Der große Tag kam. Madame Hölty machte im Salon ein mächtiges Geräusch.

Der Sopha wurde ganz anders gestellt, neben die zweite Thür, welche

unmittelbar in den Garten führte. Die Deutsche, welche in ihrem Stübchen

oben das Gerassel der Vorbereitungen gehört, kam herunter und gab ihr Wort

dazu. Zwei Lehnsessel waren vorhanden; sie ließ sie von der Wand an den

runden Tisch vor den Sopha rücken. Es ist in Genf Sitte, daß besagter

runder Tisch mit Büchern geschmückt werde, und zwar in der Art, daß die

Bücher gleich Radien eines Kreises liegen. Auch hier war es der Fall; alle

Bücher Louisens waren ausgebreitet. Die Deutsche meinte, das passe nicht

zu einer Soirée. Madame Hölty sah kläglich aus; im ganzen Hause gab

es keine andere Bücher. Die Deutsche entschloß sich kurz, holte aus der

Reisebibliothek ihres Mannes eine Menge Sprachlehren und Wörterbücher und

garnirte damit den Tisch. Die Kinderbücher wurden in eine Ecke einquartirt

neben einem schadhaften Damenspiel und einem ehemals eleganten Kästchen,

und der Salon hatte auf einmal eine ganz eigene Physiognomie, ein gewisses

»capables Ansehen« angenommen.

Der Mittag ging wie gewöhnlich des Sonntags vorüber -- die Genfer lobten

Gott, indem sie in Paquis knatternd nach der Scheibe schossen, Herr Hölty

hatte am frühen Morgen Fische gefangen, welche nebst Rindfleisch und einem

Kuchen das Diner ausmachten. Die Kinder aßen den Gästen mehr fort, als

diesen lieb war, der Hund bettelte am Fenster und bekam Nichts -- es war,

wie es schon sechs oder sieben Mal gewesen war. Aber am Abend sollte es

anders sein.

»Madame Picard wird wohl etwas früher kommen, um den Abend im Garten

genießen zu können,« sagte Madame Hölty.

»Wer kommt noch außer Madame Picard?« fragte die Deutsche. Die

Engländerin konnte kein Wort Französisch, folglich auch keine Frage thun.

»Kommt Herr Picard auch?« fragte die Deutsche.

Nein, Herr Picard war auf einer Reise, es kamen außer Madame Pellet und

Herrn Leon nur noch ein Ehepaar aus Lyon und die Nichte der Madame Hölty,

»die ein Stück spielen solle«.

Die Deutsche lachte über die ungemein glänzende Versammlung.

Ein Herz schlug dieser Gesellschaft doch entgegen, so lächerlich klein sie

auch war. Pauline aß kaum Etwas zu Mittag. Die Kinder wurden gescholten,

die Bonne bekam Verweise. Pauline war fieberhaft erregt, hatte Kopfweh. Ob

sie nicht lieber absagen sollte? Am Ende -- eine Soirée bei Madame Hölty

-- Gott, man wußte ja, wie langweilig das war. Allerdings, heute waren

Fremde da. Von der Deutschen hatte Pauline schon viel gehört. Der Mann

sollte noch jung und sehr angenehm, die Frau eine gute Sängerin sein.

Dann die Engländer -- Pauline mochte Engländer leiden, sie waren meistens

originell, »und etwas Originalität thut einem in Genf von Zeit zu Zeit

Noth,« seufzte Pauline. Ja, der Fremden wegen wollte sie gehen. Und so --

mußte sie sich anziehen.

