Er hatte Käte unten warten lassen – sie hatte zwar durchaus mit

hinaufgewollt, aber er hatte darauf bestanden, sie mußte unten auf dem

Hof, auf diesem engen, dunklen Hof, der nach Moder und Müllstaub roch,

stehen bleiben – war allein hinaufgegangen. Drei Treppen. Sie waren ihm

unendlich steil vorgekommen, noch nie hatte ihm Treppensteigen so die

Kniee angestrengt. Da stand ›Knappe‹. Er hatte an die Klingel gerührt –

hei, wie fuhr er zusammen, als sie so schrillte. Was wollte er denn

eigentlich hier?! Auf einen anonymen Brief hin drang er zu fremden

Leuten ein, in eine fremde Wohnung, er, Paul Schlieben?! Das Blut stieg

ihm zu Kopf – da hatte schon die Person geöffnet, in einem hellblauen

Schlafrock, gar nicht mehr jung, aber üppig, mit gutmütigen Augen. Und

er hatte einen eleganten Überzieher und einen feinen Filzhut im Entree

hängen sehen beim Schein des erbärmlichen Küchenlämpchens, das den

selbst am Mittag stockdunklen Flur erhellte, und erkannte in ihnen

Wolfgangs Sachen. Also wirklich, er war hier?! Hier?! Der anonyme Brief

log also doch nicht?!

Was er dann getan hatte, wußte er selber nicht mehr genau; er wußte nur,

er war Geld losgeworden. Und dann hatte er den jungen Menschen beim Arm

die Treppe hinuntergeführt, das heißt, mehr geschleppt als geführt. In

halber Höhe schon war ihnen Käte entgegengekommen, es hatte ihr da unten

zu lange gedauert, Kinder mit offenen Mäulern hatten sich um sie

versammelt, und aus den Fenstern hatten Weiber auf sie herabgespäht. Sie

war fast verzweifelt: warum blieb Paul denn so entsetzlich lange?! Sie

hatte ja keine Ahnung, daß er den Sohn erst aus einem bleiernen Schlaf

in einem unordentlichen Bett erwecken mußte. Das durfte sie auch nie,

nie erfahren!

Nun hatten sie ihn wieder zu Hause, aber war’s eine Freude? Darauf mußte

Schlieben sich, und wäre er noch so versöhnlich gestimmt gewesen, noch

so vergebungsbereit, mit einem schroffen ›Nein‹ antworten. Hier erblühte

ihnen keine Freude mehr. Vielleicht, daß sie später, ganz später, noch

einmal welche an ihm erlebten! Vorerst war es das beste, daß der junge

Mensch zum Militär kam!

Zum ersten April sollte Wolfgang eintreten, darauf setzte Schlieben die

letzte Hoffnung.

Wolfgang hatte immer gewünscht, bei den Rathenower Husaren zu dienen,

aber nach den letzten Erfahrungen hielt Schlieben es für angemessener,

ihn ganz solide bei der Infanterie eintreten zu lassen.

Früher würde der Sohn heftigen Widerspruch erhoben haben – Kavallerie

mußte es sein, auf jeden Fall – jetzt fiel ihm das gar nicht mehr ein.

Wenn denn gedient sein mußte, war es ganz gleichgültig wo; er war

todmüde. Er hatte nur den Wunsch, sich einmal ganz ausschlafen zu

können. Kullrich war tot – gegen Weihnachten hatte der trauernde Vater

ihm aus Görbersdorf die Anzeige geschickt – und er? Er hatte zu viele

Nächte verbummelt. –

Es war ein Schlag für Schlieben, daß Wolfgang nicht zum Militär genommen

wurde. ›Untauglich‹ – ein hartes Wort – und warum untauglich?!

›Schwerer Herzfehler –‹ die Eltern lasen’s mit Augen, die falsch zu

lesen glaubten und es doch richtig lasen.

Wolfgang war sehr abgespannt von der Untersuchung nach Hause gekommen,

aber er zeigte sich nun weiter nicht aufgeregt über seine

Untauglichkeit. Er zeigte es nicht – aber ob er es nicht doch war?!

