchte

Nachtluft, -- ich kam nur schwer die steilen vier Treppen hinauf und

warf mich angekleidet aufs Bett. Heinrich zündete das Nachtlämpchen an.

Es glühte auf dem Tisch wie ein verirrter Stern, -- und die meergrünen

Wände waren wie ein milder Sommerabendhimmel, auf den das rote Glas der

Lampe rosige Wölkchen malte. Heinrich nahm mir die Schildpattkämme aus

den Haaren --, mein Kopf wurde freier; er zog mir Schuhe und Strümpfe

aus und rieb meine eiskalten Füße zwischen seinen Händen, von denen

wohlige Wärme mir durch den ganzen Körper strömte. »Ist dir jetzt

besser, mein Schatz?« fragte er besorgt mit dem weichsten Ton seiner

Stimme. Ich sah ihn dankbar an --, dabei blieb mein Blick über seine

Schulter hinweg an einem Bilde haften; ich hatte es selbst dorthin

gehängt, ich wollte es immer vor Augen haben, ich hatte verlegen

gelächelt, als Heinrich wissen wollte, warum. Und jetzt -- in

glückseligem Erschrecken preßte ich beide Hände aufs Herz --: glänzte

nicht in den tiefen Dichteraugen des lockigen Ganymed von Watts ein

Funken lebendigen Lebens? Ich sank in die Kissen zurück, Tränen strömten

mir aus den Augen, -- war's möglich, daß ich vor der Erfüllung meiner

tiefsten Sehnsucht stand?!

Am nächsten Morgen kam die Ärztin. Sie lachte über die Erregung, mit der

ich sofort und ganz sichere Auskunft von ihr haben wollte, und sagte

nichts anderes als: »Vielleicht!« Ich klammerte mich an dies Vielleicht,

ich drehte es jeden Tag hundertmal hin und her, ob es sich nicht doch in

ein Gewiß verwandeln könnte. Allerhand gespenstische Vorstellungen

quälten mich: als hätte die Frau, die mir hatte Platz machen müssen,

eine geheimnisvolle Macht über meinen Schoß, als könnten ihre

Raubtierhände das Fünkchen Leben zerdrücken. Mein Mann wurde heftig und

schalt meine Torheit, wenn ich von meinen Ängsten sprach. So war ich

denn ganz allein mit ihnen. Hätte ich nur eine Freundin, -- oder eine

Mutter --, dachte ich oft.

Um die Zeit kamen Mutter und Schwester aus Pirgallen zurück. »Ich muß

Euch, ehe Hans wieder in Berlin ist, allein sprechen,« schrieb sie und

kündigte ihren Besuch für denselben Tag an. Ich war nicht ganz ohne

Furcht: sie hatte es doch wohl übel genommen, daß wir ihr Anerbieten,

bei unserer Hochzeit zugegen zu sein, immer wieder abgelehnt hatten.

Zuerst würde sie darum ein bißchen steif sein, aber dann --, sie würde

doch fühlen müssen, wie es um mich stand! Mit ausgestreckten Händen ging

ich ihr entgegen, -- ich sehnte mich nach einer Mutter! Aber sie

übersah sie, -- vielleicht weil der Flur dunkel war. Und sie atmete

rasch und war sehr rot, -- vielleicht weil die Treppe sie überanstrengt

hatte. Sie sah sich gar nicht um in unserem Zimmer, -- und ich hatte es

ihr zum Empfang mit lauter leuchtenden Herbstblumen geschmückt.

»Willst du nicht ablegen?« fragte ich zaghaft.

»Nein,« antwortete sie schroff und setzte sich auf den äußersten Rand

des großen Lehnstuhls, der sonst selbst den Fremdesten zwang, sich

behaglich in seine Polster zu lehnen. »Ich komme nur, um eins zu

erfahren, das über unsere künftigen Beziehungen entscheidet --« die

ruhige kühle Frau sprach so rasch, wie ich sie nie hatte sprechen hören.

»Meinen brieflichen Fragen seid Ihr ausgewichen, mir ins Gesicht hinein

könnt Ihr nicht lügen: seid Ihr kirchlich getraut?« Noch härter als das

ihre klang jetzt mein »Nein«. Aus der Tiefe meines verletzten Gefühles

kam es. Die Mutter hatte ich erwartet!! Sie sprang vom Stuhl, blaurot im

Gesicht, mit zitternden Händen ihren Schirm umklammernd. »So ist eure

Ehe ein Konkubinat, und du bist seine Mätresse,« schrie sie mit

gellender Stimme. Ich fühlte, wie das Zimmer sich um mich zu drehen

begann und ein krampfhafter Schmerz meinen Leib zusammenzog.

»So nehmen Sie doch Rücksicht auf Alix' Zustand --, schonen Sie ihr

Kind!« rief Heinrich, mich fest umschlingend, da er sah, wie ich

schwankte. Sie schien einen Augenblick Atem zu schöpfen, dann lachte sie

schneidend: »Schonen?! Hat sie etwa ihre Eltern je geschont?!«

Ich verlor die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich zu Bett.

»Ist sie fort?!« flüsterte ich und sah angstvoll fragend auf den

Geliebten. Er nickte.

»Für diesmal ist es nichts!« sagte die Ärztin ein paar Stunden später.

