verließ. Frau Schlieben hatte ihr ein gutes Zeugnis geschrieben; warum
sie eigentlich entlassen war, das war dem Mädchen noch nicht recht klar,
selbst als es auf der Straße stand. Die Frau wollte ein älteres
erfahrenes Mädchen haben – so hatte sie gesagt –, aber das glaubte
Cilla doch nicht recht, sie fühlte unbestimmt einen andern Grund heraus:
die mochte sie eben nicht leiden. Nun wollte sie erst einmal nach Hause
fahren, ehe sie einen neuen Dienst annahm, sie fühlte Heimweh, und der
Abschied hier aus der Stelle war ihr schwer geworden – des Jungen
wegen. Wie hatte der geweint! Gestern abend noch. Er hatte sich an ihren
Hals gehängt und sie vielmals geküßt, der große Junge, wie ein kleines
Kind! Und so viel hatte er ihr noch sagen wollen. Oben auf dem dunklen
Flur hatten sie gestanden miteinander gestern abend, da scheuchte sie
der Tritt der Frau, die die Treppe heraufkam; gerade noch, daß er in
seine Stube hatte entwischen können.
Und nicht einmal Adieu hatte sie ihm heute sagen können, dem guten
Jungen! Denn als er kaum in der Schule war, hatte die Frau gesagt: »So,
nun können Sie gehen!« Ganz verdutzt war sie gewesen, hatte sie doch
darauf gerechnet, erst am Nachmittag fortzukommen. Aber nun war das neue
Hausmädchen, eine Ältliche mit spitzem Gesicht, auch schon eher
angezogen; was sollte sie da auch noch? So hatte sie nur noch rasch die
Heiligenbildchen aus ihrem Gebetbuch alle in ein Papier gewickelt und in
die Schublade von des Jungen Nachttisch gesteckt – da würde er sie
gewiß finden – und ›Gruß von Cilla‹ darauf geschrieben. Dann war sie
abgezogen.
Ihren Korb hatte Cilla als Frachtgut aufgegeben, nun hatte sie nichts zu
tragen als ein kleines Ledertäschchen und einen Pappkarton mit Stricken
verschnürt. So konnte sie rasch vorankommen. Aber als sie dem
Stadtbahnhof zuging, blieb sie auf einmal stehen: um ein Uhr war die
Schule aus, nun ging es gegen elf, es kam wirklich nicht darauf an, wenn
sie etwas später abfuhr. Wie würde er sich freuen, wenn sie ihm noch
Adieu sagte und: ›Vergiß mich auch nicht!‹
Sie drehte sich um. In der Nähe der Schule würde sich schon eine Bank
finden, da wollte sie auf ihn warten.
Die Vorüberkommenden schauten neugierig nach der jungen Person, die wie
ein Soldat, still und steif, in der Nähe des Gymnasiums auf Posten
stand. Eine Bank hatte Cilla nicht gefunden; sie traute sich nicht weit
vom Eingang fort, aus Angst, ihn zu verpassen. So stand sie denn, mit
ihrem kleinen Täschchen am Arm, den Karton hatte sie zur Erde gesetzt.
Ab und zu fragte sie jemanden, wieviel Uhr es sei. Die Zeit verging
langsam; endlich war es bald eins. Da fühlte sie ihr Herz klopfen: der
gute Junge! Schon sah sie seine dunklen Augen freundlich aufglänzen,
hörte ein erstauntes: ›Cillchen, du?!‹
Ihren Hut zurechtrückend auf dem schönen blonden Haar, ein höheres Rot
auf den roten Wangen, sah Cilla hin nach dem Schultor: gleich würde es
klingeln – dann kam er angestürmt – da – auf einmal sah sie die Frau.
Die –?! Mit schnellen Schritten kam Frau Schlieben aufs Schultor zu. O
weh!
