seine paar Stunden draußen. Der Vater hielt darauf, daß er nicht zu viel
im Kontor saß: was ihm zum kaufmännischen Beruf not tat, würde er schon
lernen, rechnen konnte er ja!
Die beiden Sozien, alte Junggesellen, waren entzückt von dem frischen
Jungen, der mit der Reitgerte ins Bureau kam und auf dem Kontorbock
hockte, als säße er auf einem Gaul.
Schlieben hörte keine Klagen über den Sohn; das ganze Personal, Leute,
die ihre zehn, zwanzig Jahre in der Firma waren, alle gut eingeölte,
tadellos funktionierende Maschinen, schnurrten um den jungen Menschen
herum: das war doch der künftige Chef! Es ging alles glatt.
Beide Eheleute bekamen Komplimente über den Sohn zu hören: ›Ein famoser
Mensch! Welche Frische!‹ »Er soll ja erst werden,« sagte Schlieben dann
wohl, aber man merkte ihm doch eine gewisse innere Befriedigung an. Er
hatte nicht diese peinliche Seelenunruhe wie seine Frau. Käte zog nur
die Augenbrauen ein wenig höher und lächelte ein leicht zustimmendes,
etwas wehmütiges Lächeln.
Sie konnte sich nicht mehr über den großen Menschen freuen, wie sie sich
einst über das kleine Jungchen auf ihrem Schoß gefreut hatte. Ihr war,
als sei ihr überhaupt die Fähigkeit zur Freude abhanden gekommen,
langsam zwar, ganz allmählich, aber doch stetig, bis der letzte Rest
dieser Fähigkeit auf einmal ausgerissen ward, mit der Wurzel, an =einem=
Tag, in =einer= Stunde, in jenem unglückseligen Augenblick – ›ich will
gehen, ich will an meine Mutter denken, wo ist sie?!‹ – seitdem! Sie
wünschte ihm noch alles Beste auf Erden, aber sie war gleichgültiger
geworden; müde. Er hatte sie zu schwer aufs Herz getreten, schwerer, als
einst seine kleinen urkräftigen Füße auf ihren Schoß gestampft hatten.
–
Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich die einsam Wartende weiter zum
Fenster hinaus. War das nicht unerhört, unverzeihlich von ihm, so spät
nach Hause zu kommen?! Wußte er denn nicht, daß sie auf ihn wartete?!
In der Anwandlung eines Zornes, der ihr sonst selten kam, ballte sich
ihre Hand, die sich auf den Fenstersims stützte, zur Faust. Sie war eine
Närrin, auf ihn zu warten! War er nicht alt genug – achtzehn Jahre –
brauchte er noch erwartet zu werden wie ein Knabe, der zum ersten Mal
allein von einer Kindergesellschaft heimkommt?! Er hatte sich mit andern
jungen Leuten in Berlin verabredet – weiß Gott, in welchem Nachtcafé
sie jetzt herumbummelten!
Sie stieß mit dem Fuß auf. Ihr heißer Atem stieg wie ein Rauch in die
kalte klare Frühlingsnacht, es fröstelte sie vor Überwachtheit und
Unbehagen. Und Stunden fielen ihr ein, alle Stunden, die sie schon um
ihn verwacht hatte, und eine große Bitterkeit quoll in ihr auf. Selbst
ihre Zunge kostete Bitternis – das war Galle. Nein, sie fühlte jetzt
nicht mehr die Liebe früherer Jahre! Damals, ja damals war – selbst
wenn sie um ihn litt – noch Wonne dabei gewesen; jetzt fühlte sie nur
dumpfen Groll. Warum hatte er sich in ihr Leben gedrängt?! O, wie war
das früher so glatt, so sorgenlos, so – ja, so viel glücklicher
gewesen?! Wie hatte er sie zerbrochen – würde sie sich je wieder
aufrichten können?!
Nein! Ein hartes kurzes Nein. Und dann dachte sie an ihren Mann. Auch
den hatte er ihr geraubt. Waren sie zwei nicht früher eins gewesen, ganz
eins? Nun hatte sich dieser dritte dazwischen gedrängt, sie beide immer
weiter und weiter voneinander geschoben – bis daß er hier ging, und sie
da!
Ein jäher Schmerz stieg in der Grübelnden auf, ein erbarmungsvolles
Mitleid mit sich selber trieb ihr die Tränen in die Augen; heiß tropften
sie nieder auf die Hände, die sich auf dem kalten Steinsims ballten.
