Auf dieselbe Weise ließe sich auch die Frage: Rollschweller

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1906 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler

wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr

verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;

fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Im Originaltext wurde die akustisch wirksame Länge der Orgelpfeifen

(in Fuß) mit schließenden Anführungszeichen (“) gekennzeichnet. Die

vorliegende Bearbeitung verwendet dagegen das allgemein übliche

Prime-Symbol (′).

Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der

folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Das Caret-Zeichen (^) geht einem hochtestellten Zeichen voran.

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ALBERT SCHWEITZER

ORGANIST DER BACHAUFFÜHRUNGEN

DES CHORES ZU ST. WILHELM

IN STRASSBURG

Deutsche und Französische

Orgelbaukunst

und

Orgelkunst

[Illustration]

LEIPZIG

DRUCK UND VERLAG VON BREITKOPF & HÄRTEL

1906

PROFESSOR ERNST MÜNCH

DEM ERZIEHER DER ELSÄSSISCHEN ORGANISTEN

IN HERZLICHER FREUNDSCHAFT

[Illustration]

Wenn es wahr ist, daß wir im Zeichen des Verkehrs stehen, so muß doch

auch zugestanden werden, daß er nicht allen Gebieten der Kunst in

gleicher Weise zugute gekommen ist und daß gewisse Erscheinungen einen

fast irre daran machen könnten, daß auch die Kunst in das Zeichen des

Verkehrs getreten ist. Man kann sich geradezu fragen, ob von ihm nicht

fast ausschließlich ein gewisses wanderndes Virtuosentum profitiert

hat, und ob dabei gerade die lernende Kunst, die in aller Herren

Ländern das Beste sich anzueignen sucht, nicht eher zurückgetreten

ist? Es will einen fast bedünken, als ob zu Bachs Zeiten die Kunst

in gewissem Sinne künstlerischer in ihrer Internationalität war als

heute, sofern man damals reiste, um zu lernen und zu lehren, heute mehr

ausschließlich, um sich zu produzieren.

Daß die künstlerischen Grenzwälle trotz der Zeichen des Verkehrs

existieren, mehr als man meinen sollte, wird mir jedesmal klar, wenn

ich mit einem französischen Organisten von deutschen Orgeln und

deutscher Orgelkunst, mit einem deutschen von französischen Orgeln und

französischer Orgelkunst rede. Es ist mehr als ein totales Nichtwissen

um die Verhältnisse drüben, das hier zutage tritt: es ist fast eine

Unmöglichkeit, sich beim besten Willen zu verstehen. Es nützt nichts,

in Paris für Reger und die andern unserer vielversprechenden jungen

Organistengeneration einzutreten und in Deutschland auf Widors

Orgel-Symphonien aufmerksam zu machen. Wozu? Regers Werke sind auf

der Orgel von Notre-Dame oder auf der von St. Sulpice unausführbar

und Widors Symphonien sind auf deutschen Orgeln auch nur mit einer

gewissen Vergewaltigung des Wesens und der Anlage des Instruments

wiederzugeben.

„Also“, sagt jeder Teil, „taugt des andern Orgel nichts“. Dabei kennt

keiner des andern Orgel. Um dieses Urteilen, bei dem doch nichts

herauskommt, in die Wege einer vernünftigen Diskussion zu leiten, die

für Orgel und Orgelkunst förderlich sein kann, und um die streitenden

Parteien miteinander bekannt zu machen, ergreife ich das Wort, als

einer, der durch die deutsche und die französische Schule hindurch

gegangen ist, als einer, der durch die Verhältnisse genötigt, seit

mehr denn zwölf Jahren auf beiden Orgeln heimisch ist, als einer, der

in Paris für deutsche Orgelkunst, in Deutschland für die französische

eintritt und der Überzeugung lebt, daß ein Ausgleich zwischen den

beiderseitigen Orgeln und Auffassungen kommen muß, und daß mit diesem

Ausgleich, mit diesem Durchdringen deutscher und französischer

Orgelkunst eine neue, ideenreiche und formbeherrschende Periode in der

Geschichte des Orgelspiels anbrechen wird. Wenn die Zeichen der Zeit

nicht trügen, ist der Augenblick gekommen, voneinander zu lernen.

Die schärfere Differenzierung zwischen deutscher und französischer

Orgel setzte etwa vor einem Menschenalter ein. Als der alte Hesse die

eben vollendete Orgel zu St. Clothilde spielte, fand er sich alsbald

auf ihr zurecht und erklärte sie für das Ideal der Orgel, das ihm

vorschwebte. Heute dürfte es keinen deutschen Organisten geben, der

sich alsbald auf einer französischen Orgel zurecht fände und keinen

französischen, der ohne längeres Vorstudium oder verständnisvolle Hilfe

beim Registrieren sich auf einer deutschen hören lassen könnte.

Die Differenzierung rührt von der verschiedenen Art her, wie der

Orgelbau in beiden Ländern durch die neuen Mittel, Elektrizität und

Pneumatik, beeinflußt worden ist. Der französische Orgelbau blieb

mehr konservativ. Die Orgel von St. Sulpice, die bald fünfzig Jahre

alt ist, ist der Typus aller französischen Orgeln geblieben. Der

deutsche Orgelbau begab sich auf die Bahn der Erfindungen, nutzte alle

technischen Vorteile der Pneumatik aus und gebrauchte die Elektrizität

zur Erzeugung unbegrenzter Windmengen und Winddrucke.

Dazu kommt eine rein äußerliche Unterscheidung. In den französischen

Orgeln sind die Koppeln und Kombinationszüge ausschließlich in

den Füßen angelegt. Die deutsche Entwicklung führte zum fast

ausschließlichen Gebrauch der Druckknöpfe.

Aber auch das innere künstlerische Prinzip ist verschieden. Das

künstlerische Wesen einer Orgel, und noch viel mehr das ganze Wesen der

Orgelmusik, wird bestimmt durch die Art, wie man auf diesem Instrument

vom Piano zum Forte, vom Forte zum Fortissimo gelangt und von letzterem

wieder in die Anfangsklangfarbe zurückkehrt. In der deutschen Orgel

hat sich das Registerrad oder die Walze durchgesetzt. Sie beherrscht

die Orgel, wie das Spiel unserer Virtuosen zeigt; sie beherrscht die

Literatur und Komposition, wie es sattsam aus einem Blick in ein

neues Werk für Orgel erhellt. Anders gesagt: wir schwellen, indem wir

sämtliche Register lückenlos aufeinander folgen lassen, so daß sie

unterschiedslos auf das Hauptklavier wirken; wir verzichten darauf,

in der Schwellung die künstlerische Individualität der Klaviere zur

Geltung kommen zu lassen; wir setzen es als selbstverständlich voraus,

daß jede Schwellung zugleich eine Klangfarbenveränderung bedeutet; wir

finden uns in die Monotonie, die damit notwendig gegeben ist, daß die

Aufeinanderfolge der Stimmen ein für allemal dieselbe ist, nämlich die,

welche der Orgelbauer im Registerrad zu realisieren für gut befand;

wir schicken uns darein, nicht zu bestimmen, wann wir 16′, wann wir

8′, wann wir 4′ und 2′, wann wir Mixturen, wann wir Zungen in die

Klangmasse einführen wollen; wir nehmen die ewige Sklaverei des die

Walze entwerfenden Orgelbauers auf uns, verzichten auf jede Freiheit

in der Durchführung der Steigerung, wo doch Freiheit und Kunst so

eng zusammen gehören: dies alles, um dafür in den Stand gesetzt zu

sein, durch die einfache Bewegung eines Rades oder eines Trittes die

Steigerung zu regieren.

