Vielleicht gehen die Franzosen ihrerseits in der Objektivität des

Spiels zuweilen zu weit. Aber die Ruhe und Größe, die darin liegt, ist

so wohltuend, daß man das Zurücktreten jedes ausgesprochen persönlichen

Gefühls nicht wahrnimmt. „Orgelspielen“, sagte mir Widor einmal auf

der Orgelbank zu Notre-Dame[7], als die Strahlen der untergehenden

Sonne in verklärter Ruhe das dämmerige Schiff durchzogen, „heißt

einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen manifestieren.

Aller Orgelunterricht, der technische und der künstlerische,

geht nur darauf aus, einen Menschen zu dieser höheren reinen

Willensmanifestation zu erziehen. Dieser Wille des Organisten, der sich

in der Orgel objektiviert, soll den Hörer überwältigen. Wer den großen

konzentrierten Willen nicht in ein Bachsches Fugenthema hineinlegen

kann, daß auch der gedankenlose Hörer sich ihm nicht entziehen kann,

sondern nach dem zweiten Takt eben auffassen und begreifen muß, ob er

will oder nicht, und nun die ganze Fuge hört und zugleich sieht: wer

über diesen konzentrierten, mitteilungskräftigen, ruhigen Willen nicht

verfügt, kann zwar dennoch ein großer Künstler sein, ist aber kein

geborener Organist. Er hat sich eben im Instrument geirrt, da die Orgel

die Objektivierung des Geistes zum ewigen, unendlichen Geist darstellt

und ihrem Wesen und ihrem Ort entfremdet wird, sobald sie nur Ausdruck

des subjektiven Geistes ist.“

Guilmants Spiel liegt dieselbe Auffassung vom Wesen der Orgel zugrunde,

nur daß bei ihm die Objektivität durch ein gewisses lyrisches Empfinden

eigentümlich und interessant belebt wird.

Man kann sagen, daß in der französischen Orgelkunst das Empfinden für

Architektur, das gewissermaßen das Grundelement jeder französischen

Kunst ist, zutage tritt. Darum hat auch der Schwellkasten eine ganz

andere Bedeutung als bei uns. Er dient nicht dem „Gefühlsausdruck“,

sondern der architektonischen Linie. Auf allen französischen Orgeln

sind die Schwellkastenklaviere so bedeutend, daß man mit der in ihnen

eingeschlossenen Klangmasse den Grundstimmenton der ganzen Orgel noch

modellieren kann. „Derjenige“, sagt Gigout seinen Schülern, „behandelt

den Schwellkasten recht, bei dem der Hörer nicht ahnt, daß überhaupt

ein Schwellkasten in Funktion tritt, sondern nur das unmerkliche An-

und Abschwellen als notwendig empfindet.“ Dasselbe Prinzip bringt

Guilmant seinen Schülern bei.

Das Großzügige und Einfache in der Schwellkastenbehandlung tritt in der

französischen Orgelkunst immer klarer zutage. Bei César Franck und in

den älteren Kompositionen von Saint-Saëns findet sich noch die kleine,

häufige Benutzung des Schwellkastens, wo dieses Mittel gewissermaßen

einen Ersatz für den der Orgel fehlenden Gefühlsausdruck ist, d. h. die

Schwellkastenbehandlung, die bei uns noch vorwiegt. Immer mehr aber

setzt sich in der Folge die einfache, sparsame, nur auf die große Linie

ausgehende Schwellkastenbenutzung durch, wie sie dann in den letzten

Werken von Guilmant und Widor triumphiert. Ihren Schülern, und nicht

weniger denen Gigouts, ist sie in Fleisch und Blut übergegangen. Man

lese die erste Orgelsymphonie Viernes daraufhin durch und vergleiche

damit die Angaben in unseren modernen Orgelkompositionen. Unschwer

wird man dann von dem Vorurteil abkommen, als ob die Franzosen mit dem

Schwellkasten Effekthascherei trieben und eingestehen, daß wir gerade

hierin von ihnen lernen können[8].

