führt über zwei Höhenrücken, die Badener und die Mellinger Sommerhalde.
Das Reußthal ist bei Mellingen ebenso lieblich wie bei Baden das
Limmaththal. Das Städtchen ist eine jener alten Ortschaften mit Mauern
und Thorthürmen, durch zwei Straßen kreuzweis, wenn auch nicht ganz
regelmäßig getheilt. Eine alterthümliche bedeckte Brücke führt über
die Reuß hinein; ich liebe solche alte Brücken, unter deren Bedachung
man geschützt stehen und den Strom fließen sehen kann. Das Wappen von
Mellingen, eine weiße Kugel im rothen Felde, ist einfach und doppelt an
den beiden Thorthürmen angebracht. An dem linken Arm des Straßenkreuzes
liegt der größte Platz des Ortes, mit dem Gasthof zur Krone, mit der
Kirche und einer Grabkapelle, mit dem frühern alten Schlosse,
dessen Garten bis an die Reuß geht. Die Grabkapelle hat einen hohen,
buntgedeckten Thurm, zwischen ihr und der Kirche steht der braune
Glockenthurm mit einem abgestumpften Dache, das Kirchthürmchen ist klein
und spitz, grau der spalierumgrünte Wendeltreppenthurm des Schlosses. Vier
Thürme also, die schwere Kirchthür mit Schnitzwerk, ein hohes,
hölzernes Kruzifix, viele kleine eiserne, wunderliche, verrostete, bemalte
Grabkreuze, ein paar Bäume, hinhängend, wie leidend, ein paar Beete mit
kranken Blumen, das Alles bildet eine Stätte des Begrabens, wo der Tod
nicht als der Bruder des Schlafes, sondern als der furchtbare Erbfeind
des Lebens erscheint. Marguerite sah sie täglich und stündlich, denn das
ihnen angewiesene Häuschen lag dicht neben der Vikarei, und die ist der
Krone gegenüber. Aber in Margueritens Herzen sprudelte wieder die Quelle
der Harmlosigkeit, sie glaubte gewiß, daß sie genesen werde, sie freute
sich in dem kleinen Garten, aus welchem sie die Alpen sehen konnte, zu
säen, zu pflanzen. Sinnich hatte sie wirklich so weit gebracht, daß sie
den Sommer weit mehr genoß, als den vorigen. Die Luft war hier so mild,
man zeigte ihr so viel Wohlwollen. Marguerite gewann sich Herzen, wo sie
nur wenige Wochen lebte; das Mitleid half denn auch; die jungen Eheleute
wurden unterstützt, soviel nur die Kräfte der Gemeinde es zuließen. Aber
mit dem Winter machte doch der Mangel sich wieder fühlbar, um so mehr, da
Marguerite auf das Neue zurücksank. Sinnich und seine Frau konnten
diese Entblößung, der sie ihren beschränkten Mitteln nach nur höchst
unvollkommen abzuhelfen vermochten, nicht länger so gelassen mit ansehen.
»Lassen Sie ihre Frau nach Freiburg schreiben,« sagten sie zu Beat, »die
Eltern müssen weich werden, wenn sie erfahren, in welchem Zustande ihre
Tochter ist.« Marguerite brachte mühsam einen Brief zu Stande -- ein
Brief, besonders ein solcher, ist für einen Kranken ein so mühsames Werk.
Das Blatt, auf welchem ihre Hand gezittert, auf welches ihre Thränen und
von ihrer Stirn der kalte Schweiß gefallen, das Blatt blieb unbeantwortet;
ein zweites, noch mühevoller, müder, bittender geschrieben, hatte
dasselbe Loos. Jetzt schrieben Sinnich und der Pfarrer, siegelten mit
Sinnich's Wappen und gaben den Brief in Zürich auf die Post. Wenn Frau von
Gontran ihre Tochter noch einmal sehen wolle, möge sie eilen; Margueritens
Tod sei nahe.