Anders der französische Organist. Er wählt die zweite Alternative.

Er verzichtet darauf, mit einer einzigen Bewegung die Steigerung

durchführen zu können und schickt sich darein, hierfür eine Mehrzahl

von Bewegungen aufwenden zu müssen. Dafür behält er sich aber die

Freiheit vor, in jedem Falle die Stimmen sich so zum Fortissimo

steigern zu lassen, wie es ihm durch den Charakter der betreffenden

Steigerung geboten erscheint.

Die Steigerung auf der französischen Orgel beruht zunächst auf

dem An- und Abkoppeln der Klaviere. Dadurch erst kommen die drei

Persönlichkeiten, welche die göttliche Trinität der Orgel ausmachen,

zur Geltung. Soll dies aber wirklich durchführbar sein, so darf der

Spieler nicht darauf beschränkt bleiben, sein II. und III. Klavier

(Positiv und Récit) zum ersten zu koppeln, sondern er muß die

unbeschränkte Möglichkeit haben, jedes Klavier zum Ausgangspunkt

zu wählen und die andern darauf zu koppeln. Darum ist in allen

französischen Orgeln das I. Klavier, Grand Orgue genannt, zugleich

neutrales, leerlaufendes Klavier, Koppelklavier. Die darauf

eingestellten Register, also die gezogenen Register des I. Klaviers,

erklingen erst, wenn der mit „G. O.“, d. h. Grand Orgue, bezeichnete

Tritt niedergedrückt wird. Man kann also auf das leerlaufende I.

Klavier (Grand Orgue) zuerst das Récit, dann das Positiv, dann,

durch die Einführung des G. O., das Hauptwerk koppeln, beliebig die

Reihenfolge II I III, II III I, I III II, oder die uns geläufige I II

III herstellen. Die Möglichkeiten sind vollzählig gegeben.

In der Abkoppelung ebenfalls. Es liegt in dem Belieben des Spielers,

ohne von der Hauptklaviatur herunter zu gehen, zuletzt das I., II. oder

III. Klavier zu behalten.

Zu jedem Klavier gehört ein „Appel des mixtures et des anches“, d. h.

ein Tritt, durch welchen die nach Gutdünken auf denselben für jenes

Klavier eingestellten Mixturen und Zungen in Wirkung treten, so daß

der Spieler es in der Hand, oder besser gesagt, in den Füßen hat, in

die vorhandene Grundstimmenfarbe die Mixturen der drei Klaviere in

beliebiger Reihenfolge einzutragen, sei es vor, während oder nach der

Koppelung derselben, sei es abwechselnd mit ihr.

Die drei Koppeln und die drei Kombinationstritte stellen also eine

Menge von Steigerungsmöglichkeiten dar und bieten zugleich den Vorteil,

daß man die betreffende Teilsteigerung bei einer bestimmten Peripetie,

auf den charakteristischen, starken Taktteil derselben, eintreten

lassen kann, was bei der Walze unmöglich ist, da sie, sofern sie ein

Register nach dem andern, nie eine ganze Gesellschaft, einführt, einen

Zeitraum beansprucht.

Als drittes, die andern vollendendes Steigerungsmittel kommt das

Schwellwerk des III. Klaviers hinzu. Das III. Klavier ist in der

französischen Orgel bedeutender als das zweite. Der Schwellkasten

schließt nicht etliche schwach intonierte Registerlein, sondern eine

sowohl an Zahl als an Intensität bedeutende Klangmasse ein. Die

Klangcharaktere sind darauf womöglich in allen Fußzahlen vertreten, so

vollständig, fast noch vollständiger als auf dem I. Klavier. Das will

heißen, daß an einem solchen III. Klavier etwas zu schwellen ist, daß

der Jalousieschweller nicht nur dazu dient, auf dem III. Klavier ein

gewisses Nuancieren zu ermöglichen, sondern dazu da ist, die Steigerung

der ganzen Orgel bis zu einem bestimmten Grad hinzuführen. Ich erinnere

mich einer Orgel von Cavaillé-Coll, wo man das volle, gekoppelte Werk

durch den Schwellkasten des III. Klaviers noch beeinflussen konnte.

Die Steigerung auf der französischen Orgel beruht also auf den Koppeln,

den Einführungen der Mixturen und Zungen und der Verwendung des

Jalousieschwellers.

Zum Exempel. Wir haben das dritte Werk -- Schweller geschlossen --

auf das leerlaufende erste gekoppelt. Gezogen auf allen dreien:

Grundstimmen 16′, 18′, 4′, 2′; präpariert: Mixturen und Zungen. Im

Pedal ebenso. Wir koppeln das II. Klavier ans dritte; bei der nächsten

Peripetie lassen wir, indem wir das G. O. drücken, die Grundstimmen

des ersten hinzutreten. Darauf koppeln wir das Pedal nach Bedarf an

die Klaviere. Wie nun aber ohne „Ruck“ aus dem Grundstimmencharakter

in die Mixturen- und Zungenklangfarbe kommen? Indem wir die Mixturen

und Zungen zuerst auf dem III. Klavier einführen. Bei geschlossenem

Schweller geschieht dies fast unmerklich. Nun Öffnen wir den Schweller

langsam. Der Mixturen- und Zungenklang flutet in langen feinen Wellen

über den Grundstimmenklang einher und verbindet sich mit demselben.

Dieses Realwerden der vorher, bei geschlossenem Schweller, nur virtuell

vorhandenen Mixturen- und Zungenklangfarbe ist der entscheidende

Moment der Steigerung. Weil auf dem III. Klavier alle Klangcharaktere

vertreten sind, ist das volle Werk vom Moment jener ersten Einführung

der Mixturen und Zungen des im Schwellkasten gebändigten III. Klaviers

an in Kraft getreten. Es kommt nur noch auf die Entfaltung an. Die nun

folgenden Einführungen der Mixturen und Zungen des II., des I. Klaviers

und des Pedals und die Einführung der Sub- und Superoktavkoppeln

(Octave grave und Octave aigüe) ändern an dieser Klangfarbe nichts: sie

machen sie nur intensiver.