Welches Kleid? Putzen konnte man sich nicht gut, aber elegant mußte man

doch auch aussehen. Die beiden Fremden würden sich gewiß sehr schön

machen. Pauline entschied sich für ein schwarzseidenes Kleid, eine

elegante Collerette, eine nelkenrothe Cravatte. Ein schwarzes Tuch um den

Kopf wurde nicht vergessen, ein Ueberwurf angezogen, welcher den Wuchs gut

hervorhob, dann der Hut aufgesetzt -- Pauline wußte nicht, wie sehr er sie

entstellte, und hätte sie es auch gewußt, man kann doch in einer Vorstadt

von Genf nicht ohne Hut gehen. Pauline rief den Zwillingen, welche Georges

die Freunde Picard nannte, übergab Emil der Bonne, warf nachlässig hin,

sie werde bald wiederkommen, nahm den Sonnenschirm in die Hand und das

gleichgültige Gesicht an und begab sich =comme il faut= zu Madame Hölty.

Georges nahm am Gartenthor die Zwillinge in Empfang; Louise, im weißen

Kleide mit blauer Schürze, eilte den Gang hinauf, wo die Mutter mit der

Deutschen war. Madame Hölty stellte »ihre Freundin« vor. Madame Picard

erschrak -- die Deutsche hatte weder Hut noch Handschuhe. Auf eine sehr

faselige Art freute sie sich, die Bekanntschaft Paulinens zu machen,

versicherte dann, sie könne unmöglich den schönen Abend vorbeigehen

lassen, ohne sich noch etwas zu rudern und lief an den See, wo ihr Mann

bereits einen Kahn losgemacht hatte. Madame Hölty führte Pauline an die

Gartenmauer, und sie sahen, wie das Ehepaar lustig in den klaren See und in

die laue Luft hinausruderte. »Das ist alle Abend ihr Vergnügen,« sagte

Madame Hölty, »wird sie müde, so rudert er allein -- nie fast fahren sie

mit Jemand sonst. Und das dort ist der Engländer, der fährt seine Frau

auch.« Pauline folgte den leichten Barken, deren jede ein allem Anschein

nach vollkommen glückliches Paar trug, mit dem Blicke eines stillen

Neides. Warum konnte sie nicht auch so fahren, gerudert von einem Manne,

der sie anbetete, gleichsam Königin in der Schönheit dieses Abends? Eine

Erbitterung gegen ihren Mann ergriff sie, wie sie noch nie empfunden --

»an ihm rächen möcht' ich mich,« dachte sie. »Madame, wie glücklich

bin ich, Sie wiederzusehen,« sagte eine Stimme hinter ihr. Erröthet

wandte sie sich um. Leon Pellet stand da und begrüßte sie mit

ausdrucksvollem Blicke. Er hatte kein schönes Organ, aber er sprach in

reinem Französisch, und Pauline glaubte, eine Bewegung in seinem Tone

zu errathen. Er hatte auch kein schönes Auge, -- es war stechend und

bisweilen selbst zweideutig im Ausdrucke, aber er heftete es fest auf

Pauline, und sie bedurfte es in diesem Augenblicke so sehr, bewundernd

angesehen zu werden. So dünkten denn Auge und Stimme ihr liebenswürdig,

ja, sogar bestechend.

Leon war mit seiner Mutter gekommen -- er war jetzt ein so guter Sohn, daß

er seine Mutter nie ohne die Stütze seines Armes gehen ließ. Aber die

alte Dame spazierte mit Madame Hölty in einiger Entfernung auf und ab, und

Pauline fand sich nicht veranlaßt, die ersten Schritte ihr entgegenzuthun.

Sie setzte sich vielmehr auf eine grüne Bank, die zwischen Rosen stand.

Leon stützte sich auf die Lehne. Pauline athmete laut auf -- sie hatte

jetzt auch einen Mann neben sich, der nur auf sie sah, nur mit ihr redete.

Allerdings war es nicht der ihrige, aber -- man kann nicht immer Alles

haben.

Sie sprachen. Die Unterhaltung, welche Leon mit ihr führte -- es bedurfte

keiner Genferin, um sie zu führen, wenn nämlich die Genferinnen sich

wirklich durch größeren Ernst und tieferen Gehalt auszeichnen sollten.

