»O, ganz gut!« Der junge Mensch antwortete mit heiserer Stimme. Wolfgang

merkte auf: diese Stimme war ihm doch bekannt? Und nun erkannte er auch

das Gesicht. War das nicht Kullrich? Donnerwetter, wie der sich aber

verändert hatte! Unwillkürlich lüftete er den Hut: »’n Abend,

Kullrich!«

Jetzt erkannte dieser auch ihn. »Schlieben!« Kullrich lächelte, daß man

all seine Zähne, lang und weiß, hinter den blutlosen Lippen sah. Und

dann reichte er dem früheren Schulkameraden die Hand: »Du bist auch

nicht mehr auf der Schule? Ich auch nicht mehr. Wir haben uns lange

nicht mehr gesehen!«

Wolfgang fühlte die Hand unangenehm feuchtkalt in der seinen, und es

durchrieselte ihn. Daß er einmal gehört hatte, Kullrich hätte die

Schwindsucht, hatte er längst vergessen; nun fiel’s ihm auf einmal

wieder ein. Aber das konnte ja gar nicht sein, so jung stirbt man doch

nicht?! Alles in ihm sträubte sich dagegen.

»Bist du krank gewesen,« fragte er rasch. »Aber jetzt geht’s dir doch

wieder ganz gut?« Es wurde ihm ordentlich schwer, das alte ›du‹ zu

gebrauchen, der Kullrich hier war ihm so fremd.

»O ja, es geht,« sagte Kullrich und lächelte wieder. Ein ganz

merkwürdiges Lächeln, das selbst dem achtlosen jungen Mann auffiel.

Kullrich war nie hübsch gewesen, er hatte eine Kartoffelnase; jetzt

mußte Wolfgang ihn immer ansehen: wieviel feiner war das Gesicht

geworden und so – er konnte nicht an sich halten, er sagte es plötzlich

gerade heraus: »Wie siehst du jetzt aus?! Ich hätte dich beinahe nicht

erkannt!«

»Mein Sohn wird jetzt bald verreisen,« sagte der Vater rasch, und dabei

zog er den Arm seines Jungen fester in den seinen. »Dann kommt er

hoffentlich ganz gesund wieder. Es war so schönes Wetter – viel Luft

und Kiefernduft, sagt der Arzt – wir sind zu lange draußen geblieben.

Es wird dir doch nichts schaden?!« Wieder so viel Angst im Ton. »Ist dir

auch nicht kalt? Willst du dich nicht so lange setzen?« Der Vater

stellte ein Feldstühlchen zur Erde, das er unterm Arm getragen hatte und

klappte es auseinander: »Setz dich doch ’n bißchen, Fritz!«

Der arme Kerl! Der Ton des Vaters, in dem die liebende Angst zitterte,

berührte Wolfgang eigentümlich. Der arme Kerl, der war wahrhaftig doch

sehr krank! Wie schrecklich! Ein Grauen kam ihn an, unwillkürlich zog er

sich zurück, daß ihn der Atem des Kranken nicht treffe; der ganze

Egoismus der Jugend und der Gesundheit war in ihm: wie fatal, daß er

heute, gerade heute dem hier begegnen mußte!

»Kann ich Ihnen vielleicht einen Wagen besorgen?« fragte er rasch – daß

der Kullrich nur fortkam, das Husten war ja gräßlich anzuhören – »ich

weiß hier Bescheid, ich bekomme schon einen!«

Der Vater Kullrich, wie aus einer großen Angst erlöst, sagte aufatmend:

»Ach ja, ach ja! ’ne Droschke, ’ne geschlossene womöglich! Mit der Bahn

kommen wir ja doch nicht mit! Und es wird so spät! Ist dir auch wirklich

nicht kalt, Fritz?!« Ein kühler Wind hatte sich plötzlich erhoben und

der alte Mann zog seinen Überzieher aus und hängte ihn dem Sohn noch um

die Schultern.