Auf diesen Brief kam die Mutter; er war in ihre Hände gelangt, aber nicht
der, welchen Marguerite ihr von Solothurn aus geschrieben, keiner von der
Aebtissin, welche vor ihrem bald auf Margueritens Heirath erfolgten Tod
noch einmal versucht, Frau von Gontran zu erschüttern. Der junge Gontran
und der Abbé Lallemand hatten alle diese Blätter, ebenso wie auch die
beiden letzten Briefe Margueritens, unterschlagen, die Mutter wußte Nichts
von der Gefahr, Nichts von dem Elend der Tochter, sogar Nichts von ihrer
Heirath. Sie hatte bisher geglaubt, Marguerite lebe mit Beat als dessen
Geliebte. »Wie konntest Du denn das von mir denken?« fragte Marguerite
mit naivem Vorwurf. Die Mutter weinte und schuldigte sich an, doch war
selbst in diesen ergreifenden Augenblicken eine gewisse Gemüthskälte
bei ihr nicht zu verkennen. »Ach, wenn Du doch in's Kloster gegangen
wärest,« seufzte sie; »wie viel glücklicher wärest Du gewesen.« --
»Sprich nicht so, meine Mutter,« antwortete Marguerite, mit dem Lächeln
des befriedigten Herzens, »ich habe meinen lieben Beat.« Und sich zu
ihm wendend und ihm die Hand darreichend, setzte sie in ihrem gebrochenen
Deutsch hinzu: »Mys lieb Beat, ich nicht mit einem König tauschen,« ihr
liebstes und häufigstes Wort. Die Mutter sah darum Beat nicht günstiger
an; sie betrachtete ihn als den einzigen Anlaß aller der Uebel,
die Marguerite zu leiden habe. Im Ganzen war der Besuch ein wenig
erquicklicher; die Mutter hatte allerdings einiges Geld mitgebracht, aber
das war nur wie ein Tropfen für die vielen und dringenden Bedürfnisse.
Auch fühlte Frau von Gontran sich gedemüthigt vor den Fremden, die ihr
Kind, welches sie verlassen, aufgenommen und genährt hatten. Sie konnte
nicht ohne Scham die Worte der Doctorin hören: »Bedenken Sie, Madame,
daß in dem armen Städtchen Mellingen auch der Aermste sich noch reich
genug findet, um Ihrer Tochter Kartoffeln schicken zu können.« Sie
versprach, alles Nöthige zu senden, um dem Mangel, der die Kranke umgab,
wenigstens einigermaßen abzuhelfen. Sogar das Piano Margueritens, welche
auf diesem Instrument Virtuosin war, sollte mit andern Möbeln kommen.
Bitter lächelnd sagte die Doctorin: »Madame, dazu ist es zu spät, Ihre
Tochter wird kein Piano mehr spielen, es hat ihr zu lange an Brod und
Kleidern gefehlt.« Das war keine Uebertreibung; Marguerite hatte sich in
Einsiedeln nicht immer satt essen können und besaß keine andern Kleider,
als die, welche sie mit in die Ehe gebracht. Sie waren abgenutzt, zerrissen
theilweise, Marguerite, die immer viel Geschmack für zierlichen Anzug
gehabt, bat die Mutter, ihr ein neues Kleid zu schenken. »Ach, nur eines,
Maman; ich komme mir in diesen alten Dingern selbst so alt vor. Gewiß,
ich würde besser aussehen, wenn ich ein hübsches Kleid anhätte.« Die
Kokette -- sie wollte noch jetzt ihrem Beat gefallen!
Er pflegte sie wenigstens treulich, gab dabei seine Stunden, und machte
außerdem die Examina, welche zu einer bessern Anstellung nöthig waren.
Aber noch fand die sich nicht.
Dagegen kam die versprochene mütterliche Hülfe von Freiburg. Worin
bestand sie? In einem kleinen Stuhl, den Marguerite als Kind gehabt, in
dem dazu gehörigen Tische und in einer Bettdecke von Damast. Sonst Nichts,
keine Wäsche, keine Geräthschaften, kein Geld, nicht einmal das erbetene
Kleid. Marguerite klagte nicht, sie sagte nur in ihrer treuherzigen Art:
»Sie werden die Mutter wieder herumgekriegt haben, aber das Kleid hätte
sie mir doch schicken können.« Beat war muthlos, der Doctor entrüstet,
seine Frau empört, besonders über den Hohn, welchen sie in der Sendung
der reichen Damastdecke wahrzunehmen meinte. »Man hat es der Armen recht
anschaulich machen wollen: sieh, was Du hättest haben können, wenn Du
nicht einen solchen Mann genommen,« sagte sie mit einem starken, redlichen
Unwillen. Vielleicht hatte sie Recht.
