Alterthümertag, ohne unser Verdienst. Der lange Kellner weckt uns nicht,

der Kutscher thut's, der natürlich wieder ein Retoureinspänner ist und

zwar aus Baden am Stein. Dabei ein großer, starker, hübscher Mensch,

in kurzer blauer Jacke und niedrigem grauen Troddelhut, mit krausem

röthlich-blondem Bart und geradem, regelmäßigem Profil, Tell, wie man

ihn sich nur denken kann, Xaver genannt, und so voll Kraft, daß er den

schweren Koffer mit einem Ruck aus allen Fugen reißt. Er sieht bei dieser

Heldenthat sehr gelassen darein -- wir sind weniger zufrieden damit,

indessen was soll man sagen? Wir setzen uns zum Frühstück und sehen

die Begrüßung zweier eidgenössischen Lieutenants, die einander genannt

werden. Sie bleiben in einem Bückling vorgebogen stehen, lächeln sich

verlegen an, wissen sich nicht ein Wort zu sagen und setzen sich endlich

stillschweigend gleich uns zum Frühstück. Wir fahren mit Xaver -- der

Wagen ist gut genug, aber das Pferd, das Pferd! Xaver hat es verzogen,

wie eine Großmutter ihr jüngstes Enkelkind. Jeder seiner Neigungen wird

nachgegeben, und es hat deren unendlich viele. Es will in jedes Thor, in

jeden Seitenweg, in jedes Wirthshaus. Kein Grashalm steht am Wege, ohne

daß es den Braunen danach gelüstet, und liegt nun gar ein Kleefeld da,

so will er förmlich mit Gewalt hinein. Zugleich erschrickt er vor jedem

Nichts; ein Karren, ein Haufen Flachs, ein Hund, ein Vogel sind sämmtlich

ungeheuerliche Dinge, vor denen der Braune ebenfalls rechts oder links

will. Xaver blickt bei jeder dieser =gentilesses= sich freundlich lächelnd

nach einem um, als wollt' er sagen: seht, was das für ein Pferd ist!

Dazu fehlt noch ein Nagel im linken Vorderrade; Xaver hat ein Hölzchen

geschnitzt, es in die Lücke geschoben und spricht nun von Zeit zu Zeit:

»Wenn das Nägli herausginge, würde das Rad rückwärts gehn, aber das

Nägli geht nicht heraus.« In Folge aller dieser kleinen Hemmnisse kommen

wir nur gemessen weiter; die Gegend wenigstens ist reizend. Rechts auf

Höhen Wildeck und Habsburg, Schloß und Ruine; links im Thale Wildenstein,

Schloß, auf ferner Höhe Schenkenberg, Ruine. Habsburg unstattlich.

Der Erbauer borgt sich das Geld dazu von seinem Bruder, dem Bischof von

Constanz. Wie's fertig, kommt der Bischof, besieht, wiegt das Haupt. »Für

so viel Geld ein so klein Schloß mit so schlechten Mauern!« Der Besitzer

zeigt hinunter vor das Schloß. Da stehen einige tausend Mann in

Waffen. »Das sind meine Mauern; für die hab' ich euer Geld verwandt.«

Schinznach, moderner Halbmond in Gehölzen zum Spazierengehen. Bei

Brugg wird der Aar der Rücken gedreht. Links liegen Gebäude in einem

fensterlosen Viereck, über das ein Thurm ragt. »Was ist denn das?« --

»Kloster Königsfelden.« Agnesens Rachedenkmal. Man muß es doch sehen.

Militair im Hofe. Hindurch. Ein Thor. Die Kirche schwer, rauh. Rechts die

Mönchs-, links die Nonnenwohnung. Diese leer, wüst, Bohnen im Kreuzgange.

Agnesens Zimmer voll von römischen Töpfen und Schüsseln -- Alles

zerbrochen, nur ein Löwenkopf und ein Säulenfuß anständig. In der

Zelle alte Malerei und neben dem Fremdenbuch römische Münzen. Die Kirche

Holzschuppen. Zwischen Balken und Brettern das Denkmal der Kaiserfamilie.

Ueber Grabsteine von Berner Herren in den Chor. Schöne bunte Fenster.

Ueber den Stühlen die bei Sempach gefallenen Ritter. Alle knieen; einer

sieht genau wie der andere aus. Von der Reuß an die Limmath, von der

Limmath nach Baden.