Der See war das Thema, das uralte und alltägliche Thema, welches zum

tausendsten Male in derselben Art abgehandelt und abgewandelt wurde. Der

See war schön, wer wollte es läugnen? Das Gartengestade drüben lag

in prächtiger Dunkelheit auf dem violetduftigen Jura. Die Stadt links,

beherrscht von der zweithürmigen Kathedrale, war kraftvoll in die

gelbliche Glorie des Himmels gemalt. Rechts hin -- wie lieblich verliefen

nicht die Linien des Sees in die des Joral, und die Umrisse des Joral in

den rosigen Osten! Und die vielen Fahrzeuge, welche auf der spiegelhellen

Glätte in die Abendröthe schifften, rascher, langsamer, gewaltsam, ruhig,

bald mit blähendem Segel, bald blos mit flatternden Wimpeln, gerudert von

zwei, vier, sechs, acht Rudern. Ja, der Abend auf dem See war schön, aber

um das zu empfinden, brauchte man blos eine Seele, um es zu sehen, nur zwei

gesunde Augen.

Pauline ließ die ihren melancholisch einer kleinen Peniche folgen, worin

eine Frau saß, während zwei Männer ruderten. »Ich möchte wohl,« ließ

sie fallen und hielt inne. --

»Auch so fahren?« fragte Leon. »Ja, diese Beweglichkeit lockt an --

man möchte sich hineinmischen. Haben Sie keinen Kahn? Ich würde Sie mit

Vergnügen fahren.«

»Mein Mann liebt Wasserfahrten nicht,« erwiederte Pauline. »Für mich

ist es eine Erinnerung an meinen heimathlichen See.«

»Ist der so schön wie dieser?« lispelte Leon.

»Für mich schöner. Doch natürlich heißt das mit den Augen des Herzens

sehen.«

»Das beste Sehen, das richtigste.«

»Nicht immer.«

»Doch. Sobald Sie eine Person auf diese Art sehen, werden Sie ihr

Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Ein Blick gab dieser Redensart ihre

Anwendung.

Pauline erhob sich, anscheinend in Verwirrung. Sie spielte so gut wie Leon,

nur eifriger als er. Er that's nur, weil er nichts Besseres zu thun hatte

-- sie, weil ihre Phantasie dadurch ergriffen war. In ihrer Rolle lag es

jetzt, verstanden zu haben und auszuweichen; sie sagte leise, es werde kalt

hier am See. --

Leon lächelte -- es war ein unverschämtes Lächeln. Pauline nahm es nur

für bedeutungsvoll. Er bot ihr den Arm. Der große Salève sah aus seiner

blauen Höhe über die Bäume des Gartens herein. »Dort hinauf will ich

einmal,« sagte der junge Mann. »Waren Sie schon oben?«

Pauline bejahte, setzte hinzu, sie erwarte binnen einigen Tagen Verwandte

-- mit denen wolle sie abermals hinauf. »O dann --« sagte Leon. Er

erwartete eine Einladung; er irrte sich. Pauline kokettirte als Genferin,

d. h. mit genauer Beobachtung einer gewissen Scheidelinie. Leon konnte sich

ihr Entgegenneigen nicht mit ihrer Zurückhaltung zusammenreimen. Daß

er sie interessirte, daß sie jede Bewegung in der Absicht machte, ihm zu

gefallen -- er sah es -- warum lud sie ihn also nicht ein, sie auf den Berg

zu begleiten? Ach, jetzt hatte er es errathen -- die Verwandten!

»Aber ich glaube, wir sind ganz allein,« sagte Pauline plötzlich.

»Nun gut, was weiter?« fragte Leon, und drückte leise ihren Arm.

