Sie waren das Alles, und waren das Alles nicht -- sie waren Heimathlose.

Ein verwitterter Knäuel dunkler, wunderbarer Existenzen.

Die Prosa des Elends.

Die Poesie der Armseligkeit.

Gemeinheit und wieder manchmal Melancholie.

Voll Rohheit und voll Weichheit.

Seelen zum Schaudern und zum Weinen.

Unwissend über sich selbst wie Findelkinder, verschwiegen über sich

selbst, wie das böse Gewissen.

Dennoch hörte ich viel. Wäre ich Schriftsteller, hätte ich studiren

können.

Epopöen der Schuld hört' ich.

Elegieen des Mangels an Allem, nicht nur an Brod, auch an Gottes Wort.

Die kaum eine Tradition über sich kannten, waren mir die liebsten -- die

Studirten dagegen sehr zuwider. Sie sprachen so viel, waren so erhitzte

Ankläger der ganzen Menschheit und so weitschweifige Vertheidiger von den

schlechtesten Bruchstücken derselben, von sich selbst. Dabei hatten sie

immer so ungeheuer viel zu heischen. Ich hätte ein Rothschild im Kleinen

sein müssen, um sie befriedigen zu können. Was meine Mittel nicht

überstieg, that ich. Aber bekennen muß ich, daß ich in ihnen wahre

Contrebande nach Amerika versendete.

Ob »Uncle Sam« nicht ein Mal protestiren wird gegen die tausend socialen

Ueberflüssigkeiten, welche wir ihm so freigebig aufbringen.

Gerade für Diejenigen, die ich unter meinen neuen Freunden am liebsten

gewonnen, konnte ich am wenigsten thun. Ihr Geschick war fertig, ihr

Gemüth hineingewachsen. Einige Kinder übergab man mir -- was aus denen

zu machen ich hoffen darf, würden die Tage lehren, die noch kommen sollen.

Bei den Großen wär' ich mir, um abermals mit Immermann's Münchhausen zu

reden, wie ein Ziegenbock vom Helikon vorgekommen, hätte ich irgend mir

einbilden können, sie auch nur halb zu civilisiren.

Ich kaufte meinen Ausgestoßenen ein paar Ziegenböcke und dazu Ziegen. Was

diese Thierchen brauchten, konnten sie sich immerhin ohne Gesetzverletzung

von den Bäumen und Felsen nehmen. Webstühle, Decken, Flachs, Kessel

kaufte ich auch -- für wenig Geld möblirte ich meine Heimathlosen

königlich.

Aber sie liebten mich auch! Messias hieß ich ihnen, Herr, Freund. Die Welt

war in mir zu ihnen gekommen, und Gott sei Dank, wenigstens nicht lieblos.

Eine einzige Hütte hatt' ich noch nicht betreten. Sie war größer, etwas

fester gebaut als die übrigen Wohnungen, aber immer verschlossen. Die

Heimathlosen sagten mir: dort wohnten die Einsiedler.

Ein Mann und eine Frau, erfuhr ich weiter. Sie lebten ganz geschieden von

den sie Umwohnenden. Beide waren nicht mehr jung. Die Frau müßte schön

gewesen sein, meinte Pietro, wenigstens fein, sehr fein.

»Woher könnt Ihr das sehen?« fragte ich. »Trägt sie sich gut, haben

sie's besser als Ihr?«

»Nein, eher sind sie noch ärmer; aber die Frau sieht Euch so an, bewegt

die Hand so, wie nur vornehme Damen es thun. Signor, ich verstehe mich

darauf, seit ich in Genua vornehme Damen gesehen habe.«

Das natürlich machte mich neugierig. Ich bat Pietro, dem Manne von

mir Dienstleistungen anzubieten. Pietro brachte mir einen Dank und eine

Ablehnung.

Ein vornehmes, stolzes Unglück, dachte ich, und meine Gedanken waren in

der Hütte.

War's nicht meine Pflicht, dort einzudringen? Wenn ich vielleicht eine

unerträgliche Lage beenden konnte --

Aber wenn ich im Gegentheil vielleicht noch mehr verstörte?