Danach sind die dynamischen Angaben in den französischen Kompositionen

zu deuten. Das Zeichen für crescendo oder decrescendo bezieht sich

nur auf die Handhabung des Schwellkastens, auch wenn der Spieler sich

auf dem ersten Klavier befindet. Ausdrücklich wird am Kopf des Stücks

angegeben, ob neben den Grundstimmen (Jeux de fonds, kurzweg Fonds

genannt) noch Zungen und Mixturen, und welche, auf den verschiedenen

Klavieren präpariert sind. Ihr Eintreten wird dann besonders angegeben,

ebenso die An- und Abkoppelungen. Crescendo poco a poco in einer in

kurzer Linie zum Fortissimo führenden Steigerung bedeutet, daß der

Spieler, wenn er das volle III. Klavier sich auf den Grundstimmen

der zwei ersten hat entfalten lassen, auf den entscheidenden starken

Taktteilen die Mixturen und Zungen der übrigen Klaviere und des

Pedals einführen soll. Erst diese letzte Steigerung entspricht

unserm Schwellen mit der Walze. Die Zeichen <>, und mögen sie sich

über noch so viele Takte erstrecken, beziehen sich immer nur auf den

Schwellkasten.

Ich hebe diese grundsätzliche Verschiedenheit in den dynamischen

Angaben hervor, weil ich gefunden habe, daß fast alle deutschen

Organisten, aus Gewohnheit, das Crescendo- und Decrescendozeichen,

wenn sie auf dem ersten Klavier waren, mit der Walze realisierten

und so die vom Komponisten gewollte Wirkung, da dieser mit einer

Klangfarbenveränderung nicht rechnete, total zerstörten.

Die Grundvoraussetzung des französischen Systems bildet die Anlage

aller Ressourcen als Pedaltritte. Die französische Orgel kennt keine

Druckknöpfe unter der Klaviatur. Für welches System sich entscheiden?

Ich sitze noch keine fünf Minuten neben Vater Guilmant auf der Bank

seiner schönen Hausorgel zu Meudon, so fragt er schon, als fiele er da

ein, wo wir das letzte Mal stehen geblieben: „Und in Deutschland bauen

sie noch immer Druckknöpfe? Das kann ich nicht verstehen. Sehen Sie

doch, wie einfach es ist, wenn man alles in den Füßen hat“ ..., und die

kurzen behenden Füße drücken Koppeln und Kombinationstritte lautlos

nieder und lösen sie im Nu wieder aus.

Am andern Tag fängt Widor, zum fünfundzwanzigsten Male, wieder von

derselben Sache an. „Sagen Sie doch meinem Freund Professor Münch in

Straßburg, er soll mir eine Stelle in einem Bachschen Präludium oder

in einer Fuge aufzeigen, wo er im richtigen Augenblicke eine Hand frei

hat, um nach einem Druckknopf zu greifen! Er soll mir jemand nennen,

der auf dem Manual spielen und zugleich mit dem Daumen den Druckknopf

auf der Vorsatzleiste drücken kann.“

Ich schweige, denn der erste deutsche Organist, dem ich einige Wochen

nachher in die Hände laufe und dem ich die Streitfrage vorlege,

antwortet mir unfehlbar: „Die Franzosen sind eben rückständig. Früher

hatten wir das auch in den Füßen; jetzt aber haben wir unsere schönen

Druckknöpfe.“

Zunächst handelt es sich da um eine Gewohnheitssache. Der französische

Organist sitzt ratlos vor den Druckknöpfen; der deutsche findet sich

in den Pedaltritten nicht zurecht. Die Frage ist aber dennoch eine

Prinzipienfrage. Hat man eher eine Hand oder einen Fuß frei?

Im Prinzip muß man den Franzosen recht geben. Man hat fast nie eine

Hand, sehr oft einen der Füße frei. Und die Erfahrung bestätigt das

Prinzip. Ich höre auf deutschen Orgeln immer die Verzögerungen, die

unrhythmischen Verschiebungen, die davon herrühren, daß der Spieler bei

der betreffenden Peripetie den richtigen Moment nicht findet, seine

Knöpfe zu drücken. Ich kenne Virtuosen, die, um dies zu vermeiden,

sich mit zwei Helfern umgeben, welche ihnen die Knöpfe drücken. Das

heißt sich aber in Abhängigkeit begeben. Und wer hat schon einmal mit

Helfern gespielt, ohne daß dabei etwas passiert wäre? Die ganze durch

das System der Druckknöpfe geschaffene Kompliziertheit kommt einem aber

erst zum Bewußtsein, wenn man das Gegenteil zu beobachten Gelegenheit

hat. Man sehe Guilmant, Widor, Gigout oder Vierne auf ihren Orgeln!

Sie brauchen keinen Helfer. Lautlos, ruhig und unfehlbar tun sie alles

selbst. Wer dies mit angesehen hat, wird nicht mehr im Zweifel sein,

welchem der beiden Systeme der Sieg zufallen wird.

Ich selbst, der ich auf beiden Orgeln heimisch bin und mich in

beide Systeme eingelebt habe, muß gestehen, daß die Ressourcen des

französischen Systems einfacher, d. h. besser sind. Zunächst weil alle

Orgeln sich gleichen. Unten links finden sich die drei Pedalkoppeln;

in der Mitte die Manualkoppeln; daran anschließend die Oktavkoppeln;

dann kommt gewöhnlich der Jalousieschweller; rechts davon die

Kombinationszüge für Mixturen- und Trompeteneinführung: alles immer in

der Anordnung I, II, III. Wenn Saint-Saëns, wie es vor der Ernennung

Viernes zum Organisten von Notre-Dame der Fall war, bei offiziellen

Anlässen vom Präsidenten der Republik auf die Orgel der Cathedrale

befohlen wurde, brauchte er keine fünf Minuten, um darauf so heimisch

zu sein, wie auf der Orgel von St. Séverin, auf der er sich in

wundervollen Improvisationen zu ergehen pflegt.

Bei uns ist jede Orgel von der andern in der Anlage der Ressourcen

verschieden. Um mit Erfolg darauf zu spielen, muß man sich zum

mindesten einige Tage darauf einleben. Man würde sich mit dieser

Verschiedenheit noch abfinden, wenn sie gewissermaßen nur der

chaotische Zustand wäre, aus dem dann der vollendete Orgeltypus

hervorgehen könnte. Dies ist aber nicht der Fall, denn es ist in den

Differenzen weder Sinn noch Verstand, sondern nur Zufall, Gewohnheit,

Willkür. Es kann nur einen wirklich vollendeten Orgeltypus geben. Statt

daß wir uns aber auf diesen hinbewegen, bleiben wir in der regellosen

Vielheit stecken und meinen noch, es müßte so sein.

