Von hier aus entschieden wir uns für den Weg nach der Teufelsbrücke. Wie

der Pilat der Berg, so ist der Gotthardspaß die rechte Straße von und

nach dem Vierwaldstätter See und von den großen Verbindungswegen, welche

die Ströme den Menschen durch die Gebirge gebahnt, gewiß einer der

fahrwürdigsten. Goethe war ihn hinangewandert -- wir halten diese

Erinnerung gebührend an Ort und Stelle. Desgleichen vergegenwärtige ich

mir mit Vergnügen die wilden tyrolischen Längenthäler und ebenso mit

einem Lächeln den Brenner, der gegen diesen energischen Durchbruch der

Alpen sich ausnimmt wie ein Blumenpfad neben einem Klippensteige. Wie es

im Frühling hier sein möge, war auch leicht sich auszumalen -- die

Lawinenbetten, die jetzt versiegten Bäche, die weißen Wasserfälle, wir

durften sie uns nur gefüllt, geschwellt und überbrausend denken, und wir

hatten den Frühling im Reußthale. Etwas fiel mir noch fortwährend ein

-- der Franzose, welcher in Töpfer's Schilderung vom großen Bernhard

durchaus auf die Lawine gefallen sein will und die höfliche Einwendung:

»Aber, mein Herr, gewöhnlich fällt die Lawine auf Sie,« gar nicht

beachtet. Hier würde die Lawine unfehlbar auf ihn gefallen sein und er mit

ihr unfehlbar in die Reuß. Wenn schon im ganzen Thale die Blöcke wie ein

Hagelschlag lagen, wilder noch ward's im Schöllenenthal, von Göschenen

hinauf zur Teufelsbrücke. Rechts erschien in einiger Entfernung die

prächtige Gruppe der Göschenen Gletscher und links bog die Schlange der

Straße zwischen die starren, aufrechtstehenden Felsenhöhen hinein. Ein

kleiner Bube, begleitet von einem gleich kleinen schwarzen Pudelchen, bot

uns hier Krystalle vom Gotthard an, Rachtepasse, wie der Rauchtopas in

der hiesigen Sprache heißt. Die Gemsenjäger bringen diese und andere

Krystallisationen aus den verborgenen Grotten mit herab und verkaufen

sie an Knaben, denen sie die Namen davon lehren. Die Knaben ihrerseits

verhandeln sie an die Fremden -- wir hatten in Amsteg welche ausgewählt,

mochten jedoch den Kleinen nicht abweisen und nahmen seine beiden

Stückchen für anderthalb Batzen. Die Münze war ihm fremd; gravitätisch

ging er zum Kutscher und erkundigte sich, wie viel es wäre. Der sagt'

es ihm. »Einen und einen halben Batzen?« fragte er, »dann dank' ich

schön.« Wir kamen bald darauf langsam genug im feuchtkalten Nebelsturme

an die Teufelsbrücke. Sie überraschte uns nicht -- die vielen Brücken

vorher hatten uns vorbereitet, aber sie befriedigte. Die alte verlassene

unter ihr würde den Blick anziehen, ginge nicht schon viel früher eine

über den grünweißen Strom, die auch verlassen, grün bewachsen und mit

abgebrochenen Brüstungen daliegt und dabei viel besser gesehen werden

kann. Von Regenbogen auf dem Sturz war weder an diesem, noch am folgenden

Tage die Rede, obgleich wir in schöner, heißer Sonne nach Fluelen

zurückfuhren. Denn wir fuhren zurück -- wir machten es Goethe nach, doch

nicht um es ihm nachzumachen, sondern weil wir nicht anders konnten. Schnee

war in der Nacht von Neuem gefallen, sowohl die Furca, wie der Paß nach

Bündten schwierig zu unternehmen geworden, und das Thermometer zeigte im

Zimmer nur sieben Grad. Wir schwankten ein wenig zwischen Links und Rechts,

zwischen den Rheinquellen und den Rhonegletschern, dann sagte ich gefaßt:

wir wollen zurück. Goethen ward es schwer, von hieraus nicht nach Italien

hinabzueilen, sondern freiwillig umzukehren. Hätten wir Italien nicht

verwüstet, verstört, für eine Zeit verwandelt gewußt, es wäre uns

ebenfalls nicht leicht gewesen; vielleicht war es uns auch nicht leicht,

aber wir fuhren mit würdiger Ruhe nach Fluelen zurück.