Das Hausrecht ist mir immer noch um Vieles natürlicher und ehrwürdiger

vorgekommen, als jedes andere. Wenn ich in meinem Hause nicht thun darf,

wie mich's dünkt, wo soll ich's da dürfen? Versteht sich von selbst nur

nach dem Gesetz.

So wagte ich denn nicht, dieses Haus zu verletzen, untersagte mir selbst

die Neugier und fing nach und nach auch an, mich wieder nach etwas Anderm

zu sehnen. Ich muß zu einem thätigen Leben geboren sein, so schnell

verzehr' ich alle Interessen, die sich mir darbieten.

Da erhielt ich eines Tages durch Pietro einen Brief »von der Frau aus der

stillen Hütte«, wie er ausdrucksvoll sagte.

Hastig, wie noch nie einen Liebesbrief, machte ich das nothdürftig

zugeklebte Blatt auseinander und las in deutscher Sprache:

»Herr Graf!

»Verzeihung, daß ich schreibe. Sie haben zu uns kommen wollen und

sind nicht angenommen worden. Jetzt komme ich zu Ihnen -- werden auch

Sie mich zurückweisen?

Nicht ich bin es, welche die großmüthig dargebotene Hand

zurückgestoßen. Er that es, Er, für den ich keinen Namen weiß; denn

jeder Name, den ich ihm geben würde, wäre eine Schande für mich.

Doch ja, meinen Kerkermeister will ich ihn nennen.

Morgen geht er fort. Ich erwarte Sie. Werden Sie kommen? Es hängt von

Ihnen ab, ob verzweifeln oder gerettet werden soll

Feodora Freiin von S.«

Ich hielt den Brief ganz erstarrt in meinen Händen und sah noch immer

hinein, nachdem ich ihn schon lange gelesen hatte. Ich kannte die Frau, die

mir schrieb -- sie war aus Berlin -- eine Jugendfreundin meiner Mutter. Von

ihrem Schicksale nachher, jetzt nur so viel, daß ich ihrer Aufforderung

hätte Folge leisten müssen, selbst wenn ich mich nicht freiwillig zum

Bankier aller Heimathlosen gemacht gehabt. Sie hatte an mich ohne Adresse

geschrieben, mein Name war in den Bergen nicht bekannt, nur meine Person

und mein Geld. Was wird sie sagen, wenn ich mich ihr nenne? dachte ich.

Doch sie schien »=to take it coolly=« wie Jacob Faithful sagt. Ihr Brief

mißfiel mir ungemein. So ganz und gar theatralisch, und das von einer

Frau, die wenigstens gegen funfzig Jahr sein mußte. Und wie sie nur dort

hinauf und hineingerathen sein mochte? -- Was ich von ihrer Geschichte

wußte, war schon nicht sehr erbaulich, aber noch widerlicher mußte der

Fortgang derselben sein. Indessen noch ein Mal, entziehen durfte ich mich

ihrer Aufforderung nicht, und so stieg ich den andern Morgen in kalter

grauer Frühe zu Esel und ritt hinauf.

»Die stille Hütte« lag etwa noch eine Stunde hinter der Pietro's.

Gegen elf ungefähr kam ich an, -- allein, denn Pietro sollte mich nicht

begleiten, hatte die Dame gesagt. Aber wenn gleich der Herr nicht, der Hund

lief mit mir -- Tiger wäre nicht zurückzuhalten gewesen, sobald er mich

sah. Mit Tiger langte ich demnach bei der Freiin von S. an, welche sich in

einer so ungewöhnlichen Wohnung und in einer so unglaublichen Lage befand.

Ich war etwas entfernt vom Hause abgestiegen, doch mußte sie mich gehört

haben, denn sie öffnete die Thür, noch ehe ich davor war. Pietro hatte

Recht -- die Frau mußte schön gewesen sein. Sie hatte eines jener

Profile, die unzerstörbar sind, weil sie klassisch sind. Ihre Haltung war

graziös -- etwas Magdalene darin, aber auch noch viel Hochmuth. Die Frau

gefiel mir eben so wenig als ihr Brief.

Unsere Begrüßung war die sonderbarste und lächerlichste für den Ort und

die Umstände, gerade weil sie an jedem andern Ort und unter allen andern

Umständen die alltägliche gewesen wäre.