Mit ein paar raschen Sätzen sprang das Mädchen hinter ein Gebüsch: die
holte heute selber ihren Wolfgang ab?! Ach, da mußte sie ja gehen! Und
sehr betrübt schlich sie zum Bahnhof. All die Freude, in der ihr Herz
geklopft hatte, war hin; aber einen Trost hatte sie doch: der Wolfgang
würde sie nicht vergessen. Nein, nie! –
Wolfgang war sehr erstaunt, als er seine Mutter sah. Er brauchte doch
nicht abgeholt zu werden?! Das hatte sie doch auch früher nicht selber
getan?! Er war unangenehm berührt. War er denn ein kleines Kind? Die
andern würden ihn auslachen! Ein Unmut brannte in ihm, aber der Mutter
Güte entwaffnete ihn.
Sie war heute besonders weich und sehr gesprächig. Sie fragte ihn nach
all dem, was sie heute in der Schule gehabt hatten, schalt auch nicht,
als er gestand, er habe zehn Fehler im lateinischen Extemporale gemacht,
im Gegenteil, sie verhieß ihm einen Ausflug nach Schildhorn am
Nachmittag. Es war ja ein so schöner, sonnenheller, fast sommerlicher
Herbsttag. Ganz vergnügt schlenderte der Knabe neben ihr her, seine
Bücher am langen Riemen schlenkernd. Daß Cilla heute abgehen sollte,
hatte er augenblicklich ganz vergessen.
Freilich, als sie nach Hause kamen und das fremde Mädchen ihnen öffnete,
machte er große Augen, und als sie zu Tisch gingen und die neue mit dem
spitzen Gesicht, die aussah wie ein Fräulein, die Speisen auftrug, hielt
er sich nicht länger.
»Wo ist Cilla?« fragte er.
»Die ist fort – du weißt doch,« sagte die Mutter so nebenhin.
»Fort –?!« Er wurde blaß und dann glühend rot. Also gegangen, ohne ihm
Adieu zu sagen?! Er hatte auf einmal keinen Appetit mehr, obgleich er
vorher solchen Hunger gehabt hatte. Jeder Bissen würgte ihn; starr sah
er auf seinen Teller, wagte nicht aufzublicken, denn er fürchtete, er
könnte weinen.
Die Eltern sprachen über dieses und jenes – allerlei Gleichgültiges –,
und in ihm schrie es: ›Warum ist sie gegangen, ohne mir Adieu zu
sagen?!‹ Das kränkte ihn zu tief. Er konnte es gar nicht fassen – sie
hatte ihn doch so lieb gehabt! Wie hatte sie’s nur übers Herz bringen
können, fortzugehen, ohne ihn wissen zu lassen, wo er sie finden
konnte?! Es konnte nicht sein, das hatte sie nicht aus freiem Willen
getan – sein Cillchen so von ihm gehen?! O nein, nein! Und gerade
während er in der Schule war?!
Ein plötzliches Mißtrauen befiel ihn: an so etwas hatte er bisher gar
nicht gedacht, aber nun war’s ihm auf einmal klar – oho, dumm war er
denn doch nicht! – eben weil er gerade in der Schule war, hatte sie
fortgemußt! Die Mutter hatte die Cilla immer nicht leiden können, die
hatte auch nicht gewollt, daß Cilla ihm Adieu sagte!
Unter gesenkten Wimpern hervor schoß der Knabe böse Blicke nach seiner
Mutter: das war eine Schändlichkeit von ihr!
In verhaltenem Ingrimm murmelte er: »Gesegnete Mahlzeit« und schlorrte
die Treppe hinauf in sein Zimmer. Im Schublädchen fand er sofort die
versteckten Heiligenbildchen – ›Gruß von Cilla‹ – da brach seine Wut
aus und sein Schmerz. Er stampfte mit den Füßen und küßte die bunten
Bildchen, und seine Tränen gaben lauter dunkle Flecke darauf. Dann
polterte er die Treppe hinab ins Eßzimmer, wo der Vater noch am Tische
saß und die Mutter am Büfett Obst und Kuchen in ihren Pompadour packte.