Aber wann werden wir solche richtigen Schwellkasten haben? Es ist noch

nicht so lange her, daß bei uns bedeutende Organisten den Grundsatz

vertraten, daß eine kleine Orgel keinen Schwellkasten brauche,

ebensowenig wie es nötig sei, bei solchen Orgeln das Pedal bis zum F

zu führen. Aber Schwellkasten und vollständiges Pedal gehören eben

zum Wesen der Orgel, wie die vier Füße zum Pferd. Lieber zwei oder

drei Register weniger, denn mit einem richtigen Schwellkasten kann man

aus jedem Register zwei machen. Gerade bei den kleinen Orgeln treten

gewisse Vorzüge der französischen Instrumente ungleich stärker hervor

als bei den großen.

Auch im Registrieren sind die Franzosen einfacher als wir. In einer

deutschen Orgelkomposition steht fast doppelt so viel Registerwechsel

vorgeschrieben als in einer französischen. Ein Meister der geistreichen

Registrierung ist Saint-Saëns. Guilmant registriert äußerst geschickt

und geschmackvoll. Widor verzichtet fast, und dies je mehr und mehr,

auf Registrierung. „Ich kann das Registrieren als Registerwechsel, rein

auf Veränderung der Klangfarbe berechnet, nicht mehr gut begreifen“,

sagte er mir einst, „und empfinde nur diejenige Veränderung in der

Klangfarbe als richtig, die durch eine Peripetie des Stückes unbedingt

gefordert ist. Je einfacher wir registrieren, desto näher kommen wir

Bach“. In dem ersten Stück seiner Symphonie „Romane“ besteht alles

Registrieren, zehn Seiten lang, nur darin, daß Mixturen und Zungen zu

den gekoppelten Grundstimmen zu- und wegtreten. Freilich darf man nicht

vergessen, daß der französische Schwellkasten in seiner Wirkung auf die

Gesamtorgel vieles ermöglicht, was wir auf unseren Orgeln nur durch

Registrieren ausführen können.

Zu den formellen Vorzügen der französischen Orgelkompositionen möchte

ich noch die klug berechnete, wirkungsvolle Verwendung des Pedals und

das Vermeiden jeglicher unnötigen Oktavenverdoppelungen sowohl im

Manual wie im Pedal rechnen. Es scheint mir, als ob unsere jüngeren

Komponisten die Pedalverwertung in den großen Präludien und Fugen Bachs

nicht hinreichend studiert haben, sonst müßten sie von selbst auf das

Verfehlte einer ununterbrochenen Mitwirkung des Pedals aufmerksam

werden. Von den in modernen Kompositionen so häufig vorgeschriebenen

Oktaven sind über achtzig Prozent gewöhnlich sinnlos, verschulden nur

ein ungebundenes Spiel und wirken nicht. Man studiere einmal Widors

Werke auf die Verwendung des Pedals und der Oktaven hin!

Bei genauem Zusehen entdeckt man eigentlich zwei französische Schulen:

eine altfranzösische, von deutscher Kunst direkt nicht beeinflußte,

und eine jüngere, die deutschen Einfluß aufweist. Zur spezifisch

französischen würde ich in der älteren Generation +Boëly+ (gest.

1858), +Chauvet+ und César +Franck+ zählen. Die jüngere Generation

wird etwa durch +Saint-Saëns+ und +Gigout+ repräsentiert. Auch Gabriel

+Pierné+ und der leider so früh verstorbene +Boëllmann+ (geb. zu

Ensisheim 1862, gest. als Organist von St. Vincent de Paul zu Paris

1897) gehörten hierher[9].

Diese ältere Schule mußte erst mühsam nach einem Orgelstil ringen,

ohne ihn, in ihren besten Vertretern, jemals ganz zu erreichen. César

Francks und Saint-Saëns’ Werke[10] sind Improvisationen genialer

Musiker auf der Orgel, nicht so sehr Orgelwerke, wenn auch bei den

späteren Werken von César Franck der Inhalt gewisse Vergewaltigungen

des Orgelstils ganz übersehen läßt. Boëllmanns Kompositionen sind

interessante Jugendversuche, die sicher zu etwas Bedeutendem geführt

hätten.

+Gigout+[11] steht in dieser Schule für sich. Er ist der Klassiker, der

zum reinen Orgelstil durchgedrungen ist. Er hat etwas Händelsche Art

an sich. Sein Einfluß als Lehrer ist ganz hervorragend und sein Spiel

wunderbar.

