wohl, was ich zu tun habe! Morgens schon vor achte ’rein mit die
Stadtbahn, un denn nur zwei Stunden Tischzeit – immer ’rein, ’raus –
un abends bin ich meist nie vor zehne zu Hause, oft auch noch später.
Dann bin ich so müde, dann schlafe ich wie ’ne Ratze. Aber Sonntags,
dann läßt mir die Mutter mal ausschlafen, und nachmittags jehe ich mit
Arturn und Flebbe los, wir –«
»Wo geht ihr hin?« fragte er hastig. »Ich kann ja auch mal mitgehn!«
»Och du!« Sie lachte ihn aus. »Du darfst ja nich!«
»Nein!« Tief senkte er den Kopf.
»Na, sei man nich traurig,« ermunterte sie und fuhr ihm mit dem
Zeigefinger, an dem der schäbige Glacéhandschuh an der Spitze
aufgesprungen war, ums Kinn. »Dafor biste ja auch Schüler vons
Gymnasium. Artur kommt nächsten Herbst auch in de Lehre. Mutter denkt,
bei’n Friseur. Un Flebbe, der lernt ja schon Matrealist – sein Vater
hat’s ja dazu – wer weiß, der kriegt an’n Ende noch mal ’n eijnes
Jeschäft!«
»Ja,« sagte Wolfgang eintönig in ihr Plaudern hinein. Wie verloren stand
er auf der Straße, seine Bücher unter den Arm gepreßt. Ach, wie weit,
weit war die hier, waren die alle drei nun auf einmal von ihm gerückt!
Die, mit denen er einst täglich gespielt hatte, deren Hauptmann er stets
gewesen war, die waren nun schon so groß, und er, er war noch ein dummer
Schuljunge!
»Verflixt!« Mit einer heftigen Gebärde schleuderte er seinen
Bücherpacken von sich, daß der Riemen, der ihn zusammenhielt, sich
löste. Alle Bücher und Hefte flogen auseinander und lagen voneinander
gespreizt im Staub der Straße.
»Au weh, aber Wölfchen!« Frida bückte sich ganz erschrocken und las
eifrig alles zusammen.
Er half ihr nicht aufsammeln. Mit einem bösen Ausdruck starrte er vor
sich hin.
»Da – da haste se wieder,« sagte das vom emsigen Bücken ganz rot
gewordene Mädchen, pustete die Bücher ab und zwängte sie ihm wieder
unter den Arm.
»Ich mag nicht!« Er ließ sie wieder fallen.
»Na, du bist jut! Was fällt dir denn ein – die teuern Bücher!« Sie
konnte sich ordentlich über ihn ärgern. »Weißte denn nich, daß die Jeld
kosten?!«
»P–!« Er machte eine Handbewegung, wie: was macht das?! »Dann werden
eben neue gekauft!«
»Wenn dein Vater auch Jeld genug hat,« ereiferte sie sich, »das ’s doch
nicht recht von dir, so mit die juten Sachen umzujehn!«
Er sagte kein Wort hierauf, aber er hob nun die Bücher auf und schnallte
sie wieder in den Riemen. Verlegen standen sie beide zusammen. Sie sah
ihn verstohlen von der Seite an: hatte der sich aber verändert! Und er
ärgerte sich über seine Heftigkeit: was sollte sie nun wohl von ihm
denken?!
»Ich muß nu jehn,« sagte sie plötzlich, »sonst krieg ich nich mal mehr
mein Mittagessen jejessen – au, hab ich ’n Hunger!« Sie legte die Hand
auf den Magen: »Das wird schmecken! Mutter hat heute Pellkartoffeln un
Hering!«
»Ich gehe mit!« Seinen Schritt dem ihrigen anpassend, trabte er neben
der eilig Trippelnden her.
Sie war ganz rot geworden: was würde die Mutter sagen, wenn sie Wolfgang
mitbrachte?! Nein, das ging wirklich nicht an, es war ja heute, gerade
heute bei ihnen nicht aufgeräumt! Und gelogen hatte sie auch: es gab ja
gar nicht Hering, nur Zwiebelsauce zu den Pellkartoffeln!
