Cavaillé-Coll war sich bewußt, in der Barckerlade, die er zum ersten

Male in der Basilikakirche zu St. Denis anwendete, das Ideal der

Übertragung der Taste zur Pfeife gefunden zu haben. An Ressourcen

begnügte er sich mit Koppeln und den Appels der Mixturen und Zungen.

Für große Orgeln gab er eine einfache Reihe freier Kombinationen zu;

so schon auf der Orgel zu St. Sulpice und auf der zu Notre-Dame.

Alle in dieser Richtung weitergehenden Bestrebungen interessierten

ihn nicht: seine ganzen Erfindungen und Anstrengungen waren auf die

Vervollkommnung der Intonation und der Ansprache gerichtet, also gerade

auf das, was beim deutschen Orgelbau zurücktreten mußte.

In der Klangstärke, die er dem einzelnen Register gab, blieb er

konservativ. Er konstruierte zwar Hochdruckzungen (trompettes en

chamade) für Schwellwerke; für die anderen Register suchte er nur

die Tonschönheit. Auch seine Flöten, nicht nur seine Prinzipale und

Gamben, sind von wunderbarer Schönheit. Vielleicht fehlt ihnen die

interessante Mannigfaltigkeit, die einzelne deutsche Orgelbauer in der

Flötenfamilie erreicht haben.

Um sich den Unterschied zwischen französischer und deutscher Orgel zu

vergegenwärtigen, ziehe man auf beiden alle Grundstimmen 16, 8, 4, 2

auf allen Manualen. Auf der deutschen Orgel wirkt das Ensemble sehr

oft hart, zuweilen unausstehlich. Ich kenne moderne Orgeln, auf denen

sogar die sämtlichen achtfüßigen Grundstimmen des I. Manuals nicht eine

erträgliche Wirkung hervorbringen. Von unseren Doppelflöten laßt uns

schweigen. Ein Orgelbauer gestand mir, daß ihm vor den Doppelflöten,

die man ihm zu bauen auferlegt, graute, und ich selbst höre in gewissen

Orgeln die Doppelflöte deutlich noch im vollen Werk!

Nun bilden aber die sämtlichen Grundstimmen die Grundlage des vollen

Werks. Wenn schon die Grundlage keine schöne Toneinheit ist, was soll

aus dem vollen Werk werden?

Ganz anders bei Cavaillé. Die Grundstimmen werden im Hinblick auf die

Toneinheit, die sie bilden sollen, intoniert. Sowohl die jedes Manuals

für sich als die vereinigten bilden ein ausgeglichenes harmonisches

Ganzes, und zwar so, daß in dem Ganzen die Individualitäten der drei

Klaviere voll zur Geltung kommen. Die Grundstimmen des Hauptwerks

geben die Grundierung ab. Sie sind unverhältnismäßig weich, aber in

einem vollendet gesunden Ton gehalten; die des II. Klaviers bringen

gewissermaßen die Helligkeit hinein; die des III. liefern die

Intensität. Die Intonation auf dem Schwellwerk ist viel intensiver als

auf dem Hauptwerk. Bei uns merkt man bei voll gezogenen Grundstimmen

die Ankoppelung des dritten Werks nicht. Bei Cavaillé hingegen ist

es, als ob mit jenem Augenblicke Licht, weißleuchtendes Licht, in die

Grundstimmenmasse hereinflutete.

Dabei keine Härte, auch nicht in den obersten Lagen. Weil sie für

solche Orgeln gedacht sind, wirken französische Kompositionen auf

unseren Orgeln unerträglich. „Wie kann Widor solche gehaltenen

Dissonanzen schreiben!“ sagte mir einst ein Berliner Organist, dem

ich sehr viel verdanke. Wirklich waren sie auf der betreffenden Orgel

unausstehlich, eine Qual ... aber nicht auf St. Sulpice!

