Es war vierzehn Tage später, am 1. Oktober, daß Cilla den Dienst

verließ. Frau Schlieben hatte ihr ein gutes Zeugnis geschrieben; warum

sie eigentlich entlassen war, das war dem Mädchen noch nicht recht klar,

selbst als es auf der Straße stand. Die Frau wollte ein älteres

erfahrenes Mädchen haben – so hatte sie gesagt –, aber das glaubte

Cilla doch nicht recht, sie fühlte unbestimmt einen andern Grund heraus:

die mochte sie eben nicht leiden. Nun wollte sie erst einmal nach Hause

fahren, ehe sie einen neuen Dienst annahm, sie fühlte Heimweh, und der

Abschied hier aus der Stelle war ihr schwer geworden – des Jungen

wegen. Wie hatte der geweint! Gestern abend noch. Er hatte sich an ihren

Hals gehängt und sie vielmals geküßt, der große Junge, wie ein kleines

Kind! Und so viel hatte er ihr noch sagen wollen. Oben auf dem dunklen

Flur hatten sie gestanden miteinander gestern abend, da scheuchte sie

der Tritt der Frau, die die Treppe heraufkam; gerade noch, daß er in

seine Stube hatte entwischen können.

Und nicht einmal Adieu hatte sie ihm heute sagen können, dem guten

Jungen! Denn als er kaum in der Schule war, hatte die Frau gesagt: »So,

nun können Sie gehen!« Ganz verdutzt war sie gewesen, hatte sie doch

darauf gerechnet, erst am Nachmittag fortzukommen. Aber nun war das neue

Hausmädchen, eine Ältliche mit spitzem Gesicht, auch schon eher

angezogen; was sollte sie da auch noch? So hatte sie nur noch rasch die

Heiligenbildchen aus ihrem Gebetbuch alle in ein Papier gewickelt und in

die Schublade von des Jungen Nachttisch gesteckt – da würde er sie

gewiß finden – und ›Gruß von Cilla‹ darauf geschrieben. Dann war sie

abgezogen.

Ihren Korb hatte Cilla als Frachtgut aufgegeben, nun hatte sie nichts zu

tragen als ein kleines Ledertäschchen und einen Pappkarton mit Stricken

verschnürt. So konnte sie rasch vorankommen. Aber als sie dem

Stadtbahnhof zuging, blieb sie auf einmal stehen: um ein Uhr war die

Schule aus, nun ging es gegen elf, es kam wirklich nicht darauf an, wenn

sie etwas später abfuhr. Wie würde er sich freuen, wenn sie ihm noch

Adieu sagte und: ›Vergiß mich auch nicht!‹

Sie drehte sich um. In der Nähe der Schule würde sich schon eine Bank

finden, da wollte sie auf ihn warten.

Die Vorüberkommenden schauten neugierig nach der jungen Person, die wie

ein Soldat, still und steif, in der Nähe des Gymnasiums auf Posten

stand. Eine Bank hatte Cilla nicht gefunden; sie traute sich nicht weit

vom Eingang fort, aus Angst, ihn zu verpassen. So stand sie denn, mit

ihrem kleinen Täschchen am Arm, den Karton hatte sie zur Erde gesetzt.

Ab und zu fragte sie jemanden, wieviel Uhr es sei. Die Zeit verging

langsam; endlich war es bald eins. Da fühlte sie ihr Herz klopfen: der

gute Junge! Schon sah sie seine dunklen Augen freundlich aufglänzen,

hörte ein erstauntes: ›Cillchen, du?!‹

Ihren Hut zurechtrückend auf dem schönen blonden Haar, ein höheres Rot

auf den roten Wangen, sah Cilla hin nach dem Schultor: gleich würde es

klingeln – dann kam er angestürmt – da – auf einmal sah sie die Frau.

Die –?! Mit schnellen Schritten kam Frau Schlieben aufs Schultor zu. O

weh!

