fand – eine Bekannte hatte ihr gesagt: ›Ich konnte gar nicht aufhören
damit, ich hatte so viel im Kopf, aber ich habe alles drüber vergessen,‹
– sie vergaß nichts darüber. Wie in einem großen Kummer, der dumpf
macht, fühlte sie sich. Noch stumpfer, abgestorbener gegen alles Äußere,
wie damals nach dem Tode ihres Vaters und ihrer Mutter. Gerade in diesen
Trauerjahren hatte sie so viel gelesen, so mit besonderem Interesse, als
seien ihr alte Dichtwerke neu geschenkt und neue eine tröstende
Offenbarung. Nun konnte sie nichts lesen, den Gedanken eines andern
nicht folgen. Sie klebte an ihren eignen Gedanken; ihr Auge überflog
wohl die Seite, aber wenn sie unten angelangt war, wußte sie nicht, was
sie gelesen hatte. Es war ein unerträglicher Zustand. Ach, wie gern, wie
gern wollte sie sich für etwas interessieren! Was gäbe sie darum, könnte
sie doch einmal recht herzlich lachen; früher hatte sie nie die gleiche
Sehnsucht gehabt nach Frohsinn, Heiterkeit und nach Humor. Ah, welche
Erlösung wäre es für sie gewesen, hätte sie lachen und weinen können!
Jetzt konnte sie nicht lachen, aber – ach! – auch nicht mehr weinen,
und das war das schlimmste: ihre Augen blieben trocken. Jedoch innerlich
brannten die ungeweinten Kummertränen und fraßen an ihrem Leben mit dem
unvergossenen salzigen Naß.
Nein, der Tod war das schrecklichste nicht! Es gab Schrecklicheres. Es
war schrecklich, wenn man sich sagen mußte: all dein Leid hast du dir
selber heraufbeschworen. Warum ließest du dir nicht genügen, warum
mußtest du erzwingen, was die Natur dir versagte?! Es war schrecklicher,
wenn man fühlte, wie häusliches Glück, eheliches Glück, Liebe, Treue,
Einigkeit, wie all das, was zwei Menschen innig zusammenhält, ins Wanken
geriet – fühlte sie’s denn nicht alle Tage, wie ihr Mann kälter und
kälter wurde, und wie auch sie gleichgültiger gegen ihn ward?! Ach, der
Sohn, dieser Dritte, der brachte sie zwei auseinander! O, wie kläglich
fielen alle ihre Theorieen von Erziehung, Beeinflussung, vom Geboren
werden im Geiste über den Haufen! Wolfgang war doch nicht das Kind, in
dem sie beide sich mit Leib und Seele einten – er war und blieb fremdes
Blut. Und er hatte eine fremde Seele. Armer Sohn!
Im Herzen der Frau, die tage-, wochen-, monate-, die jahrelang nichts
als Bitterkeit und Kränkung, sogar manchmal etwas wie Empörung gegen den
empfunden hatte, der ihre Tage also verstörte, keimte plötzlich ein
einsichtsvolles Mitleid. Wie konnte sie ihm, den es nicht mit hundert
Banden ans Elternhaus fesselte, so sehr zürnen?! Es war eben nicht
=sein= Elternhaus. Unbewußt mochte er es fühlen, daß der Boden hier für
ihn nicht Heimatboden war – nun suchte er, nun irrte er!
Den Kopf schwer in die Hände stützend, grübelte Käte: was sollte sie
beginnen? Sollte sie ihm gestehen, woher er kam? Ihm alles erzählen?
Vielleicht daß es dann besser wurde! Ach, würde es besser, so würde sie
gern alles tun! Aber ach, es war so schwer! Doch es mußte sein. Sie
durfte nicht länger schweigen! Sie fühlte ihr zitterndes Herz erstarken
in einem festen Entschluß: wenn er nach Hause kam, würde sie sprechen.