Um dies zu vermeiden, nehme ich für französische Kompositionen auf

deutschen Orgeln nur die Hälfte der Grundstimmen, fast keine 4 und

2 Füße auf dem ersten Klavier, wegen der oberen Lage. Ich ziehe im

Prinzip nur so viel Grundstimmen auf dem I. und II. Klavier, daß die

dazu gekoppelten vollzähligen Grundstimmen des III. noch deutlich

bemerkbar werden und der Schwellkasten auf die Grundstimmenmasse

wirkt. Erst wenn man dies beobachtet, bringt man César Franck, Widor,

Guilmant, Saint-Saëns, Gigout und die anderen auf unseren Orgeln so zu

Gehör, wie sie sich auf den ihren anhörten und anhören.

Unsere nicht auf das Ensemble gerichtete Intonierung der Grundstimmen

hat nun zur Folge, daß die Mixturen sich damit nicht vermischen,

sondern nur „stark“ machen, wozu ihre eigene überkräftige Intonation

noch das ihrige beiträgt. Wenn man eine moderne Orgel hört, sieht

man immer den Grundstimmen- und den Mixturenstrom sich unvermischt

einherwälzen, während die Bestimmung der Mixturen doch diese ist, in

der Grundstimmenklangfarbe aufzugehen, sie lichtreich und durchsichtig,

d. h. für das polyphone Spiel geeignet zu machen.

Auf unseren Orgeln ist es aber einfach unmöglich, eine Fuge und ein

Präludium von Bach mit Grundstimmen und Mixturen, welch letztere bald

hinzu-, bald abtreten, zu spielen und die Peripetien durch die An-

und Abkoppelungen der Manuale oder durch Manualwechsel hervortreten

zu lassen, d. h. sie als architektonische lebenerfüllte Gebilde der

Musik erstehen zu lassen. Auf Cavaillés Orgel ist dies möglich, weil

alles auf den schönen Zusammenklang von Grundstimmen und Mixturen

eingerichtet ist. Darum spielen die französischen Organisten die

Bachschen Fugen in manchem einfacher, klarer und sachgemäßer als wir:

ihre Orgel steht der Bachschen näher als die unsrige.

Wir aber müssen die Bachsche Fuge unserer Orgel anpassen. Unsere

„Auffassungen“ entspringen z. T. nur der Not, was nicht hindert, daß

diese „Auffassungen“ von den meisten als ein künstlerischer Fortschritt

angesehen werden. Weil wir sie nicht so einfach spielen können, wie sie

gedacht ist, registrieren wir sie und behandeln sie orchestral. Wir

gießen sie in eine neue Form, bringen Steigerungen und Diminuendi an,

wo keine im Fugenplan vorgesehen sind, weil wir die von Bach gedachte

klare und gesättigte Klangfarbe auf unserer Orgel nicht produzieren

können.

Und zuletzt hilft doch alles nichts, denn auf unseren Orgeln hört man

nur Diskant und Baß: die Figuren der Mittelstimmen darauf zu verfolgen,

ist unmöglich. Von den Geschmacklosigkeiten, die beim Registrieren

passieren, will ich nicht reden. Ich habe einmal das Thema der großen

G-moll-Fuge mit den Flöten des III. Klaviers intonieren hören, worauf

dann die ganze Fuge fischleibartig anwuchs. Aber geschmacklos oder

geschmackvoll registriert: es bleibt die so gespielte Fuge unwahr

und unnatürlich, als wollte man Dürersche Stiche in kolorierter

Kreidezeichnung herausgeben, damit sie „wirken“[4].

Ich sehe heute noch das überraschte Gesicht einer unserer berufensten

und bekanntesten Bachsängerinnen, als sie unlängst auf der Orgel zu St.

Sulpice unter Widors Händen die G-moll-Phantasie in ihrer einfachen

tongesättigten durchsichtigen Form erstehen sah.

Zurück zu den von Bach verlangten polyphonen, nicht orchestralen

Orgeln! Feinere Grundstimmen! Harmonische Einheit der Grundstimmen!

Weg mit unseren wenigen schreienden Mixturen! Viele und weiche Mixturen!