Mit ein paar raschen Sätzen sprang das Mädchen hinter ein Gebüsch: die

holte heute selber ihren Wolfgang ab?! Ach, da mußte sie ja gehen! Und

sehr betrübt schlich sie zum Bahnhof. All die Freude, in der ihr Herz

geklopft hatte, war hin; aber einen Trost hatte sie doch: der Wolfgang

würde sie nicht vergessen. Nein, nie! –

Wolfgang war sehr erstaunt, als er seine Mutter sah. Er brauchte doch

nicht abgeholt zu werden?! Das hatte sie doch auch früher nicht selber

getan?! Er war unangenehm berührt. War er denn ein kleines Kind? Die

andern würden ihn auslachen! Ein Unmut brannte in ihm, aber der Mutter

Güte entwaffnete ihn.

Sie war heute besonders weich und sehr gesprächig. Sie fragte ihn nach

all dem, was sie heute in der Schule gehabt hatten, schalt auch nicht,

als er gestand, er habe zehn Fehler im lateinischen Extemporale gemacht,

im Gegenteil, sie verhieß ihm einen Ausflug nach Schildhorn am

Nachmittag. Es war ja ein so schöner, sonnenheller, fast sommerlicher

Herbsttag. Ganz vergnügt schlenderte der Knabe neben ihr her, seine

Bücher am langen Riemen schlenkernd. Daß Cilla heute abgehen sollte,

hatte er augenblicklich ganz vergessen.

Freilich, als sie nach Hause kamen und das fremde Mädchen ihnen öffnete,

machte er große Augen, und als sie zu Tisch gingen und die neue mit dem

spitzen Gesicht, die aussah wie ein Fräulein, die Speisen auftrug, hielt

er sich nicht länger.

»Wo ist Cilla?« fragte er.

»Die ist fort – du weißt doch,« sagte die Mutter so nebenhin.

»Fort –?!« Er wurde blaß und dann glühend rot. Also gegangen, ohne ihm

Adieu zu sagen?! Er hatte auf einmal keinen Appetit mehr, obgleich er

vorher solchen Hunger gehabt hatte. Jeder Bissen würgte ihn; starr sah

er auf seinen Teller, wagte nicht aufzublicken, denn er fürchtete, er

könnte weinen.

Die Eltern sprachen über dieses und jenes – allerlei Gleichgültiges –,

und in ihm schrie es: ›Warum ist sie gegangen, ohne mir Adieu zu

sagen?!‹ Das kränkte ihn zu tief. Er konnte es gar nicht fassen – sie

hatte ihn doch so lieb gehabt! Wie hatte sie’s nur übers Herz bringen

können, fortzugehen, ohne ihn wissen zu lassen, wo er sie finden

konnte?! Es konnte nicht sein, das hatte sie nicht aus freiem Willen

getan – sein Cillchen so von ihm gehen?! O nein, nein! Und gerade

während er in der Schule war?!

Ein plötzliches Mißtrauen befiel ihn: an so etwas hatte er bisher gar

nicht gedacht, aber nun war’s ihm auf einmal klar – oho, dumm war er

denn doch nicht! – eben weil er gerade in der Schule war, hatte sie

fortgemußt! Die Mutter hatte die Cilla immer nicht leiden können, die

hatte auch nicht gewollt, daß Cilla ihm Adieu sagte!

Unter gesenkten Wimpern hervor schoß der Knabe böse Blicke nach seiner

Mutter: das war eine Schändlichkeit von ihr!

In verhaltenem Ingrimm murmelte er: »Gesegnete Mahlzeit« und schlorrte

die Treppe hinauf in sein Zimmer. Im Schublädchen fand er sofort die

versteckten Heiligenbildchen – ›Gruß von Cilla‹ – da brach seine Wut

aus und sein Schmerz. Er stampfte mit den Füßen und küßte die bunten

Bildchen, und seine Tränen gaben lauter dunkle Flecke darauf. Dann

polterte er die Treppe hinab ins Eßzimmer, wo der Vater noch am Tische

saß und die Mutter am Büfett Obst und Kuchen in ihren Pompadour packte.

