Acht Tage gingen hin. Nicht ein Heimathloser. »Unerträglich!« rief

ich am neunten Tage. Ich will es nur gestehen -- ich vegetirte in einer

trostlosen Einförmigkeit, und es ist kaum glaublich, wie sich bei einem

solchen Zustande alle Gedanken krankhaft auf einen Gegenstand heften

können. Meine Ungeduld wurde wirklich nervös. Die Heimathlosen reizten

mich, peinigten mich, ließen mir keine Ruhe. Ich wollte zu ihnen, da sie

nicht zu mir kamen. Entschlossen erkundigte ich mich nach dem Wege.

»Erlauben der Herr Graf,« sagte der Kellner, »Sie werden doch nicht

dieses Gesindel besuchen wollen?« Der Kellner war -- ein Landsmann von

mir.

»Warum denn nicht?« fragte ich kurz.

»Das Gesindel ist sehr unsicher.«

»So?«

»Ja gewiß -- es ist ihm nicht zu trauen.«

»Wie der Bauer von der Viper sagte,« murmelte ich, an Shakespeare

denkend. Dann dankte ich dem Kellner für seine Warnung und versprach ihm,

mich in Acht zu nehmen. Den andern Morgen steckte ich meine Pistolen

ein, aber nur wenig Geld, ließ mir noch einmal die Richtung andeuten, in

welcher die Heimathlosen hausen sollten, nahm eine Tasche mit Brod und Wein

um und machte mich auf.

Meine Brust war nun wieder so weit gut, daß ich diese Entdeckungswanderung

wagen durfte. Und hätte ich auch gewußt, daß es mir schaden würde, ich

hätt' es doch gethan.

Die Gegend werde ich nicht erst beschreiben. Von jeher sind mir die

Localitätsschilderungen unausstehlich gewesen. Was kann dem Leser daran

liegen, ob, während eine Begebenheit vor sich geht, rechts der und der

Fluß, links die und die Stadt und im Hintergrunde das und das Gebirge zu

sehen gewesen? Vielleicht versteh' ich es nicht, aber ich kann nun einmal

dergleichen in sein sollende Poesie übersetzte Landkarten nicht leiden

und sage von der Gegend nur ganz schlechtweg, daß sie aus Gebirgen und

Tannenwald bestand. Abgestorbene Bäume hie und da, bisweilen Felsen,

Bäche, manchmal ein wenig Gefahr auf den überschwemmten Steinen -- es

waren unermeßliche Regen gefallen, auch Schnee hatte es hier oben schon

gegeben. Tiefe Stille, völlige Einsamkeit -- die letzten Sennhütten waren

längst hinter mir geblieben -- kein rüstiger Waadtländer kam mir mit

einer Holzladung oder einem Baumstamme entgegen -- ich stieg allein im

menschenleeren Walde hinan.

Menschenleer -- war er's? Die Heimathlosen sollten ja hier horsten wie die

Raubvögel, sich verbergen wie die Schlangen? Noch hatte ich indessen keine

Spur von ihnen entdecken können.

Da plötzlich zwischen hohen Tannen eine kleine Strecke Schnee wie ein

glatter Teppich, und darauf, in das Dickicht hineinführend, frische, tief

eingedrückte Fußstapfen.

Ich war, wo ich sein wollte, sah, was zu suchen ich hier herauf gekommen

war.

Warum hemmte ich meinen bisher raschen Gang?

Mein Herz hatte eine stärkere Bewegung angenommen. Fürchtete ich mich?

An der Barrikade, umbrüllt von tobenden Schwachköpfen hatte ich nur

Verachtung empfunden, hier -- schauerte mich.

Wenn wir auf uns allein angewiesen sind, einer zugleich ungewissen und

möglichen, zugleich sichtbaren und räthselhaften Gefahr gegenüber -- es

ist das ein eigenes Gefühl. Die Civilisation verwöhnt uns so sehr, immer

auf den Beistand außer uns zu zählen, welcher Gesetz heißt, daß es uns

wohl seltsam zu Muthe sein darf, wo er nicht ist. Die Amerikaner behaupten

sogar, wir Deutschen riefen, ehe wir uns unserer Haut zu wehren wagten,

immer erst pflichtgehorsamst nach der hohen Polizei. Das ist bei mir

wenigstens nicht der Fall gewesen -- gerieth ich beim Berliner Carneval

etwa in eine Schlägerei, so gebrauchte ich meine Hände tüchtig. Man warf

mich hinaus, doch nicht ungerächt. So konnte ich mich denn ziemlich

auf mich verlassen, allein hier handelte es sich um etwas mehr, als den

Berliner-Schönen auf die wunderbare Manier, wie man sie vielleicht nur

dort kennt, den Hof zu machen.