Was sie gehütet hatte als größtes Geheimnis, über dem sie zitternd
gewacht hatte, was ihr, wie sie glaubte, nichts hätte entreißen können,
das war sie nun bereit, freiwillig zu offenbaren. Sie mußte. Wie konnte
es sonst je besser werden, wie je zu gutem Ende kommen, überhaupt zu
einem Ende?!
Mit inbrünstigem Suchen schauten ihre Augen um sich; es war ein
angstvolles Blicken in ihnen. Aber da war kein andrer Ausweg. Mit einer
Entschlossenheit, deren Käte Schlieben vor einem Jahr noch nicht fähig
gewesen wäre, bereitete sie sich auf das Geständnis vor. Einen
Augenblick kam ihr der Wunsch, sich Paul zu Hilfe zu rufen. Aber rasch
verwarf sie den Gedanken – hatte er denn Wolfgang je so geliebt wie
sie? Es würde ihm vielleicht gleichgültig sein. Oder nein, es würde ihm
vielleicht ein Triumph sein, er war ja immer andrer Meinung als sie
gewesen. Und dann, noch eins! Er könnte ihr dann vielleicht zuvorkommen,
es selber Wolfgang sagen, und das durfte nicht sein. Sie, sie allein
durfte das mit all der Liebe, deren sie noch fähig war, damit er’s weich
hörte, schonend und zart!
Hastig lief sie hinüber in ihren Salon. Da bewahrte sie in ihrem
Schreibtisch seinen Taufschein und die Abtretungsurkunde aus seinem
Heimatdorf; diese Papiere hatte sie selbst ihrem Manne nicht anvertraut.
Nun holte sie sie hervor und legte sie bereit. Sie würde ihm doch zeigen
müssen, daß alles sich so verhielt, wie sie sagte!
Die Papiere knitterten unter ihren zitternden Händen, aber sie zwang
ihre Aufregung nieder. Ruhig mußte sie sein, ganz ruhig und verständig;
in vollem Bewußtsein dessen, was sie tat, das Luftschloß umstoßen, das
sie sich erbaut hatte und das nicht so geworden war wie in ihren
Träumen. Aber wenn auch dieses Luftschloß zusammenfiel, konnte nicht aus
seinen Trümmern etwas gerettet werden, doch noch etwas Gutes erstehen?!
Er würde ihr ja dankbar sein, er mußte ihr ja dankbar sein. Und das war
das Gute!
Sie faltete die Hände über den Dokumenten aus grobem Papier, und aus
ihrer Brust stiegen bebende Seufzer, die wie flehende Gebete waren. Gott
hilf, Gott hilf!
Wenn er sie aber nun nicht richtig verstünde, wenn sie vielleicht nicht
die Worte fand, die man finden mußte?! Wenn sie ihn dadurch verlieren
würde?! Ein Schreck überfiel sie, sie erblaßte und griff tastend um
sich, wie jemand, der eine Stütze braucht; aber sie hielt sich aufrecht:
dann lieber ihn verlieren, als daß er sich verlor!
Denn – und Tränen, wie sie sie lange, lange nicht mehr hatte vergießen
können, tropften ihr erlösend aus den Augen – denn sie liebte ihn doch
noch, liebte ihn mehr, als sie es selber für möglich gehalten hätte.
So wartete sie auf ihn. Und wenn sie warten sollte bis morgen früh, und
wenn er wieder betrunken nach Hause käme – betrunkener noch als das
erste Mal – sie würde ihn doch erwarten. Heut noch mußte sie es ihm
sagen! Es brannte förmlich in ihr.