Die beiden Wittwen.

In Baden am Stein ist der »Hinterhof« das letzte, älteste und stillste

der Hotels, wirklich wie sein Name andeutet, ein Hof hinter allen andern

Höfen, hinter dem »Raben«, dem »Ochsen« und dem »Bären«, hinter

dem »Schiff«, hinter der »Blume«, ja sogar hinter der »Sonne«. Ein

großer Hof, eingefaßt von Gebäuden, deren neuestes zweihundert Jahr

zählt. Treppen hier und da, viel Thüren, viel Ecken. Eine Gallerie.

Kürzlich umhergepflanzt Kastanien, Ahorn, Liliodendron, Kugelakazien.

Dazwischen in großen Kübeln Granatbäumchen und schöne Fuchsien. Grüne

Persiennen an Fenstern, von denen kaum eines so groß wie das andere

ist, kaum zwei in gleicher Reihe und gleicher Entfernung von einander

ausgebrochen sind. Hineinschauend, als gehörte er auch zum Hause, der

Thurm einer kleinen Kirche, welche sich von Außen vertraulich an die

Scheune legt. Das ist der Hof des »Hinterhofes« und hier saß ich an

dem schönen Sonntagnachmittag, wo wir nach Baden kamen, während Otto die

Stuben musterte. Da näherte sich eine alte Frau mit freundlicher Miene,

rothen Wangen und buntem Anzug, machte mir einen höflichen Knix und

fragte: »Spreche Sie dütsch?« Ich antwortete der Wahrheit gemäß, und

wir waren gegenseitig bereits sehr verbindlich und freundschaftlich, als

Otto mir Bericht erstatten kam. Wie öfter sprachen wir italienisch;

die alte Frau machte ein noch freundlicher Gesicht und fragte auch auf

italienisch: ob ich aus Bergamasco oder aus Mailand sei. Zu Ehren meines

Italienisch muß ich bemerken, daß diese beiden Städte die einzigen

italienischen waren, welche die alte Dame kannte. Ich erklärte ihr, wie

es komme, daß wir diese schöne Sprache so liebten -- »O, ich war auch in

Italien,« sagte sie mit Stolz, »fünfundzwanzig Jahre bin ich da gewesen,

ja, meine Signora. In Locarno bei dem Signor Governatore. Und wenn ich

Italienisch höre, fühl' ich's im Herzen.«

So hatten wir eine Bekanntschaft, ehe wir noch in den »großen König«

eingezogen. Diesen erhabenen Namen führte nämlich die älteste und

häßlichste Stube in dem ganzen alten Hause. Lang, niedrig und dunkel

hatte sie nur _ein_ vernünftiges Fenster, das andere war eine Art

Schießscharte, mit kleinen runden Scheiben in Blei. Eine fehlte -- wir

klebten Papier vor das Loch. Ein schwerer Tisch stand auf gekreuztem

Balken, auf den Dielen stolperte man immerfort, ebenso auf der hohen

Schwelle. An der Thür fehlte Nichts als die Klinke, und unser Doctor

pflegte zu sagen, die Stube wäre noch von unsern Vorfahren, den alten

Regensburgern, eingerichtet. Der sogenannte Alkoven daneben hatte ebenfalls

eine Hügelschwelle und eine Schießscharte, außerdem mittelalterliche

Wandnischen und endlich einen blaugestrichenen Kleiderschrank, an dessen

Thür angeschrieben stand: Herr so und so aus Bern habe den und den Tag

hier hinein seine Röcke gehangen. Grauer, veralteter, ja verfallener

hätten wir gar keinen Raum finden können, und er gefiel uns natürlich

ungemein.