Mein Vorrath war noch unangetastet. In einer Sennhütte hatte ich

für einen Frank ein Alpenfrühstück eingenommen, wie die Schweizer

Schriftsteller es seit zweihundert Jahren auf deutsch und lateinisch

gerühmt haben: Honig, Brod, Butter, Käse und Crême; denn nie bekommt man

Milch, immer nur Crême. Meine Tasche war also voll, und ich setzte mich

auf einen Baumstrunk, brach Brod und trank aus meiner Flasche. Kraft wollt'

ich gewinnen für jeden Fall -- der Gesättigte hat Muth; der Hungrige,

welcher friert, schwerlich.

Der Himmel war fahl, die Luft nicht rauh, aber feucht, durchfröstelnd, um

mich her Einöde, mir zur Seite die Spur der Fußstapfen.

Ich aß mein Brod ungewöhnlich langsam, als hätte ich keine gute Zähne

mehr. Endlich schämte ich mich, stand auf und dachte: »Nun ist's wahrlich

Zeit. Im Schweiße deiner Stirn hier herauf zu klettern, um hier auf einem

alten Baume sitzen zu bleiben und trocknes Brod zu essen -- es wäre eine

Schande, die nicht mehr zu verlöschen wäre. Die Heimathlosen sind ja eben

nichts mehr als arme Korbmacher und dergleichen -- an's Todtschlagen werden

sie, weiß der Himmel, nicht denken, vielleicht dein Geld dir abbetteln --

gut, dazu hast du's ja mitgenommen. Und wollten sie etwas Anderes, gut, so

wolle du dich tüchtig wehren, und nun vorwärts.«

Ich folgte der Spur, drang langsam und vorsichtig weiter in das Gebüsch

ein. Verwirrt war's wie kraus Haar. Die Zweige schlugen mich in die Augen,

streiften mir beinah die Mütze vom Kopfe. Der Nachtreif hing hier noch

an den Nadeln, kalte Tropfen fielen in mein Haar, auf meine Stirn. Naß

geworden und doch erhitzt erreichte ich endlich eine Lichtung. Eine Hütte

stand da, ein Hund schlug an. Die Hütte war ein Dach von Tannenreisern auf

einem Viereck von Stämmen und Zweiggeflechten. Auf einer Skizze hätte sie

sehr malerisch ausgesehen, in der Wirklichkeit war sie buchstäblich ein

Wohnplatz der Armuth. Desolation, anders kann ich keinen Ausdruck finden

für sie selbst und ihre Umgebung von Tannen, Gestrüpp, etwas Reisholz und

einigen Krautköpfen. Ja, Krautköpfe waren da, und Kartoffeln mußten auch

da gewesen sein, denn ich sah ein Paar auf dem bischen Acker liegen,

wozu die Lichtung benutzt war. Diese paar Kartoffeln, dieses umgewühlte

Erdreich trösteten mich in der Seele, nicht meinetwegen -- ich fürchtete

Nichts mehr -- nein, wegen des Bewohners der Hütte. Oder hatte sie

Bewohner, diente sie einer Familie Heimathloser als Heimath?

Heimath -- was ist Heimath? Die Heimath habt ihr auf jeder Erde, unter

jedem Schatten -- wo ihr wohnt. Die Heimath ist nicht der Geburtsort, nicht

das Vaterland, sie braucht selbst nicht ein eigenes Haus zu sein, sie ist

-- der eigene Heerd. Wo dessen Feuer flackert oder glimmt, wo dessen Rauch

aufwirbelt oder sich niedersenkt, da ist die Heimath.

Ich wollte sehen, wer hier seine Heimath hätte. Der Hund, der kleine,

graue, braune, gelbe, struppige, nackte Hund, ein Nondescript, für

welches ich keine andere Benennung weiß, als das gutmüthig schimpfende

»Köter«, kauerte mißtrauisch vor dem Brette, welches als Thür diente.