Mußte dem scheußlich zumute sein, seinen Jungen so zu sehen, dachte

Wolfgang. Sterben überhaupt, sterben, wie schrecklich! Und wie der Mann

seinen Sohn liebte! Das hörte man am Ton, sah man an den Blicken!

Wolfgang war froh, nach der Droschke umherrennen zu können. Es war jetzt

schwer, eine zu bekommen, er rannte sich völlig außer Atem. Endlich

hatte er einen Wagen. Wie er am Halteplatz der elektrischen Bahn

anlangte, war Herr Kullrich bereits völlig verzweifelt. Er hatte die

Hoffnung schon aufgegeben gehabt, und der Sohn hatte sehr viel

gehustet.

Jetzt löste er sich fast auf in Dankbarkeit. Der einfache Mann – er war

ein Subalternbeamter und hatte es gewiß nicht dazu – versprach dem

Kutscher ein reiches Trinkgeld, wenn er sie nur rasch nach Halensee,

Ringbahnstraße 111, fahren wollte. Er hüllte den Sohn in die Decke, die

auf dem Rücksitz lag; der Kutscher gab noch eine Pferdedecke zu,

Wolfgang wickelte dem Schulkameraden die Beine ein.

»Danke, danke,« sagte Fritz Kullrich matt; er war jetzt ganz

abgefallen.

»Besuchen Sie uns doch mal, Herr Schlieben,« sagte der Vater und drückte

dem Retter die Hand. »Fritz würde sich freuen. Und ich bin Ihnen ja so

dankbar!«

»Aber komm bald,« sprach der Sohn und lächelte wieder sein seltsames

Lächeln. »Adieu!«

»Adieu!« Wolfgang stand und starrte hinter dem rasch davonrollenden

Wagen drein – da fuhr der Kullrich! Seiner Mutter nach.

Die frohe Laune Wolfgangs war verflogen. Als die Genossen des

Nachmittags mit Hallo nach ihm suchten – Hans mußte seine Frida

ordentlich abgeküßt haben, das Hütchen saß ihr schief, ihre Augen

glänzten verliebt –, machte er sich rasch von ihnen frei. Er sagte

ihnen kurz Adieu und ging allein. Der Tod hatte ihn gestreift. Und ein

altes Lied, das er, unter so vielen anderen, einst mit Cilla, dem

Mädchen seiner Kindheit, gesungen hatte, schoß ihm urplötzlich durch den

Sinn. Jetzt verstand er zum ersten Mal die tiefere Bedeutung:

›Prahlst du gleich mit deinen Wangen,

Die wie Milch und Purpur prangen,

Ach, die Rosen welken bald!‹

Er ging gleich nach Hause, er hatte heute nicht Lust mehr, draußen

herumzubummeln. Und als er so ging mit wiegendem, schlenderndem Gang,

entlegene Wege, in denen es still war, richtete sich etwas auf vor ihm

in der dunklen Färbung des Herbstabends und stellte sich in seinen Weg

– das war eine Frage:

›Und du –?! Wohin du –?!‹

In einer Stimmung, die seltsam weich und versöhnlich war, betrat er das

Elternhaus. Aber als er ins Zimmer trat, saßen die Eltern da wie zu

Gericht.

Käte hatte es nun doch nicht verheimlichen können, es hätte ihr das Herz

abgepreßt, sie hatte jemandem erzählen müssen, was sie beobachtet hatte.

Und Schlieben hatte sich mehr darüber aufgeregt, als seine Frau erwartet

hatte: also in solche Gesellschaft war der Junge geraten?!

»Wo treibst du dich herum?« fuhr er den Sohn an.

Der Eintretende stutzte: was war das für ein Ton, es war doch heute

nicht so spät?! Im Gefühl des Unrechts, das ihm geschah, hob er den

Kopf.