Am späten Abend, als wir zum letzten Male auf dem scheinend blauen See

schwankten und die halbumwölkten Berge uns einen feinen Nebelregen in das

Gesicht sprühten, da ergriff uns wehmüthiger und mächtiger denn seit

lange die Sehnsucht nach einem Hause. Im Herbst möchte man einfliegen wie

im Frühling aus -- wir konnten's nicht; ungewiß lag auch dieser Winter

wieder vor uns. Otto sagte tröstend: »Laß gut sein, besser Liebe ohne

eine Heimath, als eine Heimath ohne Liebe.« Ich drückte ihm die Hand,

aber ich mußte mir doch einige bittere Thränen abtrocknen.

Ein Sonnenaufgang auf der Rigi.

»Und wenn Sie in die Schweiz kommen, so reiten Sie hinauf auf den Rigi.

Den Rigi müssen Sie sehen, es ist eine gar zu große Herrlichkeit« --

so sprach vor drei Jahren in Breslau =Dr.= Anton Theiner, drückte mir zum

letzten Male herzlich die Hände und ließ uns fortfahren nach Venedig.

Wenn wir nach unserer Heimkehr durch Tyrol und nicht durch die Schweiz,

bisweilen davon redeten, ob, wie und wann wir diese letztere besuchen

würden, so fragten wir uns jedes Mal: »Und werden wir auch Theiner's

Willen thun?« Und Eines gestand dann immer dem Andern: »Du, ich habe

eigentlich gar keine Sehnsucht auf den Rigi.«

Wir waren fast seit einem Jahre in der Schweiz, doch Kummer und

Radikalismus, Kranksein und Ueberdruß am Leman nahmen uns dermaßen ein,

daß wir des großen Rigi vielleicht kaum einige Male und da stets nur mit

der größten Gleichgültigkeit gedachten.

In Baden am Stein lernten wir, daß man nicht der Rigi, sondern die

Rigi sagen müsse. Wir nahmen diese Belehrung ebenfalls mit vollkommener

Gleichgültigkeit an, denn wir beabsichtigten durchaus weder auf den, noch

auf die Rigi hinaufzureiten.

Jede Schweizergegend fast hat ihr Nizza oder ihr Italien, nämlich irgend

einen Ort, wo irgend Etwas im Freien wächst. Von Genf sollte es Morner,

Richterschwyl von Zürich, von Luzern endlich Wäggis sein. Wir wollten

nach diesem Nizza. Ein Engländer, der mit einer englisch häßlichen Frau

und einer gleichen Tochter auf dem Dampfschiffe saß, fragte mich, ob auch

wir »=to the Rigi=« gingen. »O nein,« antwortete ich, »auf den Rigi

geht oder reitet Jedermann; ich liebe das nicht; wir bleiben in Wäggis.«

Vier Stunden später sagte ich zu dem Engländer auf dem Kulm: »=Very

happy to see you.=« Wäggis-Nizza war eins von den prosaischen Dörfern,

wie sie an den Schweizerseen liegen, und der Sohn und Kellner des einzigen

Gasthofes ein so unbeschreiblich langweiliges Geschöpf, daß ich vor

Langeweile gestorben wäre, hätte ich mich nur acht Tage lang von ihm

bedienen lassen müssen. So ritten wir denn, um doch Etwas zu thun, auf die

Rigi.