In meinem Blick muß meine ganze Verzweiflung gelegen haben, denn sie

streichelte mir die Wange wie einem kleinen Kinde und sagte tröstend:

»Um so sicherer wird es das nächste Mal sein!«

* * * * *

Ich erholte mich rasch. Mit der Arbeit versuchte ich gegen den Schmerz

zu kämpfen. Es schien fast, als sollte die Waffe, die so oft

unüberwindlich zu machen vermag, an seiner Riesenkraft zuschanden

werden. Nicht einen Augenblick durfte ich sie aus den Händen lassen, er

hätte mich sonst wieder in seine Gewalt bekommen. Ich bereitete meine

Kongreßrede vor und studierte alles, was über die Lage der Arbeiterinnen

irgend erreichbar war; ich arbeitete mit den Kindern und frischte

heimlich längst vergessene Schulkenntnisse auf, um ihnen helfen zu

können, ich versuchte, der Köchin die alten Kochkünste beizubringen, die

ich einst zu Hause gelernt hatte.

Wanda Orbin überraschte mich eines Morgens dabei. »Was, Sie können

kochen?!« lachte sie. »Ich kann, -- ja,« antwortete ich, »aber ich sehe,

daß die Ausführung meiner Kenntnisse teuer ist; ich werde meiner Köchin

das Feld wieder räumen müssen --.« »Das wird für beide Teile das Beste

sein. Ich hab's zwar auch jahrelang tun müssen, bin aber dafür nicht als

Generalstochter aufgewachsen.« Ein leiser Spott lag in ihren Worten.

»Sie werden überhaupt noch viel lernen müssen, Genossin Brandt!«

»Ich bin davon überzeugt und immer bereit dazu,« antwortete ich kühl.

»Dann wollen wir gleich damit anfangen. Ich fand ihren Namen auf dem

Kongreßprogramm --, Sie müssen ihn zurückziehen!«

Überrascht sah ich auf. Sie hatte mit dem Ton einer Vorgesetzten

gesprochen. »Warum?! Bebel hatte gegen meine Teilnahme nichts

einzuwenden!«

»Bebel! Er sieht die Dinge aus der Vogelperspektive, vor allem die

Frauenbewegung. Die Genossinnen haben beschlossen, die Aufforderung zu

offizieller Beteiligung abzulehnen.«

»Ich weiß,« entgegnete ich; »im Frühjahr aber, zur Zeit, als ich das

Referat übernahm, bestand dieser Beschluß noch nicht. Ich würde meinen

Rücktritt, so kurz vor dem Kongreß, für einen Wortbruch halten, der um

so weniger zu entschuldigen wäre, als ich selbstverständlich mein Thema

auf Grund meiner politischen Überzeugung behandeln werde und es für dies

Publikum sehr nützlich ist, auch diese ihm ganz fremde Seite kennen zu

lernen. Zahlreiche Elemente, die der bürgerlichen Frauenbewegung in die

Arme liefen -- die Lehrerinnen, die Handelsangestellten, die

Beamtinnen --, gehören ihrer ganzen Lage nach zu uns. Wir können sie nur

gewinnen, wenn wir ihnen bis ins feindliche Lager nachgehen --«

Frau Orbin unterbrach mich. »Sie irren. Diese Leute kommen für uns

zunächst gar nicht in Betracht. Und wenn Sie wirklich durch Ihre

Überredungskünste« -- sie schürzte wieder spöttisch die Lippen -- »zwei

oder drei gewinnen würden, stünde der Nachteil, den Ihre Teilnahme an

einer bürgerlichen Veranstaltung zur Folge hätte, gar nicht im

Verhältnis zu diesem minimalen Gewinn.« Ich sah sie fragend an. Sie

stand auf, ging ein paarmal im Zimmer auf und nieder und blieb dann

dicht vor mir stehen.

»Sie sind eben erst die Unsere geworden,« sagte sie mit einer Art

mütterlicher Freundlichkeit, »Sie sind Aristokratin, -- Gründe genug, um

Ihnen mißtrauisch zu begegnen, um Ihnen die Tätigkeit in der Partei, von

der ich so viel erwarte, sehr zu erschweren. Und nun wollen Sie noch als

einzige, -- gegen unseren Beschluß, -- an diesem einseitig

feministischen Kongreß teilnehmen! Das verstehen die Genossinnen nicht.

Und wenn Sie dabei mit Engelszungen den Sozialismus verkündigen würden,

sie hören Sie nicht, -- sie sehen darin doch nichts anderes, als daß Sie

eben noch zu jenen gehören. Ich habe gestern Ihretwegen einen schweren

Kampf gehabt: die Genossinnen weigern sich unbedingt, Sie zur internen

Arbeit zuzuziehen, wenn Sie nicht durch Unterwerfung unter unseren

Beschluß Ihre Zugehörigkeit zu uns dokumentieren.« Sie zögerte und sah

mich erwartungsvoll an. Als ich noch immer schwieg, legte sie mir beide

Hände auf die Schultern und fuhr mit eindringlicher Stimme fort: »Sie

sind in die Partei eingetreten, um für sie zu wirken; wollen Sie sich

aus Rücksicht auf die alten Kolleginnen Ihre künftige Stellung

erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen? Haben die Damen das um Sie

verdient ...?« Sie machte abermals eine Pause. Ich erinnerte mich, wie

Frau Vanselow in einen Seitenweg eingebogen war, um mich nicht grüßen

zu müssen, wie Frau Schwabach mit hochmütig erhobenem Kopf an mir

vorüberging. Aber hatte ich durch meinen Brief an Frau Morgenstern das

Referat nicht erzwungen, -- konnte ich unter diesen Umständen daran

denken, zurückzutreten? Vor allem aber: entsprach es meiner Überzeugung?

