-- die beiden Menschen müssen durchaus noch ein gemeinsames Schicksal
haben. Ich wollte sagen, daß Madame Hölty sich trösten würde, wenn ihre
liebe Madame Picard sich ein wenig compromittirte.«
»Warum denken Sie so Böses?« fragte der Engländer.
»Welche finden Sie hübscher?« fragte sie zurück. »Madame Picard oder
unsere liebenswürdige Wirthin?«
»Das ist wohl kein Zweifel.«
»Welche ist jünger, welche eleganter, welche hat allenfalls die
Erlaubniß zu kokettiren?«
»Alles kein Zweifel.«
»Nun, wie können Sie mich da nicht verstehen -- wollen? Warten wir's
ab -- es ist eine völlige Novelle -- Nichts fehlt, nicht einmal die
heuchlerische Vertraute -- Madame Hölty spielt sie mit möglichster
Natürlichkeit.«
»Und wie wird das Ende sein?«
»Ueberall wo anders würde es zu einem -- komischen oder höchstens
dramatischen Ende kommen, hier in Genf besteht das Ende darin, daß es eben
kein Ende giebt.«
»In der That?«
»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der Schweiz giebt es keine
Romantik.« Sie sagte das mit der vollkommensten Ueberzeugung.
Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie gut sie errathen
worden, befand sich unterdessen zum zweiten Male vor dem Stacketenzaun am
Picardschen Garten.
»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht wundern, wenn Herr Leon
Ihnen noch heute die glühendste Liebeserklärung schriebe.«
»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem Entzücken, »die
Deutschen sehen Alles mit poetischen Augen an. Herr Leon denkt nicht daran,
mir eine Erklärung zu schreiben -- überdies würde ich sie auch ungelesen
zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre Würde besinnend, feierlich
hinzu.
Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline den ganzen Abend, sowie
den ganzen nächsten Morgen über auf einen glühenden Brief von Leon. Es
kam kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.
Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich Genfer, fand er diesen Empfang
doch zu kalt -- es gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die
Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu werden -- die kommen
sollende Liebeserklärung ging ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch
nicht. Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, aber nur, um mit
seiner Mutter am Arm vorüber und zu Madame Hölty zu gehen.
Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. Wollte er die Deutsche
wieder singen hören? Pauline hätte sich deßwegen beruhigen können,
die Deutsche sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an ihrer
Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche sah Pauline den jungen
Pariser vorbeigehen, immer fein spießbürgerlich die Mutter führend.
Da sie das Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in den
allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine Engländerin sogar
blieb nicht frei. Pauline hielt nun einmal Leon für unwiderstehlich und
glaubte, beiläufig gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.
Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut einen Besuch und sah, wie die
Sachen standen? Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden Frauen,
die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. Und warum erkundigte sie sich
denn nicht bei Madame Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel zu thun
mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen für Georges und Kleidern für
Louise! Madame Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein würde,
darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.
Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um die ihm geliehenen Noten
zurückzubringen. Pauline sprach während der Stunde, die sie ihn
festhielt, außer von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen
auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als einen sehr angenehmen Mann,
wunderte sich, daß er roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens
politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie schon gesagt, auch
nicht zu dem kleinsten Faden, der sie in dem Labyrinth von Leons völligem
Schweigen leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine Frau noch
nicht wieder gesungen habe.
Unvermuthet.
Es war ein schöner Morgen, noch ganz früh, Madame Hölty aber schon auf
und im Garten. Da hörte sie ihren Hund bellen, Georges »Guten Morgen«
sagen, hörte hinter sich einen Tritt, sah sich um und erblickte Herrn
Leon.
»Ach, Herr Leon,« sagte sie holdselig und reichte ihm die Hand, »so
früh! Was bringen Sie?«
»Ein Geheimniß,« antwortete er mit einem Ausdruck von Behaglichkeit.
»Ein Geheimniß?« wiederholte Madame Hölty. »Ein gutes, hoff' ich?«
»O, das allerbeste.«
Sie setzten sich auf die Bank, Georges wurde zum Hunde geschickt. Madame
Hölty war voller Erwartung.
