Er sah jetzt nicht mehr in den Spiegel, er sah auf die Knieende herunter

mit einer Miene, die sich nicht enträtseln ließ. Für gewöhnlich war sein

Gesicht nicht ausdrucksvoll und weder schön, noch häßlich, weder

bedeutend, noch unbedeutend – es war ein noch ungeprägtes, glattes,

unausgereiftes Knabengesicht – aber nun war etwas darin, etwas

Zweifelndes, Unruhevolles, was es älter erscheinen ließ, in die Stirn

Furchen zog und um den Mund Linien. Hinter dieser gekrausten Stirn

schienen Gedanken zu kreisen; die derben Nasenflügel bebten leise, die

Lippen preßten sich in einem Zucken aufeinander.

In dem Zimmer ward es ganz still. Die Mutter sprach kein Wort, der Sohn

auch nicht. Draußen zwitscherten Vögel, man hörte jedes leiseste Piepen

und das heimliche Sumsen des Frühlingswindes in den Kiefernwipfeln.

Langsam erhob sich Käte von den Knieen. Es wurde ihr schwer,

aufzustehen, wie eine Lähmung fühlte sie’s in allen Gliedern. Mit der

Hand nach dem nächsten Möbel tastend, half sie sich auf.

»Zieh dich nun wieder aus,« sagte sie leise.

Er war schon dabei, sichtlich erleichtert, die ungewohnte Kleidung von

sich streifen zu können.

Sie hätte so gern mit ihm gesprochen, irgend etwas ganz Gleichgültiges

– nur sprechen, sprechen! – aber sie fühlte eine sonderbare Scheu vor

ihm. Es war ihr, als könnte er zu ihr sagen: ›Weib, was habe ich mit dir

zu schaffen?!‹ Und sie verstummte vor Angst.

Nun hatte er den neuen Anzug abgelegt und stand vor ihr mit der breiten

Brust, die das nicht zugeknöpfte Hemd nackt ließ, mit den stämmigen

Beinen, von denen die Strümpfe herabgerutscht waren, in seiner ganzen

grobknochigen, nur halb bekleideten Derbheit. Sie wendete den Blick ab

– war das schon ein großer Mensch! – und gleich darauf sah sie doch

wieder hin: warum soll eine Mutter sich scheuen, ihr Kind zu

betrachten?! Eine Mutter –?!

Vor ihren Blicken flimmerte es. Zur Tür schreitend, drehte sie nicht

mehr den Kopf nach ihm, als sie sprach: »Ich gehe jetzt herunter. Du

wirst wohl auch ohne mich fertig!«

Er murmelte etwas Unverständliches. Und dann stand er noch lange, halb

bekleidet, und blickte so starr ins Spiegelglas, als könnten die

Pupillen seiner Augen sich nicht bewegen. –

Immer näher rückte der Tag der Konfirmation; am Palmsonntag sollte sie

stattfinden. Doktor Baumann hatte den jungen Menschen die Bedeutung des

Schrittes, den sie zu tun im Begriff standen, sehr lebendig vor Augen

gerückt. Nun fiel doch etwas vom Strahl der Feierlichkeit in Wolfgangs

Gleichgültigkeit. In den letzten Stunden war er aufmerksamer; das kahle

Konfirmandenzimmer mit den wenigen Bildern an den einförmigen Wänden

dünkte ihn nicht ganz so kahl mehr. War’s nur, weil er sich daran

gewöhnt hatte?! Gedämpfteres Licht fiel durch die sonst so

tagesnüchternen Fenster und huschte verschönernd über die langweiligen

Reihen der Bänke.

Selbst Lehmann und Kesselborn waren ihm in diesem Lichte nicht ganz so

unsympathisch mehr. Es wurde alles milder, versöhnlicher. Die harte

Knabenseele wurde weich. Wenn der Geistliche über die Gebote sprach und

besonders das eine betonte: ›Ehre Vater und Mutter,‹ dann war es

Wolfgang, als hätte er seinen Eltern vieles abzubitten: besonders der

Mutter.

Aber kam er dann nach Hause, wollte ihr etwas Liebes sagen – ganz

unvermittelt, so einfach aus seinen Gedanken heraus – dann war es ihm

doch nicht möglich, denn sie fühlte ihm seine Absicht nicht an.