An meiner Kleidung erkannte er mich für einen Eindringling. Zu bellen

wagte er nicht, aber knurrend schielte er zu mir empor, als ich an der

sogenannten Thür pochte.

»=Entrez!=« sagte es von innen.

Ich drückte das Brett zurück, bückte mich und trat in das Zweighaus.

Ein Mann saß da und schnitzelte. Italienische Figur und Physiognomie.

Ohne aufzustehen, maß er mich mit einem festen Blick, dann schnitzelte er

weiter. Doch sah man, daß diese Gleichgültigkeit nur gemacht war.

»=Parlate italiano?=« fragte ich.

»=Si, Signore=,« erwiederte er.

Ich hatte etwas von Verirren u. s. w. vorbringen wollen, doch von diesem

Menschen fühlte ich instinktmäßig, er werde mich durchschauen. So sagte

ich denn: »Ich komme, um Euch zu besuchen.«

Ein mißtrauisches Runzeln der Augenbrauen, ein augenblicklicher stechender

Seitenblick.

»Nicht Euch persönlich,« beeilte ich mich hinzuzusetzen. »Die

Heimathlosen.«

Das Gesicht wurde wieder italienisch gleichgültig.

»Ihr gehört auch zu ihnen?«

Gemessenes Kopfneigen.

»Ihr seid aus --«

»Hier geboren, Signor.«

»Aber der Vater?«

»Der Vater? Aus Toscana.«

»Und hierhergekommen -- wann?«

Der Mensch faßte mich wieder schärfer in's Auge. Ich sah, daß er meine

Fragen unverschämt fand.

»Erlaubt mir, daß ich mich ein wenig zu Euch setze,« sagte ich

einlenkend. »Ich bin ermüdet, weit hergekommen.«

Er rückte etwas weiter auf seiner Bank, so daß Raum für mich wurde. Ich

setzte mich, wirklich angegriffen.

»Von Vevey?« fragte nun er.

Ich bejahte.

»Der Signor wohnt dort?«

»In den Kronen.«

»Wegen der Gesundheit?«

Ich zuckte die Achseln.

»Warum steigt da der Signor in solchem Wetter so weit herauf?« fuhr er

mit halbem Lächeln fort.

»Wie ich Euch sagte -- um Euch zu besuchen.«

Das Lächeln auf seinen Lippen wurde deutlicher. Er schien mich für

thöricht zu halten. Nach einigen Secunden sagte er humoristisch: »Bei uns

ist doch wenig zu finden.«

»Auch begehre ich Nichts, als Euch kennen zu lernen.«

»Uns Alle?« antwortete er zweideutig.

»Seid Ihr nicht Alle --« forschte ich.

»Ehrlich?« ergänzte er. »O gewiß, Signor. Aber sonderbar -- sonderbar,

ein klein wenig excentrisch. Man läßt uns ungestört.«

Das war verständlich. Ich blieb jedoch sitzen. Saß ich einmal neben

einem Heimathlosen, wollte ich ihn auch durchforschen, wenn es mir gelang

nämlich.

Es schien mir nicht gelingen zu sollen. Der Mensch neben mir war wie

versiegelt. Absichtliche Ruhe ganz und gar, und dabei ganz und gar ruhig in

der Absicht, mich fortzuschicken.

Denn als er sah, daß ich mich nicht rührte, stand er auf und fragte:

»Soll ich den Signor vielleicht ein Stück hinunterbegleiten? Vielleicht

könnte der Signor den Weg hinunter doch verfehlen, wenn er ihn hinauf

gleich gefunden hat.«

Auf dieses im reinsten Toskanisch gemachte Anerbieten ließ sich dann

eben Nichts erwiedern. Mißmuthig stand ich auf. »Da bin ich so weit

hergekommen,« sagte ich, »mit den besten Gesinnungen hergekommen, die

sich denken lassen, und Ihr gönnt mir nicht einmal fünf volle Minuten

Ausruhen unter Euerm Dache.«

»Mein Dach ist ein armes Dach,« erwiederte er demüthig spöttisch, »und

es schickt sich nicht, daß ein solcher Signor darunter verweile.«

»Aber warum wollt Ihr nicht, daß wir besser bekannt mit einander, daß

wir Freunde werden? Ich würde so gern Etwas für Euch thun.«

»Danke, Signor. Freundschaft ist nur zwischen Gleich und Gleich, nicht

zwischen einem Reichen und einem Heimathlosen. Wollt Ihr mir Etwas geben,

so werd' ich's dankbar annehmen, denn ich wäre ein Narr, wenn ich den

Stolzen spielen wollte; aber von Freundschaft redet nicht und kommt auch

nicht wieder.«

Der Mensch sprach italienisch höflich, aber bestimmt. Es klang gerade, als

glaube er sich mir überlegen. Ich zuckte verächtlich die Achseln. »Wenn

Ihr's denn so wollt -- ich werde Euch nicht bitten.«

Damit reichte ich ihm das Geld, welches ich aus meiner Börse in die

Hand geschüttet. »Gott segne Euch, Signor,« sagte er freimüthig, mit

sichtlichem Vergnügen. »Da nehmt auch das noch,« sprach ich milder,

zog den Rest des Brodes und die noch halb volle Flasche hervor und bot ihm

Beides. Ueberrascht blickte er mich einen Augenblick an und sprach dann mit

Rührung: »Erlaubt mir, Euch bei der Hand zu fassen, Signor. Wer mir Geld

giebt, der ist mein großmüthiger Wohlthäter; aber wer sein Brod mit mir

theilt, der erkennt mich für seines Gleichen, für einen Menschen. Das

habt Ihr gethan, Signor, und nun befehlt über mich. Was Ihr zu wissen

wünscht, -- wenn Pietro es Euch sagen kann, so sollt Ihr es erfahren.«

Aber ich sah nach dem Himmel, wo er über der Lichtung sichtbar war.

Der Abend brach bereits herein, und ich hatte noch mehrere Stunden bis

hinunter, ja, wer wußte, ob ich Vevey noch vor der Nacht erreichen

konnte. Das sagte ich meinem Heimathlosen, den ich nun wenigstens bei einem

christlichen Namen nennen konnte. Abermals, und jetzt eifriger als vorher,

erbot er sich, mich zu führen, einen kürzeren Weg, einen vortrefflichen

Weg. Der Signor würde sehen. Jetzt nahm ich seine Begleitung gern an.

Ich fürchtete keine Begegnung, aber einen möglichen Fehltritt, ein

Ausgleiten, einen gebrochenen oder doch verstauchten Fuß. Treu meinem

Grundsatz, mich vor allem unnöthigen Schaden vorzusehen, wollte ich mich

lieber führen lassen, als romantisch allein verunglücken. Pietro lief zu

seinem Hunde, streichelte ihn, gab ihm den ersten Bissen von dem Brode und

gebot ihm, sich vor die Thür zu legen und das Haus zu bewachen. Der Hund

begriff sicherlich die Wichtigkeit und das Ehrenhafte dieses Auftrages --

er streckte sich mit der Majestät eines Löwen vor der sogenannten Thür

hin. Pietro legte neben ihn noch drei Bissen Brod, das übrige fing er

selbst an zu essen. Den Wein hatte er Anfangs verwahren wollen, ohne davon

zu nehmen; vermuthlich sollte das gute Getränk in einer recht ruhigen

Stunde mit dem gehörigen Behagen genossen werden. Aber als er an die Thür

gelangt war, hielt er still, erhob die Flasche und besah den Wein mit einem

Liebesblicke. Ich nahm seinen Kampf mit sich selbst wahr und hieß ihn

trinken -- er solle in Vevey mehr erhalten. Hurtig und vergnügt trank er

nun, doch nur in kleinen Zügen. Mir schmeckte es mit. Als kein Tropfen

mehr aus der Flasche herauswollte, machte er ihr ein komisch-wehmüthig

Gesicht; dann wischte er sich den Mund, sprang zu mir zurück, verbeugte

sich und erklärte sich für bereit zu meinen Diensten, und nicht nur für

jetzt, sondern in alle Ewigkeit. Der Mensch war wie umgewandelt. Vorher

ein Grande des Waldes, jetzt ein großes Kind. Auch jünger dünkte er mir

jetzt um Vieles. Für einige dreißig hatt' ich ihn gehalten -- er war erst

zweiundzwanzig Jahr. »Man hungert manchmal -- das macht alt,« sagte

er, aber ganz vergnügt, ja, mit wahrer Komik. Seiner Laune nach war das

Heimathlosendasein eine Shakspeare'sche Comödie, wunderlich, aber ganz

gleich gemischt aus Lust und Wehe. Gewiß wenigstens keine Tragödie des

Elends, und am allerwenigsten eines jener Proletariats-Dramen, woran sich

jetzt so viele stumpfe Federn versuchen, ohne irgend etwas einzuernten als

ein mäßiges Honorar, oder irgend etwas anzustiften als eine unermeßliche

Langeweile.

