Da hörte er auf zu kämpfen! -- -- --

Dort hinten aber, am Rande der Steppe, hinter der sich der Glutball der

Sonne zum Untergang neigte, umstand ein kleines Häuflein, besudelt mit

Pulver, Blut und Lehmwasser, den auf dem Boden gebetteten Kommandanten,

und erst zaghaft, dann anschwellend lauter und lauter hallte das

deutsche Flaggenlied im leisen Abendwind über die weite afrikanische

Steppe und durch den leise rauschenden Buschwald. -- -- --

* * *

Die Stunden vergehen, es muß längst Mitternacht sein, meine Augen

brennen im hohen Fieber! Hundertstimmig pfeifen, zwitschern und

krabbeln über mir die Fledermäuse, sie nisten im Dach zwischen

Wellblech und Holz, dicht über meinem Bett. Ihr Gestank zieht ab und zu

wie eine dicke Wolke über die Veranda.

Punkt sechs Uhr abends verlassen sie zu Tausenden in stinkenden

schwarzen Massen ihren Schlupfwinkel, um durch die Nacht flatternd

Nahrung zu suchen, nur Weibchen und Junge zurücklassend, die ungeduldig

zirpend und scharrend auf ihre Ernährer warten.

Da schlürft und schmatzt es dicht neben meinem Kopfe. Fast bewegungslos

eingebunden, kann ich mich kaum rühren. Ich drehe langsam den Kopf:

eine dicke Ratte sitzt auf dem Rande meines Feldstuhls, hat den Kopf

tief in meine Tasse gesteckt und trinkt schnalzend meine Milch. Mit

Mühe verscheuche ich sie. Plumpsend springt sie auf den Boden, schleift

ihren Bauch über die sandigen Bretter, rast eine Wand empor und springt

auf mein Moskitonetz. Dicht über mir piepst sie einige Male und läßt

sich dann mit einem Platsch zur Erde fallen. --

Ein irrer Schrei tönt herüber -- aus dem dritten oder vierten Zimmer

-- dort muß ein sehr schwer Verwundeter liegen. Auch mein Beinstumpf

brennt in der Blechschiene. Schon über einen Monat liege ich hier

bewegungslos auf dem Rücken, den Fuß in die Höhe gebunden!

Mit Mühe richte ich mich auf, starre durch das Moskitonetz in

die Nacht. Da vorn liegen schweigend die niederen Grashäuser der

beiden Ärzte und der zwei Schwestern vom Roten Kreuz, die von

Daressalam geschickt wurden. Gespenstisch heben sich ihre Giebel vom

sternenübersäten Nachthimmel ab, gespenstisch in der unendlichen Ruhe

und Schweigsamkeit der afrikanischen Steppe, über die hinweg Millionen

von Zikaden ihr gleichmäßiges Lied ertönen lassen. Der Nachtwind haucht

raschelnd durch die metallenen Moskitogitter der Veranda, fröstelnd

sinke ich auf mein Kissen zurück und wickle mich fester in meine Decke.

Das Morphium gaukelt mir bunte Bilder vor, ich denke an die ferne

Heimat, an den letzten Kampf der »Königsberg«, unsern Kreuzer, den wir

alle so sehr geliebt, der jetzt zerschossen und zerfetzt wenige Stunden

weit, dort drüben in der Einsamkeit liegt. --

Von fern hallt das Dröhnen einer Flußpferdherde herüber. Angestrengt

lausche ich ihm.

Minutenlang hält es an -- minutenlang tritt wieder Stille ein.

Plötzlich zerreißt ein dumpfes Brüllen aus nächster Nähe das lastende

Schweigen. Ich halte den Atem an: ein Löwe! Da ertönt es wieder und

wieder, unheimlich rauh -- noch einmal und noch einmal.

Unwillkürlich richte ich mich wieder auf: Zwei Stimmen sind zu

unterscheiden -- eine tiefe knurrende und eine hellere. Anscheinend ein

Löwenpärchen.

Sie umstreifen in weitem Kreis unser altes morsches Holzhaus. Kommen

näher und näher, verstummen und ziehen dann kurz brüllend langsam in

westlicher Richtung weiter.

Fast Nacht für Nacht kommen sie -- es müssen immer dieselben sein --

sie ziehen denselben Weg, brüllen zu gleicher Stunde.