Die Gesellschaft an der Table d'hote war ungefähr wie die Stube und das

ganze Haus. Mir wollte es beim Anhören der Gespräche immer vorkommen,

als läse ich Goethe über den Elsaß. Da war ein Herr Wölflin, jetziger

Tabacksfabrikant aus Rheinfelden, ehemaliger Napoleonischer Soldat ohne

Enthusiasmus. Da war aus Mühlhausen, Fabrikant auch von Etwas, Herr

Wangern, der an Regentagen als Liebhaber drosch und durch die That bewies,

»was für eine Eßlust man dabei bekomme.« Da war der Herr Steiger aus

Bregenz, jung, glatt gekämmt, Sonntags im Frack, Wochentags im grauen Rock

mit grünem Sammtkragen. Da war Herr Kyslin, Lithograph aus Basel, dem

die Thränen in die Augen drangen, wenn er an den nahen Untergang der Welt

dachte, ein armes Opfer frommer Traktätchen. Da war endlich Herr Kaiser,

Eisenhändler in Solothurn, gebürtig aus dem Schwarzwalde, krank an

einem Halsleiden, das allerbeste Gemüth auf Erden, und, wie Herr Wölflin

meinte, »halt etwas blindköpfig,« weßwegen den ganzen Mittag über

immer gewetteifert wurde, wer den armen Mann am besten schrauben könne.

Man sprach z. B. von der Verschiedenheit der Kartoffeln und der =pommes de

terre=. Herr Kaiser sah schlau aus und meinte, das sei wohl dasselbe,

nur auf französisch und auf deutsch. »Behüte,« wurde ihm geantwortet,

»=pommes de terre= sind Erdäpfel, und diese, wie gesagt, völlig

verschieden von den Kartoffeln. Es wäre eine gute Speculation, wenn man

=pommes de terre= auf- und als Kartoffeln wieder verkaufte. Die Pflanze

ist sonderbar, hat Blätter wie die Sonnenrose und wächst wie ein Strauch,

manchmal ungeheuer hoch.« Herr Wangern versicherte: in Mühlhausen

wachse die Cichorie auch oft neun Schuh hoch und zwar mit dem Hopfen

zusammengezogen. Der Ertrag beider wunderbarer Pflanzen werde meistens

über Neuenburg im Badischen verführt. Otto antwortete: Wir in Preußen

bezögen auch fast alle Waaren über dieses Neuenburg. Folgte nun die

Unterhaltung über die Stadt. Sie war klein, so gut wie gar keine Straßen,

kaum Häuser, aber ein ungeheuerer Verkehr. Herr Kaiser hörte Alles an und

-- glaubte Alles.

Ganz offen -- diese Gesellschaft machte mir die eine Stunde immer

außerordentliches Vergnügen. Sie war so vollkommen neu für mich.

Am oberen Ende des Tisches saßen mehrere Französinnen und elegante

Waadtländerinnen, aber von ihnen hielt ich mich mit äußerster

Sorgfalt entfernt -- ich hatte noch genug von Genf. Meine Elsässer und

Schwarzwälder mit ihrem kernigen Humor waren mir weit lieber. Außerhalb

des Tisches freilich hörten unsere Beziehungen zu ihnen fast gänzlich

auf, nur mit meiner ersten Bekanntschaft gab es bei jeder Begegnung einen

Austausch von Höflichkeit und Italienisch.

Sie war 78 Jahr alt, dabei frisch, fett und froh, blos der Kopf zitterte

ihr etwas. Seit acht Jahren lebte sie im Hinterhofe, Winters mit der

Familie, Sommers mit den Fremden. Ihr »Herr« war hier im Bade gestorben

-- sie liebte, seinem Grabe nahe zu sein. Sie trocknete sich die Augen, als

sie uns das erzählte, »wie eine junge Wittwe,« sagte ich damals zu

Otto. O, ihr »Herr« war so süß gewesen und ihr so theuer! Er war

Seckelmeister in Einsiedeln gewesen und ganz besonders um sie zu heirathen

nach Italien gekommen. Sie war auch aus Einsiedeln, hatte dort Brüder als

Conventualen und ich glaube gar einen Onkel als Fürstabt gehabt -- o, sie

war von Familie und so aristokratisch, wie man es nur in der Schweiz

noch ist. Mir, der fast 30 Jahr jüngeren Frau, küßte sie trotz meines

Sträubens immer die Hand, denn ich war eine Signora, und sie verstand das.

Ihr »Herr« war auch ein Signor gewesen, sonst hätte sie, obwohl bereits

50 Jahre zählend, da er um sie gefreit, ihn gewiß nicht als Gemahl

angenommen. Und im Hinterhofe würde sie auch nicht wohnen, wenn es nicht

eine gute Familie wäre, aber die Dorers waren eine der ältesten Familien

in Baden -- ihre Mutter, eine Baldinger, war mit ihnen verwandt. Freilich

schätzten sie den Vorzug ihres Geschlechtes nicht genug -- sie verständen

es nicht besser -- flüsterte sie vertraulich. Sie hatte Recht --

Herr Dorer, dick, untersetzt und stumpfsinnig, dachte weit mehr an das

Rindfleisch, welches er immer eigenhändig herumreichte, als an seinen Ahn,

den Schultheiß, der einst die Mauern von Baden so tapfer vertheidigt.