Manchen Tag ging Käte ihm zur Bahn entgegen – o, wie müde mußte der

arme Junge heimkehren! Das war jetzt eine zu große Hetzerei, so oft in

die Stadt hinein zum Unterricht, und in der Schule gab’s vorm

Semesterschluß auch doppelt große Anstrengungen! Streicheln hätte sie

ihn mögen, ihn hätscheln wie vormals das kleine Wölfchen. Aber wenn sie

ihn dann daherschlendern sah, gar nicht ausschauend nach ihr, ohne

Ahnung, daß sie da war, ihn zu erwarten, dann bog sie wohl rasch um die

nächste Ecke oder blieb still stehen hinter einem Baum und ließ ihn

vorüber. Er bemerkte sie gar nicht. – – –

Es waren ihrer viele, die der beliebte Geistliche zur Einsegnung

vorzubereiten hatte, zu viele; er konnte sich nicht um jeden einzelnen

kümmern, aber er glaubte doch der Mutter, die in einer gewissen Unruhe

ihn aufsuchte, um ihn zu fragen, wie es denn um Wolfgang stehe,

versichern zu können, daß er mit ihm zufrieden sei.

»Ich weiß, ich weiß, gnädige Frau! Ihr Herr Gemahl hat es für seine

Pflicht gehalten, mich aufzuklären – ich habe ja auch den katholischen

Taufschein des Knaben gesehen. Aber ich glaube Sie mit gutem Gewissen

versichern zu können: der junge Mensch ist ein aufrichtig überzeugter

evangelischer Christ! – Wie, Sie haben noch irgendwelches Bedenken

hierüber?!« Ihre zweifelnde Miene, die fragende Ängstlichkeit ihres

Blickes erstaunten ihn.

Sie nickte: ja, sie hatte ein Bedenken. Merkwürdig, wie ihr das in

letzter Zeit so gekommen war! Aber ein Fremder, ein andrer würde es

nicht verstehen, auch dieser Mann mit den klugen Augen und dem milden

Lächeln nicht. Sie hätte dies Bedenken ja auch kaum in Worten zum

Ausdruck bringen können. Und weit, weit hätte sie ausholen müssen, so

weit, von damals an, wo sie das Kind seiner Mutter wegnahmen, es ganz in

ihre eignen Hände nahmen, das ganze Kind mit Leib und Seele!

So sagte sie nur: »Also Sie glauben – Sie glauben wirklich – o, wie

ich mich freue, Herr Doktor, daß Sie glauben, wir haben recht getan?!«

Erwartungsvoll sah sie ihn an – ah, sie lechzte ja nach einer

Bestätigung – und er neigte den Kopf:

»So weit unser Wissen und Verstehen geht – ja!« –

In der Nacht auf Palmsonntag schlief Wolfgang nicht. Es war ihm heute in

der letzten Konfirmandenstunde gesagt worden, er solle sich innerlich

vorbereiten. Und er fühlte es auch, daß morgen ein wichtiger Tag sei;

ein Abschnitt. Er mühte sich, über all das zu denken, was ein Konfirmand

bedenken soll. Er war sehr müde und konnte das Gähnen nicht

unterdrücken, aber er riß krampfhaft immer wieder die Lider auf. Doch

konnte er’s nicht hindern, daß seine Gedanken sich immer wieder

verwirrten; er war nicht mehr ganz klar.

Was für einen Spruch er wohl bekommen würde morgen, zum Andenken an die

Konfirmation?! Sie hatten in der Schule schon oft darüber hin und her

geredet, jeder hatte seinen Lieblingsspruch, auf den er hoffte. Und ob

er morgen früh vor der Kirche die goldene Uhr kriegen würde?!

Selbstverständlich! Hei, wie würden sich dann Kesselborn und Lehmann

bosen – – die Halunken! Unter die Augen halten würde er sie ihnen: da,

seht mal! Grün sollten sie werden vor Neid – was brauchten sie über ihn

zu tuscheln, sich um Sachen zu kümmern, die sie gar nichts angingen?!

Pah, beunruhigen konnten sie ihn ja doch nicht, nicht mal ärgern!

Und doch sah er auf einmal sein eignes Gesicht so deutlich vor sich und

das Gesicht der Mutter daneben, wie im Spiegelglas. Da war auch nicht

ein Zug gemeinsam – nein, nicht einer!

