Dieser kleine Seitenarm, durch den wir vom Saninga- in den
Simba-Uranga-Arm wollen, hat mehr Wasser, als man vermutet hatte.
Mit erstaunlicher Gewandtheit folgt der mächtige dunkle Koloß den
vielen Windungen und Biegungen des schmalen Kreeks.
Im Osten erscheint ein heller Schimmer, der sich schnell über das
ganze Himmelsgewölbe ausbreitet und dann von starken, grelleren Farben
abgelöst wird, bis die Spitzen der Mangroven von der aufsteigenden
Sonne in blitzendes Licht getaucht werden.
Eigenartig ist das Bild, das sich jetzt uns bietet.
Von der Kommandobrücke aus übersieht man weit die tieferliegenden
endlosen, niederen Mangrovenwälder, die auf beiden Seiten bis fast an
die Bordwände heranreichen und langsam vorübergleiten. Man hat den
Eindruck, als führe man mit dem Kreuzer, dessen Dimensionen und Größe
durch die Kleinheit der Bäume ins Übergewaltige gesteigert wird, über
Land durch einen Wald.
Ich muß an ein Bild denken, das ich im letzten Jahre oft in Deutschland
gesehen habe: Der Dampfer »Imperator« in die Straßen einer Stadt
hineingestellt, um seine gewaltigen Abmessungen dem Beschauer
verständlich zu machen, ihm Vergleichsmöglichkeiten zu geben.
Ähnlich, wie das Deck dieses Kolosses über die Dächer der winzig
scheinenden Häuser, ragt die »Königsberg« über die grüngelbe, jetzt
voll im grellen Sonnenlicht daliegende Waldwildnis. --
An den braunen Stämmen der Mangroven kann man bereits erkennen, daß
das Wasser schon wieder im Fallen ist, denn scharf ist ein fast
handbreiter, nasser Streifen zu erkennen und wenn man genau hinsieht,
kann man auch eine Rückwärtsbewegung von Schaumblasen und von
schwimmenden Blättern feststellen.
Wir müssen uns beeilen, bevor das Wasser weiter fällt, über die letzte
und Hauptbarre zu kommen. Erst dahinter finden wir die längere, freie
Fahrtrinne und können uns der Reichweite der feindlichen Geschütze
entziehen, die uns sicher am Nachmittag bei günstigem Wasserstand unter
vernichtendes Feuer nehmen werden.
»8 Meter!«
»8 Meter« -- rufen noch immer die Lotsgäste aus, da öffnet sich vor uns
die enge Wasserstraße und wir biegen in den Simba-Uranga-Arm ein.
Breit dehnt sich vor uns der Fluß aus -- wir drehen nach Backbord und
steuern ein.
»Beide Maschinen stopp!«
Wir vermindern die Fahrt, denn die Barre kommt näher.
»6 Meter!«
»5 Meter 40« -- Die Lotsgäste!
»Kleine Fahrt voraus!«
Mahlend setzen sich die Schrauben in Bewegung -- jetzt gilt es -- wir
müssen hinüber! -- Gelingt es nicht, bieten wir dem Engländer ein noch
viel besseres Ziel als gestern; der Simba-Uranga-Arm ist an dieser
Stelle bedeutend breiter und die Entfernung von der Küste hat sich
nicht vergrößert, weil wir bis jetzt parallel zu ihr gefahren sind.