Ein heftiges Verlangen, eine brennende Neugier waren plötzlich in ihm

erwacht, die ließen sich nun nicht mehr zurückdrängen. Etwas Wahres

mußte doch daran sein, wie kämen sie sonst dazu, so zu sticheln? Und das

Wahre mußte er wissen; er hatte jetzt ein Recht darauf! Seine Gestalt

reckte sich. Eigenwille und Trotz gruben feste Linien um seinen Mund.

Und wenn es noch so schrecklich war, wissen mußte er’s! Aber war es denn

überhaupt schrecklich?! Der Zug um seine Lippen wurde milder. ›Wir haben

hier keine bleibende Statt, unsre Heimat suchen wir‹ – wohlan, er würde

sie suchen!

Rascher fing er an, auszuschreiten, seinen bummligen Schlendergang

aufgebend. Was würde Mutter Lämke sagen?! Und wenn er sie nun fragen

würde – sie meinte es ja so gut mit ihm –, wenn er sie fragen würde,

wie einer gefragt wird, der schwören soll, wenn er sie fragte, ob – ja,

was wollte er sie denn eigentlich fragen?!

Sein Herz klopfte. Ah, das dumme Herz! Das tat manchmal gerade so, als

wäre es ein wilder Vogel, den man in ein enges Bauer eingesperrt

hat!

Er war wieder ins Laufen gekommen; nun mußte er den Schritt

verlangsamen. Und doch war er noch ganz außer Atem, als er die Wohnung

der Lämkes betrat. Vater und Sohn waren ausgegangen; aber Mutter und

Tochter saßen da, als hätten sie auf ihn gewartet.

Frida sprang auf, daß die Küchenkante, an der sie gehäkelt hatte, zu

Boden flog, faßte ihn bei beiden Händen, und aus ihren blauen Augen

strahlte die Bewunderung. »Nee, was biste fein, Wolfjang! Wie ’n Herr –

riesig nobel!«

Er lächelte: das war mal nett von ihr!

Aber als Frau Lämke gerührt sagte: »Nee, Wolfjang, nu sage ik aber ›Sie‹

ßu Ihnen – nee, Sie sind ßu jroß! – aber ik habe Ihnen drum nich

weniger jerne, weeß Jott, man is kaum ärjer uf de eijnen Jöhren« – da

fühlte er eine Freude, wie er sie heute noch nicht gefühlt hatte. Sein

Gesicht wurde weich in einer warmen Empfindung, und die arbeitsharte

Hand, die die seine kräftig schüttelte, drückte er fest.

Dann setzte er sich zu ihnen, sie wollten erzählt haben. Er zeigte ihnen

seine goldene Uhr und ließ sie repetieren; aber sonst erzählte er nicht

viel, die Atmosphäre der Stube lullte ihn in ein dämmerndes Behagen, und

er saß ganz still. Wieder roch es hier wie einst nach frischgebrühtem

Kaffee, und der Myrtenstock am Fenster und die blasse Monatsrose

mischten ihren schwächeren Duft ein. Er hatte ganz vergessen, daß er

schon lange hier saß; plötzlich fiel es ihm ein mit einem jähen

Schrecken: er hatte ja was zu fragen!

Mit forschenden Blicken sah er der Frau ins Gesicht. Sie sagte gerade:

»Nee, wie sich deine – Ihre Mutter freuen wird, det se nu so ’n jroßen

Sohn hat« – da fuhr es ihm heraus: »Bin ich denn ihr Sohn?« Und als

Frau Lämke nicht antwortete, nur mit erschrockenen Augen ihn unsicher

ansah, schrie er’s fast: »Bin ich denn ihr Sohn?«

Mutter und Tochter wechselten einen raschen Blick; Frau Lämke war ganz

rot geworden und sehr verlegen. Mit beiden Händen hielt der Junge ihre

Arme gepackt, und ganz dicht beugte er sich zur ihr hinüber. Da gab’s

kein Ausweichen.