Wenn in künftigen Jahrhunderten von diesem unserm Jetzigen und nebst

seinen Sitten auch von seinen Absonderlichkeiten geschrieben werden wird,

so wird man in irgend einer Novelle folgende Schilderung zu lesen bekommen:

»Es gab in jener Zeit« -- ich sage mit Bedacht: es gab, denn die Rigi

könnte dann ja eingefallen, oder die Schweiz ein unbekanntes Land geworden

sein, also -- »es gab in jener Zeit einen Berg, der hieß Rigi. Dieser

Berg war, was viele andere Berge auch sind, so und so viel tausend Fuß

hoch, übrigens durch keine eigenthümliche Merkwürdigkeit ausgezeichnet,

man müßte denn als eine solche annehmen, daß man von seiner Höhe aus

elf kleinere und größere Seen sah. Ob mit oder ohne Grund, genug, dieser

Berg war »in die Mode gekommen«, wie man damals sprach, d. h. man mußte

ihn gesehen haben. Weil man das nun mußte, kamen aus Europa und Amerika,

zuweilen auch aus andern Welttheilen, aber hauptsächlich doch aus

diesen beiden, und aus Europa hauptsächlich von England, Leute beider

Geschlechter und jeglichen Alters und ritten oder stiegen auf diesen Berg

hinauf. Sie hießen die Rigireisenden. Waren sie auf der Höhe, welche die

Kulm genannt wurde, so hüllten sie sich in Mäntel und Tücher, brachten

Lorgnetten und Operngläser an die Augen, ließen sich von den Führern,

die sie hinaufgeleitet, die Namen der verschiedenen Seen nennen und suchten

die Sonne. Wenn diese sich sehen ließ, so war das »Panorama«, wie man

den Anblick nannte, ein sehr prachtvolles: die Seen blitzten, die Gletscher

wurden roth und die Bergspitzen schwammen in einem blauen Oceane. Es

geschah jedoch äußerst selten und man nannte es der Seltenheit wegen

den »Sonnenuntergang vom Rigi.« Geschah es nicht, lag das Panorama in

Bleigrau da, so zogen die Rigireisenden sich frierend und gelangweilt --

nebenbei, das Gelangweiltsein war eins ihrer kenntlichsten Merkmale --

gelangweilt und frierend also, in das Haus zurück, welches von Holz

auf dem Kulm erbaut worden war. Dort schliefen sie, bis die Stunde des

»Sonnenaufgangs vom Rigi« gekommen sein sollte. Diese Stunde war indessen

noch ungewisser als die des Sonnenunterganges. Unter hundert Rigireisenden

schlug sie nur für zehn, die übrigen neunzig ritten oder stiegen wieder

hinunter, ohne die Sonne gesehen zu haben, gewöhnlich im dichten Nebel,

häufig im starken Regen und manchmal sogar im Schnee. Das nannte man die

»Tour auf die Rigi.«

Die Rigi ist trotz ihrer ganz alltäglichen Gestaltung ein Auszug der

gemäßigten Alpennatur. Die Obstbäume, selbst die weicheren, an ihrem

Fuße, das Laubholz auf ihrer Mitte, weiter die Tannen, endlich die

Steilheit und die Nacktheit, zusammengewachsene Felsenriffe, einzelne

seltsame Steine, den Epheu, die Quellen und die Mattenblumen, die blaue

Tiefe zu den Füßen und das letzte spärliche Gras oben, sie hat Alles --

wer einen Tag und eine Nacht zu verlieren hat, reite hinauf und sehe zu, ob

er die Sonne zu sehen bekommt; aber doch hat »die Tour auf die Rigi« am

meisten meine heftige Begierde gezähmt, den Pilatus, diesen Brocken der

Schweiz, in seiner Unbesuchtheit zu stören.

Im Hotel Weber.

»Und so reisen Sie wirklich heute Abend noch?« fragte ich den Grafen

Wladislav.

»Calclire, muß sein,« versetzte er.

Wir saßen im südlichen Fenster eines Salons im ersten Stock des Hotel

Weber. Es war ein trüber Tag, welcher eben in einen trüben Abend

übergehen wollte. Die Waldhöhen, zwischen denen der Rhein hervorkommt,

fällt und sich weiter windet, waren bunt und feucht, der Rhein sah so

dunkelgrün aus wie das Glas der Römer, aus denen sein Wein getrunken

wird; der Fall erschien noch weißer als gewöhnlich.

Das Hotel Weber ist ein unwillkürlicher Stelldicheinort für alle Welt.

