Viertes Kapitel

An einem jener norddeutschen Apriltage, wo Frühling und Winter einander

wie Feinde vor dem Ausbruch des Kampfes lauernd umschleichen, die Sonne

auf hellen Plätzen Sommergrüße vom Himmel sendet und daneben der

feuchtkalte Wind triumphierend durch schattige Straßen fegt, ging ich

zum Abschiednehmen zu den Eltern.

Seit jenem Tage, wo mein Vater mich im Zorn verlassen hatte, war ich

nicht mehr bei ihnen gewesen. Selbst die notwendigen geschäftlichen

Auseinandersetzungen, die sich an den Tod einer Verwandten und der mir

und meiner Schwester zugefallenen kleinen Erbschaft knüpften, hatte mein

Vater schriftlich erledigt. Jetzt aber hatte er mich vor meiner Abreise

noch einmal sehen wollen.

Er empfing mich ernst und gemessen. »Du siehst schlecht aus,« sagte er

dann und ein liebevoll besorgter Blick strafte seine äußere Strenge

Lügen. Ich wußte es: die letzten Monate hatten meine Nervenkraft

erschöpft; ich bedurfte der Erholung, aber mehr noch des Fernseins von

Berlin während des bevorstehenden Scheidungsprozesses. »Die Erbschaft

kommt dir wirklich zustatten,« fuhr er fort. Er ahnte nicht, in welchem

Umfang er recht hatte!

Eine konventionelle Unterhaltung entspann sich. Und doch war mir das

Herz so voll: ich allein wußte von uns allen, wie weit ich mich

mit diesem Abschied von ihnen entfernte, -- vielleicht auf

Nimmerwiedersehen. Ein Wort der Dankbarkeit, der Liebe hätte ich gern

gesagt; -- in der Temperatur, die zwischen uns herrschte, erfror es,

noch ehe es über die Lippen kam.

»Es ist mir nicht recht, daß du allein in die Welt hineinreist,« sagte

mein Vater, als ich schon an der Türe stand, »Ihr Jungen denkt anders

darüber, -- Einfluß habe ich keinen mehr, -- ich kann nur hoffen, daß du

dich stets erinnerst, was du deinem Namen schuldig bist.« Seine Augen

ruhten forschend auf mir. Ich reichte ihm stumm die Hand: »Lebewohl,

Papa --« Ich zwang meine Stimme, nicht zu zittern. »Lebwohl,« antwortete

er mit einem Seufzer. Einen Kuß gab er mir nicht mehr.

Die Mutter begleitete mich auf den Flur.

»Hast du etwas besonderes zu schreiben,« sagte sie mit Betonung, »so

lege stets einen besonderen Zettel dem Brief an mich bei, damit ich ihn

Hans ohne Schaden zeigen kann.« Ich hatte die Empfindung, daß mein

Weggehen sie erleichtere. Ilse kam noch bis auf die Straße mit mir.

»Du, Schwester, ist es wahr, daß Dr. Brandt sich deinetwegen scheiden

läßt?!« flüsterte sie hastig mit glänzenden Augen. Aufs peinlichste

überrascht starrte ich sie an. Sie preßte mir stürmisch die Hand: »Du,

-- das ist furchtbar interessant! Freilich --« und nachdenklich kaute

sie an der Unterlippe -- »mit Papa werden wir wieder aushalten müssen!«

Ein Regenschauer trieb sie ins Haus zurück. Fröstelnd zog ich den

Mantel fester, der Wind zerrte daran und warf mir eiskalte Tropfen ins

Gesicht.

Am Abend fuhr ich nach München, wo Heinrich den Zug bestieg. Er hatte

seine Söhne in Pension, Rosalie und den Kleinen mit der Pflegerin aufs

Land gebracht.

»Es gab wieder eine Szene,« erzählte er, »ihre innere Stimme, an die sie

nun einmal glaubt, hat ihr gesagt, daß du mich unglücklich machen

würdest. Aus Mitleid wollte sie darum alles verzeihen und mich in Gnaden

wieder aufnehmen. Als ich darauf verzichtete, prophezeite sie mir mit

dem Pathos einer Kassandra, ich würde noch einmal kniefällig um ihre

Liebe betteln. Und als auch das ohne Eindruck blieb, machte sie allerlei

dunkle Andeutungen über Zeugenaussagen im Prozeß, und die Pflegerin

lachte mich dabei so impertinent an, daß ich grob wurde.«

»Nicht umsonst habe ich mich immer vor ihr gefürchtet,« sagte ich

trübsinnig.

»Mein armer, kleiner Angsthase!« lächelte er, halb ungeduldig, halb

belustigt. Im Lexikon seiner Gefühle hatte das Wort »Furcht« keinen

Platz gefunden. »Du bist so tapfer und kannst so feige sein! Haben wir

nicht bisher schon über alles Erwarten Glück gehabt, und du willst

verzagen -- gerade jetzt, wo wir dem Frühling entgegenfahren?«

Voll tiefen Vertrauens lehnte ich mich in den Arm zurück, der mich

umschlang, und sah still den weißen Flocken zu, die vor den Fenstern

tanzten, und den in dunkeln Schleiern schwer herabhängenden Wolken, die

der Zug durchschnitt. Es tat so gut, sich in der Obhut des Geliebten zu

wissen, seinen starken Schultern aufzubürden, was ich allein nicht hätte

tragen können.