»Sie mögen in allem recht haben, -- nur in der Hauptsache nicht: in

Ihrem Beschluß. Würde ich Ihnen nicht selbst als eine Heuchlerin, zum

mindesten als ein Schwächling erscheinen, wenn ich mich ihm fügen wollte

wider besseres Wissen und Gewissen?!« sagte ich. Auge in Auge standen

wir uns gegenüber. Sie ballte die kleinen breiten Fäuste, aus ihrem

Gesicht brannten hektische Flecke, ihre roten Haare umgaben es wie mit

einem Feuerkranz. Ich dagegen erschien ganz ruhig, ganz kühl; ich wußte,

daß kein Blutstropfen meine Wangen färbte; und wie um meine sie

überragende Gestalt zu betonen, reckte ich mich gerade auf.

»Noch nicht das Abc der Demokratie scheinen Sie gelernt zu haben!« rief

sie aus. »Auers Worte kann ich Ihnen entgegenhalten, mit denen er in

Frankfurt vor zwei Jahren seinen aufsässigen Landsleuten diente: 'Das

gehört zum Demokraten und zum Sozialdemokraten, daß er sich sagt: Esel

seid ihr zwar, aber ich muß mich fügen'. Mögen Sie uns meinetwegen für

Esel halten -- der Reichtum Ihrer Erfahrung gibt Ihnen ja wohl ein Recht

dazu! --, wenn Sie aber zu uns gehören wollen, so haben Sie Ihre Person

der Allgemeinheit unterzuordnen.« Jetzt war die untersetzte, kleine Frau

doch die Überlegene. Ich wandte mich ab und lehnte die heiße Stirn an

die kühle Fensterscheibe; -- sie sollte nicht sehen, wie schwer es mir

wurde, mich zu unterwerfen. Aber sie folgte mir.

»Genossin Brandt --,« aus ihrer Stimme war der schrille Ton wieder

verschwunden, der an den Kasernenhof erinnerte, -- »wir haben uns alle

opfern müssen --« Ich sah ihr ins Gesicht. Die scharfen Züge waren weich

geworden. »So will ich Ihnen nicht nachstehen,« antwortete ich. In ihren

Augen leuchtete es auf wie Triumph. Mir war, als ob ihr Händedruck mich

in neue unsichtbare Fesseln schlüge.

»So, -- und nun soll Ihnen eine goldene Brücke gebaut werden,« damit zog

sie mich neben sich aufs Sofa. »Wir erlassen Ihnen den offiziellen

Rücktritt, aber Sie benutzen die kurze Zeit, die Ihnen sowieso nur zur

Verfügung steht, zu einer Erklärung Ihres Standpunktes und überbringen

dem Kongreß unsere Einladung zu den Volksversammlungen, in denen die

Arbeiterinnenfrage in einem Umfang zur Erörterung kommen wird, der ihrer

Bedeutung allein entspricht. Sie müssen es ja selbst schon als eine

skandalöse Zumutung empfunden haben, daß man Ihnen dieselben fünfzehn

Minuten zugestand, die man so welterschütternden Fragen wie den

Volksküchen oder den Kleinkinderschulen auch gewährt hat --«. Ich

bejahte, ohne recht hinzuhören, sie sprach weiter, wie ein unaufhörlich

knarrendes Wasserrad, immer rascher, ohne Absatz. »Den ersten Vortrag in

unseren Versammlungen übernehmen Sie,« -- damit war ihr Redestrom

endlich versiegt. Wir verabschiedeten uns. An der Treppe blieb sie noch

einmal stehen: »Ich hätte fast die Hauptsache vergessen: Wir haben

morgen eine Sitzung. Holen Sie mich um acht Uhr ab; es wird für sie

angenehmer sein, wenn ich Sie einführe.«

So war ich also aufgenommen -- endgültig, aber zu einer rechten Freude

darüber kam ich nicht. So sehr sich mein Nachgeben begreifen und

entschuldigen ließ, so notwendig es vielleicht in der gegebenen

Situation für mich war, ich wurde das peinliche Gefühl dabei nicht los,

einen Wortbruch begangen zu haben. Was mir zuerst wie eine Erleichterung

schien: die »goldene Brücke«, -- kam mir nun vollends wie eine Täuschung

vor. Aber ein Zurück gab es nicht mehr.