Wir waren dort von mehreren Bekannten getroffen worden, unter andern von

Wladislav, und hatten eine Menge Bekanntschaften gemacht, zuerst die

des zweiten großen Unbekannten Charles Sealsfield. In dem »Süden und

Norden« dieses Verfassers hatte Wladislav eben an diesem Nachmittage

eifrig studirt, und so kam es, daß er mir halb absichtlich und halb

absichtslos auf gut kentuckisch antwortete.

»Kommt mir vor, wär' noch nicht nöthig,« sagte ich lachend in derselben

Weise.

»Sag' Euch, muß nach Hause,« antwortete er höchst ernsthaft.

Wladislav war groß, schlank und dunkelblond. Sehr gehalten in seinem

Betragen, sehr überlegt in seinen Handlungen, und dabei doch der

seltsamsten Extravaganzen fähig, nur daß er sie eben auch so gelassen

unternahm und zu Ende brachte, wie alles Andere. Was ich an ihm sehr gern

hatte -- er war originell wie ein Kind, ohne es zu wissen. Vollkommen ruhig

in der Gewißheit, es gerade so zu machen wie Jedermann, wunderte er sich

ungemein, wenn man sich über ihn wunderte. Wir kannten uns schon mehrere

Jahre -- er mochte ungefähr fünf- bis sechsundzwanzig sein, dabei Herr

über drei- bis viermalhunderttausend Thaler. Jetzt war er unsertwegen

vier Tage hiergeblieben, wir hätten ihn gern noch länger gesehen, aber er

wollte sich nicht länger mehr halten lassen.

»Was versäumen Sie denn aber?« fragte Otto.

»Haben Sie gar kein Heimweh, nicht Sie, und Sie auch nicht?« fragte er

uns Beide.

»Und wenn wir's haben -- wir müssen doch noch hier bleiben.«

»Um ein Buch zu schreiben, das überall just eben so gut geschrieben

werden kann, einen Brief zu erwarten, der nichts Gescheidtes bringen wird,

denn Briefe, auf die man so wartet, bringen nie etwas Gescheidtes.«

»Sie sind sehr tröstlich.«

»Ich will Sie gern hier fort haben. Sie entwickeln ein schreckliches

Talent zum Sitzenbleiben. Ich sehe Sie noch den ganzen Winter über hier

kleben und dann im Frühjahr mit Mr. Sealsfield nach Louisiana fahren,

um sich dort, wie er Ihnen versprochen hat, in eine Blumenvase setzen zu

lassen.«

»Er hat ihr auch verheißen, sie könne vielleicht eine kleine Revolution

zu Stande bringen,« bemerkte Otto.

»Wollen Sie das etwa?« fragte Wladislav feierlich.

»Nein,« antwortete ich lachend, »eine Revolution in Amerika machen,

lockt mich nicht. Mein kleiner gigantischer Wunsch -- Sie wissen, Jedermann

hat einen solchen, nur größer oder winziger, -- meiner also wäre ein

hübsches, niedliches, comfortables Privat-Königreich im Orient.«

»Wo Sie das biblisch-patriarchalische Verhältniß zwischen Herren

und Sklaven einführen würden, welches Mr. Sealsfield so wunderschön

findet?«

»Sklaven würde ich natürlich kaufen. Wie sollte man es denn anders

machen?«

»Vollkommen einverstanden, Majestät. Und wie würden Sie denn

heißen? Sie haben Mr. Sealsfield Herrn über Neger, Alligatoren und

Klapperschlangen genannt -- welchen Titel wollen Sie annehmen?«

Ich ließ den Scherz fallen und sah trübselig hinaus. Wenig elastisch in

meiner Stimmung, wurde es mir jetzt leicht zu mühsam, den Federball des

Humors zu werfen.

»Glauben Sie mir, kommen Sie zurück,« fing Wladislav nach einer Pause

wieder an, aber jetzt ernsthaft. »Da nun einmal für den Augenblick Mr.

Sealsfield im Zenith Ihrer Schätzung steht --«

»Bekennen Sie es,« unterbrach ich ihn, »Sie sind etwas vaterländisch

eifersüchtig auf den ›überseeischen Autor‹.«

»Aergerlich eher, weil er Deutschland so ganz und gar herunterreißt.«

»Glauben Sie mir, wenn er das thut, verabscheue ich ihn so von Herzen,

daß ich mich am liebsten mit ihm auf Tod und Leben schießen möchte.

