Eine schweigende Tropennacht. -- Im Norden, dort wo der nachtblaue
Himmel und die schwarze Masse des Ozeans ineinander fließen, muß die
Insel Sokotra liegen.
Langgestreckt von West nach Osten laufend, sieht sie wie ein
abgebrochener Arm aus, mit der der gewaltige Kontinent Afrika nach dem
kleineren Indien hinüber zu langen versucht. Weite Wasserwüsten trennen
ihn aber von seinem Ziel. Unerreichbar fern liegt das sonnendurchglühte
Reich Buddhas im Osten. Einsam und verloren, losgelöst von Afrika,
dehnt sich dieser Streifen Land in der endlosen blauen Ebene des
indischen Ozeans.
Selten steuert ein Schiff an seinen Küsten entlang, noch seltener
stoppt es den Lauf und tritt mit seinen Bewohnern in Verbindung, die,
abgeschieden von der Welt, ein Räuber-, Jäger- und Fischerdasein führen.
Die Nordküste scheint uns eine günstige Zuflucht zu bieten. In den
ruhigen Wassern, geschützt vor den monsungepeitschten, von Süden
anrollenden Seen, hätten wir dort unserem Begleitdampfer Somali, der
uns endlich erreicht, die so nötigen Kohlen entnehmen können.
Da zeigen uns nächtliche Funksprüche, daß auch dort die Engländer auf
uns lauern.
So versuchen wir denn nach Süden zu gehen, um den Äquator zu erreichen,
in der Hoffnung, eine Zone der Kalmen vorzufinden, um dort Seite an
Seite mit unserem treuen Gefolgsmann die Kohlen überzunehmen. --
Stunden um Stunden gegen die schwellende See dampfend, ging es nun nach
Süden, aber auch Stunden um Stunden kaum ein paar Meilen vorrückend,
da die Maschinenkräfte der schwachen Somali dem Druck des Monsuns, dem
Strom der nach Norden gepeitschten Seen kaum Widerstand leisten können.
Auch der Rest der Kohlen beginnt bereits zu schwinden, in drei Tagen
würden wir bewegungslos auf hoher See treiben, in drei Tagen würden
wir aber auch nie mit dieser kriechenden Geschwindigkeit der Somali
ruhigere Gewässer erreicht haben. --
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin.
Die »Königsberg« verläßt am 29. Juli 1914 gefechtsklar Daressalam]
[Illustration: Die Nordspitze der Sodainsel]
[Illustration: Copyright Walther Dobbertin.
Kap Ras Hafun]
[Illustration: Unguja-Sansibar]
Also bleibt uns nur ein einziger Weg übrig: Wir müssen uns von unserem
zu langsamen Genossen trennen, müssen mit dem letzten Rest unseres
Brennstoffs an afrikanischer Küste eine geschützte Bucht zu erreichen
suchen und dann dort auf die Somali warten.
Aber an der ganzen weiten Ostküste von Afrika, vom britischen
Schutzgebiet bis zum Kap Guardafui, gibt es nur eine einzige solche
Stelle, und das ist die Bucht, die durch das weit in die See vorragende
Kap Ras Hafun gebildet wird.
Würden dort nicht auch Engländer sein? Wir wußten es nicht. Und wenn
auch -- es gab keinen anderen Ausweg mehr!
So steuern wir denn durch die nachtdunkle, rauschende See nach Westen.
Allein -- die Somali haben wir vorgestern schlingernd und stampfend im
weißen Gischt verlassen.
Werden wir sie überhaupt wiedersehen?
Ihre Maschinen sind schlecht, kaum notdürftig repariert; also ist es
höchst zweifelhaft, ob sie Ras Hafun überhaupt erreichen wird. Und
dann -- sie ist jetzt schutzlos, allein als einziger, noch fahrender
deutscher Dampfer im Indischen Ozean, der von englischen Spürhunden
nach allen Richtungen durchfurcht wird. Wird sie ihnen entgehen? -- Und
was soll werden, wenn sie verloren geht?
Was wird dann aus uns werden, die wir bewegungslos am verlassensten
Teil der afrikanischen Küste verborgen warten?
