In schneller Fahrt schiebt sich der schlanke Leib der »Königsberg«
durch die blaue, leichtgewellte Flut nach Norden; gleichmäßig, in
dicken Schwaden quillt aus den drei Schornsteinen der Rauch.
An Backbord, kaum ein Dutzend Seemeilen entfernt, sehen wir die
deutschostafrikanische Küste vorbeigleiten mit ihren langwelligen,
grünblauen Hügelketten, die weit nach Westen zu in bläulichem Dunst
verschwinden. Überall steigen dort hohe, weißleuchtende Rauchsäulen in
den Himmel -- es ist September, die Zeit der Steppenbrände. Seit Mai,
Juni hat die glühende Sonne das Gras, den Busch und die Baumsteppen
ausgedörrt. Von den Eingeborenen durch Absicht oder Versehen
angesteckt, wälzen sich die Brände vom Winde getrieben dahin.
Dort drüben auf diesen langgestreckten Hügelwellen scheint kaum ein
Luftzug zu wehen, denn kerzengerade ragen die hellen Rauchsäulen wie
Zedern in die klare Luft.
Die Sonne beginnt sich zu neigen und läßt tiefdunkle Schatten auf den
Ostteil der Küste fallen.
Wir passieren das Vorgebirge von Ras Kanzi und drehen etwas nach
Osten. --
Es ist Nacht geworden. Mit erstaunlicher Schnelligkeit sind die
Purpurstreifen im Westen zerflossen. Als einheitliche dunkle Masse
liegt die Küste da.
Die Rauchsäulen sind nicht mehr zu erkennen, nur ab und zu leuchtet ein
roter Feuerstreifen auf!
Da blitzt voraus an Backbord ein Blinklicht auf -- es kann nur der
Leuchtturm der Insel Makatumbe sein, die vor der Hafeneinfahrt von
Daressalam liegt. Wir staunen alle, daß an unserer eigenen Küste jetzt
im Kriegszustande noch ein Leuchtfeuer brennt, freuen uns aber, denn so
haben wir nochmals einen genauen Schiffsort, bevor wir das völlig im
Dunkeln liegende Sansibar ansteuern.
Schweigend in der leise wiegenden See rauschen wir nach Norden. Was
mögen wir wohl im Hafen von Sansibar antreffen? Eine kühne Tat unseres
Kommandanten, sich in die Höhle des Löwen, die Operationsbasis der
gegen uns geschickten englischen Kreuzer, zu wagen -- noch kühner durch
die große Schwierigkeit der Ansteuerung.
Schon in Friedensverhältnissen ist es keineswegs einfach, den von
zahllosen Riffen und Inseln umsäumten Hafen zu erreichen. Um so
schwieriger jetzt -- bei Nacht, ohne Markierung und Befeuerung des
Fahrwassers.
Und gelingt es uns glücklich, die Einfahrt zu finden, so ist es sehr
leicht möglich, daß wir weit überlegene feindliche Schiffe vorfinden
werden. -- --
Nach Mitternacht kommt an Backbord ein Licht in Sicht. Alle Nachtgläser
sind darauf gerichtet. Was kann es sein, ein Wachboot oder eine Dhau?
Oder ist es -- wie die meisten glauben -- eine absichtlich falsch
ausgelegte Leuchtboje?
Wir vermindern die Fahrt, steuern vorsichtig weiter.
Bald ist das Licht achteraus verschwunden. Es war ein englisches
Wachschiff, das uns nicht gesehen, oder gern einem Zusammentreffen mit
uns ausgewichen war, mochten seine Kameraden im Hafen von Sansibar den
Schaden davon haben.
Gegen zwei Uhr nachts taucht an Steuerbord -- im Osten -- eine dunkle
Landmasse auf. Es muß die Südspitze von Sansibar sein.
Dutzende von Augenpaaren durchbohren die Nacht. Gleichmäßig gleiten wir
dahin.
