vorüber, sie wurde mitgerissen. Gleich Wellen umwogten sie Gestalten –
raschelnde Frauenröcke, die stark nach Parfüm dufteten, und Herren,
Männer, junge und alte, Greise und Jünglinge und kaum dem Knabenalter
Entwachsene. Das war ja hier wie ein Korso – was suchten die hier
alle?! Das war also das vielgerühmte und amüsante Nachtleben Berlins?
Schrecklich war es, o, über alle Maßen abscheulich!
Alles sah Käte auf einmal nur aus dem einen Gesichtspunkt. Bisher war
sie ja blind gewesen, ahnungslos wie ein Kind. Der Helm eines
Schutzmanns tauchte auf. Sie floh dahin wie eine Gejagte: der konnte ja
nicht sehen, daß sie graue Haare hatte, und daß sie eine Dame war! Der
hielt sie vielleicht auch für eine solche, für eine von denen hier! Nur
fort, fort!
Sie stürzte sich in eine Droschke, sie fiel mehr in den aufgerissenen
Schlag, als daß sie hineinstieg. Mit zitternder Stimme nannte sie dem
Kutscher ihre Adresse. Eine glühende Sehnsucht überkam sie plötzlich:
nach Haus, nur nach Haus! Heim in ihr reinliches, geordnetes Haus, in
die Mauern, die wie ein Schutz sie umgaben! Nein, er durfte nicht mehr
hinein in ihr reines Haus, seinen Schmutz nicht mit in dessen Räume
tragen!
Ganz in eine Ecke geschmiegt, die zuckenden Lider krampfhaft zugepreßt,
machte sie die weite Fahrt; heute kam ihr die schier endlos vor. Wie
langsam fuhr die Droschke! Ach, was würde Paul sagen, er würde sich
ängstigen, daß sie so spät kam!
Und Käte wünschte plötzlich, sich in die Arme ihres Mannes zu flüchten,
Schutz zu suchen an seiner Brust. Daß sie gleich hatte zu Lämkes
hingehen wollen, hatte sie ganz vergessen. Wie konnte sie auch, es war
ja bald Mitternacht, und wer weiß, vielleicht traf sie da auch nur eine
Mutter, ebenso unglücklich wie sie selber es war?! Verlorene Kinder –
ach, man weiß nicht, was schrecklicher ist: verlorener Sohn – verlorene
Tochter?!
Käte weinte bitterlich. Aber als die Tränen unter ihren geschlossenen
Lidern sich vorstahlen und über ihre Wangen rannen, wurde sie ruhiger.
Nun, da sie den großen Zug der Straße nicht mehr sah, ihr nächtliches
Wehen nicht mehr spürte, schwand ihre Furcht. Der Mut wuchs ihr wieder;
und mit dem gestärkten Mut wuchs ihr eine Erkenntnis: sie war eben nur
eine schwache und ängstliche Frau, er aber war doch ein rüstiger Junge,
der ein Mann werden sollte, ein starker Schwimmer. Noch brauchte man
nicht ganz zu verzweifeln!
Als die ersten Kiefern der stillen Kolonie rechts und links an ihr
vorbeiglitten und der Mondschein ihr auf den Ästen ein reines Weiß
zeigte, hatte Käte ihren Entschluß gefaßt: morgen würde sie zu Lämkes
gehen und würde mit der Mutter sprechen, und ihrem Manne würde sie
vorderhand noch nichts sagen. Dieselbe Scheu, die sie jetzt so oft
verstummen ließ vor ihm, kam sie wieder an: er würde ja doch nicht so
empfinden, wie sie empfand. Mit rauher Hand vielleicht würde er den Sohn
anfassen, und das durfte nicht sein; noch war sie da und berufen, mit
linder Hand dem Strauchelnden zu helfen!