Auf dem Brenner glänzte die Sonne über frisch gefallenem Schnee, aber

von den Bergen stürzten schon frühlingsfroh die entfesselten Wasser. In

Gossensaß, wo die Bergwände sich noch einmal finster zusammenschoben,

braute wieder der Nebel um dunkle Fichten und winterstarres Gebüsch,

hinter Franzensfeste jedoch stand das breite Tal in blühendem Lenzkleid

und öffnete die Arme weit, um all die frierenden Wanderer an seine warme

Brust zu ziehen. Frohlockend wiesen von allen Höhen weiße Kirchlein mit

spitzen Fingern hinauf zur Sonne, die behaglich lachend am blauen Himmel

stand. Auf den knorrigen Ästen alter Obstbäume saßen junge lustige rote

und weiße Blüten. Ohne Ehrfurcht vor dem grauen Alter der Ruinen, der

nüchternen Heiligkeit der Klöster, fluteten in blauen Kaskaden die

süß-sehnsüchtigen Blumendolden der Glyzinien über die Mauern, vom

Liebesspiel buntschillernder Käfer umtanzt.

Im brixener Gasthof zum Elefanten machten wir Rast. Nur das riesige Bild

des Rüsseltiers, dem er seinen Namen verdankt, erinnerte noch an die

Zeit, wo Kaiser und Könige auf der Romfahrt hier Einkehr hielten. Jetzt

saßen nur wenige unscheinbare Leute in dem niedrigen, dunkel getäfelten

Gastzimmer. Sicher: hier kannte uns niemand. Aber kaum saßen wir vor der

Schüssel, die verheißungsvoll nach gut österreichischer Mahlzeit

duftete, als ein Herr an unseren Tisch trat, Heinrich freudig begrüßend.

Umsonst, daß dieser die abweisendste Miene machte, den Fremden weder

nötigte, Platz zu nehmen, noch ihn mir vorstellte. In seiner Freude,

einen Bekannten zu treffen, besorgte er das ohne weiteres selbst; er

hielt mich für Heinrichs Frau und kündigte uns mit vielem Geräusch die

Bekanntschaft seiner Familie an. »Wir werden nicht bleiben können,«

sagte Heinrich langsam, als er sich endlich empfahl, »es sind Berliner.«

Ich zuckte die Achseln. »Diesmal bin ich die Mutigere von uns beiden.

Mir ist nichts so gleichgültig als der Klatsch.«

»Aber ich dulde nicht, daß man dich verdächtigt,« brauste er auf.

In aller Frühe am nächsten Morgen fuhren wir weiter bis nach Trient.

»Hierher kommt keiner unsrer Landsleute,« hatte Heinrich gesagt. Und in

der Tat: in den großen Palasträumen des Hotel Trento sprachen selbst die

Kellner nur ein gebrochenes Deutsch. Ob wir uns hier ein paar Wochen

würden ausruhen können? Wir hatten sehr das Bedürfnis danach.

Vor dem Balkon meines Zimmers lag der weite Platz mit dem ehernen

Denkmale Dantes. Mächtig zeichnete sich seine schwarze Silhouette gegen

den blauen Himmel ab, zu beiden Seiten von den starren Felskulissen der

Berge eingerahmt. Aber der Platz zu seinen Füßen mit ein wenig Rasen und

ein paar kleinen immergrünen Büschen sah im gelben Licht der Sonne öde

aus.

Wir gingen durch die Straßen: lauter graue Häuser mit verwaschenen

Farben und trüben Fenstern, Paläste dazwischen mit verblichenen Fresken,

Höfe mit alten ausgetrockneten Brunnen und Säulengängen, unter denen

zerlumpte Wäsche hing, stolze wappengekrönte Tore mit Firmenschildern

aus Blech und Anzeigen aus Papier benagelt und beklebt; ein Dom,

geschmückt mit den zierlichsten romanischen Galerien, die hohen Portale

von säulentragenden Löwen bewacht, und darin auf dem ausgetretenen

Estrich, zwischen den Grabmälern edler Geschlechter, ein paar alte

Weiber, die kniend den Rosenkranz durch schmutzige Finger zogen und mit

zahnlosem Munde Gebete plärrten. Und über der Stadt, sie beherrschend,

der prächtige Renaissancebau des alten fürstbischöflichen Schlosses, ein

unvergleichlicher Rahmen üppiger Hofhaltungen, -- eine Kaserne heute. In

der dämmernden Loggia auf dem Brunnenhof, wo die Würdenträger des

fürstbischöflichen Stuhls in roten und violetten Gewändern beim Gesang

des leise plätschernden Wasserstrahls die kunstvollen Lettern

pergamentgebundener Bücher zu lesen pflegten, saßen Soldaten und putzten

Gewehre; in den hohen Sälen, von deren gemalten Decken die Götter des

Olymps auf die tafelnden Priester des Gekreuzigten einst lächelnd

herniedersahen, standen Eisenbetten mit rauher Leinwand gedeckt, an den

Wänden, hinter deren kalkweißer Tünche prächtige Bilder schlummern,

hingen in Reih und Glied Käppis und Tornister.

Wir gingen schweigsam zurück. In den Gassen lärmten ein paar Kinder:

Mädchen mit seidenen Schleifen im Haar und zerschlissenen Röckchen über

den bloßen Beinen, Knaben, die gierig um ein paar Kreuzer rauften. Vor

den Wirtshäusern auf dem schmalen Trottoir saßen in schäbiger Eleganz

junge Leute, die lange Virginiazigarre zwischen den schwarzen Zähnen.

