weitergeschlendert, den Tennisschläger unterm Arm, die Hände in den
Taschen der weiten Hosen. Über ihm spannte sich ein reichgestirnter
Nachthimmel, unendlich freundlich blinkten goldene Augen zu ihm nieder;
alles Räderrollen war verstummt, keine Spaziergänger in großen Trupps
wirbelten mehr den Staub der Straße auf. Was die hin und wieder
rollenden Sprengwagen des Tages nicht vermocht hatten, das hatte jetzt
der Tau der Nacht getan. Der lose Sand war gelöscht, eine kühlende
Frische stieg vom Boden auf, Bäume und Büsche dufteten nach Grün; von
Gartenbeeten, im Dunkel versunken, stiegen Blumengerüche auf. Wolfgang
atmete mit Wohlgefühl, leise pfiff er; eine friedvolle Freudigkeit war
in ihm: nun war es doch gut, daß er sich nicht mehr in Berlin
umhertrieb! Es war so nett gewesen mit Frida, wie gut hatte er sich mit
ihr unterhalten – und dann – es machte ihm wirklich ein riesiges
Vergnügen, Mutter Lämke ein wenig unter die Arme greifen zu können!
So recht im Innersten vergnügt kam er zu Hause an.
»Die Herrschaften haben längst abgegessen,« erlaubte sich Friedrich mit
einem gewissen Vorwurf zu bemerken – der junge Herr war denn doch gar
zu unpünktlich!
»Na, wenn schon,« sagte Wolfgang. »Sagen Sie der Köchin, sie soll mir
rasch noch was machen, ein Kotelett oder Beefsteak, oder was gab’s denn
sonst heute abend? Ich habe ’nen Mordshunger!«
Friedrich sah ihn ganz verdutzt an: jetzt noch, um halb elf noch? Das
war doch Herrn Schlieben oder der gnädigen Frau noch nie eingefallen, so
etwas zu verlangen – warmes Abendbrot noch, um halb elf Uhr?! Er stand
zögernd.
»Na, wird’s bald,« sagte der junge Herr über die Schulter weg und ging
ins Eßzimmer hinein.
Da saßen die Eltern – beide lasen – noch am Tisch, aber der Tisch war
leer.
»Guten Abend,« sagte der Sohn, »schon abgedeckt?!« Aus seinem Ton klang
laut die Verwunderung.
»Na, da bist du ja!« Der Vater nickte ihm zu, aber sah dabei nicht auf,
er schien von seiner Lektüre ganz in Anspruch genommen. Und die Mutter
sprach: »Setzt du dich noch ein wenig zu uns?«
Dem jungen Menschen fröstelte auf einmal. Draußen war’s wohlig warm
gewesen, hier innen kühl.
Und dann war es eine Weile ganz still, bis Friedrich mit einem Tablett
hereinkam, auf dem, neben dem Gedeck, nur ein wenig kaltes Fleisch,
Brot, Butter und Käse zu sehen waren. Es fiel Wolfgang auf, wie laut er
klapperte; für gewöhnlich servierte das Hausmädchen. »Wo ist denn
Marie?«
»Zu Bett!« sagte die Mutter kurz.
»Schon?!« Wolfgang wunderte sich im stillen darüber. Horch, da schlug
eben drüben die Pendüle in Mutters Zimmer – elf?! Wirklich schon elf
Uhr?! Da konnten sie aber machen, daß er etwas zu essen kriegte, der
Magen schrumpfte ihm ja ordentlich zusammen vor Hunger! Er sah
unverwandt nach der Tür, durch die Friedrich wieder verschwunden war:
gab’s nun bald was?!
Er wartete.
»So iß doch!« Die Mutter rückte ihm das Schüsselchen mit kaltem Fleisch
näher.
»Warum ißt du denn nicht?« fragte der Vater plötzlich.
»O, ich warte ja noch!«
»Es gibt nichts andres mehr,« sagte die Mutter, und ihr Gesicht, das
unendlich abgespannt aussah, wie das eines Menschen, der lange und
vergeblich gewartet hat, rötete sich schwach.
»Nichts andres – nichts mehr – wieso denn?!« Der Sohn sah
außerordentlich enttäuscht drein, sah von der Mutter auf den Tisch, aufs
Büfett und dann wie suchend im Zimmer umher.