Sein Erbe schlachtete ihm nach -- weder der jetzige, noch der

»Fideicommissair«, -- denn der Hinterhof im Canton Aargau ist ein

Fideicommiß -- sah im Geringsten patricisch aus. Aber die Seckelmeisterin

wußte, aus welchem Blute Beide stammten, und dieses Wissen tröstete sie

über das plebejische Aussehen und machte es ihr angenehm im Hinterhofe.

Sie selbst war allgemein beliebt; besonders schrie die kleine Amalie, das

Schwesterchen des jüngeren Fideicommissairs, schon auf zwanzig Schritte

mit ihrem hellen Stimmchen: »Scheckelmei! Scheckelmei!« Scheckelmei kam

dann herbei und hieß Amalie vor den Fremden ihre »Kneikerle« machen.

Scheckelmei war ihrer Manieren und ihrer Sprachkenntniß wegen Gouvernante

bei den Fräulein Töchtern des Herrn Gouverneurs gewesen und wußte, was

Lebensart heißt. Sie redete immer wohl und immer mit Feierlichkeit, ganz

wie in Goldoni's Komödien geredet wird. Damit konnte sie uns inmitten

des Hofes ganze Viertelstunden aufhalten. Wenn ich endlich durchaus

entschlüpfen wollte, gab ich ihr geschwind einen Kuß; darüber war sie

so erfreut, daß sie uns fortließ. Bei Tische machte sie immer die Wirthin

und nöthigte einem Jeden weit mehr vom Nachtisch auf, als er essen wollte.

Sie war gar gut die Scheckelmei, und ich hatte sie sehr lieb, und sie mich

auch. Dann freute sie sich immer über meinen »=dulce signore=,« pries

die Süßigkeit der Freundschaft, die Süßigkeit der Keuschheit und das

Paradies der Liebesfreuden, sprach von ihrem »Herrn«, trocknete sich die

Augen und wartete auf die Wiedervereinigung, wenn gleich vielleicht ohne

sie besonders zu wünschen.

Eine Table d'hote in einem Badeorte ist eines der treuesten Bilder des

Lebens -- täglich verschwinden bekannte Gesichter, um fremden Platz zu

machen. Wir hatten bald nicht mehr Herrn Wölflin, Herrn Wangern und selbst

unsern guten Herrn Kaiser, dafür hatten wir eine »enorme« Jungfer aus

Stäfa, die jeden Tag in einem anderen prachtvollen Seidenkleide erschien,

eine Madame aus Chur mit einem vierjährigen Knaben, welcher durch seine

grenzenlose Unbändigkeit bald den ganzen Hinterhof zur Verzweiflung

brachte. Schweizer Officiere mit ihren Frauen, Professoren, Räthe und

endlich ein Paar, das uns auffiel, weil der Mann noch so jung und so

hübsch war und die Frau so bleich und so krank aussah. Auch trug sie

Trauer und der Mann nicht. Dabei schienen sie sich sehr zu lieben; man sah

Beide nie anders als miteinander; er führte sie stets. Wir machten

eine Art Bekanntschaft mit ihnen auf einem Spaziergange, wo wir von

verschiedenen Seiten zusammentrafen. Sie waren Beide in St. Gallen und

Heidelberg so gleich gut bekannt, daß wir meinten, er sei irgend ein Rath

oder dergleichen aus St. Gallen, der in Heidelberg studirt habe. Am Abend

suchten wir in der Fremdenliste, konnten aber weder aus Heidelberg, noch

aus St. Gallen ein Ehepaar entdecken und wunderten uns. Doch nur wie

man sich über Dinge wundert, die einen wenig oder eigentlich gar nicht

interessiren. Den nächsten Tag war der Mann abgereist; ich fragte

natürlich die Frau, ob er ihr nicht sehr fehle. Sie lächelte verlegen.

»Sie haben auch gedacht, das sei mein »Herr«, nicht wahr?« fragte sie.