Wo ist auf unseren Orgeln die Mixturenfamilie auf einem Manual auch

nur einigermaßen vollständig vertreten? Unsere II. und III. Klaviere

waren lange Zeit von Mixturen entblößt. Langsam kommt man dazu, ihnen

auch auf kleinen Orgeln wieder eine Mixtur zuzugestehen. Aber wie lange

wird es dauern, bis die richtige Mixturenproportion auf allen Klavieren

erreicht ist, bis es zum Dogma erhoben ist, daß eine Orgel desto

wahrer, schöner und reicher ist, je mehr schöne feine Mixturen sie

hat, daß sie überhaupt davon nie zuviel haben kann und daß auch unsere

Schwellkastenklaviere damit geladen sein müssen? Denn die Bachsche Fuge

verlangt Homogenität der Klangfarbe auf allen drei Klavieren! Sie ist

einfarbig gedacht, wie der Kupferstich.

Das ist aber wieder eine Geldfrage. Eine Orgel mit den richtigen

Mixturen von 40 Stimmen stellt sich mindestens ebenso teuer als unsere

heutigen Orgeln mit 50 Stimmen, wenn nicht teurer. Aber es kommt

sicher eine Zeit, wo wir wieder nicht auf die Zahl, sondern auf den

klanglichen Reichtum der Stimmen sehen, wo wir die richtige teuere

Orgel von 40 Stimmen der falschen von 50 vorziehen werden und auf

unsere Instrumente, bei denen einige wenige brutale Mixturen gegen

den formlosen Gigantenleib unserer Grundstimmen in unaufgelöstem

Widerstreit liegen, als auf etwas Überwundenes zurückblicken werden.

Dann, nicht eher, ist auch die Pedalfrage gelöst. Unsere Pedale sind

zu stark und zugleich zu schwach, weil der Ton uncharakteristisch

und undeutlich ist. Wenn man ein Pedalsolo auf einer unserer Orgeln

hört, meint man, es wälze sich ein Drachenleib aus dem Hintergrunde

der Kirche in wilden schwerfälligen Windungen heraus. Setzt dagegen

das Manual zum Pedal ein, so fragt man sich alsbald: wo ist denn das

Pedal? Unsere volle Orgel ruht auf tönernen Füßen, denn im Vergleich

zum vollen Werk unserer gekoppelten Manuale sind unsere Pedale

dann doch immer wieder schwach, besonders da dann unsere gierigen

Manualgrundstimmen, da sie schneller zuschnappen als die bedächtigen

großen sechzehnfüßigen Holztiere, ihnen den Wind wegfressen.

Die Sättigung des Pedals mit schönen Mixturen ist die einzige Lösung

der Pedalfrage für das volle Werk. Nun finden sich aber auf unsern

Pedalen fast keine Mixturen. Auch die Vierfüße fehlen durchschnittlich.

Und die ein oder zwei Mixturen, die sich eventuell darauf befinden,

sind unbrauchbar, weil sie sich nicht mit der Grundstimmenmasse

vermischen, sondern in unaufgelöstem Zwiespalt mit ihr die Figuren nur

undeutlich machen, manchmal geradezu akustisch entstellen. Andererseits

sind wir in der Steigerung des Tonvolumens unserer Pedalgrundstimmen

schon weit jenseits der Grenze des künstlerisch Erlaubten. Man

höre einmal die F-dur-Toccata auf unseren Orgeln. Wer kann dieses

Hervorkollern der übermäßigen Töne schön finden? Wer darin die

wunderbare Bachsche Linie heraushören?

Nicht übermäßig starke, sondern tonreiche, tonintensive, biegsame,

sich auch bei gekoppelten Grundstimmen und Mixturen aller Klaviere

wie von selbst durchsetzende Pedale müssen wir bauen. Das heißt:

nicht übermäßig starke und nicht übermäßig viele Grundstimmen 16′ und

8′, aber fast genau so viel schön und weich intonierte Mixturen. Ein

solches Pedal ist nie zu schwach und nie zu stark und besonders: es

verdunkelt und verdeckt die Mittelstimmen des Manuals nicht.