Aha, sie hatte ja mit ihm spazieren gehen wollen! Das sollte ihm gerade

einfallen!

»Wo ist die Cilla hin? Warum hast du sie mir nicht Adieu sagen

lassen?!«

Die Mutter sah ihn wie erstarrt an: woher erriet der Junge ihre

allergeheimsten Gedanken? Sie brachte kein Wort heraus. Aber er ließ sie

auch zu gar keiner Äußerung kommen, seine noch hohe Knabenstimme

überschlug sich in der Erregung und wurde dann tief und rauh: »Ja, du –

o, ich weiß es ganz genau – du wolltest es nicht haben, daß sie mir

Adieu sagte! Du hast sie fortgeschickt, damit ich sie nicht mehr sehen

sollte – du, du! Das ist schändlich von dir – das ist – das ist

gemein!« Er ging gegen sie an.

Langsam wich sie zurück – seine Hände hoben sich, wollte er sie

schlagen?!

»Bengel!« Des Vaters Faust packte ihn im Genick. »Was unterstehst du

dich? Die Hand gegen deine Mutter zu heben?! Du – du!« Der empörte Mann

rüttelte den Knaben, dem die Zähne zusammenschlugen, und schüttelte ihn

wieder und wieder. »Du – du Rüpel, du Nichtsnutz!«

»Sie hat sie mir nicht Adieu sagen lassen,« schrie der Knabe dagegen,

»sie hat sie weggeschickt, weil – weil –«

»Du willst dich noch erdreisten, ein Wort zu –«

»Doch! Warum hat sie die Cilla mir nicht Adieu sagen lassen, die hat ihr

gar nichts getan, die hab ich lieb gehabt, aber darum, gerade darum

–«

»Schweig!« Ein heftiger Schlag traf des Knaben Lippen. Schlieben kannte

sich selber nicht mehr; seine Ruhe hatte ihn verlassen, des Knaben

Widersetzlichkeit jagte ihn in die Hitze. Wie der sich gegen seine

haltende Hand sträubte, ihm mit dreisten Augen ins Gesicht sah! Wie der

es wagte, die Stimme gegen ihn zu erheben! »Du« – er schüttelte ihn –

»also so frech?! So undankbar?! Was wäre aus dir geworden – im Elend

wärst du verkommen – ja – sie hat dich erst zum Menschen gemacht –

dich aufgelesen aus dem –«

»Paul!« Der Schrei seiner Frau unterbrach Schlieben. Wie eine Sinnlose

fiel ihm Käte in den Arm: »Nein, nein, laß ihn! Du sollst nicht, –

nein!« Sie hielt ihm den Mund zu. Und als er sie im Ärger von sich schob

und den Knaben wieder fester packte, entriß sie diesen ihm und drückte

wie schützend seinen Kopf in ihr Kleid. Sie hielt seine Ohren zu. Und

angstvoll, die überweit geöffneten Augen im tief erbleichten Gesicht

nach ihrem Manne kehrend, flehte sie: »Kein Wort! Ich bitte, ich bitte

dich!«

Sein Zorn war noch nicht verraucht. Wahrhaftig, Käte mußte nicht ganz

bei sich sein! Was entzog sie denn den Knaben der wohlverdienten

Züchtigung?! Mit hartem: »Aber Käte – kein Pardon!« ging er von neuem

auf den Knaben zu.

Da flüchtete sie diesen zur Tür hinaus, riegelte ab und stellte sich vor

die Tür, wie um den Ausgang zu versperren.

Nun war Wolfgang fort. Nun waren sie beide allein, sie und ihr Mann, und

mit dem vorwurfsvollen Ruf: »Du hättest es ihm beinah verraten,« wankte

sie nach dem Sofa. Sie fiel mehr hin, als daß sie sich setzte, und brach

in fassungsloses Weinen aus.