»Lügen Sie mir nichts vor,« sagte er hastig. »Ich kriege es ja doch

heraus. Ich muß es herauskriegen. Ist es meine Mutter? Antwort! Und mein

Vater – ist der auch mein wirklicher Vater nicht?«

»Jott in ’n Himmel, Wolfjang, wie kommen Sie ßu so was?« Mutter Lämke

verbarg ihre Verlegenheit unter einem erzwungenen Lachen. »Das ’s ja

allens Quatsch!«

»O nein!« Er blieb unentwegt ernsthaft. »Ich bin nun alt genug. Ich muß

das wissen. Ich muß!«

Die Frau wand sich förmlich: nein, wie war ihr das unangenehm, mochte

der Junge doch lieber wo anders fragen! »Die würden mir scheene uf ’n

Kopp kommen, wenn ich da was quasselte,« suchte sie auszuweichen.

»Fragen Sie doch bei Ihre Eltern selber an, die werden Ihnen schon

Bescheid jeben. Ick wer mir hüten, mich mank so ’ne Anjelegenheiten ßu

mengelieren!«

Frida machte den Mund auf, als ob sie etwas sagen wollte, aber ein

warnender Blick hieß sie schweigen. Heftig fuhr die Mutter dazwischen:

»Biste stille! Det fehlte jrade noch, det du de Hände einmanschtest! Was

verstehn ieberhaupt so ’ne Jöhren von so was! Was Wolfjangen sein Vater

is, der wird schonst wissen, woher er ’n hat. Und wenn die jnäd’ge Frau

mit ßufrieden is, hat keen andrer en Wort drieber zu sagen!«

Wolfgang sah die Schwätzerin starr an. »Die Jungens sagen – die Lisbeth

sagte – und nun sagen Sie – Sie auch« – er sprang auf – »ich geh und

frage. Die!« Er wies mit dem Finger, als deute er irgendwohin in eine

weite, ihm ganz fremde Ferne. »Jetzt muß ich’s wissen!«

»Aber Wolfjang – nee, um Jottes willen!« Ganz entsetzt drückte ihn Frau

Lämke wieder auf den Stuhl nieder. »Lämke haut mir, wenn er’s ßu wissen

kriegt, det ich da mank bin. Wir verlieren womöglich noch de

Portjehstelle dadurch – un jetzt, wo de Kinder noch nischt verdienen!

Ick habe doch nischt jesagt?! Was kann ick davor, wenn dich andre Leute

’nen Floh ins Ohr setzen! Ick kenne ja deine Mutter jar nich – und was

dein Vater is, der wird ihr ooch schon längst nich mehr kennen! Laß man

die janze Jeschichte jut sind, mein Junge!« Sie wollte ihn beruhigen,

aber er hörte nicht darauf.

»Mein – mein Vater?!« stotterte er. »Also der ist doch mein richtiger

Vater?«

Frau Lämke nickte.

»Aber meine – meine richtige M–!« Er brachte das Wort ›Mutter‹ nicht

heraus. Die Hände hielt er sich vors Gesicht und zitterte am ganzen

Leib. Die Sehnsucht hatte ihn plötzlich übermannt, diese starke, heftige

Sehnsucht nach einer Mutter, die ihn geboren hatte. Er sagte kein Wort,

aber er stieß Seufzer aus, die wie Stöhnen klangen.

Frau Lämke war zu Tode erschrocken; sie wollte sich herausreden und

redete sich immer tiefer hinein: »Ach was, mein juter Junge, so was

kommt in ’n Leben doch öfters vor – sehr anständig, daß er dir nich

verleujnet hat, det tut noch lange nich jeder! Un was die jnäd’je Frau

is, die dir anjenommen hat wie ’n eijnet Kind, so kann man lange suchen,

bis man so eine wieder findet. Jroßartig – einfach jroßartig!« Frau

Lämke hatte sich oft genug über die vornehme Dame geärgert, aber nun

fühlte sie das Bedürfnis, ihr gerecht zu werden. »So ’ne Mutter kannste

in Jold fassen – so was jibt’s ja jar nich mehr!« Sie erschöpfte sich

in anerkennenden Lobpreisungen. »Un wer weiß auch, ob an’n Ende noch

alles wahr is!« Damit schloß sie.