Ganz ruhig schritt Käte ihrem Manne entgegen, so gelassen, daß er ihr
nichts anmerkte. Aber als sie am nächsten Tag den Weg zu Lämkes antrat,
klopfte ihr das Herz doch wieder so zitternd-unruhig wie vordem. Den
ganzen Morgen hatte sie gegen Scheu und Kleinmut gerungen; nun war es
darüber fast Mittag geworden. Paul hatte ihr beim Frühstück erzählt, daß
Wolfgang gestern gar nicht ins Geschäft gekommen, nachdem er den Tag
vorher auch nur ganz kurz dagewesen sei. »Ich weiß nicht, was mit dem
Jungen los ist,« hatte er gesagt. »Ich bin zu ärgerlich auf ihn. Aber
man müßte sich doch wohl mal um ihn kümmern!«
»Das werde ich auch,« hatte sie darauf geantwortet.
Die Füße trugen sie kaum, als sie langsam ihren Weg schlich, zuletzt
aber lief sie fast: er war doch ihr Kind lange, lange Jahre gewesen, und
sie hatte einen Teil der Verantwortung! Sie fragte sich jetzt nicht
mehr, wie sie eigentlich bei Frau Lämke die Unterredung beginnen sollte,
sie hoffte, daß der Augenblick ihr das rechte Wort geben werde.
So tappte sie die dunklen Stufen zu Lämkes Portierwohnung hinab und
klopfte und trat zugleich ein, ohne das Herein abgewartet zu haben.
Frau Lämke wischte gerade den Boden auf, der Schrubber entfiel ihrer
Hand, geschwind ließ sie ihr rundum hochgenommenes Kleid herab: die
gnädige Frau, die Frau Schlieben?! Was wollte die denn bei ihr?! Das
blasse, mager gewordene Gesicht mit den harmlosen Augen blickte die
Eintretende völlig verdutzt an.
»Guten Tag, Frau Lämke,« sagte Käte ganz freundlich. »Ist Ihre Tochter
Frida zu Haus? Ich muß sie sprechen!«
»Nee, Frida is nich zu Hause!« Die Lämke blickte noch verdutzter: was
wollte die gnädige Frau denn von Frida? Um die hatte sie sich noch nie
gekümmert! »Frida is ins Jeschäft!«
»So? Wissen Sie das ganz genau?«
Es lag etwas Anzügliches in dieser Art des Fragens, aber Frau Lämke
merkte nichts in ihrer Harmlosigkeit. »Frida is immer noch nich aus’s
Jeschäft ßurück um die Zeit, aber in ’ne kleine halbe Stunde kann se
woll hier sein. Se hat zwei Stunden Mittag; Abend kommt se erst jejen
zehne, denn um neune machen se man erst ßu. Aber wenn se nach Tische mal
bei die gnädige Frau vorkommen soll,« – Frau Lämke war zu neugierig:
was wollte die bloß von Frida? – »recht jerne!«
»Sie kommt in einer halben Stunde, sagen Sie?«
»Jawoll! Es pressiert ihr immer sehr, daß se bei Muttern kommt – un
denn der Hunger!«
»Wenn Sie gestatten, werde ich auf sie warten,« sagte Käte.