Sie genierte sich vor Wolfgang. »Nee, jeh du man nach Hause,« sagte sie
und verschanzte sich hinter einem Schmollen, »biste so lange nich bei
uns jewesen, brauchste auch heute nich. Ich bin dir böse!«
»Mir böse – mir?! Was hab ich denn getan? Ich sollte doch nicht zu euch
kommen, ich durfte doch nicht – dafür kann ich doch nicht! Frida!«
Sie fing an zu rennen, blutrot im Gesicht; er rannte neben ihr her.
»Frida! Frida, mir, mir kannst du doch nicht böse sein?! Och, Frida, sei
doch nicht so! Frida, laß mich doch mitgehen! Nun bin ich dir endlich
mal begegnet, und nun bist du so?!«
Es lag Trauer in seiner Stimme. Sie fühlte die wohl heraus, aber
zugleich ärgerte sie sich: was brauchte er sich ihr so anzukleben!
Flebbe würde das auch gar nicht recht sein! Und so sagte sie
schnippisch: »Wir passen ja doch nich zusammen. Jeh du nur mit deinen
Fräuleins. Zu denen jehörste nu mal!«
»Sag das noch mal – untersteh dich!« Grob schrie er’s und hob die Hand,
als wollte er ihr einen Schlag geben. »Dumme Zieraffen, was gehen die
mich an?!«
Er hatte recht – das mußte sie ihm innerlich zugestehen – nie hatte er
sich an einen der Backfische herangemacht, die hier rund herum in den
Villen wohnten. Sie wußte es wohl, daß er sie allen vorzog, und fühlte
sich geschmeichelt in ihrer Eitelkeit; besänftigend sagte sie, aber
zugleich ausweichend: »Nee, Wölfchen, du kannst aber doch nich mehr mit
mir jehen, es paßt sich doch nu mal nich mehr!« Und sie bot ihm die
Hand: »Adieu, Wolfgang!«
Sie waren gerade zwischen dem Buschwerk eines kleinen Schmuckplatzes mit
Bänken, an dem die Villen, hinter Vorgärten ganz versteckt, weit
zurücklagen. Kein Mensch war in Sicht im stillen Mittagssonnenglanz.
Aber wären auch Leute gekommen, es hätte ihn nicht abgehalten; mit
beiden Armen packte er sie wie in einer Art von Wut: »Ich gehe mit –
ich laß dich nicht!«
Unsanft wehrte sie sich: was fiel dem dummen Jungen ein?! Der war wohl
verrückt?! »Laß mich doch,« fauchte sie wie eine kleine Katze, »läßte
mich jleich los?! Au! Warte man, ich sage es Flebben, der soll dir auf
’n Kopp kommen! Laß mich doch in Ruhe!«
Er ließ sie nicht los. Ohne Wort hielt er sie umklammert, seine Bücher
lagen wieder im Staub.
Wollte er sie küssen oder schlagen?! Sie wußte es nicht; aber sie hatte
Angst vor ihm und wehrte sich wie sie konnte. »Du Durchbrenner,« zischte
sie ihn an, »na, du bist ’n Schöner! Rennt fort von Hause, verkriecht
sich im Walde! Aber sie haben dir ja doch jekriegt – ätsch!«
Er hatte sie plötzlich losgelassen; sie stand vor ihm und höhnte ihn
aus. Nun hätte sie gut fortlaufen können, aber nun reizte es sie, stehen
zu bleiben und ihn herunterzumachen: »Durchbrenner! Auskneifer!«
Er war sehr rot geworden, den Kopf hielt er tief gesenkt.
»Wie konntste das bloß machen?« fuhr sie fort mit einer gewissen
Grausamkeit. »Na, so dumm! Alle haben se dir ausjelacht! Wir wollten ’t
absolut erst jar nich jlauben. Nee, ich sage, rennt der Bengel weg, ohne
Jeld, ohne Mütze, ohne ’n Stück Brot in der Tasche! Du wollt’st wohl so
nach Amerika, was?!« Sie musterte ihn von Kopf bis zu Füßen, und dann
warf sie ihren Oberkörper ein wenig hintenüber und lachte laut: »Na, so
was!«
Er hob den Kopf nicht, murmelte nur vor sich hin: »Lachen sollst du
nicht drüber – nein, lachen nicht!«
»Na, was denn? Vielleicht weinen? Was jeht’s mich an! Deine Mutter hat
jenug drüber jeweint, un dein Vater ist ’rumgerannt wie ’n Verrückter.