Aha, sie hatte ja mit ihm spazieren gehen wollen! Das sollte ihm gerade
einfallen!
»Wo ist die Cilla hin? Warum hast du sie mir nicht Adieu sagen
lassen?!«
Die Mutter sah ihn wie erstarrt an: woher erriet der Junge ihre
allergeheimsten Gedanken? Sie brachte kein Wort heraus. Aber er ließ sie
auch zu gar keiner Äußerung kommen, seine noch hohe Knabenstimme
überschlug sich in der Erregung und wurde dann tief und rauh: »Ja, du –
o, ich weiß es ganz genau – du wolltest es nicht haben, daß sie mir
Adieu sagte! Du hast sie fortgeschickt, damit ich sie nicht mehr sehen
sollte – du, du! Das ist schändlich von dir – das ist – das ist
gemein!« Er ging gegen sie an.
Langsam wich sie zurück – seine Hände hoben sich, wollte er sie
schlagen?!
»Bengel!« Des Vaters Faust packte ihn im Genick. »Was unterstehst du
dich? Die Hand gegen deine Mutter zu heben?! Du – du!« Der empörte Mann
rüttelte den Knaben, dem die Zähne zusammenschlugen, und schüttelte ihn
wieder und wieder. »Du – du Rüpel, du Nichtsnutz!«
»Sie hat sie mir nicht Adieu sagen lassen,« schrie der Knabe dagegen,
»sie hat sie weggeschickt, weil – weil –«
»Du willst dich noch erdreisten, ein Wort zu –«
»Doch! Warum hat sie die Cilla mir nicht Adieu sagen lassen, die hat ihr
gar nichts getan, die hab ich lieb gehabt, aber darum, gerade darum
–«
»Schweig!« Ein heftiger Schlag traf des Knaben Lippen. Schlieben kannte
sich selber nicht mehr; seine Ruhe hatte ihn verlassen, des Knaben
Widersetzlichkeit jagte ihn in die Hitze. Wie der sich gegen seine
haltende Hand sträubte, ihm mit dreisten Augen ins Gesicht sah! Wie der
es wagte, die Stimme gegen ihn zu erheben! »Du« – er schüttelte ihn –
»also so frech?! So undankbar?! Was wäre aus dir geworden – im Elend
wärst du verkommen – ja – sie hat dich erst zum Menschen gemacht –
dich aufgelesen aus dem –«
»Paul!« Der Schrei seiner Frau unterbrach Schlieben. Wie eine Sinnlose
fiel ihm Käte in den Arm: »Nein, nein, laß ihn! Du sollst nicht, –
nein!« Sie hielt ihm den Mund zu. Und als er sie im Ärger von sich schob
und den Knaben wieder fester packte, entriß sie diesen ihm und drückte
wie schützend seinen Kopf in ihr Kleid. Sie hielt seine Ohren zu. Und
angstvoll, die überweit geöffneten Augen im tief erbleichten Gesicht
nach ihrem Manne kehrend, flehte sie: »Kein Wort! Ich bitte, ich bitte
dich!«
Sein Zorn war noch nicht verraucht. Wahrhaftig, Käte mußte nicht ganz
bei sich sein! Was entzog sie denn den Knaben der wohlverdienten
Züchtigung?! Mit hartem: »Aber Käte – kein Pardon!« ging er von neuem
auf den Knaben zu.
Da flüchtete sie diesen zur Tür hinaus, riegelte ab und stellte sich vor
die Tür, wie um den Ausgang zu versperren.
Nun war Wolfgang fort. Nun waren sie beide allein, sie und ihr Mann, und
mit dem vorwurfsvollen Ruf: »Du hättest es ihm beinah verraten,« wankte
sie nach dem Sofa. Sie fiel mehr hin, als daß sie sich setzte, und brach
in fassungsloses Weinen aus.