Diese Erkenntnis, daß wir wieder zu den vielen und schönen Mixturen

zurückkehren müssen, brach sich bei Cavaillé-Coll in der letzten

Periode seines Schaffens immer mehr Bahn. Sein Schüler Mutin, der das

Haus jetzt leitet, wandelt in des Meisters Bahnen und verwirklicht die

Erkenntnis. Ich werde den Augenblick nie vergessen, wo ich zum ersten

Male verwirklicht hörte, was ich erträumte: ein ideales Pedal. Es war

auf der Musterorgel, die Cavaillés Atelier ziert, einem mixturenreichen

Werk von etwa 70 Stimmen. Auf dem Pedal sind fast alle Mixturen, auch

die Septime, vertreten. Ich spielte Bachs A-moll-Fuge mit gekoppelten

Klavieren, alle 8, 4 und 2 Grundstimmen und Mixturen gezogen. Die

Linien der Pedalfiguren standen einem ohne jede Aufdringlichkeit, aber

mit intensiver Plastik, vor Augen. „Spielen Sie sie noch einmal“, sagte

Mutin, „ohne Mixturen“. Als ich die Pedalmixturen einstoßen wollte:

„Halt“, sagte er, „die bleiben“. Und dasselbe Pedal, das vorher für

das volle Werk ohne Zungen überaus stark genug gewesen war ... war für

die neue Registrierung, obwohl unverändert, nicht zu stark. Zuletzt

gebrauchte ich dasselbe volle Pedal und beließ auf den Klavieren nur

die Prinzipale 8 und 4 ... und es war auch nicht zu stark ... Da war

mir zumut wie einem, der einen Blick in die Zukunft tun durfte, und ich

stieg von der Bank herunter, nun innerlich ganz überzeugt, daß die Zeit

der „tonstarken“ Orgel im Vergehen ist und die Zeit der „tonreichen“

Orgel, der Orgel Bachs, der in neuer Glorie erstehenden alten Orgel

heraufzieht.

Eine tonreiche Orgel setzt voraus, daß die Wellen der einzelnen Töne

unvermischt, ohne sich gewissermaßen ineinander zu legen, zum Ohr des

Hörers kommen und sich erst dort als selbständige Persönlichkeiten

zu der künstlerischen Einheit in der reichsten Mannigfaltigkeit

verbinden[5]. Schon Cavaillé hatte den Phänomenen der „entrainements

harmoniques“ seine Aufmerksamkeit zugewendet und auf Mittel gesonnen,

zu verhindern, daß im vollen Werk eine Pfeife dieselben Töne anderer

Pfeifen frißt, wie die magern Kühe Pharaos die fetten fraßen, so,

daß wir im vollen Werk einer Orgel von 50 Stimmen tatsächlich nur 25

hören, wobei die andern nur bis zu einem gewissen Grade verstärken,

nicht bereichern, weil sie als Individualitäten physikalisch nicht mehr

existieren.

Mutin hat diese Versuche zu einem gewissen praktischen Abschluß

gebracht und verwertet sie auf allen Orgeln. Pfeifen mit minimal

differenzierten Mensuren entrainieren sich nie gegenseitig, sondern

jede besteht als Persönlichkeit, auch in der größten Tonmasse. Sind die

Durchmesser gleich oder ist die Verschiedenheit größer, so ist das

Entrainement im Bereiche der Möglichkeit. Bei der Aufstellung einer

Disposition sieht also Mutin-Cavaillé darauf, daß die reichste minimale

Differenzierung der Mensuren durchgeführt wird.

Befriedigt nun aber die Ansprache unserer Orgel? Ja ... wenn man

rasches Eintreten des Tones mit gutem Ansprechen identisch setzt. Und

dann nicht einmal. Man führe einmal rapide Triller in der unteren Lage

des Manuals aus und schnelle Passagen mit den Sechzehnfüßen auf dem

Pedal!

Aber schnelles Eintreten des Tones ist noch kein gutes Ansprechen,

denn Ansprechen heißt eben An-Sprechen: daß der Ton von der Pfeife

richtig angesetzt und gewissermaßen artikuliert wird. Auf unsern Orgeln

poltert der Ton oft heraus; er wird nicht angesetzt. Eine richtige

Bindung zwischen den einzelnen Tönen ist dabei unmöglich. Bei genauem

Hören erfaßt man immer einen Zwischenraum zwischen beiden oder, im

Gegenteil, sie klingen einen kleinen Bruchteil einer Sekunde zusammen.

