An der Reeling haben sich mehrere Gestalten angesammelt, die nicht
schlafen können, und betrachten voll Staunen dieses von Bord eines
modernen Kreuzers sicher noch nie gesehene Schauspiel.
Über den Mond zieht eine lange Wolkenfahne, ihn fast ganz verhüllend.
Ihr dunkler Schatten taucht Sandbank und Fluß in lastende Finsternis.
Da oben muß eine starke Brise wehen, denn mit großer Schnelligkeit
segelt die Wolke weiter! Sie wird lichter und lichter, schon kann man
das helle Gesicht des Mondes wie durch einen Schleier wieder erkennen.
Die letzten Fetzen ziehen vorbei. -- -- -- Das bleiche Licht fällt
wieder auf die Landschaft.
Ein allgemeiner Ruf des Staunens! -- Keine zehn Meter vom Fallreep
erscheint eine mächtige, breite, wassersprudelnde Schnauze -- -- gleich
folgt der riesige schwarzbraune, pferdekopfähnliche Schädel mit den
wackelnden Öhrchen. Ein verwundertes Glotzen der kleinen Äuglein -- ein
Schnauben -- -- -- weg ist er. --
Es ist jetzt Niedrigwasser. Spiegelnd liegt die Fläche -- bewegungslos.
Lange Zeit sehen wir nichts. Plötzlich teilt sich am Rande der Sandbank
das Wasser -- schwarz und plump schiebt sich langsam der wuchtige
Flußpferdkörper empor, dann mit einem Satz, sich schüttelnd, steht er
auf den kurzen, dicken Stummelbeinchen.
[Illustration: Blick in die Offiziersmesse der »Königsberg« =vor=]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin.
und =nach= der Vernichtung]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin.
Granattrichter in der Sandbank neben dem Wrack,]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin.
in denen ein Teil der Gefallenen bestattet wurde]
Den klotzigen Kopf am Boden, trabt er im Kreise über den weißen Sand,
wirft sich mit einem Schwung auf den Boden, wälzt sich einige Male
und bleibt dann mit einem tiefen, behaglichen Grunzen auf der Seite
liegen. --
»Ein riesiger Bulle!« -- sagt hinter mir jemand.
Mein Vorgänger, der ebenfalls nicht schlafen konnte, ist in weißer Hose
und Hemd an Deck getreten und sieht durch sein vorzügliches Nachtglas
auf die Sandbank hinüber.
»Ob ich ihn schieße?« meint er.
»Das Licht ist sehr unsicher -- auf jeden Fall müssen Sie auf die Bank
hinüber fahren!«
»Läufer, Dingi klar!«
Das kleine Boot setzt ab und steuert schräg auf das Ufer, um sich im
Schatten der Mangroven an die Sandbank heranzupirschen.
Für ein paar Minuten verschwindet es im Dunkel, dann sieht man es
sich aus den Bäumen herausschieben, die kurze glitzernde Wasserfläche
durchmessen, am Rande der Sandbank anlegen. --
Das Flußpferd liegt noch ruhig auf der Seite, ab und zu stampft es mit
einem Hinterfuß kurz in die Luft.
Eine weiße Gestalt verläßt das Boot und schreitet gebückt über die
helle Fläche.
Sie kniet nieder -- keine fünfzig Meter entfernt -- legt an.
Ein Wolkenschleier segelt über den Mond, lange Schatten fliegen über
den Fluß.
Ein Blitz -- -- -- ein Krach!
Deutlich hört man den Aufschlag in dem massigen Körper.
Mit einem Satz fährt das Flußpferd in die Höhe, hopst einmal auf und
nieder und galoppiert dann in langen Sprüngen rund um die Sandbank.
Die Wolken sind vorüber, es wird wieder hell, lange Schlagschatten
werfen Schornsteine und Masten auf das Wasser.
An allen Zielfernrohren der Geschütze stehen erwachte Schläfer und
sehen zu.
