Das arme Kind, sie fand sich in dem Hause, dessen Sprache sie nicht

verstand, welches ihr daher nie heimlich gedünkt, jetzt doppelt

unheimlich, doppelt verlassen. Nie mehr ließ man sie allein, nicht nur

jeder ihrer Schritte, jede ihrer Mienen wurde belauert. Für das Kloster

war es eine Pflicht, Etwas zu verhindern, wovon es mit Gewißheit annehmen

konnte, die Familie Margueritens würde es als ein Unheil und eine Schande

betrachten. Doch die arme Marguerite, mit dem Kopfe, der nicht rechnete,

mit dem Herzen, das zu seinem Beat wollte! Der junge Mann war nicht weniger

beunruhigt als seine Geliebte, wenn er auch innerlich minder litt. Während

mehr denn acht Tagen war es ihm nicht mehr geglückt, sie auch nur von

Weitem zu sehen. Geängstigt und verstört, wollte er sich bei seiner

großen Gönnerin Trost erholen, aber die alte Dame empfing ihn sehr

schlecht. Sophie hatte ihr etwas übertriebene Mittheilungen gemacht, und

sie erklärte dem jungen Armen unumwunden, ein kleiner Spaß habe nichts

geschadet, aber im Ernst sei er nicht für Fräulein von Gontran. Noch

mehr niedergeschlagen kam er nach Mellingen, aber auch da hörte er nichts

Erfreuliches. Der Doctor rieth ihm sehr ernstlich, von einer Thorheit

abzustehen, durch welche er sich und das Mädchen unglücklich machen

werde, und die Frau wollte es schon unverzeihlich finden, daß er so weit

gegangen.

Im Kloster war inzwischen Margueritens Bruder angelangt. Die Schwester

empfing ihn nicht ohne Furcht; als sie aber vernahm, er sei gekommen um sie

nach Hause zu holen, warf sie sich ihm mit Thränen der Freude um den Hals.

Wenn sie nur wieder bei den Eltern war, da wollte sie so bitten, daß

Beat in das Haus eingelassen und sie glücklich würde. Daß er ihr folgen

würde, bezweifelte sie gar nicht erst: es verstand sich von selbst.

Vom Kloster nahm sie einen frohen Abschied, von Sophie einen traurig

vorwurfsvollen. Anders die abgefallene Freundin zu strafen, vermochte sie

nicht -- sie war gar zu weich -- ein Herz, recht geschaffen, um gequält

und gebrochen zu werden.