Sie legen sich nicht lebendig aneinander, sondern rollen einander nach

wie Kugeln. Die Orgel ist ein idealer Chor, dem nur die Worte versagt

sind. Ist es da zu begreifen, daß zuweilen so geringer Wert auf eine

künstlerische Ansprache der Stimmen gelegt wird?

Auch hier ist, wie mir scheint, Cavaillés Schüler Mutin auf dem

richtigen Weg. Er geht von der Beobachtung aus, daß ein Holzbläser

seinem Instrument in den verschiedenen Lagen verschiedenen Wind

mitteilt. Unten viel, aber mit vorsichtigem Druck, in der Mitte

mittelstark, aber an Quantität weniger als unten, oben sehr wenig,

aber sehr intensiven Wind; das Quantum also jedesmal im umgekehrten

Verhältnis zur Intensität. Wenn nun der Tonumfang eines Blasinstruments

im Verhältnis zu dem eines Orgelregisters sehr klein ist und doch

die Winddifferenzierung zur richtigen Ansprache erfordert, wieviel

mehr ein Orgelregister! Also wird die Lade des Registers in drei oder

vier Teile geteilt und jede Einzel-Teillade bekommt den Winddruck und

die Windzufuhr, die für jene Lage die ideale Ansprache ermöglichen.

Die große Musterorgel im Atelier von Cavaillé-Mutin arbeitet mit

dreigeteilten Windladen, die mit Wind von differenziertem Druck

gespeist werden. Natürlich ist der Bau viel komplizierter, und die

Kosten erhöhen sich bedeutend. Aber man höre den Erfolg! Ein solches

Register ist drei andere wert, davon nicht zu reden, daß nun auch

bei vollem Werk die unteren Lagen ihren richtigen Wind bekommen. Man

höre einmal die Mittelstimmen einer Bachschen Fuge bei so gebauten

Registern! Es geht kein Ton, kein einziger Ton verloren, da er von

einer andern Individualität als oben und unten ist. Ich stehe nicht

an, diese Orgel im Atelier Mutins, von der sich der Erbauer nicht

zu trennen vermag, für die technisch und künstlerisch vollendetste

zu erklären, die vielleicht je gebaut worden ist. Sie stellt das

Instrument dar, das zu Bachs Werken paßt, sofern es die Forderungen

verwirklicht, die seine Orgelmusik für die ideale Orgel aufstellt.

Wann wird es dahin kommen, daß auf allen Orgeln diese allerelementarste

ästhetische Forderung der Differenzierung des Winddrucks erfüllt wird?

Bis jetzt hat, wenn’s gut geht, jedes Klavier seinen Wind, das erste

den stärksten, das zweite einen etwas weniger starken, das dritte den

schwächsten, wobei der des ersten viel zu stark ist, weil man ihm

ungefähr denselben Druck gibt, den man für die Speisung der Pneumatik

braucht. Man höre, was dabei für die Prinzipale und Flöten herauskommt!

Wie reich wirkt hingegen die Orgel, in der die Register desselben

Klaviers mit zwei oder drei Arten von Wind gespeist werden, und zwar

so, daß jedes den Wind erhält, der durch die vollendetste Intonation

gefordert wird, wobei noch darauf Rücksicht zu nehmen wäre, ob es vorn

oder hinten, tief oder hoch steht. Welch ein Reichtum an vollendeten

Tonindividualitäten ist in einem solchen Instrument eingeschlossen!

Statt dessen findet man bei uns übermäßig stark intonierte Mixturen

ganz zuvorderst oben disponiert, die eigens dazu erbaut zu sein

scheinen, die Schönheit des vollen Werkes zu zerstören. Geradezu

unglaublich aber ist, daß manche Orgelbauer meinen, sie könnten

durch Differenzierung der Windzufuhr dasselbe erreichen wie durch

Differenzierung des Winddrucks, wo es sich doch beide Male um ganz

verschiedene Dinge handelt. Es gehört das Ineinanderwirken beider

Differenzierungen dazu, um einer Orgel den schönen Tonreichtum zu geben.