Schlieben war längst zur Ruhe gegangen; er war ärgerlich auf seine Frau,
hatte nur flüchtig den Kopf in ihr Zimmer gesteckt, hatte genickt: »Gute
Nacht« und war hinaufgegangen. Sie aber ging mit langsamen Schritten
unten im Zimmer auf und ab; das ermüdete sie körperlich, gab aber ihrem
Geist Ruhe und dadurch Kraft. –
Als sei ihre zarte Gestalt gewachsen, so gerade und aufrecht trat sie in
der Vorhalle Wolfgang entgegen, als sie ihn hatte die Haustür schließen
hören. Das Haus schlief mit allen, die darinnen waren, nur er und sie
waren noch wach; so allein, so ungestört waren sie sonst nie mehr auf
der Welt. Jetzt galt’s!
Und sie gab ihm die Hand, wie sie es sonst nicht getan hätte, wäre er so
spät gekommen – Gott sei Dank, er war nicht betrunken! – und näherte
ihr Gesicht seinem Gesicht und küßte ihn auf die Wange: »Guten Abend,
mein Sohn!«
Er war wohl etwas verdutzt über diesen Empfang, aber seine
dunkelumrandeten und tiefliegenden Augen sahen gleichgültig an ihr
vorbei.
Er war entsetzlich müde – man sah es ihm an – oder war er krank?! Aber
das würde ja alles, alles nun bald besser werden! Mit erwachter
Hoffnungsfreudigkeit ergriff Käte wiederum seine Hand und zog ihn hinter
sich her in ihr Zimmer hinein.
Er ließ sich ziehen, ohne zu widerstreben, er fragte nur gähnend: »Was
ist denn los?«
»Ich muß dir etwas sagen!« Und dann, rasch, als könne er ihr entgehen
oder sie den Mut verlieren, setzte sie hinzu: »Etwas Wichtiges – was
dich betrifft – deine – deine Herkunft betrifft!«
Was sagte er nun – unwillkürlich hatte sie innegehalten – was würde er
nun sagen?! Seine Herkunft, um die er gerungen hatte, in Sehnsucht, in
Kämpfen – ach, was waren das für Szenen gewesen! – nun wurde sie ihm
offenbar.
Sie hatte sich unwillkürlich zu ihm geneigt, bereit, ihn zu stützen.
Da gähnte er wieder: »Muß es jetzt gerade sein, Mama? Morgen ist doch
auch noch ein Tag. Ich bin nämlich todmüde. Gut Nacht!« Und er machte
kehrt und ließ sie stehen und ging zum Zimmer hinaus und die Treppe
hinauf und oben in seine Stube.
Sie stand ganz starr. Dann griff sie sich nach dem Kopf: was, was, sie
hatte wohl nicht recht verstanden, war taub, blind, nicht ganz mehr bei
sich?! Oder er war taub, blind, nicht ganz mehr bei sich! Sie war ihm
entgegengetreten, das Herz auf den Lippen, sie hatte die Hand
ausgestreckt, sie hatte ihm von seiner Herkunft sprechen wollen – und
er?! Er hatte gegähnt – war gegangen, es interessierte ihn
augenscheinlich gar nicht. Und hier, hier, in diesem selben Zimmer –
noch nicht viere Jahre waren’s her – fast auf diesem selben Fleck, da
hatte er doch gestanden im schwarzen Einsegnungsrock – fast so groß
schon wie jetzt, nur runder, kindlicher von Gesicht – und hatte laut
aufgeschrieen: ›Mutter, Mutter, wo ist meine Mutter?!‹ Und jetzt wollte
er nichts mehr wissen –?!
Es konnte nicht sein, sie hatte ihn wohl nicht recht verstanden oder er
sie nicht! Sie mußte ihm nach, gleich auf der Stelle! Ihr war, als
dürfte sie keine Minute versäumen.
In ihrem grauen Kleid huschte sie lautlos die Treppe hinauf; im matten
Licht, das die elektrische Birne an die Treppenwand warf, sah sie ihren
gleitenden Schatten, aber sie lächelte: nein, sie war nicht die Sorge
mehr, die da so gespenstisch glitt! In ihrem Herzen war lauter
Freudigkeit, Hoffnung und Vertrauen: sie brachte ihm ja Gutes, nur
Gutes!