Die Sonne schien, aber ihre Strahlen trafen auf keinen Lebenssamen, den

sie hätten wecken können; die kahlen Mauern, die baumlosen Straßen

warfen nur sengende Glut zurück. Fürsten erbauten diese Stadt, und

Bettler haben sie daraus vertrieben.

Wir aber suchten den Frühling. Ein Postwagen mit vier Pferden davor

entführte uns aus Trient. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten,

die wie ein steinerner Sarkophag in der Tiefe schlief, desto lachender

wurde die Natur. Auf den Wiesen blühten Lilien und Glockenblumen, um die

elendesten Hütten leuchteten in rosiger Pracht die Mandelbäume. In

Caldonazzo, einem stillen Nest am Ende des Sees, der den klaren Himmel

auf die Erde zu zaubern schien, blieben wir. Unter der Laube im

Obstgarten der Trattoria, die von gelben Rosen überwuchert war, wurde

uns gedeckt. Vino santo funkelte goldfarbig in den Gläsern, ein kleines

Mädchen mit großen runden Augen, wie geschliffene Kohlen, setzte noch

eine blaue Vase mit weißen Lilien mitten auf den Tisch. Dann war es

ganz, ganz still um uns, ein heiliges Abendschweigen, das wir mit keinem

lauten Wort zu stören wagten. Unsere Hände schlangen sich ineinander,

fester zog mich sein Arm an seine Brust, und sehnsüchtiger wurden unsere

Küsse.

Schlüsselklirrend ging der Wirt durch den Garten. Wir standen auf. Vor

der Tür meines Zimmers blieben wir stehen, stumm, mit herabhängenden

Armen, unsere Augen versanken ineinander, und die ganze verzehrende Qual

unserer Liebe lag in unserem Blick. »Gute Nacht!« -- er berührte mit den

heißen Lippen nur meine Fingerspitzen.

Ich schlief nicht. Durch das offene Fenster strich die laue Luft und

trug die süßen Gerüche der Wiesen auf ihren Flügeln. Ich preßte die

Zähne zusammen, um nicht den zu rufen, nach dem mein Herz verbrannte,

ich drückte die spitzen Nägel meiner Finger mir ins Fleisch, um mit dem

Schmerz die Qual zu betäuben, die mein Blut durch die Adern peitschte.

Draußen im Garten knirschte der Kies, -- das Weinlaub am Fenster bewegte

sich, -- schlich nicht ein Schatten leise vorüber? -- O, warum kommst du

nicht, -- sind meine Arme nicht weich, lockt nicht mein Busen wie

Perlmutter glänzend in der Stille der hellen Mondnacht? Was geht mich

die Welt an?! Die sanften Höhen dieses blühenden Tales umschließen die

meine! Und die Menschen? Da doch niemand ist, als ich und du! Und die

Vergangenheit? Sie gehört uns nicht mehr! Und die Zukunft? Nichts ist

unser als dieser Frühlingsnacht zauberische Gegenwart! -- --

Aus kurzem, schwerem Morgenschlaf erwachte ich müde und einsam. Wir

trafen uns in der Rosenlaube, und die Spuren nächtlicher Kämpfe lagen

auch auf seinen Zügen.

Der Telegraphenbote riß uns aus der Versunkenheit unserer trüben

Stimmung. Eine Depesche von Heinrichs Rechtsanwalt: »Frau Brandt

verlangt Schlüssel Ihrer Wohnung, kehrt nach Berlin zurück. Stimmung

nach Mitteilung ihres Anwalts wesentlich verändert.« Das Telegramm war

uns von Bozen nachgesandt worden und trug das Datum von vorgestern. »Ich

muß nach Berlin -- sofort --. Sie kann alles zerstören,« knirschte

Heinrich, »und du -- du Arme?!« »Zunächst begleite ich dich, -- alles

weitere besprechen wir unterwegs.«

In sausender Fahrt ging es bergab. Die Peitsche des Kutschers pfiff über

die schweißtriefenden Pferde. Wir mußten den Schnellzug erreichen.