Mit großen Schritten ging Schlieben im Zimmer auf und ab. In der Tat, da

hätte er sich von seiner Empörung beinahe hinreißen lassen! Aber wäre es

denn ein Unglück gewesen, wenn er dem Jungen ein Licht aufgesteckt

hätte?! Mochte der nur wissen, woher er stammte, und daß er nichts,

eigentlich gar nichts hier zu suchen hatte! Daß er alles aus Gnade

empfing! Es war durchaus nicht nötig, eher nachteilig als wünschenswert,

ihm das zu verheimlichen. Aber wenn sie es denn durchaus nicht haben

wollte!

Er unterbrach sein Hin- und Hergehen, blieb vor der in der Sofaecke

Weinenden stehen und sah auf sie nieder. Sie tat ihm so unendlich leid.

Das hatte sie nun für all ihre Güte, ihre Selbstlosigkeit, für all ihre

Aufopferung! Sachte legte er ihr, ohne Wort, die Hand auf den

tiefgesenkten Scheitel.

Da richtete sie sich jäh auf und haschte nach seiner Hand: »Und tu ihm

nichts, ich bitte dich! Schlage ihn nicht! Ich bin schuld – er hat’s

erraten. Ich konnte sie nicht leiden, ich habe ihr gekündigt, und dann

habe ich sie heimlich fortgeschickt – nur, weil er sie lieb hatte,

gerade darum! Ich fürchtete sie. Paul, Paul« – sie rang reuevoll die

Hände – »o, Paul, ich schäme mich vor dem Kinde, ich schäme mich vor

mir selber!« – –

Wolfgang hockte oben in seiner Stube und hielt die Heiligenbildchen in

der Hand. Die waren nun sein köstlichster, sein einziger Besitz; ein

teures Andenken. Wo sie jetzt wohl sein mochte? Noch hier im Grunewald?

Schon in Berlin? Oder noch viel weiter? Ach, wie er sich nach ihr

sehnte! Ihr freundliches, ihm heimlich-zulächelndes Gesicht fehlte ihm,

und dies Vermissen steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. Hier war ja

keiner, der ihn so lieb hatte, wie sie ihn lieb gehabt – den er so lieb

hatte, wie er sie lieb gehabt hatte!

Nun Cilla fort war, vergaß er, daß er sie doch auch oft ausgelacht und

gehänselt, sich auch jungenhaft mit ihr gezankt hatte. Nun wuchs seine

Sehnsucht ins Unbegrenzte, und ihre Gestalt wuchs mit. Wurde so groß und

stark, so übermächtig, daß sie ihm den Blick benahm auf alles andre, was

noch um ihn war. Er warf sich auf den Teppich und krallte die Hände

hinein; so mußte er sich halten, sonst hätte er alles um sich

zerschlagen, alles, kurz und klein.

Das war der Tritt des Vaters auf der Treppe! Es rüttelte an seiner Tür.

Mochte er rütteln! Wolfgang hatte sich eingeschlossen.

»Mache sofort auf!«

Aha, nun gab’s Prügel! Hastig wischte sich Wolfgang die Tränen ab, biß

die Zähne zusammen und kniff die Lippen aufeinander.

»Nun, wird’s bald?!« Immer stärker wurde das Rütteln.

Da ging er und schloß auf. Der Vater trat ein; nicht mit dem Stock, den

der Knabe in seiner Hand vermutet hatte, aber mit Zorn und Kummer auf

der Stirn.

»Komm sofort herunter! Du hast deine arme, gute – nur zu gute Mutter

tief gekränkt. Komm jetzt zu ihr und bitte ab. Zeige ihr, daß dir’s leid

tut – hörst du?! Komm!«

Der Knabe rührte sich nicht. Mit einem namenlos unglücklichen, zugleich

aber auch verbissenen Ausdruck starrte er, am Vater vorbei, ins Leere.