Wenn er, wenn er doch nie in ihr Leben –
Da schreckte sie eine Hand, die ihre Schulter berührte, auf.
Blitzschnell wendete sie sich: »Bist du endlich da?!«
»Ich bin’s,« sagte Schlieben. Er war aufgewacht, hatte sie nicht neben
sich atmen hören und sich dann geärgert: wahrhaftig, da saß sie nun
wieder unten und wartete auf den Jungen! Solch ein Unverstand! Und als
er noch ein Weilchen gelegen und auf sie gewartet und sich geärgert
hatte, warf er notdürftige Kleidung über, schlüpfte in die Morgenschuhe
und tappte durchs nächtliche Haus. Ihn fröstelte, und er war schlechter
Laune. Nicht genug, daß er aus dem besten Schlaf gestört war und daß sie
morgen Migräne haben würde, nein, was noch schlimmer war, Wolfgang mußte
es ja geradezu unleidlich finden, so beobachtet zu werden!
Es war natürlich, daß er mit ihr schalt. »Was ist denn Schlimmes dabei,
wenn er einmal ein bißchen länger ausbleibt, ich bitte dich, Käte! Das
ist ja rein lächerlich von dir! Ein bißchen bummeln, das hab ich auch
als junger Mensch getan, und meine Mutter war, Gott sei’s gedankt,
verständig genug, sich nicht darum zu kümmern. Komm, Käte, komm jetzt zu
Bett!«
Sie wich zurück. »Ja – du!« sagte sie langsam, und er wußte nicht, wie
sie’s meinte. Sie drehte ihm den Rücken und lehnte sich wieder zum
Fenster hinaus.
Er stand noch einige wenige Augenblicke und wartete, aber als sie nicht
mitkam, sich nicht einmal umwandte nach ihm, schüttelte er den Kopf: man
mußte sie lassen, sie wurde eben geradezu wunderlich!
Schlaftrunken stieg er wieder allein die Treppe hinauf; er taumelte fast
vor Müdigkeit, und die Glieder waren ihm schwer, und trotzdem war sein
Denken klarer, unerbittlicher als am Tage, an dem so vieles rund umher
ablenkt und zerstreut. Eine Sehnsucht stieg in dieser Stunde in ihm auf
nach einer Frau, die seine alten Tage in sanftem Geleise ruhig und
freundlich führen würde, deren Lächeln nicht nur Schein war wie das
Lächeln auf Kätes Gesicht. Eine Frau, die mit dem Herzen lächelt, ach,
leider, so eine war seine Käte nicht!
Mit einem Seufzen der Enttäuschung legte sich Schlieben wieder nieder
und zog frierend die Decke hoch hinauf. Aber es dauerte lange, bis er
einschlafen konnte. Wenn der Junge doch nur endlich käme! Heute dauerte
es wirklich etwas lange! Solche Bummelei ging denn doch zu weit!
–
Der Morgen graute, als eine Droschke langsam die Straße herunter
zockelte. Vor der weißen Villa hielt sie an, und zwei Herren halfen
einem dritten heraus. Die beiden, die den dritten unter den Armen gefaßt
hielten, lachten, und der Kutscher auf dem Bock, der interessiert
herunterguckte, lachte auch verschmitzt: »Soll ick helfen, meine Herren?
Na, jeht’s?!«
Sie lehnten ihn gegen das Gitter, das den Vorgarten verschloß, tippten
auf die Klingel, sprangen dann eilig wieder in den Wagen und schlugen
den Schlag zu: »Los Kutscher, zurück!«
Die Klingel hatte nur einen leisen vibrierenden Ton von sich gegeben –
wie einen bangen Hauch – Käte hatte ihn gehört, obgleich sie im Sessel
eingeschlafen war; nicht fest, es war mehr ein hindämmerndes Versinken
gewesen. Nun sprang sie erschrocken auf, es gellte ihr in den Ohren.
Rasch ans Fenster! Draußen am Gitter lehnte jemand. Wolfgang –?! Ja,
ja, er war’s! Aber warum schloß er denn nicht auf und kam herein?!
Was war ihm denn passiert?! Es war ihr auf einmal, als müßte sie um
Hilfe rufen: Friedrich! Paul! Paul! Nach den Mädchen klingeln. Es war
ihm etwas geschehen, es mußte ihm etwas geschehen sein, – warum kam er
denn nicht herein?!