»Aber das ist nicht; ich bin Wittwe und in Trauer um meinen Mann, und Karl

ist nur mein Bräutigam.«

Ja, es war auch eine Wittwe, wirklich und wahrhaftig eine Wittwe -- wir

hatten zwei Wittwen im Hinterhofe, eine alte und eine junge, eine treue und

eine getröstete, eine Wittwe zum Beispiel, und eine Wittwe zur Warnung.

Eine Figur aus Goldoni, und eine Frau aus Boccaccio. Ich fiel ein Mal

um das andere aus den Wolken in die naivsten, freudigsten Verwunderungen

darüber, daß die Mannheimerin mir eine jener frischen, verliebten Frauen

so lebenswahr vorspielte, denn sie war aus Mannheim unsere verlobte

Wittwe, sie war aus Mannheim und seit acht Jahren in St. Gallen äußerst

glücklich verheirathet gewesen. O, ihr Mann war noch viel schöner gewesen

als Karl, und wie sie ihn geliebt, und wie beweint hatte -- es ließ sich

nicht sagen! Ganz St. Gallen war auch, als sie ihn verloren -- es war zu

Neujahr gewesen, also jetzt gerade sieben und einen halben Monat -- ja,

ganz St. Gallen war lauter Mitleid gewesen; obgleich eine Fremde, hatte

sie sich völlig wie unter Landsleuten glauben können, so hatte man

sich beeifert, ihr Theilnahme zu bezeigen, sie zu trösten! Die guten

St. Gallener hatten vermuthlich gemeint, einen St. Gallener zu verlieren,

müßte für eine Mannheimerin ein geradezu unermeßlicher Verlust sein!

Einer der angesehensten Männer war zu ihrem Schutzvogt ernannt worden --

die Interessen der armen Verlassenen mußten doch als heilig betrachtet

werden. Die arme Verlassene, die so allein auf der Welt war, hatte den

Winter über einsam ihrer Trauer gelebt und im Frühjahr eine Landsmännin

aus Heidelberg nur darum aufgenommen, weil die unglückliche Frau sich

vor den Wirren aus Baden geflüchtet und nicht gewußt hatte, wohin. Diese

unglückliche Frau war zufälliger Weise die Mutter von Karl gewesen, und

Karl natürlich zu seiner Mutter gekommen, als er mit seinem Bruder nicht

in den Aufstand gewollt hatte. Und da hatten sie sich Monate lang täglich

gesehen, und so -- o, sonst hätte sie's gewiß nimmer gethan, versicherte

die Wittwe-Braut. Natürlich, wenn sie Karl nicht kennen gelernt hätte,

würde sie sich nicht in ihn verliebt haben. Jetzt war sie's ordentlich,

ein junges Mädchen, welches den ersten Bräutigam hat, kann's nicht ärger

sein. Karl kam immer zugleich mit dem seligen Mann aus ihrem Munde. Diese

Hoffnung auf ihren Künftigen zugleich mit der Trauer um ihren Seligen

machte sie ungemein belustigend. Man wußte immer nicht, wen man hörte --

ob die Wittwe oder die Braut. Dazu kam, daß dieser lebendige Widerspruch

alle seine Empfindungen mit süddeutscher Offenheit herausplauderte. Wir

erfuhren alle ihre Angst, daß die St. Gallener merken könnten, wie es mit

ihrer Wittwenschaft aussähe, alle ihre Entschlüsse, so lange sie dieses

Kleid trage, nicht wieder zu heirathen, alle ihre Furcht vor dem vornehmen

Schutzvogt, der ihr jetzt ein wahrer Luxus von Ehre schien, unnütz, sehr

unnütz, endlich die Noth, welche sie hier im Hause, in unserm scheinbar

so soliden Hinterhofe gehabt. Die Leute waren schrecklich, aber schrecklich

neugierig gewesen; immer hatten sie gelauscht, gelacht und bedeutungsvolle

Mienen gemacht; selbst der Joseph war anzüglich geworden. Joseph war der

Badewärter des Hinterhofes und eine der gelassensten Individualitäten,

welche mich je um die Geduld gebracht. Aller Welt hätte ich boshafte

Bemerkungen zugetraut, nur nicht dem Joseph, und dieser selbige Joseph

hatte doch mit zweideutiger Miene gefragt: ob der Herr denn nicht mit

in's Bad gehe. Um diese Frage nicht gar zu impertinent zu finden, muß man

wissen, daß hier unter Eheleuten die Sitte des gemeinschaftlichen Badens

herrscht, aber freilich nur unter Eheleuten, unter Verlobten nicht.