Unterwegs bekam ich einen Herzkrampf. Als ich wieder zu mir kam,

ratterte der Wagen über das Pflaster Trients, und Heinrichs

angstentstelltes Gesicht beugte sich über mich. »Wirst du weiter

können?« Ich nickte. Man hob mich in den Zug. Ich erholte mich soweit,

um ruhig denken zu können. Dicht bei Brixen lag unter großen Nußbäumen

ein kleines Dorf, Vahrn genannt; dort wollte ich bleiben, bis --. »Bis

alles gut ist, mein armer Liebling,« flüsterte er; »wenn ich nur sicher

wäre, daß du deiner Angst, deiner Aufregung Herr wirst, -- für mich ist

der Kampf ein Kinderspiel --« Der Triumph des Sieges blitzte schon aus

seinen Augen. In Brixen blieben uns noch ein paar Stunden bis zum

Abschied. Auf der Post fand sich ein Brief an mich von der Mutter mit

einer Beilage in verstellter Schrift: »Diesen anonymen Wisch bekam ich

soeben. Ich habe ihn, Gott Lob, vor Hans verstecken können. Da aber

Wiederholungen, womöglich direkt an ihn gerichtete, wahrscheinlich sind,

und ich von deinem Anstandsgefühl doch noch so viel erwarte, daß der

Inhalt dieses Schriftstückes eine Verleumdung ist und Dr. Brandt nicht

mit dir reist, so ersuche ich dich, zu veranlassen, daß er uns seine

Anwesenheit in Berlin auf irgendeine Weise dokumentiert ...«

»Bereits morgen wird das geschehen,« sagte Heinrich, »du stehst, wie

notwendig es ist, daß wir das Opfer dieser Trennung bringen. Es wird die

letzte sein!«

Mit einem leisen Vorwurf sah ich ihn an: »Fast scheint's, als freutest

du dich, daß du fort mußt!«

»Ich freue mich der Hindernisse, die sich uns in den Weg legen. Mir wäre

bange geworden vor der Größe meines Glückes, wenn sein Besitz keine

Opfer kosten würde.« Ich schämte mich meiner Trauer, und wir nahmen

Abschied voneinander, fast als wäre es ein Willkommen.

* * * * *

Im Turmzimmer des Gasthofes zu Vahrn zog ich am selben Abend noch ein.

Von meinem Fenster sah ich ins Schalderer Tal mit seinen dunkeln Fichten

am klaren Bach. Stundenlang saß ich hier in wachen Träumen. Zuweilen

folgte ich dem stillen Waldweg bis hinauf nach Schalders. Aber es mußte

ein heller Tag sein, sonst fürchtete ich mich und sah, wie einst als

Kind, hinter jedem Baum Gespenster lauern. Abends stieg ich nach Salern

hinauf und saß zwischen dem alten Gemäuer der Ruine bis breite

Bergschatten das Tal von Brixen verhüllten und die Spitzen der Dolomiten

fern am Horizont aufglühten wie verlöschende Fackeln.

Des Nachts aber kamen die finsteren Gedanken. Dann las ich wieder und

wieder seine Briefe und suchte zwischen den Zeilen, was er aus Schonung

verschweigen mochte: »Rosalie macht Besuche bei allen Bekannten, und ich

sehe an den Mienen der Leute, was sie erzählt --«, sie suchte Zeugen

gegen mich; der Preis der Scheidung würde die Verhinderung unserer

Heirat sein! »Sie hat neuerdings Freunde im Egidyschen Kreis« --, sie

suchte eine Verbindung mit den Eltern, sie wird zum Vater gehen, ihm

erzählen, -- und er ertrüge es nicht, so nicht, -- er würde Heinrich vor

die Pistole fordern!

Noch geschah nichts dergleichen. Meines Vaters Briefe waren erregt,

aber nur über die Ereignisse des Tages: die Verurteilung Hammersteins

wegen Urkundenfälschung zum Zuchthaus, »ein Menetekel für den Adel,

dessen junger Nachwuchs das goldene Kalb umtanzt und dabei unabweisbar

dem Schwindel verfällt,« den Austritt Stöckers aus der konservativen

Partei, »dieses tüchtigen Mannes, den die Sozialdemokraten mit ihrer

verdammten Manier der Veröffentlichung von gestohlenen Privatbriefen auf

dem Gewissen haben,« über die in seinen Jubiläumsreden stets deutlicher

zutage tretenden Weltmachtgelüste des Kaisers, »die uns vom erprobten

geraden Wege altpreußischer Sparsamkeit und dem bewußten Sichbescheiden

auf den angestammten Boden und seine Bearbeitung in die Politik

abenteuernder Seefahrer hineinreißt.« Ich mußte mein Erinnerungsvermögen

immer erst mühsam auf die Welt außer mir einstellen, wenn seine Briefe

Antwort heischten.

Eines Morgens kam ein Expreßbrief von Heinrich, den ich in Erwartung

erfüllter böser Träume zitternd öffnete. »Deine Liebe soll noch eine

harte Probe bestehen,« schrieb er. »Rosalie will sich nur unter der

Bedingung scheiden lassen, daß ich ihr mein ganzes Vermögen gebe. Es ist

an sich nur klein, wie Du weißt, aber es ist alles. Wirst Du stark genug

sein, einen Mann zu heiraten, der nichts besitzt? Der Dir nur seine

Liebe in die Ehe mitbringt und seinen festen Willen, Dir trotz alledem

ein glückliches Leben zu erkämpfen?... Antworte mir nach reiflicher

Überlegung. Aus Deiner Hand würde ich jedes Geschick ohne Murren

empfangen. Fürchte nichts von mir, wenn Du nein sagen mußt. Das Glück,

das Deine Liebe mir schenkte, war schon so groß, daß ich Dir auch dann

noch dankbar bleibe...« Ich lächelte, von einem Alpdruck befreit; so

viele Worte um solch eine Kleinigkeit! Nicht einen Augenblick des

Besinnens gab es für mich. »Gib, was sie fordert,« telegraphierte ich.

Aber noch immer schien sie nicht genug zu haben. Ein paar Tage später

verlangte sie eine Summe, die Heinrichs Vermögen übertraf. Und als der

Anwalt ihr vorhielt, daß Heinrich Wucherschulden machen müsse, wenn er

ihren Wunsch erfüllen solle, sagte sie ruhig: »Mag sein, -- aber sonst

lasse ich die Scheidung nicht zu.« Sie war unersättlich. In meinen

nächtlichen Träumen sah ich sie: groß, dunkel, mit der Schleppe, die wie

eine Schlange hinter ihr her raschelte, und den weißen Raubtierhänden.

