Franzl ist im Elsaß gewesen und antwortet mir sehr schön mit »=oui,
monsieur=«; Aloys soll nach Italien, um zu einem Herrn »=si, signora=«
sagen zu lernen -- ich kann einen nie vom andern unterscheiden.
Den 16. September.
Und so verlassen wir Schwyz. Das ist unser langes Bleiben, unser schönes
Stillsitzen, mein Schreiben auf dem alten braunen Tisch, wo es sich so gut
geschrieben hätte. Der Blinde giebt morgen ein Concert; der Flügel wurde
gestern Abend zu meinem größten Schrecken hinuntergeschafft, dann von
acht bis ein Uhr gespielt und geraucht. Aller Rauch stieg vermittelst
eines Wandschrankes als kühler Geruch in unsere Schlafstube hinauf; heute,
morgen wird's dasselbe sein, denn die Schwyzer sind um Schweizer, den
Blinden, her, wie Fliegen um eine Honigwabe. Außerdem versammelt sich
morgen auf acht Tage der Cantonrath, und fast alle Räthe wohnen im Hause
-- wir fliehen. So oft wir fein bürgerliche Niederlassungsgedanken fassen,
geht's so -- wir sollen zur Nachkur reisen. Nun gut, man wird reisen.
Wohin? Wenn wir angekommen sind, werd' ich's aufschreiben. Die Schwyzer
Gesellschaft sahen wir gestern noch bei der Probe zum Concert -- die
hiesigen Sänger werden den Blinden unterstützen. Pater Placidus ließ
singen oder vielmehr brüllen: »Morgen marschiren wir«, und wettete mit
Richard um einen Schoppen, daß er heute nicht predigen werde. Der Tenor
nahm die Pfeife aus dem Munde und setzte das Glas Wein weg, um dünn und
feierlich zu singen: »Laura betet, Engelharfen hallen«. Richard versprach
mir einmal Abends: »'s Herz ist ein spaßig Ding« als eine prächtige
Arie hören zu lassen. Das maurische Ständchen, welches der Blinde
auf unser Verlangen in wunderbar freier Weise vortrug, wurde stürmisch
beklatscht; wahrscheinlich hielt man es für etwas »Apartes«, weil wir's
begehrt hatten. Richard fragte: »Haben Sie dieses Lied bereits wirklich
bei sich?«
Die Gesellschaft war, wie man sieht, vollkommen was die Engländer =quaint=
nennen, dennoch gefiel sie mir gut -- die Schwyzer sind schmucke Leute, wie
wir Schlesier sagen. Sie rauchen ein Bischen viel Taback -- nun, man
muß eben im Sommer herkommen, wenn man die Fenster offen haben kann.
Ich scheide also mit guter Gesinnung von Schwyz -- es ist uns schon viel
schlechter gegangen als hier, und man ist gar freundlich gegen uns gewesen.
Den sechs Kindern hinterlasse ich die Krapfen, welche die guten Nonnen
in Kloster Fahr den Descendenten der alten Regensberge verehrt haben. Die
Gegend ruht im Sonnenglanz, wie da wir sie zum ersten Male sahen.
Im Mätteli.
Baden am Stein ist nicht nur einer der hübschesten Badeorte, sondern
einer der hübschesten Orte überhaupt, die es geben kann. Ganz Grün
und Freundlichkeit, und Spaziergänge nach allen Seiten. Da ist der
langgestreckte Lägern, auf welchem noch die Burg unsers Stammes steht, da
der Uetliberg, der nach Zürich zu geht, der Kreuzli- und der Martinsberg,
beide lieblich waldig, der Schloßberg mit der schönen Ruine des
Steins, die ein klein wenig an Heidelberg erinnert, zwischen ihr und dem
Martinsberg der duftige Oestliwald, auf dem rechten Limmathufer in
den malerischen Gehölzen die aufrechte Fluh und die goldene Wand,
Felsengruppen zum Malen, auf dem linken der Weg an den Sonnenreben oben,
der Platanengang unten, und das Alles ist voll Schatten, einladend einsam,
aber immer erfreuend durch den Blick in das unbeschreiblich reizende Thal.