Der Sanitätsrat zwar, nachdem auch er ihn untersucht hatte, versuchte

alles so tröstlich als möglich hinzustellen: »Herzfehler, lieber Gott,

Herzfehler! Es gibt ja gar keinen Menschen, der ein ganz normales Herz

hat! Wenn Sie sich ein bißchen danach halten, Wolfgang, und solide

leben, können Sie steinalt werden!«

Der junge Mensch sagte kein Wort hierauf.

Schliebens überschütteten ihren Arzt mit Vorwürfen: warum hatte er ihnen

das nicht längst gesagt? Er mußte das doch wissen! Warum hatte er sie so

im unklaren gelassen?!

Hofmann verteidigte sich: hatte er denn nicht immer und immer wieder zur

Vorsicht gemahnt?! Seit dem Scharlach damals hatte er für des Jungen

Herz gefürchtet und das auch nicht verhehlt. Aber freilich, daß sich die

Sache so schnell verschlimmern würde, hatte auch er nicht gedacht. Der

Junge hatte eben zu sehr drauf los gelebt!

›Schwerer Herzfehler‹ – das war wie ein Todesurteil. Wolfgang streckte

die Waffen. Auf einmal fühlte er nicht mehr die Kraft in sich, gegen

diese nächtlichen Anfälle anzukämpfen. Was er früher, ehe er das wußte,

ganz für sich allein in seinem Bett, selbst ohne Licht anzuzünden,

abgemacht hatte, das trieb ihn jetzt auf die Füße. Es trieb ihn ans

Fenster – er riß es auf – trieb ihn in der Stube umher, bis er

endlich, völlig ermattet, im Lehnstuhl Ruhe fand. Das trieb ihn sogar,

bei den Eltern anzuklopfen: »Schlaft ihr? Ich habe solche Angst! Wacht

doch mit mir!«

* * * * *

Wochenlang waren es böse Nächte gewesen. Wolfgang hatte gelitten, und

die Mutter mit ihm. Wie konnte sie schlafen, wenn sie wußte, daß nebenan

jemand sich quälte?!

Nun ging es wieder besser. Die Medikamente des alten Freundes hatten

gewirkt, und Wolfgang hatte eine regelrechte Kur durchgemacht: Bäder,

Abreibungen, Massage, besondere Diät. Nun konnte man ganz zufrieden mit

dem Erfolge sein. Besonders das streng geregelte Leben hatte ihm gut

getan; das Körpergewicht hatte wieder zugenommen, sein Auge war

glanzvoller, seine Gesichtsfarbe frischer. Sie hatten alle die größte

Zuversicht – nur einer nicht. Dieser eine hatte eben keinen Willen zum

Leben mehr. –

Der April war rauh und stürmisch, ganz außergewöhnlich kalt; es war

nicht möglich, daß der Rekonvaleszent so viel im Freien sein konnte wie

wünschenswert war, besonders da warmmachende Bewegungen, wie Tennis,

Radfahren, Reiten, für ihn noch zu ermüdend waren. Der Arzt schlug vor,

Wolfgang nach der Riviera zu schicken. Wenn auch dort nur noch ein paar

Wochen blieben, bis es zu heiß wurde, die würden schon genügen.

Schlieben war sofort bereit, den jungen Mann reisen zu lassen: wenn’s

ihm gut tat, nun natürlich! Käte erbot sich, mitzureisen.

»Aber warum denn, liebste Frau? Der Junge kann ganz gut allein reisen,«

versicherte der Sanitätsrat.

Aber sie bestand darauf, sie wollte ihn begleiten. Jetzt war’s nicht

mehr die Besorgnis, er könne ihr verloren gehen: es war ihre Pflicht so,

sie mußte ihn begleiten, selbst wenn sie es nicht gern getan hätte. Und

ein wenig eigne Lust, sich ganz heimlich, ihr selber unbewußt, in ihr

regend, kam auch noch dazu. Sie wußte ja so gut Bescheid im Süden –

wenn sie zum Beispiel nach Sestri gingen? Fragend sah sie ihren Mann an.

Hatten sie nicht dort an der Riviera Levante einst wahrhaft glückliche

Tage verlebt? Dort am blauen Meer, wo die breiten Pinien grüner und

schattender stehen, als tiefer im Süden die Palmen, wo die Luft bei

aller Milde etwas Herbes und Erfrischendes hat, wo nichts Schlaffes ist,

lauter Belebung!

