und die sie dennoch traf, gänzlich vernichtend. Sie hatte keine Abwehr.
Was sollte sie antworten? Sollte sie sagen: er ist krank?! Dann ging der
Vater hinauf und sah nach ihm. Sollte sie sagen: er ist betrunken und
schläft?! O Gott, nein, es war nicht zu verheimlichen! Sie wurde blaß
und rot, ihre Lippen zuckten und sagten nichts.
»Aha!« Schlieben lachte plötzlich auf – ein wenig gutmütig, ein wenig
spöttisch – und dann streckte er ihr die Hand über den Tisch hin und
sah sie ruhig an: »Du mußt dich nicht so aufregen, Käte, wenn der Junge
mal einen kleinen Kater hat. So was kommt vor, das macht jede Mutter
durch!«
»Aber nicht so schrecklich – nicht so schrecklich!« Sie schrie laut
heraus, von Schmerz und Zorn überwältigt. Und dann packte sie die Hand
ihres Mannes und klemmte sie zwischen ihre beiden feuchtkalten Hände und
raunte ihm zu, halb erstickt: »Er war betrunken – ganz betrunken –
sinnlos betrunken!«
»So –?!« Schlieben runzelte die Stirn, aber das Lächeln erstarb nicht
ganz auf seinen Lippen. »Nun, ich werde mal mit dem Jungen, wenn er
ausgeschlafen hat, ein Wörtchen reden. Sinnlos betrunken, sagst du?«
Sie nickte.
»Es wird wohl nur halb so schlimm gewesen sein! Aber überhaupt,
betrunken, das darf nicht vorkommen! Angeheitert, du lieber Gott!« Er
zuckte die Achseln, und wie eine sonnige Erinnerung glitt’s über sein
Gesicht. »Angeheitert – wer wäre jung gewesen und nicht einmal
angeheitert?! Ah, ich erinnere mich noch ganz deutlich an meinen ersten
Schwips, der Kater nachher war fürchterlich, aber der Schwips selber
schön, wunderbar schön! Ich möchte ihn nicht missen!«
»Du – du bist einmal angetrunken gewesen?!« Sie sah ihn starr an mit
weiten Augen.
»Angetrunken – das nennt man doch nicht gleich angetrunken!
Angeheitert,« verbesserte er. »Du mußt nicht so übertreiben, Käte!« Und
dann aß er weiter, als wäre nichts geschehen, als hätte ihm diese
Unterhaltung gar nicht den Appetit rauben können.
Sie fieberte: wann würde Wolfgang erwachen, und was würde dann sein?!
Gegen Abend hörte sie oben seinen Tritt, hörte ihn sein Fenster
schließen und wieder öffnen und sein leises Pfeifen wie Vogelgezwitscher.
Paul ging, seine Zigarre rauchend, im Garten auf und ab. Sie saß zum
ersten Mal in diesem Frühjahr auf der Veranda und sah zu ihrem Mann
hinunter in den Garten. Es war lind und warm. Jetzt fühlte sie, daß
Wolfgang nahte; sie wollte den Kopf nicht wenden, so schämte sie sich,
aber sie wendete ihn doch.
Da stand er in der Tür, die vom Eßzimmer hinaus in die Veranda führte;
hinter ihm war das Dämmerlicht des Parterreraumes, vor ihm die flutende
Helle der Abendsonne. Er blinzelte und kniff die Augen zusammen, rot war
sein Gesicht bestrahlt – oder schämte er sich so? Was würde er nun
sagen, wie beginnen? Ihr Herz klopfte; sie hätte kein Wort sprechen
können, ihre Kehle war wie zugeschnürt.
»’n Abend,« sagte er laut und vergnügt. Und dann räusperte er sich, wie
eine leichte Verlegenheit herunterschluckend, und sagte leise, der
Mutter einen Schritt näher tretend: »Pardon, Mama, ich habe verschlafen,
ich hatte keine Ahnung, wie spät es war – ich war todmüde!«
Sie sagte noch immer nichts.
Er wußte nicht, wie er mit ihr daran war. Sie war so still, das beirrte
ihn ein wenig. »Ich bin gestern abend nämlich sehr spät nach Hause
gekommen!«
»So – bist du?« Sie wendete den Kopf von ihm weg und sah wieder
angelegentlich hinaus in den Garten, wo Paul jetzt gerade mit Friedrich
sprach und mit dem Finger zu einem schon blühenden Zierkirschenbaum
hinaufwies.