Er lehnte da so schwer gegen das Gitter. Ganz seltsam! Der Kopf hing ihm
auf der Brust, der Hut saß ihm im Nacken. War er krank?!
Oder hatten ihn Strolche angefallen?! Die abenteuerlichsten Ideen
schossen ihr plötzlich durch den Kopf. War er verletzt? Herrgott, was
war ihm denn widerfahren?!
Befürchtungen, über die sie sonst gelächelt haben würde, kamen ihr jetzt
zu dieser Stunde, in der es nicht Nacht mehr war, und doch auch noch
nicht Tag. Ihre Füße waren kalt und steif, wie erfroren, kaum kam sie
bis zur Haustür; den Schlüssel konnte sie erst nicht finden, und als
ihre zitternden Hände ihn ins Schloß stießen, brachten sie ihn nicht
herum. Sie war so ungeschickt in ihrer Hast, so sinnlos in ihrer Angst:
etwas Furchtbares mußte geschehen sein! Ein Unglück! Sie fühlte das.
Endlich, endlich! Der Schlüssel ließ sich endlich drehen. Und nun
stürzte sie durch den Vorgarten ans Gittertürchen; eine eisige
Morgenluft schlug ihr entgegen wie Winterhauch. Sie drückte das Gitter
auf: »Wolfgang!«
Er gab keine Antwort. Sein Gesicht konnte sie so nicht recht sehen; er
stand unbeweglich.
Sie faßte seine Hand: »Um Gottes willen, was ist dir denn?!«
Er rührte sich nicht.
»Wolfgang! Wolfgang!« Sie rüttelte ihn in höchster Angst; da fiel er so
schwer gegen sie, daß er sie beinahe umgestoßen hätte und stammelte,
lallte wie ein Blöder, dessen schwerer Zunge man etwas eingelernt hat:
»Par–don!«
Sie mußte ihn führen. Sein Atem, ganz voll Alkoholdunst wehte sie an.
Ein ungeheurer Ekel, schrecklicher noch als die Angst vorher, packte
sie. Das war das Furchtbare, das sie erwartet hatte –, nein, das war
noch furchtbarer, noch unerträglicher! Er war ja betrunken, betrunken!
So mußte ›betrunken‹ sein!
In ihre Nähe war noch nie ein Betrunkener gekommen; nun hatte sie einen
dicht bei sich. Ein Entsetzen schüttelte sie, daß ihr die Zähne
aufeinander schlugen. O pfui, pfui, wie ekelhaft, wie gemein! Wie
niedrig erschien er ihr, und sie selber wie miterniedrigt. Das war ihr
Wolfgang nicht mehr, ihr Kind, das sie an Sohnes Statt angenommen hatte!
Dies hier war ein ganz gewöhnlicher, ein ganz gemeiner Mensch von der
Straße, mit dem sie nichts, aber auch gar nichts mehr zu schaffen
hatte!
Hastig wollte sie ihn von sich schieben, ins Haus eilen, die Tür hinter
sich schließen – mochte er sehen, was er machte! Aber er hielt sie
fest. Seinen Arm hatte er schwer um ihren Nacken gelegt, er drückte sie
fast nieder; so zwang er sie, ihn zu führen.
Und widerwillig, mit innerem verzweifeltem Aufbäumen und doch bezwungen,
führte sie ihn. Sie konnte ihn doch nicht aufgeben, dem Gespött der
Dienstboten preisgeben, dem Gelächter der Straße! Wenn ihn jemand so
sähe?! Wie lange noch, und die ersten Menschen kamen vorüber, die
Milchjungen, die Bäckermädchen, die Straßenarbeiter und die frühen
Karlsbadtrinker. Um Gottes willen, wenn jemand eine Ahnung davon bekäme,
wie tief er gesunken war!
»Stütze dich, stütze dich fest,« sagte sie mit zitternder Stimme. »Nimm
dich zusammen – so!« Sie brach fast unter ihm zusammen, aber sie
erhielt ihn auf den Füßen. Er war so betrunken, er wußte nicht, was er
tat, er wollte sich durchaus vor der Schwelle niederlegen, platt auf die
Steinstufen. Aber sie riß ihn auf.