Die janzen Beamten vons Revier waren auf ’n Beinen. Sag mal, du hast
wohl ordentlich Dresche jekriegt, als sie dir nach Hause brachten am
Schlafittchen?!«
»Nein!« Er hob plötzlich den Kopf und sah ihr starr in die ein wenig
boshaft funkelnden Augen.
Es war etwas in diesem Blick – ein stummer Vorwurf – das zwang sie,
ihre Lider zu senken.
»Geschlagen haben sie mich nicht – das hätte ich mir auch nicht
gefallen lassen – nein, geschlagen nicht!«
»Eingesperrt?« fragte sie neugierig.
Er gab ihr keine Antwort; was sollte er sagen?! Nein, eingesperrt hatten
sie ihn nicht, er durfte frei umhergehen in Haus und Garten, auf der
Straße, in der Schule – und doch, er war doch nicht frei!
Tränen schossen ihm plötzlich in die Augen; stammelnd und stockend
brachte er’s heraus: »Du – du solltest – mich – nicht – nicht höhnen
– Frida! Ich bin so – so –«
Er wollte sagen ›unglücklich‹; aber das Wort kam ihm zu klein vor und
auch wieder zu groß. Und er schämte sich, es laut auszusprechen. So
stand er stumm, wie mit Blut übergossen; und nur Tränen, die er nicht
mehr zurückhalten konnte, rollten über sein Gesicht und fielen in den
Staub der Straße.
Es waren Tränen des Schmerzes und der Wut. Über ein halbes Jahr war’s
nun schon her – ach, schon länger – aber es drückte ihn doch noch, als
wäre es gestern gewesen. Keinen Augenblick noch hatte er’s vergessen,
daß sie ihn eingefangen hatten mit solcher Leichtigkeit. So bald hatten
sie ihn gefunden! Beim Morgengrauen schon, noch ehe die Sonne eines
neuen Tages aufgegangen war. Und eingebracht hatten sie ihn im Triumph.
Was ihm eine große Tat gewesen war, ein Heldenstück, das war ihnen ein
Dummerjungenstreich. Die Mutter hatte wohl viel geweint, aber der Vater
hatte ihn nur am Ohrläppchen gezogen: ›Einmal und nicht wieder, mein
Sohn, das merke dir!‹
Wolfgang weinte still, aber heftig. Frida stand vor ihm und sah ihn
weinen, und plötzlich schoß es auch ihr naß in die Augen – sie war doch
immer seine gute Freundin gewesen. Nun weinte sie mit.
»Wölfchen,« schluchzte sie, »weine man nich! Es is ja nich so schlimm!
Die Leute wissen schon nischt mehr davon – so was verjißt sich! Zu
schämen brauchste dir noch lange nich – warum denn? Daß de denen bei
dir zu Hause mal en bißchen bange jemacht hast, schad’t jar nischt! Nu
sagste einfach, wenn se dir nich zu uns lassen: ›denn renne ich wieder
weg!‹ Komm man nächsten Sonntag nachmittag, denn jehe ich nich mit Artur
un Flebbe – nee, denn warte ich auf dich!«
Mit der einen Hand wischte sie sich die Tränen ab, mit der andern
ihm.
So standen sie im hellen Sonnenglanz, inmitten von blühenden Büschen.
Flieder duftete; ein Rotdornbaum und ein Goldregen streuten, geschüttelt
vom leisen Maiwind, ihre schönfarbigen Blütenblättchen über sie. Der
dunkle und der blonde Kopf neigten sich dicht zueinander.
»Frida,« sagte er und faßte ihre Hand so fest, als klammerte er sich
daran, »Frida, bist =du= mir denn wenigstens noch gut?!«
»Na, natürlich!« Sie nickte und ließ, noch Tränenspuren im Gesicht,
gleich wieder ihr helles, frohes Lachen ertönen. »Das wäre ’ne nette
Freundschaft, wenn die so rasch in die Wicken jinge! Da –!« Sie spitzte
den Mund und gab ihm einen Kuß.
Er wurde sehr verlegen, sie hatte ihm ja noch nie einen Kuß gegeben.