»Ich glaube wenigstens,« sagte er. Was sollte er sagen? War sie böse?!
In der Tat, er mußte wohl sehr spät nach Hause gekommen sein, um wieviel
Uhr konnte er sich nicht erinnern, er konnte sich überhaupt an nichts
klar erinnern, es war ihm alles etwas dunkel. Er hatte auch einen bösen
Traum gehabt, sich scheußlich gefühlt, aber jetzt war ihm wohl, so wohl!
Nun, wenn sie was gegen ihn hatte, konnte er ihr auch nicht helfen!
Die Lippen wieder zu einem leisen Pfeifen, wie Vogelzwitschern spitzend,
wollte er, die Hände in den Taschen seiner gutsitzenden modischen Hose,
von der Veranda herab in den Garten schreiten, als sie ihn zurückrief.
»Du wünschest, Mama?«
»Du warst betrunken,« sagte sie leise und heftig.
»Ich –?! Oh!« Eine plötzliche Verlegenheit überkam ihn: war er wirklich
betrunken gewesen? Er hatte keine Ahnung davon. Aber freilich, es konnte
am Ende sein, er hatte ja auch gar keine Ahnung, wie er nach Hause
gekommen war!
»Du hast wohl wieder aufgesessen und auf mich gewartet?!« Mißtrauisch
sah er sie von der Seite an, seine breite Stirn zog sich über der
Nasenwurzel in eine so tiefe Falte, daß die dunklen Brauen ganz
zusammenstießen. »Du mußt nicht immer auf mich warten,« sagte er dann
mit heimlicher Ungeduld, aber äußerlich im Ton der Besorgnis. »Das nimmt
mir ja jede Lust, etwas mitzumachen, wenn ich denke, du opferst deine
Nachtruhe. Bitte, Mama, tu das nicht mehr!«
»Ich werde es nicht mehr tun,« sagte sie und sah in ihren Schoß. Sie
hätte ihn nicht ansehen können, so verachtete sie ihn. Wie hatte er
dagestanden, so breit und groß und dreist und ganz vergnügt ›’n Abend‹
gesagt! Tat so, als ob er von nichts wüßte, nicht, daß er vor ein paar
Stunden noch hatte kriechen wollen auf allen Vieren, sich strecken auf
die Schwelle, als wäre da sein Bett oder er ein Hund! War so unbefangen,
als hätte er nicht heute mittag noch da oben in seinem Zimmer gelegen,
so – so – schmutzig! Als wenn sie ihn nicht gesehen hätte in seiner
tiefsten Erniedrigung. Nein, nie, nie mehr würde sie ihn küssen können,
ihn streicheln, die Arme um seinen Hals legen, wie sie’s dem Knaben so
gern getan hatte! Er war ihr auf einmal ein ganz fremder Mensch
geworden.
Sie sagte kein Wort mehr, machte ihm keinen Vorwurf. Teilnahmslos hörte
sie das, was jetzt ihr Mann unten im Garten zu ihm sprach.
So milde wie Schlieben diesen Mittag seiner Frau gegenüber geschienen
hatte, jetzt, dem Sohne gegenüber, war er es denn doch nicht. Ernsthaft
sagte er: »Ich höre, du bist angetrunken nach Hause gekommen – was soll
das heißen?! Schämst du dich nicht?«
»Wer hat das gesagt?«
»Das ist ja ganz gleichgültig, ich weiß es, und das genügt!«
»=Sie= natürlich,« sagte der Sohn bitter. »Mama übertreibt gleich alles
so. Betrunken bin ich sicher nicht gewesen, nur ein bißchen im Schwum –
das waren wir alle – Gott, Papa, man kann sich doch nicht ausschließen!
Was soll man denn auch sonst machen an so ’nem langen Abend?! Aber
schlimm war’s jedenfalls nicht. Ich bin ja jetzt so frisch!« Und er
packte den Zierkirschenbaum, unter dem sie gerade standen, mit beiden
Händen, als wolle er ihn ausreißen, und ein ganzer Schauer von weißen
Blüten ging nieder über ihn und den Weg.
»Laß meinen Baum nur stehen,« sprach der Vater lächelnd.