Ohne anzuklopfen trat sie in seine Tür, in aller Eile, ohne Überlegung.
Er lag schon in den Kissen, gerade hatte er das Licht auslöschen wollen.
Nun setzte sie sich auf seinen Bettrand.
»Wolfgang,« sprach sie weich. Und als er sie verwundert, ein wenig
befremdet, fast unfreundlich ansah, klang es noch weicher: »Mein
Sohn!«
»Ja – was ist denn nun schon wieder?«
Er war wirklich ärgerlich, sie merkte es an seinem ungeduldigen Ton, und
da sank ihr plötzlich der Mut: ach, wenn er sie so ansah, so kalt, und
wenn sein Ton so abwehrend klang, wie war es da schwer, das richtige
Wort zu finden! Aber es mußte sein, er sah ja so bleich aus, und so
mager war er, sein rundes Gesicht war förmlich lang geworden! Was ihr
vorhin schon aufgefallen war, fiel ihr jetzt doppelt auf, und sie bekam
einen großen Schreck. »Wolfgang,« sagte sie hastig, fast mit Angst
seinen Blick vermeidend – o, wie anklagend würde der sein, wie
vorwurfsvoll, und berechtigt vorwurfsvoll! – »ich muß es dir endlich
sagen – es ist besser – es wird dich ja auch weiter nicht verwundern
– erinnerst du dich noch jenes Sonntags – es war der Tag deiner
Konfirmation – da – da fragtest du uns –«
Ach, wieviel Vorreden mußte sie doch machen! Sie hieß sich selber feige;
aber es war so schwer, so unsäglich schwer!
Mit keinem Laut unterbrach er sie, er fragte nicht, er seufzte nicht, er
rührte sich nicht einmal.
Sie wagte nicht, ihren Blick, der, starr und geradeaus gerichtet, an
einem Punkte hing, nach ihm zu wenden. Sein Schweigen war schrecklich,
schrecklicher als sein Aufbrausen! Und sie schrie es laut heraus mit
verzweifelter Entschlossenheit: »Du bist nicht unser Sohn, nicht unser
eigner Sohn!«
Er sagte noch nichts; antwortete durch keinen Laut, durch kein
Sichrühren. Da wendete sie den Blick nun doch nach ihm. Und sie sah, wie
die Lider ihm über die müden, schon halb verglasten Augen fielen, wie er
sie mühsam wieder aufriß und sie doch wieder herabsanken, kurz, wie er
mit dem Schlaf rang.
Er konnte schlafen, während sie ihm dieses – dieses sagte?! Eine
furchtbare Ernüchterung kam über sie, aber sie packte ihn doch am Arme
und rüttelte ihn, während ihr die eignen Glieder wie in Fieberschauern
bebten: »Hörst du – hörst du’s denn nicht?! Du bist nicht unser Sohn –
nicht unser eigner Sohn!«
»Ja, ich weiß,« sagte er müde. »Laß, laß!« Abwehrend bewegte er die
Hand.
»Und das –« eine völlige Fassungslosigkeit machte sie stammeln wie ein
Kind – »das berührt dich nicht? Das – das läßt dich so kalt?!«
»Kalt?! Kalt?!« Er zuckte die Achseln, und in seinen müden, glanzlosen
Augen fing es an ein wenig zu funkeln. »Kalt?! Wer sagt dir, daß es mich
kalt läßt – kalt gelassen hat?« verbesserte er sich rasch. »Aber ihr
habt ja nicht danach gefragt. Nun will ich nichts mehr davon hören. Nun
bin ich müde. Ich will schlafen!« Er drehte ihr den Rücken, kehrte das
Gesicht gegen die Wand und rührte sich nicht mehr.
Da stand sie – er schlief schon, oder wenigstens schien er zu schlafen.