»Bitte, nehmen Sie jefälligst Platz!« Eilfertig wischte Frau Lämke mit
ihrer Schürze über einen Stuhl: das war doch immerhin eine Ehre, daß
Wolfgangs Mutter zu Frida hier in den Keller kam! Und mit einer Stimme,
der man den herzlichen Anteil anmerkte, fragte sie: »Wie jeht’s denn dem
jungen Herrn, wenn ich fragen darf, is er denn recht munter?«
Käte blieb die Antwort schuldig: das war denn doch eine zu große
Frechheit, eine ganz unglaubliche Frechheit! Wie konnte die nur so
unverfroren fragen?! Aber dann kam ihr auf einmal ein Zweifel: wußte die
denn überhaupt etwas? Sie sah in die harmlosen Augen. Diese hier war
wohl auch hintergangen, wie sie hintergangen worden war! Sie hatte nicht
das Herz, ein aufklärendes Wort zu sprechen – arme Mutter! So nickte
sie nur und sagte ausweichend: »Danke!«
Sie schwiegen, beide in einer gewissen Verlegenheit. Frau Lämke schälte
Kartoffeln zum Mittag und setzte sie auf und warf ab und zu einen
verstohlenen Blick auf die wartende Dame. Käte war blaß und gähnte
verstohlen, ihrer Aufregung war eine ungeheure Abspannung gefolgt. Sie
wartete ja vergeblich! Und diese Mutter hier würde heute auch vergeblich
warten! Das Mädchen, diese heuchlerische Kreatur, kam ja nicht! Wie Wut
packte es Käte, wenn sie an des Mädchens blondes Haar dachte. Das hatte
ihren Jungen verführt, ihn umstrickt – nun kam er vielleicht nicht mehr
los! ›Immer deine – deine Frida Lämke‹ – ein Schmollen war in dem
Brief gewesen, wahrscheinlich hat er sich zurückziehen wollen, aber –
›wenn du nicht kommst, komme ich zu dir‹ – o, die würde sich wohl
hüten, ihn loszulassen, die hielt fest!
Käte glaubte nicht mehr daran, daß Frida Lämke nach Hause kommen würde.
Es ging schon auf zwei Uhr: die Mutter log, die steckte vielleicht doch
mit unter der Decke!
Aber jetzt fuhr Käte zusammen, ein Tritt ließ sich auf der Kellertreppe
vernehmen, bei dem die Mutter erfreut sagte: »Das ’s Frida!«
Draußen trällerte ein Liedchen – nun ging die Tür auf.
Frida Lämke trug jetzt statt des kleinen Matrosenstrohhutes ein dunkles
Pelzbarett auf den blonden Haaren; der Pelz war unecht, aber sie hatte
ein paar Taubenflügel an der Seite stecken, und das Mützchen saß ihr
schick über dem kecken Gesicht.
In höchster Erregung stand Käte; sie war aufgesprungen und sah das
Mädchen an mit brennenden Augen. Da war sie – wahrhaftig – doch
gekommen! Die war hier – aber Wolfgang, wo war der?! Sie schrie
förmlich das Mädchen an: »Wissen Sie, wo mein Sohn ist – Wolfgang –
Wolfgang Schlieben?!«
Der überraschten Frida rosiges Gesicht wurde blaß. Sie wollte etwas
sagen, stotterte, stockte, biß sich dann auf die Lippen und wurde
dunkelrot. »Woher soll ich das wissen? Ich weiß doch nicht!«
»Sie wissen es wohl! Lügen Sie doch nicht!« Mit Heftigkeit faßte die
Frau Frida bei beiden Armen. Ins blonde Haar hätte sie ihr greifen mögen
und beim Dranreißen laut schreien: ›Mein Junge! Gib mir meinen Jungen
wieder!‹ Aber sie fand nicht die Kraft, diese schlanken Mädchenarme so
lange zu schütteln und zu rütteln, bis ein Bekenntnis herausgezwungen
war.