Man denkt so viel, wenn man nachts -- vor einer Stunde hat es
Mitternacht geglast -- den Kopf weit über die windgeschützte Reeling
der Brücke gebeugt, halb aufmerksam, halb träumend in das nachtschwarze
Dunkel und das Flimmern der Sterne blickt.
Wie ein Pferd bäumt sich der Bug, wenn ein dunkelglänzender Wellenberg
unter ihm hinwegbraust, um dann mit einem schweren Rauschen tief in das
Tal zu versinken. Er bäumt sich so hoch, daß die Sterne des westlichen
Horizonts von ihm verdeckt werden und der Flaggenknopf des Göschstockes
bis in das strahlende Lichtbild der Kasseopeia fährt. Blauschwarz liegt
der weite Ozean, etwas heller wölbt sich darüber die sternenglitzernde
Kuppel des Himmels.
Da bietet sich uns ein niegesehenes Schauspiel! Staunend stehe ich an
der Brückennock und sehe eine Verwandlung seltenster Art vor meinen
Augen vor sich gehen.
Der eben noch hellstrahlende Himmel verdunkelt sich. Die Sterne
leuchten wie durch nebelhafte weiße Schleier, um allmählich ganz
zu verschwinden. Wie eine ungeheuere, schwarze Glocke lastet das
stockdunkle Himmelsgewölbe über uns, wuchtig, bedrückend, als wollte es
alles ersticken.
Aber wie verwandelt sich da das Meer! Bis jetzt eine düster schwarze,
wogende Masse, auf der man nur ab und zu schäumende, im Sternenlicht
leuchtende Gischtkämme erkennen konnte, beginnt es überall zu
phosphoreszieren, heller und heller zu werden, bis es allmählich die
Farbe von durchsichtigem Milchglas erhalten hat.
Das Auge glaubt in niegeahnte Tiefen blicken zu können, wesenlos
scheint man über ein wallendes, gläsernes Meer oder ein unendliches
Schneefeld dahinzufliegen.
Staunend steht die nächtliche Schiffswache, staunend sieht sie um
Mitternacht eine weißhelle See, einen sternen- und wolkenlosen,
tiefschwarzen Himmel.
Scheinbar losgelöst von allen Gesetzen der Schwerkraft schwebt die
dunkle »Königsberg« über die milchhellen Abgründe, deren tiefste Tiefen
man zu erkennen glaubt.
Und zeigt auch die Seekarte hier Wassertiefen von vier- bis fünftausend
Metern, gaukeln mir doch meine Augen vor, daß ich den sandigen Grund
sehen müßte, mit seinen wehenden Algenwäldern, seinen nie erblickten,
ja nie geahnten Geheimnissen!
Das Schauspiel dauerte mehrere Stunden, um dann eben so schnell zu
verschwinden, wie es gekommen. Die weißen Nebel scheinen zu zerfließen,
die Sterne blinken wieder durch den hellen Schleier und nehmen ihren
alten Glanz an, das Milchglas des Wassers beginnt dunkler und dunkler
zu werden, und in wenigen Minuten rauscht und braust die See wieder im
tiefen Nachtschwarz mit weißschäumenden Wogenkämmen. --
Wir hatten allem Anschein nach einen schmalen Arm einer kalten
Meeresströmung gekreuzt, die, aus den Tiefen des Ozeans an die
Oberfläche gedrückt, die unmittelbar über ihr liegende Luftschicht zu
Nebel verdichtet hatte.
Die aufgehende Sonne bestrahlt im Westen einen gelben Landstrich mit
rötlichen, gewellten Höhenzügen: die afrikanische Küste.
Bald kann man ein vorspringendes Kap erkennen, dessen mächtige,
gelbrote Sandberge grellfarben aus dem tiefen Azurblau des wogenden
Ozeans hervorragen: das Kap Ras Hafun.