Ein paar Minuten noch verweilte sie bang – würde er, mußte er sich
nicht wieder nach ihr wenden: ›erzähle, jetzt höre ich!‹ Aber er wendete
sich nicht.
Da schlich sie aus dem Zimmer wie ein armer Sünder. Zu spät, zu spät!
Sie hatte zu spät gesprochen, und nun wollte er nichts mehr hören, nun
gar nichts mehr davon wissen!
In ihrer Seele schmerzten die Worte ›zu spät‹ in ihrer stumpfen
Trostlosigkeit wie eingebrannt.
* * * * *
Käte hatte nicht mehr den Mut, auf das, was sie Wolfgang in dieser Nacht
hatte gestehen wollen, noch einmal zurückzukommen. Wozu auch? Sie hatte
das lebhafte Gefühl: ihm war nicht mehr beizukommen, nicht mehr zu
helfen. Sie aber fühlte sich niedergedrückt wie durch eine unermeßliche
Schuld. Und das Gefühl dieser schweren Schuld machte sie milder gegen
ihn, als sie es sonst gewesen wäre; es hieß sie, sein Tun und Lassen zu
beschönigen, vor sich selber und vor ihrem Manne.
Schlieben war sehr unzufrieden mit Wolfgang. »Wenn ich nur wüßte, wo er
sich immer herumtreibt! Er ist doch nachts zu Hause – wie?!«
Ein unwillkürlicher Laut seiner Frau hatte ihn unterbrochen, nun sah er
sie forschend an. Aber sie verzog keine Miene, nickte nur: »Ja!« Da
verließ sich der Mann auf seine Frau. –
Nun waren die letzten Tage des scheidenden Herbstes da, die oft noch so
warm sind und golden, goldener als der Sommer sie je gewährt. Um vor dem
Winter sich noch einmal in Luft und Sonne zu baden, strömte alles hinaus
in den Grunewald. Als sei alle Tage Sonntag, so drängten sich die
Spaziergänger in Hundekehle und Paulsborn, bei Onkel Tom und in der
Alten Fischerhütte. Überall Lachen, oft auch Musik, und Mädchen
in hellen Kleidern, in letzten, noch nicht ganz vertragenen
Sommertoiletten. Kinder lärmten jetzt weniger durch den Wald wie zur
Sommerszeit, es dunkelte jetzt bereits zu früh; desto mehr Pärchen
wandelten, denen der frühe und doch noch warme Dämmerschein köstliche
Gelegenheit bot, ihre Zärtlichkeiten zu tauschen, und alte Leute, die
noch einmal die Sonne genießen wollten, ehe vielleicht bald die Nacht
für sie kam, der kein Morgen mehr folgt.
Schlieben hatte es in früheren Jahren immer verabscheut, an solchen
Tagen, in denen es im Grunewald wimmelte, sein Haus und seinen Garten zu
verlassen. Es war ihm unangenehm gewesen, den Staub des Gewühls zu
schlucken. Jetzt war er weitherziger: warum sollten die Leute, die sonst
immer in ihre engen Wohnungen gebannt waren, nicht auch einmal hier
draußen sein und für Stunden wenigstens den Kiefernduft einatmen, den
sie, die Bevorzugten, alle Tage genossen? Es war doch etwas Schönes
darum, zu sehen, wie die Menschen sich freuen!
Sowohl aus eignem Antrieb, wie um Käte zu zerstreuen, die ihm in letzter
Zeit noch ernster und merkwürdig in sich gekehrt vorkam, bestellte er
einen Wagen, einen bequemen Landauer, und fuhr mit seiner Frau
spazieren. Sie fuhren die bekannten Straßen, die den Grunewald
durchziehen, stiegen auch zuweilen aus, wenn der Wagen langsamer durch
den Sand mahlte, und gingen auf dem, durch gefallene Nadeln glatt
gemachten und festgetretenen Fußpfad ein Stückchen nebenher.