Aber er thut's nur in Stunden. Gewöhnlich ist er gar nicht so

hyperamerikanisch, dagegen ganz human und deßwegen mit seiner in die

literarische Civilisation verkleideten Urwäldlernatur sehr lieb und

wacker.«

»Das ist eine curiose Lobrede,« sprach Wladislav kopfschüttelnd,

»die haben Sie sich vermuthlich ganz eigens für Sealsfield

›auscalculirt‹.« »Aber,« fuhr er, wieder zu seinem vorherigen

Gedanken zurückkehrend, mürrisch fort, »warum, wenn er Deutschland so

geringachtet, hat er sich die Mühe gegeben, Deutsch zu lernen? Warum

fuhr er nicht in aller Bequemlichkeit fort, Englisch zu schreiben? Bei uns

konnt' er ja sicher sein, übersetzt zu werden?«

»Warum haben Sie ihn das nicht gefragt, ehe er gestern abreiste?«

»Ich wollt' es thun, da sah ich einen Regenbogen auf dem Fall, das

zerstreute mich.«

»O diese Regenbogen sind hier sehr häufig,« warf ich nachlässig hin.

»Freilich, wenn man vier Wochen am Rheinfall sitzt, ist's das Wenigste

was man gewinnt, so von den Regenbogen auf ihm reden zu können. Es

ärgert mich -- ich möchte Sie entführen und mit Gewalt nach Deutschland

zurückbringen. Daß Sie nicht schon an der bloßen Sehnsucht nach Musik

verschmachten, bei der Unmöglichkeit, ein gutes Piano zu finden, und bei

der zweiten Unmöglichkeit, selbst das schlechte Piano ohne horrende Kosten

gestimmt zu kriegen!«

»Herr Weber wird nächstes Frühjahr ein gutes Piano kaufen.«

»Auf welchem Sie jetzt schon im Vorgefühl spielen können -- sehr

genügend! Und dann diese Einsamkeit -- das ganze Hotel ist ja schon leer

geworden.«

»Schade genug,« sagte ich, »es sollte im Winter benutzt werden so gut

wie im Sommer. Diese hohen, großen Zimmer, diese freie Lage in der

Gegend, welche es einem mehr und mehr anthut, je länger man sie sieht, die

freundliche Familie, welcher es wirklich so Ernst ist --«

Wladislav wollte mich unterbrechen -- ich ließ es nicht zu, sondern

fuhr fort: »und diese Stille -- wirklich, kein Ort ist mehr zu einem

Schriftsteller-Einsiedeln geeignet als dieses Hotel.«

»Oder zu einer Schriftsteller-Colonie,« bestätigte Otto.

»Sogar zu einer Schriftsteller-Colonie!«

Wladislav hielt sich die Ohren zu. »Still, wenn Sie Beide erst mit Ihren

Extragedanken anfangen, so sind wir den nächsten Augenblick mitten in der

willkürlichen Absurdität, und vor der fürchte ich mich, denn man kann

sie bei einiger Uebereilung für die Vernunft nehmen. Ich sage Ihnen, alle

Schriftsteller-Verbindungen sind unheilsvoll -- aus einer jeden wird eine

Schule, in jeder Schule herrscht Zwang, und jeder Zwang drückt den Geist,

der nur ein Element hat -- die Schönheit in der Freiheit. Aber eben

so wenig taugt für den Schriftsteller einsiedlerisches Vornehmthun. Im

Gedräng soll er sich Bahn brechen, sich an die Ellenbogen stoßen, auf die

Füße treten lassen --«

»Da wäre ich Ihnen bei der Tombola auf dem Markusplatze wahrhaft

idealisch erschienen, denn gedrängter kann es kein Gedränge geben -- man

wurde nicht nur gestoßen und getreten, sondern auch gelegentlich etwas

entzweigedrückt.«

»Werden Sie denn ernsthafte Dinge nie ernsthaft behandeln lernen, oder

zu behandeln die Gnade haben?« fragte Wladislav mit dem Uebersehen

des Mannes, des durch die Gymnasialklassen geläuterten und in den

verschiedenen Collegien verschiedener Universitäten vollendeten Mannes.