»Habt ihr denn nichts andres gegessen?!«
»Ja, wir haben andres gegessen – aber wenn du nicht kommst!« Der Vater
runzelte die Stirn, und nun sah er zum ersten Mal heute abend den Sohn
voll an und maß ihn mit einem ernsthaften Blicke. »Du kannst doch
unmöglich verlangen, wenn du so unpünktlich nach Hause kommst, noch
warmes Abendbrot zu finden?«
»Aber ihr – ihr braucht ja doch deswegen nicht« – der junge Mensch
verschluckte den Rest – es wäre ihm ja viel lieber, die Eltern säßen
nicht da und warteten auf ihn, die Dienstboten würden schon ihre
Schuldigkeit tun!
»Meinst du vielleicht, die Dienstboten brauchen keine Nachtruhe?« fragte
der Vater, als hätte er diese Gedanken erraten. »Die Mädchen, die den
ganzen Tag in der Küche gesteckt haben, wollen abends auch Schluß
machen. Darum mußt du schon früher kommen, wenn du mit uns essen willst.
Im übrigen wird es einem jungen Menschen wohl nichts schaden, wenn er
abends mal mit einem Butterbrot vorlieb nimmt. Übrigens du, der du« –
er hatte eigentlich sagen wollen: ›Du, der du so gut zum Mittag issest‹
–, aber nun reizte ihn die Miene des jungen Menschen, in der so viel
maßloses Staunen lag, und er sprach laut, ganz gegen seine Gewohnheit
heftig, heftiger, als er’s je im Sinn gehabt hatte: »Du – bist du etwa
berechtigt, solche Ansprüche zu machen? Wie kommst du dazu, gerade du?!«
Eine Bewegung Kätes, ein Rauschen ihres Kleides erinnerten ihn an ihre
Gegenwart, und er fuhr gemäßigter fort, aber mit einem gewissen
ärgerlichen Hohn: »Leistest du etwa so viel? Zwei Stunden vormittags im
Kontor – knapp –, nachmittags eine Stunde – ja, das ist eine
erstaunliche, eine kolossale Tätigkeit, die große Ansprüche an deine
Kräfte stellt! Eine ganz besondere Verpflegung erheischt, in der Tat!
Nun, was denn, was?!«
Wolfgang hatte etwas sagen wollen, aber der Vater ließ ihn nicht zu
Worte kommen: »Setze erst eine bescheidene Miene auf, und dann rede!
Junge, ich sage dir, wenn du Braumüller noch einmal um Geld angehst!«
Da, da war es heraus! All das diplomatische Fragen und Aushorchenwollen
war im Ärger vergessen. Schlieben fühlte sich förmlich erleichtert, nun
er sagen konnte: »Das ist ja eine unerhörte Sache! Es ist eine Schmach
für dich und – für mich!« Die erregte Stimme war leiser geworden, bei
den letzten Worten erstickte sie in einem Seufzer. Der Mann stützte den
Arm auf den Tisch und den Kopf in die Hand; man sah es ihm an, wie nah
es ihm ging.
Käte saß stumm und blaß. Ihre Augen öffneten sich schreckhaft weit –
also das, das hatte er getan, sich Geld geborgt?! Auch das?! Nicht
allein, daß er sich betrank, sinnlos betrank – auch das, auch das?! Es
konnte ja gar nicht sein – nein! Flehend suchte ihr Blick Wolfgangs
Gesicht: er mußte ja verneinen!
»Aber, Papa,« sagte Wolfgang und versuchte zu lächeln, »ich weiß
wirklich nicht, wie du mir vorkommst! Ich habe deinen Sozius, der mir’s
übrigens mal selber angeboten hat, der mir überhaupt sehr
entgegengekommen ist, um ’ne kleine Gefälligkeit gebeten. Ich wollte es
ihm gerade wieder schicken –,« er lugte von der Seite den Vater an:
wußte der, wieviel? – »morgen schicke ich es ihm!«
»So, morgen!« Es lag Mißtrauen in Schliebens Ton, aber doch eine gewisse
Beruhigung, er wollte ja so gern das Beste von seinem Jungen annehmen.