Die weiße Gestalt da drüben steht auf, legt an. -- Das Ziel ist
unsicher -- in nie gedachter Schnelligkeit springt es abwechselnd im
Kreise und im Zickzack, neue Wolkenfetzen verschleiern den Mond.
Noch zweimal krachen die Schüsse -- zweimal hört man den Aufklatsch der
Kugel auf der brettharten Haut.
Da rast das getroffene Tier mit einer plötzlichen Kehrtwendung in das
aufspritzende Wasser und verschwindet fauchend und schnaubend.
Es hat wohl drei tödliche Kugeln, aber -- -- es ist dem Schützen
entgangen! --
Gespannt sehen wir auf die helle Wasserfläche, ob der Kopf nochmals
auftaucht.
Minuten vergehen. -- Eben will das Dingi abstoßen und zurückkehren, da
erscheint am entgegengesetzten Rande der Sandbank wieder der mächtige
Schädel -- mit einem kurzen Ruck steht ein schwarzer Körper auf den
Beinen, und von neuem trabt das Flußpferd auf dem weißen Sande.
Wieder kracht ein Schuß, dann noch einer. Es knickt kurz in den
Hinterbeinen ein und setzt dann ruhig, als sei nichts geschehen, seine
Sprünge fort, ohne auf den Gedanken zu kommen, im schützenden Strom zu
verschwinden.
Da stößt das Dingi ab -- in wenigen Minuten ist es an Bord.
Dem Schützen sind die Patronen ausgegangen, er holt neue.
Unbegreiflich! -- -- Ruhig erwartet das Flußpferd, abwechselnd hin-
und herspringend, dann wieder stehen bleibend, seinen zurückkehrenden
Todfeind.
Der kommt an der Sandbank an, steigt aus, da legt sich wieder eine
dunkle Wolkenwand vor den Mond.
Sekundenlange Dunkelheit, dann wird es wieder heller, -- da stehen
Mensch und Tier keine zehn Schritt weit auseinander!
Ein Blitz, ein Knall -- mit einem dumpfen Krach bricht der riesige Leib
zusammen und bleibt regungslos liegen! --
Die beiden drüben binden ihn an den zunächst stehenden Mangroven fest,
damit der auflaufende Fluß ihn nicht forttreibt, dann kehren sie zurück.
Es war ein mächtiger alter Flußpferdbulle, der in unglaublicher
Zähigkeit erst dem aus nächster Nähe gefallenen Gehirnschuß erlegen ist.
Als großer, schwarzer Fleck liegt er jetzt da drüben auf dem weißen
Flußsande.
Die Hyänen, die bis jetzt geschwiegen, beginnen wieder zu heulen -- das
Dröhnen der Flußpferde aus dem südlichen Nebelstreifen nimmt zu.
Die aufgescheuchten Schläfer ziehen sich wieder zurück.
Schweigend und ruhig liegt das Deck, klar scheint der Mond,
gespensterhaft ragen Masten und Aufbauten.
Der Strom ist gekentert -- in murmelndem Zuge gleiten die Wasser
flußaufwärts.
Kleiner und kleiner wird der weiße Fleck der Sandbank um den schwarzen
Körper herum.
Gleichmäßig hallen die Schritte des Bootsmaaten der Wache, -- Scharen
von Moskiten summen.
Der Läufer Deck nimmt die flackernde Handlaterne -- er geht die
Ablösung wecken.
Die Wasser haben die Sandbank jetzt vollkommen überflutet, den
schwarzen Körper langsam gehoben und gedreht.
Vier dunkle, massige kurze Beine ragen aus dem im Mondlicht glitzernden
Spiegel.
Verschlafen kommt die Ablösung -- verschlafen, schweigend, müde ziehen
die neuen Posten auf.
Von der weiten Steppe her weht jetzt der frische Frühwind. Der tiefe,
ruhige Morgenschlaf der Tropen sinkt über Besatzung und Schiff.