Der heillose Joseph schien indessen Karl und die Wittwe nicht blos für

Verlobte halten zu wollen, denn auf ihre Erwiederung: der Herr sei nicht

krank, hatte er trocken gemeint: ach, die Herren gingen doch mit, auch wenn

sie nicht badeten. Das war denn der armen Wittwe doch zu arg geworden und

sie hatte den Bräutigam beschworen, das ungestörte Zusammensein, welches

sie hier in Baden gehofft hatten, fahren zu lassen und sie in St. Gallen

zu erwarten. Karl war ein vernünftiger junger Mann gewesen und resolut

abgereist, aber, ach, was es jetzt der Wittwe leid that, daß sie nicht

lieber den Joseph hatte schlaue Bemerkungen machen lassen, ohne den

Bräutigam fortzuschicken! Sie wußte sich nicht mehr zu finden, sie

brauchte ihre Kur wie im Traume, sie versicherte, daß sie nicht aus dem

Fieber herauskomme. Endlich hielt sie's nicht mehr aus -- der Doctor mußte

ihr die Abreise erlauben. Sie kam zu uns herüber gelaufen, sie war wie

elektrisirt, nie habe ich ein glückseliger Geschöpf gesehen. Sie wollte

einen Antheil an dieser Freude ihrer kleinen Tochter zuschreiben, aber ich

fürchte sehr, die Wonne war einzig und allein für Karl.

Die beiden Wittwen waren von einander verschieden, wie eine graue,

moosige Epheuranke, welche sich auf einem Grabstein eingewurzelt, und ein

leichtsinniger Finke, der, wenn sein Nest auf einem Baume zerstört wird,

sich zwitschernd einen andern sucht, um sich ein neues zu bauen.

Waadtländerin und Pariser.

Ein Nervenzufall.

Die hübsche Madame Picard lag auf dem Sopha und hatte einen heftigen

Nervenzufall. Ihr Mann ging verdrießlich und unruhig hin und her und

begriff nicht, wie bei einer vernünftigen Frau ein so unvernünftiger

Zufall möglich sei. Herr Picard war an Nervenzufälle bei seiner Frau

gewöhnt, aber so einer! Wie gesagt, konnte man einen solchen Nervenzufall

haben?

Die hübsche Waadtländerin ließ den ernsthaften Genfer nicht lange

darüber in Ungewißheit. Sie schrie höchst erbärmlich, daß er sie nicht

mehr liebe.

»Aber, meine Theure,« fing der Gatte an.

»Nein, lassen Sie mich,« schluchzte sie. »O, ich weiß es seit lange.

Glauben Sie, daß solche Veränderungen dem Herzen einer Frau nicht

fühlbar werden? Angebetet, wie ich war, glaubst Du, ich empfinde nicht,

Grausamer, daß Du kalt geworden bist, trostlos, ganz und gar kalt?«

»Pauline, wir sind dreizehn Jahr verheirathet.«

»Und das ist ein Grund, um uns nicht mehr zu lieben? Nun wohl, wie Sie

wollen, Monsieur, wie Sie wollen.«

Der Mann sprach von Uebertreibung und unbilligen Forderungen, so

vernünftig, wie ein Genfer Kaufmann nur sprechen kann. Die Frau aber

geberdete sich vor dieser unwillkommenen Vernunft immer krankhaft

unverständiger, so daß dem Manne zuletzt Nichts übrig blieb, als der

Bonne zu schellen und nach dem Doctor zu schicken.

Die Bonne erhob, als sie ihre Herrin in einem solchen Zustande sah, die

Augen gen Himmel, zuckte tragisch die Achseln und verkündete, indem sie

durch die Küche eilte, Monsieur bringe Madame noch um, das sei ganz klar.

Die Köchin und ein eben anwesendes Nähtermädchen umarmten den

kleinen dreijährigen Emil, der ihrer besondern Sorgfalt anvertraut war,

schüttelten traurig die Köpfe und seufzten: »armes Kind!« Emil begehrte

noch eine Butterschnitte; unter neuen schweren Seufzern empfing er sie von

den bewegten Dienerinnen. Er biß hinein, beschmierte sich beide Backen

und watschelte in dieser wahrhaft kindlichen Verfassung hinaus auf die

Gallerie, ohne im mindesten zu wissen, daß seine Mutter als ein Gegenstand

des tiefsten Mitleidens auf ihrem Sopha am Rande des Grabes lag.

