Alles rennt an Deck! -- Ein Kriegsschiff? Dann kann es nur ein
feindliches, ein englisches sein. Andere Nationen fahren hier nicht
mehr zur See.
Und wir liegen hier bewegungslos -- mit auseinandergenommenen
Maschinen! Nicht einmal verteidigen werden wir uns können, wehrlos, aus
sicherer Entfernung werden wir zusammengeschossen. Denn der Engländer
wird sich mit seinen weitertragenden Geschützen hüten, in unseren
Feuerbereich zu kommen!
Dutzende von Doppelgläsern, von Augenpaaren suchen den Horizont ab.
Da -- hinter der östlichen Kimm ragen zwei Masten empor!
Ein Kriegsschiff? Kaum anzunehmen, denn die Masten sind kurz, stehen
schräg, haben keinen Scheinwerfermarse und keine Funkenrahen.
Also ein Dampfer -- ein englischer Dampfer, der nach Norden steuert. --
An die Somali denkt keiner, die kann ja unmöglich schon hier sein!
Wut packt uns -- könnten wir jetzt fahren, vielleicht hätten wir eine
gute Prise vor uns mit Kohlen! -- so hätten wir vielleicht alles,
was wir zum Leben und Kriegführen nötig haben. Der Dampfer muß uns
sehen! --
So müssen wir ihn schweigend vorüber fahren lassen, müssen hilflos
dulden, daß er uns verrät, daß sein Funken den feindlichen Spürhunden
unseren Schlupfwinkel angibt.
Der Dampfer kommt näher. Sein Schornstein taucht über die Kimm!
Eigenartig -- er steuert Westkurs -- in die Bucht von Ras Hafun hinein!
-- Was sucht er dort? Hat er Maschinenschaden?
Minuten verfließen. Seine Aufbauten werden sichtbar, sind jedoch in dem
dunstigen flimmernden Morgenlicht nicht klar zu erkennen.
Sollte er hier nichts ahnend in unserer Nähe vor Anker gehen? Uns für
einen Engländer halten?
»Da könnte man ja ein Boot hinüberschicken und ihn kapern,« werden
Stimmen laut!
»Könnte man nicht versuchen, so schnell als möglich wenigstens eine
Maschine klar zu machen und mit dem letzten Rest von Kohlen zu
versuchen in seine Nähe zu kommen?« -- -- --
»Das ist ja die Somali!« sagt einer. -- »Ausgeschlossen, sie kann
frühestens morgen abend hier sein!« -- --
Oder doch? Angestrengt starrt alles nach Osten. -- Näher und näher hat
sich der schwarze Punkt geschoben.
Da -- er dreht etwas -- zeigt seine Seitenansicht. -- Es ist die
Somali!!
Eine Entspannung geht durch alle, freudig drückt man sich die Hände.
In wenigen Minuten haben wir die Skala von dumpfer Ergebung in ein
unabwendbares Schicksal, von knirschender, machtloser Wut, von Hoffnung
auf den Schimmer einer Rettungsmöglichkeit bis zur vollkommenen, für
unmöglich gehaltenen Erfüllung aller Wünsche durchlaufen! --
Die Sonne steigt höher und höher, brennend streichen ihre Strahlen
über die Wüstenberge. Im frischen Winde flattert dort auf dem gelben
Sande die rote Fahne, zwei schwarze Gestalten stehen in erzener Ruhe zu
Statuen erstarrt, anscheinend als Posten daneben.
Die »Somali« kommt näher und näher, Megaphonrufe werden ausgetauscht,
Leinen fliegen herüber und hinüber -- beide Schiffe liegen Bord an Bord
festgemacht.
Ihr Kapitän hat, mit allen Verhältnissen im Indischen Ozean aufs
genaueste vertraut, die schnellen nördlichen Monsunströmungen längs der
Küste zu fassen gewußt und es so möglich gemacht, viel früher, als nach
unserer Berechnung nur denkbar, das Kap Ras Hafun zu erreichen. --
Die Luken werden geöffnet, die Winden kreischen, die Spills klappern,
Kohlenkörbe fliegen herüber -- den ganzen Nachmittag, die ganze Nacht,
den nächsten Tag, die nächste Nacht! Am Vormittag des dritten Tages
sind wir fertig. -- Selbst an Deck stehen die Kohlen zu Bergen getürmt.
Wir legen von der Somali ab. -- Gegen Mittag lichtet auch die Somali
die Anker. Sie steuert nach den Komoren, wo wir sie wieder treffen
wollen.
Glühend heiß fegt der Wind feinen, gelben Sand über Deck, die Augen
schmerzen im weißgrellen Sonnenlicht. Wie glitzernde Schleier liegt die
flimmernde Luft über den gelbroten Sandbergen. Einsam flattert die rote
Fahne, regungslos stehen daneben die schwarzen Gestalten. Diesmal sind
sie um ihre Beute betrogen.
* * *
Wir richten den Kurs nach Osten, umsegeln das Kap und steuern nach
Süden. -- Nach Madagaskar! --
Brausend empfängt uns der blaue schäumende Ozean, weithin flattert vom
peitschenden Monsun zerrissen unsere schwarze Rauchfahne.
Kleiner und kleiner werden die roten Wüstenberge, heller und heller die
gelben Sandstreifen, greller und greller wird das Flimmern der Luft und
verwischt die letzten Farbenspiele des Kaps Ras Hafun.