Es würde schon alles wahr sein! Wolfgang war ruhig geworden; wenigstens

merkte man seinem Gesichte keine sonderliche Erregung mehr an, als er

jetzt die Hände herabgleiten ließ. »Ich muß jetzt gehen,« sagte er.

Frida stand sehr bedrückt da; sie hatte das alles ja längst gewußt –

wer wußte das nicht?! – aber daß =er=’s nun wußte, das tat ihr so leid.

Ihre hellen Blicke trübten sich, voll Mitleid sah sie den Freund an:

ach, wie war ihre eigene Einsegnung, vorige Ostern, doch so viel schöner

gewesen! Sie hatte keine goldene Uhr bekommen, nur eine ganz kleine

Brosche von unechtem Gold – eine Mark fünfzig hatte die gekostet, sie

hatte sich die ja selber mit Muttern ausgesucht –, aber sie war so froh

gewesen, so froh!

»Was für ’n Spruch haste denn jekriegt?« fragte sie rasch, um Wolfgang

auf andre Gedanken zu bringen.

»Ich weiß ihn nicht auswendig,« sagte er ausweichend, und seine

verblaßten Wangen wurden purpurrot. »Aber er stimmt!« Und damit ging er

aus der Türe.

Geradeswegs ging er nach Hause – was sollte er noch Zeit versäumen, es

eilte! Er sah nicht die Stare aus- und einfliegen aus ihren Nistkästchen

an den hohen Stangenkiefern, sah nicht, daß schon eine helle Mondsichel

schwebte am dunkler werdenden Abendhimmel und ein goldener Stern daneben

stand, sah nur mit Genugtuung, als er in die Halle der Villa trat, daß

Mäntel und Hüte von den Haken verschwunden waren. Das war gut, die Gäste

waren fort! Er stürmte gegen die Salontür, fast fiel er ins Zimmer. Da

saßen Vater und Mutter noch – nein, der Vater und sie, die – die

–!

»Nun, sage mal, wo hast du denn so lange gesteckt?« fragte der Vater,

nicht ohne Anflug von Ärgerlichkeit in der Stimme.

»Heute, gerade heute!« sagte die Mutter. »Sie lassen dich alle grüßen,

sie haben noch auf dich gewartet. Aber nun ist es ja fast schon acht

Uhr!«

Unwillkürlich sah Wolfgang nach der Pendüle auf dem Kaminsims –

richtig, schon bald acht! Aber das war ja nun alles gleichgültig! Und

den Blick starr geradeaus gerichtet, als sähe er unverrückt nach einem

Ziel, stellte er sich vor den beiden auf.

»Ich muß euch was fragen,« sagte er. Und dann – ganz unvermittelt kam’s

heraus, ganz brüsk –: »Wessen Kind bin ich?!«

Da war’s gesagt! Die junge Stimme hatte hart geklungen. Oder tönte sie

nur so verletzend in Kätes Ohren? Sie hörte ein furchtbares Gellen wie

von mißlautendem Trompetenstoß. O Gott, da war sie, die furchtbare

Frage! Eine jähe Blutwelle legte ihr einen dichten Schleier mit

flimmernden Punkten vor die Augen; sie konnte ihren Knaben nicht mehr

sehen, sie hörte nur diese seine Frage. Hilflos, blindlings griff sie

mit der Hand um sich – Gott sei Dank, da war ihr Mann, der war noch da!

Und jetzt hörte sie auch ihn sprechen.

»Wie kommst du zu der Frage?« sagte Schlieben. »Unser Sohn – natürlich!