»Was hast du noch für Schulden?« fragte er. Und dann kam plötzlich die
Furcht über ihn, daß dieser junge Mensch da ihn hinterginge, und in der
Angst vor einer Riesenverantwortlichkeit, die er sich auferlegt hatte,
sagte er härter, als es eigentlich seine Absicht war, viel härter, als
es sich mit seinem Herzen vertrug: »Ich würde dich züchtigen wie einen
nichtsnutzigen Buben, wenn ich’s erführe! Meine Hand von dir abziehen –
sieh, wie du fertig wirst! Pfui, Schulden, ein Schuldenmacher!«
Käte sah immerfort ihren Mann an, so hatte sie ihn noch nie gesehen. Sie
wollte rufen, ihn unterbrechen: ›Du bist so streng, viel zu streng, so
schneidest du ihm ja jedes Geständnis ab!‹ – aber sie brachte nichts
heraus. Sie verstummte unter der Last der Befürchtungen, die über sie
her stürzten. Voll verzehrender Unruhe hingen ihre Blicke an dem jungen
Gesicht, das bleich geworden war.
Wolfgangs Lippen zuckten, es arbeitete in ihm. Er hatte sprechen wollen,
schon angesetzt dazu, es eingestehen, daß er mehr verbraucht, als er
gehabt hatte. Wäre der Vater nur nicht immer so riesig korrekt! Liebe
Zeit, es ist eben nicht zu vermeiden, daß man die Hände voll Geld aus
den Taschen zieht, wenn man’s dazu hat! Hier denen, denen sagte er nur
zu ungern davon! Sie waren ja im Grunde gute Leute, aber sie hatten eben
gar keine Ahnung! Gute Leute –? Nein, das waren sie denn doch nicht!
Nun kam die Empörung. Wie konnte der Vater sich’s einfallen lassen, ihn
so anzufahren, ihn abzukanzeln in solchem Tone? Wie einen Verbrecher!
Und sie, warum starrte sie ihn denn so an mit Blicken, in denen er etwas
wie Verachtung zu lesen glaubte?! Nun, so wollte er sie denn doch noch
mehr entsetzen, ihnen ins Gesicht schleudern: ›Natürlich hab ich
Schulden, was ist denn dabei?!‹ Aber mitten in der Hitze kam ihm die
kühle Berechnung: wie hatte der Vater gesagt? – ›ich würde die Hand von
dir abziehen‹ –?!
Wolfgang bekam auf einmal einen großen Schrecken: den hier brauchte er,
den hier konnte er doch nicht entbehren! Und so raffte er sich denn auf
in schnellem Umschwung: nur nichts eingestehen, nur sich nicht verraten!
Er sagte, vom trotzigen Aufbrausen hinübergleitend zur glatten Kühle:
»Ich weiß nicht, warum du dich so aufregst, Papa! Ich habe ja keine!«
»Wirklich keine?« Ernst fragend sah ihn der Vater an, aber aus dem Ernst
leuchtete schon die frohe Hoffnung.
Und als der Sohn erwiderte: »Nein!« da streckte er ihm die Hand über den
Tisch hin: »Das freut mich!«
Sie waren diesen Abend sehr nett gegen ihn. Wolfgang empfand es mit
Genugtuung: nun ja, sie hatten ihm ja auch was abzubitten! Er ließ sich
verwöhnen.
Der Vater war froh, förmlich erleichtert, daß nicht noch andres,
Schlimmeres zutage gekommen war, und die Mutter hatte, zum ersten Mal
seit langen Wochen, die Empfindung, als könne sie den jungen Menschen da
doch wieder lieb haben. Ihre Stimme hatte, wenn sie zum Sohne sprach,
wieder etwas von dem alten Klang. Und sie sprach viel zu ihm, es war ihr
ein Bedürfnis. In all den Wochen hatte sie nicht so viel mit ihm
gesprochen. Jetzt war ihr, als wäre ein Quell in ihr zugemauert gewesen,
als müsse sich der jetzt ergießen. Er hatte keine Schulden gemacht! Gott
sei Dank, er war doch nicht ganz so schlimm! Jetzt tat es ihr leid, daß
sie, verdrossen über sein zu spätes Nachhausekommen – Umhertreiben
hatte sie’s bei sich genannt –, die Dienstmädchen zu Bett geschickt und
kein ordentliches Abendbrot mehr für ihn hatte. Hätte sie sich nicht vor
ihrem Mann gescheut, so wäre sie hinab in die Küche gegangen, hätte
selber versucht, ihm noch etwas Besseres herzurichten.