»Ich bin verliebt,« fing Leon ohne alle weitere Einleitung an.
Verliebt -- Madame Hölty fühlte eine gewisse Unruhe -- wollte er sie zur
Vertrauten machen -- das ging doch unmöglich an, Herrn Picards wegen.
Leon wiederholte nachdrücklich: »Ja, ich bin verliebt, sehr verliebt, und
will heirathen.«
»Was, Sie wollen Madame Picard heirathen?« fuhr Madame Hölty heraus.
»Madame Picard heirathen?« fragte er ihr nach und sah sie groß an. »Was
fällt Ihnen ein? Was sollte ich mit Madame Picard? Ein junges Mädchen
will ich heirathen, ein bildhübsches junges Mädchen aus Marseille, mit
vielem Vermögen, aus sehr guter Familie.«
Man sieht, Madame Hölty hatte den armen Leon verläumdet, indem sie ihn
als Rothen schilderte -- er war der conservativste Mensch. Auch sah sie
ihn ganz verblüfft an und konnte sich gar nicht in das ihr geschenkte
Vertrauen finden. Endlich fragte sie: »Und seit wann, wie, wo sind sie
denn auf diesen Gedanken gekommen?«
»Seit wann? Im vorigen Winter. Wo? In Paris. Wie? Indem ich mich
verliebte und die Partie wünschenswerth fand. Da jedoch mein künftiger
Schwiegervater auch von mir ein gewisses Einkommen verlangt, und ich leider
beinahe Nichts mehr besitze, so mußte ich meine Mutter zu gewinnen suchen,
damit sie Etwas für mich thue. Deßwegen bin ich hergekommen und habe mich
so aufgeopfert. Nun, ich bin auch belohnt worden -- meine Mutter willigt
ein, setzt mir eine hübsche Summe jährlich aus, -- wünschen Sie mir
Glück, ich bin Bräutigam. Jetzt begleite ich nur noch meine Mutter nach
Hause, dann reise ich sogleich nach Frankreich, und in zwei oder drei
Monaten hoffe ich, Ihnen meine junge Frau vorstellen zu können.«
Die Freude Madame Hölty's war groß und aufrichtig; Leon war ihr
entschiedener Günstling. Plötzlich sah sie sehr erschrocken aus und
fragte: »Aber Madame Picard?«
»Nun wohl, Madame Picard?« erwiederte Leon. »Was ist's mit Madame
Picard? Ich habe ihr im Vorbeigehen etwas den Hof gemacht, und hoffe, sie
wird mir erlauben, ihr ebenfalls meine junge Frau vorstellen zu dürfen.«
Da Leon Madame Hölty ersucht hatte, seine Mittheilung geheim zu halten,
konnte es nicht fehlen, daß sie zu Mittag ihre Fremden davon in
Kenntniß setzte. Die Deutsche klatschte in die Hände und rief: »Das ist
allerliebst -- die Novelle endet, wie ich gesagt, ohne Ende.« Dann wurde
sie ernsthaft und setzte hinzu: »Auch wenn Herr Pellet liebenswürdiger
wäre als er ist, möchte ich ihn doch nicht zum Manne haben. Ein
sauberer Bräutigam das!« Die Engländerin war, als man ihr den Verhalt
verdollmetscht, ganz derselben Meinung; der Engländer versuchte, den
Pariser zu entschuldigen, wurde jedoch überstimmt. Dann kam die Frage zur
Sprache: ob und durch wen Madame Picard es erfahren solle. »Sie müssen es
ihr sagen, Madame Hölty,« entschied die Deutsche.
