Als sie ihn drinnen in die Wanne hoben, Schlieben und die Pflegerin, und

die Mutter die schwachen Hände unterhielt wie zur Unterstützung, stand

Cilla draußen vor der Tür und rief wieder ihre Heiligen an. Gern hätte

sie ihr Andachtsbüchlein, ihr ›Brot der Engel‹, zur Hand gehabt, aber es

fehlte an Zeit, es zu holen. So sammelte sie nur ihr ›Hilf‹ und ›Erbarme

dich‹, ihr ›Gegrüßet‹ und ›Streite für ihn‹ mit der ganzen Hingabe ihrer

Gläubigkeit.

Und drinnen begannen sich die Wangen des todbleichen Knaben zu röten.

Die Lippen, die sich so lange zu keinem Laut geöffnet hatten, stießen

jetzt einen Seufzer aus. Er war warm, als sie ihn ins Bett zurücklegten.

Bald war er heiß;, das Fieber setzte wieder ein.

Die Schwester blickte besorgt: »Jetzt Eis! Wir müßten es mit Eisblasen

versuchen!«

Eis! Eis!

»Ist Eis im Hause?« Hastig kam Schlieben aus der Krankenstube heraus, er

stieß fast die Tür gegen die Stirn des betenden Mädchens.

Eis! Eis! Sie waren beide miteinander hinuntergelaufen. Aber auch die

Köchin wußte keinen Rat: nein, Eis war nicht da, man hatte nicht

geglaubt, welches nötig zu haben.

»Schnell, zur Apotheke!«

Der Diener stob davon, aber – großer Gott – ehe der zur Apotheke

gelangte, jemanden weckte und wieder zurück war, konnte die Flamme da

oben so hoch aufgeflammt sein, daß die arme kleine Kerze schon

aufgezehrt war! Ganz wirr vor Angst blickte der Mann umher, da sah er,

wie Cilla mit Fleischbeil und Wassereimer zur Hintertür lief.

»Ich hole Eis!«

»Wo denn?!«

»Da!« Sie lachte und hob den bewehrten Arm, daß das Beil blitzte. »Unten

im See ist ja Eis genug. Ich geh, welches hacken!«

Schon war sie hinaus; er lief hinter ihr drein, ohne Hut, ohne Mütze,

nur mit dem leichten Hausrock bekleidet, den er im Zimmer trug.

Vor der aufglimmenden Hoffnung wichen die Schrecken der Nacht, er fühlte

augenblicklich die Kälte nicht. Aber als nun die Villen so ganz

verschwunden waren hinter den Kiefern, als er nun so einsam am Rande der

eisigen Seefläche stand, die wie ein hartes Metallschild glänzte, von

schwarzen, schweigsamen Riesen drohend umgeben, da fror ihn doch, daß er

glaubte, erfrieren zu müssen. Und er fühlte eine Bangigkeit, wie er sie

noch nie gefühlt hatte. Eine tödliche Angst.

Kam nicht eine Stimme zu ihm? He! Dort aus dem Walde, der wie ein

Dickicht erschien im blauen, verwirrenden Schimmer des Mondlichts?! Und

höhnte und foppte, lachte halb, klagte halb! Schrecklich – wer schrie

so?!

»Der Kauz schreit,« sagte Cilla jetzt, hob mit beiden Händen das Beil

rücklings über die Schulter und ließ es niedersausen mit Kraft. Das Eis

am Rande splitterte. Es knackte und krachte; bis weit in den See hinaus

ging der Ton: ein Murren, ein Grollen, eine Stimme aus der Tiefe.

Würde der Knabe sterben – würde er leben?!

Verstört sah Schlieben sich um. O Gott ja, auch das war umsonst! Würde

umsonst sein! Trotz all seiner Mannhaftigkeit empfand er eine Schwäche

– heute, hier war er schwach. Hier war die Nacht und die Einsamkeit und

der Wald und das Wasser – all das hatte er schon oft gesehen, es war

ihm vertraut gewesen –, aber so war es noch nie gewesen, so still und

doch so schreckhaft belebt. So hoch waren die Bäume noch nie gewesen, so

groß noch nie der See, so fern noch nie die bewohnte Welt!

Es schien ihm etwas zu lauern hinter jener dicken Kiefer – stand da

nicht ein Jäger und legte an, bereit, ihm einen Pfeil durchs Herz zu

schießen?! Das Schweigen beängstigte ihn. Dieses große Schweigen war

furchtbar. Dröhnend zwar hallten die Hiebe der Axt und lockten drüben

über dem See ein Echo, unbeirrt zwar tat Cilla ihr Werk – er bewunderte

die Kaltblütigkeit des Mädchens –, aber die Drohung, die in diesem

Schweigen lag, minderte sich nicht.

Schauer auf Schauer durchrann den verstörten Mann: nein, jetzt wußte

er’s, – ach, wie fühlte er’s deutlich – gegen diese unsichtbare Gewalt

kam niemand an. Hier war alles vergebens!

