Also im Jouxthal war sie geboren und in einem Pensionat zu Morges erzogen

worden. Ihre Mutter hielt in ihrem kleinen Geburtsort ein kleines Hotel und

hatte ein artiges Vermögen. Als Pauline siebzehn Jahr war, verliebte Herr

Picard, Pelz- und Schnittwaarenhändler aus Genf, sich in das hübsche

waadtländer Mädchen und heirathete sie nach kurzer Bewerbung. So kam sie,

jung, unerfahren und erwartungsvoll, in die dritte oder vierte Klasse der

Genfer Gesellschaft -- vielleicht auch in die fünfte oder sechste. Genf

ist ja in so viel Klassen getheilt, wie ein botanisches System. Wodurch die

eigentliche Aristokratie sich auszeichnet, habe ich nie verstehen können;

man sagte mir, sie sei stolzer als irgend eine, wohne im Winter in der

obern Stadt, im Sommer auf dem Lande und sei eben die Aristokratie. Gewiß

ist es, daß Madame Picard nicht in die Aristokratie kam und kein Haus in

der obern Stadt, sondern nur eins in den Eaux-vives hatte. Trotzdem gelang

es ihr, sich zu einer recht angenehmen Frau auszubilden, freilich nur

an der Oberfläche und zugleich aus der Natur heraus. Groß und voll

gewachsen, würde sie sich ganz gut bewegt haben, hätte sie sich nicht

eine gewisse kindische Lebhaftigkeit angeeignet. Die ist bei einem kleinen

Figürchen recht niedlich, fällt dagegen bei einer großen Gestalt leicht

ins Lächerliche. Ihr Gesicht war weniger gefällig, breit, mit starken

Backenknochen und keinem schönen Profil. Im Hute sah sie sogar häßlich

aus, in einem kleinen umgeknüpften Tuche dagegen recht anlockend. Sie

wußte das und trug sich oft so, verdarb aber, was die Tracht für sie

that, gewöhnlich wieder durch kleine gezierte Mienen. Die arme Pauline

wollte gern recht gefährlich kokettiren und hatte doch weder große

Anlagen dazu, noch die Gelegenheit, ihre kleinen zu entwickeln. Sie war

daher unaufhörlich in Bewegung, machte sich immer laut, sprach nur von

sich, schob fortwährend ihren Fuß vor, ließ die Hände nie ruhen, wurde

mit einem Wort kokett im kleinen Styl. Daß sie den unglücklichen Genfer

Accent annahm und mit gekniffenen Lippen zwischen den Zähnen sprach,

war nicht nur verzeihlich, sondern unvermeidlich, aber freilich nicht

wohltönend. Ihre Bildung war nicht mangelhafter als die der Genferinnen,

doch will das nicht viel sagen. Sie hatte das Italienische angefangen und

wieder liegen lassen, das Deutsche angefangen und aufgegeben und nur

das Englische fortgesetzt, so daß sie es seit einem Jahre ihren beiden

ältesten Knaben lehren konnte. Wurde englisch gesprochen, so verstand sie

es nicht, aber die Anfangsgründe der Grammatik waren ihr noch erinnerlich

genug, um sie überlieferungsartig den Kindern mittheilen zu können. Ihr

musikalisches Talent beschränkte sich auf den Vortrag von Walzern, bei

denen sie den Takt, um nicht herauszukommen, mit dem Fuße schlug und mit

einem ausdrucksvollen Spiel der üppigen Schultern begleitete. In ihren

politischen Gesinnungen war sie Republikanerin und Aristokratin, dabei sehr