Einige Zeit später kam der junge Gontran. Ob um seiner selbst, oder um
der Menschen willen? So gut Marguerite war, den Bruder, der ihr so viel
Herzeleid angethan, ohne daß sie ihn je anders beleidigt, als durch ihr
Dasein, den Bruder konnte sie nicht mit Vergnügen, ja, kaum mit Mäßigung
begrüßen. Die Unterredung war demnach kurz und gezwungen, Beat sah
den Schwager gar nicht, und dieser äußerte auch keinen Wunsch, die
Bekanntschaft zu machen. Beistand brachte er der Schwester nicht, selbst
keinen Gruß von den Eltern; er sagte nur, sie wären gesund. Nach einer
Viertelstunde stand er auf, wünschte der Schwester eisig eine bessere
Gesundheit und reichte ihr die Fingerspitzen. Sie wandte ihr Gesicht von
ihm ab zur Wand, ohne Etwas zu erwiedern; er ging, sichtlich erleichtert,
den unangenehmen Besuch überstanden zu haben. Sein Wagen war noch nicht
bereit; er hieß den Kutscher ihm nachkommen und ging zu Fuß bis zu
Sinnich's Haus. Dort ließ er sich melden. Sinnich lag gerade krank, nahm
aber den Bruder Margueritens doch an; »denn vielleicht,« sprach er
zu seiner Frau, »daß er doch in guter Absicht kommt.« Die Doctorin
schüttelte den Kopf; sie erwartete Nichts mehr von der Familie Gontran.
Der junge Mann trat ein, abstoßend von Physiognomie, so unähnlich wie
möglich seiner jetzt noch schönen Schwester. Im Betragen war er äußerst
höflich und dankte mit ausgesuchten Wendungen dem Doctor sowohl wie
dessen Gattin für die Güte, welche sie seiner beklagenswerthen Schwester
erwiesen. »Ich wünschte sehr, mein Herr von Gontran, die Familie
der Madame Bodenwieler hätte uns weniger Gelegenheit zu dieser Güte
gegeben,« antwortete der Doctor, geradezu wie er war, und hier doppelt
unumwunden im Gefühl, das Recht sei auf seiner Seite. Der junge Gontran
zuckte die Achseln, machte Mienen, bedauerte unendlich die Verhältnisse,
unglückliche Mißverständnisse. Es war nicht schwer, hierauf zu
antworten, und die Doctorin that es mit aller Rücksichtslosigkeit,
zu welcher in gewissen Stunden die Guten den Schlechten gegenüber die
Erlaubniß von Gott selbst haben. Der junge Gontran hörte sie mit übel
verhehlter Verlegenheit an. Endlich sagte er: »Damit Sie sehen, daß
es mir nicht an brüderlicher Liebe fehlt, so will ich von nun an meiner
Schwester drei Kreuzer täglich aussetzen und Sie bitten, ihr dafür
Geflügel zu kaufen.« Der Doctor maß den zärtlichen Bruder mit einem
Blick, der zwischen Erstaunen und Verachtung schwebte. »Ist das Ihr
Ernst, oder wollen Sie mich zum Narren haben?« -- »Es ist mein völliger
Ernst.« -- »Und wissen Sie, daß man für dieses Geld kaum am Sonntage
ein kleines, elendes Hühnchen kaufen könnte?« -- Gontran zuckte wieder
die Achseln und sagte: »Das thut mir sehr leid, aber mehr bin ich nicht
im Stande.« -- »Herr,« schrie jetzt der Doctor mit der gewaltigen Stimme
seiner gesunden Tage, »machen Sie, daß Sie fortkommen, oder, krank wie
ich bin, stehe ich auf und schmeiße Sie hinaus!« Gontran wartete diese
Anstrengung von Seiten des Doctors nicht erst ab; er entfernte sich eilig,
stieg in seinen Wagen, der gerade ankam, und wünschte sich gewiß Glück,
so gut davongekommen zu sein.