Ein großer Schmerz überkam ihn. Mit beiden Händen packte er in die

eiskalten Schollen, die das Mädchen losgehackt hatte, und sammelte sie

in den Eimer; er riß sich, er schnitt sich an den zackigen Rändern, die

scharf waren wie Glas, aber er fühlte den körperlichen Schmerz nicht.

Das Blut rann ihm in Tropfen über die Finger.

Und aus seinen Augen begann jetzt auch etwas zu rinnen, schwer und zäh

tropfte es über seine Wangen – langsame, fast widerwillige Tränen. Aber

doch heiße Tränen eines Vaters, der um sein Kind weint.

4

»Jotte, nee, was biste jroß jeworden,« sagte Frau Lämke, »nu wird man

woll bald ›Sie‹ zu dich sagen müssen und ›junger Herr‹?!«

»Nie!« Wolfgang fiel ihr um den Hals.

Die Frau war ganz verdutzt: war das denn noch der Wolfgang? Der war ja

kaum wiederzuerkennen seit der Krankheit – so umgänglich! Und war er

auch immer ein guter Junge gewesen, so zärtlich war er früher doch nie

gewesen?! Und wie lustig er war, er lachte, seine Augen blinkerten

ordentlich wie geputzt!

Wolfgang war voll Lebenslust und einer immerwährenden unbändigen Freude.

Er wußte gar nicht wohin damit. Keinen Augenblick konnte er stille

sitzen, in seinen Armen zuckte es, seine Füße scharrten den Boden.

Er war der Schrecken des Lehrers. Die ganze, sonst immer so musterhafte

Quarta brachte der Junge aus Rand und Band, der eine Junge! Und dabei

konnte man ihm eigentlich nicht einmal so recht von Herzen böse sein. In

die Rügen des müden Mannes, der alle Tage dieselben Stunden, jahraus

jahrein, auf demselben Katheder sitzen, dieselben Diktate diktieren,

dieselben Aufgaben aufgeben, dieselben Lesestücke lesen lassen,

dieselben Wiederholungen wiederholen mußte, mischte sich etwas wie eine

leise Wehmut, die den Tadel milderte: ja, das war Daseinsfreudigkeit,

Gesundheit, Frische, unverbrauchte Kraft – das war Jugend!

Wolfgang kehrte sich nicht an die Vorwürfe, die man ihm machte, er hatte

nicht den Ehrgeiz, unter den Ersten der Klasse zu sein. Er lachte den

Lehrer aus und konnte sich nicht einmal zwingen, betrübt den Kopf zu

senken, als ihm die Mutter, in nervöser Erregtheit, eine schlechte

Zensur vorm Gesicht hin und her schwenkte: »Also dafür quält man sich so

mit dir?!«

Wie ehrgeizig die Frauen sind! Schlieben lächelte; er nahm’s ruhiger.

Nun, er hatte ja auch nicht die Plage davon gehabt wie Käte. Sie hatte

sich, seitdem der Junge so viel durch seine Krankheit versäumt hatte,

jeden Tag mit ihm hingesetzt und geschrieben und gelesen und gerechnet

und Vokabeln gelernt und Regeln und unermüdlich wiederholt und, neben

den Schulaufgaben, selber noch Übungsaufgaben gestellt, und es so fertig

gebracht, daß Wolfgang, trotz der wochen- und wochenlangen

Schulversäumnis, doch Ostern mit nach Quarta versetzt wurde. Erleichtert

hatte sie aufgeatmet: ah, ein Berg war erklommen! Aber der Weg ging

trotzdem jetzt nicht eben fort. Als die ersten Amseln im Garten sangen,

war er als fünfzehnter versetzt worden – also ein Durchschnittsschüler

–, als die erste Nachtigall schlug, war er nicht mehr in diesem

Durchschnitt, und als der Sommer kam, gehörte er zu den Letzten der

Klasse.

Es war zu verlockend, im Garten zu säen, zu pflanzen, zu gießen, auf dem

Rasen zu liegen und sich den warmen Sonnenflimmer über den Leib rinnen

zu lassen; besser noch, draußen umherzuschwärmen an den Waldrändern,

oder im See zu baden, weit hinauszuschwimmen, so weit, daß ihm die

andern Jungen zuschrieen: ›Komm zurück, Schlieben, du versäufst!‹

»Freu dich doch, daß er so munter ist,« sagte Paul zu Käte. »Denke doch

dran, wer hätte, vor einem halben Jahr noch, gedacht, daß er sich so

erholen würde?! Es ist ein Glück, daß er kein Stubenhocker ist. ›Viel

frische Luft‹ hat Hofmann gesagt, ›viel freie Bewegung. Ohne

Schädigungen der Konstitution geht eine so schwere Krankheit nicht ab!‹

Also wählen wir von zwei Übeln doch das kleinere – freilich, der Bengel

muß wissen, daß er nebenbei doch seine Schuldigkeit zu tun hat!«

Das ließ sich schwer vereinen. Käte fühlte sich machtlos werden. Wenn

des Knaben Augen, blank wie dunkle Beeren, begehrten: ›laß mich hinaus‹,

wagte sie ihn nicht zurückzuhalten. Sie wußte, er hatte seine Arbeiten

noch nicht fertig, vielleicht noch nicht einmal begonnen; aber hatte

Paul nicht gesagt: ›man muß von zwei Übeln das kleinere wählen‹, und der

Sanitätsrat: ›ohne Schädigungen geht eine so schwere Krankheit nicht ab;

viel Freiheit‹ –?!