»Sieh mich nicht so unverschämt an!« Den Vater verließ die Beherrschung.

»Wer ist das Frauenzimmer, mit dem du dich herumtreibst?«

Herumtreibst – Frauenzimmer?! Dem jungen Menschen schoß das Blut heiß

zu Kopf. Frida Lämke ein Frauenzimmer – das war toll! »Sie ist kein

Frauenzimmer!« brauste er auf. Und dann: »Ich habe mich nicht

herumgetrieben!«

»Nun, nun, ich habe –« Schlieben verbesserte sich rasch, er konnte doch

nicht sagen: ›=ich= habe dich gesehen‹ – so sagte er: »Wir haben dich

gesehen!«

Wolfgang wurde sehr rot. Aha – sie hatten ihn belauert – heute wohl –

waren ihm nachgeschlichen?! Nicht einmal weit draußen war man sicher vor

ihren Späherblicken! Er war empört. »Wie kannst du sagen ›Frauenzimmer‹!

Sie ist kein Frauenzimmer!«

»So – was ist sie denn, wenn ich fragen darf?«

»Meine Freundin!«

»Deine Freundin?!« Der Vater lachte ein kurzes zorniges Lachen.

»Freundin – nun ja, aber für dich ist das denn doch noch ein wenig

früh! Ich verbiete dir solche Freundinnen zweifelhaften, mehr als

zweifelhaften Genres!«

»Sie ist nicht zweifelhaft!« Wolfgangs Augen funkelten. Wie recht hatte

Frau Lämke, die neulich, als er sie wiederum besuchte, gesagt hatte: »So

sehr ick mir ooch freue, kommen Se doch nich zu oft, Wolfjang. Frida is

man ’n armes Mädchen, un bei so einer wird gleich was gered’t!«

Nein, hier gab’s nichts anzuzweifeln! Bleich vor Wut starrte der Sohn

dem Vater in die Augen. »Sie ist ein so anständiges Mädchen, wie es nur

eines gibt! Wie darfst du so von ihr sprechen?! Wie darfst du dich unter

–« Er stockte, er war zu wütend, die Stimme versagte ihm.

»›Unterstehen‹ – sag’s nur heraus, ›unterstehen‹!« Schlieben

beherrschte sich jetzt mehr, er war etwas ruhiger geworden, denn was er

auf seines Jungen Gesicht sah, dünkte ihn ehrliche Entrüstung. Nein,

ganz verdorben war der doch noch nicht, der war wohl nur verführt,

solche Frauenzimmer hängen sich ja mit Vorliebe an noch sehr junge

Leute! Und er sagte mit einer gutgemeinten Überredung: »Mache dich los

von der Geschichte, so bald als möglich. Du ersparst dir viel

Unangenehmes. Ich will dir wohl helfen dabei!«

»Danke!« Der junge Mensch steckte die Hände in die Hosentaschen und

stellte sich breitbeinig auf.

Die weiche Stimmung war längst verflogen, die hatte Wolfgang sofort

verloren beim ersten Schritt ins Zimmer; nun war er recht in der Laune,

sich nichts, aber auch gar nichts gefallen zu lassen. Sie hatten Frida

beschimpft!

»Wo wohnt sie?« fragte der Vater.

»Ja, das möchtest du wohl wissen!« Der Sohn lachte höhnisch auf; er

empfand eine gewisse Genugtuung, ihrer Neugier das vorzuenthalten. Das

würden sie nie erfahren! Das hatte er ja gar nicht nötig, sie wissen zu

lassen! Protzig warf er den Kopf in den Nacken und antwortete nicht.

O Gott, was war aus dem Jungen geworden! Ganz entsetzt starrte Käte

drein: er hatte sich ja völlig gewandelt, war ein ganz, ganz andrer

geworden! Aber dann kam die Erinnerung – sie hatte ihn doch einmal so

sehr geliebt – und der Schmerz, ihn gänzlich und auf immer verloren zu

haben. »Wolfgang, sei doch nicht so, ich bitte dich! Wolfgang, wir

meinen es doch so gut mit dir!«

Er maß sie mit einem unerklärlichen Blick. Und dann sah er an ihr vorbei

ins Leere hinaus.

