»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau, nicht Das geworden,

wozu Sie mich jetzt machen wollen, die Gattin meines interessanten

Verführers. Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen, dieses

liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die arme Feodora! wie anders hat

sie's jetzt, als früher -- ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen

läßt, einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch zu heirathen --

glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft mit Herrn W. hätte man mir gern

verziehen -- es gab noch andere Damen, denen er recht gut gefiel -- eine

Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit als lächerlich verurtheilt

worden.«

Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott: »Gnädige Frau, und

meinen Sie, man habe Sie weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur

entführen ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat nie für tragisch

gegolten, obgleich es so tragisch ist, wie es nur eines geben kann. Warum

Sie keine Scheidung und keine neue Ehe wollten -- soll ich es Ihnen sagen?

Ihr Stolz als vornehme Frau und als feine und energische Natur sträubte

sich gegen die Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig, nicht

nur den äußeren Verhältnissen, auch dem innern Standpunkt nach -- eine

augenblickliche Schwäche allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu

ihm. Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?«

»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch mit einer gewissen Freude,

erkannt worden zu sein; »daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher

Fehltritt. An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde gegangen --

an meiner Dummheit verzweifle ich noch heute, wo sie schon zwanzig Jahr

alt ist. Doch je älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie. Sie

wächst immerfort.«

»Verwandeln Sie die Dummheit.«

»In was?«

»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber lohnreiches Loos?«

Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken, und sah mich mit einem

Blicke an, der mich um Erbarmen flehte.

»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand nur verkaufen? Quälen

Sie mich wenigstens erst, wenn Sie ihn gesehen haben.«

Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war vernünftig. Was für den

ersten Augenblick anzufangen, war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte

ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine Stube ausmitteln,

wo sie sich vor W. verbergen könne, bis ich ihn gesehen und geprüft.

Dann sollte ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden.

»Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn Sie mich für

moralisch incompetent halten. Meine Seele möchte in die Einsamkeit und

da ihrer Sünde vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren Aufruhr

ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses Mannes zu bleiben, daß meine

Buße darin besteht. Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern. Sie

sind jung und unverdorben -- Sie werden besser das Rechte erkennen, als

ich.«

Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und sah mich an.

Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die nachkommen sollten. Als er

aber nicht wieder anfing, fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht

weiter?«

»Nein, es geht noch nicht weiter,« versetzte er -- »ich habe erst bis

hierher geschrieben. Ehe ich fortfahre, sagen Sie mir -- würden Sie die

Leute verheirathet haben?«

»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich ohne mich zu besinnen. »Es heißt:

Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden, und nicht: Der

Mensch soll zusammenfügen, was Gott geschieden hat.«

»Also glauben Sie, die Beiden seien von Gott geschieden gewesen?«

»Versteht sich.« Ich antwortete in meinem Eifer mit einem Schweizer

Ausdruck. »Durch Gott sowohl, wie früher durch das Gesetz.«

»Nun, ich habe sie trauen lassen,« sagte er trocken.

»Da werden Sie was Schönes angerichtet haben!«

»Calclire, nicht, war moralisch,« sprach er, wieder yankeesirend.

»Moralisch, aber dumm,« versicherte ich ihm.

Er legte sein Manuscript auf den Tisch, stützte Arm und Kopf auf und

vertiefte sich in Nachdenken, bis der Thee kam. Dann sagte er plötzlich

bestimmt, seine Tasse entgegen- und vom Teller eine Brezel wegnehmend:

»Sie täuschen sich; ich bin ganz gewiß, daß die Ehe gut ausfallen

wird.«

»Wenn Sie dessen gewiß sind, ist's ja gut,« sprach ich lachend.

»Beweisen Sie es nur dem Leser.«

»Ich schreibe das Ding nicht fertig,« sagte er entschieden.