Stärker lärmt der Luftzug in dem verrosteten Moskitogitter, die Netze

der Betten bewegen sich leise. Es muß gegen Morgen zu gehen. --

Langsam wirken Morphium und Müdigkeit -- ich sinke in unruhigen

Fieberschlaf. -- -- --

* * *

Ein Vierteljahr später! Die kalte Zeit ist vorüber -- glühend brennt

die Sonne auf das dampfende Land. Es ist Dezember.

Das einsame Pflanzerhaus von Kingwangwanda hat sich geleert, die

Verwundeten sind teils nach dem fünf Tagemärsche entfernten Daressalam

ins Hospital, teils auf den verlassenen Steppenfriedhof zwischen der

rohen, mächtigen Umzäunung getragen worden.

In langer Tragbahre werde ich zum Fluß gebracht und an Deck des kleinen

Einraddampfers »Tomondo« gelegt, der mich rufijiabwärts nach der

Karawanenstraße Kilwa-Daressalam bringen soll. Die kleinen Grashäuser

um das Pflanzerhaus, die Herberge so vieler Schwarzer, die armseligen

kegelförmigen Hütten von Kingwangwanda verschwinden am Horizont der

Steppe, schnell entführt uns der schweigend dahinfließende Strom.

Die waldigen Ufer ziehen vorüber, Krokodile platschen ins Wasser,

weiße, langgefiederte Reiher flattern auf.

Eine Lichtung fliegt vorbei, zwei Wasserböcke äugen scheu herüber

und verschwinden in langen Fluchten. Träge trottet dort ein

Warzenschweinkeiler. --

Stark hat sich die Sonne schon nach Westen geneigt, da biegen wir

knarrend und rauschend aus dem Bumi in den Hauptstrom des Rufiji.

Hier kenne ich jede Biegung, fast jeden Baum und Strauch. Dutzende Male

bin ich hier mit meiner Kuttermannschaft vorübergepullt.

Bekannte Sandbänke tauchen auf: Hier habe ich einen Flußpferdkadaver

festgebunden, dort mein größtes Krokodil geschossen.

[Illustration: 10,5-Geschütz bei Mtama (Lukuledital)

beschießt im Juli 1917 die engl. Stellungen]

[Illustration: Der letzte Schuß aus dem _letzten_ 10,5-Geschütz nach

der Schlacht von Mahiwa. -- Gleich darauf wird das Geschütz gesprengt

(Links der Verfasser)]

[Illustration: Englische Ansichtskarte -- Links das bei Mahiwa

vernichtete letzte 10,5-cm-Geschütz der »Königsberg«]

Bald müssen wir die verschwiegene Biegung ansteuern, die dem zerfetzten

Wrack der »Königsberg« zum letzten Liegeplatz geworden ist.

Die Sonne ist hinter den grellgrünen Mangrovenwänden, deren Schatten

sich weithin auf den Fluß legen, zur Neige gegangen, und Purpurlichter

überfluten unsern kleinen, jetzt stark qualmenden Dampfer. Wir drehen

nach Backbord -- -- mein Herz klopft höher!

Da taucht vorn über den Mangroven der schrägstehende Stumpf eines

Mastes auf!

Die Ufer treten zurück -- -- -- vor uns liegt geisterhaft schweigend

der zerschossene Rumpf der »Königsberg« -- ein Wirrwarr von verbogenen

Eisenteilen und aufgeplatztem Blech -- schräg nach Steuerbord

überliegend.

Die ablaufenden Wasser spülen über sein aufgerissenes, verbranntes

Deck und gurgeln durch die wie leere Augenhöhlen starrenden Bullaugen

der Back. In sich zusammengesunken, wie von kräftiger Faust

zusammengeballtes Papier, liegt der mittlere Schornstein auf der

eingedrückten Laufbrücke -- einsam, von hunderten von Sprengstücken

durchsiebt, ragen die beiden andern, wie warnende Denkmäler der

Vergänglichkeit alles Irdischen, in den dunkelnden, jetzt von unzählig

aufblitzenden Sternen übersäten Abendhimmel.

Die Aufbauten sind eingestürzt, ihr Eisenblech wie Pergament aufgerollt.