Unterwegs fing der Bruder bald an, sie um ihren Beruf für das Klosterleben

zu befragen. Zutraulich und offen erklärte sie ihm, sie habe keinen,

dagegen eine herzliche Neigung, welcher sie durch eine Ehe Genüge gethan

wünsche. Der Bruder gab ihr zu bedenken, daß sie ja im Kloster auch ihrem

Vergnügen gemäß leben könne. »Wie oft findet das nicht statt,« setzte

er lächelnd hinzu. Die unschuldige Schwester verstand ihn nicht; sie

antwortete: »Ich würde nie mein Vergnügen im Kloster haben -- im

Gegentheil, ich würde schrecklich unglücklich sein -- wenn ich nicht gar

vor Gram stürbe.« Und zum ersten Male von dem Gedanken erschreckt, ihre

Familie könne ihr am Ende eben so feindlich sein, wie man ihrer Meinung

nach im Kloster ihr gewesen, fragte sie ängstlich und aufgeregt: »Man

will mich doch nicht etwa zwingen -- sage mir, könnte die Mutter -- Gott,

sie war immer so gut gegen mich -- könnte die das wollen?«

Der junge Gontran wollte ausweichend antworten, aber sie rief mit einer an

ihr ganz ungewohnten Heftigkeit: »Sag' es mir nur gerade heraus -- lieben

sie Dich mehr, und soll ich aufgeopfert werden, wie es auch einmal einem

jungen Mädchen geschehen ist, die in's Kloster mußte, damit der Bruder

reicher würde -- verlangt man das von mir?« -- »Es ist das sehr häufig

der Fall,« sagte der Bruder kalt; »junge Mädchen, die ihre Familien

lieben, thun freiwillig ein Gelübde, welches die Zersplitterung des

Vermögens verhindert.« -- »Nie, nie werde ich das thun. Es ist

unnatürlich, barbarisch.« -- »Wie es Dir gefällt; sag' es, wenn

wir ankommen, dem Vater und dem Abbé, und höre, was sie Dir antworten

werden.«

Der Abbé Lallemant war der Beichtvater des Hauses und für Marguerite von

jeher ein Gegenstand der Furcht gewesen. Er hatte es veranlaßt, daß man

sie nach Fahr gebracht, und nun sollte sie gleich bei ihrer Rückkehr ihm,

dem Ueberlegenen, Widerstand zu leisten haben, vielleicht ohne auf Hülfe

hoffen zu dürfen, selbst von ihrer Mutter. Die arme Marguerite fror in der

Seele; ihr war es, als sitze ihr Feind und nicht ihr Bruder neben ihr. Doch

gab sie darum weder ihren Willen auf, noch ihre Liebe verloren; ihr war nur

bange vor der Heimkunft, auf die sie sich so gefreut, vor dem Elternhause,

wo man sie nicht mehr wollte, vor dem Streit, den sie erwartete. Der junge

Gontran saß still und mürrisch und ließ die Schwester sich quälen, so

viel sie mochte. Sie quälte sich sehr, aber sie faßte sich auch; »Gott

wird mich nicht verlassen,« dachte sie, »es ist für ihn.«

Gegen Abend kamen sie in Solothurn an und fuhren bei dem Kloster der

Visitantinerinnen vor. Es fiel das dem jungen Mädchen nicht auf; sie hatte

bei der Hinreise auch hier geschlafen; die Aebtissin war eine Bekannte

ihrer Mutter. Der Bruder nahm flüchtig Abschied von ihr und sagte ihr,

sie möge sich morgen bei Zeiten fertig halten, er werde sie so früh wie

möglich abholen.