Ich sagte: »Ich habe die Ehre --«

Sie antwortete, mir die Thür zeigend: »Darf ich bitten.«

Ich folgte ihr -- den Esel hatte ich angebunden -- Tiger folgte mir.

»Was haben Sie da für einen eigenen Hund, Herr Graf«, sagte sie im

natürlichsten Tone.

»Verzeihung, meine Gnädige«, rief ich und stieß Tiger hinaus.

Als ich zurückkam, bot sie mir einen Schemel an. Ich setzte mich und

überreichte ihr meine Karte. Sie las meinen Namen, »Gott!« rief sie, und

gerieth in Aufregung, »dieser Name! Ich kannte Ihre Familie, wenn Sie aus

Berlin sind?«

»Und Sie, gnädigste Frau, entflohen vor zwanzig Jahren mit -- --« ich

schämte mich fortzufahren.

Sie lächelte bitter: »Ja, es war vor zwanzig Jahren einmal Mode, daß

vornehme Frauen mit Candidaten -- entflohen, wenn Sie die Güte haben

wollen, es so zu nennen. Ich nenn' es anders. Hoffentlich ist mein

Geschlecht wenigstens von dieser Thorheit zurückgekommen?«

»Ja, gnädige Frau, die Candidaten sind jetzt ungefährlich. Sie verloben

sich, ehe sie Hauslehrer werden.«

»=Tant mieux, tant mieux=,« sagte sie nachlässig. Plötzlich faßte

sie mich scharf und energisch ins Auge und sprach mit Lebhaftigkeit: »Ich

sehe, daß ich Ihnen keine Theilnahme einflöße. Auch begehr' ich keine,

aber Hülfe fordere ich. Wollen Sie mir die versprechen?«

»Wozu?« fragte ich mißtrauisch.

»Wozu?« wiederholte sie spöttisch. »Fürchten Sie, ich wolle Sie zu

einer Rolle in einem Trauerspiele dingen? Wozu anders, als mir zu helfen,

daß ich von dem Menschen loskomme.«

»So sprechen Sie von Demjenigen, um dessenwillen Sie Alles verlassen

haben, sogar Ihre zwei Kinder?« fragte ich mit Ironie.

»Wenn ich nicht um seinetwillen meine Kinder verlassen hätte, würde ich

wahrscheinlich anders von ihm sprechen,« sagte sie rauh. »Glauben Sie

mir, wir verzeihen es einem Manne nicht, ihm Alles geopfert zu haben.«

»Haben wir denn Zeit, ein solches Gespräch zu führen, gnädige Frau?«

»Ja. Er ist nach Gruyères hinüber, kommt erst heute Abend wieder.«

»So läßt er Sie denn doch allein?«

»Weil er mir vertraut.«

»Wie es scheint, etwas zu sehr,« bemerkte ich.

»Er glaubt, daß ich ihn noch liebe,« sprach sie verächtlich. »Ihn noch

lieben nach zwanzig Jahren der Entbehrung, der Erniedrigung, besonders nach

den letzten Jahren, die ich hier zugebracht! Es gehört eine Eitelkeit wie

die seine dazu, um das glauben zu können.«

»Verzeihung,« sprach ich ernst, »ich glaubte bisher immer, Nichts

verkettete so unauflöslich wie gebrachte Opfer, gemeinschaftliche

Entbehrungen.«

»Phrasen«, erwiederte sie mit ungeduldiger Bewegung. »Bringen Sie z. B.

ein Mal einer Frau Ihre ganze Carriere zum Opfer --«

»Ich habe keine Carriere.«

»Oder Ihre Ehre.«

»Das thäte ich nicht.«

»Dergestalt, daß Sie nie Etwas aufopfern würden? Dann können Sie mich

freilich nicht begreifen.«

»Ich würde um einer Geliebten willen Alles aufgeben, was ein Mann

aufgeben darf -- alles Persönliche außer der Ehre, Alles sonst, außer

dem Vaterlande. Und wenn ich es gethan, würde ich wo möglich noch mehr

lieben, was auch logisch wäre; denn wie theuer muß uns nicht ein Wesen

sein, welches wir mit der Totalsumme unserer Existenz erkauft haben?«

»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer bezahlt?« fragte sie kalt.