Sie schien nicht darauf zu achten, sondern flüsterte mit beredtem

Augenniederschlage: »o, es ist hier nicht Sitte, einsame Spaziergänge am

Ufer des Sees zu machen.«

Leon führte sie den andern Frauen nach und sagte ziemlich kühl:

»sprechen wir von Politik, da wird es unschuldig. Sind Sie noch immer so

entsetzlich streng gegen alle arme Demagogen?«

Die junge Frau kam beinah aus der Fassung. »Antworten Sie mir doch,«

flüsterte er ihr zu, »man beobachtet uns dort.« Er deutete ihr mit den

Augen Madame Hölty an, welche eben die Lyonneser bewillkommnete,

dabei aber nicht wenig scharf nach der Seite schielte, von welcher das

verspätete Paar kam. Leon fragte wieder laut: »Nun, hat James Fazy immer

noch keine Gnade vor Ihren Augen gefunden, Madame?«

»Monsieur Fazy,« rief Pauline, Feuer fangend, mit natürlicher

Lebhaftigkeit, »Monsieur Fazy ist eine Canaille.«

»Wenigstens eine Canaille, die Verstand hat,« sprach Leon, etwas

betroffen. »Nur so läßt es sich erklären, daß die Conservativen,

welche in der Mehrheit sind, ihn dulden.«

»Die Conservativen sind Schöpse!« rief Pauline wieder.

»So verdienen sie geschoren zu werden,« sagte Leon. »Aber, Madame, um

Himmelswillen, wie leidenschaftlich sind Sie in der Politik!« Es ärgerte

ihn, daß sie in der Politik nicht so kühl Maaß hielt wie in der

Koketterie. Er wurde einsylbig, zerstreut. Umsonst setzte Pauline, nachdem

sie die Lyonneser begrüßt, den Spaziergang fort, umsonst fing der Mond

an zu scheinen, umsonst duftete das Geißblatt -- Leon blieb fremd. Pauline

wurde dagegen lebhafter, sie wollte ihn wieder so haben, wie er eben

gewesen war. Ganz ausschließlich mit ihm beschäftigt, kam sie endlich in

den Salon und wies ihm einen Stuhl neben dem ihrigen an. Leon setzte sich

und betrachtete den Fußboden. »Was ist Ihnen?« fragte Pauline leise.

»Nichts,« antwortete er mit einem sehr geschickt modulirten Tone.

Pauline hörte Empfindlichkeit über ihre Zurückhaltung, dabei Trauer,

unterdrückte Leidenschaftlichkeit heraus. Sie glaubte wirklich Leons Herz

erfaßt zu haben und nach Gefallen schmerzhaft oder freudig erschüttern

zu können. Gerührt ließ sie ihre Augen ihm allerlei Versicherungen der

Milde und Güte ertheilen. In diesem Augenblicke traten die Fremden ein,

die Deutsche zuerst, dann die Engländer. Madame Hölty verstand nicht,

die Wirthin zu machen; sie stellte die Fremden der Gesellschaft, aber nicht

diese jenen vor. Die Engländerin setzte sich bequem hin und ließ sich von

ihrem Manne unterhalten; die Deutsche tauschte mit dem ihrigen flüsternd

Bemerkungen aus. Auf Pauline und Leon deutend, sagte sie: »Ich glaube, das

ist das Ehepaar aus Lyon.« Sie erkannte, kurzsichtig wie sie war, Pauline

ohne Hut nicht wieder. »Nur sieht der Mann wie der Pariser aus,« wandte

der Deutsche ein. -- »Ja, aber der Pariser ist nicht verheirathet. Nein,

nein, das sind Herr und Madame Caille oder wie sie heißen, aus Lyon, und

Herr Pellet ist der junge Mann dort oben.« Zu gleicher Zeit flüsterte die

Engländerin gegen ihren Mann: »Das ist ein hübsches Gesicht -- ihr Mann

scheint sie sehr zu lieben.« Pauline gehabte sich auch wirklich wie eine

nicht lange verheirathete Frau; Leon neben ihr hatte ganz das stille Wesen

eines zufriedenen, aber gehaltenen Ehemannes -- man konnte nicht anders als

Beide für verheirathet annehmen. Die Deutsche fragte Madame Hölty, die

eben vorbeikam, wie lange sie es wären. Madame Hölty lächelte. »Das

-- aber das sind ja --« und die Erklärungen. Die Deutsche lachte. »Dann

ist's eine hübsche kleine Courmacherei.« -- »Ja wohl -- wir haben es

schon voriges Jahr bemerkt, und mein Mann war sehr unzufrieden damit.« Die

Deutsche blickte Madame Hölty einen Augenblick scharf an.