Von allen den grünen und frischen Orten ist jedoch der grünste und
frischeste das Mätteli, dieses liebliche Buchengehölz, welches die
Senkung des Limmath-Ufers vom Martinsberge bis zum Hinterhofe bedeckt.
Zwei Wege führen hindurch, der eine höher auf die Straße nach Bruck,
der zweite zu mehreren Schattenplätzen dicht an dem grünbräunlichen,
schillernden, schäumenden und rauschenden Strome. Auf diesem Wege kauerte
ich eines schönen Nachmittags, um einer jener langen braunen Schnecken,
welche kein Haus, nur einen Panzer haben, mit einem trockenen Stöckchen
den Rücken zu krauen. Es gehörte das zu meinen Vergnügungen im Mätteli.
Der Schnecke aber wollte es nicht gefallen -- sie zog sich verdrießlich
zusammen. Als ich sie aus ihrer Trägheit zu diesem Kundgeben von
Mißbehagen gebracht, sah ich sie mir selbstzufrieden durch die Lorgnette
an. In diesem Augenblicke ging ein Mann mit einer Frau am Arm an mir
vorüber, der Mann groß, die Frau schlank, Beide in Trauer. Die Frau sah
im Vorüberstreifen verwundert auf meine Stellung und meine Beschäftigung
herab; ich mochte mich sonderbar genug ausnehmen.
Am nächsten Tage kamen wir gegen Abend an das letzte der
Schattenplätzchen, welches unser gewöhnlicher Sitz, uns besonders lieb
war. Eine kleine Bucht mit Kiesgrund und Bucheneinschattung, gegenüber
unter der aufrechten Fluh das Dörfchen Rieden, weiter rechts über den
Winterbergen die goldene Wand -- man konnte gern hier sitzen und der
Limmath zusehen und zuhören. Aber heute war die Bank nicht frei -- eine
Frau in Trauer saß da und strickte. Getäuscht und ziemlich
übellaunig hockten wir auf den Kiesboden nieder und fingen an, Steine
entzweizuschlagen, was ebenfalls zu meinen Vergnügungen im Mätteli
gehörte. Die Frau beobachtete uns eine Weile; dann kam sie zu uns und
sagte: »=Vous paraissez aimer beaucoup l'histoire naturelle, Madame?=«
Einen zerklopften Quarzkiesel in den Händen, antwortete ich ihr von der
Erde auf, daß ich leider ganz Unwissenheit sei und lediglich aus Neugier
so mit den Steinen handthiere. Sie blieb bei uns stehen, bis ich genug
hatte, dann setzten wir uns zusammen auf die Bank, und ich erklärte ihr,
um mich wieder etwas zu Ehren zu bringen, wie bisher die Literatur mein
ausschließliches Studium gewesen, wie ich die Naturwissenschaften später
zu studiren gedenke, und was dergleichen mehr war.
Eben sprach ich sehr kenntnißreich und weise über Bandello und das
sechszehnte Jahrhundert in Italien, da kam hinter den Buchen am Ufer
ein langer Mann hervor, und die Frau fragte: »Jaques, hast Du Etwas
gefangen?« Der Mann steckte eine Angelruthe in einen Spazierstock zurück
und antwortete mürrisch genug mit Nein. Die Frau packte ihr Strickzeug
ein, nahm den Arm des Mannes, sagte uns Adieu und ließ uns im ungestörten
Besitz der Bank.
Am andern Nachmittag fanden wir sie indessen wieder. Jaques fischte
abermals und fing wieder Nichts. Wir unterhielten uns dieses Mal von Reisen
-- die Frau war in Italien gewesen.
Den dritten Tag war die Bank unbesetzt. »Wo ist denn Madame Jaques?«
fragten wir uns -- so schnell gewöhnt man sich daran, eine Person an einem
Orte zu sehen. Wir saßen jedoch nicht lange, so kamen Jaques und seine
Frau auf einem der kanotähnlichen Kähne an, mit welchen allein die
Limmath befahren werden kann. Jaques hatte heute glücklich eine Forelle
gefangen, nur war ihm das abscheuliche Thier wieder durchgegangen, indem
es den Haken entzweigebissen hatte. Heute plauderten wir zu Vier und zwar
abermals von Reisen -- Jaques war in Constantinopel gewesen.