Es war in der Tat doch merkwürdig, daß Mutter und Sohn sich so wenig

glichen! Er war jetzt hell wach und fing an zu grübeln, die Stirn in

Falten gezogen, die Hände zusammengeballt. Was meinten sie bloß mit

ihren Anzüglichkeiten?! Wenn er das nur wüßte! Ganz zufrieden wollte er

dann sein und ganz beruhigt. Aber so, im unklaren, konnte er an gar

nichts andres denken. Immer wieder kreiste sein Sinnen um den einen

Punkt. Das war ein scheußliches Gefühl, das ihn jetzt plagte, eine große

Unsicherheit, in der er tappte wie im Stockfinstern. Licht, Licht! Er

mußte Licht bekommen – ha, er würde schon welches bekommen!

Er wälzte sich unruhig, förmlich gequält, und überlegte und grübelte,

wie er es herausbringen, wo er die Wahrheit erfahren sollte. Wer würde

ihm bestimmt sagen, ob er der Eltern Kind war oder ob er’s nicht war?

Warum sollte er denn eigentlich nicht ihr Kind sein?! Ja, er war’s –

nein, er war’s nicht! Aber warum denn nicht?! Wenn er nicht ihr

richtiges Kind wäre, würde ihm das sehr leid sein? Nein, nein – aber

doch, es erschreckte so!

Schweiß lief dem aufgeregten Knaben über den Körper, und doch fror ihn.

Fester zog er die Decke um sich und schüttelte sich wie im Fieber.

Seltsam gebärdete sich dabei sein Herz, es flatterte ihm in der Brust

wie mit unruhigem Flügelschlag. Ach, wenn er doch schlafen könnte und

alles vergessen! Morgen wäre dann kein Gedanke mehr daran da und alles

wie sonst!

Krampfhaft preßte er die Augen zu, aber der einmal gescheuchte Schlaf

kam nicht mehr wieder. Er hörte die Uhren schlagen: unten vom Eßzimmer

dröhnte die alte Standuhr herauf, und die bronzene Pendüle aus dem

Zimmer der Mutter rief mit silberner Stimme. Die Stille der Nacht

übertrieb die Geräusche; so laut hatte er die Uhren noch nie schlagen

hören.

Kam der Morgen denn noch nicht, war das Licht denn noch nicht da?! Er

sehnte den Tag herbei, und doch scheute er sich vor ihm. Eine

unerklärliche Angst überfiel ihn plötzlich – ei, vor was fürchtete er

sich denn so?

Wenn er doch schon in der Kirche wäre – nein, hätte er das doch schon

hinter sich! Ein Widerstreben war in ihm, eine plötzliche Unlust. Rasend

jagte immer derselbe Gedanke durch seinen Kopf, und sein Herz jagte mit;

eine Sammlung war ihm nicht möglich. Seufzend drehte er sich in seinem

Bette, fühlte sich unendlich vereinsamt, verängstigt, ja verfolgt.

›Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle,

siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am

äußersten Meer‹ – ach, jenem einen Gedanken entfloh er nicht, überall

war der und immer, immer da! – –

Als die Frühsonne des Palmsonntags sich zwischen den noch geschlossenen

Läden durchstahl, in feinen goldenen Stäbchen in die Innenräume drang,

kam Käte in das Zimmer ihres Sohnes. Sie war bleich, hatte sie doch die

ganze Nacht mit sich gerungen: sollte sie ihm etwas sagen, jetzt an

diesem Lebensabschnitt – sollte sie ihm nichts sagen?! Es war etwas,

das in ihr flüsterte: ›der Tag ist da, sag’s ihm, du bist es ihm

schuldig‹ – aber als die Morgensonne schien, hieß sie die Stimme der

Nacht schweigen. Warum es ihm sagen, was kümmerte es ihn? Was er nicht

wußte, konnte ihn nicht grämen; doch wenn er es wüßte, dann –

vielleicht, daß er dann – o Gott, nur schweigen, nur nicht ihn

verlieren!