»Ich sehe nicht ein, warum, Madame,« erwiederte Madame Hölty, auf einmal
zurückhaltend. »Sie scheinen sich wunderbare Gedanken über Madame Picard
zu machen; es kann ihr doch völlig einerlei sein, ob Herr Pellet heirathet
oder nicht.«
»Ach, Sie sehen es nicht ein? Sie haben vollkommen Recht,« sagte die
Deutsche nachlässig, im Innern aber ergriff sie jetzt für die arme
Pauline Partei. »Sie soll es erfahren,« dachte sie, »ganz einfach, ohne
daß sie dadurch plötzlich überrascht, noch einmal Stoff zu hämischen
Betrachtungen liefern soll.« Wie man sonst sagt: ein Mann, ein Wort;
so heißt es hier: eine Frau, ein Wille. Die Deutsche fand es plötzlich
nöthig, vor ihrer nahen Abreise Paulinen einen Besuch zu machen. Da, neben
der hübschen Waadtländerin sitzend, erwähnte sie ganz obenhin, was sie
wußte. Die arme Pauline ward roth und blaß -- es traf sie unvermuthet.
Ihren Anbeter hatte sie in Leon zu sehen geglaubt, und nun war er ein
Bräutigam. »O, die Männer waren doch alle gleich schlimm!« seufzte sie
innerlich. Die Deutsche sagte lächelnd: »Was meinen Sie, beneiden wir
die Braut? Ich muß Ihnen bekennen, nach zehnjähriger Ehe ziehe ich meinen
Mann noch tausend Mal dem verbesserten Demokraten, Herrn Leon, vor, und Sie
werden wahrscheinlich eben so denken. Er ist, ich weiß nicht warum, das
Ideal unserer guten Madame Hölty -- nun, der Geschmack ist frei, aber
hier, unter uns, nicht gut. Herr Leon riecht immer so grenzenlos
nach Taback.« Und sie machte ein Gesicht, als wäre damit ein Mann
unwiderruflich verurtheilt.
Pauline lachte bald mit dem größten Aplomb über den Löwen ihrer
Träume. Es ist gut, daß man sich so leicht fassen kann, wenn man eben
nur kokett gewesen. Als Pauline Madame Hölty sah, sprach sie schelmisch:
»Nun, und Herr Leon?« Madame Hölty wollte Nichts wissen. »Aber ich
weiß Alles,« sagte lachend Pauline. »Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm,
jetzt könne er mich besuchen, wann er wolle. Ich möchte gern von seiner
Braut hören.«
Leon machte diesen Besuch nicht und hörte auch mit Gleichmuth von
Paulinens Gleichgültigkeit. Madame Hölty ärgerte sich darüber; sie
hätte Paulinen »gern einmal Etwas gegönnt.« Pauline aber ist seitdem
ernster geworden und scheint ihrer guten Freundin keine Gelegenheit mehr zu
freundlichen Wünschen geben zu wollen. Leon ist bereits seit zwei Monaten
Ehemann, will aber bis jetzt noch nicht nach Genf kommen, weil er es zu
demokratisch fand. Wie man sagt, stimmt Leon jetzt für die Legitimisten.
Tagebuch in Schwyz.
Den 9. September 1849.
Wie kommen wir hierher? Vorgestern und gestern waren in Einsiedeln zum
Geburtstag der Jungfrau achttausend Pilger, und alle sechszehn Glocken
läuteten mit geringer Unterbrechung von früh vier bis acht Uhr Abends.
Aus meinem Fenster sah ich unaufhörlich das Hinundwiederströmen, wie ein
buntes Schattenspiel, auf dem weiten, farblosen Platze zu unsern Füßen.