»Du mußt – du mußt,« sagte sie, und er folgte ihr wie ein Kind. ›Wie
ein Hund‹ dachte sie.
Nun hatte sie ihn in der Vorderhalle – die Haustür war wieder
verschlossen – aber nun kam die Angst vor der Dienerschaft. Noch war
diese nicht auf, aber nicht lange mehr, und Friedrich tappte auf
Lederpantoffeln von der Gärtnerwohnung herüber, und die Mädchen kamen
aus ihren Mansarden herunter, das Fegen und Aufräumen fing an, das
Öffnen der Fenster, das Hochziehen der Jalousieen, daß Helle – grausame
Helle – in jeden Winkel drang. Sie mußte ihn die Treppe hinauf
bekommen, in sein Zimmer, ohne daß jemand etwas ahnte, ohne daß sie
einen Menschen zu Hilfe rief!
Einen Augenblick hatte sie an ihren Mann gedacht –, aber nein, auch den
nicht, kein Mensch durfte ihn so sehen! Mit einer Kraft, die sie sich
selber nicht zugetraut hätte, half sie ihm hinauf; sie lud ihn sich
förmlich auf. Und sie flehte ihn an dabei, immer flüsternd, aber mit
hartnäckiger Eindringlichkeit: »Leise, leise!« Sie mußte ihm
schmeicheln, sonst ging er nicht weiter: »Leise, Wölfchen! Geh, geh,
Wölfchen – so ist’s schön, Wölfchen!«
Es war eine Höllenqual. Er stolperte und polterte; bei jedem Anstoßen
seines Fußes an die Treppenstufen, bei jedem Knarren des Geländers unter
seiner dagegensinkenden Hilflosigkeit, fuhr sie zusammen, und ein banger
Schreck lähmte sie fast. Wenn jemand das hörte, wenn jemand das hörte!
Aber weiter, voran!
»Leise, Wölfchen, ganz leise!« Es klang wie eine Bitte und war doch ein
Befehl. Wie er sie vordem bezwungen hatte, mit seinem schweren Arm, so
zwang sie ihn jetzt mit ihrem Willen.
Alle im Hause mußten taub sein, daß sie diesen Lärm nicht hörten! Der
Frau klang jeder Tritt wie ein Donnergepolter, das sich im weiten Raum
mit Rollen fortsetzt und bis in den fernsten Winkel hallt. Paul mußte
auch taub sein! Sie kamen an seiner Tür vorüber; gerade am Schlafzimmer
der Eltern blieb der Trunkene stehen, er wollte durchaus nicht weiter –
da hinein – nicht einen Schritt mehr weiter! Sie mußte ihn locken, wie
sie einst das Kindchen gelockt hatte, das süße Kindchen mit den blanken
Beerenaugen, das vom Stühlchen aus noch weiter bis zum nächsten Halt
laufen sollte. »Komm, Wölfchen, komm!« Und sie brachte ihn glücklich
vorüber.
Nun waren sie endlich in seinem Zimmer. »Gott sei Dank, Gott sei Dank,«
stammelte sie, als sie ihn auf dem Bett hatte. Sie war so blaß wie er,
dessen blödes Gesicht immer fahler und fahler wurde im sich hellenden
Morgengrau. Hier – hier – ach, das war derselbe Raum, in dem sie einst
vor vielen Jahren – unendlich lange war’s her! – um des Kindes teures,
geliebtes Leben mit Angst und Zittern gerungen hatte, vor der Allmacht
Gottes gekrochen war wie ein Wurm: nur leben, Gott, laß ihn nur leben!
Ach, wäre er damals lieber gestorben!
Wie ein Pfeil, aus allzu straffem Bogen geschnellt, blitzschnell
dahinschwirrt, so durchschwirrte das ihren Sinn. Der Gedanke war ihr
schrecklich, sie verzieh ihn sich nicht, aber sie konnte sich seiner
nicht erwehren. Mit bebenden Knieen stand sie, entsetzt ob der eignen
Herzlosigkeit, und dachte doch: wäre er damals lieber gestorben, besser
wär’s gewesen! Hier – hier, das war dasselbe Zimmer noch, in dem sie
dem Heranwachsenden die Einsegnungskleider anprobiert hatte! Nun zog sie
dem Erwachsenen die Kleider aus; zerrte ihm den Smoking ab, die
eleganten Beinkleider – so gut es eben ging bei seiner nun völligen
Bewußtlosigkeit – und schnürte ihm die Lackschuhe auf.