Marguerite schlief nicht viel und war mit dem Tage bereit. Aber der Morgen

verstrich, und der Bruder kam nicht. Das junge Mädchen ward unruhig, ohne

jedoch Argwohn zu schöpfen. Der Bruder konnte verhindert sein. Als er

indessen um Mittag noch nicht da war, wollte sie eben bitten, man möge

nach ihm schicken, da ward sie zur Aebtissin gerufen, die sie am

vorigen Abend nicht gesehen. Die würdige Frau empfing das Mädchen mit

mütterlicher Zärtlichkeit. »Du gehörst uns an, meine Tochter,« sagte

sie; »Dein Bruder hat mir heute Morgen den Wunsch Deines frommen Herzens

eröffnet -- gern nehme ich Dich auf.« Marguerite, starr, antwortete nicht

gleich; sie überlegte im Stillen, ob solch ein Verrath von einem Bruder

möglich sei. Endlich fragte sie: »Und hat mein Bruder gesagt, ich wolle

in das Kloster?« -- »Nichts anders,« erwiederte die Aebtissin. -- »O,

dann vergebe ihm Gott!« rief Marguerite schmerzlich. »Er hat gelogen,

mich und Sie belogen, uns Beide gleich. Ich erwartete ihn heute, damit er

mich nach Hause bringe, und statt dessen -- o, Gott erbarme sich meiner,

denn von meinen Nächsten bin ich verrathen!«

Eine Schlechtigkeit ahnend, tröstete die Aebtissin mit milden Worten das

weinende Mädchen. Auf die wiederholte feierliche Versicherung, nie solle

sie mit Gewalt hier zurückgehalten werden, eröffnete Marguerite der

würdigen Frau voll reinen Zutrauens alles Geschehene. Die Aebtissin

lächelte bei den naiven Bekenntnissen der kleinen verliebten Unschuld,

sie runzelte die Stirn, als sie von den Vorstellungen des jungen Gontran

vernahm. Als Marguerite geendet hatte und mit der Furcht einer Taube zu ihr

aufschaute, sagte sie beruhigend: »Mache Dir keine Sorge, mein Kind, Du

sollst nicht hierbleiben müssen; noch heute schreibe ich an Deine Mutter,

und wenn ich Dir auch nicht versprechen kann, es soll gleich Alles nach

Deinen Wünschen gehen, so will ich Dir doch keineswegs die Hoffnung für

später untersagen. Gott hilft seinen Kindern und will keine erzwungene

Opfer.«

Marguerite hoffte. Die Aebtissin schrieb. Keine Antwort kam. Sie schrieb

wieder. Jetzt erfolgte ein Brief, bedrohend für die ungehorsame Tochter.

Die Mutter hatte vergessen, daß auch sie jung gewesen und geliebt. Diese

Vergessenheit der Eltern ist ein Fluch für die Jugend der Kinder, und

-- wie häufig! Marguerite auch sollte darunter zu Grunde gehen. Was ihre

Mutter nicht länger war, das ward die Aebtissin. Wieder und wieder schrieb

die edle Frau, abmahnend, bittend, dringend. Bis ihr das schwere

Werk gelungen sein würde, unnatürliche Eltern wieder zur Natur

zurückzuführen, behandelte sie Marguerite ganz wie ihre Kostgängerin,

ließ sie an allem Unterricht Theil nehmen und gönnte ihr zugleich die

größte Freiheit. Die Gontrans waren mit mehreren Familien in Solothurn

bekannt; zu denen durfte Marguerite ungehindert, so lange sie freundlich

empfangen wurde. Das hörte indessen bald auf; man fürchtete, mit den

Eltern in Unannehmlichkeiten zu gerathen, wenn man die Tochter, welche sich

auflehnte, zu begünstigen schiene. Marguerite lernte gleich in dem ersten

Kampfe mit dem Leben die Menschen recht verschieden kennen -- die Mehrzahl

so feig in der Theilnahme, nur einige Wenige voll Muth zur Güte. Von

diesen war die Erste die Aebtissin, dann bezeigte der Arzt des Klosters

sich unverändert herzlich gegen das junge Mädchen, und je auffallender

andere Familien Marguerite abwehrten, je häufiger kamen die Einladungen

von ihm. Eines Tages schickte er schon früh und ließ bitten, Marguerite

möchte zu Mittag kommen dürfen. Die Aebtissin erlaubte es; Marguerite

trat um zwölf Uhr in das Wohnzimmer ihrer neuen, aber aufrichtigen

Freunde. Ein Schrei entfuhr ihr -- Beat stand da, breitete ihr die Arme

entgegen. Trunken von der plötzlichen Lust warf sie sich hinein: es war

die erste Umarmung, der erste Kuß. Als Marguerite wieder denken konnte,

wußte sie nicht, wo anfangen mit Fragen -- wem verdankte sie dieses Heil,

wie kam Beat hierher, wie hatte er erfahren, was mit ihr vorgegangen? Beat

konnte Alles leicht erklären; Solothurn war nicht so weit von Baden,

daß ein solcher Vorfall wie Margueritens Verlassenwerden nicht hätte

hindringen sollen. Beat vernahm es kaum, als er sein Atelier in Baden

aufhob, seine Geschäfte möglichst in Ordnung brachte und nach Solothurn

kam, wo er in dem Arzt des Klosters einen Jugendfreund hatte. Er hoffte

durch des Freundes Vermittelung wenigstens Nachrichten von Marguerite zu

erhalten; der Freund, aufgebracht über das Verfahren der Familie Gontran,

versprach ihm noch mehr -- eine ungestörte Zusammenkunft. Die hatten

sie jetzt, und Beat trug Sorge, daß die kostbaren Stunden nicht blos in

Liebeständeleien verschwendet wurden. Mit Hülfe des Arztes, welcher den

Dolmetscher spielte, vereinigten die Liebenden sich dahin, daß Beat an

Margueritens Vater schreiben und förmlich um ihre Hand anhalten sollte.