Käte sah: Paul konnte lachen?! Also so ernst war’s ihm doch nicht! Aber
sie erregte sich nicht mehr, wie sie sich wohl früher hierüber erregt
haben würde, es war ihr, als sei alles in ihr kalt und tot. Sie hörte
die beiden sprechen wie aus weiter, weiter Ferne, ganz schwach nur war
der Stimmen Klang, und doch sprachen sie beide laut und auch lebhaft.
Die Unterhaltung war nicht so ganz freundschaftlich; wenn Schlieben dem
Jungen auch nicht ernstlich zürnte, so hielt er es doch für Pflicht, ihm
Vorhaltungen zu machen. Er schloß: »Ekelhaft sind solche Saufereien!« Im
stillen dachte er freilich: ›so schlimm, wie Käte es macht, kann es
unmöglich gewesen sein, man müßte doch sonst dem Jungen etwas anmerken!‹
Seine bräunlichen Wangen waren glatt und fest, so blank, so frisch
gewaschen, seine nicht großen, aber durch ihre dunkle Tiefe auffallenden
Augen hatten heute sogar einen besonderen Glanz.
Schlieben legte dem Sohne die Hand auf die Schulter: »Also, wenn wir
gute Freunde bleiben sollen, nie mehr so etwas, Wolfgang!«
Sorglos zuckte dieser die Achseln: »Ich weiß wirklich nicht, Papa, was
ich verbrochen habe. Es ist mir alles etwas schleierhaft. Aber es soll
nicht mehr vorkommen, gewiß nicht!«
Und sie schüttelten sich die Hände.
Nun rührte sich doch etwas in Käte; sie hätte aufspringen mögen,
schreien: ›Glaub ihm nicht, Paul, glaub ihm nicht! Er wird sich doch
wieder betrinken, ich traue ihm nicht! Ich kann ihm ja nicht trauen!
Hättest du ihn gesehen, wie ich ihn gesehen habe – o, er war ja so
gemein!‹ Und wie eine Vision tauchte plötzlich eine Bauernschenke vor
ihr auf, eine Schenke, die sie nicht gesehen hatte – rohe Kerle saßen
um den Holztisch, die Ellbogen aufgestemmt, pafften stinkenden Tabak von
sich, tranken wüst, gröhlten wüst – – ah, saßen da nicht sein Vater,
sein Großvater auch darunter, alle die, von denen er abstammte?! Eine
furchtbare Angst fiel über sie her: das konnte ja nie, nie gut enden!
»Du bist so bleich, Käte,« sagte Schlieben beim Abendbrot. »Du hast zu
lange stillgesessen; es ist doch noch zu kalt draußen!«
»Ist dir nicht wohl, Mama?« fragte Wolfgang höflich-besorgt.
Käte antwortete dem Sohn nicht, sie sah nur zu ihrem Manne hin und
schüttelte verneinend-abwehrend den Kopf: »Mir ist ganz wohl!«
Da gaben sie sich zufrieden.
Wolfgang aß mit gutem Appetit, mit besonders großem sogar; er war völlig
ausgehungert. Es gab auch lauter gute Sachen, die er gern aß: warmes
Hühnerfrikassee mit Kalbsmilch, Klößchen und Krebsschwänzen, und dann
noch feinen Aufschnitt, Butter und Käse und junge Radieschen.
»Junge, trink nicht so viel,« sagte Schlieben, als Wolfgang schon wieder
nach der Weinflasche griff.
»Ich habe Durst,« sagte der Sohn mit einem gewissen Trotz, schenkte sein
Glas aufs neue voll bis an den Rand und goß es hinunter auf einen
Zug.
»Das kommt vom Schwärmen!« Der Vater hob leicht drohend den Finger,
lächelte aber dabei.
›Vom Saufen kommt’s‹ dachte Käte, und der Ekel schüttelte sie wieder;
sie hatte sonst, selbst in Gedanken, nie einen solchen Ausdruck
gebraucht, nun dünkte ihr keiner stark, schroff, verächtlich genug.