Von dem geknickten Fockmast pendelt in der Abendbrise ein einsamer

Stahlständer, dessen Block ab und zu melancholisch gegen das

dumpfklingende Metall des Eisenmastes schlägt. -- --

Wir haben gestoppt und treiben langsam vorbei. Kein Laut unterbricht

die drückende Urwaldstille -- nur ganz fern flötet einsam ein

Tippu-tipp.

Wie ein Steppenbrand glühend, leuchtet ein schmaler Purpurstreifen am

Horizont durch die verrosteten, zerschossenen Eisenteile. --

Schweigend, in den sich senkenden Schleiern der beginnenden Nacht, voll

erdrückender Wucht liegt gespensterhaft vor uns das Wrack unseres einst

so stolzen Schiffes!

Einsam und verlassen! Selten kommt eines Menschen Fuß hierher, selten

wird ein Einbaum hier vorbeitreiben, denn der abgelegene Rufijiarm wird

fast nicht befahren. Selten nur mögen staunende Eingeborene mit ihren

schwarzen Augen in abergläubischer Furcht auf diese gefallene gewaltige

Boma ihrer einstigen weißen Herren blicken. -- --

Jahrhunderte lang wird die Sage in den Rufijiländern von dem Kämpfen

und Sterben des riesigen deutschen Kriegsschiffes gehen, von Mund zu

Mund, von Geschlecht zu Geschlecht weitervererbt.

Bei dem Schein der flackernden abendlichen Lagerfeuer wird ein

zitternder, weißwolliger Greis erzählen, wie er selbst vor vielen,

vielen Jahren, so viel -- er weiß die Zahl nicht mehr -- als junger

Bursch auf einer Dhau Holz an Bord des Kreuzers getragen, wie die

Maschinen dröhnten, die Schornsteine dunklen Rauch ausspien, die

Ventilatoren rauschten und eilige, frische Schritte kräftiger, junger,

weißer Männer über Deck sprangen.

Er wird erzählen, wie eines Tages eine lange Reihe von Kriegsschiffen

in die verschwiegenen Rufijimündungen einsteuerte, wie zwei riesige

Vögel ankamen, die unter Surren und Brummen über dem deutschen Kreuzer

in weiten Kreisen hin und her schwirrten, -- von langanhaltendem

Donner, der über die Mangrovengebiete dröhnte, und weißen,

aufschäumenden Riesenfontänen.

Wie nach stundenlangem Gebrüll der Geschütze plötzlich ein ungeheurer

Krach die Luft zerriß, der von den Pemba- und Matumbibergen bis zur

Küste widerhallte, und der deutsche Kreuzer, der zuletzt nur noch mit

einem Geschütz geschossen, sich rauchend, brennend, sterbend auf die

Seite legte.

Und sollten die Länder dort am ruhig strömenden Rufiji auch in alle

Zukunft englisch bleiben und die Erinnerung an alles Deutsche dort

mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden: nie wird bei den schwarzen

Bewohnern dieser weiten Niederungen die Erinnerung an den Todeskampf

des großen, vielbewunderten deutschen Kriegsschiffes schwinden, dessen

Taten im Laufe der Jahrzehnte ins Ungemessene steigen und die Zahl der

Fabelgeschichten des abergläubischen Rufijivolkes um eine vermehren

werden. -- --

Tiefe Dunkelheit hat sich herniedergesenkt -- ein Käuzchen klagt --

leise schluchzen und gurgeln die Wasser an der Böschung, Stück für

Stück lösend und in ihr Bett ziehend.

In wenigen Jahren wird hier dichter Mangrovenwald sein, der Fluß wird

sich ein anderes Bett gesucht haben und die Trümmer der »Königsberg«

werden rostig und zersplittert aus grünendem Laube ragen.

Krebse und Wasserspinnen, hartschuppige Krokodile werden dort ihr

Wesen treiben, wo früher fröhliche, lachende, junge Menschen gelebt,

gekämpft und ihr Leben dem Vaterland geopfert haben. --

Die Maschine geht an, leise gleiten wir weiter.

Weit lehne ich mich über meine Tragbahre, sehe mit brennenden Augen

zurück -- -- -- schwarzdunkle Mangroven schieben sich vor.

In Monsun und Pori · 第 53 / 68 题