»Da!« Sie gab ihm noch einen. »Un nu sei man auch wieder verjnügt, mein
Junge! Es is ja so ’n wunderschönes Wetter!«
* * * * *
»Du kommst heute spät,« sagte die Mutter, als Wolfgang, statt um eins,
erst um zwei aus der Schule kam. »Du hast doch nicht etwa nachbleiben
müssen?«
Ein Gefühl des Unmuts stieg in ihm auf: wie kontrollierte sie ihn doch
immer! Die frohe Stimmung, in die ihn seine Freundin Frida versetzt
hatte, war hin; die Fesseln drückten wieder. Aber er dachte noch viel an
Frida. Am Nachmittag, beim Arbeiten, tauchte ihr Kopf mit dem dicken
Haarknoten immer hinter seinem Pult auf und reckte sich über sein Buch
und störte ihn; aber es war eine angenehme Störung. Schade, daß Frida so
wenig Zeit mehr hatte! Wie war das doch schön gewesen, als sie noch
Kinder waren! Sie war ihm immer die Liebste gewesen, mit ihr hatte er
noch besser spielen können als mit den beiden Jungen, sie hatte ihn
immer verstanden und immer zu ihm gehalten – ach!
Es war ihm, als müßte er jetzt den Jungen, der damals Räuberhauptmann
gespielt und sich Kartoffeln in der Asche gebraten hatte, als müßte er
selbst den Jungen, der einmal so krank gewesen war, daß man ihn, als er
zum ersten Mal an die freie Luft sollte, im Krankenstuhl fahren mußte,
als müßte er diesen Jungen so recht aus tiefster Seele beneiden. Der,
der jetzt hier am Pult saß und zerstreut über seine Hefte hinweg ins
Leere blinzelte, der war dieser Junge nicht mehr. Der war kein Kind
mehr! Es kam Wolfgang auf einmal vor, als läge eine goldene Zeit
unwiederbringlich verloren und weit hinter ihm. Als hätte er gar keine
Freuden mehr vor sich. Hatte der Prediger, zu dem er jetzt in die
Konfirmandenstunde ging, nicht auch gesagt: ›Ihr seid nun nicht Kinder
mehr?!‹ Und hatte der Prediger nicht weiter gesprochen: ›Der Ernst des
Lebens tritt nun bald an euch heran?!‹ Ach, der war schon da!
Die Stirn gerunzelt, das zerkaute Ende des Federhalters zwischen den
Zähnen, saß Wolfgang unlustig vor seiner Arbeit. Er brütete. Allerlei
Gedanken kamen ihm, die er früher nie gehabt hatte; Worte fielen ihm auf
einmal ein, die er noch nie so überlegt hatte. Was hatten eigentlich die
in der Klasse dabei, daß sie ihn oft so sonderbar fragten?! Sie fragten
nach seinen Eltern – na, was war denn an denen so Merkwürdiges?! – und
wechselten dabei untereinander Blicke und sahen ihn so neugierig an! Was
hatte er denn Komisches an sich?! Der Lehmann war am neugierigsten –
und so unverschämt! Der hatte ihn neulich so verschmitzt angeplinkt von
der Seite und die Backen aufgeblasen, als müßten die platzen beim Lachen
über das besonders witzige: ›Du siehst deinem Alten aber mal verflucht
wenig ähnlich!‹ Sah er wirklich weder Vater noch Mutter ähnlich –
keinem von beiden?!
Als Wolfgang sich heute am Abend auskleidete, stand er lange vor dem
Spiegel, der über seinem Waschtisch hing, ein Licht in der Hand, und
hielt es bald rechts, bald links, bald höher, bald tiefer. Heller Schein
fiel auf sein Gesicht. Der Spiegel war gut, gab jeden Zug treulich
wieder in seinem klaren Glas – aber da war keine, auch gar keine
Ähnlichkeit zwischen dieser derben Nase und dem feinen Näschen der
Mutter! Auch des Vaters Nase war ganz anders. Und keiner von den Eltern
hatte eine so breite Stirn mit tief hineingewachsenem Haar, und auch
nicht so fast zusammenstoßende Brauen – dunkle Augen hatte der Vater
zwar, aber sahen sie diesen hier, die so schwarz waren, daß selbst das
ganz nahe gehaltene Kerzenlicht sie nicht erhellen konnte, eigentlich
ähnlich?!
Mit einer Miene der Ungewißheit wendete sich der Knabe endlich ab. Und
doch war in dem Seufzer, den er jetzt ausstieß, etwas von leiser
Befreiung. Wenn er ihnen äußerlich denn so wenig ähnlich sah, brauchte
er sich dann zu wundern, daß er oft auch so ganz, ganz anders dachte und
fühlte als sie?!