Es kam keine gemütliche Unterhaltung zustande, trotzdem das Zimmer so
wohnlich war, der Tisch so reich besetzt, Blumen auf dem weißen Tuch,
zierlich eingesteckt in eine kristallene Schale, und über dem allen
mildes, gedämpftes Licht unter einem grünseidenen Schirm. Käte war so
einsilbig, daß Paul bald nach der Zeitung griff, der Sohn verstohlen
durch die Nase gähnte und endlich aufstand. Das war denn doch zu
gräßlich öde, hierzusitzen! Ob er noch einmal nach Berlin hineinfuhr
oder zu Bette ging?! Er wußte selbst nicht recht, was tun.
»Du gehst jetzt zu Bett?!« Es sollte wie eine Frage klingen, aber Käte
hörte selber, daß es nicht wie eine Frage klang.
»Natürlich geht er jetzt zu Bett,« sagte der Vater, einen Augenblick den
Kopf hinter seiner Zeitung hervorhebend. »Er ist müde. Gute Nacht, mein
Junge!«
»Ich bin nicht müde!« Wolfgang wurde rot und heiß: was fiel ihnen denn
ein, ihm einreden zu wollen, er sei müde?! Er war doch kein Kind mehr,
das man zu Bette schickt! Besonders der Mutter Ton reizte ihn – ›du
gehst jetzt zu Bett‹ – das war ja ein Befehl!
In seinen dunklen Augen wurde der Glanz zum Flackern; ein Zug von Trotz
und Widersetzlichkeit machte sein Gesicht nicht angenehm. Man hätte wohl
sehen können, wie es in ihm aufbrauste, aber der Vater sagte: »Gute
Nacht,« und hielt ihm, mit seiner Zeitung vorm Gesicht, ohne
aufzublicken, die Hand hin.
Die Mutter sagte auch: »Gute Nacht!«
Und der Sohn ergriff eine Hand nach der andern – auf der Mutter Hand
drückte er den gewohnten Kuß – und sagte: »Gute Nacht!«
2
Schlieben saß in seinem Privatkontor in dem roten Lederstuhl, den er
sich zur Bequemlichkeit hatte hier hineinstellen lassen, lehnte sich
aber nicht an, sondern saß ungemütlich, gerade aufgerichtet, und sah aus
wie einer, der eine unliebsame Entdeckung gemacht hat. Wie konnte das
zugehen, daß der Junge Schulden gemacht hatte?! Bei so reichlichem
Taschengeld?! Und dann, daß er nicht das Herz hatte, zu kommen und zu
sprechen: ›Du, Vater, ich habe zu viel ausgegeben, hilf mir heraus –,‹
das war einfach unfaßlich! War er denn ein so strenger Vater, daß der
Sohn sich vor ihm fürchten mußte? Trieb die Furcht die Liebe aus?! Er
ging sein eigenes Verhalten durch; er konnte sich wirklich nicht den
Vorwurf machen, zu streng gewesen zu sein. Wenn er auch nicht alle Zeit
so nachgiebig gewesen war – zu nachgiebig – wie Käte, so hatte doch
auch er dem Jungen immer und immer wieder zu zeigen geglaubt, daß er ihn
lieb hatte. Und hatte er denn nicht auch – gerade in letzter Zeit –
geglaubt, der Junge hätte auch ihn lieb? Lieber als früher?! Wolfgang
war eben zu Verstand gekommen, hatte eingesehen, wie gut man’s mit ihm
meinte, daß er seiner Eltern lieber Sohn war, ihre wachsende Freude,
ihre Hoffnung – ja, nun, da man alt geworden war, die ganze Zukunft!
Wie kam’s, daß er lieber zu andern ging, zu Leuten, die ihn gar nichts
angingen, und sich von denen borgte, anstatt den Vater zu bitten?!
Mit Betrübnis nahm Schlieben einen Brief von seinem Schreibtisch, las
ihn, den er doch schon drei-, viermal gelesen hatte, noch einmal durch
und legte ihn dann mit einer ärgerlichen Gebärde wieder zurück. Da
schrieb ihm Braumüller, der kürzlich aus der Firma ausgetreten war und
sich zur Erholung und zum Vergnügen in der Schweiz befand, der Junge
hätte ihn schon wieder mal angepumpt. Nicht, daß er’s ihm nicht gerne
geben würde, es käme ihm ja gar nicht darauf an, aber er hielte es doch
für seine Pflicht – und so weiter, und so weiter.