Sie kamen nach Schildhorn. Über dem Wasser lag roter Abendschimmer; die
Sonne war nicht mehr im vollen Glanz zu sehen, ein dämmernder,
melancholischer Friede lag über der Havel und den Kiefern. So tief hatte
Käte dieser Wald noch nie gedeucht. Es fröstelte sie plötzlich: ah, dort
drüben lag ja auch der Friedhof der Selbstmörder! Sie mochte nicht
hinsehen, nervös preßte sie die Augen zu. Vor ihren Blicken hatte
plötzlich ein junger Bursch gestanden – jung und frisch und doch schon
verdorben – mancher Mutter Sohn!
Schaudernd wollte sie rasch vorüber, und doch zog es ihren Fuß
unwiderstehlich hin zu dem im Wehsand eingehegten Fleck. Sie konnte
nicht anders, sie mußte stehen bleiben. Sinnend ruhte ihr Blick auf den
so wenig schönen, ungepflegten Gräbern: ob sie denn Frieden gefunden
hatten, die hier ruhten?! Ein paar grüne Zweige und ein paar Blümchen,
die sie unterwegs gepflückt hatte, entsanken ihrer Hand. Der abendliche
Wind wehte sie aufs nächste Grab; da ließ sie sie liegen. Ihr war
unendlich weh ums Herz.
Paul rief: »Käte, so komm doch! Der Wagen wartet ja längst auf uns!«
Bis tief ins Innerste war sie verstimmt. Befürchtungen und Ahnungen, von
denen sie niemand sagen konnte, drangen auf sie ein. Wolfgang war
leichtsinnig – aber schlecht?! Nein, schlecht war er nicht – noch
nicht! O Gott, nein, das wollte sie doch nicht denken, schlecht nicht!
Aber wie sollte es werden? Wie enden?! Gut konnte es nicht mehr werden,
nie – wie sollte es auch?! Da müßten ja Wunder geschehen, und Wunder
geschehen nicht mehr zu diesen Zeiten!
Helles Lachen schreckte sie auf. Im Restaurationsgarten waren alle
Tische besetzt; hier war so viel Jugend, und so viel leichter Sinn, und
hier waren so viele Liebespaare. Sie waren wieder in ihren Wagen
gestiegen und fuhren jetzt langsam am Restaurationsgarten vorüber und
sahen so all die hellen Blusen und die bunten Blumenhüte, all den Putz
des kleinen Bürgerstandes.
Horch, wieder das helle Lachen! Ein lautes Mädchenlachen, so recht frei
heraus, und nun ein: ›Oho, fangt sie, kß, kß‹ – bei dem Käte wie
erstarrt den Atem anhielt. Sie wurde ganz schwach, alles Blut wich ihr
vom Herzen fort: das war ja Wolfgang! Ihr Wolfgang!
Da sprang er in großen Sätzen hinter einem Mädchen her, das,
aufjuchzend, vor ihm über den Weg floh und jenseits hinein in den Wald
lief zwischen die Stämme. Er jagte hinter ihr drein. Einen Augenblick
noch sah man das helle Mädchenkleid und Wolfgangs fliegenden Schatten
um die Kiefern wischen, dann erblickte man nichts mehr von ihnen.
Aber er mußte sie erreicht haben, man hörte jetzt ihr gellendes
Aufkreischen und sein Lachen; beides trieb Käte das Blut in die Wangen.
Das klang ihr beleidigend, klang ihr gemein. Also so, so weit war er
gekommen, trieb sich hier mit solchen, solchen – Personen umher?!
Aha, da kamen ja noch ein paar andre nach, die gehörten auch zur
Gesellschaft! Ein vierschrötiger Mensch mit rotem, pausbackigem, sehr
erhitztem Gesicht lärmte mit Hallo hinter dem verschwundenen Paar
drein, und ein schmächtiger Schlingel, der zuletzt kam, lachte so recht
verschmitzt-spitzbübisch.