Von nun an trafen wir mit Monsieur und Madame Jaques fast täglich im
Mätteli zusammen, d. h. Monsieur kam immer erst dazu, wenn er seine
Forelle gefangen und sie den Haken durchgebissen hatte. Sobald sie einmal
im Haken bleiben würde, sollte ich sie erhalten -- sie hat's aber nicht
gethan, und ich habe sie nicht gesehen.
Eines Tages hatte ich das grüne Buch mit, in welchem ich Alles bemerke,
was ich sehe, höre, denke, beabsichtige. Madame Jaques wollte es durchaus
sehen, ich sagte ihr, sie solle etwas Besseres von mir lesen, und schickte
ihr meine kleine Novelle »Hedwig« mit einem Gruß =de l'auteur à madame
Jaques=.
Sie schrieb mir als die Frau des Fischers Jaques einen allerliebsten Brief,
worin sie mir sagte, in mir sei Alles Originalität, das habe sie gleich
gewußt, als sie mich zum ersten Male vor einer Schnecke kauern gesehen.
Eine jener Frauen von feiner Erregbarkeit, die sich leicht enthusiasmiren,
war ich von nun an ein Gegenstand für ihre Phantasie, und sie mochte
öfter von mir geredet haben, denn unser Doctor wußte auf einmal, daß ich
Bücher schriebe. Und wie denn einem Schriftsteller immer gern Geschichten
erzählt werden, so erzählte mir auch der Doctor eine, die er selbst
erlebt, und zwar in Baden, wo wir eben waren.
Diese ist es, welche auf den folgenden Blättern nachzuerzählen ich
versuchen will.
Mys lieb Beat.
Es mögen ungefähr zehn Jahre sein, daß ein junger Mann, Beat
Bodenwieler, gebürtig aus Einsiedeln, sich in Zürich als geschickter
Portraiteur in Alabaster bemerklich machte. Eigentlich war er Bildhauer,
hatte, ohne bedeutend zu sein, seine Kunst in Tyrol gut genug gelernt, fand
jedoch in der Schweiz wenig Aufmunterung und fast gar keine Beschäftigung.
Eine Brustbüste Pestalozzi's erhielt Beifall, Bestellungen jedoch wollten
nicht kommen. Beat war arm; der Oheim, welcher ihn erzogen, konnte ihn
nicht länger ernähren, auch wünschte Beat unabhängig zu sein. Der
natürlichste Wunsch bei jedem nur leidlich tüchtigen Menschen. Da man
keiner Statuen begehrte, kam Beat auf die Portraits in Alabaster. Er war
glücklich im Treffen, gewandt im Schneiden; die Arbeit fing an, sich zu
finden. Ein Freund seines Oheims, wie dieser, Arzt, interessirte sich warm
für Beat, und der junge Mensch würde in Zürich noch weit mehr Glück
gemacht haben, hätte er sich nicht den Liberalen angeschlossen. Dadurch
verscherzte er sich die aristokratischen, folglich reicheren Häuser. Er
gewann jedoch für den Augenblick genug, und übermüthig wie die Jugend es
ist, glaubte er nie mehr zu bedürfen und deshalb ganz seinen Gesinnungen
gemäß leben zu können.
Baden am Stein war damals vielleicht noch besuchter als jetzt. Beat hoffte
mit Recht, unter den Badegästen würden sich Einige und sogar mehr als
Einige recht gern portraitiren lassen. Er schlug also eine kleine Werkstatt
für den Sommer dort auf, Vagabond unter den Vagabonden. Seine Hoffnung
wurde gerechtfertigt -- er bekam eine Menge Portraits und sehr hübsche
Summen Geldes.