Und die Zungen? Sie befriedigen weder auf deutschen noch auf

französischen Orgeln, da sie auf beiden zu stark dominieren. Als

ich Widor gelegentlich sagte, daß ich die niederschmetternde Wucht

der sonst so prächtig gearbeiteten französischen Zungen für einen

künstlerischen Nachteil hielte, gestand er mir, daß er dieselbe

Überlegung schon seit Jahren mit sich herumtrage und der Ansicht

sei, daß wir dazu zurückkehren müßten, Zungen zu bauen, die das

volle Werk nicht beherrschen, sondern sich der Grundstimmen- und

Mixturenklangfarbe einpassen und sie gewissermaßen nur vergolden.

Gigout vertritt dieselbe Ansicht. Aber welche Arbeit und Mühe, schöne,

weiche und dabei gut ansprechende Zungen zu bauen!

Wenn wir sie einmal haben, ist auch die Frage gelöst, ob man Bach

mit Zungen spielen darf. Mit unsern gewiß nicht. Aber es scheint

mir sicher, daß er bei seiner Pedalzusammensetzung auf seine acht-

und vierfüßigen Zungen angewiesen war. Und wer wollte leugnen, daß

ein Pedal mit feinen Zungen, die zu den Mixturen hinzutreten, nicht

geradezu ideal sein muß? Man vergesse aber die Vierfüße nicht. Flöte 4,

Prinzipal 4 und Trompete 4, nicht grob intoniert, sollten auf keinem

einigermaßen vollständigen Pedal fehlen. Keine Koppel kann sie für das

volle Werk ersetzen. Ohne sie wälzt sich die Pedalfigur am Boden, statt

aufrecht in der Reihe der Stimmen einherzugehen.

Und dies alles ist eine Geldfrage! Bei den heutigen Preisen können

die künstlerischen technischen Probleme, die zusammen das Problem

der tonreichen, d. h. der tonschönen Orgel ausmachen, nicht in den

Vordergrund gestellt werden, sondern es heißt, für möglichst wenig

Geld möglichst viele Register zu bieten und manchmal gegen die bessere

Überzeugung den Leuten liefern, was sie wollen und nicht, was nach der

künstlerischen Erfahrung des Erbauers das Beste ist: fürs Auge, nicht

für das Ohr bauen! Unnötiges an Stelle des Nötigen.

Wenn man die geniale Erfindungsgabe unserer deutschen Orgelbauer,

die in den letzten zehn Jahren fast nur auf Verbilligung ausging und

ausgehen mußte, auf die rein künstlerischen Fragen losließe! Das kommt

aber erst, wenn wir nicht mehr gedankenlos auf die Zahl der Register

sehen und uns darein finden, daß die Preise gut um ein Drittel in die

Höhe gehen! Bis dahin leben wir in der Periode der guten Fabrikorgel.

Wer kann denn bei diesen Preisen nur prima Material haben? Wie ist

eine künstlerische Intonation dabei möglich? Ein Intonieren nach dem

Lokal, in künstlerischer Gewissenhaftigkeit, d. h. viermal so langsam

als jetzt, wo man ängstlich die Spesen für jeden Tag des Intonateurs

ausrechnen muß und wo schon der Versuch, künstlerisch zu intonieren,

allen Gewinn verschlingen würde.

Die guten Intonateure sollten wie Minister bezahlt sein und in dem

Range der Künstler so stehen, daß ein künstlerischer Intonateur gleich

sechs Durchschnittsvirtuosen geachtet würde, da ein halbes Dutzend der

letzteren leichter zu finden ist als ein künstlerischer Intonateur.

Von den Ministern hat die Nachwelt nur die Folgen der Fehler, die sie

gemacht haben, zu tragen; von den Virtuosen behält sie vielleicht den

Namen; von den Intonateuren aber das Werk, so, wie es aus ihrer Hand

hervorgegangen ist, daß sich Generation auf Generation daran erbaut.

Wo soll der Orgelbauer bei den heutigen Preisen die Mittel zu Versuchen

hernehmen, ohne die es keinen Fortschritt gibt? Man sagt, daß wir im

Begriff sind, ein reiches Land zu werden. An unsern Orgeln wird man

das dereinst nicht sehen, denn das frühere arme Deutschland baute sie

reicher.