»Was ich meine und was Ihnen auch Sealsfield sagte -- wenn Sie auf Ihr

Vaterland wirken wollen, so müssen Sie in und mit Ihrem Volke leben.«

»Ja,« sagte ich geängstigt, »wenn nur die unglückliche Zweiheit in

meiner Natur nicht wäre! Intellectuell bedarf ich Deutschlands, physisch

der Sonne, folglich des fernsten Südens oder des Orients, denn das werden

Sie mir doch eingestehen -- die Sonne scheint in Deutschland nicht recht.«

»Scheint sie hier in Schaffhausen mehr?«

»Wenigstens eben so viel wie anderswo in der Schweiz.«

»Ja,« sprach Otto, der es bei Wladislav immer darauf anlegte, mit ganz

ungehörigen Dingen dazwischen zu kommen, »ich finde, man thäte viel

gescheidter, sich hier in Pension zu geben, als im Waadtlande, wenigstens

die letzten Herbst- und die ersten Frühlingsmonate. Veranlassen Sie doch

recht viel Landsleute dazu -- wir wollen's auch thun.«

»Man soll sich gar nicht in Pension geben,« schrie Wladislav ungeduldig,

»das ist eine moderne Albernheit. Man soll entweder vernünftig zu Hause

bleiben oder ordentlich reisen, aber nicht wie Sie sich immer zehn oder

zwanzig Meilen weiter von einem Schreibtisch an den andern schieben.«

»Sie haben klug reden,« rief ich, auch ungeduldig. »Wenn man nun kein

eigen Haus hat und von zehntausend Hindernissen im ordentlichen Reisen

gehemmt wird?«

»Die Zahl ist wieder gigantisch. Sie würden mit Cockley einen ganz

harmonischen Dialog führen.«

»Und wo sind Sie denn den ganzen Sommer über gewesen?« fuhr ich fort.

»Auch in der Schweiz. Also --«

Er bat schön, ich solle nicht böse sein -- ich habe Recht. Dann fragte er

mich, wie viel ich an meinem Buche noch zu schreiben habe. Ich antwortete

ihm, ich müsse, um die gehörige Form heraus zu bekommen, noch eine meiner

Schweizer-Erinnerungen ausarbeiten. Ob ich da nicht eine Novelle von ihm

als Schluß annehmen wolle? Sie sei noch nicht ganz fertig -- er habe sie,

angeregt durch das Geschwätz mit uns, am vorigen Morgen angefangen und

in der Nacht so weit gebracht wie sie jetzt sei. Sie spiele im Waadtlande,

unter den Heimathlosen, von denen ich doch gehört? »Wer hätte im

Waadtlande nicht von den »Hehmathlosen« gehört, wie sie's dort

aussprechen,« sagte ich. »Nun gut,« sprach Wladislav, »wollen Sie

da meine Erzählung hören? Nämlich, ich erzähle, und Alles ist mir

buchstäblich begegnet.« Ich sah ihn lächelnd an. -- »Ich betheure es,«

sprach er. So hieß ich ihn sein Manuscript holen und wollte sehen, ob es

gut genug sein werde, um mir eine Mühe zu ersparen.

Wir hatten etwa noch eine Stunde bis zu Wladislav's Abfahrt. Die Lichter

des Dorfes Neuhausen brannten röthlich links in der Senkung diesseits

des Rheins, die im Schlößchen Laufen blinkten rechts auf der jenseitigen

Erhöhung. Der weiße Fall spielte und rauschte geisterhaft durch die

dunkle Nacht. Sonst war die ganze Gegend einsam, das ganze Haus still, und

Wladislav las:

Die Heimathlosen.