Merkwürdig, wie die Jungen in der Schule ein Abklatsch von zu Hause
waren! Und wie die großen Kerle noch ihren Müttern am Rockzipfel hingen!
Da war der Kullrich, der hatte vierzehn Tage gefehlt, weil seine Mutter
gestorben war, und als er zum ersten Mal nachdem wieder in die Schule
gekommen war – eine schwarze Binde um den Jackenärmel –, war die ganze
Klasse wie verdreht gewesen. Sie gingen mit ihm um, als wäre er ein
rohes Ei, und sprachen ganz gedämpft, und kein Mensch machte einen Witz.
Und als zufällig in der Konfirmandenstunde, in die Kullrich auch ging,
der Spruch vorkam: ›So euch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt
euch auf,‹ guckten sie alle wie auf Kommando nach ihm hin, und der
Kullrich legte den Kopf auf seine Bibel und hob ihn die ganze Stunde
nicht mehr auf. Nachher ging der Lehrer zu ihm hin und sprach lange mit
ihm und legte ihm die Hand auf den Kopf.
Das war schon eine ganze Weile her, aber vergnügt war der Kullrich noch
immer nicht. In der Pause, wenn alle auf dem Hof promenierten und
Butterbrot aßen, stand er fern und aß nicht. War es denn so schwer, die
Mutter zu entbehren?! –
Es war heute eine wundervolle Mondscheinnacht über den schweigenden
Kiefern; lange, lange noch lag der Knabe im Fenster. Die Augen brannten
ihm; wie ein Mückenschwarm, der dicht wie eine Wolke in der Luft auf und
nieder wirbelt, schwirrten ihm die Gedanken. Woher kamen sie, woher nur
so auf einmal?!
Er gab die heiße Stirn, die Brust, auf der das Nachthemd auseinander
geglitten war, dem kühlen Atem der Mainacht preis – ah, das tat gut!
Das war das Beste, das Einzige, was sänftigte, was Ruhe gab! Ha, diese
freie Luft, so rein, so frisch!
Wo jetzt wohl die Cilla sein mochte?! Er hatte nie mehr von ihr gehört.
Die war jetzt da, wo er auch gerne hätte sein mögen – ach, so gern!
Durch die stille Nacht kam’s wie schwebender Glockenklang, und er reckte
die Arme und bog sich weit und weiter zum Fenster hinaus.
In dieser Nacht träumte Wolfgang so lebhaft von Cilla, daß er, als er
erwachte, glaubte, sie stehe an seinem Bett, sie sei noch gar nicht fort
von ihm. Aber dann sah er, als er sich die Augen gerieben hatte, daß der
Platz, auf dem sie noch eben freundlich lächelnd gestanden hatte, leer
war.
Nach den Schulstunden mußte er in die Konfirmandenstunde; nächste Ostern
sollte er eingesegnet werden. Er war zwar noch etwas jung, aber
Schlieben hatte zu Käte gesagt: ›Er ist körperlich so sehr entwickelt.
Wir können ihn doch nicht als baumstarken, wenigstens äußerlich völlig
erwachsenen Menschen einsegnen lassen. Sein Alter ist übrigens auch ganz
das richtige. Es ist viel besser für ihn, wenn er nicht erst zu
reflektieren anfängt!‹
Ob er nicht doch schon reflektierte?! Es war Käte oft, als wiche der
Junge ihr aus, wenn sie ihn über die Religionsstunden befragte. Verstand
der Lehrer es nicht, seine Seele zu fesseln? Doktor Baumann galt für
einen ausgezeichneten Theologen, seine Predigten wurden gestürmt, es war
eine besondere Vergünstigung, sich der überreichen Zahl seiner
Konfirmanden anreihen zu dürfen; alle Schüler schwärmten für ihn, Leute,
die er vor zehn, fünfzehn Jahren eingesegnet hatte, sprachen noch davon
wie von einem Erlebnis.
Käte machte es sich zur Aufgabe, die Predigten des beliebten Geistlichen
fleißig zu besuchen. Sonst war sie eigentlich nur Weihnachten und
Karfreitag zur Kirche gegangen, jetzt ging sie fast alle Sonntag, ihrem
Knaben zulieb, denn er mußte jetzt gehen. Sie gingen Sonntags gemeinsam
aus dem Haus, fuhren gemeinsam zur Kirche, saßen nebeneinander; aber
während sie dachte: ›Wie geistvoll, wie durchdacht, welch ein Schwung,
muß der ein jugendliches Gemüt nicht mit sich fortreißen?!‹ – dachte
Wolfgang: ›Wär’s doch nur schon aus!‹ Er langweilte sich. Und noch nie
war seine Seele hier aufgeflogen so wie beim Klingeln des Glöckchens,
wie beim Heben der Monstranz, wie beim Duften des Weihrauchs vor
dämmernden Altären.