»So ist Herr -- Herr --«

Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte. Wenn meine Mutter die

Geschichte erzählte, sagte sie immer blos: »und so ein Candidat!«

»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth sei?«

Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als mache sie ein erhabenes

Zugeständniß: »Vielleicht ist er's nicht mehr geworden, als er von

Anfang an war, aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu, »wenn Sie

ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht mehr fragen.«

»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes Glück gehabt,« sagte

ich; »aber, gnädigste Frau, wenn Sie das so gut wußten, warum da --«

Sie sah mich an -- ihre ganze Gestalt zitterte vor Zorn. »Und Sie muß ich

um Hülfe bitten,« sprach sie langsam; »Es geschieht mir Recht.«

Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte über meine Lippen. Nie

hatte ich mich so vollkommen abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast

lächerliche Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen, ich

hätte dieser Frau am liebsten die herbsten Dinge gesagt. Und was hatte sie

gethan? Ueber ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein. Sie

empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch inwendig um einige Grade

bequemer war, als die andern -- sie empfing mich wie in einem Salon -- das

machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste erhalten, und in einer

solchen Umgebung bewies das wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter.

Daß sie verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben --

vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl einflößen, vielleicht war

er ein ordinairer Mensch, was in einer tragischen Situation doppelt

unerträglich ist. Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich hart

gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein -- sie hatte noch nicht nach

ihren Kindern gefragt. Das war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich

vermißt.

»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir länger keine Hülfe

begehren wollen -- ich kenne Ihre Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist

ein edles, liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre Mutter geweint

hat. Schreiben Sie ihr -- ich werde den Brief besorgen -- Sie werden mir

dann für Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten Brief. Was

meinen Sie?«

Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder doch mindestens auf

etwas Affekt. Täuschung. Ihre Miene veränderte sich nicht. Mit derselben

finstern Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um ihren Mund

gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie, daß ich mich an meine Tochter

wenden will? Daß ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie

nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu erscheinen? Nein,

wahrlich nicht, so lange ich noch meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese

Erniedrigung! das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu stehen.«

»Gnädige Frau, Sie sind immer die Mutter.«

»Die Mutter soll ein Vorbild und keine Schande sein.«

Sie mochte in meinen Augen gelesen haben; denn sie fragte: »Sie meinen,

das sei ich schon? Gut, doch bin ich dann wenigstens nur eine vergangene,

halbvergessene. Eine gegenwärtige, aufgefrischte mag ich nicht werden.«

»Wollen Sie denn Ihre Tochter nie wiedersehen?«

»Hab' ich das Recht dazu? Ich richte mich, Graf, ich weiß, was ich

verdiene und was nicht. Doch Sie sprechen immer nur von meiner Tochter --

mein Sohn --«

»Ihr Sohn ist todt, gnädige Frau.«

Sie bebte innerlich zusammen; dann sagte sie leise: »Für mich war er ja

schon lange todt. Wie war er?« setzte sie fast bittend hinzu.

»Liebenswürdig und gut.«

»Aber nicht bedeutend? Ja, das erkannte ich schon damals; nur sein Vater

wollte durchaus ein Genie in ihm sehen.« Sie war wehmüthig geworden.

»Der Baron, gnädige Frau --« sagte ich zögernd.

»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits vor sechs Jahren.

Damals las ich noch Zeitungen -- so erfuhr ich's. Es war ein braver,

rechtlicher Mann.«

»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem Schweigen wieder an,

»wollten Sie nicht --«

»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses Menschen werden, der mich

-- nachdem ich --« Sie machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des

Ekels.

»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben -- sollte denn nicht ein Gefühl

mehr --«

»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich nicht blos aus Langeweile

auf dem Lande --« ich sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber

verläumdete sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig und

gereizt: »Möglich, möglich, kann sein -- es ist so lange her. Aber jetzt

ist's ja auch einerlei, warum ich es that, jetzt handelt es sich nur darum,

daß ich frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin, als

Verwalterin irgend eines Hauswesens, als Unterlehrerin irgend einer Schule.

Ich habe zwar furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren,

aber so viel werd' ich doch noch wissen.«

»Und was soll aus Herrn W. werden?«

»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie haben ja schon zwei bis drei

Subjecte hingeschickt -- eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen,

nicht wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.«

»Wird er wollen?«

»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er liebt mich noch.