feurig und entschlossen. Wenn die Genfer gedacht hätten wie sie, würde

James Fazy, der einstweilige Regent dieser Duodezrepublik, es nicht lange

gewesen sein. Im Uebrigen litt sie seit ihrem ersten Wochenbette an einer

krankhaften Reizbarkeit der Luftröhre, weßwegen sie nicht mehr singen

durfte, stand ihrem Hauswesen mit Ordnungsliebe vor, hegte ziemlich

mütterliche Gefühle für ihre beiden häßlichen Zwillinge und ihren

kleinen dümmlichen Emil, thronte in einem kleinen Kreise von Freundinnen

und würde sich mit Fassung in ihre dreißig Jahre geschickt haben,

wäre ihr Mann ihr Liebhaber geblieben. Aber damit hatte er allmählich

aufgehört. Natürlich; waren sie nicht dreizehn Jahr verheirathet, hatten

sie nicht zwei zwölfjährige und einen dreijährigen Jungen, war Herr

Picard nicht ein Kaufmann und vor Allem ein Genfer? Es giebt viele Dinge,

welche ich mir vorstellen, eben so viele aber, die ich mir nicht vorstellen

kann -- zu diesen letztern gehört ein Genfer, der seine Frau anbetet.

Naive Mittheilungen von Genferinnen selbst haben mir einen sehr kleinen

Maßstab für die Genfer Ehemannsgalanterie in die Hand gegeben. Auch

gelten die deutschen Frauen bei den Genferinnen für verzogene Kinder, und

diese Bemerkung wird beißend genug gemacht. Pauline würde darin recht

gern die deutsche Frau gespielt haben, aber wie schon gesagt, Herr Picard

war Genfer durch und durch, das heißt ein großer, etwas steifer, sehr

zurückhaltender und bedeutend selbstbewußter Mann, der die Liebhaberrolle

nie recht bequem gefunden hatte. Folglich zog er sich im Verlauf der Jahre

mehr und mehr in die Gelassenheit des Ehemannes zurück, und ebenfalls

folglich erklärte Madame Picard sich für die unglücklichste Frau, nicht

nur in Genf, sondern auf Erden, verlangte, um ihr armes Herz auszufüllen,

alle möglichen Unmöglichkeiten und bekam, so oft der Gemahl vernünftig

widerredete, unvernünftige Nervenzufälle.

Die Frau des Compagnons.

Herr Picard hatte einen Compagnon, der die Dienste eines Commis that. In

den sämmtlichen kleinen Orten, welche, um Genf her gedrängt, den Canton

ausmachen, lief er, das Pack Proben unter dem Arme, jede Woche einmal umher

und forderte die Kleinhändler auf, sich aus der Großhandlung Picard

zu versehen. Demohnerachtet war und hieß Herr Hölty -- denn diesen

Dichternamen führte der Mann -- in ganz Genf der Compagnon des Herrn

Picard, und in dieser Eigenschaft besaß er ein gemiethetes Haus auch in

den Eaux-vives, einen Hund, zwei Kinder und eine Frau.

Madame Hölty war gleich ihrer Compagnonsfrau oder Principalin eine

Waadtländerin, doch nicht so tief aus dem Lande, sondern hart von der

Grenze, aus Coppet. Funfzig Jahr, von Gestalt mittelgroß und stämmig, von

Gesicht etwas tartarisch, mit kleinen schwarzen Augen und einer kupfrigen

Farbe. Vor ihrer Verheirathung, wie sie sagte Gesellschaftsdame, wie die

böse Welt sagte Kammerjungfer bei einer russischen Fürstin, jedenfalls

aber in der Krimm gewesen, denn ihr drittes Wort lautete unwiderruflich:

»Als ich in Baktschisarai war.« Auch hatte sie von dieser vornehmen Zeit

her die Idee bekommen, daß sie eigentlich zu gut für die Schweiz

und hauptsächlich für einen Schweizer sei; dennoch hatte sie einen

geheirathet, und zwar den derbsten, welchen sie sich hatte aussuchen

können. Mehr wohl um andere Gesellschaft zu haben, als um ihre Einnahme

zu erhöhen, hielt sie eine Pension, doch nicht, ohne jedem Fremden die bei

den Genfer Pensionshalterinnen stereotype Unhöflichkeit zu sagen: »Wenn

ich es nicht nöthig hätte, würde ich es nicht thun.« Die Wahrheit ist:

sie empfing die Fremden wie Manna, und den ersten Monat konnte man gar

keine aufmerksamere Wirthin finden als Madame Hölty. Sie war eitel Honig

und Höflichkeit. Die Diners waren auserlesen, die Frühstücke wahre

kleine Schöpfungen. Das ganze Haus verwandelte sich in Rücksicht; Louise,

das Mädchen, dudelte nicht falsch, Georges, der Knabe, machte keinen Lärm

mit dem Hunde, selbst die Bonne trat in eine erhöhte Sphäre und empfing

keinen Befehl, ohne daß Madame hinzusetzte: »=s'il vous plait=.« Madame

wollte durch diese feine Haltung den Fremden einen hohen Begriff von ihrem

kleinen, aber ausgezeichneten Hauswesen und besonders von der Herrin dieses

Hauswesens beibringen. Es gelang ihr: wenn man sie beim ersten Anblicke

für eine gute, aber ordinaire Frau gehalten, so ließ man sich von

ihrer Selbstschätzung allmählich überreden, sie als eine kluge Frau

anzunehmen, der es allerdings an der vollkommenen Ausbildung gebreche,

aber nicht an einem taktvollen Verständniß der Welt. Sie hatte sich einen

gewissen Vorrath von gescheidten Aeußerungen zusammengetragen, die tischte

sie die ersten Abende zum Thee auf, und wenn man sich auch nicht gerade

interessirt fühlte, so langweilte man sich doch mit Geduld. Aß man zum

ersten Male am Sonntage mit dem Manne und den Kindern zusammen zu Mittag

und sah man in Herrn Hölty die incarnirte Grobheit, welche sich selbst bei

guter Absicht gar nicht anders als roh zu gehaben vermochte, so bedauerte

man die Frau und fand es natürlich, daß sie andere Unterhaltung

wünschte. Aber man fand auch bald, es sei drückend, sie unterhalten zu

sollen. Sie wurde sehr eintönig, die höfliche Frau, der man gar nicht

ausweichen konnte, die einem des Morgens den ersten guten Tag bot und des

Abends die letzte gute Nacht, die einen im Garten begleitete, mochte es

Sonnen- oder Mondschein sein, die sich überall neben einen setzen kam und

immer sprechen wollte und immer über schon durchgesprochene Gegenstände.

Es wurde einem unaussprechlich überdrüssig, immer zu hören: »Als ich

in Baktschisarai war,« immer noch einmal die schönen Tartarinnen sich

vorstellen zu sollen, die stumm wie Marmor gewesen waren, immer von Neuem

zur Theilnahme darüber aufgefordert zu werden, daß Madame Hölty Herrn

Hölty geheirathet. Genug, die Fremden und die Wirthin waren den zweiten

Monat nie so zufrieden mit einander wie den ersten, wer einmal die

Gesellschaft der Madame Hölty gründlich genossen, kam nie wieder, um

diesen Genuß nochmals zu suchen, und längere Zeit blieben in den kleinen

Stübchen, wo die Fremden eingeschachtelt waren, nur junge Männer, die den

ganzen Tag außer dem Hause zubrachten.