»Es wäre besser, ich wäre gar nicht da!« stieß er plötzlich hervor, ganz

unvermittelt. Es wollte trotzig klingen, aber der Trotz erstickte im

jähen Ausbruch einer schmerzlichen Erkenntnis.

* * * * *

4

Sie waren übereingekommen, daß Wolfgang nun nicht mehr draußen bei ihnen

in der Villa wohnen sollte. Er war zwar noch sehr jung, aber die Zeit

zur Selbständigkeit war da, das sahen die Eltern ein. Zwei hübsch

möblierte Zimmer wurden gemietet in der Nähe des Geschäfts – Wolfgang

sollte jetzt entschieden fleißiger heran – sonst mochte er unbehelligt

sein. Dies späte Nachhausekommen, diese verantwortliche Kontrolle –

nein, es ging nicht an, daß Käte sich völlig aufrieb! In tiefer

Resignation hatte Schlieben diesen Schritt getan.

Und es schien, als sollten wirklich jetzt ruhigere, friedlichere Tage

über die Villa Schlieben kommen. Der Winter war da, und der Schnee war

eine so weiche, deckende Hülle für manche begrabene Hoffnung.

Wolfgang kam zu Besuch heraus; nicht zu oft, den Vater sah er ja ohnehin

täglich im Kontor. Daß es die Mutter doch verlangte, ihn öfter zu sehen,

schien er nicht zu ahnen. Sie ließ es ihn auch nicht merken. Sollte sie

etwa betteln: ›Komm öfter?!‹ Nein, sie hatte schon allzuviel gebettelt

– Jahre, fast achtzehn Jahre lang –, und mit Bitterkeit sagte sie

sich: ›Verlorene Müh!‹

Wenn er herauskam, waren sie freundlich miteinander; die Mutter sorgte

nach wie vor für tadellose Anzüge, für die bestgeplätteten Oberhemden,

für die feinen Batistnachthemden und die hohen Kragen. Daß er oft nicht

so aussah, wie er hätte aussehen müssen, war nicht ihre Schuld. Es lag

auch vielleicht nicht an seiner Kleidung, es lag vielmehr an seiner

abgespannten Miene, seinen müden Augen, an seiner ganzen nachlässigen

Haltung; er ließ sich hängen, verbummelt sah er aus.

Die Eheleute sprachen aber nicht miteinander darüber. ›Wenn er nur erst

zum Militär käme,‹ dachte Schlieben. Von dem Muß, von der strengen

Regelung im Dienst erhoffte er eine Regelung des ganzen Lebens; was sie,

die Eltern, mit aller Sorgfalt nicht zuwege gebracht hatten, würde der

Drill schon fertig bringen! Zum April sollte sich Wolfgang stellen.

Jetzt, zur Winterszeit, hielt er zwar regelmäßiger und gewissenhafter

die Kontorstunden ein, aber, aber wie sah er oft morgens aus!

Entsetzlich blaß, förmlich fahl. ›Verkatert!‹ Mit einem Kopfschütteln

stellte das der Vater fest, aber er sagte nichts zum Sohn darüber; wozu

auch, es würde nur eine unangenehme Szene geben, die nichts mehr nutzte,

die höchstens nur noch mehr verdarb. Sie standen eben nicht mehr auf

gemeinsamem Boden.

Und so ging es weiter, ohne sonderliche Erregung, aber sie litten doch

alle drei; auch der Sohn.