Es war etwas in ihm, das trieb ihn zu jener Kirche, die er einst mit
Cilla besucht hatte. Wenn er zur Konfirmandenstunde ging, mußte er da
unweit vorüber; aber wenn der Weg auch weiter gewesen wäre, er hätte es
doch möglich gemacht, dort einzutreten. Nur ein paar Minuten, nur wenige
Sekunden hier in einem Winkel stehen, nur ein paar Atemzüge tun in
dieser süßen, ahnungsvollen, einlullenden Weihrauchluft! Allzeit fand er
diese Kirche offen; und wenn er dann wieder hinaustrat in das Brausen
Berlins, ging er durch die Straßen mit ihrem Rennen und Fahren wie
einer, der aus einer andern Welt kommt. Dann achtete er nicht auf das,
was man ihm vortrug an Kirchenlehre und Kirchengeschichte – was waren
ihm Doktor Martin Luther, Calvin und andere Reformatoren?! – seine
Seele war gefangen, sein Denken untergegangen in einem Gefühl dumpfer
Gläubigkeit.
So gingen Sommer und Winter hin. Als die Tage längten und eine milde
Sonnenwärme alle winterliche Feuchte bald zu trocknen versprach, ließ
Schlieben seine Villa verputzen und neu streichen. Auch sie sollte ein
festliches Kleid anziehen zu des Sohnes Festtag.
Wunderhübsch guckte das weiße Haus mit den roten Dächern und den grünen
Läden hinter den Kiefern hervor; es hätte fast etwas Ländliches gehabt,
wären die großen Spiegelscheiben nicht gewesen und der neu angebaute
Wintergarten mit seinen Palmen und blühenden Azaleen. Im Garten säte
Friedrich den Rasen neu ein, und ein Gehilfe stach die Rabatten sauber
ab; überall wurde gegraben und gehackt. Dreist und froh zirpten Spatzen
überlaut; aber Papierschnipsel, die, an langen Bindfäden über eingesäte
Rasenflächen gespannt, im klärenden Wind flatterten, scheuchten die
Frechen vom willkommenen Futter. Alle Gärten erwachten; die
Rosenstämmchen waren zwar noch nicht von ihren Hüllen befreit, in denen
sie aussahen wie Strohpuppen, aber an den Obstbäumen zeigten sich die
knospenden Triebe, und der Seidelbast prangte in seinen pfirsichfarbenen
Blüten. Kinderwagen in Weiß und Himmelblau fuhren die Straße auf und
nieder, das Baby drinnen guckte schon hinterm Gardinchen vor, und kleine
Füßchen trippelten noch nebenher. Aus allen Türen kamen Bonnen und
Kinder, die Knaben mit Reifen, die Mädchen mit dem Ball in dem
gestrickten Netz. Kichernde Backfische zogen zum Tennis, und junge
Herrchen, vom Tertianer an, machten ihnen die Cour.
Überall Helle und Heiterkeit. In den Kiefernwipfeln freudig-erregtes
Rauschen, in den Weiden am Seerand ein Auf und Ab von quellendem Saft.
Ein Zug von Staren zog über die Grunewaldkolonie, und jeder Vogel
äugelte nieder und suchte sich aus, in welchem Kästchen der hohen
Stangenkiefern es ihn am meisten gelüstete zu nisten.
Oben auf Wolfgangs Bett lag der neue Anzug ausgebreitet – schwarze Hose
und Rock – zur Konfirmation. Nun sollte er ihn einmal anprobieren.
Es war ein eigentümliches Gefühl in Käte, ein Herzzittern dabei, als sie
ihm half, den ungewohnten Anzug anlegen. Bis jetzt war er immer wie ein
Junge gekleidet gewesen, in Kniehose und Matrosenbluse, nun sollte er
auf einmal wie ein Herr angezogen gehn. Der festlich-schwarze, feine
Anzug kleidete ihn nicht; nun sah man erst, daß er derb war. Steif stand
er da, die lange Hose zwängte ihn, der Rock war ihm ebenso unbequem; er
machte ein unglückliches Gesicht.