»Du sollst kommen – hörst du nicht? Deine Mutter wartet!«

»Ich komm nicht!« Wolfgang murmelte es; kaum daß er die Zähne

voneinander brachte.

»Was –?!« Sprachlos, ganz benommen von so viel Frechheit, starrte der

Mann den Knaben an.

Dieser erwiderte seinen Blick, groß und starr. Das junge Gesicht war so

blaß, daß die dunklen Augen noch dunkler erschienen; abgrundschwarz.

›Böse Augen,‹ sagte sich Schlieben. Und von einem alten, längst

vergessenen, aber trotz allem und allem immer noch in der tiefsten Seele

schlummernden, jetzt plötzlich lebendig gewordenen Argwohn jäh

übermannt, faßte er den Knaben vorn bei der Brust und hielt ihn so

mächtig, daß es keinen Widerstand mehr gab.

»Bengel! Bursche! Hast du denn gar kein Herz? Sie, die dir so viel Gutes

getan hat, sie, sie wartet auf dich – und du, du willst nicht?! Auf die

Kniee, sag ich! Voran – bitte ab! Sofort!« Und er faßte den keine

Regung Zeigenden nun im Genick anstatt bei der Brust, und stieß ihn vor

sich her, die Treppe hinunter, hinein ins Zimmer, wo Käte saß, versunken

in ihren Kummer, die Augen rotgeweint.

»Hier kommt einer, der abbitten will,« sagte Schlieben und stieß ihr den

Knaben vor die Füße.

Wolfgang hatte schreien wollen: ›nein, ich bitte nicht ab, nun erst

recht nicht!‹ – da tat sie ihm auf einmal so leid. Ach, die war ja

ebenso unglücklich wie er – sie paßten nun einmal nicht zueinander! Das

war wie eine plötzliche Erkenntnis, die seinen Blick vertiefte, sein

Kindergesicht so verschärfte in allen Linien, daß es alt wurde über

seine Jahre.

Aufschluchzend stieß er heraus: »Verzeih!« Er hörte es selber nicht,

wieviel Qual in seinem Ton lag, er fühlte auch kaum, daß ihre Arme ihn

emporzogen, daß er für Augenblicke an ihrer Brust lag und sie ihm die

Haare aus der glühenden Stirn strich. Er war wie halb bewußtlos; nur

eine große Leere fühlte er und eine unklare Trostlosigkeit.

Wie im Traum hörte er den Vater sprechen: »So ist’s recht! So, nun geh

und arbeite! Und bessere dich!« Und der Mutter sanfte Stimme: »Ja, er

wird schon!« Wie ein Nachtwandelnder ging er die Treppe hinauf. Er

sollte jetzt arbeiten – wozu, warum?! Es war ja alles so gleichgültig.

Gleichgültig war es, ob die hier ihn lobten oder tadelten – was ging

ihn alles hier an?! Er mochte hier überhaupt nicht mehr sein, nicht

länger mehr bleiben – nein, nein! Wie im Abscheu schüttelte er sich.

Lange stand er dann auf einem Fleck, ins Leere stierend. Und vor seinen

starrenden Blicken erstand allmählich eine große, eine unermeßliche

Weite – Kornfelder und Heide, rote blühende Heide, in der die Sonne

versinkt, stille Wasser, an denen ein einsamer Vogel lockt und über all

dem feierlich-schönes Glockengeläut. Da mußte er hin! Verlangend

streckte er die Arme aus, seine verweinten Augen glänzten auf.

Wenn sie ihn hier hielten, festhielten – nein, sie konnten ihn nicht

halten! Dahin mußte er!

Wie gezogen näherte er sich dem Fenster. Tief war’s da hinunter, zu tief

für einen Sprung, aber er würde doch hinabkommen. Über die Treppe ging

es freilich nicht, da würden sie ihn hören, aber so – ja, so!