In schwerer Ermattung kamen die Weithergewanderten, auf dem Rücken ihr
armes Gepäck, auf der Stirn Staub, im Herzen wohl Kummer oder Reue,
tranken an jeder der Röhren, aus denen der heilige Brunnen strömt, und
gingen dann noch erst in die Kirche, bevor sie ein Obdach suchten, das zu
finden ihnen oft vieles Bitten kosten sollte. »Mühselige und Beladene«
dachte ich immerfort, und mir war's, als legte das ganze Leben
erdrückend sich auf meine Brust. Ein finsteres Gewitter stand hinter
den Tannenwäldern, starke Donner rollten linkshin in Glarus, das graue
ausgedehnte Kloster ward von grellen Lichtern schneidend beleuchtet. In der
Nacht glaubt' ich immer, es wolle mit seinen beiden gewaltigen Thurmarmen
mich umschließen und zu Tode pressen. Fort wollt' ich, fort, fort,
gleichviel wohin. Wir fanden einen Kutscher aus Brunnen und eben als
die Procession sich geisterhaft zu entwickeln begann, fuhren wir dem
Vierwaldstädter See zu. Mir war's gleich, ich sah Nichts um mich her,
ich weinte. Nach dem Mittag in Sattel wurde der steinige Weg für meinen
gemarterten Kopf so furchtbar, daß ich in Schwyz zu bleiben begehrte, weil
wir eher dorthin kommen sollten, als nach Brunnen. Der Kutscher meinte: es
sei schön da, »und do,« setzte er hinzu, »do isch Goldau.« Die
Stätte einer Verwüstung und einer solchen -- das weckte mich aus meinem
Stumpfsinne -- ich ließ den Wagen zurückschlagen, da lagen am Lowerzer
See die Rigi und der Roßberg und zwischen beiden in der Tiefe die
röthlichen Trümmer. Den ganzen Roßberg herab ist noch die Straße dieses
Unheils sichtbar -- mir gefiel's -- es war ein herb Gefallen.
Hier empfing uns Herr Hediger, Wirth des nach ihm getauften Hotels, sehr
freundlich. Das Haus war ganz leer, uns willkommen, ihm nicht. Vor acht
Tagen hatte er noch einen Gast gehabt -- Herrn Fritzsche aus Berlin. Der
war schon im vorigen Jahre acht Tage hier gewesen und in diesem »bereits
wirklich« auf vierzehn wiedergekommen. Wir wurden Herrn Fritzsche's Erben,
d. h. wir bezogen die von ihm verlassenen Zimmer, und können nun
von seinem Balkon die vollkommenste, ich möchte sagen klassischste
Alpenlandschaft, die wir noch gesehen, überschauen und gleichsam studiren.
Vor uns liegt, durchblinkt von der Muotta, das grüne Thal, von Schwyz bis
Brunnen. Rechts in der Tiefe der See, rechts von ihm der Timbel, näher zu
uns der Urmiberg, links von uns die schöne Frohnalp, gegenüber jenseits
der Urner Rothstock und das Buochshorn in Unterwalden. Es ist eine warme
gesättigte Vollendung in diesem Gemälde, eine künstlerische Abrundung,
eine unübertreffliche Verschmelzung des idyllischen Vorgrundes mit
dem großen, reichen Hintergrunde und der prachtvollen Einrahmung. Die
Ueberleuchtung erinnert uns an das Innthal -- derselbe reine, sonnige
Glanz, nur dort krystallener, hier schwingender.
Den 10. September.
Der Flügel im Salon neben unserm Balkonzimmer steht einen ganzen Ton zu
tief. Ich begehre nach dem Organisten. Um acht Uhr werden wir heute durch
Spielen geweckt. Otto geht hin, findet einen jungen Menschen, der sich als
halber Stimmer gehabt, schickt ihn fort, bis ich aufgestanden. Nach der
hiesigen Mittagsstunde von halb zwölf kommt der kleine schönfrisirte
Mensch wieder. Ich empfange ihn als Organisten, aber er ist es nicht, er
ist »nur so für sich.« Der Sohn des hiesigen Schmiedebesitzers. Ein
Elegant von Schwyz, Musiker, -- wird bei der nächsten Kirchweihe den
Richard in der Schweizerfamilie singen. Ich kenne doch wohl die Oper? Eine
Jungfer aus Gersau singt die Emmeline. Sie hat »wirklich« neulich in
einem Concert auf dem Rathhause die Arie: »Wer hörte« mit allgemeiner
Zufriedenheit gesungen. Richard sagt natürlich »gesunga«. Der Pater