Er lächelte: gewiß, sie konnten ja dahin reisen! Ach, er freute sich ja

so über den doch noch nicht gänzlich verlöschten Enthusiasmus seiner

Frau.

Am Nachmittag seiner Abreise kramte Wolfgang lange in seinem Zimmer.

Käte, die besorgt war, daß er sich beim Packen zu sehr anstrengen

könnte, hatte ihm Friedrich zu Hilfe geschickt. Aber dieser kam bald

wieder herunter: »Der junge Herr will’s alleine machen!«

Als Wolfgang das Letzte in seinen Koffer gelegt hatte, sah er sich

nachdenklich im Zimmer um. Hier war er nun aufgewachsen, hier dieses

Zimmer hatte er oft als einen Käfig betrachtet – ob er nun wieder in

diesen zurückkehrte?!

– – _Wir haben hie keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir_

– –

Drüben hing, schön gerahmt, sein Konfirmationsspruch an der Wand. Lange

nicht gelesen. Jetzt las er ihn wieder; leicht lächelnd, ein bißchen

spöttisch, und ein bißchen wehmütig. Ja, er würde wieder hier hinein

zurückflattern, er war eben an den Käfig gewöhnt!

Und nun beschloß er, als allerletztes, noch etwas Übriges zu tun, und –

zu Frida zu gehen. –

Frau Lämke war sprachlos vor Staunen, fast erschrocken, als sie gegen

die Zeit, in der ihre Frida gewöhnlich nach Hause zu kommen pflegte, den

jungen Herrn Schlieben bei sich eintreten sah. Sie stotterte vor

Verlegenheit: »Nee, Frida is noch nich zu Hause – un Artur is auch nich

hier – un Vater is oben in die Loge – aber wenn Sie so lange – so

lange – bei mir vorlieb nehmen wollen!« Sie schob ihm mit großem

Gerappel einen Stuhl hin.

Er rückte sich den Stuhl dicht an den Tisch heran, an dem sie genäht

hatte. Nun saß er wieder hier wie einst. Und er entsann sich ganz

deutlich jener ersten Einladung zu Lämkes – Fridas zehnter Geburtstag

war’s gewesen –, da hatte er hier gesessen mit den Kindern, und der

Kaffee und die Kuchenschnecken hatten ihm so köstlich geschmeckt.

Und eine Menge von Erinnerungen kamen ihm noch – lauter nette

Erinnerungen – aber doch wollte kein rechtes Gespräch mehr zwischen ihm

und Frau Lämke zustande kommen. Fühlte er eine Beklemmung vor dem

Wiedersehen mit Frida? Oder was machte ihn so unruhig hier?! Ja, es war

so, auch hier war er nicht mehr am Platze!

Es lag wie eine Trauer in seiner Stimme, als er, Mutter Lämke die Hand

zum Abschied reichend, sagte: »Nun denn – adieu!«

»Na, verjniegte Erholung – auf Wiedersehen!«

Daraufhin nickte er und schüttelte ihr noch einmal die Hand, und dann

ging er; er wollte lieber Frida entgegen gehen, das war besser als hier

innen zu sitzen. Er hatte Herzklopfen. Da sah er sie schon auf sich

zukommen.

Obgleich es dunkel war, die Beleuchtung nicht so taghell wie drinnen in

der Stadt, erkannte er sie schon von weitem. Sie trug das gleiche

Matrosenhütchen mit blauem Band wie im vorigen Sommer; das war zwar noch

etwas verfrüht, aber es paßte zu ihr. So frühlingsfrisch!

Ein Gefühl quoll in Wolfgang auf, als sie vor ihm stand, das er sonst

Frauenzimmern gegenüber nicht gekannt hatte: ein brüderliches Gefühl

inniger Zärtlichkeit. Ach, sie hatte es doch wohl nur gut gemeint!

Stumm grüßte er, sie aber sagte froh: »Ach du, Wolfjang?!« und streckte

ihm die Hand hin.

Wie früher schlenderte er neben ihr her; sie hatte unwillkürlich ihren

Schritt verlangsamt. Sie wußte nicht recht, wie sie wieder mit ihm

anfangen sollte, aber das glaubte sie zu fühlen: böse war er nicht

mehr.

»Wir reisen morgen,« sagte er.

»Nanu, wohin denn?«

Und er erzählte ihr’s.