Dies war das letzte Mal, wo Marguerite von ihrer Familie hörte. Sie war
jetzt aufgegeben; ein Theil der Luftröhre war bereits herausgefault, sie
hatte ganz die Stimme verloren und konnte nur noch essen, wenn sie sich
auf den Rücken an den Boden legte. Dennoch kam sie an guten Tagen noch
manchmal zu Doctors, wo sie sich recht eigentlich daheim zu glauben schien.
Sie liebte sehr kleine Leckereien, und Doctors pflegten, wenn sie Gäste
hatten, ihr immer etwas vom Nachtisch aufzuheben. Kam sie nun, und die
Doctorin reichte ihr die für sie bestimmten Früchte oder Bonbons, so warf
sie, kindisch begierig wie sie war, sich sogleich an den Boden und fing an,
auf ihre Art zu essen. Die Fremden wunderten sich dann nicht wenig; hörten
sie aber erst die Geschichte des armen, sonderbaren Geschöpfes, so machte
das Lächeln der tiefsten Theilnahme und den wärmsten Tröstungen Platz.
Konnte Marguerite denn getröstet werden außer von Oben? Sie liebte, sie
lebte trotz aller Leiden mit Lust, und sie mußte sterben. Es ist dieses
das Loos von Tausenden unter uns, aber wir wollen auch nicht fragen, wie
schwer wir es finden. Marguerite blieb wenigstens heiter in der Geduld;
sie beklagte sich nicht und klagte nicht an; sie hatte ihr kärgliches und
bitteres Leben genommen, wie Gott es gegeben hatte, ohne zu grübeln, ohne
zu zweifeln, mit Dank für die wenigen Blumen im stechenden Kranze. »Mys
lieb Beat, nicht mit einem König tauschen,« war und blieb ihre Rede,
selbst in den letzten, schrecklichsten Tagen.
Beat weinte an ihrem Bette, wie jeder nur einigermaßen fühlende Mensch
bei dem Anblick solcher Leiden und besonders eines schweren Sterbens
weint. Aber er weinte nicht um sie, nicht um sein Weib, nicht wegen der
bevorstehenden Trennung. Marguerite war für ihn längst Nichts weiter mehr
als eine Last. Er hatte sie mit Gutmüthigkeit getragen, aber je näher der
Augenblick kam, wo er sie in ein Grab niederlegen dürfen sollte, je mehr
athmete er auf. Jenseits dieses Grabes lag für ihn eigentlich erst das
Leben. Marguerite hatte einen andern Willen. »Höre, mys Beat,« sagte
sie mehrmals mit einer eigenen Eindringlichkeit, »Du mir ja nicht wieder
heirathen. Ich Dich will gehabt haben allein hier unten und dort oben. Wenn
Du nehmen willst andere Frau, ich kommen und machen so.« Und sie machte
mit ihren abgezehrten Händen an seinem Halse die Geberde des Erwürgens.
Beat versprach ihr Alles. Sie sah ihn dann durchdringend an, halb
forschend, halb drohend. Noch in ihrer letzten Minute hatte sie diesen
Blick. Beat drückte ihr die Augen zu; nun konnte sie ihn nicht mehr
ermahnen. Marguerite war gestorben, ohne geliebt worden, ohne glücklich
gewesen zu sein, ohne glücklich gemacht zu haben. Von dem ganzen Reichthum
des Lebens hatte sie nur drei Empfindungen gekannt: Hoffen, Lieben und
Leiden.
Beat wartete kaum die nöthigste Frist ab, welche der Anstand vorschreibt,
um sich nach einer neuen Frau umzusehen. Ja, Marguerite war für ihn nur
noch seine erste Frau, und was noch mehr, die verdrießlichste Täuschung.