Begreifen Sie das -- nach zwanzig Jahren!«

»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen wollen,« rief ich

heftig.

»Es klingt so und ist's doch nicht. Glauben Sie, daß ich ihm etwas

Anderes bin, als ein stündlicher Vorwurf? daß ich in meinem Herzen etwas

Anderes für ihn finde, als Abscheu, besonders seit -- Sie haben mich noch

nicht gefragt, warum ich hier bin. Wollen Sie es hören?«

»Wozu?« fragte ich wieder.

»Genügt es Ihnen, daß wir unglücklich und strafbar sind?«

»Vollkommen. Es bedarf bei mir keines andern Empfehlungsbriefes; denn ich

kann auch unglücklich und strafbar werden.«

»Auf die Manier wie Herr W. nicht. Dazu kenne ich Sie jetzt schon genug,

um das zu wissen. Wollen Sie mir die Hand geben?«

Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«

»Ach!« rief sie, mir die Hand entziehend und sich von mir wendend.

»Sie machen eine Schuld durch eine andere nicht gut. Und wenn er Sie

liebt. Vielleicht hat er um Ihretwillen auch Alles verlassen --«

»Das Alles des Herrn W!« sagte sie lachend.

»Verzeihung,« sprach ich ernster als bisher; »das bleibt sich gleich.

Wer Alles giebt, der giebt Alles, und mag sein Alles sich in einer hohlen

Hand verschließen lassen.«

Sie war in Zerstreuung gefallen. Plötzlich fuhr sie auf und sagte lebhaft

zu mir: »Sonderbar, daß ich mitten in dieser Misère nie daran gedacht

habe, mir das Leben zu nehmen. Das beweist -- Feigheit oder Kraft.«

»Ich traue Ihnen Kraft zu,« sagte ich. »Wenden Sie sie nur zum Guten

an.«

»Das heißt werden Sie nachträglich die ehr- und tugendsame Ehefrau des

Herrn W.«

Dieser Hohn empörte mich. »Wenn Sie es vorziehen, nur seine Maitresse

gewesen zu sein -- ich habe Nichts dagegen.«

Sie maß mich. »Spricht man jetzt so in guter Gesellschaft?«

»Nein,« erwiederte ich, »aber in schlechter.«

Ich war wüthend auf diese Frau, die gefallen, schlecht, und meiner

bedürftig wie nur je ein Wesen des andern sein kann, mir doch trotzte und

wie! -- Moralisch. Denn ich hatte Recht. Was konnte sie mehr hoffen, als

noch ein Mal eine Gattin zu werden, noch ein Mal in eine Gesellschaft

zurückkehren zu dürfen? Wenn W., wie ich mir vorstellen konnte, wegen

einer infamirenden Schuld sich hier verborgen hatte -- ich wollte ihm ja

Mittel bieten, sich wieder rehabilitiren zu können. Meine Kasse würde

etwas darunter leiden, das sah ich mit ziemlicher Bekümmerniß, indessen,

ich wollte mich gern einschränken, um meine Don Quixoterieen wieder

einzubringen, nur diese Trennung zwischen zwei Menschen, die so lange

Sünde und Noth mit einander getheilt, kam mir unsittlich, ja, förmlich

barbarisch vor.

Sie war meinen Ueberlegungen auf meinem Gesichte gefolgt und sagte jetzt

unendlich moquant: »Sie rechnen, ob es Ihnen nicht zu theuer kommen

könnte, mir zu helfen.«

Erzürnt sprang ich auf. »Gnädige Frau, wenn Sie wollen, daß ich gern

thun soll, was ich thun will und thun werde, so beschimpfen Sie mich

nicht.«

»Beschimpften Sie mich nicht?« erwiederte sie kaltblütig. »Ich habe nie

eine Beleidigung angenommen, ohne eine wiederzugeben.«

»Nein, Sie passen nicht zu Ihrer Tochter,« sagte ich gedankenvoll, fast

traurig. Ich hatte jene junge Frau wahrhaft lieb -- sie war ganz Strenge in

ihren Grundsätzen, Milde in ihren Gesinnungen. Wie konnte sie die Tochter

einer solchen Mutter sein?