Die Hyänen hören auf zu klagen, das Brüllen und Dröhnen dort vorn
verstummt, nur noch Schnauben und tiefes Gurgeln ist einigemale zu
hören. Die Dickhäuter suchen den Fluß auf.
Ein Tippu-tipp beginnt schüchtern zu flöten, halb im Schlaf -- halb
erwachend schluchzt ein Regenpfeifer, -- zwei weiße Reiher flattern in
schiefen Kurven über die schweigenden Mangrovenwipfel.
* * *
Trocken, glühend heiß liegt die Luft des Spätnachmittags noch über der
»Königsberg«. Die Bootsmannsmaatenpfeifen schrillen »Klar Deck«. Die
selbst gefertigten Duschen spritzen auf. Vergnügt kühlen sich unter
ihnen die Leute.
Eine lange Reihe Schwarzer steht an Deck, beladen mit Bananen,
Apfelsinen, Mangos. Staunend und lachend stehen sie auf dem Mitteldeck
in ihrer Verwunderung über das Leben und Treiben auf dem so
riesengroßen »manowari« -- Kriegsschiff -- hier mitten im Rufijifluß,
den sie doch schon seit Jahren kennen, auf dem sie aber nur ihre
schmalen schlanken Einbäume, bestenfalls eine abgetakelte Dhau gesehen.
Noch mehr wundern sie sich über die noch nie auf einem Fleck gesehene
Menge von Europäern, die hier -- sie können es gar nicht begreifen --
richtig wie sie selbst arbeiten müssen -- rudern, Deck und Geschirr
reinigen und an langen Kutterläufern große Boote hochholen.
Alle Europäer, die sie bis jetzt kannten, kamen nur in Begleitung
von vielen Schwarzen, ließen sich tragen, Stiefel, Kleider an- und
ausziehen.
* * *
Die Sonne steht schräg am Himmel, ich rufe meine zwei schwarzen
Begleiter, um mit ihnen auf die Jagd zu gehen.
Zum ersten Male liegen wir jetzt am Rande der Steppe mit ihren Busch-
und Bauminseln -- das Gras ist großenteils niedergebrannt, also kann
ein Pirschgang Erfolg versprechen. --
Die »Königsberg« liegt keine dreißig Meter von Land ab -- eine kleine
Bootsfähre verbindet das Fallreep mit einem von uns angelegten
Landungssteg.
Holperig und vertrocknet dehnt sich dann nach Westen zu der ebene
Steppenboden aus. --
Bald verschwinden die hellbestrahlten Bordwände und Schornsteine hinter
den hohen Baumgruppen des Ufers. Einige hundert Meter weit hört man
noch die Geräusche und den Lärm des Bordbetriebes, die Signalpfeifen,
trappelnde Schritte. Dann umfängt uns die Stille des afrikanischen
Busches.
Wir biegen nach Westen zu in das hohe Gras ab, denn nach Süden windet
sich ein schmaler Negerpfad, nach einem nicht sehr weit abliegenden
Dorf Mitschi-gitschi zu. Wir wollen ihn vermeiden, da er jetzt häufiger
begangen wird, sei es von Trägerkarawanen mit Verpflegung, Eilboten
oder auch neugierigen Eingeborenen, die das deutsche Kriegsschiff hier
mitten im Herz ihres Landes sehen wollen.
An einer Gruppe von Dum- und Borassuspalmen vorbei schlagen wir uns in
den Busch. Hier steht noch hohes Gras. Der Steppenbrand des Vorjahres
hat anscheinend dieses Dickicht nicht durchdringen können, das mit
niedrigem Dornbusch und unentwirrbarem Gestrüpp verwachsen und verfilzt
ist.
Schritt für Schritt dringen wir vorwärts. Wilde Tauben gurren. Eine
Schar kleiner grüner Papageien flattert auf. Ein winziger, gelber
Webervogel hüpft von Halm zu Halm.