»Und warum denn nicht?«

»Sie sprechen heute klassisch schweizerisch. Weil Sie die Heirath dumm

finden.«

»Ich finde sie dumm, Andere finden sie vielleicht klug.«

»Möglich, ich hoffe es sogar, aber ich mache die Novelle doch nicht

fertig.«

»Des Menschen Wille --« sagte ich. »Nehmen Sie Quittensaft?«

»Danke. Nehmen Sie meine Novelle?«

»So wie sie da ist?«

»Und warum denn nicht?« machte er mir nach. »Sie wollten sie ja als

Schluß Ihres Buches?«

»Aber ordentlich geschlossen, nicht so in der Mitte abbrechend, wie eine

nicht fertig gewordene Brücke.«

»O,« sprach er mit unnachahmlicher Kühle, »für Ihr Buch ist sie schon

noch gut genug.«

»Dann schreibe ich auch unser jetziges Gespräch dazu.«

»Alles, was Sie wollen.«

»Und Sie müssen mir noch sagen, wohin Sie Ihr glückliches Paar

befördert haben. Vermuthlich auch nach Amerika?«

»Nein,« versetzte er gelassen, »nach Australien.«

»Das ist jedenfalls eine Abwechselung,« sprach Otto, der uns bisher mit

ziemlich spottender Miene zugehört hatte.

»So mein' ich auch,« entgegnete Wladislav.

»Aber Pietro?« fragte ich weiter.

»Pietro hat zwei Ziegen und wir correspondiren mit einander.«

»Die Ziegen und Sie?«

»Nein, ich und Pietro.«

»So einen Brief müssen Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto.

Wladislav schüttelte den Kopf. »Briefgeheimniß -- unverletzlich.« Dann

bat er mich um die zweite Tasse Thee. Ich goß sie ihm ein, und that eine

dritte Frage, nach Tiger.

Wladislav wurde roth. »Haben Sie nie in meinem Zimmer einen Hund kläffen

gehört?«

»Allerdings, und ein eigenes, jämmerliches Gekläffe war's.«

»Nun, das ist Tiger,« sagte er lächelnd und zögernd.

»Warum haben Sie ihn denn nie bei sich?«

»Ich schäme mich, weil er so häßlich ist,« bekannte er leise.

Wir lachten ohne Umstände. »Sie sind,« sagte ich --

»Ich bin der Wladislav,« unterbrach er mich treuherzig, bittend.

»Kriegen wir nicht wenigstens das Nondescript zu sehen?«

Wladislav schwankte ein wenig. Dann aber sprach er sanft: »Nein, das arme

Vieh ist gar zu schauderhaft -- Sie würden ihn gewiß im Traume sehen.«

Hier kam man, ihm den Wagen anzusagen. Er erhob sich etwas widerstrebend.

»Aus dem warmen Salon in die feuchte Nacht,« sagte er sich in der

Erwartung schüttelnd.

»Es ist erst sieben, also noch Abend,« tröstete ich ihn.

»Und gestern schien der Mond, deßwegen ist's heute nicht finster,«

setzte er mürrisch hinzu. »Sie sind --«

»Ich bin Ihre Freundin, die Ihnen eine glückliche Reise wünscht, eine

frohe Heimkehr --«

»Und ein langes Leben und eine selige Urständ,« fiel er mir in die Rede.

»Ich weiß das Alles schon -- bleiben Sie mir gesund, oder vielmehr werden

Sie Sich selbst gesund -- es ist ein klägliches Ding, immer so krank zu

sein.«

Damit reichte er mir ingrimmig die Hand, schüttelte die meine so derb,

daß ich schrie, und ging, von Otto begleitet, nach der Thür. Dort kehrte

er plötzlich wieder um, kam zurück an den Tisch, sah mich scharf an und

fragte: »Wie finden Sie denn nun eigentlich meine Novelle, d. h. meine

wahre Geschichte?« -- »Barock und formlos,« antwortete ich, »auch

mit Nachlässigkeiten des Styles und Wiederholungen von Worten reichlich

gesegnet, aber dabei besonders genug und deßwegen --« -- »Schon gut!«

Damit hemmte er meine Kritik, flüsterte mir dann vertraulich zu: »Ich

will es Ihnen nur sagen: gerade so finde ich sie auch;« und ohne mir noch

ein Mal Adieu zu bieten, schritt er nun wirklich aus der Thür.