Wessen Kind denn sonst?«

»Das weiß ich nicht. Das will ich ja eben von euch wissen,« sprach

wieder die harte Knabenstimme.

Es war merkwürdig, wie ruhig diese Stimme klang, aber sie dünkte Käte

doppelt entsetzlich in dieser sachlichen Einförmigkeit.

Nun hob sie sich ein wenig: »Gib mir doch Antwort – ich will – ich muß

es wissen!«

Käte schauderte: welche Unerbittlichkeit, welche Hartnäckigkeit lag in

diesem ›Ich will‹ – ›Ich muß‹ –! Der würde nie mehr aufhören, zu

fragen! Wie vernichtet sank sie bebend ganz in sich zusammen.

Auch des Mannes ruhige Stimme verriet ein heimliches Beben: »Lieber

Junge, dir hat mal wieder einer – ich will nicht fragen: wer, es gibt

immer Klätscher und Hetzer genug – etwas in den Kopf gesetzt. Warum

stellst du dich so feindlich gegen uns? Sind wir dir nicht immer wie

Vater und Mutter gewesen?«

O, das war falsch – =wie= Vater und Mutter?! Grundfalsch! Käte fuhr

auf. Sie streckte die Arme aus: »Mein Junge!«

Aber er blieb stehen, als bemerkte er diese ausgestreckten Arme nicht;

die Brauen finster zusammengezogen, sah er nur den Mann an. »Ich weiß

wohl, daß du mein Vater bist, aber sie – die –« er warf einen

flüchtigen Seitenblick – »die ist meine Mutter nicht!«

»Wer sagt das?!« Käte schrie laut auf.

»Alle Welt!«

»Nein, niemand! Das ist nicht wahr! Eine Lüge, eine Lüge! Du bist mein

Kind, mein Sohn, unser Sohn! Und wer das leugnet, der lügt, betrügt,

verleumdet, der –«

»Käte!« Ihr Mann sah sie sehr ernst an, und ein Vorwurf lag in seinem

Ton und eine Mahnung: »Käte!«

Und dann wendete er sich zu dem jungen Menschen, der trotzig dastand,

fast herausfordernd in der Haltung – den einen Fuß vorgestellt, gerade

aufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen – und sagte: »Die Mutter

ist begreiflicherweise sehr aufgeregt, du solltest sie schonen – gerade

heute! Geh jetzt, und wir werden morgen –«

»Nein, nein!« Käte ließ ihn nicht aussprechen; sie rief in höchster

Erregung: »Nein, nicht aufschieben! Laß ihn doch reden – jetzt – laß

ihn nur! Und antworte du ihm – jetzt – gleich – daß er unser Sohn

ist, unser Sohn ganz allein! Wolfgang – Wölfchen!« Sie brauchte heute

wieder seit langer Zeit den alten süßen Kinderschmeichelnamen.

»Wölfchen, liebst du uns denn gar nicht mehr? Wölfchen, komm doch zu

mir!«

Wieder streckte sie die Hände nach ihm aus, aber er sah wiederum nicht

diese verlangenden, liebevoll gebreiteten Arme. Er war sehr blaß und sah

starr vor sich nieder.

»Wölfchen, komm!«

»Ich kann nicht!«

Nichts regte sich in seinem Gesicht, und seine Stimme hatte immer noch

den eintönigen Klang, der ihr so furchtbar war. Sie schluchzte auf, und

ihre Blicke klammerten sich an ihren Mann – nun sollte der ihr helfen!

Aber er sah sie finster an; deutlich las sie in seiner Miene den

Vorwurf: ›Warum bist du mir nicht gefolgt?! Hätten wir’s ihm gesagt

beizeiten –‹ nein, auch bei ihm fand sie keine Hilfe! Und jetzt – was

sagte Paul jetzt gar?! Ihre Augen erweiterten sich in plötzlichem

Schrecken, mit beiden Händen umklammerte sie die Seitenlehnen ihres

Sessels, wollte zurücksinken und bäumte sich doch auf, sich wehrend

gegen das, was nun kommen mußte. War Paul von Sinnen?! Er sprach: »Du

bist nicht unser Sohn!«

»Nicht euer Sohn?!« Der Knabe stammelte. Er hatte sich durch nichts

beirren lassen wollen, aber diese Antwort beirrte ihn doch. Sie

verwirrte ihn; er wurde rot und blaß, und sein Blick glitt unsicher von

dem Mann zur Frau, von der Frau zum Mann.