Dann wird das Gras niedriger, vereinzelte Grüppchen von Aschenresten
zeigen an, daß hier das Feuer durchgeprasselt sein muß. Wir kommen
schneller vorwärts.
Es ist mein erster Pirschgang auf afrikanischem Boden. Eigenartig
mutet der Gegensatz zwischen dem neuzeitlichen lärmenden Bordbetrieb
eines gefechtsklaren Kriegsschiffes und dieser verlassenen, träumenden
Urwaldstille an.
Zwei Welten -- kaum einige Kilometer auseinander -- und dennoch durch
Entwicklungsstufen von Jahrtausenden getrennt. --
Tiefer und tiefer führt uns unser Weg. Breite Schilfstreifen wechseln
wieder mit dürren, mannshohen Grashalden, dichtes Unterholz mit
freistehenden Baumgruppen, aus denen je ein bis zwei stachelige Palmen
herausragen.
Wild ist nicht zu sehen.
Wir folgen der tiefeingetretenen Spur eines Flußpferdes, die von der
Sonne ausgetrocknet als eine Reihe von mächtigen Löchern mit harten
Rändern über den ebenen Boden läuft.
Manchmal kreuzt sie sich mit anderen Spuren dieser wuchtigen
Dickhäuter, oft laufen drei bis vier nebeneinander und durcheinander.
Der Boden ist so zerwühlt, daß ich nur langsam vorwärts komme.
Dort vorn werden die Bäume etwas höher -- die Flußpferdspuren mehren
sich -- sie werden zu einer breiten Straße.
Die Äste auseinanderbiegend oder mit dem Buschmesser durchhauend,
stehen wir vor einem schmalen, anscheinend seichten Kreek.
Keine Liane, kein umgestürzter Baum, auf dem man hinüber könnte. --
Dann müssen wir eben so hindurch!
Mein Gewehrträger zeigt auf eine breite, ziemlich tiefe Rinne im
Mutt des Ufers -- daneben läuft noch eine und noch eine schmälere.
Weiter unten sehe ich noch mehrere. Sie alle verlieren sich unter dem
Ufergebüsch.
»Mamba« meint er -- »Krokodile!« »Piga« -- »schießen mit der Pistole
ins Wasser -- dann können wir hindurch -- dann gehen sie weg.«
Zwei bis drei Schuß knallen.
Wir steigen hinein, versinken bis an die Hüften in dem weichen Schlamm
und waten durch das grünlich-braune Wasser hindurch.
Es ist der letzte schmale Kreek, der hier die Steppe durchschneidet.
Von nun an haben wir offenes, freies Gelände vor uns.
Hier zeigen sich Wildspuren.
Ich lasse mir die Abdrücke von Wasserböcken, Ried- und Buschböcken
zeigen.
Eindrücke von Warzenschweinen -- hier von einem ziemlich kleinen
Leoparden kreuzen unsern Weg.
Auf dem weißen feinen Flugsand, auf dem nur spärliche Grashalme
wachsen, sehe ich wie in einem Bilderbuch die Tiere, die hier
vorübergewechselt sind.
Da sich vor uns eine weite, freie Steppe ohne Baum und Strauch
hinzieht, wenden wir uns mehr nördlich, wo hohe Bäume eine Biegung des
eben verlassenen Kreeks anzeigen.
Dichtes Schilf raschelt, verdorrte Halme und Blätter knacken unter
unsern Schritten.
Vor mir geht der Gewehrträger, jedesmal hoch seine nackten Beine
emporhebend, um das Schilf niederzutreten.
Plötzlich stockt er -- stößt einen kurzen Kehllaut der Verwunderung aus
und bückt sich.
Grinsend dreht er sich um, er hält in der Hand ein großes weißes Ei --
fast doppelt so groß wie ein Hühnerei, nur etwas länglicher.
»Maiai ya mamba!« -- ein Krokodilsei!