»Waren Sie immer so, wie Sie jetzt sind?« fragte ich die Baronin.

»Den Anlagen nach, gewiß,« erwiederte sie gleichgültig. »Das Leben

entwickelt nur was in uns ist.«

»Ich glaube das nicht. Ich glaube -- kennen Sie die Geheimnisse von

Paris?«

»Wann erschienen?«

»Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren.«

»Also nach der Zeit, wo ich noch las. Nein, ich kenne sie nicht, aber was

wollen Sie mit diesen Geheimnissen?«

Statt der Antwort fragte ich: »Sechs Jahre sind Sie schon hier?«

»D'rüber,« antwortete sie ruhig.

»Aber, guter Gott, wie haben Sie denn gelebt?«

»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man Bände lesen können,

»wie?« Sie schien sich sammeln zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier

gewesen, ein Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen -- dann gab sie

den Gedanken plötzlich auf und sagte nur: »nun, wie man als Heimathlose

lebt.«

Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal nicht ohne eine Art

Antheil. Wenn sie durch diese Prüfung auch nicht geläutert worden,

sie hatte sie doch überdauert, das war immer schon viel von einer Frau,

verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch von Natur, wie sie

sich zeigte. »Wie haben Sie's nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte

ich zögernd.

»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht mehr. Damit ist

Alles gesagt. Doch was wollten Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten --

die Geheimnisse, oder wie hieß es?«

»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte ich, »die Seele

könne sich mitten in der größten Verderbniß rein erhalten, eine weiße

Nymphäa aus einem Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in

die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war wohl schon früher

vorhanden und ist nur in diesem Buche am ausgeprägtesten dargestellt.

Lies't man es, lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so

möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um tugendhaft zu werden, erst

Ehebrecherin sein, ein Mädchen erst fallen, um die Unschuld zu kennen.

Das ist nun aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas von dieser

Apotheose der Untreue, dieser Verklärung der Courtisane hören wollen.

Meine Ueberzeugung ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie,

gnädige Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das, was Sie in Ihrem

Hause, als die Mutter Ihrer Kinder und der Gegenstand der allgemeinen

Achtung waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist. Sie sind so

gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu empfinden, daß Sie sich nicht mehr

besinnen, je anders gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf

geben -- Sie haben anders gefühlt.«

»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung.

»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht so --«

Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat sind!«

»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen Sie anfangen allein in

der Welt?«

»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit ihm zusammen.«

»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch nicht versucht. Wenn Sie

erst wissen werden, daß in dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach

Ihnen frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben zu lassen, kein

anhänglich Geschöpf mehr, um es zu mißhandeln --«

»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln ist mir kein

Bedürfniß.«

»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige brauchen das gar sehr.«

»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch.

»Der beißt Sie,« antwortete ich.

Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht das Lachen verlernt hätte,

würd' ich lachen. Was sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich

wollen -- haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie mir -- es ängstigt

mich jetzt, Sie zu sehen; was wir gesprochen, kommt mir so verrückt vor.

Bedenken Sie, ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau, die schon

deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie sich unbedingt Ihnen anvertraute.

Gott, wenn ich mich getäuscht hätte -- wenn Sie Hohn mit mir trieben!«

»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich mir an, aber auch

wirklich unbedingt, ohne Rück- und Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in

meine Hand -- ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich werden.«

Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft, mit welcher sie sich mir

gegenüber gestellt, verließ sie. Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden,

jetzt mit tiefer Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse, die

Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht schlechtes Weib in zwanzig

Jahren voll Unterdrückung ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit,

ohne Aussicht, erleiden kann.

Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung, auch ihrem

ursprünglichen Wesen nach -- wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so

war's nur gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen Skandals

herzugeben -- »ich wußte,« sagte sie mir, »das Geschwätz über meine

Flucht würde aufhören, sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es

gewiß nicht lange gewährt -- höchstens einige Freundinnen außer Ihrer

Mutter haben noch bisweilen ihre Kinder von mir unterhalten --«

»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich, meine Mutter hat

stets nur mit großem Bedauern von Ihnen gesprochen.«

Aus der Schweiz · 第 11 / 12 段