Mitten darin unterbrach sie ihn. »Bist du mir böse?« fragte sie ganz

leise.

Er schüttelte verneinend den Kopf, aber weiter ging er nicht darauf

ein.

Alles, was sie ihm sagen wollte, daß sie nicht anders gekonnt hätte, daß

Hans ihn ›ausbaldowert‹, daß sie’s doch seiner Mutter versprochen und

daß sie selber so große Angst um ihn gehabt hätte, unterblieb. Es war

nicht nötig. Es war, als sei das Vergangene nun tot für ihn, als hätte

er es ganz vergessen.

Als er dem interessiert zuhörenden Mädchen von der Riviera, wohin er nun

reisen würde, erzählte, beschlich es ihn leise doch wieder wie neue

Lebensfreudigkeit. Ah, nur heraus hier, heraus! Wenn er erst dort war,

würde alles besser werden! Er machte sich noch kein rechtes Bild, wie es

eigentlich dort sein würde; mit halbem Ohr nur, nein, gar nicht hatte er

zugehört, wenn die Mutter ihm vom Süden gesprochen hatte, es war ihm ja

alles ganz gleichgültig gewesen. Nun empfand er es selber wie eine

Wohltat, daß er wieder Teilnahme hatte. Er atmete tief auf.

»Schickst du mir auch ’ne schöne Ansichtskarte von da?« bat sie.

»Natürlich, viele!« Und dann legte er den Arm um ihre schmalen Schultern

und zog sie an sich.

Und sie ließ sich ziehen.

Auf offener Straße, an deren Rändern die Büsche schon knospten und der

Flieder im ersten Safte schwoll, standen sie und hielten sich umfaßt.

»Komm jesund wieder,« schluchzte sie.

Und er küßte sie zart auf die Wange: »Frida, ich muß mich wirklich noch

bei dir bedanken!« – – – – – – –

Als Frida am andern Morgen ins Geschäft ging – die Uhr war halb acht –

sagte sie zur Mutter: »Nu is er fort,« und blieb nachdenklich den ganzen

Tag. Lange Wochen hatte sie nicht mit Wolfgang gesprochen gehabt – da

war es ihr auch ganz gleichgültig gewesen – aber seit gestern abend war

ihr weh ums Herz. Sie dachte viel an ihn, sie konnte ihn gar nicht

vergessen.

6

Käte war nun mit dem Sohn allein. Nun hatte sie ihn ganz für sich. Das,

was sie früher in eifersüchtigem Ringen erstrebt hatte, nun war es ihr

gegeben. Nicht einmal die Natur draußen, die mit so lockenden Augen in

die Fenster sah, konnte ihn an sich ziehen. Es erstaunte sie – ja, nun

verstimmte es sie fast – daß er nicht mehr Anteil zeigte. Sie fuhren

durch die Schweiz – er sah sie zum ersten Mal – aber das, was sie beim

ersten Anblick zu Tränen anbetender Bewunderung gerührt hatte, diese

hohen Berge, deren Gipfel sich in Schnee und Wolken verloren, zwangen

ihm kaum einen Blick ab. Dann und wann sah er wohl einmal zum

Coupéfenster hinaus, aber meist lehnte er in seiner Ecke, las oder

träumte mit offenen Augen vor sich hin.

»Bist du müde?«

»Nein,« sagte er; bloß ›nein‹, aber ohne die schroffe Kürze, die ihm

sonst eigen gewesen war. Es war keine unliebenswürdige Ablehnung mehr in

seinem Ton.

Mit besorgten Augen sah Käte den Sohn an: die Reise griff ihn doch wohl

an? Es war gut, daß sie mit ihm war! Sie kam sich unentbehrlich vor, und

das Gefühl innerer Genugtuung ließ die Anstrengungen der weiten Reise

gar nicht empfinden.