Placidus, vertriebener Conventuale aus Wettingen bei Baden, lehrt hier den
Gesang und läßt seine Schüler die Oper einstudiren, die erste Oper,
an welche die hiesige Liebhabergesellschaft geht. Das Orchester will noch
nicht recht schnell streichen und blasen, eine große Probe ist noch
nicht gewesen, die Mitspielenden können noch nicht ihre Nummern alle, die
Gertrud hat eine etwas schwache Stimme, aber das thut Alles Nichts -- die
Oper wird gehen. Dramen sind schon mehrere aufgeführt worden, und Richard
kann sagen: »bereits wirklich zum Vergnügen des Publikums«. Nun,
wenigstens doch Sinn für etwas Anderes als Milch und Käse. Im Hause sogar
ein Lesecabinet mit deutschen, italienischen und französischen Blättern,
eingerichtet vom Redacteur der hiesigen neuen Zeitung, einem Flüchtling
aus dem Aargau. Die damals im Aargau für den Sonderbund gekämpft, sind
jetzt noch proscribirt -- die Badener, welche ihre Fahne verlassen haben,
sollen von ihrem Fürsten mit der bereitwilligsten Artigkeit aufgenommen
werden, verlangen die freien, d. h. die radikalen Schweizer. Bei
Bürgerkriegen in einer Republik hat jeder Einzelne die vollkommene
Berechtigung, zu ergreifen, welche Partei er wolle -- sollte man meinen.
Behüte, die freien Schweizer meinen es anders. Der Sonderbund war ein
Aufruhr gegen die jetzige Regierung -- welche noch nicht eingesetzt war.
Die Fürsten, welche sich etwa noch erhalten haben, sind Rebellen gegen die
künftige allgemeine Republik. Also sei es, da der Unverstand es so haben
will. Otto hat mit dem Redacteur gesprochen. Der junge Mann prophezeit
einen Ausbruch nicht mehr gar zu fern, und zwar einen blutigen. Ich glaube
ihm, ich habe schon im vorigen Winter im Waadtlande und diesen Frühling in
Genf mehr denn zehnmal zu Schweizern gesagt: »Gebt Acht, nach oder vor der
Heimkehr von der Alp giebt's ganz unversehens wieder bei Euch einen kleinen
Familienkrieg, eine allerliebste, niedliche Contrerevolution.« So wird's
auch kommen -- im Sommer nicht, im Winter eben so wenig: im Winter ist's
gefährlich in den Pässen und zu kalt obenein, im Sommer muß gealpt,
geerntet, gekeltert werden, und die Schweizer sind viel zu praktisch und zu
vernünftig, um einer Revolution wegen ihre Geschäfte ungethan zu lassen.
Aber im Frühling oder im Herbst, im Herbst besonders, wenn Vieh und Ernte
unter Dach und Fach sind, dann erlaubt man sich wohl von beiden Seiten das
Vergnügen wieder einmal an einander zu stoßen, und dann -- so gelassen,
überlegt und gutmüthig im Allgemeinen die Schweizer sind, zum Todfeind
möchte ich keinen haben. Sie besitzen, glaube ich, im höchsten Grade die
allen phlegmatischen Organisationen inwohnende Fähigkeit zur Rache.
Der Redacteur wohnt im Hause, neben seinem Zeitungscabinet. Vor acht Tagen
hat auch »bereits wirklich« noch ein alter Sprachlehrer hier gewohnt,
»ein melancholischer Pedant«, der Englisch, Französisch und Italienisch
gelehrt. Otto sagte: »Da wohnt ja Alles hier im Hause.« Richard
antwortete mit schweizerischer Gründlichkeit: »O nein, eben nicht
Alles.« Der Flügel steht noch, wie er stand.
Den 11. September.
Herbstwind und Wolkenschatten ziehen über die Gegend, die ich noch gleich
bildschön finde. Aus lauter großen Verhältnissen ergiebt sich hier die
anmuthigste Umgebung. Der Mythen hinter uns hat an sechstausend Fuß --
wir blicken an ihm hinauf wie an einer mäßigen Felsenwand, deren Farben
deutlich erscheinen. Die Gletscher in Uri sind zehntausend Fuß hoch -- wir
sehen den Schnee auf ihnen so nahe liegen, als dürften wir, um eine Schale
voll zu nehmen, eben nur hinüber. Der See scheint ein hübsches, kleines
Gewässer und ein Dampfschiff auf ihm nicht viel größer, als das
Kähnchen mit der eidgenössischen Fahne, welches wir in Baden für Marco
kauften.