Sich auf das äußere Gesims des Fensters knieend, streckte er tastend die

Füße nach der Wasserrinne aus, die, zur Seite des Fensters, die ganze

Wand des Hauses hinablief. Ha, er fühlte sie! Da rutschte er vom Sims

herab, hing nur noch mit den Fingerspitzen daran, baumelte für ein paar

Momente in freier Luft, hatte dann die Wasserrinne zwischen den Knieen,

ließ die Finger vollends vom Sims, umklammerte das Blechrohr und fuhr

daran hinab, rasch und lautlos.

Scheu sah er sich um: es hatte ihn niemand gesehen! Niemand war auf der

Straße, fern wanderten nur ein paar Spaziergänger. Geduckt schlich er

unter den Parterrefenstern her – nun war er im Garten hinter den

Bosketts – nun über den Zaun – seine Hose schlitzte, das machte nichts

– nun sah er mit einem Gefühl wilden Triumphes nach dem Hause zurück.

Er stand drüben auf dem öden Feld, das noch immer unbebaut lag; stand,

gedeckt von einem wilden Holunderbusch, dessen ersten Sprößling er vor

Jahren, als Kind, hier eingesenkt hatte. Keine Empfindung des Bedauerns

regte sich in ihm. Flüchtig wie ein Wild, das Schüsse hört, jagte er

davon, dem deckenden Walde zu.

Er rannte und rannte, lief noch, als längst kein Laufen mehr not tat.

Erst eine völlige Erschöpfung zwang ihn, innezuhalten. Er war immer quer

durchgelaufen, ohne jeglichen Weg; nun wußte er nicht mehr, wo er war.

So viel war sicher, er war schon weit fort; so weit war er auf seinen

Räuberzügen mit den Spielgefährten nicht gekommen, so tief in den Wald

hinein nicht, auch nie auf Spaziergängen so gänzlich ins Pfadlose, ins

ganz Einsame. Hier konnte er ruhig eine Weile rasten.

Er warf sich auf den Boden, dessen Sand nur feinfädiges Gras und in

kleinen Senkungen einige Bestände von Adlerfarrn wies. Um ihn reckten

sich stille Bäume wie schlanke Säulen, die den Himmel zu tragen

schienen.

Hier lag er eine Weile auf dem Rücken und ließ das Blut ausrasen, das

ihm wie toll durch die Adern schoß. Er glaubte das unerklärlich heftige

Pochen seines Herzens laut zu hören – o, wie unangenehm es ihm da in

der Brust hämmerte und stach, so hatte er noch nie sein Herz gespürt!

Freilich, so war er auch noch nie gelaufen, wenigstens seit der

Krankheit nicht. Er mußte nach Luft ringen, er glaubte zu ersticken.

Endlich konnte er wieder bequemer atmen; jetzt brauchte er nicht mehr

die Nasenflügel zu blähen und mit offenem Munde zu schnappen. Jetzt

genoß er ein Wohlbehagen, das allmählich über ihn kam.

Es war noch nicht dämmerig, als er wieder weiterging, aber doch schon

begann der Spätnachmittag zu zeigen, daß es Oktober war. Der

Sonnenschein, der durch die roten Kiefernäste fiel, hatte etwas

unendlich Mildverklärtes, eine süße Sanftheit, die auch den wilden

Durchgänger sänftigte. Er ging in einem Traum – wohin? Das wußte er

nicht, daran dachte er auch nicht, er ging eben, ging. Ging einer

Sehnsucht nach, die ihn unwiderstehlich zog, die wie eine ihr Nest

suchende Taube vor ihm herflatterte, girrte und lockte. Und die

Taubenschwingen waren stärker denn Adlerfittiche.

Wo die Sehnsucht flog, da waren keine Menschen. Da war es so

friedlich-still. Nicht einmal der Fuß, der in Moos und kurzem Gras

versank, machte ein Geräusch. Dünnen Kerzen gleich, die oben brannten,

so standen die Kiefern in sonnigen Abendgluten. Kein herbstliches Blatt,

in dem ein Wind hätte rascheln können, lag am Boden; über die glatten

Nadeln und die farblosen Zäpfchen, die von den Kronen herabgesunken

waren, strich die Luft hin ohne Laut.