Diese spezifisch französische Schule kultiviert die Improvisation, zwar

nicht so wie der alte Organist von Notre-Dame -- sein Name möge der

Nachwelt nicht aufbewahrt werden -- der sich rühmte, auf seiner Orgel

nie etwas nach Noten gespielt zu haben, aber doch so, daß sie einen

ganz besonderen Wert darauf legt. Man würdigt Saint-Saëns erst, wenn

man ihn zu St. Séverin hat improvisieren hören, wo er zuweilen den

geistreichen Périlhou ersetzt. Auch Gigouts Stärke liegt eigentlich vor

allem auf diesem Gebiet.

Von César Francks Improvisationen erzählt Vincent d’Indy in seinem

soeben erschienenen meisterhaften Buche über seinen Lehrer (Ed. Alcan,

Paris 1906). Als Franz Liszt am 3. April 1866 aus St. Clothilde

heraustrat, war er so ergriffen, daß er zu seiner Umgebung sagte, seit

Bach hätte niemals jemand so auf der Orgel improvisiert.

Guilmant improvisiert gern. Widor nicht so sehr, „nur wenn er sich

gedrungen fühlt, etwas zu sagen.“ Viernes Improvisationen zu Notre-Dame

zeichnen sich durch ihre Formvollendung aus. Zu den hervorragenden

Improvisatoren gehört auch Schmidt, einer der begabtesten der jungen

Generation, der leider durch seine Ernennung zum Maître de Chapelle an

St. Philipp du Roule für die Orgel vorläufig verloren ist.

Im allgemeinen spielen Improvisation und ebenso Auswendigspielen im

französischen Orgelunterricht, wie ihn früher Widor, jetzt Guilmant und

sein Gehilfe Vierne am Konservatorium erteilen, und nicht minder im

Unterrichte Gigouts, eine größere Rolle als bei uns. Für den Wettbewerb

um den Organistenposten zu Notre-Dame wurde gefordert: Improvisierung

einer Fuge über ein gegebenes Thema, eine freie Improvisation und

zwanzig moderne oder klassische Orgelwerke auswendig. Der pädagogische

Wert des Auswendigspielens auf der Orgel ist aber auch tatsächlich

ganz ungeheuer, da der Schüler dabei gezwungen ist, sich über alles

Rechenschaft zu geben. Wir vernachlässigen das Auswendigspielen auf der

Orgel vielleicht etwas zu sehr.

Die andere französische Orgelschule, durch +Guilmant+, früher an der

Trinité, und +Widor+, zu St. Sulpice, repräsentiert, ging von Belgien

aus. Guilmant und Widor waren Schüler von Lemmens, der seinerseits

wieder Schüler von Hesse war. So waren Guilmant[12] und Widor, wie

ihre ersten Werke zeigen, von Anfang an mit dem aus Bach geflossenen

Orgelstil bekannt und brauchten nicht erst zu suchen und zu tasten.

Guilmant ist nicht nur einer der hervorragendsten Spieler, sondern auch

zugleich der universellste Lehrer der Jetztzeit, von hervorragender

pädagogischer Begabung und musikhistorischer Bildung. Er ist es, der

die alte, vorbachische Orgelmusik in Frankreich bekannt machte. Was

die deutsche Orgelmusik aus seinen Werken betreffs der Form und des

Aufbaus lernen kann, ist in der deutschen Kritik seit Jahren immer

betont worden.

Widor ist mehr ein nach innen gekehrter Geist. Seine zehn

Symphonien[13] stellen die Entwicklung der Orgelkunst, wie er sie

an sich erlebt hat, dar. Die ersten sind formvollendete, mehr von

lyrisch-melodischem, manchmal sogar sentimentalem Geiste durchwehte

Schöpfungen, die aber in der wunderbar großen Struktur der Themen

die einzigartig organistische Begabung des Schöpfers zeigen. Mit der

fünften Symphonie verläßt er diese Bahn. Das Lyrische tritt zurück;