Nachmittag.
Der Wind ist der Föhn. Er kommt über die Lawinenspur auf der Frohnalp,
schiebt die Alpen zusammen und färbt sie mit weicher, funkelnder
Dunkelheit. Der Schnee leuchtet heller zwischen den jetzt dunkelblauen
Zacken, und der See ist Lichtkräuseln.
Den 12. September.
Ungeduld und Ueberdruß ergreifen mich bisweilen mit den wildesten
Krämpfen. Ich schreie dann, es sei, weil ich so lange keine wirkliche
Schönheit gesehen. Das Hängen über allen Abgründen von Möglichkeiten
mag's denn mit sein, vielleicht hauptsächlich, aber gewiß thut auch viel,
daß ich seit Italien keinen Himmel, kein Meer, keine Rosen und kaum zwei
oder drei schöne Gesichter gesehen habe, daß ich in der Prosa gelebt, wie
in einem zu niedrigen Raum, daß -- o Süden und Schönheit!
Als ich in Sterzingen wieder die erste Krautpflanzung sah -- drei Jahre
sind's nun. Was hab' ich seitdem für Krautpflanzungen vor mir gehabt!
Damals weinte ich wie unsinnig über den heimathlichen Anblick, und die
Wirthin fragte, neugierig wie nur Tyrolerinnen es sein können: »Warum
weint denn die Frau so?« -- »Weil sie aus Italien zurück soll,«
antwortete Otto. »Fahren's doch wieder 'nein,« war ihr naiver Vorschlag.
»Ja, fahren's doch wieder 'nein in das Land der Malerei, oder -- in den
Himmel.«
Ein Haus wird gebaut -- nicht für uns! Und warum wird's denn hier in
Schwyz gebaut? Wohnt man denn noch in Schwyz? Mir kommt das Städtchen
trotz der aufzuführenden Oper und der neuen Zeitung so überflüssig im
jetzigen Jahrhundert vor. Wie eingenickt sitzt es da am Fuße des
Mythens und sieht ganz aus, als würd' es im nächsten Augenblick völlig
einschlafen. Schlaf' ein, altes Schwyz, schlaf' ein -- ich will dir ein
Wiegenlied singen.
Abends.
Der Abbé Gregorio fragte, als er uns von dem Irren auf Lazzaro erzählt:
»Ist er toll, oder sind wir's?« So frag' ich: »Ist die Schweiz
prosaisch, oder sind wir's?« Wir bewundern Alles, es gefällt uns Alles
und läßt uns Alles kalt. Macht die Sorge das Herz so kühl, wie sie die
Stirn heiß macht?
Der Staub des Lebens ist sichtbar in der Schweiz. Man sieht es recht, wenn
zwischen Schweizern ein Tyroler einherschreitet. Otto sagt: die Schweizer
schleppten sich, als drückte ihre Freiheit sie -- der Tyroler ginge,
als fühlte er unter dem freiwillig anerkannten Herrn sich wahrhaft
unabhängig. In einem Wort es auszudrücken -- die Tyroler sind ein
poetisches, die Schweizer ein prosaisches Alpenvolk.
Wir saßen heute lange auf einem Steinzaun, gegenüber dem Mythen, um
dessen rothe Spitze schleierne Wölkchen webten, und wieder wunderten wir
uns, daß er mit seinen dreitausend Fuß über unserm Steinzaune nicht
schauerlicher aussähe. Wonach wir Alle ringen, Ueberlegenheit, ist
eigentlich nur die Bequemlichkeit, die Welt von unserm Standpunkte aus so
verkleinert zu sehen, wie in solcher Höhe die Alpen. Die eigenthümliche,
gleichsam körperliche Stille der Luft, welche wir im Berner Oberlande
gefühlt, berührte uns heute abermals. Ein Junge jodelte; die Echo's
schrieen es ihm aus tausend Kehlen nach. Das Jodeln klingt unnatürlich, es
ist das letzte Mittel, worauf die Langeweile in diesen Gegenden gekommen;
sie erzwingt dadurch wenigstens eine eingebildete Belebung. Ein Mädchen
that es auch; wir sahen uns mehrere Male um, ob wir uns auch nicht in dem
Geschlecht der Stimme täuschten, so bubenhaft klang sie.