* * * * *

Die sozialdemokratische Frauenbewegung stand damals noch immer im

Zeichen des Köller-Kurses. Ihre Bildungsvereine waren unter den

nichtigsten Vorwänden aufgelöst worden; ihre Vorkämpferinnen mußten sich

wiederholt polizeilichen Haussuchungen unterwerfen, jede Korrespondenz

mit Gesinnungsgenossinnen, die man auffand, genügte, um sie als

staatsgefährliche Verbrecher hinter Schloß und Riegel zu setzen. An der

Frauenbewegung blieb daher der Charakter revolutionären

Geheimbündlertums, den die Partei als solche mehr und mehr abstreifte,

noch lange haften. Für die Zusammenkünfte, die notwendig waren, bedurfte

es der größten Vorsichtsmaßregeln, und nur ein kleiner Kreis

vertrauenswürdiger Frauen wurde dazu eingeladen. Die Sitzung, zu der wir

gingen, Frau Orbin und ich, fand bei einem kleinen Parteibudiker in der

Linienstraße statt. Wir vermieden es, durch das Lokal zu gehen -- »hier

gibt's überall Spitzel,« meinte meine Gefährtin --, und bogen in den

dunkeln Torweg ein, stiegen vorsichtig tastend eine stockfinstere Treppe

hinauf und standen einen Augenblick zögernd vor einer Tür, durch deren

Schlüsselloch ein schwacher Lichtschein drang. Ich bemühte mich,

hindurch zu sehen. »Drinnen ist niemand,« sagte ich, »eine Photographie

hängt an der Wand, -- ein Mann mit schwarzem Bart und weißen Locken.« --

»Marx!« rief Wanda Orbin, »so sind wir richtig.« Wir durchquerten den

fensterlosen Raum, dessen stickige Luft mir den Atem benahm, und traten

in die niedrige Stube, die daneben lag. Eine Petroleumlampe hing von der

geschwärzten Decke; mit einem Geruch von schlechtem Tabak schienen alle

Gegenstände im Zimmer, -- die schmutzigen Vorhänge, die fettigen

Zeitungen, die rotgewürfelte Tischdecke, das alte Klavier im Winkel --,

förmlich imprägniert zu sein. Und dazu hatte der frische September

draußen den Rest stickiger Sommergroßstadthitze hier hereingedrängt. Die

Frauen, die um den langen Tisch in der Mitte saßen, schwitzten. Ich

wurde vorgestellt. Mein verbindliches Lächeln begegnete

unfreundlich-neugierigen Blicken. Erst als Wanda Orbin mit

ungewöhnlicher Wärme von mir sprach, meinen Entschluß, dem Kongreß eine

Erklärung abzugeben, statt den angekündigten Vortrag zu halten, mit

großem Nachdruck herausstrich, klärten die Mienen sich auf. Eine kleine

runde Frau, die neben mir saß, streckte mir die arbeitsharte Hand

entgegen: »Na, sehen Se mal, det is scheen von Ihnen!« sagte sie laut

mit feucht schimmernden Äuglein. »Ruhe, Genossin Wengs!« rief die

Bartels vom Tischende hinunter und trommelte mit den Fingerknöcheln auf

den Tisch. Man versuchte parlamentarisch zu verhandeln, aber es

entspannen sich immer wieder Privatunterhaltungen. Endlich schien sich

das Interesse auf einen Punkt zu konzentrieren: die Kassenverhältnisse

eines der aufgelösten Vereine wurden erörtert. Da man Bücher und

Protokolle aus Angst vor Polizei und Staatsanwalt nicht zu führen

pflegte und das kleine Rechnungsbuch aus demselben Grunde eilig

verbrannt worden war, so fehlte es an den nötigen Unterlagen, um zu

einem tatsächlichen Ergebnis zu gelangen. Es kam zu einer heftigen

Debatte. Die arme Frau, die Kassiererin gewesen war, wurde laut und

leise der Unredlichkeit geziehen --, sie hätte unbedingt noch vier Mark

haben müssen und behauptete schluchzend, nichts zu haben.

»Zu all die Arbeet un Schreiberei, die ich vor nischt gemacht hab,«

heulte sie, »soll ich nu noch als Diebin dastehn. In Zukunft macht Euren

Dreck alleene!« Und hinaus war sie. Immer drückender wurde die Luft. Das

Fenster durfte nicht geöffnet werden, man hätte uns vom Hof aus hören

können. Ich erstickte fast in dieser Atmosphäre. Die anderen schienen an

sie gewöhnt zu sein, niemand beklagte sich. »Wir müssen unbedingt die

beiden Hauptpunkte unserer Tagesordnung heute noch erledigen,« erklärte

schließlich Wanda Orbin, nachdem man sich schon zwei Stunden um lauter

persönliche Dinge hin- und hergezankt hatte. »Ich bitte daher ums Wort

zur Frage des bürgerlichen Frauenkongresses.« Man schwieg, und sie fuhr

fort, indem sie nochmals den Standpunkt der Genossinnen begründete, --

mit einer Stimme und einer Ausführlichkeit, als gelte es eine

Volksversammlung zu überzeugen. Machte sie eine Pause, so gab Martha

Bartels das Signal zu allgemeinem Applaus. »Wir sind in der vorigen

Sitzung mit unserer Besprechung zu keinem Abschluß gekommen. Ich frage

die Genossinnen, ob sie sich meinen Antrag, in die Diskussionen des

Kongresses einzugreifen, überlegt haben, und wie sie sich dazu stellen?«

Mit dieser mich nicht wenig überraschenden Frage, schloß sie ihre Rede.