›Paul, Paul,‹ wollte Käte aufschreien, ›Paul, sieh nur, sieh!‹ Aber dann
schrie sie doch nicht und rührte sich nicht. Da war ja nichts mehr zu
ändern! Ganz stumm lehnte sie in ihrer Wagenecke: das hatte sie ja
gewollt, sie durfte nicht klagen. Ach, hätte sie ihn doch gelassen, wo
er war! Jetzt mußte sie schweigen, beide Augen zudrücken, tun, als hätte
sie nichts gesehen!
Aber alles war ihr verleidet. Und als ihr Mann ihr in einer Lücke der
Kiefernwipfel den schwimmenden Mond im lichtgrauen Äther wies und rechts
dabei den freundlichen, ruhig leuchtenden Stern, hatte sie auf sein
entzücktes: »Ist das nicht schön?« nur ein kühl-zustimmendes: »O
ja!«
Das verstimmte ihn. Welche Freude hatte sie sonst an der Natur gehabt,
die größte und reinste Freude, nun auch das nicht einmal mehr! Auch
dieses hin?! Alles hin! Er seufzte.
Und jedes von ihnen, in eine Ecke des Wagens gelehnt, verharrte in
Schweigen. Mit trüben Augen schauten sie beide in die tiefer und tiefer
sinkende Dämmerung. Es wollte Abend werden, der Tag – auch ihr Tag –
hatte sich geneiget. –
* * * * *
Wolfgang hatte mit Frida Lämke, deren Bruder und Hans Flebbe eine längst
geplante Landpartie unternommen. Frida hatte sich für den Nachmittag im
Geschäft freigemacht; ausnahmsweise, und weil sie etwas unabweisbar
Dringendes vorschützte, gelang es ihr, abzukommen. Nun war sie aber auch
wie losgelassen, voller Übermut: ha, war das fein, ha, wollten sie sich
mal amüsieren! Wolfgang hatte eine Droschke spendiert; er und Frida im
Fond, die beiden andern ihnen gegenüber auf dem Rücksitz, so hatten sie
eine Rundfahrt durch den grünen, grünen Wald gemacht, hatten dieses
Lokal besucht und jenes, waren Karussell gefahren und Boot und hatten in
der Würfelbude gewürfelt. Wolfgang war sehr galant, Frida durfte immer
noch mal; eine Butterdose von blauem Glas, eine Glanzpapierdüte mit
Pfeffernüssen, vor allem aber ein kleiner Piepmatz in einem winzigen
Holzgitterkästchen machten sie selig. Alles das durfte Hans nun tragen,
während sie auf dem Nachhauseweg, den sie von Schildhorn zu Fuß
antraten, sich mit Wolfgang jagte und neckte. Der Bräutigam störte
weiter nicht. Hans hatte von Anfang an darauf verzichtet, seine Frida am
Arm zu führen; man hätte sie dreist für das Verhältnis des eleganten
jungen Herrn halten können. Aber als sie nun ganz außer Atem, rot und
zerzaust war und die Dämmerung des Abends, der hier innen zwischen den
dichten Stämmen schon eher dunkelte als draußen, ihr ein kleines Gruseln
und ein wonniges Sich-erschrecken einjagte, hing sie sich doch wie
selbstverständlich an den Arm ihres Hans. Sie blieben ein wenig zurück.