Frida glaubte Wolfgang oft eine Verstimmung anzumerken. Zuweilen ging er

mit ihr ins Theater, ›was zu lachen‹ mochte sie so gern; aber er lachte

nicht mit, lachte selbst dann nicht, wenn ihr die Lachtränen über die

Wangen liefen. Sie konnte sich ordentlich darüber ärgern, daß er so

wenig Sinn für was Lustiges hatte.

»Amüsierst du dich denn nich?«

»Na, mäßig!«

»Bist du denn krank?« fragte sie ganz erschrocken.

»Nein!«

»Na, was haste denn?«

Dann zuckte er die Achseln, war so abweisend, daß sie ihn nicht weiter

ausforschte, ihm nur die Hand drückte und ihm versicherte, sie amüsiere

sich köstlich.

Nach und nach versiegten diese Theatereinladungen, die meist so hübsch

mit einem Plauderstündchen in irgend einem Bier- oder Weinlokal geendet

hatten. Frida sah den Freund überhaupt jetzt selten, nie mehr holte er

sie an ihrem Geschäft ab, und in der Wohnung der Mutter ließ er sich

auch nicht mehr sehen.

»Wer weeß ooch,« sagte Mutter Lämke, »ob er sich nich bald verloben tut.

Er hat gewiß eene uf ’n Kieker!«

Frida warf die Lippen auf, sie schmollte, daß Wolfgang sich gar nicht

sehen ließ. Was hatte er bloß?! Sie fing an, ihm nachzuspionieren; aber

nicht nur aus Neugier.

Und noch eine andre forschte seinen Wegen nach – das war die Mutter.

Wenigstens versuchte sie, ihm nachzuforschen. Aber nur das brachte sie

in Erfahrung, daß man ihn einmal in einem der kleinen Theater mit einer

hübschen Person gesehen hatte, einer Blondine, die recht auffallend

frisiert gewesen war. Ah, das war dieselbe von Schildhorn! Noch immer

sah sie das blonde Haar im scheidenden Abendlicht glänzen – die war

sein Unheil!

Mit einem Spürsinn, der einem Polizisten Ehre gemacht hätte, forschte

die Mutter dem Sohne nach. Hätte Schlieben eine Ahnung davon gehabt, wie

oft, zu allen Tages- und Abendzeiten, seine Frau um Wolfgangs Wohnung

strich, er wäre dem auf das entschiedenste entgegengetreten. Der

brennende Drang, von Wolfgang zu hören, von ihm zu wissen, ließ Käte die

eigene Würde vergessen; mehr als einmal ging sie, während sie ihn

abwesend wußte, hinauf in seine Wohnung, angeblich, um ihm dieses oder

jenes zu bringen. Aber war sie dann allein – die schwatzhafte Wirtin

wußte sie sich vom Halse zu halten –, so fuhr sie mit forschenden Augen

in beiden Zimmern umher, spähte auf seinen Schreibtisch, wendete sogar

jedes Blättchen Papier. Sie kam hier oben gar nicht zur Besinnung ihres

Tuns, ging sie aber wieder die Treppe hinab, dann kam ihr das Gefühl

eigner Erniedrigung; sie wurde rot und schämte sich vor sich selber und

schwor sich’s zu mit hundert Eiden, dies nie, nie wieder zu tun. Und tat

es doch wieder. Es war ihr eine Qual, und sie konnte es doch nicht

lassen.

An einem kalten Wintertag war es – schon Abend, nicht spät für Berliner

Begriffe, aber doch immerhin schon Ladenschluß, und Theater und Konzerte

hatten längst begonnen – als Frau Schlieben noch in der Wohnung ihres

Sohnes saß. Acht Tage war er nicht draußen bei ihr gewesen – warum

nicht?! Eine große Unruhe hatte sie heute plötzlich gepackt, sie hatte

hin zu ihm müssen. Ihr Mann wähnte sie in der Hauptmann-Premiere –

dahin konnte sie ja auch noch später gehen – Wolfgang mußte jetzt doch

gleich nach Hause kommen! Auf ihr fragendes Briefchen hatte er

geantwortet: er sei erkältet und halte sich abends zu Hause. Nun, sie

wollte es ja auch gar nicht, daß er zu ihr hinauskam und sich noch

erkältete, aber es war wohl natürlich, daß sie nun einmal nach ihm sah!