Pietro stieg hinab und ich folgte durch das Doppeldunkel des Waldes und des

Abends, auf Pfaden, die außer ihm vielleicht nur Kinder beim Beerensuchen

aufgefunden hatten. Und dennoch nicht nur furchtlos, sondern völlig

vertrauungsvoll, so sicher, gut geleitet zu werden, wie ich sonst als

Kind unserm alten treuen Kammerdiener gefolgt. Es liegt eine heilige

Brüderschaft im Theilen des Brodes -- Pietro hatte mir nicht umsonst so

herzlich gedankt, und ich konnte mich ihm unbedingt überlassen.

Aber das Unternehmen war für meinen Gesundheitszustand ein tolles gewesen

-- das sah ich ein, als ich endlich um zehn Uhr wieder in Vevey anlangte.

Zwölf Stunden fast immer auf den Füßen und noch dazu gestiegen, entweder

hinauf oder hinunter -- ich fühlte mich wie entzwei, der Frost der

Ueberreizung blieb auch nicht aus -- ich mußte mich legen, doch nicht ohne

für Pietro ein Abendbrod nebst einer Flasche Wein befohlen zu haben. Er

verzehrte die für ihn märchenhafte Anrichtung in meinem Zimmer und machte

dabei ein fürchterliches Geräusch. So hatte ich noch nie essen hören --

ich dankte dem Himmel, als er sich für gesättigt erklärte und was noch

vorhanden war, in die einzige Tasche steckte, die er an seinem Kittel

hatte. Er versicherte mir, es sei für das arme Hündlein, für den

Liebling, den er allein habe lassen müssen, um dem Signor zu dienen, wie

es seine Schuldigkeit gewesen, setzte er mit tiefem Ernst hinzu. Eigentlich

beabsichtigte ich ihm noch eine Flasche Wein mitgeben zu lassen, aber

bei näherer Ueberlegung hielt ich es für rathsamer, ihn nicht gleich zu

verwöhnen und dadurch überbegehrlich, wenn nicht gar schlimm zu machen.

Er hatte heute schon Geld, zwei Mal Wein, ein Abendessen erhalten und

außerdem mich noch zum Freunde -- das war genug -- ich entließ ihn mit

meinem Dank, meinen guten Wünschen. Mit ganz unnöthiger, und eben darum

erheiternder Feierlichkeit gelobte er, morgen wieder bei seinem Gönner

und Herrn, dem edelmüthigsten aller christlichsten Cavaliere, zu sein. Ich

hieß ihn auch seinen Hund mitbringen; er dankte für die Ehre, welche ich

dem armen Thiere erwiese, aber, setzte er wichtig hinzu, er muß durchaus

oben bleiben und unser Haus bewachen. Ich hatte es schon bemerkt -- er

redete von sich und dem Nondescript, welches nebenbei gesagt, Tiger hieß,

immer in der Mehrheit.

Diese Nacht hatte ich tüchtiges Fieber, aber für den nächsten Tag keine

Langeweile zu befürchten. So war ich dann musterhaft in der Geduld.

Pünktlich kam am andern Morgen Pietro an, dermaßen pünktlich, daß ich,

ermattet von der bösen Nacht, noch im tiefsten Schlafe lag. Getreu dem vor

elf Tagen erhaltenen Befehl weckte der Kellner mich auf. Ich fluchte sowohl

über den Kellner wie über meinen Heimathlosen. Aber Pietro zeigte eine so

wahre Freude, seinen groß- und edelmüthigen Gönner wieder zu begrüßen,

daß ich nicht böse bleiben konnte, sondern ihm Frühstück geben und mir

seine Geschichte erzählen ließ.

Das war eine Vagabonden-Novelle trotz einer, so gut, so frisch, so bunttoll

und tollbunt, wie gewiß keiner unserer Schriftsteller sie erfinden

könnte, wer weiß sogar, ob ein englischer.

Ich schreibe sie nicht nach -- ihr würden zu sehr die schwarzen

Augen fehlen, welche, wetteifernd mit dem überströmenden Munde, sie

erleuchteten, ihre Schatten schwärzer und ihr Helles greller machten.