Mit großen Schritten ging Schlieben im Zimmer auf und ab. In der Tat, da
hätte er sich von seiner Empörung beinahe hinreißen lassen! Aber wäre es
denn ein Unglück gewesen, wenn er dem Jungen ein Licht aufgesteckt
hätte?! Mochte der nur wissen, woher er stammte, und daß er nichts,
eigentlich gar nichts hier zu suchen hatte! Daß er alles aus Gnade
empfing! Es war durchaus nicht nötig, eher nachteilig als wünschenswert,
ihm das zu verheimlichen. Aber wenn sie es denn durchaus nicht haben
wollte!
Er unterbrach sein Hin- und Hergehen, blieb vor der in der Sofaecke
Weinenden stehen und sah auf sie nieder. Sie tat ihm so unendlich leid.
Das hatte sie nun für all ihre Güte, ihre Selbstlosigkeit, für all ihre
Aufopferung! Sachte legte er ihr, ohne Wort, die Hand auf den
tiefgesenkten Scheitel.
Da richtete sie sich jäh auf und haschte nach seiner Hand: »Und tu ihm
nichts, ich bitte dich! Schlage ihn nicht! Ich bin schuld – er hat’s
erraten. Ich konnte sie nicht leiden, ich habe ihr gekündigt, und dann
habe ich sie heimlich fortgeschickt – nur, weil er sie lieb hatte,
gerade darum! Ich fürchtete sie. Paul, Paul« – sie rang reuevoll die
Hände – »o, Paul, ich schäme mich vor dem Kinde, ich schäme mich vor
mir selber!« – –
Wolfgang hockte oben in seiner Stube und hielt die Heiligenbildchen in
der Hand. Die waren nun sein köstlichster, sein einziger Besitz; ein
teures Andenken. Wo sie jetzt wohl sein mochte? Noch hier im Grunewald?
Schon in Berlin? Oder noch viel weiter? Ach, wie er sich nach ihr
sehnte! Ihr freundliches, ihm heimlich-zulächelndes Gesicht fehlte ihm,
und dies Vermissen steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. Hier war ja
keiner, der ihn so lieb hatte, wie sie ihn lieb gehabt – den er so lieb
hatte, wie er sie lieb gehabt hatte!
Nun Cilla fort war, vergaß er, daß er sie doch auch oft ausgelacht und
gehänselt, sich auch jungenhaft mit ihr gezankt hatte. Nun wuchs seine
Sehnsucht ins Unbegrenzte, und ihre Gestalt wuchs mit. Wurde so groß und
stark, so übermächtig, daß sie ihm den Blick benahm auf alles andre, was
noch um ihn war. Er warf sich auf den Teppich und krallte die Hände
hinein; so mußte er sich halten, sonst hätte er alles um sich
zerschlagen, alles, kurz und klein.
Das war der Tritt des Vaters auf der Treppe! Es rüttelte an seiner Tür.
Mochte er rütteln! Wolfgang hatte sich eingeschlossen.
»Mache sofort auf!«
Aha, nun gab’s Prügel! Hastig wischte sich Wolfgang die Tränen ab, biß
die Zähne zusammen und kniff die Lippen aufeinander.
»Nun, wird’s bald?!« Immer stärker wurde das Rütteln.
Da ging er und schloß auf. Der Vater trat ein; nicht mit dem Stock, den
der Knabe in seiner Hand vermutet hatte, aber mit Zorn und Kummer auf
der Stirn.
»Komm sofort herunter! Du hast deine arme, gute – nur zu gute Mutter
tief gekränkt. Komm jetzt zu ihr und bitte ab. Zeige ihr, daß dir’s leid
tut – hörst du?! Komm!«
Der Knabe rührte sich nicht. Mit einem namenlos unglücklichen, zugleich
aber auch verbissenen Ausdruck starrte er, am Vater vorbei, ins Leere.