Nun verdankt zwar Deutschlands Kunst, und gerade die Musik, dem

Kleinstaatentum viel, unendlich viel, was man erst entdeckt, wenn man

in Ländern lebt, die dieses Stadium nie gekannt haben. Aber im Orgelbau

ist es vom Übel. Möge Frankreich hier im Guten, wie in der Geschichte

einst im Bösen, die einigende Macht sein.

Der Vorteil, der dem Spieler auf der französischen Orgel fast am

lebhaftesten zum Bewußtsein kommt, ist das Vermögen, durch An- und

Abkoppelung der Klaviere an das Pedal die Klangstärke und Klangfarbe

des Basses jederzeit zu regeln, ohne in den Manualen etwas zu

verändern. Man empfindet dies fast noch angenehmer als die jederzeitige

Möglichkeit, die Manuale untereinander zu koppeln, obwohl unseren

neueren Orgeleinrichtungen gerade dies zum größten Vorwurf gemacht

werden muß, daß sie das Operieren mit An- und Abkoppelungen der

Klaviere, das Regulieren des Zusammenwirkens der drei Persönlichkeiten,

die die Orgeleinheit ausmachen, zur Ausnahme statt zur Regel erheben.

Wer von uns seufzt nicht fast in jedem Bachschen Stück darunter, es

auf unsern Orgeln nicht in der Gewalt zu haben, bald einen weniger,

bald einen besser genährten Baß reden zu lassen? Wem sind gewisse

längere gehaltene Baßnoten, besonders wenn die linke Hand in der

Tiefe zu tun hat, nicht eine Qual? Auf der französischen Orgel

existiert diese Schwierigkeit nicht. Man höre Widor ohne Veränderung

der Manualklangfarbe den großen Orgelpunkt des Pedals in der

F-dur-Toccata von Bach anschwellen lassen! Man höre ihn den Bässen im

G-moll-Präludium gebieten! Ehe die gehaltene Baßnote einsetzt, fliegen

durch fünf kurze aufeinanderfolgende Bewegungen seine sämtlichen

Pedalkoppeln ab. Nun, gegen Ende der gehaltenen Note, tritt jede

zu ihrer Zeit auf dem starken Taktteil, die Betonung verstärkend,

wieder ein: V, IV, III, II, I Klavier! Dasselbe Manöver wird sechs-

oder siebenmal wiederholt. Aber ich gestehe, daß ich sonst das

G-moll-Präludium noch nie ohne „Baßbeschwerden“ gehört habe.

Das Beherrschen der in den Füßen angelegten Koppeln und Kollektivtritte

bedeutet nun freilich eine ganz besonders zu erlernende Technik, die

in ihrer Art fast noch schwerer ist als die Pedaltechnik. Wie oft

spielt der Schüler unter Guilmants, Gigouts oder Widors unerbittlichem

Blick eine Übergangsstelle, bis er es endlich heraus hat, auf die

hundertstel Sekunde genau, ohne daß das Spiel im geringsten alteriert

wird, lautlos, ohne Kontorsion, unfehlbar sicher die Koppel oder

die Kombination niederzudrücken und im nächsten Augenblick für die

kommende in Bereitschaftsstellung zu sein! Fast für jedes Stück muß

man sich die Peripetien, wo die Aufeinanderfolge der Bewegungen eine

gewisse Kompliziertheit erreicht, besonders „anlernen“. Ich stand

neben Widor, als er seine letzte, die „Romanische Symphonie“ für sich

einstudierte. Wievielmal nahm er bestimmte Stellen vor, ehe die Koppeln

und Kollektivtritte ihm gehorchten, wie er wollte!

Aber wenn die betreffenden Bewegungen einmal angelernt sind, ist man

eben vollständig frei und Herr der Steigerungen, die man ausführen

will. Man stelle sich neben Vierne, den jungen, kaum noch einen

Schimmer des Augenlichts besitzenden Organisten von Notre-Dame, und

folge ihm, wie er ohne irgendwelche Beihilfe, nur durch die sehend

gewordenen Füße sein wundervolles Instrument vom Pianissimo zum

Fortissimo leitet!

Ein Organist warf mir einst ein, daß nur die talentvolleren Schüler

diese zweite „Pedaltechnik“ erlernen könnten. Von Guilmant und Gigout,

den Lehrern der neuen französischen Organistengeneration, wird man

aber jederzeit erfahren, daß mit Fleiß ein jeder auch nur einigermaßen

begabte Schüler die Schwierigkeiten überwindet.

Was hindert uns nun aber, die französische und die deutsche Einrichtung

auf einer Orgel zu vereinigen und die Hauptkoppeln und Kombinationszüge

sowohl als Druckknöpfe als auch als Pedaltritte anzubringen, und

zwar so, daß jedesmal Knopf und Tritt korrespondieren? Dann wäre

man imstande, jedesmal dasjenige Glied zu benutzen, das man gerade

frei hat. Man würde z. B. eine Koppel mit der Hand einstellen, und

nun, da sie sich zugleich automatisch im Fuß einstellt, in der Lage

sein, sie entweder wieder mit der Hand, oder, wenn gerade besser

angängig, mit dem Fuß auszuschalten. Wir triumphieren, und mit Recht,

daß es für unsere Pneumatik keine technischen Unmöglichkeiten gibt.

Der Orgelbauer, der es unternimmt, dem Spieler die Hauptressourcen

in dieser Art doppelt anzulegen, hat dann den Knoten, den alle

Diskussionen nicht lösen können, in der richtigen Art durchhauen.

Diese doppelte Anlage läßt sich übrigens auch durch eine einfache

unpneumatische, rein mechanische Einrichtung an jeder Orgel anbringen.

Auf dieselbe Weise ließe sich auch die Frage: Rollschweller oder nicht,

lösen. Ich selber weiß sehr gut die Vorteile eines Rollschwellers

z. B. bei Begleitung von Oratorien mit großen Chören zu schätzen und

gestehe zu, daß man damit in bestimmten Fällen einzigartige Wirkungen

hervorbringen kann. Aber mit seiner alleinigen Herrschaft bin ich

nicht einverstanden, besonders nicht, wenn es sich um Orgeln von

unter dreißig Stimmen handelt, wo er geradezu barbarisch wirkt. Ich

fürchte auch, daß er auf das künstlerische Empfinden unserer jungen

Organisten und, ganz besonders, auf unsere Orgelkomponisten nicht den

besten Einfluß ausgeübt hat, indem er beide von dem wahren, einfachen,

suchenden Registrieren abbrachte und sie in Versuchung führte, die

Orgel als ein Instrument zu betrachten, auf dem man „stark und schwach“

spielt, nicht als die vielgestaltige Einheit, in der jede Steigerung

aus dem Zusammenwirken bestimmter Klangeinheiten resultieren muß.

Ich glaube, wenn man eine Umfrage unter den erfahrenen Organisten

anstellte, würden manche gestehen, daß sie von der einseitigen Wertung

des Rollschwellers aus künstlerischen Gründen abgekommen sind.