Nur so viel, daß Pietro's Vater in Neapel erst Priester und dann Bandit

gewesen, dann da und dort gegaunert hatte, überall gehetzt, verfolgt,

verjagt worden war. Endlich hatte er sich ins Waadtland geflüchtet und

hier »niedergelassen«, wie Pietro emphatisch sagte. Ein Weib sei mit ihm

gekommen, hätte --, gesegnet sollte sie sein! -- unter dem Dache, welches

ich kannte, Pietro geboren. Pietro würde ungern den Glauben preisgegeben

haben, daß sie eine der ersten Familien der »Niederlassung«, vielleicht

gar die älteste seien. Aristokratie auch unter den Heimathlosen! Ich

lachte --, Pietro sah ernstlich aus; ich entschuldigte mich, er wurde

wieder freundlich. Großen Werth legte er darauf, daß er lesen und

schreiben könne. Sein Vater habe ihm die gebührende Erziehung gegeben,

meinte er mit nicht geringer Genugthuung. Um es mir zu beweisen, holte er

aus seiner Tasche einen beschmutzten, aber vollständigen Ariosto hervor

und las mit feuriger Declamation einige Ottaven.

Ich unterbrach ihn, um ihm allerlei Vorschläge für ein Einbürgern in

unsere Welt zu thun. Mit großer Demuth hörte er mich an, begleitete

Alles, was ich sagte, mit seinem Beifall, erschöpfte sich in Danksagungen

und am Ende kam es doch heraus, er wolle bleiben, wo und wie er sei. Es

werde nicht recht gehen, meinte er bedenklich. Er verstehe Nichts, sei zu

alt und zu dumm Etwas zu lernen. »Vielleicht auch zu träge,« bemerkte

ich mit einiger Strenge. »Vielleicht« -- er gab es mit schmerzlichem

Bewußtsein seiner Unwürdigkeit zu. »Wenn man nicht geboren ist zu etwas,

ist's sehr schlimm, Signor«, sagte er kläglich. »Aber, Pietro, Ihr

werdet dann nie mehr Hunger haben.« -- »O, Signor, der Hunger kommt

selten, selten, und es ist immer besser, bisweilen einen Tag zu hungern,

als alle Tage thun zu müssen, was uns nicht gefällt«. Damit küßte er

mir die Hand, bat mich, nicht auf ihn erzürnt zu sein, und ich konnt' es

nicht. Er war so =con amore= Vagabond, Heimathloser -- es wäre Grausamkeit

gewesen statt Güte, ihn zu einer ordentlichen Existenz zu zwingen. Was

seine Festhänglichkeit an sein sogenanntes Haus noch vermehren mochte,

war, wie ich erwähnte, die Erinnerung an einige unschuldige Fehltritte,

begangen auf dem Markt des Lebens und angemerkt von der =bête noire= der

Amerikaner, der Polizei. Denn Pietro's Füße hatten die Grenzmarken der

Civilisation überschritten -- er war mit seinem Vater und allein einige

Male zu kleinen Besuchen in Italien, Savoyen, der übrigen Schweiz gewesen,

aber wie ich denke, nicht immer mit besonders gutem Gewissen wieder in sein

Waldasyl zurückgehuscht. Wenigstens zeigte er gar keine Lust, sich legitim

bei Tageslicht und Angesichts der Menge sehen zu lassen.