Die Mutter schien es zu wissen, denn sie wehklagte über ihre armen Kinder

und beschwor ihren Mann, wenigstens diese zu lieben. Der Mann murrte: das

verstehe sich ja von selbst.

Nein, das verstand sich nicht von selbst. Wer die Mutter nicht mehr liebte,

wie leicht konnte der auch der Kinder vergessen.

Herr Picard griff sich mit allen zehn Fingern langsam in das Haar. Es war

ihm dies seit zehn Jahren nicht begegnet, aber seine Frau hatte sich auch

noch nie so aufgeführt.

Sie lag starr und sprachlos, als der Doctor kam. Herr Picard fand diese

Sprachlosigkeit recht gut -- der Doctor war anderer Meinung. Kaum hörten

das die Bonne, die Köchin und das Nähtermädchen, so erhoben sie

einstimmig ein Geschrei von solcher Stärke, daß Herr Picard fürchtete,

die ganzen Eaux-vives könnten aufrührerisch werden. In dieser Vorstadt

von Genf stand nämlich das Häuschen, welches einen kleinen Hof, einen

kleinen Garten und zwei kleine Gallerien hatte und von Herrn Picard nebst

Frau und Kindern bewohnt wurde.

Nachdem Madame zu Bett gebracht und mit Essenzen gerieben worden war,

bekam sie die Sprache wieder und verlangte nach ihren Kindern. Die beiden

ältesten Jungen konnten nicht aufgefunden werden -- sie fischten irgendwo,

wahrscheinlich in nicht kleiner Gefahr, aus dem Kahn in den See zu fallen.

Der kleine Emil wurde von der Bonne herbeigeführt -- die Mutter küßte

ihn und verzog den Mund, weil sie mit dem Kusse Butter auf die Lippen

bekommen hatte. Die Bonne, ziemlich hart über ihre wenige Sorgfalt für

den Kleinen angelassen, rümpfte die Nase und versicherte dann draußen

in der Küche: man könne es Madame nie recht machen; Monsieur möge

es manchmal schwerer mit ihr haben, als man glaube. Die Köchin und das

Nähtermädchen stimmten der Bonne völlig bei, und Madame schlief ein,

ohne länger bedauert zu werden.

Unterdessen las der Doctor dem gelangweilten Ehemanne Moral. Eine so

reizbare Frau müsse geschont werden, oder man könne der übelsten Folgen

gewärtig sein. Herr Picard rief mit unterdrückter Erbitterung: »Wenn ich

nur erst wüßte, wie ich sie schonen soll!« -- »Wissen Sie's nicht?«

fragte der Doctor. »Nein, ich weiß es nicht,« erwiederte der verdrossene

Mann. »Nun, das müssen Sie wissen,« schloß der Doctor phlegmatisch.

Herr Picard wäre beinah heftig geworden, obgleich er ein Genfer war. »Sie

können gut reden -- Sie haben auch eine Frau --« -- »Aber die hat keine

Nervenzufälle,« ergänzte der Doctor.

»Das war's, was ich sagen wollte. So haben Sie leicht predigen, was Sie

nicht zu thun brauchen.«

»Ich predige nur, was nöthig ist. Denn ich wiederhole Ihnen -- schonen

Sie Ihre Frau, oder -- Sie möchten sie nicht gern verlieren, nicht wahr?«

»Was für eine Frage!«

»Nun, Sie können sie verlieren, wenn dergleichen Auftritte sich öfter

wiederholen. Widersprechen Sie ihr nie, sie mag verlangen, was sie will.«

»Zu verlangen versteht sie,« sagte Herr Picard mit einem Seufzer, der

vielfachen Erinnerungen galt. »Man sollte meinen, sie wäre statt am See

von Joux in Paris geboren worden.«

»Was wollen Sie?« antwortete kaltblütig der Doctor. »Es giebt Frauen,

die haben das Genie der Caprice, wie andere das Genie der Liebe. Ihre Frau

ist eine von den ersteren.«

Madame Picard.

Aus der Schweiz · 第 2 / 12 段