In Mailand, wo sie einen Tag rasteten, wollte Wolfgang nicht viel vom

Dom wissen. »Ja, großartig,« sagte er, als sie sich am Wunderbau

begeisterte. Aber auf die Plattform, von der man heute bei dem hellen

Wetter eine kolossale Rundsicht haben würde bis hin zu den fernen Alpen,

wollte er nicht mit ihr hinauf. »Geh du allein, laß mich hier!«

Es kam ihr anfänglich komisch vor, daß sie, die alte Frau, hinaufsteigen

sollte, während er, der junge Mann, unten blieb. Zuletzt konnte sie der

Lust, die sie drängte, das früher schon einmal Genossene, Herrliche

wieder neu aufleben zu sehen, doch nicht widerstehen. Sie löste sich die

Karte zum Hinaufsteigen, und er klappte sich einen der Feldstühle

auseinander, die zum Gebrauch in der weiten Leere des Riesendomes

stehen, und ließ sich, den Rücken an eine Marmorsäule gelehnt, nieder.

Ah, hier ruhte sich’s gut! Nach dem Markt draußen mit seinem Gelärm und

dem Geschwirr von Tönen und bunten Farben, umfing ihn hier die

weihrauchdurchwürzte Dämmerung. Es störte ihn nicht, daß Türen auf- und

zuklappten, daß Leute aus- und einzogen in Scharen. Daß hier ein

Fremdenführer mit blecherner Stimme seinen Fremden die eingelernte

Belehrung herleierte, ganz laut, nicht achtend, daß er dabei fast über

die Füße derer stolperte, die auf niedrigen Bänkchen vor einem sitzenden

Priester, flüsternd ihre Sünden bekannten. Daß dort einer die Messe

zelebrierte – die Meßner knicksten und klingelten – während hier eine

Köchin, das an den Beinen zusammengebundene Geflügel neben sich, mit

einer Gevatterin schwatzte.

Das alles störte ihn nicht, er bemerkte es gar nicht. Die köstliche

Dämmerung umfing seine Sinne, er wurde so schläfrig, so selig müde. Vor

seinen verschwimmenden Blicken lächelten alle Heiligen, süße Marien und

pausbackige Engelchen, die Amoretten glichen. Es wurde ihm wohlig hier.

Der Mailänder Dom, dies Wunder der Welt, verlor seine befremdende

Großartigkeit; die weiten Mauern rückten zusammen, wurden eng und

traulich und umfaßten doch die Welt. Eine friedvolle Welt, in der Sünder

niederknieen und als Reine auferstehen. Eine ungeheure Sehnsucht erfaßte

Wolfgang, auch hier niederzuknieen. Ah, da war sie wieder, die

Sehnsucht seiner Knabenjahre! Wie hatte er dazumal die Kirche, in die

ihn das Mädchen Cilla geführt hatte, geliebt! Er liebte sie noch, er

liebte sie wieder, er liebte sie heute mit noch sehnsüchtigerer Liebe

als dazumal. Hier war er zu Haus, hier hatte er das warme Gefühl der

Zugehörigkeit.

– ›_Qui vivis et regnas in saecula saeculorum_‹ – – hocherhoben

strahlte die goldene Monstranz, tief neigten sich die Beter, seliger

Wohlklang schwebte unterm hochgewölbten Kuppeldach, immer schöner,

schöner – leise, leiser. Die Lider fielen ihm zu.

Und er sah Cilla. So frisch, so schön wie das Leben selber. O, wie

wunderschön! So hatte sie sonst doch nicht ausgesehen?! Er war sich

bewußt, daß er träumte, aber er war nicht imstande, den Traum

abzuschütteln. Und sie kam ihm ganz nah – o, so nah! Und sie machte das

Zeichen des Kreuzes über ihm – leise tönte Orgelmusik – horch, was

sprach sie, was flüsterte sie über ihm?! Er wollte nach ihrer Hand

greifen, sie befragen, da hörte er eine andre Stimme:

»Wolfgang, schläfst du?«

Kätes Hand hatte sich leise auf seine Hände gelegt, die er gefaltet auf

den Knieen hielt. »Ich bin wohl lange oben geblieben? Du hast dich

gelangweilt?«

»O nein, nein!« Er sagte es mit Enthusiasmus.

Sie gingen zusammen zum Dom hinaus, aus dem die Orgel hinter ihnen

hertönte bis auf den Markt. Käte war ganz begeistert von der genossenen

Fernsicht und merkte darüber nicht den heimlichen Glanz, der in

Wolfgangs Augen war. Er war still und schien mit allem einverstanden.