»Bist du auch satt geworden?« fragte sie ihn leise.
»Na, es geht!« Er fühlte sein Übergewicht.
Schlieben legte heute seine Zeitung beiseite. Auf das höfliche »Willst
du nicht lesen?« des Sohnes schüttelte er abwehrend den Kopf: »Nein, ich
habe schon den ganzen Abend gelesen!« Auch er fühlte das Bedürfnis, ja,
die lebhafte Verpflichtung, sich freundschaftlich mit dem Sohne zu
unterhalten, wenn er auch fand, daß Käte wieder entschieden des Guten
zuviel tat. So sich um den Jungen zu bemühen brauchte sie denn doch
nicht, unrecht getan hat er auf alle Fälle, die Sache mit Braumüller war
nicht zu vergessen, offen hatte er kommen müssen – aber freilich,
freilich, es war im Grunde nur eine Dummheit, eine Sache, wie sie unter
hundert Fällen neunzigmal vorkommen mochte!
Schlieben beschloß, vom nächsten Ersten ab das Monatsgeld des Sohnes um
hundert Mark zu erhöhen. Dann war es doch gewiß reichlich bemessen, ein
Nichtauskommen und Verheimlichen war dann ein für allemal
ausgeschlossen!
Es war schon weit nach Mitternacht, als Eltern und Sohn sich endlich
trennten. Mit einem lange nicht mehr gekannten Wohlgefühl streckte sich
Käte in ihrem Bett: heute würde sie bald einschlafen, heute würde sie
nicht mehr so lange liegen müssen und auf den Schlaf harren, heute war
sie so befriedigt, so beruhigt, so still in sich. Es war ja alles nun
auf besserem Wege, es würde am Ende doch noch alles gut werden! Und
leise flüsterte sie zu ihrem Mann hinüber: »Du – Paul!« Er hörte sie
nicht, er war schon im Einschlafen. Da raunte sie eindringlicher: »Du,
Paul!« Und als er sich regte, sagte sie weich: »Paul, bist du mir
böse?!«
»Böse? Aber warum denn?!«
»Ach, ich meinte nur!« Sie mochte es nicht erklären, es tat ja wohl auch
nicht not, hatte sie doch das Gefühl, als empfände auch er’s, daß nun
auch zwischen ihnen beiden alles wieder besser, schöner, inniger und
einiger sich gestalten würde. Ach ja, wenn sie sich mit ihm – mit dem
Sohn – besser fanden, dann fanden auch sie beide sich wieder!
Eine heiße Sehnsucht nach den Tagen der Liebe überkam die alternde Frau.
Sie schämte sich vor sich selber, aber sie konnte es nicht lassen, sie
langte nach dem Nebenbett: »Gib mir deine Hand, Paul!«
Und als sie im Dunklen tastete und suchte, begegnete sie seiner auch
suchenden Hand. Ihre Hände legten sich ineinander.
»Gute Nacht, lieber Mann!«
»Gute Nacht, liebe Frau!«
So schliefen sie ein. – – –
Wolfgang stand am Fenster seiner Stube, sah hinaus ins Dunkel, das alle
Sterne verhüllte, und hörte das Brausen eines fernen Windes. War die
Nacht so beklommen, oder war nur ihm so unerträglich schwül? Ein
Gewitter schien aufzuziehen. Oder war es nur eine innere Unruhe, die ihn
so belästigte? Was war es denn, das ihn quälte?!
Er glaubte sich kaum je in einer unangenehmeren Stimmung befunden zu
haben. Er ärgerte sich über den Vater, ärgerte sich über die Mutter –
wenn sie nicht wären, wie sie eben waren, wenn nicht alles so wäre, wie
es eben war, dann hätte er nicht zu lügen brauchen, nicht zu heucheln!
Er ärgerte sich über sich selber. Ach, dann wäre ihm jetzt wohl
leichter, viel freier! Im Unwillen zog er die Stirn zusammen; eine jähe
Sehnsucht nach etwas, das er nicht zu benennen wußte, machte ihn
erbeben. Was wollte er denn, nach was verlangte er denn? Ja, wenn er das
selber wüßte!