Pauline kam jetzt zu der Deutschen und bat und hoffte, sie möchte und

würde sich doch hören lassen. »Nach Ihnen, Madame,« antwortete die

Deutsche. »O, ich, Madame!« Alle kleinen nöthigen Weigerungen erfolgten,

dann setzte Pauline sich an den Flügel, ließ ihr Tuch flattern, ihre

Schultern arbeiten, ihre Augen spielen und ihre Walzer hören. Leon hatte

ihr Aufstehen eilends benutzt, um sich in den Eßsaal zu begeben und mit

Herrn Hölty einige Gläser Wein zu nehmen; als er darin befriedigt war,

kam er geräuschlos wieder und setzte sich auf den Sopha. Pauline ließ, da

sie ihn nicht erreichen konnte, einige Augenblitze zu dem Deutschen und dem

Engländer fliegen, die beide näher saßen. Leon bemerkte es und machte

sich innerlich lustig über die verlorene Koketterie, denn beide Männer

schienen mit Kaltblütigkeit wahrhaft gepanzert. Und doch war Pauline bei

Weitem hübscher als die Deutsche und die Engländerin, aber beide Frauen

gaben sich keine Mühe, und Leon fand sie auf einmal weit mehr der seinigen

werth. Mit der Engländerin konnte er nicht sprechen, da sie nicht seine,

er nicht ihre Sprache verstand; blieb also die Deutsche. Sie sang jetzt,

Melodien in vier oder fünf Sprachen. Pauline, welche befürchtete, die

Aufmerksamkeit könne sich ausschließlich auf den Gesang wenden, bewegte

sich mit ihrer hübschen Gestalt unaufhörlich bald da, bald dort. Vor Leon

stand sie mehrmals; seine Mutter machte ihr Platz, sie setzte sich neben

ihn. Sie hatte jetzt die Besonnenheit verloren und that alles Mögliche,

um sich »zu affichiren.« Leon war ungemein »Löwe,« d. h. erhaben und

gelassen. Nachdem er Paulinens Lebhaftigkeit eine Zeit lang ertragen, stand

er auf und nahm einen Stuhl neben der Deutschen, die eben heimlich mit

der Engländerin plauderte. Sie sah ihn kommen und belustigte sich über

Paulinens sichtliche Unruhe. Die hübsche Waadtländerin wußte erst gar

nicht, was sie machen sollte; dann lockte sie den Deutschen an den Flügel

und brachte ihn dazu, eine unserer schönsten Compositionen zu spielen,

wobei die Gesellschaft sich über alle Maßen langweilte. Leon saß immer

geduldig da und wartete auf die Gelegenheit, sich liebenswürdig zu zeigen.

Endlich war die gute Musik aus, Pauline ließ ihre Beredtsamkeit über den

Deutschen ergehen, Leon wandte sich entschieden zu seiner Nachbarin und

flüsterte ihr in den weichsten Tönen seine Bewunderung über ihren Gesang

zu. Pauline flatterte wie ein Vogel über Kohlen -- die Deutsche sah es und

ging, boshaft genug, in ein Gespräch mit Leon ein. Pauline überredete den

Deutschen, eines ihrer Walzerhefte dazubehalten -- es knüpfte sich so

eine Bekanntschaft an, -- die Deutsche erhob sich, um auf Leons Bitte ein

venetianisches Gondellied zu singen. Die arme Pauline -- sie allein war bei

diesem Spiel ernsthaft; Leon wünschte, eben so sehr wie ihr, der Deutschen

zu gefallen -- diese lachte innerlich herzlich, ebenso ihr Mann. Die

Koketterie ist wie das Feuer; man verbrennt sich, wenn man damit spielen

will. Pauline ward ganz verwirrt, ganz beängstigt; ihr war, als gehöre

Leon ihr, als müsse sie alle ihre Kräfte anstrengen, um ihn festzuhalten.