Die blauen Augen Fridas hatten sie ganz offen angesehen, vollständig
freimütig, wenn auch eine leise Unruhe in dem Blicke lag. »Ich habe ihn
lange nicht jesehen, jnädige Frau,« sagte Frida ehrlich. Und dann ward
ihr Ton leiser, eine gewisse Besorgnis lag darin: »Sonst kam er wohl,
aber jetzt kommt er jar nich mehr – nich wahr, Mutter?!«
Frau Lämke schüttelte den Kopf: »Nee, jar nich mehr!« Ihr war gar nicht
recht wohl zumute, das kam ihr alles so seltsam vor: Frau Schlieben hier
im Keller, und was wollte die denn von Frida?! Da ging was vor, da war
was nicht richtig! Aber was auch immer sein mochte, ihre Frida war
unschuldig, das mußte Frau Schlieben wissen! Und so faßte sie sich denn
ein Herz: »Wenn Sie etwa jlauben, jnädige Frau, daß da meine Frida
mittenmank is, da irren Se sich aber! Meine Frida jeht schonst lange mit
dem Flebbe – Hans Flebbe, dem Sohn vom Kutscher, er is nu Matrialist –
un überhaupt, Frida is ’n anständijet Mächen – was denken Sie wohl von
meiner Tochter? Herrje, det ’s aber immer so, ’n Mächen aus unserm
Stande, die kann ja nich anständig sein, nee!« Die gekränkte Mutter
wurde jetzt geradezu ausfallend. »Meine Frida war ’ne sehr jute Freundin
von Ihren Wolfjang, un ich bin ihn ja ooch janz jut – als ich in ’n
Sommer so elend war, hat er mir doch fufzig Mark geschickt, daß ich
konnte nach Fangschleuse ßiehn, drei Wochen, un mir erholen – aber nu
soll er mir mal wieder kommen, ’raus schmeiß ich ihn, den Bengel!« In
ihrer unbestimmten Angst, daß man ihrer Frida etwas nachsagen könnte,
wurde ihr blasses Gesicht heiß und rot.
Frida flog auf sie zu und faßte sie mit einem Arm um die Schultern:
Ȁrjere dich doch nich, Mutter! Du sollst dich doch nich aufregen, sonst
schlägt’s dir wieder auf ’n Magen!«
Frida wurde jetzt ganz energisch; ihre Mutter noch immer um die
Schultern gefaßt haltend, drehte sie den blonden Kopf nach Frau
Schlieben: »Jnädige Frau, da müssen Sie sich schon an ’ne andre Adresse
wenden. Ich kann Ihnen nichts über Ihren Herrn Sohn sagen. Mutter un ich
haben noch neulich drüber jesprochen, daß er nu jar nich mehr kommt. Un
ich habe ihm noch jerade ’n Briefchen jeschrieben, er soll uns doch mal
besuchen – weil ich ihn doch ewig nich jesehen hatte und – und – na,
weil er doch sonst jerne mit mir zusammen war! Aber er hat mir jar nich
drauf jeantwortet. Ich habe ihm doch nischt jetan! Er hat sich aber
ebent sehr verändert!« Sie setzte eine altkluge Miene auf: »Jnädige
Frau, ich jlaube, es wäre doch besser, wenn er noch bei Ihnen wohnte!«
Käte sah sie starr an: was ahnte die – was wußte die – wußte die
überhaupt etwas?! Zweifel stiegen in ihr auf, und dann kam ihr die
Gewißheit: dieses Mädchen hier war harmlos, sonst hätte es so nicht
sprechen können! Die Abgefeimteste konnte so treuherzig nicht
dreinblicken! Und sie gestand es ja auch ganz von selber offen ein, daß
sie neulich an Wolfgang geschrieben hatte – nein, so schlecht war die
hier nicht, eine andere mit blondem Haar mußte es sein! Aber wo war die
zu suchen – wo, wo Wolfgang zu finden?!
Und die Hände wie abbittend gegen das Mädchen hebend, sagte sie in einem
jammervollen Ton: »Aber wissen Sie denn gar nicht, haben Sie denn gar
keine Ahnung, wo er hin sein könnte? Gestern waren es zwei Tage, daß er
fort ist – verschwunden – ganz verschwunden, seine Wirtin weiß nicht,
wohin!«
»Ganz fort – seit zwei Tagen schon?!« Frida riß die Augen weit auf.
»Ich sagte es Ihnen ja schon – darum frage ich Sie ja – er ist fort,
ganz fort!«
Eine wilde Ungeduld kam über die Mutter, und zugleich die ganze
Erkenntnis ihrer peinvollen Lage, sie schlug die Hände vors Gesicht und
stöhnte laut auf.