Jetzt wollte er nicht wieder getäuscht werden -- er spähete vor Allem
nach einem hübschen Vermögen. Die Erbinnen eines solchen zeigten sich
indessen sämmtlich ungeneigt, Beat auf die Art zu beglücken, welche er
für die einzig wahre hielt.
Inzwischen war er mit einem bedeutend bessern Gehalt als Zeichenlehrer
nach Baden berufen worden, kurze Zeit nachdem Doctor Sinnich dort Badearzt
geworden war. Und kaum sah er diesen so eifrig verfolgten Wunsch erfüllt,
so schien auch der zweite in Erfüllung gehen zu sollen. Er lernte die
Schwester eines Regierungsrathes aus St. Gallen kennen, ein nicht mehr
ganz junges, aber dabei hübsches, und was noch besser war, sehr reiches
Mädchen. Wie Beat es angefangen, weiß man nicht, vermuthlich wie alle
Bewerber, denen es glückt -- genug, er gefiel dem Mädchen. Ihrer Familie
nicht; indessen da das Mädchen mündig war, hatte das wenig auf sich. Als
sie nach St. Gallen zurückkehrte, wurde ein Briefwechsel verabredet, und
sie schied von ihm mit der festen Zusicherung, entweder ihre Familie zur
Einwilligung zu bewegen, oder weiter Nichts nach dieser Einwilligung zu
fragen.
Als Beat seine neuen Aussichten Doctors mittheilte, sagte Madame Sinnich
halb scherzend, halb ernsthaft: »Bodenwieler, denken Sie an »Mys Beat,
ich komme,« und sie machte die Geberde, welche die Sterbende gemacht.
Beat lachte; für ihn war Marguerite so gut wie vergessen. Selbst mit ihrem
Denkmal blieb es beim Entwurf, obwohl ihm jetzt die Mittel zur Ausführung
nicht mangelten.
Es war, als regne es auf einmal Manna für ihn. Was er sich auch immer
gewünscht, einmal eine größere Arbeit in Marmor ausführen zu können,
das sollte ihm jetzt ebenfalls werden. Ein reicher Mann bestellte bei ihm
die Statue von Julia Alpinula, dieser jungen Priesterin, welche aus Gram
darüber starb, daß sie von den Römern das Leben ihres Vaters nicht hatte
erbitten können. Beat hatte sich bereits eine Probe von dem Marmor kommen
lassen, aus welchem er sein erstes großes Werk zu schaffen gedachte. Der
reine, weiße Stein war angelangt, stand vor ihm; von ungewöhnlichem Feuer
belebt, entwarf er eine vortreffliche Zeichnung zu seiner Statue. Ermuthigt
durch den Erfolg, und sich im Triumphzuge dem Glücke nähernd, schrieb er
seiner Geliebten und forderte zärtlich und dringend, sie möge jetzt alle
Bedenklichkeiten überwinden und ihm endlich das bestimmte Wort geben. Als
er den Brief auf die Post getragen, ging er zu Sinnich's, denen gegenüber
er wohnte, erzählte ihnen, was er geschrieben, und zeigte die Skizze.
»Ich bin der glücklichste Mensch,« rief er, »denn von St. Gallen kann
mir die günstigste Antwort nicht fehlen.« Der Doctor freute sich an der
Skizze, seine Frau aber sagte dieses Mal strafend: »Bodenwieler, und das
Denkmal Ihrer Frau ist auch noch nicht weiter als auf so einem Blatte.
Bedenken Sie, was Sie thun; sühnen Sie, ehe Sie sich verheirathen, ihre
Frau durch einen wirklichen Beweis Ihres Andenkens.« -- »Ich will's thun,
sobald ich verheirathet bin,« erwiederte Beat, »wahrlich, es ist meine
ernstliche Absicht.« Sie sah nachdenkend und unzufrieden vor sich hin;
Beat ging. »Was fällt Dir denn ein,« fragte der Doctor, »daß Du
den Bodenwieler bange machen willst? Du, die sonst so sehr gegen alle
Phantasterie eifert?« Sie antwortete: »Rede, was Du willst -- mir ahnt
nichts Gutes.«
Es war Sonntag; Beat hatte trotzdem eine Stunde in seiner Schule zu geben.