Also auch er – der – wäre nicht sein Vater?! Aber Frau Lämke hatte es

doch gesagt! Aha, der wollte ihn jetzt wohl verleugnen?! Mißtrauisch sah

er den Mann an, und dann wallte es wie eine Kränkung in ihm auf: wenn

der da nicht sein Vater wäre, hätte er ja eigentlich hier gar kein –

nein, gar kein Anrecht?!

Und einen Schritt nähertretend, sagte er hastig: »Du bist wohl mein

Vater. Du willst es jetzt nur nicht sagen. Aber sie« – er nickte kurz

nach dem Sessel hin – »sie ist nicht meine Mutter!« Seine Augen

leuchteten; mit einem tiefen Aufatmen sagte er nun, als sei es ihm eine

Erleichterung: »Das habe ich immer gewußt!«

»Du bist falsch berichtet! Wäre es nach mir gegangen, ich hätte dir

längst die Wahrheit gesagt. Aber da nun einmal – leider! – der

richtige Moment versäumt ist, so sage ich sie dir heute. Ich sage sie

dir – so wie ein Mann zum anderen spricht, auf Ehrenwort – ich bin

dein Vater nicht, ebensowenig wie sie deine Mutter ist. Von Geburt bist

du uns fremd, ganz fremd. Wir haben dich aber angenommen an Kindes

Statt, weil wir gerne ein Kind haben wollten und keins hatten. Wir haben

dich aus dem –«

»Paul!« Wie damals, als Schlieben dem Knaben, empört über dessen

Undankbarkeit, hatte etwas verraten wollen, fiel Käte ihm mit einem

lauten Schrei an die Brust. Sie umklammerte ihres Mannes Nacken; hastig,

heftig, mit zitterndem Hauchen raunte sie ihm ins Ohr: »Sag ihm nicht:

woher! Um Gottes willen nicht, woher! Dann geht er, dann ist er mir ganz

verloren! Ich ertrage es nicht – hab Mitleid, Erbarmen mit mir – sag

ihm nur nicht: woher!«

Er wollte sie von sich schieben, aber sie ließ ihn nicht los. Immer dies

weinende Stammeln, dies zitternde, angstvolle, verzweifelnde Beschwören:

nur nicht woher, nur nicht woher!

Ein großes Mitleid mit ihr überkam ihn: seine arme Frau, so eine arme

Frau – mußte ihr das geschehen?! Und ein Zorn kam dazu gegen den

Knaben, der da so breitspurig stand – dreist – ja, dreist – der da

forderte, wo er zu bitten hatte, und unbewegt, mit großen kalten Augen

nach ihnen hinsah.

Der ernste, aber doch weiche Ton, in dem Schlieben bis jetzt zu Wolfgang

gesprochen hatte, wurde streng: Ȇbrigens verbitte ich mir diese deine

Art, zu fragen!«

»Ich habe ein Recht, zu fragen!«

»Ja, das hast du!« Der Mann war ganz betroffen: ja, der Junge hatte das

Recht! Wer hier im Unrecht war, das war ganz klar! Und so sagte er

einlenkend und wieder freundlicher: »Wenn du aber auch nicht unser Sohn

bist in Fleisch und Blut, so denke ich doch, haben Erziehung und

jahrelanges Mühen, treue Fürsorge dich im Geiste zu unserm Kinde

gemacht. Komm, mein Sohn – und wenn sie alle sagen, du wärest nicht

unser Sohn, ich sage dir: du bist unser Sohn, in Wahrheit!«

Er hielt dem regungslos Dastehenden die freie Hand hin – mit der andern

hielt er seine Frau umfaßt –, da war noch Platz an seiner Brust, hier

konnte auch noch der reuige Knabe liegen. Aber langsam wich Wolfgang

zurück, er nahm die gebotene Hand nicht, er ließ sich nicht ziehen.