etwas anderes ringt nach Gestaltung. Zunächst noch in melodischer Form,

in der fünften und sechsten Symphonie, die zu seinen bekanntesten

gehören. Die siebente und achte sind Übergangswerke. Sie sind

orgelmäßig und doch gewagt orchestral gedacht. Welch ein Wunderwerk,

der erste Satz der achten Symphonie! Zugleich aber tritt das Herbe

immer stärker hervor, das Herbe, das Widor dann in den beiden letzten

Symphonien zur heiligen Kunst zurückführt. „Es ergeht mir merkwürdig“,

sagte er mir in jener Periode, „außer Bachs Präludien und Fugen, oder

mehr noch, außer gewissen Präludien und Fugen von Bach, kann ich keine

Orgelkunst mehr als heilig empfinden, die nicht durch ihre Themen,

sei es aus dem Choral, sei es aus dem Gregorianischen Gesang, für

die Kirche geheiligt ist“. Darum ist die neunte Symphonie (Symphonie

Gothique) über das „Puer natus est“ als Weihnachtssymphonie geschrieben

und die zehnte (Symphonie Romane) über das wunderbare Motiv des „Haec

dies“ als Ostersymphonie gedacht. Und als er an einem Maisonntag, mit

dem Technischen noch ringend, das Finale der Romanischen Symphonie zum

erstenmal zu St. Sulpice spielte, da fühlte ich mit ihm, daß in diesem

Werk die französische Orgelkunst in die heilige Kunst eingegangen,

jenen Tod und jene Auferstehung erlebt hatte, die jede Orgelkunst, und

in jedem Individuum, erleben muß, wenn sie Bleibendes schaffen will.

Louis Vierne, der 1900 als kaum Dreißigjähriger an die

Notre-Dame-Kirche berufen wurde, ist Schüler von César Franck, Widor

und Guilmant. Seine zwei groß angelegten Orgelsymphonien versprechen

sehr viel[14].

Nicht vergessen möchte ich des wackeren +Dallier+, eines Schülers

Francks, früher an St. Eustache, jetzt an der Madeleine, wo er

Nachfolger Gabriel +Faurés+, des wunderbaren und vollendeten

Improvisators und Bachkenners, wurde, der seinerseits +Dubois’+

Nachfolger war. Eine Wiedergabe der Bachschen Es-dur-Tripelfuge während

einer musikalischen Feier zu St. Eustache wird mir unvergeßlich bleiben.

Von den Jungen seien genannt: +Quef+, Nachfolger Guilmants an

der Trinité, +Tournemire+ an St. Clothilde, +Jacob+, ein ganz

hervorragender Spieler, an St. Louis d’Antin, +Marti+ zu St.

François-Xavier, +Libert+ an der Basilique St. Denis, +Maquaire+,

der Ersatzmann Widors zu St. Sulpice, von dem eine sehr interessante

Orgelsymphonie bei Hamelle erschienen ist, +Bret+, der als Dirigent

der Bachgesellschaft seine Kräfte jetzt ausschließlich in den Dienst

der Sache des Altmeisters stellt, +Mahaut+, ein vollendeter Spieler,

zugleich begeisterter Interpret der Werke seines Lehrers César Franck

und Bonnet, der Nachfolger Dalliers an St. Eustache.

Gemeinsam ist den beiden Schulen, und in beiden den Alten wie den

Jungen, die Verehrung für Bach. Es wird bei uns kaum mehr und so

ausschließlich Bach gespielt als in manchen Pariser Kirchen. Während

des Offertoriums zu Notre-Dame zieht Bachs Choralvorspiel über „O

Mensch bewein’ dein’ Sünde groß“ durch die mächtigen Hallen der

Kathedrale.

Von der Zukunft der französischen Schule vermag ich nichts zu

sagen. „L’orgue Moderne“, eine unter Widors Patronat periodisch

erscheinende Sammlung der neueren und neuesten Versuche, befriedigt

mich eigentlich nicht. Formell ist darin alles gut, weit ausgereifter

als die Erstlingswerke unserer deutschen Organistenjugend. Aber es

fehlt die Erfindung, der Sturm und Drang, die Gärung, die einem die

Gewißheit geben könnten, daß aus dieser tüchtigen jungen Generation

etwas mehr als Tüchtiges, etwas Großes, Bleibendes hervorgehen wird.

Die gleichzeitigen Werke der jungen deutschen Organistenwelt zeigen

ein weniger großes formelles Können, zuweilen eine Verneinung des

Orgelstils, weniger Überlegung und Klarheit, aber dafür in manchen

einen vielversprechenden Ideenreichtum.