Aber es drängte sie, ihn ihre Liebe fühlen zu lassen. Als sie hineinkam

auf leisen Sohlen, war sie überrascht, denn er stand schon völlig

angekleidet, im neuen schwarzen Rock, in den langen Hosen, am Fenster

und sah unbeweglich hinaus auf das Stück Feld, auf dem man jetzt auch

anfing, eine Villa zu bauen. Das Untergeschoß war schon fertig, hoch

ragte ein Balkengerüst; es wurde ein gewaltiger Kasten.

»Guten Morgen, lieber Sohn!« sagte sie.

Er hörte sie nicht.

»Du! Wolfgang!«

Da fuhr er herum und sah sie an, erschrocken und als kenne er sie

nicht.

»O, du bist schon ganz fertig!« Wie Enttäuschung lag’s in ihrem Ton; sie

hätte ja so gern mit Hand angelegt, ihm geholfen, gerade an diesem Tage.

In ihrem Herzen war ein wunderliches Gefühl; sie hatte nie geglaubt, daß

dieser Tag sie so bewegen würde: war’s denn nicht ein Tag, wie andere

Tage auch, ein Festtag natürlich, aber einer von vielen?! Und nun war’s

ihr doch, als wäre dieser Tag einzig und als käme nie ein ähnlicher

wieder.

Sie ging auf Wolfgang zu, legte die Arme um seinen Nacken und sah ihm

tief in die Augen: »Mein Kind!« Und dann lächelte sie ihn an. »Nimm

meinen Glückwunsch!«

»Wozu?« Er blickte so fremd über sie hin, daß all das, was sie ihm hatte

Inniges sagen wollen, ungesagt blieb. Er war doch noch ganz Kind,

trotzdem er sie fast überragte, noch viel zu sehr Kind, er verstand die

Bedeutung dieses Tages noch gar nicht! So begnügte sie sich damit, nur

noch an seinem Anzug zu bessern, ihm hier ein Fädchen abzunehmen, dort

ein Stäubchen abzublasen und ihm den Schlips zurechtzuzupfen. Und dann

mußte er den Kopf bücken: sie zog ihm den Scheitel noch einmal in dem

sich ungern fügenden, immer wieder die Linie störenden, straffen Haar.

Und dann konnte sie doch nicht an sich halten, nahm sein rundes Gesicht

zwischen ihre beiden Hände und drückte ihm einen raschen Kuß auf die

Stirn.

›Warum nicht auf den Mund?‹ dachte er. ›Eine Mutter hätte ihr Kind auf

den Mund geküßt!‹

Sie gingen hinunter zum Frühstück. Blumen standen auf dem Tisch; der

Vater saß schon da im schwarzen Gehrock, und auf Wolfgangs Teller lag

die goldene Uhr. Eine kostbare Uhr. Er besah sie kritisch: ja, die

gefiel ihm! ›Zur Erinnerung an den 1. April 1901‹ stand im Innern der

goldenen Schale eingraviert. Weder Kesselborn noch Lehmann würden eine

solche Uhr bekommen, keiner der Konfirmationsgenossen auch nur eine

annähernd so kostbare! Furchtbar schwer war die Uhr – nun müßte er

eigentlich auch noch eine goldene Kette dazu haben!

Die Eltern beobachteten Wolfgang, wie er dastand, die Uhr in der Hand,

und darauf niedersah – ja, er freute sich! Und das erfreute sie

wiederum, besonders Käte. Sie war dafür gewesen, ihm in den Deckel der

Uhr auch noch einen Spruch eingravieren zu lassen, aber Paul hatte das

nicht gewollt: nur keine Sentimentalitäten! Aber es war ja auch gut so,

der Junge hatte seine Freude an dem Geschenk, also war der Zweck

erreicht.

»Sie schlägt auch,« erklärte sie eifrig, »mitten im Dunklen kannst du

wissen, welche Stunde es ist. Sieh mal, wenn du hier – siehst du? –

wenn du hier drückst!«

»Ja! Gib mal – hier?!« Er war ganz bei der Sache.

Beinahe hätten sie sich verspätet; es war Zeit zum Aufbruch. Zwischen

den Eltern ging Wolfgang zur Bahn. Als sie an dem Haus vorüberkamen, in

dem Lämkes Portiers waren, stand Frida in der Tür. Sie mußte sich heute

früher als sonst am Sonntag herausgemacht haben; sie war schon ganz im

Staat, sah allerliebst aus, lächelte und nickte. Gleich darauf steckte

Mutter Lämke den Kopf aus dem niedrigen Souterrainfenster und sah dem

Knaben nach.