In seiner besten Stimmung über diesen prächtigen Erfolg wurde er eines
Tages zu einer alten Dame eingeladen, welcher er auf seine Art in Alabaster
so geschmeichelt hatte, wie der Maler es darf. Die alte Dame war reich,
eitel und liebte es, die Gönnerin zu spielen. Beat ließ sich mit der
größten Unterwürfigkeit beschützen und kam so oft zu Tische, wie die
alte Dame nur befahl. Auch an diesem Tage erschien er, geputzt und von
gehorsamer Liebenswürdigkeit. Die alte Dame lud immer einige Frauen zu
ihrem Günstling ein, und Beat mochte Frauen gern gefallen. Als er in das
Zimmer trat, sah er zwei junge Mädchen, welche ihm noch fremd waren. Die
alte Dame nannte ihm in der Einen ihre Enkelin, in der Andern ein Fräulein
Marguerite von Gontran aus Freiburg. Beide waren Kostgängerinnen im
Kloster Fahr, zwischen Baden und Zürich. Sophie, die Enkelin der alten
Madame Linder, hatte die Erlaubniß die Großmutter zu besuchen auch für
Marguerite auszuwirken gewußt, welche, erst seit kurzer Zeit im Kloster,
sich fremd genug fühlte und einer Zerstreuung um so mehr bedurfte, da ihr
elterliches Haus ein vermögliches und geselliges gewesen war. Weshalb
man sie aus demselben nach vollendeter Erziehung neuerdings in ein Kloster
gebracht? Wie es hieß, damit sie deutsch lernen solle, eigentlich aber,
um sie vom Hause zu entwöhnen und allmählich an das Klosterleben zu
gewöhnen. Sie hatte einen Bruder; der wünschte das Vermögen einst nicht
mit der Schwester theilen zu müssen. Die Eltern wünschten dasselbe: je
reicher der Repräsentant der alten Familie, je mehr Glanz für diese.
Marguerite wußte nicht um diesen Plan; sie war ungern nach Fahr gekommen,
fühlte sich unheimlich, besonders da sie bei ihrer Unkenntniß der
Sprache um Vieles einsamer war, als die übrigen Kostgängerinnen; aber die
Besorgniß, es solle für immer sein, quälte sie wenigstens nicht. »Wenn
ich Deutsch können werde, darf ich wieder nach Hause,« das war ihr
Gedanke und ihr Trost. Um diesen glücklichen Zeitpunkt recht bald
heranzubringen, lernte sie mit grenzenlosem Eifer deutsch, leider aber
fehlte ihr alles Talent, und sie beweinte oft mit heißen Thränen ihre
langsamen und geringen Fortschritte. Je länger sie am Deutschen lernte, je
länger mußte sie in Fahr bleiben.
Ihre Gefährtinnen hielten sich gewöhnlich in einer gewissen Entfernung
von ihr -- sie wollten nicht durch ihre größere Schönheit verdunkelt
werden. Marguerite war wirklich auffallend schön, üppig und lieblich
zugleich, mit einem glänzenden Köpfchen und naiven, schwärmerischen
Augen, mit langem, dunklem Haar, welches abzuschneiden eine wahre Sünde
gewesen wäre. Dieser Besitz von Anmuth hätte vielleicht ein anderes
Mädchen über die Sprödigkeit getröstet, welche sie von den neidischen
Schwestern erfuhr, aber Marguerite war noch zu frisch, zu gut, zu
unverdorben, sie wollte geliebt und nicht beneidet werden, und trauerte
oft, wenn sie sich so schön und so gemieden sah. Sophie allein hatte
sich ihr angeschlossen, vielleicht aus Widerspruchsgeist, vielleicht aus
Sorglosigkeit, vielleicht auch aus Gutmüthigkeit, genug, man sah überall
ihr blühendes, aber unbedeutendes Gesichtchen neben dem poetischen Kopfe
Margueritens. Diese war so voller Dankbarkeit für die Gemeinschaft,
welche Sophie mit ihr hielt, daß sie für Sophie Alles gethan und
geopfert hätte, was in ihren Kräften lag. Sophie faßte zum Glück die
Freundschaft nicht von der heroischen Seite auf; sie wollte, Marguerite
sollte mit ihr lachen und französisch plaudern. Marguerite lachte und
plauderte so gern, daß sie immer wieder vergaß, wie sie ja Deutsch zu
lernen habe. Fiel ihr das ein, so weinte sie ihre kindischen Thränen,
machte Sophien bewegliche Vorstellungen und beschwor sie, ihr behülflich
zu sein. Sophie versprach es feierlich, wollte es ehrlich, und Alles
zwischen den beiden jungen, guten und thörichten Geschöpfen blieb, wie es
war.