Sie machte sich selber etwas vor.

Und so wartete sie und wartete. Die Zeit verstrich sehr langsam. Gegen

sieben Uhr war sie gekommen, jetzt war es bereits neun. Zum so und

sovielten Male hatte sie die beiden Zimmer durchmustert, am Fenster

gestanden, zerstreut auf das Straßengewühl hinabgeblickt, sich

hingesetzt, sich wieder erhoben und wieder hingesetzt. Jetzt ging sie in

rastloser Unruhe auf und nieder. Die Wirtin war schon ein paar Mal

hereingekommen und hatte sich drinnen zu schaffen gemacht; die

neugierig-forschenden Blicke wären Käte sonst lästig gewesen, jetzt

achtete sie gar nicht auf diese. Noch konnte sie sich nicht

entschließen, fortzugehen – wenn er krank war, warum kam er dann nicht

nach Hause?! Ihre Unruhe wuchs. Es lastete auf ihr wie die Vorahnung

eines nahenden Unheils. Nun mußte sie aber wirklich die Wirtin fragen –

schon zehn Uhr –, kam er denn immer so spät, trotz seiner Erkältung?!

Sie klingelte nach der Frau.

Diese kam, innerlich sehr gereizt: warum hatte Frau Schlieben sie denn

nicht längst ins Vertrauen gezogen?! Ei, nun konnte die lange warten,

die hochmütige Liese!

»Mein Sohn kommt wohl immer spät?« fragte Käte. Ihre Stimme klang

gemacht ruhig: sie durfte doch solch eine Frau nicht merken lassen, wie

unruhig sie eigentlich war.

»Na,« sagte die Wirtin, »mal so, mal so!«

»Ich wundere mich nur, daß er heute so spät kommt bei seiner

Erkältung!«

»So – ist der junge Herr erkältet?«

Wie, die Frau, bei der Wolfgang nun schon fast ein Vierteljahr wohnte,

wußte so wenig von ihm?! Und sie hatte doch versprochen, besonders gut

für ihn zu sorgen! »Sie müssen ihm abends eine Wärmflasche machen. Es

ist kalt hier im Zimmer.« Fröstelnd rieb sich Käte die Hände. »Und

bringen Sie ihm morgens vor dem Aufstehen ein Glas Emser mit heißer

Milch!«

Die Wirtin hörte sofort den gar nicht ausgesprochenen Vorwurf heraus und

wurde noch gereizter. »Na, wenn er überhaupt nich nach Hause kommt, kann

ich ihm doch abends keine Wärmkruke machen und morgens keine heiße

Milch!«

Wie – gar nicht nach Hause kommt?! Käte glaubte nicht recht verstanden

zu haben. Sie sah die Frau mit großen Augen an. »Überhaupt nicht nach

Hause kommt!«

Die Frau nickte: »Ich sage Ihnen, werte Dame, möbliert vermieten ist

kein Spaß, da muß man vieles mit in Kauf nehmen. So ’ne junge Herren –

na, ich sage schon!« Sie lachte, halb ärgerlich, halb belustigt auf. »Da

hatte ich mal einen, der blieb gleich ganze acht Tage weg – der erste

war vor der Tür, ich hatte Angst um meine Miete – ich mußte nach der

Polizei gehen!«

»Wo war er denn – wo war er denn?!« Kätes Stimme schwankte.