Dort unten liegen noch mehrere -- zwanzig bis dreißig, alle auf einem
Haufen!
Es sieht in dem grünen dichten Schilf aus wie das Nest eines riesigen
Osterhasen.
Auf einem alten, vertrockneten Ast klopft Musa -- der Gewehrträger --
ein Ei auf.
Vorsichtig öffnet er die beiden Schalen genau in der Mitte.
Mit Staunen sehe ich zwei, durch eine zarte weiße Scheidewand geteilte
Hälften, in deren jeder, bräunlich und zu einer Spirale zusammengerollt
ein Krokodilsembryo liegt.
Fast sieht es aus wie ein um den Finger gedrehtes Seepferdchen.
Wir markieren den Platz, um auf dem Rückweg wieder hier vorbeizukommen,
schlagen einen kleinen Bogen und tauchen im hohen Gras unter, das nach
einigen hundert Metern niedriger und niedriger wird, um in die busch-
und baumbesetzte Steppe überzugehen.
Durch eine boskettartige Gebüschgruppe zwängen wir uns, Dornen reißen
an Armen und Beinen, stachlige Blüten streifen das Gesicht.
Tief gebückt stecke ich auf der andern Seite aufatmend den Kopf
ins Freie -- -- da stehen dicht vor mir drei von der Sonne hell
beschienene, plumpe schwarze Tiere, -- »pangos« -- Warzenschweine, wie
Musa meint.
Das größte von ihnen steht mir am nächsten. Ich kann jetzt, da es sich
halb nach mir herumdreht, seine riesigen weißen Gewehre erkennen.
Langsam gehe ich kniend in den Anschlag und sehe Kimme, Korn, Blatt.
Ich freue mich aber so, schon heute -- gleich beim erstenmal -- auf
afrikanisches Wild zum Schuß zu kommen, daß ich wieder absetze, um das
Bild da vorn noch länger zu genießen. Im Bewußtsein der Sicherheit
des Besitzes der Beute, die mir auf diese kurze Entfernung nicht mehr
entgehen kann.
Von seltener Plumpheit der Formen -- wie kann man bei einem Naturwesen
von Häßlichkeit oder Unschönheit sprechen? -- mit großen Warzen vorne
am Kopfe, die wie zwei Kartoffeln lose hin und her baumeln, steht der
große Keiler breitbeinig im niederen Gras und äugt blinzelnd in die
Sonne.
Plötzlich scharrt er kurz mit den Hinterbeinen, dreht sich zweimal um
sich selbst, schleudert wie einen Strahl die Erde nach allen Seiten,
knickt hinten und vorn ein und bleibt, ein paarmal tiefschnaufend,
liegen.
Die andern beiden Schweine schnuppern derweilen weiter auf dem Boden
herum, ihre plumpen Nasen mit der hauerbewehrten Schnauze ins Gras
steckend, das kleine mit senkrecht gehobenem Schwänzchen grunzend hin
und her trabend. --
Wieder hebe ich die Büchse -- ein scharfer Knall -- der Keiler legt
sich langsam auf die Seite und bleibt regungslos liegen. -- Blattschuß!
Grunzend, im Schweinsgalopp, gehen die beiden andern ab.
Ein mächtiger alter Eber liegt da vor mir, schwarz, borstig, mit
runzeliger Haut, den Bauch mit Erde beschmiert. Morgen wird es an Bord
der »Königsberg« Schweinebraten geben!
Seine beiden Gewehre umwachsen in einem fast geschlossenen Halbkreis
den Vorderteil seines Schädels und sind an der Außenkante vollkommen
abgeschliffen.
Die Sonne hat sich inzwischen tiefer und tiefer gesenkt, schräg fallen
ihre Strahlen durch die dampfende, über der langsam abkühlenden Erde
liegenden Luft.
Ich lasse einen meiner Begleiter hier zurück, um Wache zu halten, bis
von Bord geschickte Träger die Beute abholen, und mache mich mit Musa
auf den Heimweg.