Aber was wird überhaupt aus dem französischen Orgelbau und der

französischen Orgelkunst werden? Was wird die Trennung von Kirche und

Staat bringen? Schon jetzt richten sich die Kirchen auf die Trennung

ein und streichen an den ohnehin schon kleinen Gehältern, was zu

streichen ist. Den meisten Organisten ist schon ein Viertel ihrer

Bezahlung gekündigt worden. Dallier verlor an St. Eustache zuerst ein

Drittel, dann die Hälfte seines Einkommens und meldete sich daraufhin

an die eben freiwerdende Madeleinekirche. Der Organistenposten zu

Notre-Dame dürfte in Zukunft kaum mehr als 1000 frcs. eintragen. Der

Orgelbau stockt. Herrliche Orgeln, die früher in den Kirchen der

Kongregationen standen, sind zu Spottpreisen zu verkaufen. Manchmal

fragt man sich, ob das sicherste Ergebnis der Trennung vorerst nicht

der Ruin des Orgelbaues und der Orgelkunst sein wird. Die Krise, die

beide durchmachen werden, wird jedenfalls sehr schwer sein.

Lassen wir die Zukunft. Für jetzt kommt es darauf an, daß der Grenzwall

zwischen französischer und deutscher Orgelkunst niedergelegt werde, und

daß beide voneinander lernen. Der deutsche und der französische Genius

sind in der Kunst angewiesen, einander anzuregen. In der Orgelkunst

ganz besonders, da wir Deutschen von den Franzosen unendlich viel in

Technik und Form lernen können, die Franzosen aber durch den Geist der

deutschen Kunst von einer Verarmung in ihren reinen und vollendeten

Formen bewahrt werden. Aus der Durchdringung beider Geistesrichtungen

wird neues Leben hüben und drüben erstehen. Bisher profitieren

eigentlich nur die amerikanischen Organisten von dem Vorteil, durch

die deutsche und die französische Schule hindurchzugehen, insofern

als sie gewöhnlich die Hälfte ihrer Lehrzeit in Deutschland, die

andere Hälfte in Paris zubringen. Mögen in Zukunft die deutschen und

die französischen, um denselben Vorteil zu haben, sich von dem alten

künstlerischen Organisten-Lern- und Wandertrieb erfassen lassen.

Vielleicht wird dann ein französischer Organist seine Kollegen mit

der Kunst der Reger, Wolfrum, Lang, Franke, De Lange, Reimann, Egidi,

Irrgang, Sittard, Homeyer, Otto Reubke, Straube, Beckmann, Radecke, G.

A. Brandt und wie sie alle heißen mögen, bekannt machen, wie ich es

hiermit versucht habe, deutschen Organisten das Wesen der französischen

Orgel und der französischen Orgelkunst näher zu bringen[15].

[Illustration]

Anhang.

Die Disposition der Orgel zu St^e Clothilde, auf welcher César Franck

spielte.

3 Klaviere mit 46 klingenden Stimmen.

=Grand-Orgue=:

14 klingende Stimmen.

Montre 16. Montre 8. Gambe 8. Bourdon 16. Flûte harmonique 8. Bourdon

8. Prestant 4. Octave 4. Doublette 2. Quinte 3. Plein-Jeu. Bombarde

16. Trompette 8. Clairon 4.

=Positif=:

14 klingende Stimmen.

Bourdon 16. Montre 8. Gambe 8. Flûte harmonique 8. Bourdon 8.

Salicional 8. Prestant 4. Flûte octaviante 4. Quinte 3. Plein-Jeu.

Doublette Clarinette 8. Trompette 8. Clairon 4.

=Récit=:

(im Schwellkasten)

10 klingende Stimmen.

Viole de Gambe 8. Voix céleste 8. Bourdon 8. Flûte harmonique 8.

Flûte octaviante 8. Octavin 2. Basson-Hautbois 8. Trompette 8.

Clairon 4. Voix humaine 8.

=Pédale=:

8 klingende Stimmen.