Nun war Wolfgang allein, denn Artur rechnete er nicht, obgleich der
neben ihm her über die Wurzeln stolperte und schrill pfiff. Und Wolfgang
beneidete den dicken Hans, über den sie heute, seine Braut am meisten,
so viel gelacht hatten; auch er hatte das Bedürfnis, jetzt ein Mädchen
am Arm hängen zu haben. Das brauchte nicht einmal so niedlich wie Frida
zu sein – wenn’s nur ein Mädel war! Die Dämmerung des Waldes, die so
wohlig war und verschwiegen, lud förmlich ein. Und vom Boden, der so
mager war, lauter Sand, stieg heute abend doch ein sattes Duften auf,
ein reichliches Gewähren. Wolfgang fühlte sich lebens- und
liebeshungrig, gierig nach Freude, nach Genuß. Hätte er jetzt Frida
neben sich gehabt, bei beiden Armen hätte er sie gepackt, sie an sich
gerissen, blitzschnell ihr den Mund mit Küssen verschlossen und sie
nicht mehr losgelassen.
Er konnte nicht mehr an sich halten, er mußte wenigstens Artur packen
und mit ihm dahinwalzen durch den sandigen Waldboden, daß dem
aufgeschossenen Jungen, der heute schon zu so und soviel Kunden gelaufen
war, um sie zu rasieren, Hören und Sehen verging. Die übrigen
Spaziergänger blieben stehen: das war ihnen nichts Neues auf
Landpartieen, wenn’s nicht größeren Unfug gab! Sie amüsierten sich, und
als Wolfgang zum Schluß den Partner mit einem lauten Juchhe in die Höhe
hob und ihn ein paar Mal um sich herumschwenkte, klatschten sie
Beifall.
Wolfgang war nun doch sehr außer Atem. Als sie zum Walde hinaus waren,
mußten sie langsamer gehen; jetzt, in bewohnteren Regionen – schon
tauchten die eleganten Landhäuser auf – hätte man Menschen tottreten
können. Das war eine Fülle! An der Abfahrtstelle der elektrischen Bahn
drängte und drückte es sich. Sie stellten sich auch auf: das war ein
Spaß, zu sehen, wie die Leute, die gerne mitkommen wollten, sich
pufften. Es war noch leidlich hell und warm wie im Sommer, aber rasch
würde es ganz dunkel sein, und je später, desto größer der Ansturm.
Lachend standen die beiden und sahen dem Drängen gelassen zu: was machte
es ihnen aus, wenn sie nicht mitkamen, sie liefen eben das Stückchen zu
Fuß weiter bis nach Hause.
Wolfgang fühlte sein Herz heftig pochen – es hatte ihm doch zu viel
Spaß gemacht, mit Frida zu tanzen! In einem Lokal, in dem im angebauten
Brettersaal ein Klavierspieler aufs Klavier paukte, hatte er Frida ein
paar Mal ordentlich herumgeschwenkt, und auch noch ein paar andre
Mädchen, die verlangend nach dem stürmischen Tänzer gesehen hatten. Es
war eine Lust gewesen. Noch fühlte er den Nachhall davon in sich
zittern, seine Brust hob und senkte sich unruhig – hei, so ein Mädchen
im Arm sich herumschwenken, lustig sein! Wundervoll, es war alles so
wundervoll!
Die Zähne zusammenbeißend, um nicht durch einen lauten, jubelnden
Aufschrei die Blicke auf sich zu lenken, bebte Wolfgang innerlich vor
ungebändigter Lebenslust. Ha, das wäre fein, ha, das wäre eine Wohltat,
jetzt irgendeine Dummheit begehen zu können! Er überlegte: was gab man
jetzt nur an?!
Da störte ihn ein Husten. Wie hohl das klang, als sei inwendig alles
lose! Der junge Mann, der hinter seinem breiten Rücken stand, mochte
wohl eine Weile so gehustet haben – er hatte es nur nicht beachtet –
nun ekelte ihn vor dessen Auswurf. Unwillkürlich wich er zur Seite:
pfui, wie hustete dieser Mensch!
»Ach,« hörte Wolfgang jetzt den älteren Mann sagen, auf dessen Arm der
Hustende sich stützte, »ich bin ganz außer mir, daß keine Droschke zu
bekommen ist! Bist du sehr kaputt? Geht’s noch?« Es lag so viel Angst in
diesem ›Geht’s noch?‹