* * * * *

Seine Art fing die Mutter fast an zu beängstigen. Das, was sie früher

beglückt haben würde – ach, wie hatte sie sich in früheren Jahren nach

einem gefügigeren Kinde gesehnt! – stimmte sie jetzt wehmütig. War er

am Ende doch kränker, als sie alle ahnten?

Sie waren jetzt an der Küste angelangt, in Sestri. Das waren noch

dieselben Pinien, unter denen sie vor achtzehn Jahren als jüngere Frau

gesessen und gemalt hatte. Aber ein andres Hotel war seitdem entstanden,

ein ganz deutsches: deutscher Wirt, deutsche Bedienung, deutsche Küche,

deutsche Gesellschaft, aller Komfort, so, wie Deutsche ihn lieben. Käte

hatte sich ganz zurückhalten wollen, nur für Wolfgang leben; nun war es

ihr aber doch Bedürfnis, dann und wann mit diesem oder jenem zu

plaudern, denn wenn sie auch mit Wolfgang zusammen war, allein fühlte

sie sich doch. Was dachte er? Daß er etwas dachte, zeigten ihr seine

Stirn und seine Augen; aber er sprach seine Gedanken nicht aus. War er

verstimmt – heiter? Fröhlich – traurig? Reute ihn manches und grübelte

er darüber nach – oder langweilte er sich hier?! Das alles wußte sie

nicht.

Mit einem gewissen Eigensinn zog er sich von allen übrigen zurück.

Vergebens ermunterte Käte ihn, mit jungen Mädchen, die einen Partner

suchten, Tennis zu spielen; wenn er’s nicht übertrieb, durfte er das

immerhin schon wagen. Auch zu Segelfahrten wurde er aufgefordert, aber

der Sport schien ihm gleichgültig geworden zu sein.

Meist lag Wolfgang vorn auf der Mole, an deren felsiger Spitze sich das

blaue Meer rastlos zu weißem Schaum zerpeitscht, sah hinüber nach der

Küste der Ponente, die in rotviolettem Dufte schwimmt, oder blickte

zurück nach den nackten Gipfeln der Apenninen, in deren Halbkreis sich

die weißen und roten Häuser von Sestri schmiegen.

Wenn die Fischerboote mit schlaffen Segeln wie müde Vögel in den Hafen

glitten, stand er auf und schlenderte langsam zum Anlegeplatz ihnen

entgegen. Die Hände in den Hosentaschen stand er dann dabei und sah zu,

was sie an Fischen ausluden. Viel Beute war es nicht. Dann zog er die

Hände aus den Hosentaschen und gab den Fischern, was er an Geld bei sich

hatte.

Wenn die Mutter gewußt hätte, was der Sohn dachte! Wenn sie geahnt

hätte, daß seine Seele dahinflog mit müden Flügeln wie eine treibende

Möwe über uferlosem Meer!

Wolfgang hatte Heimweh. Hier gefiel es ihm nicht. Hier war es viel zu

weich, viel zu schön; das langweilte ihn. Nur die Pinien, die streng

duftenden, gefielen ihm; die waren doch besser als die Kiefern im

Grunewald. Aber Heimweh nach dem Grunewald hatte er eigentlich auch

nicht. Es war eben immer dasselbe, ob hier, ob da, ihn quälte immer die

Sehnsucht. Wonach – wohin?! Darüber grübelte er. Aber der Mutter hätte

er es nicht sagen mögen, denn jetzt sah er’s, daß sie sich um ihn mühte.

Und öfters, als er es sonst je in seinem Leben getan hatte, fand er

jetzt ein herzliches Wort.

Also endlich, endlich doch! Käte sah ihn oft verstohlen von der Seite

an: war das noch derselbe, der sich als Knabe trotzig gegen sie

gestemmt, ihre Liebe abgewehrt hatte, all ihre große Liebe?! Dieser

hier, dessen Anblick im Mailänder Dom sie so seltsam gerührt hatte, war

das noch derselbe, der auf der Schwelle gelegen hatte, betrunken –

pfui, so betrunken! Derselbe noch, der so gesunken war, so tief, daß er

– ach, gar nicht mehr daran denken!