»Nein,« sagte er. Und dann ging er, ohne Tränen, die trockenen Augen

immer starr auf die, die er so lange Eltern genannt hatte, gerichtet,

langsam rückwärts zur Tür.

»Junge, wohin?! Aber so bleibe doch!« Schlieben rief es ihm gütig nach

– der Junge war ja auch in einer scheußlichen Situation, man mußte

Geduld mit ihm haben! Und er rief noch einmal: »Wolfgang, bleibe

doch!«

Aber Wolfgang schüttelte den Kopf: »Ich kann nicht. Ihr habt mich

betrogen. Laß mich los!« Mit einer gewaltsamen Bewegung schüttelte er

des Mannes Hand, die sich auf seinen Ärmel gelegt hatte, ab.

Und nun schrie er auf wie ein verwundetes Tier: »Was quält ihr mich

noch? Laßt mich doch gehen! Ich will gehen, ich will an meine Mutter

denken – wo ist sie?!«

Drittes Buch

1

Die Uhren im Haus gingen schreckhaft laut. Man hörte sie durch die

Stille der Nacht wie mahnende Stimmen.

O, wie rasend schnell jagte die Zeit hin! Eben war es noch Abend gewesen

– eben Mitternacht – und nun schlug die Pendüle auf dem Kaminsims

schon ein kurzes, helles, hartes Eins!

Mit einem Zusammenschaudern hob die einsame Frau die Hände an die

Schläfen und preßte sie fest dagegen. Ah, wie es dadrinnen hämmerte, und

wie sich Gedanken – quälende Gedanken – jagten, rasend schnell und

rastlos wie das hastige Ticken der Uhren!

Alle schliefen im Haus. Der Diener, die Mädchen; auch ihr Mann –

längst! Nur sie, sie allein hatte noch keinen Schlaf gefunden.

Und draußen schlief auch alles. Die Kiefern standen ums Haus,

regungslos, und ihre dunklen Silhouetten, steif wie aus Pappe

geschnitten, hoben sich scharf ab vom silbrigen Nachthimmel.

Kein Ruf, kein Fußtritt, kein Räderrollen, kein Singen, kein Lachen,

nicht einmal ein Hundegekläff stieg auf aus der schlafenden

Grunewaldkolonie. Nur wie ein leises Seufzen ging’s um die weiße Villa

mit dem roten Dach und den grünen Läden.

Die Mutter, die auf ihren Sohn wartete, horchte auf: war da jemand?!

Nein, es war das Nachtlüftchen, das dort die Äste der alten verknorrten

Kiefer zu bewegen versuchte.

Käte Schlieben stand jetzt am Fenster – vorhin hatte sie es ungeduldig

aufgerissen – nun beugte sie sich hinaus. Soweit ihr Auge reichte, war

niemand zu sehen – gar niemand. Er kam noch immer nicht!

Zwei schlug die Uhr. Mit einem fast verzweifelten Blick sah sich die

Frau nach dem Kamin um: o, diese quälende, diese unerträgliche Uhr! Es

konnte nicht sein, sie mußte falsch gehen, es konnte nicht sein, daß es

schon so spät war!