Mit Madame Picard lebte Madame Hölty in einem Verhältnisse, welches sie

als vertraulich darzustellen suchte. Wenn sie Etwas zu Madame Picard

gesagt haben wollte, so verfehlte sie nie der Anrede: »Meine Theure« zu

erwähnen. Wenn sie wirklich mit Paulinen sprach, sagte sie Madame Picard,

sowie Pauline Madame Hölty sagte. Pauline kam selten zu Madame Hölty,

Madame Hölty fast noch seltener zu Paulinen. Madame Hölty vertraute den

Fremden, mit welchen sie über Madame Picard redete: Madame Picard sei ihr

zu weltlich, der Kreis, der Pauline umgebe, ein zu frivoler; aber ging man

etwas mehr auf den Grund, so ergab es sich, daß der Kreis Paulinens und

Pauline selbst Madame Hölty mit ihren Erinnerungen an Petersburg und

Baktschisarai zu langweilig fand und sie deßhalb in ihrem Bewußtsein

sitzen ließ. Nur nach Nervenzufällen begehrte Pauline die Compagnonsfrau,

weil diese die Gefälligkeit haben mußte, alle Klagen der unglücklichen

Frau anzuhören. So kam es denn, daß noch am Abend nach der letzten

Katastrophe Madame Hölty am Bett Paulinens saß.

Vertrauliche Unterredung.

Pauline klagte lebhaft und selbst leidenschaftlich. Herr Picard war

wenigstens ein Ungeheuer und hatte es lediglich der Schonung seiner Frau zu

verdanken, daß er nicht noch etwas Anderes, Aergeres wurde. Madame Hölty

hörte zu, bis Pauline erschöpft zurücksank, dann sagte sie langsam --

Madame hatte eine langsame, einförmige Redeweise, gerade wie ihr Gang

-- also langsam sagte sie: »Was wollen Sie, Madame Picard, wir sind an

Schweizer verheirathet. Sie wissen, ich habe es Ihnen schon gesagt, daß

ich nie einen Schweizer heirathen wollte, weil alle Schweizer Egoisten

sind, aber da wir Beide es nun einmal gethan, müssen wir auch Geduld

haben.«

Pauline murmelte: es sei manchmal recht schwer, Geduld zu haben, und diese

Worte galten ebenso der guten Madame Hölty, wie dem unliebhaberhaften

Ehemanne.

»Sehen Sie,« fuhr Madame Hölty fort, »wie es bei uns ist. Wie oft habe

ich zu meinem Manne gesagt: es hat Alles im Hause seinen Platz, nur du

nicht. Am Sonntag, wo er mit uns sein könnte, _bleibt_ er wohl? Früh

um fünf auf den See, nachher spazieren, Nachmittags zu Freunden. Abends

selbst führt er noch den Hund aus. Ueberschlagen Sie sich dagegen, wie

viel Sie von Herrn Picard haben.« Pauline dachte, es komme denn auch

darauf an, ob die Frau dreißig oder funfzig, hübsch oder tartarisch sei;

Madame Hölty aber fuhr in glücklicher Arglosigkeit fort: »Ich versichere

Ihnen, mehr als ein Fremder hat mich schon gefragt: »Aber, Madame Hölty,

ist Ihr Mann denn unsichtbar?«

»Das wäre eben kein so großer Schade,« zischelte Pauline vor sich hin.

Laut fragte sie: »Ist Ihr Mann noch immer eine Woche conservativ und die

andere radikal? Darüber ärgere ich mich bei ihm; sonst ist's ein recht

guter Mann.«

»Nun,« sagte Madame Hölty, welche die Partei ihres Mannes ergriff,

sobald von Jemand anders, als von ihr auf ihn geredet wurde, »nun,« sagte

sie lauernd, »es hat Ihnen doch voriges Jahr ein entschieden Radikaler gar

nicht so mißfallen, wie mein armer Mann.«

Trotz ihres gehabten Nervenzufalles wurde Pauline roth und antwortete sehr

verlegen: »Ach, Herr Leon -- aber das ist auch etwas Anderes -- er ist ein

junger Mann und in Paris erzogen worden -- wo soll er da gute Grundsätze

bekommen haben? Ich bin überzeugt, hätte er länger unter uns gelebt,

er hätte sich geändert -- er sagte mir, mit den Genfer Frauen könne man

sich ganz anders unterhalten, als mit den Pariserinnen; wir wären viel

ernster und gediegener.«

Als Madame Hölty später dieses Gespräch mittheilte, wollte sie Paulinen

geantwortet haben: »Aber, meine Theure, glauben Sie doch nicht, daß Herr

Leon das ernstlich gemeint habe -- kennen Sie denn die Franzosen nicht?