Wo war er gewesen?! Ein Geruch von Zigaretten und Parfüm und
Weinneigendunst strömte von ihm aus; es benahm ihr fast den Atem. Da
hing derselbe Spiegel noch, in dem sie neben ihrem hellen weichen
Frauengesicht das bräunliche Knabengesicht gesehen hatte, frisch und
rundwangig, ein wenig derb, ein wenig trotzig, aber doch so hübsch in
seiner Kernigkeit, so lieb in seiner Unschuld. Und jetzt –?!
Ihr Blick streifte das fahle Gesicht, aus dessem offenem Munde der
dunstige Atem mit Schnarchen und Röcheln ging, und sah dann im Spiegel
ihr eignes verängstetes, überwachtes Antlitz, in dem alle Weichheit sich
verschärft hatte zu harten, vergrämten Linien. Ein Schauer durchrieselte
sie; mit ihrer kalten Hand strich sie sich die grauen, verwirrten
Strähnen aus der Stirn, ihre Augen zwinkerten, als wollte sie weinen.
Aber sie zwang die Tränen nieder: nun durfte sie nicht mehr weinen,
=die= Zeit war vorbei!
Sie stand noch eine Weile mitten im Zimmer, regungslos mit angehaltenem
Atem, die überanstrengten Arme schlaff herunterhängen lassend; dann
schlich sie auf Zehen zur Tür. Er schlief ganz fest. Von außen verschloß
sie die Tür und steckte den Schlüssel in ihre Tasche – niemand durfte
hinein!
Sollte sie sich nun noch zu Bette legen? Schlafen konnte sie ja doch
nicht – o Gott, die innere Unrast war so groß, – aber sie mußte sich
niederlegen, ja, sie mußte das, was sollten sonst die Mädchen denken und
Paul?! Mußte dann aufstehen wie alle Tage, sich waschen, ankleiden, am
Frühstückstisch sitzen, essen, sprechen, lächeln, wie alle Tage, als sei
nichts, gar nichts geschehen. Und doch war ihr so viel geschehen!
Sie fühlte eine trostlose Vereinsamung, als sie neben ihrem Mann im
Bette lag. Da war ja niemand, dem sie klagen konnte. Hatte Paul sie
schon früher nicht verstanden, jetzt würde er sie erst recht nicht
verstehen; er war ja so ganz anders geworden mit der Zeit. Und war er
nicht jetzt noch dazu blind vernarrt in den Jungen? Merkwürdig, früher,
als sie den Knaben so geliebt hatte, war’s immer zu viel der Liebe
gewesen – wie oft hatte er ihr deswegen Vorwürfe gemacht – und jetzt,
jetzt – nein, sie verstanden sich eben nicht mehr! Sie mußte allein
durch, ganz allein!
Als Käte die ersten Geräusche im Hause hörte, wäre sie gerne
aufgestanden, aber sie zwang sich noch, liegen zu bleiben: es würde den
Leuten auffallen, sie so früh zu sehen. Aber eine furchtbare Angst
quälte sie: wenn der Mensch – jener – dort drüben in seinem Rausch nun
aufwachte, Lärm schlug, an die verschlossene Tür polterte?! Was sollte
sie dann sagen, um ihn zu entschuldigen, was machen?! Fiebernd vor
Unruhe lag sie im Bett. Endlich war es ihre gewohnte Aufstehenszeit.
»Der Junge ist wohl schrecklich spät nach Hause gekommen,« fragte Paul
beim Frühstück. »Wohl vielmehr früh? Was?«
»O nein! Gleich nachdem du heraufgegangen warst!«
»So? Ich habe aber noch eine ganze Weile wach gelegen!«
Er hatte es leichthin gesagt, ohne jeden Argwohn, aber sie bekam doch
einen Schrecken. »Wir – wir – er hat mir noch eine ganze Weile
erzählt,« brachte sie stockend heraus.
»Töricht,« sagte er, weiter nichts und schüttelte den Kopf.
O, es war doch schwer, zu lügen! In welche Lage brachte Wolfgang
sie!