Er kehrte in seine Wohnung zurück, um sich Bleistifte und dergleichen
zu nehmen. Während er damit beschäftigt ist, fällt von seinem entfernt
stehenden Secretair die Brustbüste Margueritens herab, und wenige
Augenblicke nachher von der Wand gegenüber sein eigenes Portrait in
Alabaster. Beide Gegenstände waren nicht angerührt worden, von Außen war
keine Erschütterung gekommen. Beat, etwas blaß und betroffen, läuft
im Vorbeigehen noch einmal zu Sinnich's hinauf, findet aber nur die Frau,
erzählt ihr eilig, was vorgegangen, und setzt nachdrücklich, aber doch
noch halb lachend hinzu: »Ich verspreche Ihnen, ich mache das Denkmal,
sobald ich verheirathet bin.« Damit geht er fort und in seine Schule,
welche er in dem alten Schlosse jenseits der Brücke hielt. Die Doctorin
bleibt mit einer entschiedenen Angst bis zum Abend allein; da kommt ihr
Mann und sagt: »Der Bodenwieler ist in der Schule auf einmal so krank
geworden -- ich muß doch hinüber, sehen, was er macht.« Er geht, kommt
nach einer halben Stunde wieder: »Der hat die Darmentzündung, und
ist, irre ich nicht sehr, unrettbar verloren.« -- »Da siehst Du's, --
Marguerite,« sagte die Doctorin blaß und leise.
Der Doctor hat mir sein Wort darauf gegeben, daß Beat am dritten Tage
seiner Krankheit in derselben Stunde gestorben ist, wo das Jawort seiner
neuen Braut aus St. Gallen eintraf. Erkläre man es, wie man es wolle,
mit dem alten Spruche Shakespeare's oder mit dem bequemen Worte: »Zufall,
nichts als Zufall.« Ich habe gethan, was ich mir vorgenommen, diese
Geschichte erzählt. Eine Erklärung am Ende versprach ich nicht.
Beat und Marguerite sind wenigstens auf Erden getrennt -- er liegt in
Baden, und der kleine Marmor, den er als Probe kommen ließ, bildet seinen
Leichenstein. Sein Grab besuchte ich nicht, wohl aber den neuen Kirchhof
von Mellingen, wo das unbezeichnete Grab Margueritens ist. Es war an einem
sonnigen Tage zu Ende August, die Aepfel waren fast reif, die Wiesen voll
Herbstzeitlosen, im Städtchen brechte man Flachs, hackte Holz und schaffte
Kartoffeln ein. Der Kirchhof lag ein Stückchen davon, an dem Scheidepunkte
der beiden Straßen nach Luzern und Aarau. Pappeln umgeben ihn, eine
Kapelle zeigt sich weiß, mit offener Säulenhalle. Ich hätte für
Marguerite einen andern Grabort gewählt, mit mehr Schatten und mehr Ruhe,
nicht so an der Landstraße, nicht so zwischen Aeckern. Doch wo wir ruhen,
ruhen wir im Herrn, wenn wir geliebt wie Marguerite.
Die Urschweiz.
Der Vierwaldstätter See ist das heilige Wasser der Schweiz, nicht der
gemachten von Achtzehnhundertfunfzehn, sondern der alten, wirklichen,
lebendigen Schweiz. In silberner Drachengestalt liegt er, eingesenkt
zwischen die Mythen von Schwyz, die Gletscher von Uri, die Hörner der
beiden Walden, und um ihn herum liegen alle ersten Erinnerungen der
Schweizer: Brunnen, Rüttli, Altorf, Zwinguri, Küßnacht. Und hier,
wo diese Erinnerungen Grund und Boden haben, haben sie auch Poesie.