Alles blieb still. Martha Bartels sah erwartungsvoll von einer zur

anderen. »Wir sind wohl alle einer Meinung,« meinte sie dann, »und

können ohne weiteres zur Abstimmung schreiten.« Ich hatte bisher mit

keinem Wort in die Debatte eingegriffen. Man sah mich mißbilligend an,

als ich mich jetzt meldete. Wanda Orbin runzelte die Stirne. »Ich habe

der Sitzung nicht beigewohnt, in der Sie, scheint's, die Angelegenheit

schon hinreichend besprochen haben,« sagte ich, »mir fehlen daher, um zu

einem sicheren Urteil zu kommen, Ihre Gründe. Ich möchte mir deshalb nur

die Frage erlauben, ob es nicht eine Inkonsequenz ist, die Beteiligung

am Kongreß abzulehnen und die Teilnahme an der Diskussion zu

beschließen?« Allgemeines, stummes Erstaunen. Nur Ida Wiemer, die neben

mir saß, stieß mich unter dem Tisch heimlich an und warf mir einen

aufmunternden Blick zu. Mit endlosem Wortschwall suchte Wanda Orbin, vom

Beifallsgemurmel der Anwesenden begleitet, die grundsätzliche

Verschiedenheit beider Arten der Beteiligung auseinander zu setzen. »Es

hieße das Prinzip des Klassenkampfes preisgeben,« sagte sie, »wenn wir

mit bürgerlichen Elementen irgend etwas gemeinsam unternehmen wollten,

aber es gehört zum Klassenkampf, daß wir in der Debatte ihnen

geschlossen gegenüber treten.« »Niemand hinderte uns, in selbständiger

Rede dasselbe zu tun --«, warf ich noch einmal ein. Meine Worte gingen

im allgemeinen Geschwätz, das wieder entfesselt war, verloren. Wanda

Orbin hatte alle Stimmen auf ihrer Seite, -- auch Ida Wiemer. »Wenn man

nicht mittut, wird man gehenkt --,« flüsterte sie mir sich

entschuldigend zu. Ich enthielt mich der Abstimmung. »Wir kommen zum

nächsten Punkt der Tagesordnung: Parteitag,« sagte Martha Bartels, die

den Vorsitz führte. »Genossin Orbin hat das Wort.« »Der Parteitag in

Gotha ist für uns ganz besonders bedeutungsvoll,« begann sie; »die

Frauenagitation steht auf der Tagesordnung. Es ist infolgedessen

wünschenswert, daß viele der tätigen Genossinnen als Delegiertinnen

anwesend sind, damit die praktische Erfahrung neben der theoretischen

Schulung zu Worte kommt. Unsere Resolution ist Ihnen durch die

'Freiheit' bekannt; es hat niemand an ihr etwas auszusetzen gehabt, sie

wird ohne Zweifel zur Annahme gelangen, da sie nichts Neues bringt,

sondern nur das bewährte Alte zusammenfaßt. Nach anderer Richtung jedoch

drohen uns Kämpfe: es liegen Anträge vor, die die Schaffung einer

besonderen Arbeiterinnnenzeitung bezwecken. Ihre Verfasser sind mit

unserer 'Freiheit' unzufrieden. Es ist notwendig, daß die Berliner

Genossinnen klipp und klar dazu Stellung nehmen.« Nun entwickelte sich

etwas wie eine Diskussion. Ein paar Frauen, Martha Bartels voran, lobten

die 'Freiheit' in allen Tönen, Frau Wiemer allein sprach mit dem Wunsch

nach etwas populäreren Artikeln zugleich einen leisen Tadel aus, den

Frau Orbin dadurch entkräftete, daß sie erklärte, die 'Freiheit' sei

gar nicht für die Massen bestimmt, sondern nur für die Führerinnen. Man

war darnach ausnahmslos entschlossen, jede Änderung ihres Inhalts und

jeden Plan eines Konkurrenzunternehmens abzulehnen. Als ich bemerkte,

man möge wenigstens dafür sorgen, daß, als wichtiges Mittel unserer

Agitation, die allgemeine Parteipresse der Frauenfrage einen breiten

Raum gewähre, lachte alles. »Da kennen Se unsere Männer schlecht,«

meinte die dicke Frau Wengs neben mir, »die wollen von uns rein jar

nischt wissen.« »Die mehrschten erlooben den Frauen nich, daß se in ne

Versammlung jehn oder in 'nen Verein. Daheem sollen se sitzen un Strümpe

stoppen,« rief eine andere und ein allgemeines Klagelied über die Männer

hub an; erst die energische Stimme der Orbin stellte die Ruhe wieder

her: »Es ist zwölf Uhr, -- wir müssen zu Ende kommen.« »Jotte doch,

schon zwölwe, un ick habe soo'n weiten Weg,« jammerte Frau Wengs und

erhob sich. Ein paar andere, die schon lange auf ihren Stühlen hin und

hergerückt waren, sprangen auf. »So bleiben Sie doch fünf Minuten,

Genossinnen,« kommandierte Martha Bartels, »wir müssen doch die

Delegiertinnen zum Parteitag noch bestimmen.« Frau Wengs ging eilig zu

ihrem Stuhl zurück, mit ihr die anderen; gespannte Neugierde drückte

sich in den Mienen aller aus. Die Bartels fuhr mit erhobener Stimme

fort: »Vorgeschlagen sind Genossinnen Stein, Wolf und meine Wenigkeit.«

Ein eifriges Geraune und Getuschel setzte ein. »Hat jemand andere

Vorschläge?!« Sie sah drohend umher. Ein Dutzend Frauen meldeten sich

auf einmal. »Immer dieselben!« -- »Laßt doch ooch andere drankommen!«

-- »Die gewerkschaftlich tätigen Genossinnen werden natürlich

übergangen --!« schrie und lärmte es durcheinander. »Ick schlage die

Jenossin Brandt vor --,« rief Frau Wengs. Es wurde still. Die Frauen

sahen mich an, -- mißtrauisch, feindselig. Ich hatte die Situation rasch

erfaßt. »Ich danke der Genossin Wengs für ihre Freundlichkeit,« sagte

ich, »aber ich fühle mich noch viel zu jung in der Bewegung, als daß ich

solch einen Ehrenposten annehmen könnte.« Wanda Orbin nickte mir,

sichtlich erleichtert, zu: »Nun aber schnell zur Abstimmung, -- wir

versäumen ja noch die Pferdebahn! -- Ich denke, wir bleiben bei unseren

Vorschlägen --« Niemand widersprach, aber kaum war die Sitzung

geschlossen, als die allgemeine Unzufriedenheit sich in lauter

Unterhaltung wieder Luft machte. Man ging in kleinen Gruppen

auseinander, -- lauter feindliche Lager, wie mir schien. Wanda Orbin

legte ihren Arm in den meinen, die Bartels begleitete uns; ihre Stimmung

gegen mich war wieder umgeschlagen. Sie drückte mir herzlich die Hand,

als wir Abschied nahmen.