Mehr und mehr gab sie sich ihrer Aufregung hin und der ganzen Gesellschaft

ein ergötzliches Schauspiel. Erst als der Aufbruch da war, beruhigte ihre

aufgescheuchte Eigenliebe sich in Etwas; sie sah sich wieder als den Punkt,

auf den Aller Augen sich hefteten. Der Engländer half ihr den Ueberwurf

anziehen, der Deutsche dankte ihr für die Noten, Leon stand bereit, ihr

den Arm zu bieten. Wenigstens einigermaßen beschwichtigt trat sie hinaus

in die schöne Nacht.

Beim Nachhauseführen.

Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das andere am Ende der

Eaux-vives. Eine Viertelstunde war's wohl von einem zum andern, besonders

wenn man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft, denn der Abend war

köstlich. An Sommerabenden versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie

am Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr behauenen Platanen. Es

war so spät, daß die Straße einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die

Gärten der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus diesen Düften

hauchte etwas Südliches Beschleunigung in das Blut. Der Mond leuchtete.

Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung! Pauline ging, tief

athmend vor Erwartung, an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten

unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines Freundes und

Principals an ihrer rechten Seite trabte, störte sie wohl etwas,

beunruhigte sie aber nicht. Der Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon

sprechen konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie ernsthaft an

und sprach kein Wort.

Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann sahen sie sich dann wieder?

Es konnte ja nur zufällig sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so

kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte. »Sie haben sich viel mit

der deutschen Dame unterhalten. Spricht sie gut?«

»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte Leon gehalten. Er

sah Pauline ankommen.

»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?« fuhr Pauline unruhiger

fort.

»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem gewissen Nachdruck.

»Sind sie allein das?« fragte die Unvorsichtige.

Leon schwieg.

»Trauen Sie uns kein Gefühl zu?« forschte sie dringender.

»Ich achte die Schweizerinnen unbegränzt,« erklärte Leon.

»Warum sollten Sie auch nicht?« gab Herr Hölty dazu.

Pauline ließ sich wirklich reizen. »Ach, aber liebenswürdig sind wir

nicht, nicht sentimental, wie -- die Deutschen?«

»Die deutsche Dame bei uns ist gar nicht sentimental, sondern sehr

vergnügt,« schaltete Herr Hölty wieder ein. »Das Schießen kann sie

nicht leiden, sonst ist's eine gute Person.«

Leon benutzte diese Rede und warf in Paulinens Ohr: »Wenn Sie wollten --«

Sie wurde wieder Komödienspielerin, that als zittere sie.