»Sieh dich doch an, sieh dich doch mal an,« sagte Käte und schob ihn vor
den Spiegel.
Er sah hinein; aber er sah den Anzug nicht, er sah nur das Gesicht der
Mutter, die mit ihm zu gleicher Zeit ins Glas blickte, und sah, daß da
auch nicht ein einziger Zug gemeinsam war zwischen ihm und ihr.
»Wir sehen uns kein bißchen ähnlich,« murmelte er.
»Wie – was sagst du?« Sie hatte nicht verstanden.
Er antwortete nicht.
»Gefällt dir der Anzug nicht?«
»Scheußlich!« Und dann starrte er zerstreut. Was hatten sie doch heute
vormittag wiederum gesagt? Sie hatten gestichelt! Lehmann und von
Kesselborn, die mit ihm eingesegnet wurden. War es darum, weil ihre
Väter nicht so reich waren?! Kesselborns Vater war ein verabschiedeter
Offizier, jetzt Standesbeamter, aber Kesselborn war schrecklich
eingebildet auf sein ›von‹; und Lehmann war Kesselborns Intimus. Aber er
hatte den beiden gesagt, daß er eine silberne Uhr schon seit dem achten
Jahr hätte, und daß er zur Einsegnung eine echt goldene bekäme, die er
dann immer, für alle Tage tragen würde – das hatte sie schmählich
geärgert!
Vor Beginn der Konfirmandenstunde war’s gewesen – sie waren schon alle
versammelt –, da hatte Kesselborn auf einmal gesagt: »Der Schlieben ist
ein Protz,« und sich dann direkt zu ihm gewendet: »Hab dich nur nicht
so!« Und Lehmann hatte noch zugefügt, auch recht laut, daß es alle hören
mußten: »Tu dich man nicht so dicke, man weiß doch, was man weiß!«
»Was weißt du?!« Er hatte dem Lehmann anspringen wollen wie ein Tiger,
aber da war der Geistliche eingetreten, und sie hatten gebetet. Und als
der Unterricht, von dem er fast nichts gehört hatte – er hörte
immerfort das andre –, aus gewesen war, wollte er sich über Kesselborn
und Lehmann hermachen, aber die saßen nahe bei der Tür und waren schon
weg, ehe er aus seiner Bank herauskonnte. Er sah sie nicht mehr. Aber er
sah Blicke, in denen eine gewisse Neugier und Schadenfreude lauerte –
oder war’s ihm nur so?! Er war sich darüber nicht klar geworden, er
hatte auch nicht weiter mehr darüber nachgedacht. Aber wie er nun das
Gesicht der Mutter so dicht neben dem seinen im Spiegel erblickte, fiel
ihm auf einmal alles wieder ein. Und schwer fiel’s ihm ein, plumpte wie
ein Stein in sein Denken.
»Ich sehe dir gar nicht ähnlich,« sagte er noch einmal. Und dann
belauerte er sie: »Dem Vater auch nicht!«
»O doch,« sagte sie hastig, »dem Vater sehr!«
»Keine Spur!«
Sie war heftig errötet, und nun sah er, daß sie jäh blaß wurde. Jetzt
lachte sie, aber es war etwas Gezwungenes in ihrem Lachen. »Es gibt doch
viele Kinder, die ihren Eltern wenig ähnlich sehen – das macht’s doch
nicht!«
»Nein, aber –!« Er hielt auf einmal inne und sprach nicht weiter und
zog die Brauen finster zusammen, wie er immer tat, wenn er angestrengt
nachdachte. Und unter diesen zusammengezogenen Brauen hervor schoß er so
scharfe, so mißtrauische, so prüfende Blicke in den Spiegel, daß Käte
unwillkürlich zur Seite wich und ihr Kopf nicht mehr neben dem seinen im
Glas zu sehen war.
Es hatte sie durchfahren mit plötzlichem Schreck: was meinte er, war’s
Absicht, daß er so sprach, oder sagte er’s völlig unbefangen?! Was ahnte
er – oder ahnte er nichts?! Was hatte man ihm gesagt, was wußte
er?!
Ihre Hände, die sich jetzt an seinem Anzug zu schaffen machten – sie
war niedergekniet und zupfte seine Beinkleider länger herunter –, waren
voll nervöser Hast, zupften hier, zupften da und zitterten.