Die Frau lachte: »Na, da fand er sich denn wieder an!« Sie sah die Angst

der Mutter, und ihre Gutmütigkeit siegte über ihre Schadenfreude. »Der

kommt schon wieder, gnä’ Frau,« sagte sie beruhigend. »Sie kommen alle

wieder. Haben Sie man keine Angst. Und Herr Schlieben ist ja auch erst

zwei Tage weg!«

Zwei Tage weg – zwei Tage?! Zwei Tage war’s her, daß er auf ihr

Briefchen geantwortet hatte: er sei erkältet und müsse sich zu Hause

halten! Wie eine Irre sah Käte um sich, ganz verstörten Blickes. Wo war

er denn gewesen, diese ganzen zwei Tage? Nicht hier und nicht bei ihr –

o, bei ihr schon seit acht Tagen nicht! Im Geschäft mußte er aber noch

gewesen sein, sonst hätte Paul doch darüber gesprochen. Aber wo war er

die ganze übrige Zeit? Das waren doch immer nur ein paar Stunden. Und

ein Tag ist lang. Und die Nächte, die Nächte! Herrgott, die Nächte, wo

war er die Nächte?!

Käte hätte laut herausschreien mögen, aber die Wirtin sah sie an mit so

neugierigen, harten Augen, daß sie, die Nägel der einen Hand in die

Innenfläche der andern grabend, sich bezwang. Aber ihr Sprechen war nur

ein Flüstern mehr: »Ist er denn seit zwei Tagen gar nicht zu Hause

gewesen?«

»Nee, gar nich! Aber warten Sie mal!« Die Lust am Schwatzen machte alle

vorgenommene Zurückhaltung der Wirtin zuschanden. Der auf einen Stuhl

Hingesunkenen nähertretend und sich einen Stuhl heranziehend, schwatzte

sie umständlich: »Sonntag war’s – nee, Sonnabend merkt ich schon: der

hat was. Ja, das ist einer, ein ganz forscher! Rein verrückt war

er!«

»Wieso denn?! ›Verrückt‹, sagen Sie?!«

Die Vermieterin lachte. »Ach, so mein ich ja gar nich, das müssen Sie

nich gleich so wörtlich nehmen, gnä’ Frau! Na, ebent so – na, wie soll

ich denn schon sagen? – na, so wie sie dann alle sind! Na, und abends

ging er dann wie gewöhnlich weg – na, und dann kam er ebent nich mehr

zu Hause!«

»Und wie – wie war er –?!« Ruckweise nur stieß die Mutter die Worte

hervor, sie konnte gar nicht zusammenhängend mehr sprechen, ein sie

plötzlich überfallender Schreck lahmte fast ihre Zunge. »War er – etwa

verstört?!« Wie eine Vision tauchte sein fahles Gesicht vor ihr auf, und

da bei Schildhorn der verwehte Platz im Sand – mancher Mutter Sohn,

mancher Mutter Sohn – Gott, Gott, wenn er sich ein Leides getan hätte!

Sie zitterte wie Laub im Sturm und sank ganz in sich zusammen.