Sie sagen jeder Frau dergleichen Dinge -- es ist das ihre Art.« In

der Wirklichkeit aber, am Bette Paulinens sitzend, sprach sie falsch

schmeichlerisch: »Man konnte es wohl sehen, daß Herr Leon sich sehr gern

mit Ihnen unterhielt, Madame Picard,« und süßer noch setzte sie dann

hinzu: »Wissen Sie, daß er wieder hier ist?«

Pauline hatte doch Klugheit genug, um nur eine gleichgültige Verwunderung

zu äußern. Dann fragte sie: »Und er wohnt bei Ihnen, natürlich?«

»Nein,« versetzte Madame Hölty, »er wohnt bei seiner Mutter.«

»Wie, die Mutter ist auch wieder hier und nicht wieder bei Ihnen?« rief

Pauline boshaft.

Madame Hölty heuchelte Unbefangenheit. »Sie geht in wenigen Wochen nach

Leuk, und da sie Freunde in der Stadt hat, so ist es ihr bequemer, in der

Stadt zu bleiben. Sie wohnt in der großen Pension auf dem Quai, neben der

Krone, drei Treppen hoch.«

»Und Herr Leon auch?«

»Herr Leon auch. Er war aber schon mehrere Male bei uns, und ich will in

diesen Tagen einmal die Mutter und ihn zum Thee bitten -- werden Sie mir da

das Vergnügen machen, auch zu kommen?«

»Wenn ich wohl genug bin,« erwiederte Pauline, ihre Freude schlecht

verbergend. »A propos, haben Sie nicht wieder neue Pensionaire bekommen?«

»Ja, einen Engländer mit seiner Frau.«

»Also zwei Ehepaare, denn die Deutschen sind doch noch immer da?«

»O ja, und sie werden auch bleiben; sie gefallen sich sehr bei mir.«

»Und sie lieben sich noch immer so?«

»Wo möglich noch mehr.«

»Ach, welches Glück! Und die Engländer -- sind sie eben so zärtlich?«

»Nicht ganz so, aber doch auch sehr. Er hat seiner Frau zum Geburtstage

eine goldene Uhr für zweihundert Franken gekauft, und jeden Morgen

pflückt er ihr ein Sträußchen, das er ihr zum Frühstück auf den Teller

legt.«

»Alle Frauen werden geliebt,« sprach Pauline kummervoll, »und --«

»Wir beide nicht,« vollendete Madame Hölty. »Was wollen Sie, Madame

Picard, wir müssen uns darein ergeben. Die deutsche Dame sagte mir erst

heute: »Madame, ich bewundere Sie. Jeden Abend aufsitzen, bis es Herrn

Hölty gefällig ist, nach Hause zu kommen, dazu sind Sie wahrlich zu gut.

Wenn ich in Ihrer Stelle wäre, ich gäbe Herrn Hölty einen Schlüssel

und spräche: nun komme du nach Hause, wenn es dir beliebt, vor oder nach

Mitternacht, aber mir erlaube, zu Bette zu gehen.«

Pauline konnte nichts weniger leiden, als so ein »Wir« von Madame Hölty.

Sehr kühl fragte sie daher: »Und wollen Sie diesem Rathe folgen?«

»Ich möchte es,« sprach die Besucherin, indem sie aufstand, »aber,

Madame Picard, der häusliche Frieden -- was thut man nicht, um den zu

erhalten? Sie wissen, ich hasse nichts so sehr, wie Unruhe im Hause.