»Du sollst kommen – hörst du nicht? Deine Mutter wartet!«
»Ich komm nicht!« Wolfgang murmelte es; kaum daß er die Zähne
voneinander brachte.
»Was –?!« Sprachlos, ganz benommen von so viel Frechheit, starrte der
Mann den Knaben an.
Dieser erwiderte seinen Blick, groß und starr. Das junge Gesicht war so
blaß, daß die dunklen Augen noch dunkler erschienen; abgrundschwarz.
›Böse Augen,‹ sagte sich Schlieben. Und von einem alten, längst
vergessenen, aber trotz allem und allem immer noch in der tiefsten Seele
schlummernden, jetzt plötzlich lebendig gewordenen Argwohn jäh
übermannt, faßte er den Knaben vorn bei der Brust und hielt ihn so
mächtig, daß es keinen Widerstand mehr gab.
»Bengel! Bursche! Hast du denn gar kein Herz? Sie, die dir so viel Gutes
getan hat, sie, sie wartet auf dich – und du, du willst nicht?! Auf die
Kniee, sag ich! Voran – bitte ab! Sofort!« Und er faßte den keine
Regung Zeigenden nun im Genick anstatt bei der Brust, und stieß ihn vor
sich her, die Treppe hinunter, hinein ins Zimmer, wo Käte saß, versunken
in ihren Kummer, die Augen rotgeweint.
»Hier kommt einer, der abbitten will,« sagte Schlieben und stieß ihr den
Knaben vor die Füße.
Wolfgang hatte schreien wollen: ›nein, ich bitte nicht ab, nun erst
recht nicht!‹ – da tat sie ihm auf einmal so leid. Ach, die war ja
ebenso unglücklich wie er – sie paßten nun einmal nicht zueinander! Das
war wie eine plötzliche Erkenntnis, die seinen Blick vertiefte, sein
Kindergesicht so verschärfte in allen Linien, daß es alt wurde über
seine Jahre.
Aufschluchzend stieß er heraus: »Verzeih!« Er hörte es selber nicht,
wieviel Qual in seinem Ton lag, er fühlte auch kaum, daß ihre Arme ihn
emporzogen, daß er für Augenblicke an ihrer Brust lag und sie ihm die
Haare aus der glühenden Stirn strich. Er war wie halb bewußtlos; nur
eine große Leere fühlte er und eine unklare Trostlosigkeit.
Wie im Traum hörte er den Vater sprechen: »So ist’s recht! So, nun geh
und arbeite! Und bessere dich!« Und der Mutter sanfte Stimme: »Ja, er
wird schon!« Wie ein Nachtwandelnder ging er die Treppe hinauf. Er
sollte jetzt arbeiten – wozu, warum?! Es war ja alles so gleichgültig.
Gleichgültig war es, ob die hier ihn lobten oder tadelten – was ging
ihn alles hier an?! Er mochte hier überhaupt nicht mehr sein, nicht
länger mehr bleiben – nein, nein! Wie im Abscheu schüttelte er sich.
Lange stand er dann auf einem Fleck, ins Leere stierend. Und vor seinen
starrenden Blicken erstand allmählich eine große, eine unermeßliche
Weite – Kornfelder und Heide, rote blühende Heide, in der die Sonne
versinkt, stille Wasser, an denen ein einsamer Vogel lockt und über all
dem feierlich-schönes Glockengeläut. Da mußte er hin! Verlangend
streckte er die Arme aus, seine verweinten Augen glänzten auf.
Wenn sie ihn hier hielten, festhielten – nein, sie konnten ihn nicht
halten! Dahin mußte er!
Wie gezogen näherte er sich dem Fenster. Tief war’s da hinunter, zu tief
für einen Sprung, aber er würde doch hinabkommen. Über die Treppe ging
es freilich nicht, da würden sie ihn hören, aber so – ja, so!