Die Tellsage, welche mir in der französischen Schweiz so unsäglich
widerwärtig geworden, wurde mir hier wieder lieb. Tell's steife Bildsäule
auf dem Markte zu Altorf, der bemalte Thurm, welcher an dem Platze der
Linde steht, unter die sein Knabe sich hinstellen mußte, Bürglen,
sein umbüschtes Dorf, der Schächenbach, worin er ein heimathlich Grab
gefunden, seine Platte mit ihrer kleinen Kapelle, Alles heischte und
erhielt meine Aufmerksamkeit. Die Platte ist nicht ganz so hoch und
gefährlich, wie man sie immer gemalt sieht, springt auch nicht von starren
Felsen hervor, sondern ruht an einer lieblichen, obwohl steilen Mattenhöhe
-- nun was thut's? -- der Sprung war immer ein guter und ein natürlicher
dazu; denn wer wird sich selbst in's Gefängniß fahren, wenn er es
anders machen kann? Gewiß wenigstens nicht ein Gemsenjäger, dem
die Gefangenschaft wo möglich noch grauenhafter sein muß als einem
civilisirten Menschen. Auch daß Tell den Herrn, welchen er so zu fürchten
hatte, mit Bedacht und Schlauheit todtschoß, war natürlich -- seine
Landsleute würden heute noch dasselbe thun, wenn es sie drängte und
sie könnten. Der ganze Tell ist natürlich, nur der Mann eines
rücksichtslosen Naturvolkes und nicht das Ideal eines modernen
Republikaners. Er hat die Republik nicht gekannt, sondern seinen Feind aus
dem Hinterhalt getroffen wie eine Gemse, ohne allen innerlichen Kampf, ohne
jede andere Ungewißheit als die über die Sicherheit seines Schusses. Wenn
Goethe doch hier nicht Schillern gewichen wäre! Wir hätten dann einen
wahren Tell.
Doch nicht allein durch die Sage, durch seine Natur fesselt der See der
Urkantone. Wenn der Genfer aristokratisch und stereotyp, der Neufchateller
alltäglich malerisch, der Bieler von romantischer Einsamkeit, der Zuger
mit Grazie eingefaßt, der Zürcher überall lachend, der kleine Lowerger
rührend-traurig, der Thuner, aus der Höhe gesehen, ein stilles Auge der
Alpen ist, so ist der Vierwaldstätter von einer wundersam phantastischen
Melancholie. Ich habe diesen Eindruck tief in mich aufgenommen, während
wir zu allen Stunden und bei allen Beleuchtungen über den See hin und
her schifften. Wir wollten diesen kennen, auswendig lernen, seine Buchten,
seine Alpen, seine Vorgebirge und Bergzungen. Die längste von diesen, der
Bürgen, erinnerte mich augenblicklich an einen Schnabel des Bucintoro.
Wie schön am Abend die blaue Bergumgebung von Fluelen, gegenüber der
einströmenden Reuß! Wie einfach und doch wie bedeutungsvoll die kleine
Kapelle von Kindleinsmord, auf dem Hüglein zwischen jungen Tannen! Ich sah
den Vater, wie er sein Söhnchen, das um Brod bittet, mit dem Kopfe an
den Stein schlägt. Was die Schrift als Unmöglichkeit annimmt, hier ist's
geschehen. Dann der Pilat, als Berg was der See als See ist, ja, recht
eigentlich der Berg des Sees, ganz so zackig, so phantastisch, so
drachenhaft, wie dieser. Luzern dürfte gar nicht am Vierwaldstätter
See liegen, wenn es nicht den Pilat hätte, diesen Nebelkönig mit seinem
Hofstaat von Teufelchen. Ich erkannte den Pilat augenblicklich, ohne
daß man ihn mir genannt, so deutlich und wahrhaftig hatte ich mir ihn
vorgestellt. Und ich wollte durchaus hinauf, aber sie versicherten mir
Alle, für Frauen sei es völlig unmöglich, höchstens junge Herren
gelangten hinauf, und auch die nur unter Angst und Gefahren; man müßte
die Nacht im Freien zubringen, auf Baumstämmen über Abgrundsspalten
hinweg -- ich hatte bei dem Nebelritt von der Rigi herab meinen Muth messen
können -- es war ein kleines, sehr kleines Endchen Muth, und ich blickte
den Pilat, den einzigen Berg in der Schweiz, auf den ich mich wirklich
hinaufgewünscht, traurig an und fuhr nach Fluelen.