Die Aebtissin, zu welcher Marguerite voll Hoffnung und Freude zurückeilte,

billigte diesen Entschluß vollkommen; der Arzt schrieb den Brief und Beat

unterzeichnete ihn. Marguerite versuchte ihrerseits noch einmal, sich mit

kindlichem Vertrauen an die Brust der Mutter zu werfen. »Verlange nicht,

daß ich der Liebe und dem Glücke entsage,« flehte sie, »denke, meine

Mutter, wie es Dir gewesen sein würde, hättest Du in ein Kloster gesollt,

während Du jung warest und leben wolltest.« Der ganze Brief war so voll

einfältig bittender Hülflosigkeit, welche das Mutterherz anrief als ein

göttlich liebendes. Aber keine Antwort kam, nicht von Herrn von Gontran

an Beat, nicht von der Mutter an ihr Kind. Auf die Ermunterung des Freundes

schrieb Beat nochmals -- Marguerite, niedergeschlagen, wagte es nicht mehr,

aber die Aebtissin that es an ihrer Statt. Jetzt erfolgte von Freiburg ein

Schreiben, des Inhalts, Marguerite sei frei, die beabsichtigte Mißheirath

zu thun, habe aber dann von den Eltern Nichts mehr zu erwarten als

Vergessenheit. Mit diesem Segen wurden die Liebenden in der Kirche des

Klosters getraut, nachdem die Aebtissin noch einmal dem jungen Mädchen

eindringlich vorgestellt, was sie mit einer solchen Ehe wage. Leicht

Mangel, gewiß Sorgen, wer wußte, ob nicht Reue. Marguerite liebte Beat,

das war ihre ganze Antwort -- sie wurde getraut, unter Fremden, verstoßen

von den Ihrigen. Sie weinte, denn sie fühlte die Verstoßung, aber in

ihren Thränen war sie noch glücklich.

Beat -- ein reiches Mädchen hatte er gewollt und ein armes genommen. Es

war eine herbe Täuschung, doch seine Jugend und seine Gutmüthigkeit,

welche durch Margueritens Schönheit und Liebe gereizt und gefesselt

wurden, halfen ihm darüber hinweg. Auch hegte er wohl noch Hoffnung auf

ein einstiges Nachgeben der Eltern. Wenn einmal geschehen war, was ihnen

mißfiel, wenn Marguerite wirklich des Beistandes bedurfte, vielleicht für

ein Kind neu bitten konnte -- »der Zorn währt nicht ewig,« dachte

Beat. Einstweilen verlangte er, was Margueriten rechtmäßig gehörte --

bedeutende Pathengeschenke, die ihr von Zeit zu Zeit gemacht worden, eine

kleine Erbschaft, welche ihr übergeben werden sollte, sobald sie mündig

würde oder heirathete. Die Familie Gontran verharrte in ihrem einmal

angenommenen System -- sie schwieg. Marguerite erhielt Nichts, und Beat,

der in Solothurn keine Arbeit finden konnte, sah sich genöthigt, mit

seiner jungen Frau nach Einsiedeln zu seinem Oheim zu reisen und dessen

Obdach in Anspruch zu nehmen.

Auf dem Wege dahin besuchte er den Doctor Sinnich in Mellingen. Der Doctor

schildert das Pärchen als rührend komisch. Marguerite hatte endlich

einige Bröckchen von der barbarischen Muttersprache ihres Geliebten

erlernt, doch ging die Unterhaltung noch immer kläglich genug von Statten.