Hier heißt es wieder: das eine tun und das andere nicht lassen. Man

lasse uns den Rollschweller, gebe uns aber zugleich die französischen

Ressourcen, damit wir nicht einzig auf ihn angewiesen sind. Dann tritt

der verderbliche Einfluß, den der Rollschweller in der Auffassung

unserer jungen Organisten und in der neueren Literatur ausgeübt hat,

von selbst zurück.

Merkwürdigerweise fehlt nämlich auf unsern deutschen Orgeln gerade

das, was wir am meisten brauchten. Wir haben den Rollschweller, die

freien Kombinationen, Chöre, Tuttizüge usw., d. h. alles Ressourcen,

in denen ein Registeraggregat das andere ablöst. Wir haben aber

keine Möglichkeit, zu einer vorhandenen Registrierung, indem wir sie

fortbestehen lassen, auf jedem Klavier neue Stimmen je nach Bedarf

einzuführen. Diese elementarste und durch die Kompositionen in

allererster Linie verlangte Ressource existiert tatsächlich nicht.

Geradezu verderblich ist, daß sehr oft nicht einmal die Klaviere

unabhängig voneinander sind, da der Knopf, der die freien Kombinationen

in Aktivität setzt, oder der, welcher die Tutti und Mezzoforti

einführt, der Vereinfachung halber -- sonst hätten wir ja jedesmal vier

statt eines Knopfes -- auf die drei Klaviere und das Pedal zugleich

wirkt! Unser scheinbarer Reichtum ist tatsächlich eine furchtbare

Armut. Unmöglich, wenn Tutti eingestellt ist, zum dritten Klavier das

Pedal zu gebrauchen, da dieses ja auch auf Tutti steht. Man könnte

ein Buch über die Pedalnot auf unserer modernen Orgel schreiben,

die einen mit ihren zahllosen glänzenden Knöpfchen so reich und

verheißungsvoll anlächelt, während doch dieser ganze Fassadenreichtum

zuletzt nur glänzende Armut ist, weil er gerade die einfachen und daher

künstlerischen Ressourcen nicht enthält.

Und wenn, um dieser Not zu wehren, die Orgelbauer uns heute ein

automatisch eintretendes schwächeres Pedal offerieren, welches das

andere ablöst, sobald man bei eingestelltem Tuttiknopf auf das II.

oder III. Klavier übergeht, so ist das nur ein jämmerlicher Notbehelf,

mehr geeignet die Not zu beleuchten als Abhilfe zu schaffen, denn ein

ehrlicher Organist will das Pedal, das er will und braucht, nicht

ein Pedal, das ihm der Orgelbauer zum II. oder III. vollen Klavier

vorzuschreiben für gut befindet.

Es handelt sich also darum, das Hinzutreten und das Abtreten neuer

Klangaggregate zu ermöglichen. Auch hier glaube ich, wird sich wieder

die Vermittlung zwischen französischem und deutschem Typus empfehlen,

nämlich eine Vermittlung zwischen unserer freien Kombination und der

französischen Einführung der Mixturen und Zungen. Die französische

Einrichtung hat den Nachteil, daß sie nur die Einführung von Mixturen

und Zungen gestattet; die deutsche, daß die eintretende freie

Kombination die gezogene Registrierung aufhebt. Nun richte man es

so ein -- der Pneumatik ist ja alles möglich --, daß die auf die

freie Kombination eingestellte Registrierung die gezogene, je nach

Belieben des Organisten, aufhebt oder komplementierend hinzutritt,

um durch dieselbe Druckknopf- oder Trittbewegung wieder wegzutreten,

je nachdem der Spieler vor Beginn des Spiels einen Tritt oder Knopf,

der das Stehenbleiben der Hauptregistrierung bewirkt oder annulliert,

niederdrückt oder nicht.

Wir hätten demnach als +Ressourcen für eine mittlere Orgel+:

Pedalkoppeln, Manualkoppeln, Super- und Suboktavkoppel, doppelt

verwendbare freie Kombination in der oben beschriebenen Art für jedes

Klavier und für das Pedal, dazu noch den Rollschweller. Bei den Koppeln

wäre noch eine Einführung der Stimmen des ersten Klaviers, in der Art

des französischen G. O. anzubringen.

Dieser Typus hat sich mir durch ein jahrelanges Nachdenken über

französische und deutsche Orgeln und durch ein fortgesetztes Streben

nach der zweckmäßigen Vermittlung zwischen beiden aufgedrängt, wobei

anregende Unterhaltungen mit den Orgelbauern von hüben und drüben mir

wertvolle Fingerzeige boten. Man probiere diese einfachen Ressourcen

in Gedanken durch und man wird finden, daß ihr Reichtum im umgekehrten

Verhältnis zu ihrer Einfachheit steht[1]. Alles, was auf einer

französischen und deutschen Orgel möglich ist, ist es auch auf dieser.

Bach, César Franck, Guilmant, Widor und Reger lassen sich in gleicher

Weise darauf spielen.

Freilich, man wird vielleicht gegen diese Orgel einwenden, daß sie zu

einfach ist, denn die Kompliziertheit unserer Orgeln ist nachgerade,

trotz einiger warnenden Stimmen, bei uns zur Manie geworden. Wenn

eine Orgel nicht aussieht wie das Zentralstellwerk eines großen

Bahnhofs, taugt sie für eine gewisse Kategorie unserer Organisten von

vornherein nichts. Sie wollen ein halbes Dutzend übereinandergelagerter

freier Kombinationen, wenn sie sie auch auf einer Tafel hinter ihrem

Rücken anbringen müßten, dazu Druckknöpfe für Chöre, Tutti- und

Kombinationsknöpfe, alles womöglich in größter Menge. Ich gestehe,

daß ich auf so komplizierten Orgeln nie besser als auf andern spielen

hörte, gewöhnlich aber die Bemerkung machte, daß entsprechend dem

Reichtum der sich kreuzenden Ressourcen entsprechend viel „passiert“

war.

Von unseren +Echo-Fernwerken+ mag ich nicht reden. Sie haben mit der

Orgel an sich nichts zu tun und sind eine gefährliche Spielerei, die

den Geschmack des Publikums und, was noch schlimmer, des Organisten

verdirbt.

Das „+Organola+“ gar ist der Sündenfall unseres modernen Orgelbaues.

Wann werden in der Öffentlichkeit genug Stimmen laut werden, die das

Anbringen eines solchen Apparats zum Mechanisch-Spielen als das, was

es ist: als eine Beleidigung der Orgelkunst hinstellen! Für mich hat

das Organola nur eine soziale Bedeutung: daß man in Zukunft Krüppel und

Kriegsinvaliden mit Organistenplätzen versorgen kann.

Welche Geschmacksverirrung liegt aber schon darin, daß unser Orgelbau

uns solche nichtssagende Dinge wie Echowerke und Organola zu offerieren

wagt!