Auf die Fahrt nach Baden, auf das Mittagsessen bei der Großmutter hatten
die Kinder sich schon wochenlang gefreut. Nun sollte, wie Madame Linder
ihnen wichtig ankündigte, sogar ein junger Mann kommen, ein Schützling
der Mama, ein Künstler, etwas »Extraordinaires«, ein Genie. Wie waren
sie neugierig, als Beat eintrat! Der junge Bildhauer war nicht schön, doch
konnte er wohl gefallen, besonders jungen Mädchen, die noch kaum einen
Begriff von jungen Männern hatten, denn Sophie sowohl, wie Marguerite
waren im Kloster groß geworden, immer nur in Frauengesellschaft gekommen,
selbst Marguerite bei ihren Eltern. So war Beat denn für sie eine
Erscheinung. Seine mittelgroße Gestalt dünkte ihnen herrlich, selbst die
etwas geneigte Haltung gefiel ihnen. Er sähe so angenehm schwermüthig
aus, meinten sie in ihren ungeprüften Herzen, die noch kein Wort aus dem
großen Wörterbuche des Leidens verstanden, denn was war Margueritens
Gram? Die flüchtige Trübung eines Frühlingstages. Schwermuth klang den
Kindern wie Nachtigallgesang und Mondschein, gedämpft und süß. Beat
mußte schwermüthig aussehen; wär' es nicht gewesen, hätte ihm in den
Augen der lieben Thörinnen Etwas gefehlt. Aber jetzt war er vollkommen.
Seine hohe Stirn, seine gerade, strenge Nase, sein glattes, langes,
schwarzes Haar, seine etwas geschlitzten dunklen Augen, Alles entzückte
sie, ja, selbst seine etwas spitze Kopfbildung, wie man beobachtet hat,
charakteristisch an den Eingebornen seiner Gegend, selbst die sollte
vornehm und fein sein. Das flüsterten die Mädchen sich Alles ernstlich
und wichtig zu, während Beat sich mit seiner ehrwürdigen Gönnerin und
einer ernsten jungen Frau unterhielt, welche die Gattin des Arztes zu
Mellingen und dem jungen Künstler, wenn auch nicht immer billigend, doch
warm und redlich geneigt war.
Während der junge Mann so der Gegenstand des heimlichen mädchenhaften
Beobachtens war, stahl auch sein Blick sich fort von den Frauen, mit denen
er redete. Marguerite hatte ihn geblendet. Noch nie hatte er eine lebendige
Schönheit so vollendet gesehen. Sie zog den Künstler unwiderstehlich an,
sie reizte den Jüngling mit einer neuen heftigen Sehnsucht. Er hätte sie
zugleich als Modell und als Geliebte rauben mögen. Madame Linder gewahrte
den Eindruck, welchen die schöne Freiburgerin machte, mit Wohlgefallen.