»Nun wohl«, sagte ich, als ich meine Ueberredungskünste vergeblich fand,

»thut wie Ihr wollt, aber bei denen, welche Ihr Eure Leute nennt,

werde ich nichtsdestoweniger versuchen, sie für etwas Besseres als die

Heimathlosigkeit zu gewinnen.«

Pietro wiegte bedächtig den Kopf, nahm seinen klugen Blick an und

antwortete: »Ich zweifle, daß sie wollen werden -- ich bin gewiß, daß

sie nicht wollen werden.«

»Aber was habt Ihr in Euren Wäldern, auf der rauhen Erde, unter dem oft

mitleidlosen Himmel?«

»Ihr sagt's, Signor, wir haben die Wälder, die Erde und den Himmel -- wir

haben die Freiheit. Wir schlafen, wann wir wollen, lachen und weinen, wann

wir wollen. Das ist viel. Es giebt in Eurer Gesellschaft tausend Fesseln,

von denen eine einzige uns die ganze Welt mit allem ihrem Golde zum

Gefängniß machen würde. Ihr seid's gewohnt, diese Ketten als Schmuck

zu tragen -- wir würden das nicht verstehen. Wundert Euch nicht, mich so

reden zu hören. Wir flechten nicht blos Körbe, fangen nicht blos Vögel

-- wir denken auch nach und verständigen uns über unsere Gedanken. Auch

haben wir einige Studirte unter uns, die -- irgendwie unglücklich gewesen

sind. (Also dieser zarte Ausdruck auch hier gebräuchlich.) Von denen

lernen wir, wie es in der Welt zugeht,« fuhr Pietro fort, »und, Signor,

verzeiht mir, es geht nicht immer so schön zu, daß man Euch beneiden

möchte. Ihr werdet auch uns nicht beneiden -- das ist natürlich, noch

mehr, Euch muß unser Zustand schrecklich dünken, und weil Ihr ein gutes

Herz habt, möchtet Ihr ihn ändern. Aber glaubt mir, am besten ist's, Ihr

lasset uns, wie Ihr uns findet.«

Da hatte ich die Philosophie des Heimathlosen. Ich konnte mich nicht

überzeugen, daß sie auch die der übrigen Zweihundert sein sollte --

so viel dieser Horster in den Wäldern giebt es, wie man mir sagt. Gewiß

waren unter ihnen welche, die an Zurückverlangen nach dem bürgerlichen

Dasein litten, für welche diese gepriesene Freiheit, zu jeder Stunde

schlafen zu können, nicht mehr und nicht weniger war, als ein ungeheures

Gefängniß, in welches das Elend sie eingeschlossen.

Sobald ich also wieder gesund war, kehrte ich zu meinem Vorhaben zurück,

die Heimathlosen kennen zu lernen. Nur machte ich mich von nun an nicht

mehr zu Fuße auf, sondern ritt morgenländisch auf einem Esel. Man ist

hier solcher Reiterei gewöhnt; die Jungen liefen mir nicht nach, obwohl

meine langen Beine von dem kleinen Thier beinah bis auf den Boden reichten.

Dieser gute Graue nun trug mich in die Schlupfwinkel der Heimathlosen;

wohin Pietro mich geleitete -- er wußte sie alle. Ich wurde meistens gut

empfangen -- von Gefahr war nie die Rede, wenigstens glaub' ich es nicht.

Tiger trabte immer mit uns. Ein Schloß verwahrte jetzt das Haus -- Tiger

brauchte nicht mehr zurückzubleiben. Das Nondescript hing unbeschreiblich

an mir -- er konnte, leider, nicht mit dem Schwanze wedeln, weil er keinen

hatte, aber es war eben so gut, als thäte er's.

Manchmal, wenn wir einherzogen in den winterlichen Bergen, ich auf

dem Esel, Pietro mit Stock und Provianttasche neben mir und der

unbeschreibliche Tiger vor uns, manchmal fragte ich mich, ob ich's wirklich

sei. Aber ich war's.

Im Hotel, glaub' ich, hielten sie mich für ein wenig verrückt, wenn nicht

für ganz und gar. Anfangs machte man mir Vorstellungen über das, was

ich wage -- selbst der Wirth ließ sich herab: =Mais, monsieur!= zu mir zu

sagen. Ich gab ihm Recht, bedankte mich und war den nächsten Tag wieder

mit Pietro auf den Wegen der Abenteuerlichkeit.

Waldzauber, Waldeinsamkeit, Wildheit, Vagabondenthum -- ich fing an, das

Alles zu begreifen. Nicht daß ich mich verlockt fühlte, auch Waldmensch,

oder was gleich ist, Heimathloser zu werden, dazu war ich zu sehr, um mit

Immermann's Münchhausen zu sprechen, das gebildete Kind gebildeter Eltern.

Aber ein scharfer, eigener Reiz lag in diesem Verkehr mit dieser Horde, die

mitten in Europa ohne Gott, Gesetz und Obrigkeit lebte. Ohne Gott -- das

muß ich zurücknehmen. Gott war mit ihnen in ihrem Walde. Sie beteten zu

ihm, die Einen so, die Andern so.

Und wer waren sie dann? Waren's Zigeuner, Heiden, Christen, Verbrecher,

Herumtreiber, Verfolgte?

Aus der Schweiz · 第 10 / 12 段