›Es kann nicht anders sein, lieber Schlieben, der Junge lumpt. Es ist
mir höchst fatal, ihn zu verpetzen, aber ich kann doch nicht länger
warten, denn so gut wie er zu mir kommt, geht er auch zu andern. Und es
wäre doch höchst peinlich, wenn der Sohn der Firma Schlieben & Co., zu
der ich mich immer noch in alter Anhänglichkeit rechne, etwa gar in der
Leute Mäuler käme. Nimm’s nicht übel, alter Freund! Was der Junge mir
schuldet, schenke ich ihm; ich mag ihn gern und bin auch mal jung
gewesen. Im übrigen bin ich ganz froh, daß ich keine Kinder habe, es ist
doch ein verdammt schweres Stück, eins zu erziehen. Leb wohl, grüße
Deine Frau vielmals, es ist herrlich hier – – –‹
Mit gerunzelter Stirn starrte Schlieben über das Papier hinweg; dieser
Brief, der so gut gemeint, so herzlich geschrieben war, tat ihm weh. Daß
Wolfgang hierin so wenig Vertrauen zu ihm hatte! War er überhaupt nicht
offen?! Schlieben erinnerte sich genau, daß Wolfgang als Kind immer wahr
gewesen war, gerade heraus bis zur verletzenden Offenheit – ungezogen
war er gewesen, aber nicht verlogen –, sollte er sich jetzt so
verändert haben? Wie kam das, und woher?!
Der Vater beschloß, nichts von dem Brief zu erwähnen, wohl aber Wolfgang
scheinbar gelegentlich – aber sobald als möglich – zu fragen, wie es
denn eigentlich mit seinen Finanzen stünde? Da würde er ja hören!
Es drängte ihn förmlich zu dieser Frage, und doch brachte er sie nicht
über die Lippen, als bald darauf Wolfgang ins Privatkontor trat, ohne
vorher anzuklopfen, wie sie’s doch alle taten, mit der ganzen
unbekümmerten Sicherheit des Sohnes. Er setzte sich rittlings auf das
Schreibpult des Vaters, ganz achtlos, daß sein helles Beinkleid mit dem
Tintenfaß in unliebsame Berührung kam. Draußen war helle Luft und eine
höchst sommerliche Sonne; er brachte eine ganze Menge davon mit herein
in den dunkel gehaltenen, kühlen und abgeschlossenen Raum.
»Ärger gehabt, Papa?!« Was der alte Herr wohl wieder für Grillen hatte?
O, sicher nichts von Belang! Wie konnte man jetzt überhaupt Ärger haben
in dieser köstlichen, wohligen Sommerzeit?!
Wolfgang liebte die Sonne; wie er sie als Kind angestaunt hatte in ihrem
kleinen Abbild, der runden gelben Sonnenblume seines Gärtchens, so
freute er sich noch jetzt an ihr. Perlte der Schweiß in Tropfen auf
seiner braunen Haut, dann schob er wohl den weißen Panamahut ein wenig
aus der Stirn zurück, aber nie ging sein Atem freier, leichter,
unbeklemmter.
»Es war herrlich, Papa,« sagte er, und seine Augen leuchteten. »Erst
geschwommen – was sagst du dazu, dreimal hintereinander die ganze
Breite des Sees, ohne Pause hin und her, und wieder hin und her und
wieder hin und her?!«
»Viel zu anstrengend, ganz unvernünftig!« Schlieben sagte es nicht ohne
Besorgnis: Hofmann war eigentlich gar nicht sehr dafür, daß der Junge
schwamm!
»Unvernünftig, anstrengend?! Haha!« Wolfgang amüsierte sich. »Das ist
mir doch ’ne Kleinigkeit! Weißt du, eigentlich habe ich meinen Beruf
verfehlt, du hättest mich nicht ins Kontor stecken sollen. Schwimmer,
Reiter hätte ich werden sollen oder – na, so ’n Cowboy im wilden
West!«
Er hatte es scherzend gesagt, ohne jede Absichtlichkeit, aber es wollte
den Mann, der ihn mit plötzlich mißtrauisch gewordenen Augen ansah,
bedünken, als berge sich hinter dem Scherz ein Ernst, eine Anklage. Was
wollte er denn, wollte er wie ein zügelloser Knabe ins Leben
hineingaloppieren?!
»Nun, deine sportlichen Fähigkeiten werden dir ja schon zustatten
kommen, wenn du deine Militärzeit abmachst,« sagte er kühl.