Sich auf das äußere Gesims des Fensters knieend, streckte er tastend die
Füße nach der Wasserrinne aus, die, zur Seite des Fensters, die ganze
Wand des Hauses hinablief. Ha, er fühlte sie! Da rutschte er vom Sims
herab, hing nur noch mit den Fingerspitzen daran, baumelte für ein paar
Momente in freier Luft, hatte dann die Wasserrinne zwischen den Knieen,
ließ die Finger vollends vom Sims, umklammerte das Blechrohr und fuhr
daran hinab, rasch und lautlos.
Scheu sah er sich um: es hatte ihn niemand gesehen! Niemand war auf der
Straße, fern wanderten nur ein paar Spaziergänger. Geduckt schlich er
unter den Parterrefenstern her – nun war er im Garten hinter den
Bosketts – nun über den Zaun – seine Hose schlitzte, das machte nichts
– nun sah er mit einem Gefühl wilden Triumphes nach dem Hause zurück.
Er stand drüben auf dem öden Feld, das noch immer unbebaut lag; stand,
gedeckt von einem wilden Holunderbusch, dessen ersten Sprößling er vor
Jahren, als Kind, hier eingesenkt hatte. Keine Empfindung des Bedauerns
regte sich in ihm. Flüchtig wie ein Wild, das Schüsse hört, jagte er
davon, dem deckenden Walde zu.
Er rannte und rannte, lief noch, als längst kein Laufen mehr not tat.
Erst eine völlige Erschöpfung zwang ihn, innezuhalten. Er war immer quer
durchgelaufen, ohne jeglichen Weg; nun wußte er nicht mehr, wo er war.
So viel war sicher, er war schon weit fort; so weit war er auf seinen
Räuberzügen mit den Spielgefährten nicht gekommen, so tief in den Wald
hinein nicht, auch nie auf Spaziergängen so gänzlich ins Pfadlose, ins
ganz Einsame. Hier konnte er ruhig eine Weile rasten.
Er warf sich auf den Boden, dessen Sand nur feinfädiges Gras und in
kleinen Senkungen einige Bestände von Adlerfarrn wies. Um ihn reckten
sich stille Bäume wie schlanke Säulen, die den Himmel zu tragen
schienen.
Hier lag er eine Weile auf dem Rücken und ließ das Blut ausrasen, das
ihm wie toll durch die Adern schoß. Er glaubte das unerklärlich heftige
Pochen seines Herzens laut zu hören – o, wie unangenehm es ihm da in
der Brust hämmerte und stach, so hatte er noch nie sein Herz gespürt!
Freilich, so war er auch noch nie gelaufen, wenigstens seit der
Krankheit nicht. Er mußte nach Luft ringen, er glaubte zu ersticken.
Endlich konnte er wieder bequemer atmen; jetzt brauchte er nicht mehr
die Nasenflügel zu blähen und mit offenem Munde zu schnappen. Jetzt
genoß er ein Wohlbehagen, das allmählich über ihn kam.
Es war noch nicht dämmerig, als er wieder weiterging, aber doch schon
begann der Spätnachmittag zu zeigen, daß es Oktober war. Der
Sonnenschein, der durch die roten Kiefernäste fiel, hatte etwas
unendlich Mildverklärtes, eine süße Sanftheit, die auch den wilden
Durchgänger sänftigte. Er ging in einem Traum – wohin? Das wußte er
nicht, daran dachte er auch nicht, er ging eben, ging. Ging einer
Sehnsucht nach, die ihn unwiderstehlich zog, die wie eine ihr Nest
suchende Taube vor ihm herflatterte, girrte und lockte. Und die
Taubenschwingen waren stärker denn Adlerfittiche.
Wo die Sehnsucht flog, da waren keine Menschen. Da war es so
friedlich-still. Nicht einmal der Fuß, der in Moos und kurzem Gras
versank, machte ein Geräusch. Dünnen Kerzen gleich, die oben brannten,
so standen die Kiefern in sonnigen Abendgluten. Kein herbstliches Blatt,
in dem ein Wind hätte rascheln können, lag am Boden; über die glatten
Nadeln und die farblosen Zäpfchen, die von den Kronen herabgesunken
waren, strich die Luft hin ohne Laut.