Mein Mann erwartete mich im nächsten Kaffee. »Das hat aber lange

gedauert,« meinte er. »Wenn die Bedeutung Eurer Beschlüsse der Länge der

Zeit entspricht, die Ihr darauf verwandt habt --!« Ich lachte, aber es

war nicht das Lachen glücklichen Humors, der den Ereignissen die

komische Seite abgewinnt und sich dadurch über sie erhebt. Heute würde

mich der Humor im Stich gelassen haben, auch wenn ich ihn je besessen

hätte. Es war alles so eng gewesen, so drückend, -- wie die schmutzige

Stube und die eingeschlossene Luft in ihr; kein großer Gesichtspunkt

war zutage getreten. »Wir Genossinnen sind immer einig,« hatte Wanda

Orbin mir gesagt. Konnte sie wirklich für Einigkeit halten, was nichts

war als die Beherrschung armer Frauen kraft ihres Willens und ihrer

Intelligenz? »So wird es also deine Aufgabe sein, diesen Absolutismus zu

brechen,« sagte Heinrich. -- »Nachdem ich mich ihm selbst schon

unterworfen habe?!«

* * * * *

Ich schritt die breite Treppe des Berliner Rathauses hinauf. Seit vier

Tagen verhandelte der Frauenkongreß in dem festlichen Bürgersaal vor

einem Publikum, das immer weniger aus Neugierde, immer mehr aus

Interesse kam. Es war zwar im Grunde nichts als eine Truppenschau, bei

der jede Teilnehmerin ihr Schlachtroß in raschem Galopp vorzuführen

hatte. Aber Berlin sah zum erstenmal: Die Frauen konnten reiten. Heute

war der Tag der großen Sensation: Die Arbeiterinnenfrage stand auf der

Tagesordnung; man erwartete eine Schlacht zwischen den bürgerlichen

Frauen und den Proletarierinnen, und auch mir persönlich galt ein Teil

der allgemeinen Spannung, -- der Frau, deren Roman von Mund zu Mund

ging, der Renegatin. An der Türe stand Egidy, mein alter Freund. Er

drückte mir die Hand: »Ich bin erst eben nach Berlin zurückgekehrt.

Sonst wäre ich schon bei Ihnen gewesen. Zwischen uns bleibt alles beim

alten.« Ich lächelte dankbar. Bei meinem Eintritt in den überfüllten

Saal entstand eine bemerkbare Unruhe: Kleider raschelten, Stühle wurden

gerückt, Köpfe wandten sich nach mir um, man flüsterte meinen Namen.

Eine Gruppe russischer Studentinnen, an denen ich vorüber mußte,

klatschte stürmisch. Vom Vorstandstisch mahnte eine scharfe Stimme zur

Ruhe. Die Genossinnen begrüßten mich; die erwartungsvolle Erregung, in

der sie sich befanden, steigerte ihre Freundlichkeit mir gegenüber.

Wanda Orbin nötigte mich auf den Stuhl neben sich. Ich blieb trotzdem

befangen und suchte mit den Augen meinen Mann, als müßte ich mich

wenigstens mit den Blicken an ihn klammern.

Eine Österreicherin sprach zuerst über die Ergebnisse der Wiener

Arbeiterinnen-Enquete. Ich kannte sie. Sie war eine überzeugte

Sozialdemokratin. Die fünfzehn Minuten reichten aus, um ein ergreifendes

Bild schrecklichen Elends zu malen. So hatte ich zu sprechen gedacht!

Eine Engländerin folgte ihr. Sie begründete die Notwendigkeit der

gewerkschaftlichen Organisation der Frauen in wenigen scharf-umrissenen

Sätzen; in langer Rede hätte sie kaum mehr sagen können.

»Frau Alix Brandt hat das Wort«, -- tönte jetzt die heisere Stimme der

Vorsitzenden durch den Saal. Ich stand auf und zwängte mich durch die

Stuhlreihen, am dichtbesetzten Tisch der Presse vorbei. »Sie wissen« --

»Scheidungsprozeß« -- »Verhältnis« -- »Unglaublich«, -- flüsterte es.

Mein Blut begann zu sieden. Ich stand auf der Tribüne; -- am

Vorstandstisch zischte jemand, aus einer Ecke des Saales klang

Beifallsgeklatsch und Getrampel. Das Zischen wurde stärker. Sekundenlang

kämpften beide Laute miteinander, -- die Vorsitzende rührte sich nicht.