»Vorderhand ist das wichtiger, was du hier zu tun hast. Hast du
den Lieferungsvertrag für Weiß Gebrüder entworfen? Zeig mal her!«
»Sofort!«
Wolfgang verschwand; aber es dauerte eine ganze Weile, bis er wiederkam.
Hatte er jetzt erst rasch die ihm als dringend überwiesene und
sorgfältig auszuführende Arbeit erledigt?! Die Tinte war noch ganz
frisch, die Schrift, wenn auch leserlich, so doch sehr flüchtig; keine
Kaufmannsschrift! Schlieben runzelte die Stirn, er war heute merkwürdig
gereizt. Zu andrer Zeit hätte ihm die Geschwindigkeit, mit der der Junge
die verabsäumte Arbeit nachgeholt hatte, gewissermaßen imponiert; aber
heute ärgerte ihn die Flüchtigkeit der Schrift, die Tintenspritzer am
Rand, die ganze Nachlässigkeit, die ihm gleichbedeutend schien mit
Interesselosigkeit.
»So, hm« – er prüfte noch einmal kritisch –, »wann hast du denn das
gemacht?«
»Als du mir’s auftrugst!« Wolfgang sagte das so unverfroren, daß man
unmöglich daran zweifeln konnte.
Schlieben schämte sich ordentlich: wie doch so ein Körnchen Mißtrauen
gleich aufgeht! Da hatte er dem Sohn wirklich unrecht getan! Aber das
mit dem Gelde, das blieb doch nun einmal bestehen, darin war der Junge
doch nicht offen und ehrlich gewesen! Es war dem Vater, als könne er dem
Sohne von jetzt ab doch nicht mehr ganz trauen. –
Es war kaum Mittag, als Wolfgang schon wieder das Kontor verließ. Er
hatte sich mit ein paar Bekannten verabredet, im Kaiserkeller unweit der
Linden; ob er nun da frühstückte oder da, frühstücken mußte er doch; nur
ein belegtes Brötchen, wie der Vater sich eins mitnahm, konnte ihm nach
Schwimmen und Reiten nicht genügen.
Am Nachmittag zeigte er sich dann wieder eine Stunde im Bureau, aber
schon im Tennisanzug, in den weißen Schuhen, den Schläger in der
Hand.
Als Wolfgang heute den Sportplatz des Westens verließ, erhitzt und rot
– sie hatten lange und hartnäckig gespielt –, um herüber nach dem
Bahnhof ›Zoologischer Garten‹ zu gehen, stand er, schon im Eingang,
zögernd. Es trieb ihn so gar nicht nach Hause. Sollte er nicht lieber
noch einmal hinein in die Stadt fahren? Eigentlich lockte es ihn jetzt
nicht in die Straßen, die die treibende Menge mit noch größerer
Stickigkeit erfüllte, draußen war’s besser, da strich über die Villa
wenigstens ein Hauch von Freiheit, aber er mußte dann mit den Eltern
zusammensitzen! Na, wenn der Vater heute abend wieder so schlechter
Laune war, wie heute morgen im Kontor, dann war’s gräßlich! Dann war es
doch besser, sich in Berlin irgendwo Gesellschaft zu suchen. Wenn nur
der Tennisanzug nicht wäre! Der hinderte. Unschlüssig stand er noch, da
sah er im Gewühl der Menge, die jetzt nach Geschäftsschluß und
Feierabend wie ein langer eilender Wurm sich durch den Bahnhofseingang
schlängelte, und sich rechts und links die Treppen hinan spaltete, unter
einem in die Stirn gerückten weißen Matrosenhütchen mit blauem Samtband
ein blondes Haar aufleuchten, das ihm bekannt vorkam. Es war ein
schönes, helles, seidiges Haar, glatt und glänzend; anscheinend lässig,
aber doch mit vieler Sorgfalt in einen mächtigen Knoten gedreht. Und nun
erkannte er unterm Strohhütchen die blauen Augen und das kecke Näschen.
Frida Lämke! Ah, wie lange hatte er die nicht gesehen! Hundert
Versäumnisse fielen ihm ein. Wie wenig mehr hatte er sich um die guten
Leute gekümmert! Das war recht schlecht! Und auf einmal war ihm, als
hätte er sie immer, alle die Zeit her vermißt. Mit einem Satz, wie ein
ungestümer Junge, nicht achtend, daß er hier auf ein Kleid trat und da
einen in die Seite rempelte, war er neben ihr.