Fast lächerlich ist, wie für die kleinen Orgeln das Moderne geradezu

ausschließlich in der Überladung mit Druckknöpfen gesucht wird. Auf

Orgeln von 10 oder 12 Stimmen findet man Kombinationszüge für Piano,

Mezzoforte, Forte und Fortissimo! In gedankenloser Bequemlichkeit

kommen unsere Organisten von der ausgedachten Handregistrierung ganz ab.

Es scheint mir fast, als wären wir alle von dem Trugbild der

„Konzertorgel“ getäuscht. Was heißt denn Konzertorgel? Gibt es denn

zwei Arten von Orgeln? Oder gibt es nicht nur eine beste Orgel und ist

nicht diese zur Kirchenorgel gerade gut genug? Was würde der alte Bach

sagen, wenn er von unseren Unterscheidungen hörte? Was würde er erst

sagen, wenn er wüßte, daß wir zwischen Organisten und Orgelvirtuosen

unterscheiden? Gibt es denn noch etwas, das höher ist als ein „guter

Organist“ sein, ein solcher, der sich bewußt ist, nicht seinen Ruhm

zu suchen, sondern hinter der Objektivität des heiligen Instrumentes

zu verschwinden und es allein reden zu lassen, als redete es von sich

selber, ad majorem Dei gloriam?

„Denken Sie sich,“ sagte mir einmal Widor, „man hat mich beleidigt. Man

hat mich in einer Zeitschrift einen Orgelvirtuosen genannt. Ich bin

aber ein ehrlicher Organist. Ein Orgelvirtuose ist nur der Wildling des

Organisten.“

Daß die „Konzertorgel“ und der „Orgelvirtuose“ in Frankreich

fast unbekannt sind, ist das Verdienst des Orgelbauers Aristide

+Cavaillé-Coll+, des Schöpfers des einfachen und in seiner Art

vollendeten Typus der französischen Orgel. Er war mehr als ein großer

Orgelbauer: er war, wie Silbermann, ein Genius des Orgelbaues. Ich kann

seiner nicht vergessen und sehe ihn heute noch mit dem Käppchen, mit

den treuen guten Augen, in denen so viel Kunst und Intelligenz lag,

allsonntäglich neben Widor auf der Orgelbank zu St. Sulpice sitzen und

mit der Hand über den Spieltisch seiner Lieblingsorgel fahren.

Man hat es mir in deutschen Organistenkreisen verschiedentlich übel

genommen, daß ich in meinem französischen Buch über Bach behauptete,

Bach würde das Ideal seiner Orgel eher in dem von Cavaillé-Coll

geschaffenen Typus wiederfinden als in unseren Instrumenten. Da ich

diese Behauptung auch in den demnächst erscheinenden deutschen und

englischen Ausgaben meines Werkes aufrecht erhalte, +möchte ich sie

hier begründen und zur Diskussion stellen+.

Maßstab einer jeglichen Orgel, bester und alleiniger Maßstab, ist

die Bachsche Orgelmusik. Man wende diesen Satz künstlerisch auf den

Orgelbau an und male sich nicht immer wieder aus, wie Bach vor Freude

über unsere Druckknöpfe seine Perücke in die Luft werfen und wieder

auffangen würde, um sich dann hinzusetzen und sich von einem modernen

Orgelvirtuosen belehren zu lassen, was man auf der modernen Orgel alles

aus seiner Musik „herausholen“ kann.

Als ein auf das Wesen der Dinge dringender Geist würde er alsbald

fragen, wie denn die Mechanik unserer Orgel ist?

Nun sind ja die praktischen Vorteile der Röhrenpneumatik in die Augen

springend: Leichtigkeit und Rapidität des Anschlags, Vereinfachung

der Anlage, unbeschränkte Möglichkeit aller Ressourcen. Sind das aber

ebenso viele ästhetische Vorteile?

Nein. Unsere Röhrenpneumatik ist eine tote Präzision. Sie besteht

aus einer Kraftübertragung rein durch Luftdruck. Es fehlt ihr das

lebendige und elastische des Hebels. Alle Federn können die elastische

direkte Übertragung durch den Hebel nicht ersetzen. Alle Anstrengungen

des Spielers müssen darauf gerichtet sein, das Tote dieser Präzision zu

verdecken. Es gehört ein Künstler dazu, um auf einer guten Pneumatik

gut zu spielen. Und die pneumatischen Systeme unserer +Walker+ und

+Sauer+, um nur zwei der hervorragendsten zu nennen, sind wahre

Meisterwerke.

Wenn man dann gar den Durchschnitt der vielsystemigen Pneumatiken

nimmt, mit schlechtregulierten Tasten, ohne Tiefgang, ohne Leergang,

ohne Druckpunkt, wo die geringste Fingersubstitution ein Wagnis ist,

weil die Nebentaste bei der geringsten Berührung anspricht, mit

Pedalen, wo es dem besten Organisten unmöglich ist, korrekt und sauber

zu spielen ... wenn man diese Durchschnittspneumatiken nimmt, wo man

nervös bis zum Exzeß und verzweifelt die Orgelbank verläßt, frage ich

mich, ob wir nicht künstlerisch durch unsere Pneumatiken verloren

haben. Kein Organist will mehr eine Mechanik[2]. Und doch, wie viele,

die auf ihrer alten Mechanik gut und sauber gespielt haben, schmieren

auf der neuen, auf die sie so stolz sind, und spielen unpräzis, ohne

es zu wissen, weil sie den Anforderungen der Pneumatik nicht gewachsen

sind.

Ich glaube, daß wir in Deutschland von der blinden Begeisterung

für die Pneumatik zurückgekommen sind und einzusehen beginnen, daß,

künstlerisch betrachtet, Pneumatik nur ein Notbehelf für Verhältnisse

ist, wo die Traktur nicht mehr verwendbar ist. Bei der Traktur fühlt

der Finger an einer gewissen Anstrengung genau, wann der Ton kommt;

er nimmt Druckpunkt. Und die niedergedrückte Taste strebt unter dem

Finger empor, um, sobald derselbe den geringsten Impuls zeigt, sie zu

verlassen, durch ihre Schwerkraft alsbald emporzusteigen und den Finger

mit aufzuheben. Die Kraft der Taste kooperiert mit dem Willen! Auch

der mittelmäßige Organist kann auf Traktur nicht schmieren. Bei der

Pneumatik fehlt die Kooperation der Taste. Sie verschlechtert das Spiel,

statt es zu verbessern, und bringt den geringsten Fehler an den Tag.

Nur bei der Traktur steht man mit seiner Orgel in wirklicher lebendiger

Verbindung. Bei der Pneumatik verkehrt man mit seinem Instrument per

Telegraph ... denn auch der Morseapparat beruht auf einer federnden

Taste. Die Traktur der Orgel von St. Thomä zu Straßburg ist wohl über

hundert Jahre alt. Aber es ist eine Wonne, eine Fuge von Bach darauf

zu spielen. Ich wüßte keine Orgel, auf der alles so klar und präzis

herauskommt.