Als Schlieben zur Stadt gefahren war, die Köchin unten im Souterrain
wirtschaftete und Friedrich im Garten, belauerte Käte das Hausmädchen:
wie lange brauchte das denn heute im Schlafzimmer? Scharf sagte sie:
»Sie müssen rascher hier oben aufräumen, Sie sind ja über die Maßen
langsam!«
Ganz verwundert über den ungewohnten Ton sah die Dienerin ihre Herrin an
und sagte nachher unten zur Köchin: »Hu, ist die Gnäd’ge heute
schlechter Laune, hat die mich gehetzt!«
Käte hatte dabei gestanden, bis das Aufräumen des Schlafzimmers beendet
war, sie hatte das Mädchen förmlich gejagt. Nun war sie allein, ganz
allein mit ihm hier oben, nun konnte sie sehen, was mit ihm war!
Würde er noch betrunken sein?! Als sie vor seiner Türe stand, hielt sie
den Atem an; das Ohr geneigt, lauschte sie. Drinnen war nichts zu hören,
nicht einmal ein Atemzug. Wie ein Dieb, sich scheu umblickend, schloß
sie auf und schlich hinein, hinter sich wieder zuschließend. Vorsichtig,
leise trat sie auf das Bett zu; doch so hastig fuhr sie zurück, daß der
hochlehnige Stuhl, an den sie stieß, mit Gepolter umstürzte. Was war das
– da – was?!
Ein ekler Dunst, der die geschlossene Stube erfüllte, reizte sie zur
Übelkeit; zum Fenster taumelnd, riß sie es auf, stieß den Laden zurück
– da sah sie. Da lag er wie ein Tier – er, der sorgsam Gewöhnte, er,
der als Kind seine kleinen Hände ausgestreckt hatte, klebte nur ein
Krümchen daran: ›Sauber putzen!‹ und geweint hatte dabei. Jetzt lag er
da, als merkte er nichts, als ginge ihn das um ihn her nichts an, als
ruhte er in lauter Reinheit; hielt die Augen, deren kohlschwarze Wimpern
wie Schatten auf die bleichen Wangen fielen, fest geschlossen und
schlief den Schlaf bleischwerer Müdigkeit.
Sie wußte nicht, was sie tat. Sie hob die Hand, um ihn ins Gesicht zu
schlagen, ihm ein Wort zuzurufen, ein heftiges Wort des Ekels und
Abscheus; sie fühlte, wie ihr der Speichel im Munde zusammenlief, wie es
sie drängte, auszuspeien. Das war zu schrecklich, zu schmutzig, zu
entsetzlich!
Durchs offene Fenster drang ein Strom von Licht herein, von Licht und
Sonne; eine Amsel sang, voll und rein. Da war Sonne, da war Schönheit,
aber hier, hier –?! Wimmernd hätte sie ihr Antlitz verhüllen mögen,
davonlaufen und sich verbergen. Aber wer sollte dann hier tun, was zu
tun nötig war, wer Ordnung schaffen und Reinlichkeit?! Der umgestürzte
Stuhl, die hastig abgezogene Kleidung, der widrige Dunst – ach, all das
mahnte nur zu deutlich an eine wüste Nacht. Das durfte nicht so bleiben.
Und wenn sie ihn auch nicht mehr liebte – nein, nein, keine Stimme in
ihrem Herzen sprach mehr von Liebe! – der Stolz gebot ihr, sich nicht
vor den Dienstboten zu demütigen. Beiseite schaffen, niemanden etwas
davon merken lassen, rasch, rasch!
Die Zähne zusammenbeißend, den Ekel zurückdrängend, der ihr immer wieder
und wieder würgend aufstieg, fing Käte an, zu waschen, zu reiben, zu
putzen, holte sich immer wieder Wasser, den Krug voll, einen ganzen
Eimer voll. Heimlich mußte sie es tun, auf Zehen über den Gang
schleichen. O weh, wie das plätscherte, mit welchem Geräusch das Wasser
aus dem aufgedrehten Hahn in den untergehalten Eimer schoß! Daß nur
niemand, niemand etwas merkte!
Sie hatte ein Scheuertuch gefunden, und, was sie in ihrem Leben noch nie
getan hatte, nun tat sie’s: sie lag wie eine Magd auf den Knieen und
wischte den Boden ab und rutschte vor dem Bett herum, bis unters Bett,
und reckte die Arme lang und streckte und dehnte sich, um nur ja jeden
Winkel zu erreichen. Nichts durfte vergessen werden, alles mußte
überschwemmt werden mit frischem, reinem, erlösendem Wasser. Es kam ihr
alles im Raum beschmutzt vor – wie beleidigt und erniedrigt – die
Dielen, die Möbel, die Wände; am liebsten hätte sie auch die Tapeten
abgewaschen oder sie ganz heruntergerissen, diese schönen, tieffarbenen
Tapeten.