Dennoch sagte ich es meinem Manne heute bei Mittag -- ich war es wirklich

müde, ihn zu erwarten -- die ganze Woche ist er nie vor elf gekommen. Ich

sagte ihm also, daß ich ihm von nun an sein Abendbrod an das Feuer setzen

würde, da könnte er es sich allein nehmen, wenn er nach Hause käme --

mich aber würde er zu Bette finden.«

»Dergestalt, daß Sie ihm gerade sagten, was Sie ihm nicht sagen

wollten,« unterbrach Pauline ungeduldig das Geschwätz. »Und was

antwortete Herr Hölty?«

»O, er war böse. Er sagte, das sei ein deutscher Zank, und er würde

diese Nacht gar nicht nach Hause kommen, sondern mit Freunden auf die Berge

gehen.«

»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden morgen Regen haben, das wird ihn

abkühlen.«

»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« antwortete Madame Hölty.

»Was, es ist ja kaum halb neun!«

»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat ganz Recht -- man muß nicht

immer zu gut sein, man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame Picard,

-- pflegen Sie sich recht -- ich werde Ihnen durch Louise sagen lassen,

wann ich meinen Thee gebe -- nochmals guten Abend.«

»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, daß Sie noch so spät

gekommen sind.«

Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen der deutschen Dame, die

ich ziemlich genau kenne. Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen

Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und zwar um so

toller, je später und -- belebter er nach Hause kam. Da nun die Deutschen

unmittelbar unter dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer

wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken förmlich

spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr Hölty in ganzen vollen Tönen

schnarchte, die arme Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde zu

schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders da sie am Tage auch

keine Ruhe hatte. Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden

Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang Louise, da tobte Georges -- es

war schon im dritten Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der Familie

auch noch hören -- das war ihr zu viel, und sie redete Madame gegen

Monsieur auf, damit Monsieur, gehörig gescholten, früher und -- weniger

schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen mit der Nachtigall Duette

singen möge.

Herr Leon.

Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr Pellet, Sohn eines Vaters, der

gestorben war, und einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der

Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau seines Bruders war. Der

Vater war Advokat gewesen, die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen

sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und -- füllte ihn nicht

mehr aus, indem die Republik ihm für seine Dienste gedankt hatte. Man

flüsterte sich zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen -- unsere kleine

Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig, und

man weiß, daß man da nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich.

Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert haben -- Madame

Hölty wenigstens vertraute es der jungen Deutschen an, als diese Herrn

Leon zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt hatte. »Und sein

Bruder ist noch entschieden roth,« fuhr Madame Hölty fort, »zum großen

Zorne der Mutter, welche ultraconservativ ist.« -- »Das muß ein gutes

Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen abgeben,« bemerkte die Deutsche,

Madame Hölty machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen Auftritt

mitangehört -- Madame, Sie würden erschrocken sein, hätten Sie diese Mutter

gesehen. Sie hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen und

war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie im Frühjahr hierher zu mir. Herr

Leon besuchte sie auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal -- sie

war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er so gut wie sein Bruder wäre

im Stande, sie zu ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen in den

Familien hervor.« -- »Wenn Herr Pellet unabhängig von seiner Mutter ist,«

meinte die Deutsche. »Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die

sich etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen Parisers so

eingeweiht zu sein. »Herr Leon und sein Bruder haben nur das Vermögen des

Vaters bekommen -- die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und Herr Leon -- wie

die jungen Leute sind -- hat fast Alles ausgegeben und ist nun noch dazu

ohne Amt. Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen suchen -- auch

nimmt er sich ungemein in Acht -- widerspricht ihr nie.« -- »Das wird auf

Kosten des Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. -- »Was wollen

Sie, Madame,« meinte Madame Hölty, »Jeder für sich. Herr Leon hat eine

schwere Zeit bei seiner Mutter -- da ist's billig, daß er belohnt werde.«

»Sehr wahr -- ich wünsche ihm, daß er seine Mutter ganz verstricken möge.«

Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen die Eaux-vives hinauf in

die Stadt. Es war gegen zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es

in Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das Bedürfniß,

einen Augenblick zu athmen, oder war's ein anderer Beweggrund, der ihn

veranlaßte, einige Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und sich

die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen nach dem großen Nervenzufall,

Pauline eben aufgestanden. In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete

Persienne blickend -- zufällig, mein Himmel, so zufällig wie möglich,

sah sie den jungen Pariser und wich mit einem Herzklopfen zurück, als

wäre sie bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah von der Seite

nach dem Hause hinauf, konnte jedoch hinter der Persienne nichts entdecken.