Nicht davon zu reden, daß die Pneumatik durch geringste Dinge

beeinflußt wird. Einst, zwischen einer Hauptprobe und einer Aufführung,

mußte der Orgelbauer telegraphisch herbeigerufen werden, weil etwas an

der Pneumatik gestört war. Der Schaden ist gehoben. Triumphierend zeigt

er mir den Störenfried: ein von der Decke gefallenes Sandkörnchen. „Nur

ein Sandkörnchen!“ ... „Das ist das Schlimme“, erwiderte ich, „daß ein

Sandkörnchen so eine Störung verursachen kann. Wenn’s ein Erdbeben

gewesen wäre, würde ich nichts sagen. Und dann noch! Sie werden sehen,

daß die alten Trakturorgeln nicht einmal beim Weltuntergang leiden,

sondern bestehen bleiben werden, daß die Engel des jüngsten Gerichts

das Gloria drauf spielen“. Er war so perplex über diese „Umwertung der

Werte“, daß er sogar die Redensart von den heißen Sommern vergaß, die

man gewöhnlich gegen die Traktur ins Feld führt.

„Aber die Pneumatik geht so leicht!“ Der dies einwarf, war ein Hüne,

der auf jedem Jahrmarkt als Kraftmensch hätte auftreten können.

Daß eine gute Traktur in kleinen Verhältnissen besser ist als

Pneumatik, wissen unsere Orgelbauer ganz gut und gestehen es auch ein.

Aber Pneumatik ist einfacher und billiger zu bauen. Und sie sind durch

die Verhältnisse gezwungen, das Billige zu bevorzugen.

Diesen Vorzug hat die französische Pneumatik, die auf dem Prinzip der

bald sechzig Jahre alten Barckerlade beruht, nicht. Sie kommt fast um

die Hälfte teurer zu stehen als unsere Röhrenpneumatik. Aber sie ist

künstlerischer und elastischer, da sie mit dem pneumatischen Hebel

operiert und also alle künstlerischen Vorteile der reinen Traktur

gewissermaßen in die Pneumatik hinübergerettet hat. Wenn ich in Paris

eine Orgel von Cavaillé-Coll oder Merklins schöne Orgel im Oratoire

der Rue de Rivoli spiele, bin ich jedesmal aufs neue beglückt von der

elastischen und sicheren Präzision dieser Kraftübertragung und habe

nachher immer Mühe, mich wieder an unsere Pneumatiken zu gewöhnen. Aber

die Preisfrage entscheidet bei uns eben alles.

Überhaupt könnten wir für die Details der Anlage von der französischen

Orgel viel lernen. Ihre Tasten sind etwas kleiner als die

unsrigen; die Obertasten raffiniert abgerundet; die Klaviere näher

übereinanderliegend als unsere. Für möglichst genaue Bindung und

leichten und sicheren Klavierwechsel, worauf ja Bach bekanntlich

allen Wert legte, ist alles vorgesehen. Und erst die französischen

Pedale! Sie kosten zwar etwa das Doppelte der unsrigen. Aber welche

Vollkommenheit! Alle im Kreis angelegt, geschweift, neuerdings bis zum

G reichend, und mit einer geradezu idealen Federung. Wir stellen weit

geringere Anforderungen.

Das geschweifte Pedal hat sich bei uns noch nicht durchgesetzt,

trotzdem seine Vorteile auf der Hand liegen, und jeder, der einmal

über die radiäre Fußbewegung beim Pedalspiel nachgedacht hat, es als

das einzig sinngemäße bezeichnen muß. Ich hätte mich unlängst mit

einem befreundeten Organisten, dem ich beim Umbau seines Instruments

geschweiftes Pedal aufnötigte, beinahe verfeindet und mußte ihm

versprechen, ihm nach Jahresfrist das geschweifte eventuell durch ein

gerades zu ersetzen, wenn er sich von der Zweckmäßigkeit der Neuerung

nicht überzeugen könnte.

Als ich einen unserer bedeutendsten Orgelbauer darüber zur Rede

stellte, daß er für das Ausland nur schöne geschweifte Pedale, für

Deutschland aber fast nur gerade baute, antwortete er mir: „Im Ausland

muß ich eben diese Pedale bauen. In Deutschland verlangt man sie nicht,

und da manche Revisoren noch keine geschweiften unter den Füßen hatten,

darf ich gar nicht damit kommen.“

Mit einem Wort: auf einer französischen Orgel ist leichter gut zu

spielen als auf einer deutschen. Man ist, durch das einfache praktische

Raffinement der Anlage, manchen Dingen, die einem bei uns passieren

können, einfach nicht ausgesetzt. Wir schauen mehr auf das äußerliche

für das Auge bestimmte Raffinement. Statt der Registerzüge fangen wir

an, Registertasten zu bevorzugen; wir bringen zierliche Druckknöpfe an

und finden es reizend zu tippen, statt einen ehrlichen Register- oder

Koppelknopf zu ziehen.

Ich hatte soeben auf einer wundervollen alten Silbermann-Orgel eine

Bachsche Fuge beendet und war noch ganz gefangen in dem zauberischen

Klang der alten Mixturen, da bemerkte einer, der seit zwei Jahren

„seine moderne Orgel“ hat, neben mir: „Es muß doch unangenehm sein,

auf einer Orgel zu spielen, die noch nicht einmal Registertasten hat.“

Er hatte über der Entrüstung über die unmodernen Registerzüge ... die

Orgel nicht gehört.

Ich möchte die Frage aufwerfen, ob wir nicht überhaupt über den

sichtbaren Veränderungen an unsern Spieltischen die Hauptsache, die

Klangwirkung, weniger beachtet haben? Sind die Fortschritte des

Orgelbaues der klanglichen Wirkung zugute gekommen?

Nein! Nicht immer. Unsere Orgeln sind wohl „stärker“, aber nicht mehr

so schön wie die alten. Unsere alten Orgeln, noch die vor zwanzig

Jahren gebauten, sind schöner und künstlerischer intoniert als die

unserer Zeit.

Merkwürdig bleibt mir, daß die Laien dies vor den Organisten bemerkten.

Schon so und so oft wagten musikalische Laien, wenn eine alte Orgel

durch eine neue ersetzt worden war, nach einiger Zeit mir gegenüber die

schüchterne Bemerkung, „daß die alte doch fast schöner gewesen sei“.

Bei den Organisten bricht sich diese Erkenntnis erst langsam Bahn. Wir

müssen erst aus dem Erfindungstaumel aufwachen, um unser Gehör wieder

zu erlangen.