* * * * *

Der Tag der Entscheidung nahte. Am Vorabend fuhr ich nach München. Die

Stunden schlichen, die Zeiger an der Uhr wollten nicht von der Stelle

rücken. Ich hörte, wie das Leben draußen verstummte, die letzten Pferde

müde zum Stalle trotteten, das letzte Läuten der Straßenbahn verklang.

Und ich hörte wieder, wie es erwachte, wie die ersten Marktwagen im

Dämmerlicht grauenden Morgens über das Pflaster ratterten und die Tritte

der Bäckerjungen straßenweit zu verfolgen waren; wie das Räderrollen

allmählich anschwoll zu einem brausenden Ton, und kein einzelner Schritt

unter den vielen mehr zu unterscheiden war. Dann kamen die Stunden, die

über mein Schicksal entschieden. Sie waren wie lebendige Wesen, die mit

meinem Herzen Fangball spielten.

* * * * *

»Frei!« -- Ich hatte das Telegramm dem Boten aus der Hand gerissen, --

ich starrte das Wort an, bis mir die Augen übergingen. Im Zimmer ertrug

ich's nicht mehr. Zu groß war mein Glück. Und selbst als der Himmel sich

über mich spannte, war mir's, als müßte es sein blaues Gewölbe

zersprengen.

Zwei Tage mußte ich des Geliebten warten. »Nachdem Dein heimlicher

Wunsch, Du emanzipationslüsterne Frau, eine freie Ehe zu schließen, an

meinem reaktionären Eigensinn endgültig zu Schanden wurde« schrieb er

neckend, »muß ich unserer altmodisch ordentlichen Verbindung auch eine

bürgerliche Grundlage schaffen.«

Ich lief indessen in der Stadt umher und suchte, meinem übervollen

Herzen Luft zu machen. Ein Bettler stand an der Ecke mit einem Plakat

vor der Brust: »Ein armer Taubstummer bittet um eine milde Gabe,« ich

drückte ihm ein Goldstück in die Hand, was ihn so verblüffte, daß er

seiner Stummheit vergaß und ein Mal über das andere ein »Vergelt's Gott«

stammelte. Vor allen Schaufenstern blieb ich stehen, in denen die

Maisonne zärtlich über Spitzen und Schleier strich. Und das Schönste,

was ich sah, war nur gerade schön genug, um mich für ihn zu schmücken.

Meines Lebens hohe Zeit stand vor der Türe; königlich sollte sie

empfangen werden. Niemand durfte ihr begegnen, der Trauergewänder trug.

Keines Menschen Träne durfte den Willkommtrunk verbittern, mit dem ich

sie begrüßen wollte. Und im geschliffenen Kristall des Pokals sollte

sich nur die Sonne spiegeln.

Der Gedanke an die Eltern krampfte mir das Herz zusammen. Ich sah sie

in der dunkeln Wohnung hinter den schweren Vorhängen, die immer an den

Winter glauben ließen. Würde mein Glück hell genug sein, um

hindurchzudringen? Ich fühlte, wie dumpf die Luft bei ihnen war. Würde

mein Glück stark genug sein, sie zu zerstreuen?

An einem hellen Morgen, über den der Himmel leuchtete wie ein

geheimnisvoll gleißender Opal, trug ich ein weißes Kleid und Rosen im

Gürtel, die lauter Sonnenlicht getrunken hatten und die Blütenköpfe

senkten, schwer von Schönheit. Ich wartete des Geliebten. Durch die

vielen Scheiben der Bahnhofshalle funkelte und sprühte das Morgenlicht

und malte tanzend helle Flecke auf den Asphalt. Wie blasse Mondscheiben,

wenn der Tag noch herrscht, standen die großen, runden Bogenlampen über

dem hastenden Leben. Hin und her strömten bunte Menschenschwärme.

Reisefieber, das in blaue Fernen treibt, sorgender Ernst, der der

Tagesarbeit entgegenstrebt, lachende Hoffnung, die in die Arme der Liebe

verlangt, bange Angst, die vor der Fremde zittert, malten sich in den

vielen Gesichtern. Die Züge brachten und empfingen sie in unaufhörlichem

Wechsel. Ich allein stand in der Flut ganz still, die Augen auf das

helle riesige Bogenrund gerichtet, in das die großen schwarzen Schlangen

fauchend untertauchten, und aus dem sie, die welterobernden Ungeheuer,

brausend hervorquollen. Endlich! Ein schriller Pfiff aus einer

Lokomotive, die ihre mächtigen, blanken Glieder majestätisch

hereinwälzte, zwei zischende Garben weißer Wasserdämpfe --, sie stand.

Lauter Schatten liefen und drängten an mir vorüber, ich sah nur ihn, --

und er zog mich in die Arme, ganz fest --, alle Rosen fielen mir aus

dem Gürtel, und streuten ihre Blätter um uns, glutrote ...

* * * * *

»Und unsere Hochzeit, mein Lieb, wo soll sie sein?« »Irgendwo zwischen

hohen Bergen, im Walde, wo der Dompfaff uns traut --«

»Und wann, -- wann?« heiß flüsterte seine Stimme an meinem Ohr.

»Still muß es um uns sein, ganz still, dann wird die Stunde kommen, der

wir gehorchen müssen ...«

* * * * *

Wir fuhren nach Augsburg zu Tante Klotilde, meines Vaters Schwester.