Käte hatte schon manchen Abend aufgesessen und auf Wolfgang gewartet,

aber so lange wie heute war er noch nie ausgeblieben. Paul hatte nichts

dagegen, wenn der Junge seine eignen Wege ging. ›Liebes Kind,‹ hatte er

ja gesprochen, ›das kannst du nicht ändern. Lege dich hin und schlafe,

das ist viel vernünftiger. Der Junge hat den Schlüssel, er wird schon

wohlbehalten ins Haus kommen. Einen jungen Menschen in seinem Alter

kannst du nicht mehr gängeln. Laß ihn – du verleidest ihm ja sonst

unser Haus – laß ihn doch ruhig gehen!‹

Was Paul sich dachte! Freilich, er hatte ganz recht, gängeln durfte sie

ihn nicht mehr! Das konnte sie auch gar nicht mehr – hatte sie nie

gekonnt. Aber wie konnte sie sich ruhig zu Bett legen?! Schlafen würde

sie ja doch nicht. Wo blieb er?! –

Käte war grau geworden. In den drei Jahren, die verstrichen waren seit

des Sohnes Einsegnung, hatte sie sich äußerlich sehr verändert. Während

Wolfgang in die Höhe wuchs, stark und sich breitete wie ein junger Baum,

hatte ihre Gestalt sich geneigt wie eine Blume, die regenbeschwert ist

oder welken will. Ihre feinen Züge waren dieselben geblieben, aber ihre

Haut, die so lange eine fast mädchenzarte Glätte bewahrt hatte, war

schlaffer geworden; ihre Augen sahen aus, als hätten sie viel geweint.

Die Bekannten fanden Frau Schlieben recht gealtert.

Wenn sich Käte jetzt in dem Spiegel sah, hatte sie nicht mehr das

freudige Erröten über die eigne wohlkonservierte Erscheinung; sie

sah sich nicht gern mehr an. Es hatte ihr irgend etwas innerlich und

äußerlich einen Ruck gegeben. Was das gewesen war, ahnte niemand.

Schlieben freilich wußte es, aber er sprach mit seiner Frau nicht

darüber: warum sie von neuem aufregen, alte Wunden wieder aufreißen?!

Er hütete sich wohl, noch einmal wieder auf jenen Konfirmationstag

zurückzukommen. Es war auch bequemer so. Den Jungen hatte er freilich

damals noch ordentlich vorgenommen, ihm in strengen Worten sein

undankbares Verhalten klar gemacht und ein rücksichtsvolleres und

besonders gegen die Mutter liebevolleres Benehmen von ihm verlangt. Und

der junge Mensch, den sein Betragen wohl längst reuen mochte, hatte

dagestanden wie ein armer Sünder, nichts hatte er gesagt, den gesenkten

Blick nicht gehoben. Und als der Vater ihn zuletzt zur Mutter geführt

hatte, hatte er sich führen lassen und sich von der Mutter, die ihn mit

beiden Armen umschlang, umschlingen lassen. Sie hatte über ihm geweint

und ihn dann geküßt.

Und dann war nie, nie mehr darüber geredet worden. –

Das weiße Haus mit seinem heiteren Grün und Rot, an dem und in dem immer

wieder neue Verschönerungen und Verbesserungen vorgenommen wurden, fiel

allen, die vorübergingen, als besonders anheimelnd auf. Die

Sonntagsausflügler blieben am schmiedeeisernen Gitter stehen und

bewunderten die Blumenfülle; im Sommer die hängenden Geranien der

Balkons und die Pracht der edlen Rosenstöcke, im Winter die Azaleen und

Kamelien hinterm dicken Glas des Wintergartens und die farbigen

Primelreihen zwischen den Doppelfenstern und die frühen Hyazinthen und

Tulpen. Die Dame in dem weichen Tuchkleid mit dem welligen grauen

Scheitel und dem sanften Gesicht, auf dem es wie ein leicht-wehmütiges

Lächeln lag, paßte gut zu dem Haus und zu den Blumen, zu dem ganzen

Frieden. ›Entzückend,‹ sagten die Leute.

Wenn Wolfgang früher, als Junge, so etwas gehört hatte, hatte er den

Bewunderern ein Fratze geschnitten: was gingen die Haus und Garten an,

da war doch nichts daran zu bewundern?! Nun schmeichelte es ihm, wenn

sie stehen blieben, wenn sie’s gar beneidenswert fanden. O ja, es war

recht nett hier! Er fühlte sich.