Er seufzte laut auf und streckte die Arme mit den kräftigen Fäusten
hinaus in die Nacht. So eng, so eng! Wenn er doch noch der Junge wäre,
der hier einmal aus dem Fenster, ja, aus diesem Fenster – er beugte
sich hinaus und maß die Höhe –, hinausgeklettert war, fortgerannt war,
heidi, ohne Fragen wohin, immer zugerannt war, einfach ins Blaue, ins
Weite hinein. Das war prachtvoll gewesen, ein seliges Laufen!
Und immer weiter beugte er sich hinaus; der Nachtwind raunte, das war
wie eine lockende Melodie. Er zitterte vor Begier. Er konnte sich nicht
losreißen, er mußte am Fenster stehen bleiben und lauschen. Das säuselte
in der Nacht, das rauschte in den Bäumen, das schwoll und schwoll, wuchs
und wuchs. Das Säuseln wurde zum Sausen.
Er vergaß, daß hier eine Stube war und hier ein Haus und hier Eltern,
die gern schlafen wollten, er stieß einen Ton aus, einen lauten Ruf,
halb ein Juchschrei: da draußen war’s gut, ha!
Sturm. Der plötzlich aufschnaubende Gewitterwind pustete ihm ins Haar
und sträubte es ihm um die Schläfen. Ha, wie köstlich das kühlte! Es war
drinnen nicht auszuhalten, da war eine Dumpfheit, eine Enge. Ihm wurde
so ängstlich bang. Wie sein Herz hämmerte! Und die Unlust war groß: wie
war das heute abend wieder unangenehm gewesen! Der Vater sagte, er hätte
es ihm eingestehen müssen – natürlich, richtiger wäre es gewesen –,
aber wenn der jetzt schon, nachdem die Sache doch eigentlich erledigt
war, so drohte, was hätte er dann erst vorher gesagt?! Nicht zum
Aushalten war’s, dies ewige Gegängeltwerden! War man etwa noch ein Kind?
War man ein erwachsener Mensch, oder war man’s nicht? War man der Sohn
aus reichem Hause oder war man’s nicht? – Nein, nicht! Man war’s eben
nicht!
Fern im Dunklen grollte der Donner. Es zuckte plötzlich ein blendender
Strahl – er war’s eben nicht, nicht der Sohn, nicht der Sohn hier vom
Haus! Sonst wäre alles anders! =Wie=, wußte er nicht – aber anders, o,
ganz anders!
Lange hatte Wolfgang nicht nachgedacht – die Tage waren zu reich an
Zerstreuung –, aber nun, in dieser dunklen, gewitterigen Nacht, in der
er doch nicht schlafen konnte, mußte er denken. Was er immer von sich
geschoben hatte, weil’s ihm nicht angenehm war, was er ganz vergessen zu
haben glaubte – vielleicht, weil er’s gern vergessen wollte – das
mußte er jetzt bedenken. Das, was so lange zurückgedrängt gewesen war,
das brach jetzt durch, mit Macht, wie der Sturmwind, der plötzlich
daherfuhr und die Wipfel der Kiefern beugte, daß sie niederduckten vor
Angst. In das Brausen des Sturmes hinein hätte Wolfgang seine Stimme
ertönen lassen mögen, viel lauter als der.
Er war wütend, ganz unvernünftig wütend, ganz ohne Überlegung wütend.
Hei, wie das blitzte, krachte, grollte, brauste und schnob! Das war ein
Kampf – aber das war doch schön! Er hob sich auf den Zehen und gab die
hämmernde Brust dem starken Wehen preis. Gleiche Lust hatte er kaum je
empfunden, wie jetzt bei diesen Windstößen, die seine Brust wie mit
Fauststößen trafen. Er warf sich ihnen entgegen, er fing sie förmlich
auf mit seiner breiten Brust.
Und doch war bei der Lust eine Qual. Gegenüber diesem großen Gewitter,
das ihm wurde wie ein Ereignis, dünkte ihn alles andere erbärmlich
klein, und er selber mit. Da stand er nun, in Rock und Beinkleidern, die
Hände in den Hosentaschen, klimperte mit dem losen Gelde, ärgerte sich
darüber, daß er sich hatte abkanzeln lassen, und hatte doch nicht den
Mut, alles von sich zu werfen, ganz zu tun, wie ihm beliebte.