»Frida!«
Sie fuhr ein wenig zusammen: wer redete sie denn so dreist an?!
»Tag, Frida! Wie geht’s dir?!«
Sie erkannte ihn erst nicht, aber dann errötete sie und spitzte den
Mund. Was war der Wolfgang für ein Herr geworden! Und sie antwortete,
ein bißchen schnippisch, ein bißchen geziert: »Jut! Jeht’s Ihnen auch
jut?« lachte und warf den blonden Kopf in den Nacken.
Er wollte nichts davon hören, daß sie ›Sie‹ zu ihm sagte. »Unsinn,
Frida, was fällt dir ein?!« Und war so herzlich, so ganz wieder der
Wolfgang von früher, daß sie sich rasch in ihn hineinfand. Sie ließ ihre
Ziererei ganz fahren. Als wäre nicht fast ein Jahr vergangen, seit sie
zuletzt miteinander gesprochen hatten, so gingen sie vertraulich
nebeneinander her.
›Ein junges Liebespärchen,‹ dachte manch einer, der sie streifte, als
sie an den Büschen des Tiergartens entlang schlenderten. Sie hatten
ihren Zug fahren lassen, er hatte so wie so keine Eile nach Hause, und
so gingen sie immer tiefer hinein in das grüne, schon nächtliche Dunkel,
in dem selbst sein heller Tennisanzug und ihre helle Bluse unkenntlich
verschwammen. Die Nachtigallen waren längst verstummt; man hörte ab und
zu nur leises Mädchenauflachen wie ein Girren und gedämpftes Flüstern
von Pärchen, die man nicht sah. Auf den Bänken, die im Dunkel standen,
raunte es, es raschelten Sommerkleider, es leuchteten wie Glühwürmchen
brennende Zigarren auf, alle Sitze, auf die man zutappte, waren besetzt;
es war unendlich schwül im Park.
Wolfgang und Frida sprachen von Frau Lämke. »Sie ist immer krank, hat
schon so viel gedoktert,« sagte das Mädchen, und dabei bebte eine
aufrichtige Betrübnis in seinem Ton. Es tat Wolfgang sehr leid. –
Als Frida heute abend ganz außergewöhnlich spät heimkehrte – das Haus
war längst geschlossen, Frau Lämke hatte sich schon geängstigt und wußte
nicht, wie sie die Bratkartoffeln warm halten sollte – fiel sie der
Mutter um den Hals: »Mutter, Mutterken, zanke nicht!« Und dann sprudelte
sie heraus, daß sie dem Wolfgang begegnet wäre: »Wolfjang Schlieben, du
weißt doch! Der war so nett – nee, Mutter, du kannst dir jar nich
denken, wie nett er war! Nich ’n bißchen stolz! Und er fragte jleich
nach dir, und als ich ihm sagte, du hättest’s mit’n Magen und mit’n
Nerven, da tat ihm das so leid. Und er sagte: Mutter muß mal ’raus in
der schönen Sommerszeit, und jab mir den Schein, hier, siehste, ’nen
grünen Schein – ich wollt ihn durchaus nich nehmen, was soll’n denn
wohl die Leute von denken?! – aber er jing so mit Jewalt, er hatt’n mir
in die Hand jestopft, ich hätte schreien können, so hat er mir die
Finger auseinander jebogen – biste böse, Mutter, daß ich ihn jenommen
habe? Ich wollte nich, ich wollte wahrhaftig nich! Aber er sagte: ›Es
ist doch für deine Mutter!‹ Und, ›sei doch vernünftig, Frida!‹« Frida
weinte fast vor dankbarer Rührung.
Frau Lämke nahm’s ruhiger: »Nu wer ich vielleicht nach Eberswalde fahren
bei meinen Bruder oder an Ende bei meine Schwester ins Riesenjebirge! Un
ich jebe für’n paar Wochen de Reinemachstellen uf, det wird mir riesig
jut tun. Der jute Junge, das ’s scheen von ihn, daß er an seine alte
Freundin denkt – na, er kann’s ja ooch, was sind fufzig Mark für so
eenen?!« –