Ich kam im September vorigen Jahres in Vevey an. Sollt' ich den Winter

über am Genfer See bleiben? -- ich wußte es noch nicht. Ich kannte ihn

schon, ohne je an ihm gewohnt zu haben. Die Luft war nicht blos warm,

sondern heiß -- das that mir wohl -- in Dresden war's so kalt gewesen. Ich

will hier bleiben, dacht' ich, als ich in den »drei Kronen« am Fenster

meines Zimmers stand. Warum nach Italien? Ist's dein Italien? dein

Bilderland? In Neapel, in Sicilien der König gegen Etwas, das Constitution

heißt und es nicht ist. In Rom der Radicalismus gegen den armen Pius,

welcher hätte der auferweckte Sixtus V. sein müssen, um wollen zu

dürfen, was er gewollt. In Mailand unmöglich etwas anderes als Krieg, in

Venedig endlich -- ja, was war denn in Venedig? Ich konnte nicht wissen, ob

Heldenmuth, ob kindische Einbildung. So blieb ich am Genfer See.

Ich empfehle die »drei Kronen«! Sie sind nicht zu theuer für den,

der Geld hat, und sehr unterhaltend für den, welcher keine Gesellschaft

braucht. Ich brauchte keine, war mir selbst genug, aß auf meinem Zimmer.

Nicht daß ich trübsinnig gewesen wäre, melancholisch über die Zeit,

wie es eben Mode war. Es hat noch ärgere Zeiten gegeben, wird noch ärgere

geben. Die Welt geht eben noch nicht unter, wenn es mit ihr auch einmal

drüber und drunter geht. Es ist dergleichen blos ein Ausrecken der

gewaltigen Menschheitsglieder, die da Völker heißen. Etwas Geräusch,

etwas Störung, dann ist's wieder gut und der wundervoll riesige Organismus

vollführt weiter, was zu vollbringen ihn Gott lehrt. Wenn wir an der

Menschheit zweifeln wollen, wie wollen wir denn da an uns glauben?

O mein Vaterland, Deutschland, Heimatherde, an deiner Grenze sitz' ich,

da ich dieses schreibe! Der Rheinfall rauscht unten -- ich bin seines

Rauschens schon gewohnt, hör' es nur, wenn ich eben daran denke. Es ist

hier fast wie in Deutschland -- nein, es ist ganz wie am Rhein, wo er unser

ist -- Rebenhügel, Wald, Felsen -- Alles lieblich, einfach poetisch.

Und herüber weht's wie vom Siebengebirg. Und ich bin im Geist auf jenen

Hügeln, labe mich an jenen Trauben, sehe, Mondscheinerscheinung, =the

castled cliff of Drachenfels=, sumse vor mich hin von Heine:

Die Luft ist kühl und es dunkelt,

Und unten flimmert der Rhein --

Der Gipfel des Berges funkelt

Im klaren Mondenschein.

O, der Rhein ist ein Heim Heinescher Lieder, wie Heidelberg eines für

Uhlandsche, und ich lieb' den grünen Rhein und den hellen Neckar und die

blaue Elbe, und du, ganz Deutschland, bist mein Schatz, mein Heiligthum

und meine Hoffnung, und böte man mir die ganze übrige Welt dafür, ich

vertauschte mein Deutschland nicht.

Einer Brustwunde wegen sollte ich in's Warme. Bei einer Barrikade am

Pfingstfeste in Prag hatte ich sie bekommen. Ich war gerade auf dem

Hradschin, als es unten in der Stadt anfing. Um nach meinem Hotel zu

kommen, mußte ich über mehrere im Bau begriffene Barrikaden. Bei

der einen wurde ich angehalten und sollte helfen. Ich weigerte mich;

natürlich, wo werde ich? Ein Stoß in die Brust streckte mich nieder

-- ein wüthender Student war's, der ihn gab. Mit Hülfe einiger minder

patriotischen Musenjünger rettete mich ein junger Kurländer, der mit mir

war, und -- klüger als ich, sich nicht geweigert hatte. Todtkrank lag ich

den ganzen Pfingsttag über, während Kleingewehrfeuer, Kanonendonner und

Sturmläuten abwechselten -- gerade keine angenehme Musik, wenn man in die

Brust gestochen ist. Am nächsten Tage mußten alle Fremde aus der Stadt --

wie sie mich fortgebracht, weiß ich nicht recht. Aber ich kam auf die Elbe

und auf der Elbe nach Dresden, welches seine Barrikaden noch erwartete.