Contre-Basse 16. Flûte 8. Quintaton 32. Octave 4. Basson 16. Bombarde

16. Trompette 8. Clairon 4.

13 Koppeln und Kombinationszüge.

Die Disposition der Orgel Widors zu St. Sulpice.

(Erbaut 1861-62.) 5 Klaviere. 100 klingende Stimmen.

=Premier Clavier. Grand Chœur=:

13 klingende Stimmen.

Doublette 2. Octave 4. Große Fourniture 4 r. Große Cymbale 6 r.

Plein-Jeu 4 r. Cornet 5 r. 1^e Trompette 8. 2^e Trompette 8. Clairon

4. Clairon-Doublette 2. Basson 16. Basson 8. Bombarde 16.

=Deuxième Clavier. Grand Orgue=:

13 klingende Stimmen.

Principal 16. Montre 16. Bourdon 16. Flûte conique 16. Flûte

harmonique 8. Flûte traversière 8. Montre 8. Diapason 8. Bourdon 8.

Flûte à pavillon 8. Salicional 8. Prestant 4. Große Quinte 5⅓.

=Troisième Clavier. Positif=:

20 klingende Stimmen.

Violon Basse 16. Quintaton 16. Quintaton 8. Flûte traversière 8.

Salicional 8. Gamba 8. Unda maris 8. Flûte douce 4. Flûte octaviante

4. Dulciana 4. Plein-Jeu 3 et 6 r. Quinte 2⅔. Doublette 2. Tièrce

1⅗. Larigot 1⅓. Piccolo 1. Basson 16. Baryton 8. Clairon 4.

Trompette 8.

=Quatrième Clavier. Récit Expressif=:

21 klingende Stimmen.

Quintaton 16. Diapason 8. Violoncelle 8. Bourdon 8. Flûte harmonique

8. Voix céleste 8. Flûte octaviante 4. Prestant 4. Doublette 2.

Basson-Hautbois 8. Cromorne 8. Voix humaine 8. Dulciana 4. Fourniture

4 r. Cymbale 5 r. Nazard 2⅔. Octavin 2. Cornet 5 r. Bombarde 16.

Trompette 8. Clairon 4.

=Cinquième Clavier. Solo=:

21 klingende Stimmen.

Bourdon 16. Flûte conique 16. Principal 8. Flûte harmonique 8. Viola

da Gamba 8. Bourdon 8. Violoncelle 8. Kéraulophon 8. Flûte octaviante

4. Prestant 4. Große Quinte 5⅓. Große Tièrce 3⅕. Quinte 2⅔.

Octave 4. Octavin 2. Cornet 5 r. Septième 2²⁄₇. Bombarde 16.

Trompette 8. Clairon 4.

Trompette harmonique 8 (Hochdruck).

=Pédale=:

12 klingende Stimmen.

Principal-Basse 32. Contrebasse 16. Soubasse 16. Flûte 8. Violoncelle

8. Flûte 4. Clairon 4. Ophicléide 8. Trompette 8. Basson 16. Bombarde

16. Contre Bombarde 32.

20 Koppeln und Kombinationszüge; dazu eine freie Kombination für

jedes Klavier. Das vierte Klavier steht im Schwellkasten.

Die Orgel zu Notre-Dame ist ähnlich disponiert, nur daß sie 14

klingende Stimmen weniger hat.

Der Fortschritt der Orgeln zu St. Sulpice und Notre-Dame verglichen mit

der zu St^e Clothilde besteht also in der Verwendung der Mixturen, die

auf den früheren Orgeln Cavaillés nicht so reich vertreten waren. Man

lasse die glänzenden Zungenstimmen beiseite: dann sind St. Sulpice und

Notre-Dame die idealsten Bach-Orgeln, die man sich denken kann.

Mutin, Cavaillés Nachfolger, zieht nur die Konsequenzen der Evolution

seines großen Lehrers, indem er nun auch dem Pedal entsprechend viele

Mixturen zugesteht, wozu Cavaillé sich noch nicht hatte entschließen

können.

[Illustration]

Fußnoten:

[1] Diesen Typus verwirklicht die eben vollendete Orgel zu St. Nicolaï

in Straßburg, ein Werk der beiden jungen elsässischen Orgelbauer

Dalstein und Härpfer zu Bolchen in Lothringen.