Hofbuchdruckerei der Gebr. Jänecke in Hannover.

[ Hinweise zur Transkription

Der Schmutztitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 18:

im Original "für den armen Menschen ist's tödtlich."

geändert in "für den armen Menschen ist's tödtlich.«"

Seite 72:

im Original "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?"

geändert in "haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«"

Seite 72:

im Original "»Herr Leon auch.« Er war aber schon mehrere"

geändert in "»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere"

Seite 82:

im Original "Die Engländerin konnte kein Wort Französich"

geändert in "Die Engländerin konnte kein Wort Französisch"

Seite 89:

im Original "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.«"

geändert in "wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich."

Seite 104:

im Original "»Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf."

geändert in "Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf."

Seite 104:

im Original "Und warum erkundigte sich sich denn nicht"

geändert in "Und warum erkundigte sie sich denn nicht"

Seite 108:

im Original "meine junge Frau vorstellen zu dürfen«"

geändert in "meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«"

Seite 108:

im Original "Sie scheinen sich wunderbare Gedanken"

geändert in "»Sie scheinen sich wunderbare Gedanken"

Seite 110:

im Original "»Aber ich weiß Alles, sagte lachend Pauline."

geändert in "»Aber ich weiß Alles,« sagte lachend Pauline."

Seite 110:

im Original "Ich möchte gern von seiner Braut hören."

geändert in "Ich möchte gern von seiner Braut hören.«"

Seite 128:

im Original "Eben sprach ich sehr kennntnißreich und weise"

geändert in "Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise"

Seite 147:

im Original "ihm, dem Überlegenen, Widerstand zu leisten"

geändert in "ihm, dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten"

Seite 147:

im Original "sollte sie gleich bei ihrer Rückhehr"

geändert in "sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr"

Seite 192:

im Original "er mochte ungefähr fünf- bis sechsund zwanzig sein"

geändert in "er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein"

Seite 206:

im Original "Die Waadtländer sind so gelassen üller Alles"

geändert in "Die Waadtländer sind so gelassen über Alles"

Seite 209:

im Original "sich ver-verbergen wie die Schlangen"

geändert in "sich verbergen wie die Schlangen"

Seite 210:

im Original "den Berliner -- Schönen auf die wunderbare Manier"

geändert in "den Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier"

Seite 224:

im Original "nahm seinen klugen Blick an und anwortete"

geändert in "nahm seinen klugen Blick an und antwortete"

Seite 232:

im Original "»=to take it coolly=« wie Jacob Faitful sagt"

geändert in "»=to take it coolly=« wie Jacob Faithful sagt"

Seite 242:

im Original "»Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«"

geändert in "Ich that's und sagte: »Verlassen Sie ihn nicht.«"

Seite 242:

im Original "ernster als bisher; das bleibt sich gleich"

geändert in "ernster als bisher; »das bleibt sich gleich"

Seite 245:

im Original "sich so zu beugen? fragte ich zögernd"

geändert in "sich so zu beugen?« fragte ich zögernd"

Seite 248:

im Original "wenn Sie Hohn mit mir trieben!"

geändert in "wenn Sie Hohn mit mir trieben!«"

Seite 254:

im Original "Sie uns ein Mal zeigen, sprach Otto"

geändert in "Sie uns ein Mal zeigen,« sprach Otto"

Seite 256:

im Original "»Barock und formlos,« anwortete ich"

geändert in "»Barock und formlos,« antwortete ich" ]

Aus der Schweiz · 第 12 / 12 段