Daß es so schön hier war! Mit einem staunenden Entzücken sah Wolfgang
sich um. So schön hatte es ihn früher doch nie gedeucht! Freilich, da wo
die Villen stehen und die Wege führen, da war’s auch nicht so wie hier!
Sein Blick glitt bald nach rechts, bald nach links, und mit Neugier
voraus in den Dämmer des Waldes. Da, wo das letzte Sonnengold nicht wie
rotes Blut an den rissigen Borken klebte, da, wo das Licht nicht mehr
hin traf, war ein weiches, geheimnisvolles Dunkeln, in dem die moosigen
Stämme mit ihrem tiefen Grün trotzdem leuchteten. Und ein Duften war
hier, so feucht-kühl, herb und frisch, daß die Brust wie befreit
aufatmete und eine neue Kraft durch die Glieder rann.
Wolfgang begann jetzt, hier in der großen Ruhe die Aufregungen des Tages
zu empfinden. Er faßte sich nach der heißen Stirn – ah, jetzt merkte
er, daß er nicht einmal eine Mütze hatte! Aber was machte das? Er war
frei, frei! Mit einem Jauchzen schoß er dahin, und dann erschrak er über
die eigne laute Stimme: st, still! Nur nicht wieder eingesperrt werden,
frei sein, frei!
Nun fühlte er keine Sehnsucht mehr. Eine große Wonne durchrann ihn, eine
schrankenlose Seligkeit. Die Augen strahlten ihm – er riß sie weit auf
– er konnte gar nicht genug die Welt bestaunen, als sehe er sie heut
zum ersten Mal. Er rannte gegen die himmeltragenden Stämme und umfing
sie mit beiden Armen; er drückte sein Gesicht an die harzige Rinde. War
diese Rinde nicht weich, schmiegte sie sich nicht an seine glühende
Wange wie eine schmeichelnde Hand?!
Er warf sich aufs Moos und reckte sich lang und rekelte sich in höchstem
Behagen und sprang dann wieder auf – es litt ihn doch nicht – er mußte
sehen, genießen, seine Freiheit genießen.
Nur ein einziger roter Streif über dem blauenden Wald verriet noch, wo
die Sonne gestanden hatte, als er sich erst bewußt wurde, wo er
eigentlich war. Hier führte die ehemalige Heerstraße von Spandau nach
Potsdam; rostbraune und gelbe Kastanien zogen eine Allee durch ödes
Land. In selten mehr befahrenen Wegrinnen lag der Sand fußhoch. Aha,
hier kam man also nach Potsdam oder nach Spandau, je nachdem! Jedenfalls
zu Häusern und zu Menschen – o weh, hörte man da nicht schon
Hahnenkrähen und ein Rattern wie von langsamen Rädern?!
Kurz entschlossen bog der Knabe links ab von der alten Fahrstraße, kroch
durch einen verbogenen Stacheldrahtzaun, der ein Stück Rodung, das neu
angeschont war, schützen sollte, sprang wie ein Hirsch in weiten Sätzen
über die kaum handhohen Pflänzlinge dahin und suchte eine Deckung.
Er brauchte keine, hierher kam kein Mensch. Langsamer ging er zwischen
den kleinen Bäumchen; er hütete sich wohl, sie zu treten, bückte sich
und besah sie, schritt sie ab wie ein Ackerer seine Furchen.
Und auf einmal war es Abend. Über die Erde waren Nebel gekrochen, leicht
und klein, waren dann aufgestanden und größer geworden, waren
hingehuscht über die Rodung im sich erhebenden Nachtwind und hatten sich
dort den einzelnen, stehengebliebenen Knorren wie der Gespenster
winkende Schleier angehängt.