Wir wählen die direkte Richtung, umschreiten den nahen Busch und
schieben uns gemächlich durch die dahinterliegende hohe Grassteppe.
Viel Gestrüpp, Lianen und Unterholz. Wir kommen nur langsam vorwärts.
Musa muß fleißig von dem Buschmesser Gebrauch machen.
Um ihm seine Arbeit zu erleichtern, trage ich mein Gewehr selbst und
trotte Schritt für Schritt hinter ihm drein.
Wir steigen in eine kleine Geländefalte nieder, mit Händen und Füßen
Zweige, Äste und Schlingpflanzen auseinanderbiegend und niedertretend.
Plötzlich bleibt Musa wie angewurzelt stehen, duckt sich, dreht sich
nach mir um und sagt mit entgeistertem Gesicht nach vorn zeigend:
»Simba -- ein Löwe!«
Nun war es auch an mir, meine Ruhe zu verlieren. Dieser Zufall, dieses
Glück -- gleich am ersten Tage einen Löwen vor die Büchse zu bekommen.
»Wo?«
»Da vorn neben dem Busch, man sieht nur seine Hinterschenkel!«
Aufgeregt nehme ich mein Glas. Richtig -- dort vorn sehe ich einen
mächtigen, gelben Hinterschenkel und eine lange Rute, die gerade mit
einem Schlage das Gras peitscht. Alles andere ist vom Busch verdeckt.
Kein Zweifel -- ein Löwe!
Ich habe nur einen Gedanken: den muß ich haben!
Aber wie?
Wenn ich mich rühre, er mich windet -- -- ein Schritt genügt und der
Busch hat ihn verschlungen. Aber so schießen? -- Aufs Geratewohl? --
Höchst unweidmännisch und wahrscheinlich auch gefährlich, ihm hinten
eine Kugel hineinzujagen. --
Ich denke aber den Gedanken kaum zu Ende -- alles gleichgültig, ich muß
schießen! -- Kimme, Korn, gelber Fleck.
Krach!
Ein bunter Wirbel dort vorn, -- Äste fliegen, ein gelbes Etwas bäumt
sich, wirft sich in die Höhe, wälzt sich. -- Heiseres Gebrüll ertönt.
»Piga, piga« -- er ist getroffen, ruft Musa, »aber noch nicht tot!«
Langsam gehe ich vor -- nichts zu erkennen -- nur ein gelbes Knäuel
rast dort auf und nieder.
Ich komme näher und näher. Da zeigt sich plötzlich zwischen dem Gewirr
von herumfliegenden Ästen und Gras ein braun-graues, langhaariges Fell.
Ich halte darauf -- der Schuß kracht! Ein kurzes Gebrüll, dann Ruhe,
nur die Rute peitscht in zuckenden Schlägen den Boden.
Jetzt habe ich ihn! -- Ein Hochgefühl überkommt mich, ein namenloser
Stolz -- -- ein Löwe! -- Auf dem ersten Pirschgang den König der Tiere!
Was werden die an Bord sagen!
Mit einigen Sprüngen bin ich an der Stelle, vorsichtig das entsicherte
Gewehr in der Hand.
Da glotzen mich zwei wütende Augen an. Von ohnmächtigem Haß geschüttelt
liegt vor mir ein riesenhafter -- -- Hundsaffe, ein Pavian!
Stolz, Hochgefühl, Siegerbewußtsein stürzen mit einem Krach zusammen!
Der König der Tiere -- -- ein Affe!!
Allerdings ein so selten großer, daß unser beider Irrtum wohl
verständlich ist.
Ein schneller Fangschuß erlöst ihn von seinen Schmerzen. Um
wenigstens meinen Fehlschuß zu entschuldigen, nehme ich als Beute den
menschenkopfgroßen Schädel mit den beiden mächtigen Hauzähnen mit.