Vielleicht, daß sie sich für uns gewinnen ließ, daß ihr Einfluß den

Vater beruhigen könnte. Am Bahnhof trennten wir uns, er ging ins Hotel,

mich führte ihr Wagen durch das alte schmiedeeiserne Tor vor das schöne

Haus mitten im blühenden Garten. Mit ungewohnter Zärtlichkeit empfing

sie mich: »Du hast mir etwas zu sagen, Kind? Fürchte dich nicht --, du

weißt, ich habe viel an dir gut zu machen.« Ich fürchtete mich doch, --

aber nicht vor ihr. Wenn sie mich verdammte, so wußte ich: das Herz

würde ihr darum nicht bluten. Um den Vater nur bangte mir, wenn sie die

Verständigung nicht würde herbeiführen wollen. Ich erzählte, daß ich

verlobt sei. Ich verschwieg nicht, daß er sich hatte scheiden lassen, --

um meinetwillen. Aber von der ersten Ehe erzählte ich nichts, und nichts

von dem Kinde, das vor wenigen Monden erst geboren worden war. Ich

bekannte ehrlich, daß er, wie ich, Sozialdemokrat von Gesinnung sei,

aber ich betonte, daß seine Tätigkeit allein auf neutralem

wissenschaftlichem Gebiete liege. Und als sie die Frage stellte, die,

wie ich wußte, für sie von ausschlaggebender Bedeutung war: »In welcher

Lage ist er?« -- da log ich: »In der besten --« Was ging das alles die

anderen an?! Mein Leben war es, für das ich allein die Verantwortung

trug. Nur dem Vater wollte ich es leicht machen, und die Mutter sollte

sich nicht grämen, und mein blondes Schwesterchen sollte nicht weinen!

Heinrich wurde zum Essen geladen. Seine ruhige, fast hochmütige

Zurückhaltung der »Frau Baronin« gegenüber imponierte ihr. Sie schrieb

noch am Abend einen langen Brief an den Vater. Und am nächsten Mittag

kam seine telegraphische Antwort: »Tief gerührt über die Liebe, mit der

du Alix in deinen Schutz nimmst, versage ich ihr nicht den Segen ihrer

schmerzbewegten Eltern.«

Heinrich reiste nach München zurück, -- es wäre ja nicht passend

gewesen, ein Brautpaar beieinander zu lassen! -- ich blieb noch, um in

ein paar Tagen mit Freunden, -- wie ich vorgab, -- nach Tirol zu gehen.

Inzwischen kamen die Briefe der Eltern. Von der Mutter zuerst. Sehr

liebevoll, aber doch voller Sorge. »Ich danke Gott und der lieben

Klotilde,« schrieb sie, »daß Dein Vater die große unerwartete Sache so

aufnahm und ruhig ist, trotzdem ihm alles furchtbar schwer wird und er

noch nicht imstande ist, an Dich zu schreiben. Wenn nur seine Gesundheit

aushält, um die ich oft sehr besorgt bin, besonders bei so großen

Erschütterungen ... Ilschen hat sich reizend benommen; ihre kindliche,

zärtliche Art, ihrem Papa alles recht gut und schön darzustellen, ihre

Bitten und Tränen haben ihn tief gerührt ... Um Deines Vaters willen

bitte ich Dich, Deine Verlobung wenigstens solange geheimzuhalten, bis

er bei Klotilde in Grainau ist, die ihn so freundlich einlud und ihn am

leichtesten wird beruhigen können. Auf diese Weise entgeht er am besten

dem Zeitungsklatsch, an dem es wohl leider nicht fehlen wird ... Mir ist

das Herz so übervoll, daß ich keine Worte finde. Gott führe alles zum

Besten ...« Und dann kam der erste Brief des Vaters, aus dem ich erfuhr,

daß er wußte, was ich ihm schonend verschwiegen hatte. »Wenn Du älter

geworden sein wirst,« hieß es darin, »so wirst Du verstehen, daß ich

nicht Dein Glück stören will, sondern nur mit der Erfahrung eines

Mannes, der am Ende seines Lebens steht, da kein Glück sehe, wo Du

seinen Gipfel glaubst erstiegen zu haben ... Dr. Brandt mußte bei mir

und Mama zuerst um die Erlaubnis zur Verbindung mit Dir nachsuchen, es

mußten mir ganz klar die äußeren Verhältnisse dargetan werden, die zur

Scheidung führten, und die Lebenslage, die Dr. Brandt Dir bietet. Von

alledem ist nichts geschehen, und ich bin und bleibe der vor Gott und

den Menschen für Dich verantwortliche Vater; auf mir, Mama, Ilse bleibt

jeder öffentliche Skandal sitzen. Sage selber, wie soll ich Vertrauen zu

einem Manne haben, der zweimal geschieden ist? Ich kenne die Gründe

nicht, kann also nur bei meinem theoretischen Urteile bleiben, daß es

ihm zweimal nicht gelungen ist, seine ihm 'bis der Tod uns trennt'