Helle Empörung bemächtigte sich meiner, -- jetzt war ich bereit, ihnen

meine Verachtung ins Gesicht zu schleudern. Ich begann sehr ruhig,

indem ich erklärte, warum die Vertreterinnen der deutschen

Arbeiterinnenbewegung es abgelehnt hätten, sich an den Arbeiten des

Kongresses durch Delegierte zu beteiligen. »Für sie, die auf dem Boden

der Sozialdemokratie stehen, ist die Frauenfrage nur ein Teil der

sozialen Frage, und als solche durch die mehr oder weniger gut gemeinten

Bestrebungen bürgerlicher Sozialreformer nicht lösbar. Ich selbst teile

diese Auffassung vollkommen.« Meine Stimme hob sich und wurde schärfer;

zu schneidendem Schwert sollte jedes meiner Worte sie schleifen. »Wer

vorurteilslos und logisch denkt und sich eingehend mit der Frauenfrage,

-- wohl gemerkt, der ganzen Frauenfrage, nicht mit der Damenfrage, --

beschäftigt, der muß notwendig zur Sozialdemokratie gelangen.«

Stürmische Choruse unterbrachen mich, die der Beifall der Genossinnen

vergebens zu ersticken suchte. »Mit anderen Worten: wer es nicht tut,

ist ein Dummkopf oder ein Heuchler?!« schrie eine der Damen vom

Pressetisch zitternd vor Aufregung. Ich neigte mit spöttischer

Zustimmung den Kopf; sie sprach aus, was zwischen meinen Worten klingen

sollte. Die Unruhe wuchs, ich mußte lauter sprechen, um durchzudringen.

»Die Wertschätzung und das Verständnis der bürgerlichen Frauenbewegung

für die Arbeiterinnenfrage wird durch nichts deutlicher charakterisiert,

als durch die Tatsache, daß man mir zu einem Vortrag über sie, die die

größte Masse des weiblichen Geschlechts umschließt, und die entrechtete

und unglücklichste, dieselben fünfzehn Minuten gewährt hat, wie etwa der

Damenfrage der Mädchengymnasien. Ich verzichte daher auf meinen

Vortrag...«

Die Zuhörer schrieen und tobten, ein paar Männer sprangen auf die

Stühle und drohten mir mit erhobenen Armen, in größter Erregung schwang

die Vorsitzende unaufhörlich die Glocke, deren wimmerndes Klagegeheul

die Melodie zu der Begleitung brüllender Stimmen zu sein schien. Endlich

verschaffte ich mir wieder Gehör:

»In zwei Volksversammlungen, die von uns einberufen worden sind, soll

den Teilnehmerinnen des Kongresses Gelegenheit geboten werden, die

Arbeiterinnenbewegung kennen zu lernen. Nicht als ob wir des frommen

Glaubens lebten, auch nur eine von Ihnen für uns gewinnen zu können. Zu

tief eingewurzelt ist der jahrhundertelang genährte Klassenegoismus, zu

einschneidend in das Leben und Denken gerade der abhängigen Frau sind

die Interessen ihrer Klasse, als daß sie sich so leicht davon losreißen

könnte. Aber vielleicht wird Ihnen eine Ahnung davon aufgehen, daß es

ein größeres, ergreifenderes Elend gibt, als das der unbefriedigten,

berufslosen Töchter Ihrer Stände; daß außerhalb Ihrer Kreise ein Kampf

gekämpft wird, der ernster, heiliger ist als der um den Doktorhut; daß

der Schwung der Begeisterung, der Heldenmut der Aufopferung nur dort zu

finden ist, wo Männer und Frauen ihre vereinten Kräfte für das eine

große Ziel einsetzen: Befreiung der Gesamtheit aus wirtschaftlicher und

moralischer Knechtschaft ...«

Ich stieg vom Podium. Es war ein Spießrutenlaufen. Die eleganten Frauen

Berlins, die in ihren schönen Herbsttoiletten die ersten Reihen besetzt

hielten, hatten ihre ganze gesellschaftliche Haltung verloren. Sie

zischten, sie riefen mir Schimpfworte zu, weißbehandschuhte Fäuste

erhoben sich in bedrohlicher Nähe. Aber schon war Heinrich neben mir und

reichte mir den Arm. Ein paar Schritte weiter umringten mich die

Genossinnen, Wanda Orbin schloß mich stürmisch in die Arme.

Kurz vor dem Ausgang stand eine Gruppe von erhitzten Damen um den

jüngsten Philosophen Berlins geschart; er war ein Freund meines Mannes.

»Sie haben Gift gespritzt,« schrie er mir zu. Mit einem Blick voll Zorn

und Verachtung maß ihn Heinrich. Den nächsten Augenblick trat mir Egidy

entgegen. »Sie haben sich schwer versündigt,« sagte er, seine blauen

Augen funkelten zornig.

An der Türe zögerte ich. Mir war, als müßte ich noch einmal rückwärts

sehen, über die Menge hinweg in den festlich glänzenden Saal: Von der

Decke herab flutete das Licht in Strahlenbündeln; es schimmerte weich

auf weißen Marmorfiguren, es zauberte lebendige blutdurchflossene Adern

in die Säulen von rotem Granit, es funkelte prahlend auf goldenen

Gesimsen, und dem grauen Herbstabend draußen wehrten die hohen farbigen

Bogenfenster den Eintritt.

Langsam gingen wir die breite Steintreppe hinab auf die schmutzige

Straße.