Alle Koppeln und Kombinationszüge sind doppelt, als Pedaltritte und

als Druckknöpfe angelegt, wobei der Knopf und der Tritt untereinander

durch eine von Herrn Dalstein erfundene einfache Mechanik verbunden

sind, welche den Preis jeder Koppel oder Kombination um etwa zwanzig

Mark erhöht. Die doppelte Verwendbarkeit der freien Kombination,

die die Handregistrierung nach Belieben aufhebt oder ergänzt, macht

alle anderen Ressourcen tatsächlich überflüssig, wovon sich auch

diejenigen Organisten überzeugten, welche anfangs die „Neuerung“,

die auf die Abschaffung des „Piano“, „Mezzoforte“, „Forte“, „Tutti“

ging, beargwöhnten. Der Vorteil der Möglichkeit, das erste Klavier

von den andern abzukoppeln und es als Koppelklavier zu benutzen,

leuchtete nach der ersten praktischen Demonstration ein. Die ganze

Spieltischeinrichtung stellt sich um etwa 200 Mark teurer als die

gewöhnliche.

Für eine zweiklavierige Orgel von zwanzig Stimmen, bei der also zwei

doppelt angelegte Pedalkoppeln, zwei doppelt angelegte Manualkoppeln,

und drei doppelt verwendbare freie Kombinationen (Kl. I, II und Ped.)

in Betracht kämen, dürfte die Differenz etwa hundert Mark betragen!

[2] Von den in der „Übergangszeit“ von Häusern zweiten Ranges gebauten

Pneumatiken wage ich nicht zu reden. Welche Summen wären nötig, um

jene Instrumente, die als Opfer der ersten Versuche allsonntäglich zum

Himmel schreien, zu erlösen und ihnen einen „neuen gewissen Geist zu

geben“!

Und wie viele unserer mittleren Orgelbauer, die einst einfache und

schönklingende, zuweilen geradezu künstlerisch intonierte Werke bauten,

sind zugrunde gegangen, weil sie in den Erfindungen mitmachen mußten!

[3] In sehr großen Kirchen können zwei oder drei künstlerisch gebaute

Hochdruckstimmen von einer grandiosen Wirkung sein und gehören daher

zur Vollkommenheit des Instruments. In mittleren Räumen aber können

sie den Orgelklang nur verunstalten und müssen daher im Orgelbau eine

Ausnahme bleiben.

[4] Auch unser moderner Flügel paßt nicht für Bachsche Musik. Diese

Erkenntnis beginnt sich allenthalben zu regen. Siehe darüber Wanda

Landowska: Sur l’interprétation des œuvres de Clavecin de J. S. Bach,

Mercure de France 1905.

[5] Es ist mir von jeher aufgefallen, daß gewisse herrliche

Silbermannorgeln in der Nähe geradezu unschön wirken, weil die

Individualität der einzelnen Register zu ungebrochen fortbesteht. Desto

herrlicher ist aber ihr Ton in dem Schiff der Kirche.

Man beobachte auch, wie solche alte Orgeln, auch wenn sie schwach

intoniert sind, durch die Wände der Kirche hindurch wirken! Jeder Ton

in der Polyphonie gelangt klar zum Ohr des Hörers auf dem Vorplatz. Wie

steht es aber in dieser Hinsicht mit der modernen Orgel? Sie vermag bei

all ihrer Kraft nur ein dunkles Sausen und Gestöhne durch die Steine

hinauszusenden. So zeugen sogar die Steine wider sie und erbringen den

Beweis, daß ihr Ton nicht „trägt“.

[6] Dazu gehört auch, daß der Organist unsichtbar ist, was besonders

in den neueren protestantischen Kirchen sehr oft nicht der Fall ist.

Mir verleidet es die schönste Bachsche Fuge, wenn ich vom Schiff aus

den Organisten an seinem Instrument herumzappeln sehe, als wollte er

den Gläubigen ad oculos demonstrieren, wie schwer das Orgelspielen ist.

Ein Menschlein vor dem großen Instrument kann nur grotesk wirken. Man

erspare uns diesen Anblick, indem man um den sichtbaren Spieltisch ein

zum Orgelgehäuse passendes Gitter aufführt.

Deutsche und Französische Orgelbaukunst und Orgelkunst · 第 3 / 4 段