Mutter und Tochter Lämke wechselten mitleidsvolle Blicke. Frida wurde
blaß und rot, es war, als ob sich ihr etwas auf die Lippen drängen
wollte, aber sie schwieg doch.
»Schlecht is er aber doch nich, nee, schlecht is er nich,« flüsterte
Frau Lämke.
»Wer sagt, daß er schlecht ist?!« Käte fuhr auf, ließ die Hände vom
Gesicht sinken; der ganze Gram langer Jahre und die ganze
Hoffnungslosigkeit lag in ihrem Ton: »Verführt ist er, verirrt, –
verloren, verloren!«
Frida weinte laut heraus: »Ach, sagen Sie das nich! Er findet sich schon
wieder an, findet sich jewiß wieder an! Wenn ich nur –« sie stockte und
zog die Stirn zusammen im Nachdenken – »sicher wüßte!«
»Helfen Sie mir! Ach, können Sie mir nicht helfen?!«
Frau Lämke schlug bei diesem ›Helfen Sie mir‹ der armen Frau die Hände
zusammen und zitterte vor Erregtheit: wenn eine das an ihrem Kind
erleben muß, an einem Kinde, das sie mit Schmerzen geboren hat! Allen
Respekt außer acht lassend, wankte sie auf Käte zu und faßte deren
kalte, schlaff herunterhängende Hand: »Jotte doch, es tut mir so leid,
so schrecklich leid! Aber trösten Se sich man! Wissen Se, ’ne Mutter hat
doch so ’ne Kraft, so was ganz Besonderes, ’n Kind verjißt ihr doch nie
janz!« Und sie lächelte in einer gewissen Sicherheit.
»Er ist ja nicht mein Sohn – mein eigner Sohn nicht – ich bin ja gar
nicht seine wirkliche Mutter!« Was Käte noch nie eingestanden hatte,
jetzt gestand sie es ein. Die Angst preßte ihr’s heraus und die
Hoffnung, daß diese Frau hier sagen würde: ›Auch solch eine Mutter wird
nicht vergessen, sicher nicht!‹
Aber Frau Lämke sagte das nicht. Zweifelnd sah sie drein und schüttelte
den Kopf: daran hatte sie eben für einen Augenblick gar nicht gedacht,
daß die ja Wolfgangs richtige Mutter gar nicht war!
Trübes Schweigen war im Raum. Nur ein zitterndes Atmen war vernehmbar,
bis endlich Frida, mit ihrer hellen Stimme die lähmende Stille
durchbrechend, fragte: »Sind Sie denn heute auch schon bei der Wirtin
jewesen?! Nee?!« Käte hatte stumm verneint. »Na, denn, jnädige Frau –
gestern waren’s zwei Tage, sagen Sie? – denn kann er aber doch heute
wieder jekommen sein! Man muß doch mal wieder nachfragen! Soll ich mal
rasch hinjehn?!«
Und schon war sie an der Türe, hörte gar nicht, daß die Mutter ihr
nachrief: »Frida, Frida, doch man erst ’n Happen essen, du hast ja noch
jar nich Mittag jejessen!« sondern lief die Kellerstufen hinan in
gutmütiger Hast und mitleidsvoller Teilnahme.
Käte lief hinter ihr drein. –
Aber sie erhielten in der Friedrichstraße keine andre Auskunft. Die
Zimmer waren zwar geheizt, Staub gewischt, sogar der Frühstückstisch
gedeckt, als sollte der junge Herr jeden Augenblick eintreten – die
Wirtin erhoffte ein besonderes Lob ihrer Fürsorge –, aber der junge
Herr war wieder nicht erschienen.