* * * * *

Am Südende der Friedrichstraße, wo das Licht spärlicher wird, lag der

alte Tanzsaal, in dem ich am Abend sprechen sollte. Durch ein paar Höfe,

die nur die glühenden Augen breiter Fabrikfenster erhellten, führte der

Weg. Sie waren schwarz voll Menschen. Auf den ausgetretenen Stufen der

Holztreppe bis zum Saal war ein Vorwärtskommen fast unmöglich. Ein paar

stämmige Ordner bahnten uns mit Ellbogenstößen den Weg. »Die berliner

Arbeiter wollen Sie alle sehen, Genossin Brandt,« sagte der eine. Ich

senkte den Kopf. Wie ich mich freute! Über den Massen, die den Raum

erfüllten, in den wir endlich gelangten, lagerte Tabaksqualm und

Menschenschweiß in schweren, dunkeln Nebeln. Das Licht von den

verstaubten Kronleuchtern drang nur trübe durch den grauen Dunst.

Rußgeschwärzt war die niedrige Decke, von den Wänden bröckelte der Kalk,

blinde Spiegelscheiben warfen gespensterhaft verzerrt das Bild der

Menschen zurück, die sich vor ihnen sammelten. Ein paar steile Stufen zu

einer kleinen Bühne ging es empor, auf der grell gemalte Kulissen einen

Wald von Palmen darstellen sollten. Unter mir stand jetzt die Menge Kopf

an Kopf. Siedende Hitze stieg von ihr auf, daß der Atem mir sekundenlang

stockte.

»So warten sie schon seit zwei Stunden wie eine Mauer,« sagte Ida

Wiemer, die den Vorsitz führte. Der graubärtige Polizeileutnant

schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich kann nur einen kurzen Vortrag

gestatten,« sagte er, »wenn ich nicht die Versammlung auflösen soll.«

»Genossen,« rief Ida Wiemer so laut sie konnte in den Saal, »macht den

fremden Kongreßdelegierten Platz, die heute unsere Gäste sind --.« Eine

Anzahl Arbeiter versuchten, sich langsam hinauszuschieben. Aber die

Scharen, die die Türen belagerten, versperrten den Weg. »Das ist

lebensgefährlich,« wiederholte der Polizeileutnant und wischte sich den

Schweiß von der Stirne. »Fangen Sie an und machen Sie's kurz, -- ein

anderes Mittel gibt's hier nicht.«

Ich trat vor. Kirchenstille umfing mich. Ich sprach gegen jene

landläufigen Vorwürfe, durch die die Gegner der Sozialdemokratie sie

tödlich zu treffen glauben: Die Zerstörung der Familie, die Propagierung

der freien Liebe, die Vernichtung der Religion, den blutigen Umsturz.

Und ich zeigte, wie die wirtschaftliche Not es ist, die das

Familienleben zerstört, wie aus derselben Not die käufliche Liebe

wächst, die nichts gemein hat mit jener Freiheit der Liebe, die wir als

die einzige Grundlage echten Familienglückes den Menschen erobern

wollen; wie es die Kirche ist und der Staat, die die Religion Christi

vernichtet haben, wie die blutige Revolution nicht von uns, sondern von

denen vorbereiten wird, die mit Flinten und Säbeln drohen, die der

wehrhaften Jugend befehlen, auch auf Vater und Mutter zu schießen, die

den Ruf hungernder Arbeiter um ein paar Pfennige mehr Lohn, um ein paar

Stunden weniger Arbeitszeit mit Gewehrsalven beantworten. Ich sah nichts

mehr; zwischen mir und den Menschen da unten hingen dichte Schleier.

Aber ich fühlte ihren heißen Atem, ich hörte mit gesteigerten Sinnen ihr

Stöhnen, wenn ich ihr Elend malte, ihren Beifall, wenn ich von ihren

Kämpfen sprach, ihren hoffnungsstarken Jubel, wenn ich der Zukunft

gedachte, die unser sein wird.

Ich schwieg erschöpft, -- jetzt erst fühlte ich, wie der Kopf mir

brannte und der Atem nach Luft rang. Hundert Hände streckten sich mir

entgegen, als ich zitternd die Stufen hinabstieg. Die Masse umdrängte

mich. Dank, -- Vertrauen, -- Liebe las ich in ihren Mienen. Ein paar

Frauenrechtlerinnen gingen mit steif erhobenen Köpfen an mir vorbei. Ich

lächelte. Wie hatte ich mich nur je über ihre Feindseligkeit grämen

können?! Ich kam nur langsam vorwärts. Mit lauter Fragen und Bitten

wurde ich aufgehalten: »Nicht wahr, Sie sprechen auch bei uns einmal?«

-- »In unserem Kreis?« -- »In meiner Gewerkschaft?« Und immer wieder

sagte ich freudig ja. Die hier glaubten an mich und erwarteten von mir,

daß ich ihnen etwas sein könnte. Im dunkeln Saal war mein Herz wieder

warm und hell geworden.

Wir gingen den weiten Weg durch die Nacht nach Haus. Am Kanalufer

raschelten die gelben Blätter uns zu Füßen und tanzten wie goldige

Schmetterlinge in der feuchten Herbstluft.

»Warum die Menschen trauern, wenn die Blätter fallen?« sagte ich. »Sie

machen doch nur den jungen Trieben Platz!« Mein Liebster küßte mich.

»Du, was denken die Leute?!« rief ich lachend und lief ihm davon. »Die

Wahrheit!« sagte er, mich einholend, und preßte mir die Hände mit einem

starken Griff zusammen. »Daß wir ein Liebespaar sind!«

Im Schlafzimmer droben riß ich die Kleider vom Leibe, in denen der Dunst

des Saales noch hing. Das rosige Licht der Lampe umflutete mich; meine

Augen suchten den kleinen Ganymed. Unwillkürlich faltete ich die Hände.

Auch an diesen Frühling glaubte ich wieder.

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 10 / 30 题