»Da jeht er nu hin,« philosophierte sie. »Wer weeß ooch, wie sich det

noch im Leben für ihn jestaltet!« Sie war ganz gerührt.

Es war ein herrliches Wetter heute, ein wirklicher Frühlingstag. Eine

festliche Helle glänzte über den geschmackvollen Villen; alle Sträucher

trieben, Krokus, Tulpen, Primeln blühten freudig. Selbst Berlin mit

seinen grauen Häusermassen und seinem lärmenden Verkehr zeigte ein

sonntägliches Gesicht. Es war so viel stiller auf den Straßen;

freilich sausten die elektrischen Bahnen dahin, und Droschken

fuhren und Equipagen, aber keine Lastwagen rollten, keine Bier- und

Schlächterkarren. Es ging alles so viel stiller zu, wie gedämpft, wie

gesänftigt. Die Straßen erschienen noch breiter als sonst, weil sie

leerer waren, und die Menschen, die auf ihnen gingen, zeigten andre

Gesichter als sonst.

Zur Kirche strömten die Konfirmanden; es war ihrer eine große Zahl

Knaben und Mädchen. Meist fuhren die Mädchen im Wagen vor, sie waren ja

alle Töchter aus guten Häusern.

Ach, all diese Jugend! Käte konnte eine leis-sehnsüchtige, fast

neidvolle Regung kaum unterdrücken: wer doch auch noch so jung wäre!

Aber dann ging jeder selbstische Gedanke unter in dem einen Gefühl: der

Junge, der Junge, der schritt nun heraus aus der Kindheit Land! Gott sei

mit ihm!

Empfindungen, von denen sie lange nichts mehr gewußt hatte, kindlich

gläubige, ganz naive Empfindungen durchwogten sie; alles, was die Jahre

und das Leben in der Welt so mit sich gebracht hatten, fiel von ihr ab.

Heute war sie wieder jung wie die da vorm Altar, vertrauensselig,

hoffnungsfroh.

Doktor Baumann machte die Einsegnung sehr mahnend-ernst; viele der

jungen Kinder schluchzten nicht minder als ihre Mütter. Ein Schauer

wehte durch die gefüllte Kirche, tief senkten sich die jungen dunklen

und blonden Köpfe. Käte sah nach Wolfgang hin: sein Kopf war der

dunkelste von allen. Aber er hielt ihn nicht gesenkt, sondern aus

unsteten Augen irrte sein Blick durch die Kirche, bis hin zu jenem

Fenster; dort blieb er starr haften. Was suchte er da – an was dachte

er?! Sie glaubte zu bemerken, daß er nicht bei der Sache war, und das

schaffte ihr Unruhe. Näher zu ihrem Mann rückend, flüsterte sie: »Siehst

du ihn?!«

Er nickte und flüsterte zurück: »Freilich! Er ist größer als alle

andern!« Es lag etwas von Vaterstolz in Schliebens Flüstern. Ja, heute

an diesem Tage fühlte er es: wenn man auch manche Sorge hatte, die man

sonst nicht gehabt hätte, manche Unbequemlichkeit und Unannehmlichkeit,

manche Freude hätte man doch auch nicht kennen gelernt! Trotz allem und

allem: der Junge konnte gut werden! Wie jünglinghaft seine Erscheinung

war! Einen fast männlichen Zug hatte er um den Mund! Sonst war dem Vater

das noch nie aufgefallen – machte wohl der schwarze Anzug die

Knabengestalt so ernsthaft?!

Wolfgangs Gedanken gingen eigne Wege; nicht die hier vorgeschriebenen.

Viele Empfindungen kreisten in ihm, aber keine derselben konnte er

festhalten; er war sehr zerstreut. Durchs Viereck in des Kirchenfensters

Scheibe sah er leere Luft, und diese belebte sich ihm mit huschenden

Gestalten: Vater, Mutter, Frida, Lehrer und Kameraden. Aber alle glitten

sie vorüber, keine Erscheinung blieb. Er fühlte sich plötzlich ganz

allein inmitten der Menge von Menschen.