Daß der Klang von den modernen Erfindungen nichts profitiert hat,

liegt einerseits daran, daß eine der Haupterfindungen, die Möglichkeit

der unbegrenzten Winderzeugung durch den elektrisch betriebenen Balg,

uns naturgemäß -- die besonnensten unter uns machten keine Ausnahme

-- auf eine falsche Bahn brachte. Wir fingen an, Klangstärke und

Klangreichtum zu verwechseln. Auf den alten Orgeln mußte man mit der

Windzufuhr sparen. Als wir dies nicht mehr brauchten, lachten wir

über die engen Windkanäle unserer Väter und fingen an, „kräftig“ und

„kernig“ zu intonieren, immer kräftiger, immer kerniger und freuten

uns der tosenden und brausenden Orgeln. Den Höhepunkt erreichte die

Begeisterung mit der Einführung der labialen Hochdruckstimmen[3].

„Nun haben wir es erreicht“, schrieb damals ein bedeutender Organist,

„daß eine Orgel von fünfzehn Stimmen dasselbe volle Werk liefert wie

früher eine von dreißig.“ Besser kann sich die Verirrung selbst nicht

charakterisieren.

Die Ernüchterung kam; sie schreitet fort. Aber wie lange wird’s

noch dauern, bis wir wieder einzig Klangreichtum erstreben, auf das

Danaergeschenk der Klangstärke, das uns der elektrische Balg bot,

verzichten und uns wieder freiwillig in die künstlerischen Grenzen

zurückbegeben, in denen wir früher durch die Schwierigkeit, beliebige

Windmassen zu erzeugen, gehalten wurden?

Eine fette Person ist weder schön noch stark. Künstlerisch schön und

stark ist nur die Form mit dem vollkommenen Spiel der Muskeln. So

werden wir auch mit der Zeit von der durch Windmassen aufgeblasenen

modernen Orgel abkommen und das reiche und schöne volle Werk nur in

dem Zusammenwirken der normalen, differenzierten und künstlerisch

intonierten Register suchen und es aufgeben, ein volles Werk

„zusammenzulügen“. Lüge besteht nicht in der Kunst, denn Kunst ist

Wahrheit.

Aber, sogar wenn wir die künstlerische Einsicht besessen hätten,

uns nicht durch die gesteigerte Möglichkeit der Winderzeugung auf

falsche Bahn leiten zu lassen, wäre unser Orgelbau doch auf diese Bahn

gedrängt worden. Das Ganze ist nämlich eine finanzielle Frage. Unser

Orgelbau befand sich in der Zwangslage, auf diejenigen Erfindungen

auszugehen, die Verbilligung, d. h. Bestehen in der Konkurrenz

ermöglichten. Alles andere, die rein künstlerischen Probleme, mußten

notgedrungen mehr daneben liegen bleiben. Die letzten vierzig Jahre,

das Erfindungszeitalter im Orgelbau, werden vor der Geschichte einst

nicht als die großen Jahre des künstlerischen Fortschritts dastehen,

wie manche unter uns meinen, sondern man wird sie überschreiben: „Kampf

des Kaufmännischen mit dem Künstlerischen. Sieg des Kaufmännischen über

das Künstlerische.“

Ein Haus, das das Künstlerische über das Kaufmännische stellte, war von

vornherein verloren. Der Erfindungstaumel, der uns Organisten in dieser

Periode ergriff, verlangte äußere, epochemachende, verbilligende

Entdeckungen. Diesem Geiste mußten sich unsere Orgelbauer, manche, wie

ich weiß, innerlich ergrimmt, beugen.

So sind wir bei der Fabrikorgel angelangt, der guten braven

Fabrikorgel. Was von Kunst an ihr ist, verdanken wir der Aufopferung

unserer Orgelbauer, die auch bei diesen herabgesetzten Preisen noch

das Beste leisteten, was zu leisten war, und zufrieden waren, wenn sie

überhaupt bestehen konnten. Vor dem richtenden Urteil der Geschichte

werden sie einst, trotzdem ihre Orgeln nur gute Fabrikorgeln sind,

ehrenvoll bestehen; wir aber, die wir über die zu bauenden Orgeln

entschieden und wähnten, daß die Kunst von der sich unterbietenden

Konkurrenz profitieren könne, werden klein dastehen, weil wir nicht

hinreichend begriffen, was wir als Schüler des alten Bach hätten

begreifen müssen: daß ein Orgelbauer nur dann ein Künstler sein

kann, wenn er als Künstler von einem Künstler gehalten wird. Fehlt

ihm dieser Halt, so wird er durch die Macht der Umstände Kaufmann in

Kunstgegenständen.

Gewiß gab es auch Ausnahmen. Aber im allgemeinen können wir Organisten

es nicht leugnen, daß wir dem Zug der Zeit nach Verbilligung folgten,

und daß derjenige oft die Bestellung erhielt, der für denselben Preis

ein oder zwei Register -- und war es nur ein mageres Äolinlein oder

ein Druckknöpfchen -- mehr bot, ohne daß wir uns fragten, ob damit

künstlerische Arbeit, d. h. solche, die weder mit Zeit noch mit Lohn

ängstlich zu rechnen braucht, noch möglich ist.

Ein gütiges Schicksal bewahrte zu derselben Zeit Cavaillé-Coll, in

diese Bahn gedrängt zu werden. Seine Haupttätigkeit fiel in das

letzte Jahrzehnt des Kaiserreichs, wo Geld für kirchliche Zwecke

reichlich vorhanden war. Nachher boten ihm Guilmant und Widor, seine

künstlerischen Berater, durch ihren Halt eine solche Superiorität, daß

er seine Preise nicht nach der Konkurrenz zu richten brauchte. „Ja,

der alte Cavaillé“, sagte mir unlängst einer unserer sympathischsten

Orgelbauer, „wenn bei dem ein Arbeiter drei Wochen an etwas gearbeitet

hatte und es paßte ihm nicht ganz, ließ er’s von vorne anfangen, und

wenn’s wieder nicht paßte, noch einmal. Wer von uns kann das? Wir

würden keine drei Monate existieren.“

Zuletzt zwar ereilte ihn das Schicksal. In den letzten Jahren hatte er

mit Zahlungsschwierigkeiten zu kämpfen. Zwar wurde die Firma in dem

ehrwürdigen Haus, 15 Avenue du Maine, in dem geschäftigen Viertel der

Gare Montparnasse gerettet; Cavaillé aber starb arm, ohne den Seinen

etwas zu hinterlassen. Dafür aber singen die Orgeln von St. Sulpice und

Notre-Dame seinen Ruhm, solange noch ein Stein auf dem andern bleibt.

Bis einst Paris wie Babel ein Trümmerhaufe ist, werden diejenigen,

welche für die zauberhafte Schönheit seiner Orgeln empfänglich sind,

beim Verlassen von Notre-Dame und St. Sulpice mit Ergriffenheit

desjenigen gedenken, der es wagte, der Zeit trotzend, rein Künstler zu

bleiben.

Deutsche und Französische Orgelbaukunst und Orgelkunst · 第 1 / 4 段