Drei Wochen später am 17. Januar 1919.
Wogendes Menschengetümmel auf blankgescheuerten Promenadendecks. Weiße
Tropenkleider, verschlissenes, verschossenes Khaki -- so lehnt es
bunt weit über die Reeling des ehemaligen deutschen, jetzt englischen
Dampfers Feldmarschall, der uns um das Kap der guten Hoffnung herum
nach der Heimat bringen soll:
Die zweihundert deutschen Frauen und Kinder, seit Jahren von ihren
Männern und Vätern getrennt, in ihren ausgewaschenen, abgetragenen
Tropenkleidern veralteter Mode, die hundert Mann Lettow-Vorbecks,
braun, mager, in Tommyhosen und Khakihemden!
Am Strand, bei der katholischen Kirche, beim Klub, winkende weiße
Gestalten. Zurückbleibende Deutsche! Auf Bänke geflegelte Gruppen,
Hände in den Taschen, Pfeifen im Maul -- -- Engländer!
Langsam drehen wir, in die Ausfahrt steuernd. Enges Fahrwasser,
rechts die Signalstation, hohe rauschende Kokospalmen -- draußen das
sonnenbeleuchtete Makatumbeeiland, der blaue Ozean! -- -- Genau so wie
vor fast fünf Jahren, als wir durch diese grüne Eingangspforte Afrika
betraten, durch die wir es jetzt -- für immer -- verlassen. Genau so
wie damals -- und doch -- -- wie anders!
Lang waren diese fünf Jahre -- lang, sehr lang! -- -- Wir haben die
Fahrt vermehrt, rauschen durch die engste Stelle, wie Kulissen schweben
die Palmenhaine vorbei -- die weißen Häuser des Strandes verschwinden.
Wiegend nimmt uns die weite See auf, die wir jahrelang nicht mehr
gesehen. Salzig weht ihr Atem!
Makatumbe fliegt vorüber. Wir drehen nach Süden, kleiner und kleiner
wird der Streifen der Küste, kaum sind mehr ihre hohen Palmen zu
erkennen. Nur die weißen, hohen Rauchsäulen steigen fast senkrecht in
die klare Luft!
Noch immer steht alles an der Reeling, die meisten schweigend!
Verlieren doch fast alle hier eine Heimat, die sie geliebt -- -- die
immer im Sonnenglanze dagelegen!
Ernst sehen die Männer hinüber, ernst und schweigend -- -- würden ihre
Augen Tränen kennen, so wären sie jetzt feucht!
Über vier Jahre haben sie dieses unermeßliche Land dort drüben
verteidigt, Fuß um Fuß, Schritt um Schritt, haben es lieben gelernt,
wie nur ein Mann die Scholle lieben kann, für die er kämpft.
Jetzt liegt es dort drüben im Glanze der untergehenden Sonne, lang
fallen seine Schatten auf die See, hoch steigen die hellen Rauchwolken,
zarter Dunst wogt auf den im Westen verschwimmenden Höhenzügen, die
sich unendlich ausdehnen bis an den Tanganjika-, an den Njassasee.
-- -- Alle waren einst deutsch -- -- alle sind es nicht mehr!
Viele Stämme von getreuen Schwarzen leben dort. -- -- Alle waren einst
deutsch -- alle sind es nicht mehr!
Tausende von Weißen arbeiteten, kämpften und freuten sich dort. -- --
Wo sind sie? -- Wir hundert sind die letzten! --
Vielen sind die dunstigen, blauen Hügel dort drüben, die unermeßlichen
Steppen da hinten zur letzten Ruhestätte geworden. Sie sind und bleiben
deutsch, wenn es auch der Boden, der sie birgt, nicht mehr ist! -- --
Und nach Westen starrt alles mit brennenden Augen! Die Sonne hat sich
jetzt glutrot hinter die blauen Silhouetten gesenkt, für kurze Zeit
schimmert noch ein purpurnes Feuerband darüber, dann verblassen die
Farben! -- --
Die Reeling wird leer!
Zwei englische Matrosen schlendern vorbei, sie schließen die vorderen
Seitenfenster für die Nacht.
Ich höre »women und huns« und ein rauhes Lachen. Der eine spuckt in
weitem Bogen in die See!
Klar leuchtet jetzt der Abendstern. Er steht genau über den Höhen des
Pembaberges.
Weit über die Reeling gebeugt, sehe ich hinüber. Vor mehr denn vier
Jahren fuhren wir hier vorbei -- in Kraft und Stolz -- mit Kurs nach
Sansibar.