Käte wollte vergessen; ehrlich mühte sie sich darum. Neulich, als sie

ihn im Dom gefunden hatte, an einer Säule sitzend, die Hände gefaltet,

die Lider träumerisch geschlossen, da war er ihr so jung vorgekommen,

noch rührend jung; seine Stirn war glatt gewesen, alles darauf wie

weggewischt. Und sie mußte denken: ob man nicht doch zuviel von ihm

verlangt hatte? War man ihm auch immer ganz gerecht geworden? Hatte man

ihn so verstanden, wie man ihn hätte verstehen müssen?! In ihrer Seele

stiegen Zweifel auf. Sie hatte sich immer für eine gute Mutter gehalten;

seit jenem Tag im Dom war es ihr, als hätte sie etwas verfehlt. Was,

konnte sie selber nicht sagen. Aber in die Genugtuung, daß der Sohn nun

doch zu ihr kam, mischte sich Wehmut und ein reichlich Teil

selbstquälerischen Schmerzes. Ah, nun war er ja gut, nun war er

wenigstens annähernd so, wie sie sich ihn gewünscht hatte – weicher,

lenksamer – aber nun – ach, was hatte sie nun?!

›Wolfgang macht mir doch Sorge,‹ schrieb sie an ihren Mann. ›Es ist so

schön hier, aber er sieht es nicht. Mir ist oft bange!‹

Als Schlieben ihr angeboten hatte, auch mitzureisen – er hatte das

getan, weil er wünschte, seiner Frau manches abzunehmen – hatte Käte

fast ängstlich abgewehrt: nein, nein, es war durchaus nicht nötig! Sie

wollte viel lieber mit Wolfgang allein sein, sie hielt es für ihn und

für sich so viel ersprießlicher. Nun dachte sie doch viel an ihren Mann

und schrieb ihm fast alle Tage. Und wenn es auch nur ein paar Zeilen auf

einer Postkarte waren, sie fühlte das Bedürfnis, ein Wort mit ihm zu

tauschen. Er, ja er würde es hier so schön finden, wie sie es schön

fand! Wie sie es einst vereint schön gefunden hatten! Hier diesen Pfad

über die Klippen waren sie einst zusammen geklettert, er hatte ihr die

Hand gereicht, sie geführt, damit ihr nicht schwindelte, und mit einem

Gefühl wonnigen Grausens hatte sie tief unter sich das blaue gläserne

Meer gesehen und hoch über sich den grauen Felsenfirst mit den

tiefgrünen Pinien, die das Blau des Himmels küßten. War sie denn in

diesen achtzehn Jahren so alt geworden, daß sie sich diesen Pfad nicht

mehr getraute zu gehen? Sie hatte es versucht, aber vergeblich, ein

jäher Schwindel hatte sie erfaßt. Die Hand war eben nicht da, die sie so

fest, so sicher gestützt hatte. Ach ja, damals waren es bessere Zeiten

gewesen, glücklichere!

Käte vergaß ganz, daß sie damals etwas so heiß begehrt hatte, daß sie

dadurch sich und ihm manche Stunde getrübt, jeden Genuß vergällt hatte.

Jetzt sah sie über den Sohn weg, der neben ihr schlenderte, sah mit

weichem Blick, in dem noch ein Strahl verlorener Jugend aufglänzte, in

die Ferne – ihr guter Mann, er war so allein! Ob er an sie dachte, wie

sie an ihn?!

Am Abend, als Wolfgang sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte – was er

da trieb, ob er noch aufsaß, las, schrieb oder sich schon niedergelegt

hatte, wußte sie nicht – schrieb sie ihrem Mann.

Es war nicht die Länge und Ausführlichkeit des Briefes, die Schlieben so

erfreuten – damals aus Franzensbad hatte sie ihm auch lange und

ausführliche Briefe geschrieben – er las etwas zwischen den Zeilen. Das

war ein unausgesprochener Wunsch, ein Verlangen, eine Sehnsucht nach

ihm. Und er beschloß, nun doch noch nach dem Süden zu reisen: man hatte

am Ende so lange Jahre miteinander gelebt, daß es wohl zu verstehen war,

fühlte der eine Teil ohne den andern sich vereinsamt!

Mit tatkräftigem Eifer wickelte Schlieben seine laufenden Geschäfte ab.

In acht Tagen spätestens hoffte er reisefertig zu sein. Aber nichts

schreiben, ja nichts vorher schreiben, das sollte einmal eine

Überraschung werden!

* * * * *

Einer Mutter Sohn · 第 22 / 23 段