Beat begnügte sich damit, seiner schönen jungen Frau von Zeit zu Zeit

seine Dose anzubieten; sie streichelte ihm mit beiden Händen die Wangen

und sagte ihm dabei zärtlich: »O mys lieb Beat!«

Bitter ist das Brod der Abhängigkeit -- Marguerite sollte das erfahren!

Obgleich gute und brave Leute, waren doch Beats Oheim und Tante allzu

unzufrieden mit der thörichten Heirath ihres Neffen, um ihren Aerger nicht

ohne Schonung auszulassen. Beat kam dabei gut genug weg, sie liebten

ihn wie ihr eigenes Kind; die Vorwürfe, welche er erhielt, wurden durch

Liebkosungen gemildert und vergütet. Aber Marguerite, das unwillkommene,

überflüssige, zartgewöhnte Mädchen, denn sie war noch immer wie ein

junges Mädchen, so kindlich, so fremd in der Welt, man wußte Nichts mit

ihr anzufangen, man konnte sie zu Nichts gebrauchen -- das Fräulein

wurde sie spottweise genannt. Ihre Geburt ward ihr hier zum Vorwurf, der

Reichthum, mit welchem sie Beat verlockt haben sollte, nun sie ihn nicht

geben konnte, ihr zum Verbrechen gemacht. Wenn sie sich anbot, im Hause

nach ihren Kräften zu helfen, wies man sie als nutzlos zurück, und

verlangte doch gleich darauf mehr, als sie mit der größten Anstrengung

leisten konnte. Jeder Antheil an der täglichen Speise wurde ihr

vorgerechnet -- was that sie, um ihn zu verdienen? Wenn sie manchmal mit

überströmenden Thränen flehte, sie doch nicht so schlecht zu behandeln,

fragte man sie, ob sie etwa fort wolle -- die Thür stehe offen. Wohin

hätte sie gehen sollen? Auch dachte sie nicht daran -- Beat war da.

Beat war da, warum nahm er denn Marguerite nicht an seine Brust, sie zu

schützen vor dem Weh, das man ihr anthat? In seiner Gegenwart ließ man

sie unangefochten, und klagen wollte sie nicht, ihn nicht in Unfrieden mit

seinen Verwandten verwickeln, denen er Dank schuldete. Marguerite schleppte

sich also hin in jammervoller Dienstbarkeit, in hoffnungsloser Ermüdung.