Schlieben und Käte hatten nie einen besonderen Wert auf Geld gelegt, sie

hatten ja immer genug gehabt, das gute Auskommen war ihnen einfach

selbstverständlich; sie ahnten es gar nicht, daß der Sohn Wert auf den

Reichtum legte. Wenn Wolfgang daran dachte, daß er einst in knabenhaftem

Ungestüm das alles nicht geachtet hatte, fortgelaufen war in die Irre,

ohne Geld, ohne Brot, mußte er lächeln: wie kindisch! Und wenn er

bedachte, daß er einmal, als er doch schon älter geworden war und

überlegen konnte, mit Ungestüm etwas verlangt hatte, das gleichbedeutend

gewesen wäre mit Aufgabe all dessen, was sein Leben so bequem

gestaltete, dann schüttelte er jetzt den Kopf: zu einfältig!

Es gewährte ihm eine gewisse Genugtuung, sich mit andern zu vergleichen.

Kesselborn schwitzte noch in Prima – der sollte durchaus studieren,

Theologie, womöglich wegen seines Adels Hofprediger werden – Lehmann

mußte seinem Vater bei der Spedition helfen, trotz des Einjährigen, mit

dem er abgegangen war, Möbelwagen karren! Und Kullrich – ach, Kullrich

erst, der hatte die Schwindsucht! Wie seine Mutter. Trauriges Erbe

das!

Ein halb geringschätziges, halb mitleidiges Lächeln zog Wolfgangs

Mundwinkel herab, wenn er der Schulkameraden gedachte. Hieß das leben?!

Ah, und leben, leben war so wunderschön!

Wolfgang hatte das Bewußtsein seiner Kraft: er konnte Bäume entwurzeln,

Mauern, die sich ihm entgegenstellten, umpusten, als seien es

Kartenblätter.

Es war nicht länger mehr mit ihm auf der Schule gegangen, seine Glieder

und seine Neigungen hatten nicht mehr in die Schulbank hineingepaßt. Er

bekam ja auch schon einen Schnurrbart! Wie ein schwarzer Schatten war

der schon lange auf der Oberlippe zu ahnen gewesen; nun war er da, er

war da! So ein fertiger Mensch konnte doch nicht mehr in Sekunda sitzen?

Wozu auch, er sollte ja kein Gelehrter werden?! Mit der Reife für Prima

war Wolfgang abgegangen.

Schlieben hatte die Absicht, ihn gleich nach Absolvierung der Schule ins

Ausland zu schicken, noch für ein Jahr aufgegeben; erst wollte er ihn

doch noch etwas unter Augen behalten. Nicht, daß er ihn etwa so

ängstlich wie Käte zu hüten bestrebt war, aber der alte Sanitätsrat, der

gute Freund, auf den er so viel gab, hatte ihn in einer vertraulichen

Stunde, in der sie ganz allein, von niemandem gehört, beim Glase Wein

saßen, gemahnt: »Hören Sie, Schlieben, nehmen Sie den Jungen doch lieber

in acht! Ich würde ihn noch nicht so weit weggeben – er ist so jung.

Und er ist ein Unband und – wissen Sie, bei dem, was er als Kind

durchgemacht hat – hm, man kann doch nicht sagen, ob das Herz so mit

standhält!«

»Warum nicht?« hatte Schlieben da betroffen gefragt, »Sie halten ihn

also für krank?!«

»Nein, durchaus nicht!« Der Arzt war ordentlich ärgerlich geworden:

gleich diese Übertreibung! »Wer sagt denn was von ›krank‹?! Aber drauf

losgehen darf der Bursche doch nicht so. Na, und Jugend hat doch keine

Tugend! Das wissen wir doch auch noch von unsrer Zeit her!«

Und beide Männer hatten sich zugenickt, waren heiter geworden und hatten

gelacht.

Einer Mutter Sohn · 第 15 / 23 段