Den 13. September.
Der See tobt regenbogenglühend im letzten Sonnenscheine, der wie durch
Schleier schräg darauf fällt. Wir sehen es von hier, wie die Wellen
anschlagen, als wollten sie empor auf die brennenden Matten in Uri.
Ein Veilchen von der Steinmauer eines Landhauses gab uns heute
Frühlingsduft im Herbste. Es hat hier Landhäuser, aber sie nehmen
sich auch eben nicht anders aus, als wie kühle, gesicherte, angenehme
Schlafwohnungen.
Wer einen schwachen Magen hat, komme geschwind her in die schönste
Alpenlandschaft und in das schläfrigste Städtchen. Drei Apotheken
sind hier und nicht ein einziger Zuckerbäcker, und selbst das einfache
Weißbrod ist immer: vom Tage vorher. Es ist hier ein Eden ohne Versuchung.
Den 14. September.
Heute ist in Einsiedeln große Abendprocession mit glänzender Erleuchtung
des Klosters. Wir wollten hin und in der Nacht zurück, aber ich bin noch
zu matt.
Ein Blinder aus Stuttgart hat eben den Flügel glücklich auf den Kammerton
gebracht, was dem guten Instrument seit dem Tage seiner Existenz noch nicht
begegnet sein soll.
Hellblauer Himmel, hellblauer See, sonniggrüner Vorgrund, dunkelblaue
Alpen, große, weiße Wolken darauf.
Alte Zeitungen studiren wir durch. Sehen, wie's heillos gewesen in der Welt
diesen Sommer. Sind dadurch bedrückt noch außer unserm eigenen Kummer.
Deutschland, -- werde nur Deutschland eins mit Preußen, Preußen durch
Deutschland groß, mächtig und prächtig! Mir füllt's manchmal die Brust:
Preußens deutsche Größe sei das Räthselwort dieser zwei Jahre.
In drei Monaten hunderttausend Einwanderer in den Vereinigten Staaten. Was
für unreine Elemente in den Gährungsproceß, der sich dort allmählich
vorbereitet!
Unser Herr Hediger möchte auch hin. Der Kulmwirth vom Rigi ist ebenfalls
europamüde. Sind die Schweizerwirthe närrisch?
Nestroy schreibt noch Possen. Das heißt auch Charakter.
Gegenüber liegt die Rütli, wo die drei Schweizer gegen Oesterreich
schworen. Ich möchte hier auch ein antiösterreichisch Gelübde thun, wenn
-- ein Gelübde von mir Etwas hülfe.
An die Welt thue ich jetzt täglich die Frage: Was wirst du einst für
meinen Knaben sein?
Sieben Uhr.
Wir gingen träumend durch den Herbstabend im Schwyzerländchen. Es ist
voll von Sägemühlen und Kapellen. Eine von diesen besuchten wir; die
Weihkessel waren fast leer; inwendig über der Thür stand zu lesen:
Heiliger Antony, bitte für uns Alle,
Daß uns und unser Vieh kein Schaden befalle.
Unter Nußbäumen kamen wir nach Uetenbach und an die Muotta, dann zurück
am Bächlein, wo Vergißmeinnicht blühten. Das Bächlein murmelte, die
Mühlen klapperten, die Kapellen läuteten, die Nebel webten um den Mythen
und allenthalben, -- ganz betäubt langte ich wieder in unserm Balkonzimmer
an und wunderte der grünen und weißen Dämmerung gegenüber mich
immerfort, wie ich eigentlich nach Schwyz gekommen sei.