Dazu war die Luft von Einsiedeln für ihre feine Organisation zu rauh. Und

dann, welch' ein Wohnort für ein junges, lebendurstiges und ach, so schwer

gedrücktes Geschöpf! Dieses weite, leere Hochthal, diese wilden Alpen,

welche über die Tannenberge hereinsehen, dieser Sand, diese einförmigen

Matten, diese Kahlheit, und mitten darin das baumlose, gleichsam verlorene

Städtchen und das riesige Kloster mit den beiden grauen Thürmen, so

großartig, aber auch so finster! Einsiedeln muß man besucht haben, aber

um dort wohnen zu können, muß man stärker und gewiß glücklicher sein,

als Marguerite es war. Sie verging hier vor Bangigkeit. Gewohnt wie sie

des reichen, schönen Freiburgs war, hatte ihr schon Fahr eine Art Wüste

geschienen, und nun gar Einsiedeln! Besonders der Winter war furchtbar für

sie. Diese Gegend, schon im Grün des Sommers so düster und eintönig

-- was ward sie erst unter den Schneelasten, welche sich mit den ersten

dunkeln Tagen auf sie legten. Wie einsam war es, wie melancholisch tönten

die Glocken des Klosters! Und Marguerite, eingeschlossen in die niedrigen

Stuben, die man hier überall findet, mit Balkendecken, welche wie

vorzeitige Sargdeckel auf dem täglichen Leben liegen. Wer unter solchen

Decken geboren, gewiegt und großgezogen ward, der mag sich unter ihnen

wohl fühlen, aber wer gewöhnt gewesen ist, Raum über seinem Haupte zu

sehen, der erstickt unter ihrer Pressung. Marguerite träumte manchmal,

sie sei schon begraben, und zwar unter der Decke ihres bangen, luftlosen

Stübchens. Ich habe das Haus gesehen, wo die jungen Leute beinah zwei

Jahre gewohnt haben; es liegt an dem Platze des Klosters, doch in einiger

Entfernung von diesem, ist groß, ganz von Holz, ganz schwarz angestrichen,

hat eine Unzahl kleiner Fenster, und heißt »Zur heiligen Katharine«. Die

Braut des Heilandkindes konnte ihren Namen keinem unheimlicheren Gebäude

leihen. Als ich es sah, blühten auf allen Fenstern Blumen, besonders eine

Menge rother Pelargonien, aber trotz dieses Schmuckes und trotz des Glanzes

seiner Schwärze schauerte mich vor ihm noch mehr als vor ganz Einsiedeln.

Der späte Frühling erlöste Marguerite von einiger ihrer Qual; sie konnte

aus, sah die Pilger ankommen und Bewegung in die heilige Oede bringen, fand

in den Tannenwäldern Blumen, wurde dann und wann freundlich gegrüßt. Man

hatte sie im Orte liebgewonnen, ohne daß sie es gewußt; es zeigte sich

jetzt, und sie fühlte sich etwas gelindert. Freilich war dieser Trost für

sie bald verloren, denn Beat beschloß, den Sommer zu Reisen anzuwenden.

Er wollte verdienen, was er hier nicht konnte; er wollte dahin, wo er noch

nicht gearbeitet hatte; vielleicht, so redete er Margueriten zu, würde er

so viel zurückbringen, daß sie den nächsten Winter in eine Stadt ziehen

könnten; aber um das Möglichste zu erwerben, mußte er möglichst sparen,

und Marguerite durfte daher nicht mit. Marguerite weinte und gehorchte.

Sonderbar genug wurden Oheim und Tante, seit Beat fort war, milder gegen

sie. Vielleicht hatte ihre immer gleiche Sanftmuth sie entwaffnet --

genug, sie begegneten ihr mit mehr Barmherzigkeit. Marguerite, noch ganz

elastisch, bedurfte nur geringer Aufmunterung, um wieder Zutrauen zu

fassen. Sie wurde so heiter, wie sie ohne Beat werden konnte.

Aber ihre Gesundheit war durch den Winter und die viele Trauer, welche

sie lautlos geduldet, unterwühlt worden. Ein Husten zeigte sich, den die

scharfen und häufigen Luftabwechselungen dieser hohen Lage unterhielten.

Der Oheim wandte umsonst sein Wissen an, Marguerite welkte, mit Geduld, wie

sie sich bisher gebeugt, langsam, unaufhaltbar. Beat fand sie bei seiner

Rückkehr erschreckend verändert. Hätte er genug Geld gebracht, um sie

gleich in eine andere Luft, in eine andere Umgebung führen zu können,

vielleicht daß Genesung noch möglich war. Aber sein Verdienst war gering

gewesen, wie es immer ist, wenn die Noth drängt. Wenn immer Arbeit

sich finden ließe, wer würde da zu Grunde gehen? Einer unter Hunderten

vielleicht. Der Trieb zur Selbsterhaltung ist mächtig, nur -- muß man

sich erhalten können, und die Thüren schließen sich nie fester, als

vor dem Bedürfniß. Beat kam mit dieser trostlosen Erfahrung zurück.