* * * * *
Käte Schlieben war krank. Der Sanitätsrat zuckte die Achseln: da war
nicht viel zu machen, es war eine vollständige Apathie. Wenn nur etwas
käme und sie aufrüttelte, etwas, für das es ihr verlohnen würde, sich
aufzuraffen, dann würde es schon wieder werden! Vorderhand verordnete er
Kräftigungsmittel – der Puls war ja so schlecht – alle Stunden einen
Teelöffel Puro, Fleischgelee, Eier, Milch, Austern und dergleichen.
Am Bett seiner Frau saß Schlieben, er war eben aus der Stadt nach Hause
gekommen. Nun saß er da, den Kopf gesenkt, die Stirn in Falten gezogen.
»Noch immer nichts von ihm – was sagte die Frau – gar nichts von ihm?«
hatte Käte eben mit verlöschender Stimme geflüstert.
Er sagte nur: »Wir werden uns nun doch an die Polizei wenden müssen!«
»Nein, nein, nicht an die Polizei! Ihn suchen lassen, wie einen
Verbrecher?! Du bist schrecklich, Paul! Schweig doch, Paul!« Ihre
anfänglich so schwache Stimme war fast schreiend geworden.
Er zuckte die Achseln: »Es wird uns nichts übrig bleiben,« und blickte
bekümmert sie an und dann stumm vor sich nieder.
Ihm war, als könne er sein Unglück nicht übersehen, als sei das ganz
unüberblickbar. Acht Tage waren es nun her, daß Wolfgang fort war –
schrecklich, schrecklich, was dieser Mensch ihnen für Sorgen machte!
Aber größere Sorgen machte ihm seine Frau. Wie sollte das enden?! Diese
gesteigerte Nervosität war gefährlich; und dabei auch dieser
Kräfteverfall! Käte war nie eine Riesin gewesen, aber nun wurde sie so
dünn, so mager; in den acht Tagen war ihre Hand, die da so matt auf der
Decke lag, geradezu durchsichtig geworden. Ach, und ihr Haar so grau!
Mit traurigen Blicken suchte der Ehemann im Gesicht seiner Frau die
einstige Schönheit: zu viel Falten, zu viel eingegrabene Linien,
Furchen, die der Pflug des Grams gezogen hatte! Er mußte weinen; das kam
ihm doch zu hart an, sie so zu sehen. Den Kopf von ihr abwendend,
beschattete er die Augen mit der Hand.
So saß er stumm und rührte sich nicht, und sie rührte sich auch nicht,
lag, als ob sie schliefe.
Da klopfte es. Erschrocken sah Schlieben nach der Kranken hin: war sie
nun gestört worden? Aber sie hob die Lider nicht.
Auf den Zehen ging er zur Tür und öffnete. Friedrich brachte die Post,
allerhand Briefe und Zeitungen. Nur aus Gewohnheit griff Schlieben
danach, es interessierte ihn jetzt alles so wenig. Die ersten paar Tage
nach Wolfgangs Verschwinden hatte Käte immer gezittert, es möchte etwas
von ihm in der Zeitung stehen, die schrecklichsten Befürchtungen hatten
sie gequält; jetzt fragte sie nicht mehr. Aber nun zitterte der Mann
tief im Innern, obgleich er sich selber hart zu machen strebte: was
würde man noch erleben müssen?! Keine Zeitung faßte er an, ohne eine
gewisse Scheu.
»Knittere doch nicht so unerträglich,« sagte die schwache Frau gereizt.
Da erhob er sich, um aus dem Zimmer zu schleichen – es war besser, er
ging, sie mochte seine Nähe nicht! Doch sein Blick fiel auf einen der
Briefe. Was war denn das für eine unausgeschriebene, noch schulmäßige
Handschrift? Wohl ein Bettelbrief? Er war an seine Frau gerichtet, aber
sie machte ja jetzt keine Briefe auf; dazu drängte es ihn förmlich,
diesen, gerade diesen Brief zu öffnen. Es war nicht Neugier, ihm war,
als müsse er es tun.