angetraute Frau an sich zu fesseln. Es kommt hinzu, daß selbst roheste

Naturen Pietät dafür haben, wenn dem Manne eben von seiner Frau ein

Kind geschenkt worden ist. Diesen Augenblick zur Scheidung zu wählen,

ist gewiß nicht feinfühlig. Meine Tochter ist mir zu schade, als daß ich

ruhig zusehen könnte, wenn sie in solche Verhältnisse verwickelt

wird ...«

Es entspann sich eine erregte Korrespondenz. Ich war viel zu

empfindlich, besonders gegenüber Angriffen auf den Geliebten, als daß

ich mich wenigstens äußerlich hätte beherrschen können. Mein strahlendes

Glück hatte mich blind gemacht für die Welt, in der meine Eltern lebten

und dachten. Ich empfand als bittere Kränkungen, was von ihrem

Standpunkt aus sorgende Liebe war. »Ich begreife nicht, daß Du scheinbar

gar nicht ahnst, wie schwer uns Deine Heirat werden muß,« schrieb Mama

in Beantwortung eines meiner Briefe, »willst Du denn durchaus nicht die

Wirklichkeit sehen? Muß ich ganz deutlich werden und dir sagen, wie

selbst Dir wohlwollende Menschen über Dich den Kopf schütteln? Du ahnst

wohl gar nicht, was und wie man über Euch spricht! Und jetzt erwähnst Du

wie etwas Selbstverständliches, daß Ihr Euch hier in Berlin wollt trauen

lassen. Ich finde den Gedanken unglaublich. Denke doch nur an das

Aufsehen, und was das für ein Licht auf uns alle werfen würde! Wir

wollen der Welt gegenüber betonen, daß Du mit unserem Segen

heiratest --, hier würde nicht einmal unser Pfarrer, der so streng über

Scheidungen denkt, Euch trauen wollen ... Heiratet in irgend einem

stillen Ort Süddeutschlands, wohin ich und Ilse zur Trauung kommen

werden, und überlegt vor allem, ob es nicht besser wäre, wenn Ihr Euch

dann fern von Berlin niederlaßt? Für alle Teile würde es besser sein,

solange der gemeine Klatsch über Euch nicht verstummt ist. Ich habe auch

an Deinen armen Vater zu denken, den Du ganz zu vergessen scheinst, und

dem jede neue Aufregung erspart werden muß ...«

Ich erwähnte in meiner Antwort der Schwierigkeiten, die eine Heirat an

anderem Orte bereiten würde. Wir hatten längst beschlossen, uns ohne

alles Aufsehen trauen zu lassen und gehofft, daß die Eltern angesichts

der vollzogenen Tatsache sich um ihr Was und Wie nicht kümmern würden.

Im nächsten Brief meiner Mutter schrieb sie: »Du erwähnst nur der

standesamtlichen Schwierigkeiten, also wollt Ihr wohl die Kirche

umgehen, -- wenn Du mir das noch antust, dann wäre es besser, wir sehen

uns nie wieder, denn das kann ich nicht überwinden, das würde ich nie

verzeihen, und Vater, Schwester und Tante auch nicht! Bedenket wohl, was

Ihr damit tut: Ihr gebt unseren Beziehungen den Todesstoß ...«

Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck berliner Zeitungen

in die Hände fielen. Sie brachten mit mehr oder weniger hämischen

Randbemerkungen die Mitteilung von Heinrichs Scheidung und meiner

Verlobung. Und gleich darauf kam ein Brief des Vaters: »Was zu erwarten

war, ist geschehen: alle Zeitungen beschäftigen sich mit Dir und ziehen

meinen guten Namen in die Skandalgeschichte meiner Tochter. Sie sagen,

daß Du Dich nun ganz der Sozialdemokratie in die Arme geworfen hast ...

Du nahmst die Gewohnheit an, bei Deinen Handlungen nie an Deine Eltern,

nie an Deine Schwester zu denken. Trotzdem bleibst Du unser Kind, und

wir tragen an Dir mit, gleichgültig welches die Bürde ist, die Du uns

auferlegst. Wenn eine Tochter frank und frei erklärt, sie gehöre zur

Sozialdemokratie, so bleibt an den Eltern etwas hängen. Ich bin alt und

gebrechlich, meine Tage sind gezählt, aber ich bin notwendig für Deine

Mutter und Deine Schwester. Unehre jedoch ertrage ich nicht; wenn man

mich ehrengerichtlich belangt, wegen Deiner Beziehungen zu einer

staatsvernichtenden Partei, so mag man mich begraben. Daß die

Sozialdemokratie es jetzt freudig ausbeutet, wenn die adlige Tochter

eines allgemein bekannten Generals sich zu ihr bekennt, das begreife

ich, es ist ihr Vorteil. Wer ein einziges Mal diese gemein aussehenden

Leute im Reichstage gesehen hat und sich vergegenwärtigt, daß diese

Rotte unheimlicher Kreaturen von den Pfennigen der Arbeiter sich mästet,

die um so reichlicher fließen, je mehr alles in den Schmutz getreten

wird, was uns heilig ist, der muß am Rande der Verzweiflung stehen, wenn

er die eigene Tochter unter ihnen weiß ...« Ich antwortete nicht. Wie

viel besser wäre der offene Bruch gewesen, als daß ich, vom Verstande

unkontrollierten Gefühlen hingegeben, eine Brücke über Unüberbrückbares

zu schlagen versucht hatte. Ich hatte nicht wehe tun wollen --, litten

die Eltern jetzt nicht mehr, wo sie mich von schleichender Vergiftung

befallen glaubten, als wenn ich ihnen ganz gestorben wäre?