Die alte Dame gehörte zu den Hausherrinnen, welche in jedem Gast etwas
Auserlesenes einladen wollen. Wie sie vorher die Mädchen auf Beat
neugierig gemacht, so rühmte sie jetzt das Fräulein von Gontran als
reiches, schönes, vornehmes Mädchen, als das vergötterte Kind anbetender
Eltern, als die glänzendste Partie für den Mann, der so glücklich sei,
ihre Neigung zu gewinnen. Es hätte nicht so vieler Worte bedurft, wie
sie verschwendete, um den ehrgeizigen Beat zu dem brennenden Wunsch zu
stacheln, der Glückliche zu werden, welchen sie schon im Voraus pries. Der
Schwiegersohn einer begüterten, einflußreichen Familie -- welche Zukunft
für sein Talent, welcher Horizont von Ruhm und Ehre! Wie an das Gestirn,
welches diesen Himmel erleuchten sollte, hefteten des doppelt begehrlichen
Künstlers Augen sich an Marguerite. Sie war ganz Natur und Unschuld:
ergriffen, verwirrt, selig senkte sie ihre Augen, um nicht zu sehen, wie
sie angesehen werde. Sich zu sträuben gegen die neue Wonne, den dreisten
jungen Mann auch nur durch scheinbaren Ernst in Schranken zu halten,
fiel dem wahrhaften Wesen nicht ein; sie kannte noch keine künstlichen
Pflichten. Madame Linder schmunzelte und seufzte in Erinnerung ihrer
Jugend, Sophie neckte Marguerite mit Ausgelassenheit, nur die Frau des
Arztes sah ernsthaft darein; ihr mißfiel diese Liebelei, obwohl sie weit
entfernt war, ihr eine tiefere Bedeutung beizumessen. Eigenthümlich genug
war es, daß der Austausch dieses plötzlich entsprudelten Gefühls ganz
allein durch Blicke vor sich ging, denn wie Marguerite nicht Deutsch,
konnte Beat nicht Französisch. Es erregte diese gegenseitige
Unbeholfenheit die Laune der alten Dame und die laute Fröhlichkeit
Sophiens. Sie bemühten sich Beide, die Hülflosen durch Dolmetschen in ein
Gespräch zu bringen. Es ging nicht; Marguerite war zu verschämt und
Beat zu verliebt; er zog es vor, sie nur anzusehen, und sie sprach durch
Erröthen und Lächeln wahrlich lieblicher, als durch den etwas großen
Mund Sophiens. Als es gegen Abend kam, mußten die jungen Mädchen nach
dem Kloster zurückfahren. Freundlich, wenn auch etwas pomphaft und
umständlich lud Madame Linder Marguerite ein, ihren Besuch zu wiederholen.
Marguerite sah Beat an und versprach, eine helle Freude auf dem schönen
Gesichte. Der junge Mann half den Mädchen in den Wagen und drückte dabei
Margueriten lebhaft die Hand. Unschuldig erwiederte sie den Druck; ein Bund
zwischen ihnen war so gleichsam schon geschlossen.
In das Zimmer zurückgekehrt, ergoß Beat sich in feurigen Lobpreisungen
Margueritens und erklärte, daß er ganz und gar verliebt sei. Die alte
Dame lachte auch jetzt und ermunterte ihren Günstling zum Beharren und
Heirathen, Madame Sinnich aber, so hieß die Frau des Arztes, äußerte
sich noch mißvergnügter als vorher. Bodenwieler würde sich da Etwas in
den Kopf setzen, was doch immer eine Einbildung bleiben müsse, meinte sie;
Madame Linder sollte ihn lieber wegen seines Uebermuthes schmälen, als ihn
darin bestärken! Beat, welcher vor der strengen, praktischen Frau eine Art
Respect hatte, suchte sie zu beschwichtigen und das Ganze als einen Scherz
darzustellen. »Ich will's um Ihretwillen wünschen,« sagte sie, nicht
vollkommen überzeugt. Am Abend bei ihrer Zurückkunft erzählte sie ihrem
Manne davon. Der nahm es leichter und lachte über die Schilderung,
welche sie ihm von Beat's Gehaben machte. »Es ließe sich ein Lied darauf
dichten,« sprach er. »Du denkst immer nur an Verse,« sagte die
Frau unzufrieden. Der Doctor malte sehr gut Landschaften und dichtete
allerliebst im Dialekt; die Frau mochte das nicht, hatte vielleicht auch
aus dem Grunde Beat nicht besonders gern, nämlich im Hause, sonst gönnte
sie ihm alles Gute.
Beat lief unterdessen in seinen Freistunden wie toll in den schönen
Umgebungen von Baden umher. Er war wirklich verliebt, aber freilich nur
halb in Marguerite, halb in das reiche Mädchen.