Daß es so schön hier war! Mit einem staunenden Entzücken sah Wolfgang

sich um. So schön hatte es ihn früher doch nie gedeucht! Freilich, da wo

die Villen stehen und die Wege führen, da war’s auch nicht so wie hier!

Sein Blick glitt bald nach rechts, bald nach links, und mit Neugier

voraus in den Dämmer des Waldes. Da, wo das letzte Sonnengold nicht wie

rotes Blut an den rissigen Borken klebte, da, wo das Licht nicht mehr

hin traf, war ein weiches, geheimnisvolles Dunkeln, in dem die moosigen

Stämme mit ihrem tiefen Grün trotzdem leuchteten. Und ein Duften war

hier, so feucht-kühl, herb und frisch, daß die Brust wie befreit

aufatmete und eine neue Kraft durch die Glieder rann.

Wolfgang begann jetzt, hier in der großen Ruhe die Aufregungen des Tages

zu empfinden. Er faßte sich nach der heißen Stirn – ah, jetzt merkte

er, daß er nicht einmal eine Mütze hatte! Aber was machte das? Er war

frei, frei! Mit einem Jauchzen schoß er dahin, und dann erschrak er über

die eigne laute Stimme: st, still! Nur nicht wieder eingesperrt werden,

frei sein, frei!

Nun fühlte er keine Sehnsucht mehr. Eine große Wonne durchrann ihn, eine

schrankenlose Seligkeit. Die Augen strahlten ihm – er riß sie weit auf

– er konnte gar nicht genug die Welt bestaunen, als sehe er sie heut

zum ersten Mal. Er rannte gegen die himmeltragenden Stämme und umfing

sie mit beiden Armen; er drückte sein Gesicht an die harzige Rinde. War

diese Rinde nicht weich, schmiegte sie sich nicht an seine glühende

Wange wie eine schmeichelnde Hand?!

Er warf sich aufs Moos und reckte sich lang und rekelte sich in höchstem

Behagen und sprang dann wieder auf – es litt ihn doch nicht – er mußte

sehen, genießen, seine Freiheit genießen.

Nur ein einziger roter Streif über dem blauenden Wald verriet noch, wo

die Sonne gestanden hatte, als er sich erst bewußt wurde, wo er

eigentlich war. Hier führte die ehemalige Heerstraße von Spandau nach

Potsdam; rostbraune und gelbe Kastanien zogen eine Allee durch ödes

Land. In selten mehr befahrenen Wegrinnen lag der Sand fußhoch. Aha,

hier kam man also nach Potsdam oder nach Spandau, je nachdem! Jedenfalls

zu Häusern und zu Menschen – o weh, hörte man da nicht schon

Hahnenkrähen und ein Rattern wie von langsamen Rädern?!

Kurz entschlossen bog der Knabe links ab von der alten Fahrstraße, kroch

durch einen verbogenen Stacheldrahtzaun, der ein Stück Rodung, das neu

angeschont war, schützen sollte, sprang wie ein Hirsch in weiten Sätzen

über die kaum handhohen Pflänzlinge dahin und suchte eine Deckung.

Er brauchte keine, hierher kam kein Mensch. Langsamer ging er zwischen

den kleinen Bäumchen; er hütete sich wohl, sie zu treten, bückte sich

und besah sie, schritt sie ab wie ein Ackerer seine Furchen.

Und auf einmal war es Abend. Über die Erde waren Nebel gekrochen, leicht

und klein, waren dann aufgestanden und größer geworden, waren

hingehuscht über die Rodung im sich erhebenden Nachtwind und hatten sich

dort den einzelnen, stehengebliebenen Knorren wie der Gespenster

winkende Schleier angehängt.