Er öffnete den Brief, rascher, als es sonst seine Art war. Das hatte
eine Frau geschrieben, ein Mädchen sicherlich – es waren ganz
unausgeprägte, finzlige Buchstaben. Und das Bestreben war auffällig, die
Handschrift zu verstellen.
›Wenn Sie was über Ihren Sohn erfahren wollen, müssen Sie
Puttkammerstraße gehn, 140, und aufpassen, drei Treppen hoch im Hof,
Seitenflügel links, wo Knappe an der Klingel steht. Da wohnt sie!‹
Eine Namensunterschrift war nicht vorhanden, nur: ›Eine gute Freundin‹
– stand darunter.
Schlieben hatte das Gefühl, als brenne ihm das Papier die Finger –
geringes Papier, aber zartrosa und nach parfümierter, billiger Seife
riechend – ein anonymer Brief, pfui! Was sollte ihnen der Wisch?! Schon
wollte er ihn zusammenknittern, da rief Kätes Stimme vom Bett her: »Was
hast du da, Paul? Einen Brief? Zeig mal her!«
Und als er sich ihr nur langsam, zögernd näherte, richtete sie sich auf
und riß ihm den Brief aus der Hand. Sie las und schrie laut auf: »Den
hat die Lämke geschrieben! Ich bin sicher, er ist von ihr. Sie wollte
ihn ja suchen – und ihr Bruder, ihr Bräutigam – sie werden ihn
gefunden haben! Puttkammerstraße – wo ist die? 140, da müssen wir hin!
Gleich, sofort! Klingle dem Mädchen! Meine Schuhe, meine Sachen – ach,
ich kann ja gar nichts finden! So klingle doch! Sie soll mich frisieren
– ach, laß nur, ich kann ja schon alles allein!«
Sie war aus dem Bett gesprungen in zitternder Hast; nun saß sie schon
vor dem Toilettentisch und kämmte selber ihr langes Haar. Es war
verwirrt vom Bettliegen, aber sie riß den Kamm hindurch mit
unbarmherziger Eile.
»Daß wir nicht zu spät kommen! Wir müssen uns eilen. Da ist er sicher,
da ist er ganz sicher! Was stehst du noch und siehst mich so an? Mach
dich doch fertig! Ich bin gleich fertig, wir können gleich gehen. Paul,
lieber Paul, wir werden ihn da gewiß finden – o Gott!« Sie faßte um
sich, von einem Schwindel der Schwäche ergriffen, aber ihr Wille
überwand die Schwäche. Nun stand sie ganz fest auf den Füßen.
Niemand würde es glauben, daß sie eben noch wie eine ganz Hilflose
dagelegen hatte! Schlieben wagte es nicht, ihr zu widerstreben: was
sollte auch noch Schlimmeres kommen?! Schlimmer, als es jetzt gewesen
war, konnte es nicht mehr werden, und wenigstens konnte sie ihm dann
nicht mehr vorwerfen, er hätte den Jungen nicht lieb gehabt!
Als sie nach kaum einer halben Stunde den Wagen bestiegen, den Friedrich
herbeitelephoniert hatte, war sie weniger blaß und sah weniger alt aus,
als er.
5
Wenn Frida Lämke jetzt Wolfgang Schlieben begegnete, schlug sie die
Augen nieder, und er tat, als sähe er sie nicht. Er war böse auf sie:
verdammte kleine Krabbe, die ihn verraten hatte! Nur sie, sie allein
konnte die Eltern auf seine Spur gehetzt haben! Wie hätten die sonst
eine Ahnung gehabt? Er hätte sich prügeln mögen, daß er dieser Schlange
einmal Andeutungen über seine Bekanntschaft in der Puttkammerstraße
gemacht hatte. Die Frida mit ihrer Freundschaft, die sollte ihm noch mal
von Freundschaft reden! Pah, Weiber überhaupt, die waren alle nichts
wert!