Leon seinerseits ließ sich täuschen, glaubte die junge Frau berückt zu

haben, ihrer endlich sicher zu sein. Leise brachte er seine Finger an

ihre Hand, berührte diese mit einem Drucke, in den er Willen und

unwillkührliche Aufregung zugleich legte. Paulinens Eitelkeit war

befriedigt, aber kein Puls ihrer Hand klopfte schneller. Sie war in diesem

Augenblicke noch härter und unwahrer als Leon. Er ahnte das nicht; die

Eitelkeit, welche sie kühl und sicher machte, verwirrte ihn. Sein Athem

streifte glühend Paulinens Wange. »Wenn ich mich nicht getäuscht,«

flüsterte er, »wenn Sie für mich --« Pauline lauschte, mit ihren Augen

an seinem Munde hängend -- der gute Hölty wußte gar nicht, warum die

beiden Leute auf einmal so stumm wurden und suchte in seinem Kopfe nach

einer Rede, um das Stillschweigen zu unterbrechen. Leon fuhr fort: »Seit

vorigem Jahre denke ich nur an Sie, und Sie, Madame --« Pauline blickte

nieder wie in tiefer Befangenheit. »O mein Gott, wenn Sie nur einen

Gedanken an mich gehabt hätten -- wenn ich -- wäre es zu dreist, Ihr

Schweigen so zu deuten?« Sie schien Etwas murmeln zu wollen. »Sprechen

Sie nicht, ich bitte Sie -- Sie wissen, was das Schweigen mir sagen soll --

ein Gedanke, wie wenig, -- für mich die Welt, für Sie -- ein Augenblick,

welchen Sie der Toilette abgewendet haben, -- bin ich nicht bescheiden?«

Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu -- Leon war in dieser

Minute wirklich verliebt. Gern wäre er mit Paulinen wieder am Rande des

See's gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines Freundes

Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht von der Seite der hübschen Frau

und der -- war es jetzt ganz erwünscht, -- sie fürchtete sich beinah

etwas vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen Wächter zu verwünschen.

»Kann man unleidlicher sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie

an das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. »Wann darf ich

morgen kommen?« fragte Leon rasch und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm,

sah plötzlich wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen bin ich

noch allein und nehme keine Besuche an,« sprach sie gezwungen. »Von

übermorgen an ist Herr Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause --

da wird er sich ausnehmend freuen.« -- »Sie sind ausnehmend

gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. Pauline grüßte

fürstingleich, nahm von den Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied.

Sie glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen zu haben, die

Stellung der angebeteten Gebieterin gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie

irrte. Leon verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, aber er

ärgerte sich nicht über eine Minute. Als Herr Hölty Madame Pellet und

der Lyonneser Familie gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen

hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu laufen, hatte Leon sich schon

wieder gefaßt, bot, kühl wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und

führte sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt zurück.

Ungewißheit.

»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« sprach am Morgen nach der

Abendgesellschaft Madame Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche

abgefangen hatte.

»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie würde sich dadurch

geschmeichelt fühlen, so wenig schmeichelhaft es eigentlich auch für

sie ist. Thun Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar nicht,

dann vergißt Madame Picard sie von selbst. Sie beachten heißt sie

befördern.«

»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. Eine Stunde später stand

sie am Gitter von Paulinens Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame Picard?

Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken Sie sich, gestern hat man Sie

und Herrn Leon für ein Ehepaar gehalten!« -- »Ist es möglich? Wer, wer

denn?« -- »Wer denn anders als die Deutschen und die Engländer. Das ist

sonderbar, nicht wahr?« -- »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor

Freude.

»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« bemerkte

schmeichlerisch die wahre Freundin. »Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg

machen lassen -- denken Sie, wenn Herr Picard --«

»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken zurück,« sprach Pauline

stolz. »Allerdings, er würde zu weit gehen -- ich weiß nicht, was ihn zu

mir zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte hier -- man

sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; aber wieder einen hohen

Ernst annehmend, fuhr sie fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine

Pariserin bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die leichten,

welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. Ich will ihn

nöthigen, die Frauen in mir zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin

schon sagen wollte -- er hat mich gefragt, wann ich ihn annehmen könnte.

Ich habe ihm geantwortet --« und Pauline erzählte, was sie geantwortet.

Madame Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen haben,« sagte

sie.

Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich den Hergang mit. »Also

haben Sie es doch nicht verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend.

»Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem Besuche gebeten

hat, ist das Wenigste, was er thun konnte; Madame Picard kann nach ihrem

gestrigen Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von ihm bekommt.«

-- »Meinen Sie, Madame?« -- »Allerdings.«

»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame Pellet nicht trauen,«

bemerkte die Deutsche gegen ihren Mann und den Engländer.

»Was soll sie denn der alten Madame Pellet thun?« fragte der Deutsche.

Aus der Schweiz · 第 4 / 12 段