Ein guter Lotse ist an Bord, der die Einfahrt bei Tage schon oft
gemacht hat: der Kapitän der »Somali«, die jetzt, nachdem wir sie bei
den Komoren abgeholt, im Rufijifluß auf uns wartet.
* * *
Gegen fünf Uhr rötet sich der Horizont -- fahle Schimmer leuchten im
Osten auf.
In kurzer Zeit muß sich die Spannung lösen!
Hoch ragt jetzt an Steuerbord die Küste Ungujas, schnell wird es heller
und heller, Einzelheiten sind bereits zu erkennen. -- Es kommt jetzt
auf Minuten an, denn wir können vom Lande bereits gesehen und gemeldet
sein.
Auf einem mächtigen Felsvorsprung rechterhand steht der Leuchtturm
von Sansibar -- Tschumbe Island -- dunkel, düster; sein Feuer ist bei
Kriegsbeginn erloschen.
Aller Augen suchen jetzt den vor uns liegenden dünnen weißlichen
Dunststreifen zu durchdringen -- er verbirgt uns den inneren Hafen; --
aber die inneren Hafenfeuer sind zu erkennen. --
Blitzende Strahlen schießen über den Himmel, die Sonne taucht über
Unguja auf.
Eine leichte Brise kommt auf, kräuselt die glatten Flächen und läßt den
dichten Palmenwald des Ufers erwachen.
Rechts von uns, hinter einer grünbewachsenen waldigen Landzunge,
tauchen die weißen Häuser der Stadt, noch verschwommen im Morgennebel,
auf, wuchtig hebt sich der Palast des Sultans ab.
Da lüftet sich langsam der weiß über dem Hafen liegende Schleier.
Längst sind wir klar zum Gefecht! Durch die Zielfernrohre der
Geschütze, die Entfernungsmeßgeräte, durch alle Luken blicken gespannt
klare, scharfe Augen.
Ein silbergrauer Schiffsleib wird sichtbar, zwei Schornsteine, zwei
Masten -- auf der Brücke hohe, übereinandergetürmte Aufbauten, -- ein
englischer Kreuzer.
Nichts rührt sich bei ihm an Bord. Er liegt ahnungslos -- seine
Mannschaft schläft noch in den Hängematten.
Wir drehen nach Steuerbord. Die Mündungen der Geschütze der
Backbordbreitseite heben sich.
Majestätische, morgenländische Ruhe liegt über dem weiten Hafen --
nichts regt sich -- es ist Sonntagmorgen.
Nur ein knarrendes Rascheln der Palmen in der schwachen Brise -- an
Bord kein Laut, Nerven und Sehnen sind zum Zerreißen angespannt! --
Weiß leuchtet der Sultanspalast!
»Salve, Feuer!«
Dröhnend, wie in Fetzen gerissen, zerreißt die Stille, das Zischen der
absausenden Granaten durchschneidet die Luft.
»Aufschlag!«
Fünf haushohe Wassersäulen steigen in die Luft.
»Kurz!«
»Feuer!«
Dicht an der Bordwand des Engländers stehen die weißen Kaskaden.
»Feuer!«
Schwarzer Rauch, fliegende Eisenteile -- er ist getroffen.
Ein Sausen, Krachen und Dröhnen hebt an -- drei, vier Salven fliegen
noch in die Luft, während die fünfte schon wieder abgefeuert wird.
Der Engländer ist erwacht -- er wehrt sich. Fünf weiße Wölkchen steigen
an seiner Bordwand auf -- seine Granaten kommen angesaust! -- Zu kurz
-- zu weit!
Der Ausgang kann nicht lang zweifelhaft sein. In einer schwarzen, weit
über die Masten hinausragenden Riesenwolke fliegt seine Kommandobrücke
in die Luft -- sein ganzes Vorschiff ist in schwelendem braungelben
Dampf gehüllt.
Die weißen Wölkchen erscheinen nicht mehr gleichzeitig -- seine
Geschütze feuern nur noch einzeln.
Ein Teil seines Achterschiffes brennt -- alle sechs Sekunden haut ein
Eisenhagel in ihn ein.