Die Wirtin erriet instinktiv der Mutter Gedanken; gutmütig-beruhigend

versicherte sie: »Nee, gar nich an zu denken! Der war nich traurig –

auch nich grade vergnügt – na, so – so – na, grade so in der

richtigen Stimmung!«

»Und Sie – ach, können Sie mir nicht einen – einen Wink geben – wo –

wo er hin – sein könnte?«

Die Frau wiegte zweifelnd den Kopf: »Wer kann das wissen! Sehen Sie,

gnä’ Frau, der Versuchungen gibt’s gar viele. Aber, warten Sie mal!« Sie

kniff die Augen zu und dachte nach. »Da kam mal vor einiger Zeit immer

so’n hübsches Mädchen her, sie holte ihn immer ab, sie sagte ›zum

Theater‹ – na, es kann ja auch wahr gewesen sein! Oft kam sie, sehr oft

– mindestens einmal die Woche! Blond war sie, wirklich ’n hübsches

Mädchen!«

»Blond – ganz hellblond – viel Haar, wellig über den Ohren?!«

»Ja ja, so war sie frisiert, über die Ohren gekämmt, hinten ’nen

mächtigen Knoten – so recht auffallend hellblond! Und sie duzten

sich!«

Blondes Haar – auffallend blond! Ah, das hatte sie damals gleich

gewußt, als sie ihn in Schildhorn sah mit der Blonden! Wie eine

Erleuchtung kam es über Käte. »Sie – wissen wohl nicht – ach, wissen

Sie vielleicht, wie sie heißt?«

»Er sagte ›Frida‹ zu ihr!«

»Frida?!«

»Ja, Frida! Das weiß ich bestimmt. Nu kommt sie aber nich mehr.

Vielleicht aber, daß er ’nen Brief von ihr gekriegt hat. Ich will mal

nachsehen, warten Sie mal!« Und die Frau bückte sich, zog unterm

Schreibtisch den Papierkorb vor und fing an darin zu wühlen.

»Er schmeißt nämlich allens in den Papierkorb,« sagte sie erklärend.

Freilich, da hatte sie noch nicht gesucht! Mit starren Augen sah Käte

zu, wie die Frau mit geübten Fingern alle Papierblätter wendete.

Plötzlich schrie die auf: »Na, sehen Sie, da haben wir’s!« Und vor die

Mutter legte sie triumphierend ein paar Papierfetzen auf den Tisch: »Da

is ’n Brief von ihr. Sehen Sie! Ich kenne die Schrift. Woll’n mal

sehen!«

Beide Frauen, die Köpfe zusammensteckend, versuchten, die einzelnen

Stücke des zerrissenen Briefes zusammenzufügen; es gelang aber nicht, es

fehlte zu viel, nur ein paar Sätze waren halb zusammen zu bringen.

›nicht mehr kommst –

böse mit dir –

nächstens zu dir abends ’rauf –

immer deine‹

Doch da, halt, da war die Unterschrift! Die war nicht durchrissen, groß

und zusammenhängend stand sie unten auf dem Briefbogen:

immer

Deine Frida Lämke!

»Frida Lämke –?!« Käte schrie laut auf vor Überraschung. Frida Lämke –

nein, das hätte sie nie gedacht – oder gab es vielleicht zwei gleichen

Namens? Dieses blonde Kind, das einst bei ihr im Garten gespielt hatte?!

Aber ja, ja, dreiste Augen hatte die immer gehabt!

»Sie kennen die wohl?« fragte die Wirtin, und die Augen funkelten ihr

vor Neugier.

Käte gab keine Antwort. Vor sich hinbrütend stierte sie auf den Teppich:

war das nun schlimmer – oder war das weniger schlimm? Konnte es nun

nicht noch verhindert werden, nun, da sie die Fährte hatte, oder war

alles verloren?! Sie wußte es nicht; verständig überlegen konnte sie

überhaupt nicht mehr, nicht einmal mehr denken. Sie hatte nur den Trieb:

hin, hin zu den Lämkes! Nur hin, so rasch wie möglich hin! Aufspringend

sagte sie hastig: »Schon gut, schon gut – danke! Ah, es ist alles in

Ordnung!« Und an der verdutzten Frau vorübereilend, hastete sie zur Tür

und die Treppe hinunter. Gerade öffnete unten jemand von außen die

verschlossene Haustür; so kam sie hinaus.

Nun war sie auf der Straße. So ganz allein hatte sie um diese Zeit noch

nie auf der Friedrichstraße gestanden; ihr Mann hatte sie immer

begleitet, und war sie einmal allein ins Theater oder Konzert gegangen,

hatte er sie immer selber abgeholt oder mindestens von Friedrich abholen

lassen. Nun kam sie’s plötzlich wie eine Furcht an, trotzdem die schöne

Straße taghell erleuchtet war.

Einer Mutter Sohn · 第 20 / 23 段