Dort genas ich langsam, doch die Brust blieb angegriffen. Und deßwegen

saß ich jetzt am Genfer See.

Er ist schön, besonders wenn man ihn nicht zu lange sieht. Manche Gegenden

kann man nicht genug sehen -- der Genfer See ist keine davon. Doch gefiel

mir's recht gut, nur ein Bischen langweilig war's. Gerne wäre ich

manchen Tag noch wo anders hin gereist, aber ich wußte nur nicht wohin.

Ausdrücklich war mir die Politik untersagt, damit ich mich nicht aufregen

möchte, und wo konnte ich hoffen ohne Politik zu leben, wenn nicht in der

Schweiz, die gerade ruhig war? So schickte ich mich denn in Geduld, las was

ich eben fand, und ging spazieren, wenn es nicht allzu heiß war.

Bald wurde es mir öfter etwas zu scharf, dann saß ich am Fenster, sah den

See blau sein, grau, grün, schwarz und dann wieder blau werden, und hatte

Gedanken, bisweilen dumme, manchmal aber auch recht vernünftige.

Auf meinen Spaziergängen unterhielt ich mich öfter mit den Bewohnern der

vielen kleinen Dörfer, die von Vevey nach Villeneuve zu liegen. Die Leute

waren prosaisch, aber auch recht vernünftig, und interessirten mich, wie

etwas Gleichgültiges interessiren kann.

Eines Tages erzählte mir ein junger Mensch von einem Diebstahle, der

in Clarens begangen worden. Eine Uhr oder dergleichen. Die Heimathlosen

sollten es gewesen sein.

»Die Heimathlosen?« fragte ich, überrascht durch das deutsche Wort in

dem französischen Munde.

»Ja, Monsieur, so nennen wir die Leute, welche keine Papiere haben und

deßwegen überall vertrieben werden.«

»Und wo sind sie denn da?«

»Dort oben, in den Wäldern gegen Freiburg zu.«

»So duldet man sie hier im Canton?«

»Ja, Monsieur, man kann sie doch nicht fortjagen.«

»Wenn man es überall thut --« sagte ich ironisch.

»Irgendwo müssen sie doch bleiben können,« meinte der junge Mensch.

Ich lobte die Menschenfreundlichkeit des Cantons und fragte dann: »Aber

wovon leben sie?«

»Sie machen Körbe und andere Dinge -- betteln, stehlen.«

»Kommen sie in die Kirche?«

»Nie.«

»Aus welchem Stamme sind sie?«

»Man weiß es nicht.«

»Woher sind sie gekommen?«

»Man weiß es auch nicht. Wir nennen sie die Heimathlosen.«

Die Heimathlosen -- die Zigeuner sind heimathlos. Waren die Heimathlosen in

den waadtländischen Gebirgen Zigeuner?

Ich fragte rechts und links. Kein Aufschluß. Die Waadtländer sind so

gelassen über Alles, was nicht entweder sie selbst, oder Kaiser und

Könige betrifft. Immer bekam ich dieselbe Antwort: »Man weiß nicht,

wer sie sind, man weiß auch nicht, woher sie kommen -- wir nennen sie die

Heimathlosen.«

»Kommen sie denn nie herunter?« fragte ich eines Tages ungeduldig, »da

sie doch ihre Körbe verkaufen --«

»Diesen Morgen ganz früh war eine Frau von ihnen hier,« antwortete mir

der dümmste der sehr dummen Kellner.

Ich war sehr verdrießlich. Es war nun schon tiefer Spätherbst -- die

»drei Kronen« langweilten mich bereits etwas -- eine Heimathlose wäre

mir eine Zerstreuung gewesen. Der Kellner erhielt den ausdrücklichen

Befehl, jedes sich zeigende Individuum dieser geheimnißvollen Kaste zu mir

zu führen, und wäre es auch um fünf Uhr Morgens. Der Kellner sah noch

dümmer aus als gewöhnlich -- er wunderte sich.

Aus der Schweiz · 第 9 / 12 段