Pauline fühlte eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu

schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon sah zwischen den

grünen Brettchen eine ziemlich weiße Hand sich unruhig, fast ungeschickt

bewegen -- er wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty hatte heute

erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen mitgetheilt. Selbstzufrieden

ging der junge Mann weiter.

Herr Leon war, wenn ich es denn offen sagen soll, ein Geck, wie es nur je

einen gab. In Paris konnte er keine große Rolle spielen -- er war eben nur

Nachahmer von Nachahmern, hatte nur eine erwähnenswerthe Liebe gehabt mit

der Tochter eines Generals, war mit einem Worte gänzlich unbedeutend. Als

er im vorigen Jahre bei Madame Hölty wohnte, kam er so wenig in die gute

Genfer Gesellschaft wie Madame Hölty hineinkam, und -- die Wahrheit zu

sagen, langweilte er sich gränzenlos in dem »Schooße der Familie,« wie

Bulwer sagen würde. Da lernte er eines Abends bei dem Scheine des

Mondes und der Glühwürmchen Madame Picard kennen. Sie war gerade nicht

ausgezeichnet hübsch, sie war auch nicht besonders unterhaltend, aber

neben Madame Hölty und in dem langweiligen Genf überhaupt war sie eine

Erscheinung, und Herr Leon stellte sich so geblendet, als habe er eine

neue Sonne entdeckt. Madame Picard war es wirklich. Gewiß ist es, ihr Name

konnte überall mit Herrn Leon in die Schranken treten, und der Preis

der bessern Haltung nicht allein, auch des hübschen Aeußern wäre ihm

geworden. An Kenntnissen, an Charakter war Herr Picard gleichfalls der

Ueberlegene -- Leon wußte so gut wie gar Nichts und war an Charakter

so gut wie Null. Aber -- er war Pariser, sprach von der Oper und seinem

Schicksal, von Kirchthurmrennen und innerlicher Einsamkeit, von Toiletten

und der Liebenswürdigkeit Paulinens. Der kleine Roman war angefangen, und

wenn er nicht fortgesetzt wurde, so lag das nicht an Leon, sondern an der

Gelegenheit. Pauline hatte keinen Salon, Leon durfte selbst nicht wagen,

ihr sogleich einen Morgenbesuch zu machen. Ein Brief seines Bruders,

bezüglich auf die Plane ihrer Partei, rief ihn unvermuthet zurück; er

reis'te ab, ohne Pauline öfter als zwei Mal gesehen zu haben. In Paris

vergaß er ihrer bald ganz -- Pauline dachte seiner um so eifriger -- es

war der erste Mann, welcher sich ihr als Anbeter genähert. In Genf giebt

es keine Anbeter für Frauen: die Seltenheit gab Leon einen unberechenbaren

Werth. So oft Herr Picard als Ehemann sprach, dachte Pauline an Leon und

sagte sich: »_er_ würde nicht so sprechen.« Es ist der beste Beweis

für Paulinens Unverdorbenheit, daß sie diese erste kleine Koketterie

so ungemein ernsthaft nahm, doch konnte auch eben darum Gefahr in einem

Wiedersehen Leons liegen. Er für sein Theil erinnerte sich der hübschen

Waadtländerin erst wieder, als er sich drei Abende nach einander mit

seiner Mutter und ihren Freunden aus Lyon bei Whist und Zuckerwasser

gelangweilt hatte.

Die Abendgesellschaft.

Aus der Schweiz · 第 3 / 12 段