Leichtsinnig, wie er im Grunde war, verzweifelte er noch nicht. Im

nächsten Jahre würde es besser gehen, ermunterte er Marguerite, im

nächsten Jahre wolle er sie nach Baden bringen, da solle sie gesund

werden. Marguerite horchte seinen Verheißungen wie ein gläubiges Kind und

wurde dabei kränker und kränker. Der zweite Winter kam über sie, noch

härter und rauher als der erste. Umsonst beeiferten sich jetzt Oheim und

Tante, sie zu pflegen, umsonst war Beat herzlich gut -- der Husten wich

nicht, sondern ward hohler -- und sie immer bleicher. Der Gönner Beat's,

der Doctor aus Zürich, kam einige Male die arme Kranke besuchen; sie nahm,

was er ihr gab, mit ihrer gewohnten frommen Unterwürfigkeit, tröstete

Beat, hoffte zuversichtlich und -- ward bleicher und kränker. Beat machte

sich eines Tages zu Fuß nach Mellingen auf, überbrachte dem Doctor

Sinnich eine Beschreibung von ihrem Zustande und bat ihn um Hülfe. Doctor

Sinnich sah bedenklich aus, versprach aber, sich mit Beat's Oheim in

Briefwechsel zu setzen und so zu thun, was er vermöge.

Einige Wochen später, es war Anfang Mai, seine Frau in Luzern bei ihren

Eltern, er am Schreibtische, an einem Abend um die Dämmerstunde also hielt

ein Bauernwagen vor seinem Hause, welches er sich außerhalb der Stadt

gebaut hatte. »Ein Kranker,« dachte er, als er, an das Fenster getreten,

den Wagen mit Betten belegt sah. Da ging hinter ihm die Thür; »Doctor,«

sagte eine bekannte Stimme, Sinnich wandte sich um, es war Beat, der blaß

vor ihm stand und ohne Umschweife sprach: »Doctor, da bringe ich Ihnen

meine Frau.«

Sinnich war unwillig, erstaunt. »Was thun Sie mit der kranken Frau auf der

Landstraße, und ohne mich eine Silbe voraus wissen zu lassen?« -- »Ich

konnte nicht länger mit ihr in Einsiedeln bleiben, sie hält die Luft

nicht mehr aus, und -- sie wollen uns auch nicht mehr behalten.« Beat

sagte das mit einer Art von Trotz. Der Doctor dachte an die Kranke, die

erwartend unten lag. »Für's Erste müssen wir Ihre Frau unter Dach und

Fach bringen -- kommen Sie, lassen Sie sie in den Löwen fahren.« -- »Ja

Doctor, aber das sage ich Ihnen frei -- ich habe kein Geld.«

Der Doctor erbarmte sich. Er ließ das arme, heimathlose Weib in sein Haus

tragen, er ließ sie in das Bett legen, welches für seine Eltern bestimmt

war, wenn sie zum Besuch kamen. Marguerite versuchte mit ihren kalten

Lippen seine Hand zu erreichen. Er zog die Hand fort und hieß die blasse

Kranke schlafen. Sie schlief unter dem Dache des Samaritaners.

Als Madame Sinnich zurückkam, empfing der Doctor sie mit einiger

Ungewißheit, »ob es ihr recht sein würde.« Es war ihr recht; sie konnte

ihm schelten, wenn er ein Gedicht machte, nicht wenn er eine gute Handlung

ausübte. Dieses Blatt ist in dieser Geschichte das einzige tröstliche.

Möge man es mit Freude lesen, wie ich es mit Freude schrieb.

Marguerite blieb, zum ersten Male wahrhaft gepflegt, mehrere Wochen

im Hause Sinnich's; dann hatte dieser, im Verein mit dem Pfarrer von

Mellingen, Etwas gefunden, wodurch den unglücklichen Eheleuten wenigstens

das bare Leben gesichert wurde. Sie errichteten eine Zeichenschule, die

Gemeinde gab dreihundert Franken und eine kleine Wohnung und Beat den

Unterricht.

Aus der Schweiz · 第 7 / 12 段