Mit glühenden Augen folgte der junge Mensch dem gelben und blauen Zucken
der Blitze, die den dunklen Wetterhimmel spalteten in schneidendem
Zickzack und die Welt übergossen mit blendendem Zauberlicht. Wer doch
hinfahren könnte wie dort der Blitz! Der fuhr aus den Wolken hinab zur
Erde, riß ihr den Schoß auf und wühlte sich hinein!
Das junge Blut, dem die ungenützte Kraft in den Fäusten zuckte, die
Kraft, die von keiner Arbeit verbraucht ward, ächzte laut auf. Wolfgang
verwünschte auf einmal sein Leben. Ah, ganz wo anders müßte er sein,
ganz wo anders leben, ganz wo anders! Und wenn er’s da auch nicht so
bequem hätte, nur fort von hier, fort! Das langweilte ihn hier ja so
unsäglich. Das ekelte ihn an. Er atmete tief auf: ha, hätte man doch
eine Arbeit, die man gerne tun möchte! Die einen so müde machte, daß man
keinen andern Wunsch mehr hätte, als essen und dann schlafen. Lieber
Taglöhner als so einer, der auf dem Kontorstuhl hockt, Zahlen sieht,
immer lauter Zahlen, und Konten und Hauptbücher und Kassabücher – nur
nicht Kaufmann, nein, das war doch noch das allergräßlichste!
Wolfgang hatte bis dahin noch nie mit Bewußtsein empfunden, daß er nicht
zum Kaufmann taugte; jetzt wußte er’s. Nein, er mochte das nicht, er
konnte das nicht bleiben! Jeder muß doch das werden, wozu er geboren
ist!
Morgen schon wollte er es sagen – nein, er machte nicht mehr mit, er
tat’s nicht länger! Frei wollte er sein! Er bog sich wieder weit zum
Fenster hinaus und witterte mit geblähten Nüstern wie ein dürstender
Hirsch gierig-lechzend nach dem feuchten Wohlgeruch, der der getränkten
Erde entstieg.
Nach Donner und Blitz war der Regen gekommen und tränkte den
verlangenden Boden und drang in ihn ein, ihm alle Poren mit
Fruchtbarkeit füllend. Es rauschte und rauschte ohne Unterlaß, ging
nieder in Strömen, als nähme des Flutens kein Ende.
In Wolfgangs Seele löste sich etwas; sie wurde weich.
»Mutter,« flüsterte er verträumt und streckte die heißen Hände aus, daß
der kühle Regen sie badete. Streckte auch den Kopf ganz weit hinaus, hob
das Gesicht mit den geschlossenen Augen aufwärts, daß fallende Tropfen
die brennenden Lider kühlten, und die durstigen Lippen, weit geöffnet,
die Tränen des Himmels einsogen wie köstlichen Wein.
* * * * *
Aber am Morgen, als der Sand des Grunewalds all den Regen in sich
geschluckt hatte, und vom befreienden Gewitter der Nacht nichts übrig
war als ein etwas frischeres Grün des Rasens, ein stärkeres Duften der
Kiefern, viel abgeschlagene Eicheln und Kastanien am Promenadenweg,
dachte Wolfgang doch wieder anders. Der Tag war schön; er konnte
schwimmen, reiten, ein bißchen ins Kontor gehen, essen, trinken, Tennis
spielen, sich zum Abend irgendwohin verabreden – es gab ja so viele
Orte, an denen man sich amüsieren konnte –, warum sollte er sich und am
Ende dem Vater auch den schönen Tag verderben? Er schob jeden ernsteren
Gedanken als lästig weit von sich. Aber in seiner Seele war doch eine
Unruhe. Er suchte sich zu betäuben.
Heute abend schlief Käte nicht so rasch und sanft ein wie am gestrigen
Abend; wenn sie sich’s auch selber geschworen hatte, nicht mehr
aufzusitzen und auf ihn zu warten, schlafen konnte sie doch nicht, wenn
er nicht zu Hause war. Wie damals hörte sie die Uhren gehen, schreckhaft
laut; durch die Stille des Hauses drang jedes noch so leise Geräusch
verstärkt an ihr lauschendes Ohr. Sie würde ihn hören, sie mußte ihn ja
hören, sowie er nur den Schlüssel unten in die Haustür steckte!