Man täusche sich nicht! Wie die Orgeln, so die Organisten. Kein

Instrument übt einen solchen Einfluß auf die Künstler aus. Vollkommene

Orgeln erziehen Organisten zur Vollkommenheit; unvollkommene erziehen

sie zur Unvollkommenheit und zum falschen Virtuosentum. Dagegen hilft

kein Talent und kein Genie. Die Orgelkunst ist immer das Produkt der

Orgelbaukunst. Ohne die in ihrer Art vollendete Orgelbaukunst seiner

Zeit wäre die Bachsche Orgelkunst nie entstanden.

So ist auch die heutige französische Orgelschule ein Produkt des

vollendeten Orgelbaues. Wir sind in Deutschland an Talenten unbedingt

reicher. Aber einen Kreis von so außerordentlichen Meistern, wie er in

Frankreich in den Namen Saint-Saëns, Guilmant, Widor, Gigout und Vierne

charakterisiert ist, besitzen wir nicht.

Der französische Organist unterscheidet sich vom deutschen durch

die Einfachheit des Spiels. Das Virtuosenhafte, das bei uns zum

bedeutenden Organisten gehört, existiert dort weniger. Erstrebt wird

vor allem die ruhige Plastik, die das Tongebilde in seiner ganzen

Größe vor dem Hörer erstehen läßt. Es kommt mir vor, als säße der

französische Organist sogar ruhiger auf seiner Orgelbank als wir.

Bei allen findet man absolute Präzision des Niederdrückens und des

Aufsteigenlassens der Taste, konsequente Bindung und eine klare,

natürliche Phrasierung. Es gibt bei uns gewiß viele Organisten, die

diese Eigenschaften in demselben Maße besitzen, aber in Frankreich

sind sie eben Produkt der Schule. Jeder, auch der sonst mittelmäßige,

besitzt sie, während es bei uns hervorragende Spieler gibt, die z. B.

die absolute Präzision nicht besitzen, bei denen Hände und Pedal nicht

mathematisch genau miteinander gehen, wodurch die übrigen Eigenschaften

ihres Spiels für den Hörer, der „hört“, beeinträchtigt werden.

Allerdings ist es auf unsern Orgeln auch schwerer, absolut präzis zu

spielen, als auf den französischen mit ihrer Kraftübersetzung. Was ich

an den französischen Organisten immer besonders bewundre, ist die Ruhe

und Unfehlbarkeit des Pedalspiels.

Ich kann meine Empfindung nicht besser ausdrücken als wenn ich

sage: der französische Organist spielt objektiver, der deutsche

persönlicher. Auch dies liegt wieder an der Schule. Wir haben

keine, sondern ein jeder geht seinen eigenen Weg. So viel

Organisten, so viel Auffassungen. Das ist bis zu einem gewissen

Grade ein Vorteil, den wir vor den Franzosen haben. Ich erfreue

mich oft an der individuellen Lebhaftigkeit deutscher Organisten,

wenn sie geschmackvoll ist. Andererseits aber gehen wir viel zu

weit und bringen aus lauter „Persönlichkeit“ im Spiel und in der

Komposition die Leidenschaftlichkeit auf die Orgel, die natürliche

Menschenleidenschaftlichkeit, nicht die wunderbar verklärte objektive

Leidenschaftlichkeit der letzten großen Präludien und Fugen Bachs,

und entstellen die Werke unseres großen Meisters, indem wir sie durch

unsere Menschenleidenschaftlichkeit lebendig machen wollen. Die Orgel

selbst soll reden. Der Organist und seine Auffassung sollen dahinter

verschwinden, „s’effacer“, wie man auf französisch sagt. Er ist, mit

allen seinen Gedanken, zu klein für die sich schon im äußeren Anblick

bekundende, ruhende Majestät des Instruments, das, wie uns Bach lehrt,

alle Gefühle in Verklärung darstellt[6].

Deutsche und Französische Orgelbaukunst und Orgelkunst · 第 2 / 4 段