Aber Wolfgang fürchtete sich nicht; er empfand kein Grauen. Was konnte

ihm hier geschehen, hier, wohin nur ab und zu der ferne Pfiff einer

Eisenbahn tönte und der Wind ein wenig Rauch, der Lokomotive entrissen,

wie ein leichtes, rasch sich lösendes Wölkchen trug?!

Als wäre man in der Prärie, in den Steppen, dachte sich der Junge, da,

wo keine Hütten mehr sind, nur Lagerfeuer ihr bißchen Rauch zum Zeichen

senden. In die Seligkeit seiner Freiheit mischte sich eine gewisse

Abenteurerlust. Das hatte er sich immer einmal gewünscht, im Freien zu

kampieren. Ein Feuer würde er freilich nicht anzünden können und daran

kochen; er hatte nichts dazu. Aber Hunger empfand er auch nicht, nur

jetzt das einzige Bedürfnis, recht tief und lange zu schlafen.

Ohne Bedenken streckte er sich hin; der Boden war schon kühl, aber sein

Anzug war dick und ließ die Kälte nicht durch. Den Kopf ein wenig erhöht

bettend, reckte er das Gesicht gegen den Nachthimmel. An dem zogen milde

Sterne auf und lächelten zu ihm nieder.

Er hatte geglaubt, gleich einzuschlafen, überwältigt von Müdigkeit, aber

nun lag er doch noch lange mit offenen Augen. Ein unerklärliches

Empfinden hielt ihn wach: dies war zu schön, zu schön, dies war ja schon

ein herrlicher Traum! Goldene Augen behüteten ihn, ein samtiger Mantel

hüllte ihn ein, eine Mutter wiegte ihn weich.

Fort waren Sehnsucht, Trotz, Schmerz, Wut, alles, was weh tat. Nur ein

Glück war geblieben im unendlichen Frieden.

5

Frida Lämke war nun eingesegnet, sie trug den Rock fast bis zur Erde,

und als sie Wolfgang Schlieben nach langer Zeit wieder zum ersten Mal

begegnete, war ihr Gruß nicht mehr das vertraulich-bekannte Nicken der

Kindheit. Aber sie blieb bei dem früheren Spielgefährten stehen.

»Na, Wolfgang,« sagte sie lachend und zugleich ein bißchen von oben

herab – sie kam sich so unendlich überlegen vor –, »na, was machste

denn?«

»Gut!« Er setzte eine unternehmende Miene auf, die nicht ganz zu dem

Blick seiner Augen paßte.

Sie musterte ihn: war der Wolfgang ein Kerl geworden! Aber er hielt sich

so schlecht, so vornüber! »Halt dir doch jrade,« ermahnte sie und reckte

ihre eigne binsengleiche Schlankheit. »Warum machste denn so ’n Buckel?!

Und mit den Augen blinkerste, als wärste kurzsichtig. Na, warte man, du

solltest mal bei meine Prinzipalin kommen – au weih, die würde dir

schön zurechtstutzen!« Sie kicherte in sich hinein, ihre ganze schmale

Figur schüttelte sich vor heimlicher Lachlust.

»Du bist so vergnügt,« sagte er langsam.

»Na, warum denn nich? Meinste, so’n oller Drache kann mir die Laune

verderben? Na, so dumm! Wenn sie schimpft, duck ich mir, ich sage kein

Wort, aber innerlich amüsiere ich mir! Haha!« Ihre helle Stimme klang

unendlich heiter.

Wie hübsch sie war! Des Knaben dunkle Augen hefteten sich auf Frida

Lämke, als hätte er sie noch nie gesehn. Auf ihrem blonden Haar, das sie

nicht mehr in einem langen Zopf trug, sondern im Nacken in einem dicken

Knoten, schimmerte die Sonne. Ihr Gesicht war so rund, so blühend!

»Du kommst nie mehr zu mir,« sagte er.

Einer Mutter Sohn · 第 12 / 23 段