Selten wird ein Kriegsschiffkommandant in einer ähnlich düsteren Lage
gewesen sein! -- -- --
* * *
Die Mittagssonne strahlt erbarmungslos herab, die Decksplanken glühen,
matt liegen die Mannschaften im spärlichen Schatten der Aufbauten.
Die Luft über den gelbsandigen Riesendünen zittert und verwischt
ihre Linien. Starke Wirbelwinde treiben urplötzlich auf dem Kamm der
Dünen, schwefelfarbene Säulen aus dem Boden lassen sie zerstäuben und
verwehen, wie der Wasserstrahl eines Geisers plötzlich versiegt und
zusammensinkt.
Die flachwellige Dünung schiebt sich unter dem Schiff wie flüssiges Öl
dahin, hält es in sanften, weiten, gleichmäßigen Schwingungen. Weit im
Osten, nur mit dem Glase erkennbar, jagen die monsungepeitschten Wogen
des Indischen Ozeans dahin, deren spritzende Schaumkronen in der wie
weißglühendes Eisen glänzenden Luft im Winde wirbelnden Schneeflocken
gleichen. -- --
Die Sorge um den drohenden Wassermangel läßt den Kommandanten nicht
ruhen. Es muß alles versucht werden -- ein Boot soll an Land fahren --
es soll in den staubigen, trockenen, ausgeglühten Sanddünen nach Wasser
gegraben werden.
Jeder weiß -- ein vergebliches Beginnen.
Aber der Selbsterhaltungstrieb verlangt auch die unmöglichsten
Möglichkeiten zu erkunden.
Als Führer des an Steuerbord in den Davids hängenden Rettungskutters
bekomme ich den Auftrag, an Land zu fahren und Wasserlöcher schaufeln
zu lassen.
Wir sollen uns alle gut bewaffnen. Jeder meiner Kuttergäste -- einer
ist stämmiger und stärker wie der andere, sollten sie doch wie geplant
in Colombo und Kapstadt mit den Engländern wettrudern --, schnallt eine
große Mauserpistole um. Die Gewehre werden nach der Vorschrift unter
den Duchten festgebunden, die Schaufeln in die Cockpitt gelegt. Im
letzten Augenblick springt noch der erste Offizier ins Boot, um sich
selbst von den Verhältnissen an Land zu überzeugen.
Erst im Kutter ist die Höhe der Dünung zu erkennen. Wir fliegen von der
Reeling bis zu dem grünbewachsenen Schiffsboden auf und nieder. Die
Bedienungsmannschaften der Vorleine haben ihre schwere Not, das Boot in
der richtigen Lage zu halten.
Alles ist fertig!
»Absetzen -- Riemen bei -- Ruder an!«
Im Takt klettert der Kutter die See hinan, schlingert auf der anderen
Seite wieder hinunter. Zuweilen verschwinden hinter dem breiten,
flachen Rücken einer langhinrollenden See sogar die Masten der langsam
immer kleiner und kleiner werdenden »Königsberg«.
Trotzdem wir die Dünung mit uns haben, kommen wir nur langsam vorwärts,
denn der Wind kommt uns entgegen.
Glühend heißer, feiner Flugsand setzt sich überall in Mund, Augen und
Ohren fest. Mächtiger und mächtiger türmen sich vor uns die gelben
Sandriesen mit ihren roten Schluchten und Steilabfällen. Nach fast
einer Stunde haben wir die weißschäumende Brandung dicht vor uns, die
weit an den flachen Sandufern emporleckt.
Wir spähen nach einer Landungsmöglichkeit. -- Aber hier ist guter Rat
teuer! Denn der Wind steht von Land, die schwere Dünung von See.
Alle Künste der Seemannschaft werden angewendet -- Anker geworfen,
durch Rückwärtsrudern mit dem Bug nach See zu versucht durch die
Brandung zu kommen. Vergeblich! Unsere Kriegsschiffskutter sind
schlechte Brandungsboote.
Von einer mächtigen heranwallenden See werden wir gefaßt, schlagen quer
und werden wie ein Kinderspielzeug -- der schwere zehnriemige Kutter
mit seiner ganzen Besatzung -- in hohem Bogen auf den Sand geworfen,
daß Spanten und Planken krachen.
Gewehre, Schaufeln, Bootsausrüstung werden hier und dort an Land
gespült, hier und dort klettert einer triefend und prustend ans Ufer,
seine Knochen prüfend und betastend.
Hoch und trocken liegt der Kutter auf der Seite zwischen zwei
Sandwellen -- ein Teil seines Dollbords ist eingedrückt. --
Staunend stehe ich in dieser glühenden Wüstenlandschaft erhabenster
Eintönigkeit. Wie winzige Eintagsfliegen krabbeln hilflos und unsicher
die paar Menschlein in dieser gewaltigen Sandeinöde herum, dicht am Fuß
von gelbroten, zum Teil steilabfallenden Riesendünen.
Ich denke an meinen Befehl, dessen Ausführung mir hier geradezu
lächerlich erscheint: Wasser graben! -- Hier in diesem Sandmeer, dem
Wahrzeichen absolutester Trockenheit!
Aber ich lasse graben!
Schweigend greifen meine Leute zu den Schaufeln, erdrückt von der
Großartigkeit dieser heißen Wüstenberge, von der Aussichtslosigkeit
ihrer Mühe überzeugt.
Das Loch wird größer und größer. Schon ist es mehrere Meter tief,
aber der Sand da unten ist genau so trocken, genau so heiß wie an der
Oberfläche. An Feuchtigkeit, geschweige denn Wasser ist nicht zu denken.
Wir hören auf!
Da zeigt einer nach Westen, nach einem tiefen Einschnitt der sich dort
im Sonnenflimmern verlierenden Wüstenberge.
»Da kommen Eingeborene!«
Eine lange, immer länger werdende Reihe schwarzer Punkte bewegt sich
dort anscheinend schneller und schneller auf uns zu.
Sie haben wohl die »Königsberg« gesehen und geglaubt, ein gestrandetes
Schiff vor sich zu haben -- wittern Beute!
»Kutter klar!«
Schneller gesagt als getan. Der liegt hoch und trocken auf dem heißen
Sand.
Mit vereinten Kräften stemmen wir ihn hinunter, schieben ihn in die
Brandung. -- -- Ein Schwung -- ein Krachen -- -- hoch liegt er wieder
auf dem Strand!
Die schwarzen Punkte kommen näher und näher -- werden zu Strichen!
Nochmals mit aller Kraft -- die zurücklaufende Dünung abwartend, dann
hinein mit ihm in die brausende Brandung.