Eine grimmige Weiberverachtung hatte den jungen Menschen gepackt. Er
hätte ihnen allen am liebsten ins Gesicht gespieen – alles feile
Kreaturen –, er kannte sie jetzt zur Genüge, ja bis zum Ekel!
Der noch nicht Neunzehnjährige fühlte sich müde und alt; seltsam müde.
Wenn Wolfgang an die letztvergangene Zeit zurückdachte, kam sie ihm vor
wie ein Traum; jetzt, da die Zimmer in der Friedrichstraße aufgegeben
waren und er wieder bei den Eltern wohnte, jetzt sogar wie ein böser
Traum. Und wenn er dann Frida Lämke begegnete – das ließ sich nicht
vermeiden, nun er regelmäßig herein- und herausfuhr zu den Bureaustunden
–, gab es ihm jedesmal einen Stich durchs Herz. Er grüßte sie nicht
einmal, selbst dazu konnte er sich nicht überwinden.
Wenn er doch nur den Druck abschütteln könnte, den er auf sich fühlte!
Sie taten ihm doch nichts – nein, sie waren sogar sehr gut –, aber er
hatte doch immer das Gefühl, nur gelitten zu sein. Das reizte ihn und
machte ihn zugleich traurig. Vorwürfe hatten sie ihm nicht gemacht,
würden sie ihm wohl auch nicht machen, aber der Vater war stets ernst,
zurückhaltend, und der Mutter Blick hatte geradezu etwas Quälendes. Ein
krankhaftes Mißtrauen erfüllte ihn: warum sagten sie ihm nicht lieber,
daß sie ihn verachteten?!
In Nächten, in denen Wolfgang nicht schlafen konnte, plagte ihn etwas,
das fast Reue war. Dann klopfte sein Herz heftig, flatterte förmlich, er
mußte sich im Bett aufsetzen – das Liegen konnte er nicht ertragen –
und nach Atem ringen. Mit ängstlich aufgerissenen Augen stierte er dann
ins Dunkel: ach, was war das für ein scheußlicher Zustand! Am Morgen,
wenn der Anfall vorüber war – dieser ›moralische Kater‹, wie er ihn
spöttisch benannte – ärgerte er sich über seine Sentimentalität. Was
hatte er denn Schlimmes getan? Nichts andres, als was hundert andere
junge Leute auch tun, nur daß die nicht so dumm waren wie er! Diese
Frida, diese verwünschte Klätscherin! Er hätte sie erwürgen können.
Nach den schlechten Nächten war Wolfgang dann noch unliebenswürdiger,
noch wortkarger, noch verdrossener, noch in sich verschlossener. Und
noch elender sah er aus.
›Er ist reduziert!‹ sagte sich Schlieben. Er sagte es nicht zu seiner
Frau – wozu die noch mehr aufregen? – denn daß sie sich beunruhigte,
das zeigte ihm die Art, wie sie Wolfgang umsorgte. Nicht mit Worten,
nicht mit Liebkosungen, =die= Zeiten waren vorbei; aber eine besondere
Sorgfalt legte sie auf seine Ernährung, er wurde förmlich gepäppelt. Ein
Mensch in seinen Jahren müßte doch ganz anders bei Kräften sein! Der
Rücken schien nicht mehr so breit, die Brust nicht mehr so gewölbt, die
schwarzen Augen lagen dunkel umrandet in ihren Höhlen. Die Haltung war
schlecht, die Stimmung noch schlechter. Die Stimmung, ja die Stimmung!
Die war die Wurzel alles Übels, aber da konnte keine Pflege helfen und
auch kein Medikament. Der junge Mensch war eben unzufrieden mit sich,
war’s ein Wunder?! Er schämte sich!
Und vor Schliebens Augen stand die Situation grausam deutlich, in der er
ihn gefunden hatte.