So hatte sie noch nie in ihrem Leben gearbeitet; der Schweiß der
Anstrengung und der Angst klebte ihr das elegante Morgenkleid mit dem
Seideneinsatz und den Spitzen an den Körper. An den Knieen zeigte der
Rock dunkle Flecke vom Rutschen im Naß, der Saum der Schleppe war tief
ins Wasser getunkt; unordentlich hingen ihre Haare, sie hatten sich
gelöst und zausten um das erhitzte Gesicht. Kein Mensch hätte so Frau
Schlieben erkannt.
Gott sei Dank, endlich! Mit einem Seufzer der Erleichterung sah Käte
sich um; eine andre Luft herrschte nun im Zimmer. Der frische Wind, der
hereinwehte, hatte alles geklärt. Nur er, er paßte noch nicht in die
Reinheit! Seine Stirn war voll klebrigen Schweißes, seine Wangen
erdfahl, seine Lippen geschwollen, geborsten, sein Haar borstig, sich
sträubend in Büscheln. Da wusch sie auch ihn, kühlte seine Stirn und
trocknete sie, rieb seine Wangen mit Seife und Schwamm, holte Bürste und
Kamm, kämmte und glättete sein Haupt, lief hurtig hinüber in ihr Zimmer,
brachte das Toilettenwasser von ihrem Tisch und ließ es über ihn
hinsprühen. Nun noch die Decke frisch bezogen! Mehr konnte sie nicht
tun, es ward ihr zu schwer, ihn zu heben. Denn er erwachte nicht. Wie
ein gefällter Baum – tot, starr, unbeweglich – lag er da und merkte
nichts von den zitternden Händen, die über ihn hinhuschten, zupften und
glätteten, bald hier, bald da.
Wie lange sie um ihn geschafft hatte, wußte sie nicht; ein Klopfen an
der Tür brachte sie in die Zeit zurück.
»Wer ist da?«
»Ich, der Friedrich!«
»Was wollen Sie?«
»Gnädige Frau, der Herr läßt zu Tisch bitten!«
»Zu Tisch – der Herr?!« Sie faßte sich an den Kopf: war’s möglich, Paul
schon zurück – Mittagszeit? Das konnte nicht sein! »Wieviel Uhr?«
schrie sie schrill. Selbst nach der Uhr zu sehen, die auf dem Nachttisch
lag, fiel ihr nicht ein; sie hätte es ja auch nicht gekonnt, die
kostbare goldene Uhr, das Geschenk zur Konfirmation, stand still, nicht
aufgezogen zur Zeit.
»Gnädige Frau, es ist halb drei,« sagte Friedrich draußen. Und dann
wagte es der langjährige Diener respektvoll zu fragen: »Ist der junge
Herr nicht wohl, daß er noch nicht aufgestanden ist? Kann ich vielleicht
was helfen, gnädige Frau?«
Einen Augenblick zauderte sie: sollte sie Friedrich einweihen? Es wäre
dann leichter für sie! Aber die Scham schrie aus ihr: »Es ist nichts zu
helfen, gehen Sie nur! Der junge Herr hat Migräne, er wird noch eine
Stunde liegen bleiben. Ich komme gleich!«
Und sie stürzte hinüber in ihr Zimmer; das Kleid zu wechseln war keine
Zeit mehr, aber wenigstens das heruntergefallene Haar mußte sie
aufstecken, den Scheitel glattstreichen und ein Häubchen darauf stülpen
mit zartem Band.
»Noch in Morgentoilette?« fragte verwundert Schlieben, als sie ins
Eßzimmer trat. Etwas von Vorwurf war auch in der Frage; er mochte es
nicht leiden, wenn man nicht korrekt zum Mittagstisch kam.
»Du kamst heute ausnahmsweise früh,« entschuldigte sie sich. Sie wagte
nicht, frei aufzusehen, unendlich gedemütigt; essen konnte sie auch
nicht, eine unleidliche Erinnerung verekelte ihr jeden Schluck und jeden
Bissen.
»Wo ist denn Wolfgang?«