Am Morgen meines Geburtstages erwartete ich den Geliebten. Stille Wehmut

dämpfte die Freude, mit der ich Heinrich empfing. Vor lauter Glück

bemerkte er meine Stimmung nicht. »Ich bringe dir ein schönes

Geburtstagsgeschenk,« rief er, mich zärtlich umarmend. »Herr Charles

Hall, der Deutschamerikaner, von dessen sozialpolitischen Interessen ich

dir oft erzählte, hat sich bereit erklärt, meine Zeitschrift zu

unterstützen. Siehst du, nun hab' ich auch das durchgesetzt: die

bürgerliche Grundlage unserer gut bürgerlichen Ehe! -- Dürfen wir nun

nicht Hochzeit feiern?!« fügte er leiser hinzu. Ich schüttelte den Kopf

und hing mich fest an seinen Arm: »Laß mich erst wieder froh werden,

mein Heinz!«

* * * * *

An einem regenfeuchten Julitag kamen wir nach St. Jodok, einem kleinen

Bergnest, das die Brennerbahn fauchend umkreist. »Morgen fruh scheint d'

Sunn,« versicherte der Führer, mit dem wir über unsere Pläne

verhandelten, und so beschlossen wir, noch am Nachmittag zur Geraerhütte

zu gehen. Es war ein einförmig düsterer Weg durch die Wiesen des Valser

Tales mit ihren zahllosen braunen Heuschobern, auf die der Nebel tief

hinunterhing, und dann die Anhöhe hinan auf steinigem Pfad, von

schwarzgrauen Bergen umgeben, deren Gipfel sich in den Wolken verloren.

Und in der Nacht tobte der Wind um die Holzhütte, und der Regen

klatschte an die kleinen Fenster, daß ich mich fröstelnd in die Decken

hüllte und eine undurchdringliche Finsternis noch vor mir zu haben

meinte, als der Führer morgens an die Türe pochte. »Schön wird's,« sagte

er mit unerschütterlicher Sicherheit. Wir traten hinaus, dicht vermummt,

wie zu einer Winterreise. Fast wäre ich schwindelnd zurückgewichen vor

dem Bilde, das die flackernde Laterne unsicher beleuchtete: wie auf

einer Insel im Wolkenmeer standen wir. Unten im Tal lagen die Nebel

dicht geballt, nur hie und da streckte es sich aus ihnen hervor wie

lange schwarze Arme, die, kaum daß sie unsere Höhe erreichten,

verschwanden wie Gespenster beim Glockenschlag. Wir stiegen aufwärts,

Schritt vor Schritt, lange Serpentinen bis zum Alpeiner Ferner.

Frischgefallener Schnee deckte ihn wie ein Leichentuch, nur hie und da

glänzte das Eis hervor in tiefen, dunkelgrünen Spalten, -- geheimnisvoll

lockende Gräber. Kein Leben ringsum; selbst der Sturm war verstummt,

unhörbar versanken unsere Füße im Schnee. Mich grauste. War es nicht das

Reich des Todes, das wir betreten hatten?

Da begann der Himmel über uns sich rosig zu färben; noch einmal sah ich

hinab in das Nebelmeer der Tiefe, dann stieg ich, so rasch meine Füße

mich tragen konnten, um die Höhe zu erreichen, wenn die Sonne kam.

Und sie war da. Glühend in junger Liebe, als küsse sie die Erde zum

erstenmal. In der heißen Umarmung ihrer Strahlen ward die keusche Braut

zum Weibe, das sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die

dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu gehüllt

hatte, und auch die letzten weißen duftigen Hüllen zerriß sie. In ihrer

prangenden Schöne stand sie vor ihm, die schimmernde weiße Stirn stolz

gen Himmel gehoben, den schneeigen Busen rosig überhaucht von dem Gruß

dessen, der sie erlöste.

Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen einander die

Gedanken von den stummen Lippen. Auf dem Weg durch die Nacht und empor

bis hierher, hatten wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt,

zusammengedrängt in wenige Stunden. Nun aber war es vorüber. Der Gipfel

war unser. Und über das Schneefeld hinab, der Sonne zu, lag eingebettet

in grüne Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock, dessen

Spitze rote Alpenrosen schmückten und weiße Edelweißsterne, wies ich

hinab. »Dort will ich Hochzeit halten,« flüstere ich. Da hob mich der

Liebste jubelnd hoch empor, und miteinander sausten wir über den Schnee

in die Tiefe.

»Arg verliabt san's,« brummte der Führer gutmütig, als wir aufatmend

unten standen.

Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikushütte. Ein paar junge

Männer, Studenten mit blondem Kraushaar und blitzenden Augen, saßen um

den Tisch, und ihre Stimmen füllten den Raum mit lauter Frohsinn. Seil,

Steigeisen und Eispickel lagen neben ihnen; die verstaubten Stiefel und

die braunen Gesichter bewiesen: sie waren echte Höheneroberer. Solche

Söhne will ich haben --, zog es mir durch den Sinn, als spräche es aus

unbekannter Tiefe meines Wesens.

Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel, senkte sich die

Nacht in das Tal. Von Wiesen und Wäldern ein starker Duft füllte unsre

braune Kammer. Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch

keinen Staub getragen hatten, flüsterten in den Fichten vor dem Fenster.

Da bin ich sein Weib geworden ...

Memoiren einer Sozialistin: Kampfjahre · 第 9 / 30 题