Aber sie hörte nichts, solange sie auch wach lag und horchte. Die
Stunden schlichen, der Tag graute, durch einen Spalt der geschlossenen
Läden hindurch stahl sich ein daumbreiter falber Schein; sie sah ihn an
der Wand, ihrem Bett gegenüber. Der Schein wurde tiefer nach und nach,
bestimmter in der Farbe, bekam ein warm-leuchtendes, sonniges Rotgold.
Es kündete kein Haushahn mit triumphierendem Schrei den neuen Tag, es
lag das Haus so still, so stumm der Garten, aber jener Schein dort, der
verriet den Morgen. – – –
Sie mußte doch geschlafen haben, ohne daß sie es wußte: wie, schon der
Morgen da?! Nun war sie auch sicher, daß er längst zu Hause war, sie
hatte sein Kommen eben überhört. Das beruhigte sie. Aber sie zog sich
doch eilig an, flüchtiger als sonst, und sie konnte es doch nicht
lassen, ehe sie zum Frühstück hinunterging, an seiner Türe stillzustehen
und zu lauschen. Er war noch nicht auf – natürlich noch nicht, er war
ja so spät nach Hause gekommen – noch schlief er! Sie konnte einmal
heimlich nach ihm sehen. Sie trat ein, aber er schlief nicht.
Mit ganz wirren Augen blickte die Frau aufs Bett – da stand es,
aufgeschlagen, einladend weiß und behaglich, aber er lag nicht darin.
Das Bett war gar nicht berührt! Leer das Zimmer!
Da erstarrte ihr das Herz in eisigem Schreck: sie hatte doch nicht
geschlafen, sie hatte sein Kommen doch nicht überhört! Dazumal war er
gekommen – betrunken freilich, aber er war doch noch nach Hause
gekommen –, dieses Mal nicht mehr!
3
»Wolfgang wieder nicht da?« sagte Schlieben, als er zu seiner Frau ins
Zimmer trat. »Ins Geschäft kommt er auch so wenig; sie behaupten zwar
immer, gerade wäre er dagewesen – warum hält er aber nicht dieselbe
Geschäftszeit ein wie ich?! Wo ist er denn?!« Er sah seine Frau fragend
und ungeduldig an.
Sie zuckte die Achseln, und das Abendrot, das im Scheiden noch einen
letzten Schimmer durch das hohe Fenster warf, gab ihrer Wange ein
überhuschendes Rot. »Ich weiß es nicht,« sagte sie leise. Und dann sah
sie so verloren hinaus in den Herbstabend, daß der Mann fühlte, sie war
mit ihren Gedanken ganz abwesend, die irrten draußen suchend umher.
»Käte,« sagte er ein wenig empfindlich, und der Ärger, den er über des
Sohnes Abwesenheit empfand, mischte dem Ton noch eine besondere Schärfe
bei, »ich bin eben aus der Stadt nach Hause gekommen – müde, hungrig,
es ist ja schon acht Uhr – wir wollen essen. Und nicht mal ein
freundliches Gesicht?!«
Sie stand rasch auf, um nach dem Abendbrot zu klingeln, und versuchte zu
lächeln. Aber es wurde kein rechtes Lächeln.
Er sah’s, und das verstimmte ihn noch mehr. »Laß nur, laß! Tu dir keinen
Zwang an!« Müde setzte er sich zu Tisch. Aber sein Hunger schien doch
nicht so rege zu sein, denn als die Speisen aufgetragen waren und vor
ihm dampften, langte er nur lässig zu und aß lässig, ohne zu wissen,
was.
Das Eßzimmer war viel zu groß für die zwei einsamen Menschen;
ungemütlich leer erschien heute an dem kühlen Herbstabend der schöne
Raum. Fröstelnd schauerte die Frau zusammen.
»Wir müssen die Heizung in Gang bringen lassen,« sagte der Mann.
Das war das einzige, was während des Essens gesprochen wurde. Nachher
stand Schlieben auf, um in sein Arbeitszimmer hinüberzugehen. Dort
wollte er rauchen, dort war’s kleiner, gemütlicher; er bemerkte es
nicht, daß seine Frau ihn förmlich mit den Blicken verfolgte.
Wenn Paul ihr doch nur sagen möchte, was er von Wolfgangs Ausbleiben
dachte! Wo Wolfgang nur wieder sein mochte?! Sie vertiefte sich ganz in
ihre suchenden, irrenden Gedanken und merkte es kaum, daß sie allein
blieb in dem kalten, leeren Zimmer.