Langsam umsteuern wir die nördliche vorspringende Landzunge --
Doppelgläser, Fernrohre und Entfernungsmeßgeräte suchen die sich
ausdehnende Bucht ab. -- Nichts. Kein Schiff, kein Kreuzer, keine
Spur eines Lebewesens. In schwerlastender Einsamkeit dehnen sich dort
Höhenzüge um Höhenzüge -- kein Grün, kein Baum, kein Strauch, nur Sand
-- gelber, roter, der, vom Wind getrieben, die Linien dieser heißen
Wüstenlandschaft sanft ineinander verfließen läßt. Ein glühender
Hauch fegt ab und zu über das Schiff, wenn der Monsun, hier durch die
Landmassen gehemmt, seinen frischsalzigen, starken Atem einstellt.
Das Brausen der See hat aufgehört, eine langwellige, hohe Dünung wälzt
sich gleichmäßig, im Morgenlicht flimmernd, heran und mildert die
stoßenden, starken Schlingerbewegungen in ein sanftes weiches Schwingen.
Am Westrand der Bucht, wegen der geringen Wassertiefe einige tausend
Meter vom Land, rasselt der Anker nieder.
Die Maschinen machen Feuer aus, die Kohlen sind zu Ende, kaum können
wir noch einige Tage aus Seewasser Trinkwasser kondensieren.
Da wir doch nicht fahren können, werden die Maschinen
auseinandergenommen, um sie gründlich zu überholen, und so liegen wir
denn bewegungslos!
Sein oder Nichtsein hängt von dem Eintreffen der Somali ab. Und dieses
Eintreffen ist zweifelhaft! -- Was dann, wenn sie nicht kommt? --
An Land gehen und das Schiff sprengen? -- -- Unmöglich!
Bis zu den nächsten Europäeransiedelungen ist es sowohl nach Norden wie
nach Süden über tausend Kilometer weit.
Noch keiner Dampferbesatzung, die hier Schiffbruch gelitten, ist dies
geglückt, keine hat man je wieder gesehen.
Und wie vielen schon ist das Kap Ras Hafun zum Verhängnis geworden!
Sie alle haben es -- von Osten kommend, nach langen Sturmtagen im
Indischen Ozean -- für das Löwenkap, das Kap Guardafui gehalten, mit
dem es große Ähnlichkeit hat, sie umsteuerten es und fuhren ahnungslos,
frischgemut nach Westen, glaubend, den weiten Golf von Aden vor sich zu
haben. In Wirklichkeit steuerten sie in die Bucht von Ras Hafun, und,
ohne im Dunkel der Nacht die drohende Küste zu sehen, liefen sie in
voller Fahrt auf den Strand.
Dort wurden sie ein Opfer der Eingeborenen, die dahinten in den
gelbroten Bergen -- kein Mensch weiß wo oder wie -- hausen, wurden
erschlagen oder ins Innere verschleppt.
Ein langer Absatz in dem Leitfaden für Seefahrer erzählt davon. Gar
vielen ist dieses Schicksal hier geworden; eine lange Reihe von
Segel- und Dampffahrzeugen nennt das Handbuch, denen diese Bucht zum
Verhängnis geworden.
Diese Länder -- von Mogadischu bis zum Golf von Aden -- sind noch die
einzigen der ganzen Welt, wo Verhältnisse herrschen wie in Zeiten
früher Geschichte, im Zeitalter der Entdeckung Amerikas, der ersten
Besiedelung Australiens und Neuguineas.
Und selbst wenn die schlanken hohen Somalis, die Eingeborenen dieses
Landes, uns aus Achtung vor unseren Maschinengewehren nicht belästigen
würden, selbst dann würde die Vernichtung unserer Besatzung nur eine
Frage von Tagen sein. Wir kennen dieses Land nicht, Karten gibt
es nicht -- Wasser und Lebensmittel wären in Kürze ausgegangen,
verdurstend, verhungernd hätten unsere Leute hier ihr Ende gefunden!
Von den tausend Kilometern wären kaum hundert zurückgelegt worden.
Also -- an Land gehen -- unmöglich!
Weiterfahren, wenn unser Dampfer nicht kommt -- unmöglich!
Warten? -- Unmöglich! -- Wir haben nur für einige Tage Wasser.
Um Unterstützung funken? -- Unmöglich! -- Auf Tausende von Meilen im
Umkreis nur Feinde, die uns suchen.