Aber Wolfgang fürchtete sich nicht; er empfand kein Grauen. Was konnte
ihm hier geschehen, hier, wohin nur ab und zu der ferne Pfiff einer
Eisenbahn tönte und der Wind ein wenig Rauch, der Lokomotive entrissen,
wie ein leichtes, rasch sich lösendes Wölkchen trug?!
Als wäre man in der Prärie, in den Steppen, dachte sich der Junge, da,
wo keine Hütten mehr sind, nur Lagerfeuer ihr bißchen Rauch zum Zeichen
senden. In die Seligkeit seiner Freiheit mischte sich eine gewisse
Abenteurerlust. Das hatte er sich immer einmal gewünscht, im Freien zu
kampieren. Ein Feuer würde er freilich nicht anzünden können und daran
kochen; er hatte nichts dazu. Aber Hunger empfand er auch nicht, nur
jetzt das einzige Bedürfnis, recht tief und lange zu schlafen.
Ohne Bedenken streckte er sich hin; der Boden war schon kühl, aber sein
Anzug war dick und ließ die Kälte nicht durch. Den Kopf ein wenig erhöht
bettend, reckte er das Gesicht gegen den Nachthimmel. An dem zogen milde
Sterne auf und lächelten zu ihm nieder.
Er hatte geglaubt, gleich einzuschlafen, überwältigt von Müdigkeit, aber
nun lag er doch noch lange mit offenen Augen. Ein unerklärliches
Empfinden hielt ihn wach: dies war zu schön, zu schön, dies war ja schon
ein herrlicher Traum! Goldene Augen behüteten ihn, ein samtiger Mantel
hüllte ihn ein, eine Mutter wiegte ihn weich.
Fort waren Sehnsucht, Trotz, Schmerz, Wut, alles, was weh tat. Nur ein
Glück war geblieben im unendlichen Frieden.
5
Frida Lämke war nun eingesegnet, sie trug den Rock fast bis zur Erde,
und als sie Wolfgang Schlieben nach langer Zeit wieder zum ersten Mal
begegnete, war ihr Gruß nicht mehr das vertraulich-bekannte Nicken der
Kindheit. Aber sie blieb bei dem früheren Spielgefährten stehen.
»Na, Wolfgang,« sagte sie lachend und zugleich ein bißchen von oben
herab – sie kam sich so unendlich überlegen vor –, »na, was machste
denn?«
»Gut!« Er setzte eine unternehmende Miene auf, die nicht ganz zu dem
Blick seiner Augen paßte.
Sie musterte ihn: war der Wolfgang ein Kerl geworden! Aber er hielt sich
so schlecht, so vornüber! »Halt dir doch jrade,« ermahnte sie und reckte
ihre eigne binsengleiche Schlankheit. »Warum machste denn so ’n Buckel?!
Und mit den Augen blinkerste, als wärste kurzsichtig. Na, warte man, du
solltest mal bei meine Prinzipalin kommen – au weih, die würde dir
schön zurechtstutzen!« Sie kicherte in sich hinein, ihre ganze schmale
Figur schüttelte sich vor heimlicher Lachlust.
»Du bist so vergnügt,« sagte er langsam.
»Na, warum denn nich? Meinste, so’n oller Drache kann mir die Laune
verderben? Na, so dumm! Wenn sie schimpft, duck ich mir, ich sage kein
Wort, aber innerlich amüsiere ich mir! Haha!« Ihre helle Stimme klang
unendlich heiter.
Wie hübsch sie war! Des Knaben dunkle Augen hefteten sich auf Frida
Lämke, als hätte er sie noch nie gesehn. Auf ihrem blonden Haar, das sie
nicht mehr in einem langen Zopf trug, sondern im Nacken in einem dicken
Knoten, schimmerte die Sonne. Ihr Gesicht war so rund, so blühend!
»Du kommst nie mehr zu mir,« sagte er.