Als die Reihe an ihn kam, trat er mechanisch zum Altar, neben sich

Kullrich; vor sich Lehmann und Kesselborn. Wie er diese beiden jetzt auf

einmal wieder haßte! Seine Uhr, seine goldene Uhr hätte er ihnen vor die

Füße werfen mögen: da, nehmt sie! Aber nehmt zurück, was ihr gesagt

habt, nehmt’s zurück! Pfui, was war das für eine gräßliche Nacht gewesen

– ekelhaft! Die fühlte er noch in den Gliedern; schwer waren seine

Füße, und als er jetzt auf dem Polster niederkniete, das auf der

Altarstufe lag, waren seine Kniee steif. Kullrich neben ihm weinte in

einem fort leise. Aha, der dachte wohl an seine Mutter, die nicht mehr

bei ihm war! Armer Kerl! Und plötzlich fühlte Wolfgang, daß ihm etwas

Feuchtheißes in die Augen drängte.

Oben summte die Orgel leise, und in das sanfte Tönen sprach die milde

Stimme des Geistlichen die Sprüche hinein, die er seinen Konfirmanden

ausgesucht hatte:

»Offenbarung Johannis, Kapitel 21, Vers 4. Und Gott wird abwischen alle

Tränen von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid,

noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist

vergangen!«

Aha, das war was für Kullrich! Der hob das tränennasse Gesicht, das so

rot und heiß war, zu der Tröstung empor. Aber nun, nun – Wolfgangs Atem

stockte – jetzt, jetzt kam =sein= Spruch! Was würde =er= für einen

Spruch bekommen, was würde man =ihm= sagen?!

»Ebräer 13 Vers 14. Denn wir haben hie keine bleibende Statt, sondern

die zukünftige suchen wir!«

Das – das sollte für ihn sein?! Was hieß das?!

Eine ungeheure Enttäuschung kam über Wolfgang, denn – hatte er nicht

auf den Spruch geharrt wie auf eine Offenbarung?! Der Spruch, der

Spruch, der sollte ein Gottesurteil sein! Der wollte sagen: was wahr war

– oder was nicht wahr war. Und nun –?!

›Wir haben hier keine bleibende Statt,

die zukünftige suchen wir‹ –

nun sagte der gar nichts!

In allen Hoffnungen betrogen, erhob er sich mechanisch von der

Altarstufe. Er sah nicht, daß der Blick der Mutter ihn heimlich grüßte,

daß auch der Vater ihm verstohlen zunickte, Freundlichkeit im Gesicht;

er war ganz verstört, ganz ernüchtert, ganz benommen von dieser

Enttäuschung.

Wär’s nur schon zu Ende hier! Ach, wie ermüdend war dieses lange

Stillesitzen! Wolfgang war blaß und gähnte verstohlen; die durchwachte

Nacht machte sich geltend, kaum daß er sich des Einschlafens enthielt.

Endlich, endlich erklang das Amen, endlich, endlich brauste von der

Orgel der Schlußchoral!

Strömend, wie eine nicht endenwollende Flut, ergoß sich die übergroße

Menge aus der Kirche. Jedes Kind gesellte sich zu seinen Eltern;

zwischen Vater und Mutter traten die Eingesegneten aus dem Portal.

Auch Wolfgang ging so, wieder wie vordem. Vor sich sah er Kullrich –

nur mit seinem Vater; beide trugen noch immer den breiten Trauerflor. Da

machte er sich los von den Seinen und trabte rasch hinter Kullrich her.

Er hatte dem nie besonders kameradschaftlich nahegestanden, aber nun

faßte er ihn bei der Hand und drückte und schüttelte sie ihm, stumm,

ohne Worte, und machte dann rasch wieder kehrt.

Die impulsive Teilnahme ihres Sohnes rührte Käte tief; sie war ohnehin

heute unendlich weich. Als Wolfgang wieder neben ihr schritt, sah sie

ihn von der Seite an mit tiefem Gefühl: ach, er war doch gut, so gut!

Und heiße Hoffnungen und Wünsche stiegen aus ihrer Seele zum Himmel

empor.

Licht war der Himmel, so blau, kein Wölkchen daran.