Marguerite dagegen liebte ihn von der ersten Stunde an und liebte nur
ihn. Sophie, die heute zum ersten Male etwas eifersüchtig auf Marguerite
geworden war, legte umsonst Nachdruck auf seine Armuth, wie er ein
aus Barmherzigkeit erzogenes Waisenkind sei, und so fort. Marguerite
erwiederte: »Die Waisenkinder sind des lieben Gottes Kinder.« Sie betete
am Abend für den armen Beat, der keinen Vater und keine Mutter habe. Es
war kein Gebet für eine zukünftige Nonne, aber gewiß eines für den
Himmel der Liebe. Marguerite glaubte Reichthum und eine Familie zu besitzen
und sehnte sich mit ungeduldiger Zärtlichkeit, dem bedürftigen Beat
zu geben, was ihm mangele. »Wann,« dachte sie, »wann werde ich ihn
wiedersehen, um ihm zeigen zu können, daß ich ihn liebe?«
Diese Gelegenheit hatte sie bald. Kloster Fahr liegt ganz vereinzelt, nur
ein Gasthaus theilt mit ihm die Einsamkeit an der Limmath. Da dieses Haus
ein beliebter Vergnügungsort ist, konnte Beat öfter herkommen, ohne
anfänglich Aufsehen zu erregen. Die Kostgängerinnen wurden nicht sehr
streng gehalten und durften unter der Aufsicht einer Schwester spazieren
gehen. Mehrere Tannenwäldchen liegen in der Nähe; Beat konnte sich
verbergen, bis der Zug der hübschen Kinder herankam, dann sich wie
zufällig zeigen, mit Margueriten einen Blick wechseln. Leider erkannte
auch Sophie ihn, und Sophie war neidisch darüber, daß Marguerite von
einem Liebhaber verfolgt werden sollte und sie nicht. Die ersten Male
schwieg sie noch; sie schämte sich, Marguerite zu verrathen. Aber als Beat
sich häufiger sehen ließ, als Marguerite, die sich Sophiens veränderte
Gesinnung nicht vorstellen konnte, immer offener und feuriger von ihrem
Geliebten sprach, da siegte der Neid, und Sophie machte mehrere ihrer
Gefährtinnen darauf aufmerksam, daß Beat, welchen sie bisher für eine
Art allgemeinen Anbeter genommen, leicht nur Margueritens wegen auf allen
Spaziergängen sich finden lassen dürfte. Mehr bedurfte es nicht, um alle
die jungen Augen scharf zu machen, und gewiß, Beat schlich allein wegen
Marguerite auf allen Seiten ihnen vor oder nach. Das verdiente Strafe;
geschickt, um jeden Anschein der Angeberei zu vermeiden, wurde die
Arglosigkeit der Klosterfrauen aufgeweckt. Die guten Seelen -- daß in
ihrem Kloster eine Liebesgeschichte spielen sollte, war ihnen ganz neu und
wie unbegreiflich. Indessen sie überzeugten sich: Beat schlich dem
Kloster immer näher; es war ihm sogar gelungen, an der Mühle, welche die
Klostereinfriedigung gegen das offene Feld zu abschließt, mit Margueriten
eine Zusammenkunft von einigen Augenblicken zu haben. Das junge Paar hatte
hierfür blos dem besondern Fatum der Verliebten zu danken, Marguerite war
von innen und Beat von außen an die Mühle gekommen -- das war Alles, aber
im Kloster sah man darin eine geschickt ausgeführte Verabredung und die
Gefahr nah und dringend. Man rathschlagte, ob man das junge Mädchen in ein
scharfes Verhör nehmen solle, fand es aber dann für besser, ohne sie erst
einzuschüchtern, gleich an die Familie zu schreiben und dieser das Weitere
zu überlassen. Marguerite wollte man einstweilen nur gut bewachen,
und daß dies geschehe, wandte man sich an den frommen Eifer ihrer
Gefährtinnen. Die jungen Mädchen waren entzückt, das nunmehr im Auftrage
thun zu dürfen, was sie bisher im Geheimen gethan. Sollte man aus dieser
Bereitwilligkeit nicht auf wirkliche Gehässigkeit gegen die Fremde und die
Schönere schließen? Und doch war es sicher nur jugendliche Eifersucht auf
»den Liebhaber«. Hätte man allen den jungen Neiderinnen der Reihe nach
den Künstler angeboten, Keiner würde er recht gewesen sein, Keine ihn
gewollt haben. Aber Marguerite sollte nicht lieben und nicht geliebt
werden.