Sie nahmen einen Wagen, um nach Hause zu fahren, denn beiden Eltern

widerstrebte es, sich mit so und so viel gleichgültigen, schwatzenden

Menschen in der Bahn zu drängen; sie hatten das Verlangen, mit ihrem

Sohne allein zu sein. Wolfgang war schweigsam; er saß der Mutter

gegenüber, ließ seine Hand, die sie auf ihren Knieen hielt, wohl in

ihrer Hand, aber seine Finger erwiderten nicht den zarten, warmen Druck.

Er saß so still, als sei er gar nicht zugegen.

Wieder fuhren sie am Haus vorüber, in dem Lämkes Portiers waren; beim

Rollen des Wagens auf der sonnentrocknen, harten Straße sprang Frida

rasch ans Fenster, lächelte und nickte wieder. Aber von Mutter Lämke

war jetzt nichts zu sehn, und Wolfgang vermißte das – nun, heute

nachmittag, so wie er sich losmachen konnte, würde er zu Lämkes gehen!

In der Villa warteten schon Gäste. Ein großes äußeres Fest wollte man

nicht aus der Konfirmation machen, aber den guten alten Sanitätsrat,

dessen Frau, und die beiden Sozien hatte man doch einladen müssen. Alles

ältere Leute; Wolfgang saß zwischen ihnen, ohne viel andres zu reden als

›Ja‹ und ›Nein‹, wenn er gefragt wurde. Aber er aß und trank tüchtig;

das Essen war immer gut, aber Kaviar und Kibitzeier, wie heute, gab’s

doch nicht alle Tage. Immer röter wurde sein Kopf und benommener; man

hatte zuletzt in Sekt auf sein Wohl getrunken, und Braumüller, der

älteste Sozius, ein sehr jovialer Mann, hatte sich einen Spaß daraus

gemacht, dem Gefeierten immer wieder einzuschenken.

»Na, Wolfgang, wenn Sie erst ins Geschäft eintreten! Na denn, mein

Junge, prost!«

Es war schon fast fünf Uhr, als man von Tische aufstand. Die Damen

setzten sich in den Salon zum Kaffee, die Herren gingen ins Rauchzimmer.

Wolfgang stahl sich fort, es zog ihn mächtig zu Lämkes. Erstens wollte

er die goldene Uhr zeigen, und dann wollte er auch mal fragen, was für

einen Spruch Frida eigentlich bei ihrer Einsegnung bekommen hatte, und

dann, dann – was wohl Mutter Lämke zu ihm sagen würde?!

›Wir haben hier keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir‹ – das

war doch wirklich ein dummer Spruch! Und doch wollte der ihm nicht aus

dem Kopfe. Wie er jetzt so langsam dahinschlenderte durch die weiche,

silbrige, ahnungsvolle Frühlingsluft, grübelte er in einem fort darüber.

Nein, so ganz dumm war der Spruch denn doch nicht! Nachdenklich zog er

die Brauen zusammen, sah empor nach den unbewegten Wipfeln der Kiefern

und dann umher – ›wir haben hier keine bleibende Stätte‹ – konnte das

nicht auch bedeuten: hier ist deine Heimat nicht?! Aber wo – wo?!

Ein seltsamer Glanz kam in das dunkle Auge, ein Suchen war darin. Und

dann wurde das weinrote, vom Festmahl erhitzte Gesicht blaß. Wenn es

wahr wäre, was die beiden sagten?! Ach, und noch so manches andre kam

ihm jetzt auf einmal in die Erinnerung: da war doch die Lisbeth gewesen,

das garstige Frauenzimmer, das vor der Cilla bei ihnen gedient hatte –

was hatte die Lisbeth doch immer alles geplappert, wenn sie schlechter

Laune war?! ›Du hast ja gar nichts zu suchen hier‹ – ›Gnade und

Barmherzigkeit‹ – allerhand so was, er brachte es jetzt nur nicht mehr

recht zusammen. Schade! Damals war er eben noch zu jung und harmlos

gewesen, aber jetzt – jetzt?!

»Verdammte Person!« Er ballte die Faust. Aber, ach, wenn er sie jetzt

nur hier hätte! Kein Schimpfwort wollte er ihr sagen, nein, es ihr

herauslocken, ganz sanft und schmeichelnd, denn wissen, wissen mußte

er’s jetzt!

Einer Mutter Sohn · 第 14 / 23 段