Eine jähe Angst erfaßte sie um sein Leben; noch waren die Schrecken der

Krankheit nicht verwunden. Ach, diese Nächte! Diese letzten furchtbaren

Stunden, in denen nach dem heißen Bad das Fieber höher und höher

gestiegen war, der Puls gerast und das arme Herz gejagt hatte, bis

endlich, endlich das Eis aus dem See Kühlung gebracht und ein Schlaf

sich gesenkt hatte, der, als im Osten der Himmel rot zu werden begann

und ein neuer Tag durchs Fenster hereinschaute, sich in einen

wohltätigen, wunderwirkenden Schweiß löste.

Sie mußte den eben Genesenen laufen lassen.

Aber daß er sich Cilla an den Arm hing, wenn die abends noch einen Gang

zu machen hatte, daß er ihr schleunigst nachlief, wenn sie nur einen

Brief zum Kasten trug, oder daß er ihr einen Stuhl heranschleppte, wenn

sie sich mit ihrem Flickkorb unter den Fliederbusch an der Küchentür

setzen wollte, das war nicht zu dulden. Als Käte erfuhr, daß Cilla an

ihrem Ausgangssonntag nicht weiter gegangen war als bis zu den nächsten

Kiefern am Waldrand und dort mit dem Knaben stundenlang im Grase

gesessen hatte, gab es eine Szene.

Cilla weinte bittere Tränen. Was hatte sie denn getan?! Sie hatte

Wölfchen doch nur von ›zu Hause‹ erzählt!

»Was geht ihn Ihr ›zu Hause‹ an?! Er soll sich um seine Sachen kümmern,

und Sie kümmern sich um die Ihren!« Käte war im Zuge, noch mehr

herauszusprudeln, zu schreien: ›Lassen Sie solche Vertraulichkeiten, ich

dulde sie nicht‹, aber sie bezwang sich, wenn auch nur mit Mühe. Sie

hätte dieses rundwangige, helläugige Mädchen, das so dreist blickte, ins

Gesicht schlagen mögen. Da war selbst Frida Lämke noch vorzuziehen!

Aber Frida ließ sich jetzt nicht mehr so oft sehen. Sie trug schon den

Rock lang bis zum Knöchel und ging in den Freistunden, die ihr die

Schule ließ, zum Nähkursus, und wenn sie eingesegnet war, Ostern übers

Jahr, dann sollte sie, wie sie mit großer Wichtigkeit sagte, ›nach’s

Jeschäft‹.

»Ich kündige ihr,« sagte Käte eines Abends, als Cilla eben den Tisch

abgedeckt hatte und sie ganz allein mit ihrem Mann saß.

»So?« Er hatte gar nicht recht hingehört. »Warum denn?«

»Darum!« Ein unterdrückter Ärger vibrierte im Ton der Frau – mehr als

das, eine leidenschaftliche Erregung. Ihre sonst goldbraunen, milden

Augen wurden dunkel und blickten finster in sich hinein.

»Du zitterst ja förmlich! Was ist denn nun schon wieder?!« Verstimmt

legte er die Zeitung hin, die er eben hatte lesen wollen. Da war wieder

etwas mit dem Jungen los; nur dann erregte sie sich so!

»Es geht nicht länger!« Ihre Stimme war hart, hatte jeden Schmelz

verloren. »Und ich dulde es nicht! Denke dir, als ich heute nach Hause

komme – ich war gegen Abend eine Stunde fort, kaum eine Stunde –,

Gott, Gott, man kann sich doch nicht immer zur Aufpasserin machen, man

erniedrigt sich ja vor sich selber!« Leidenschaftlich verschlang sie die

Hände, preßte sie so heftig ineinander, daß die Knöchel ganz weiß

wurden. »Ich hatte ihn an seinem Pult gelassen, er hatte so viel auf,

und als ich wiederkomme, war kein Strich gemacht! Aber unten, hinten vor

der Küchentür, da – da höre ich sie!«

»Wen denn?«

»Nun, Wolfgang und die – die Cilla! Kaum bin ich fort!«

»Nun und?!«

Sie hatte geschwiegen, seufzend, in einem tiefen Kummergefühl, das den

Zorn aus ihren Augen verjagte.

»Er legte ihr von hinten den Arm um den Hals! Und hat sie geküßt!

›Liebes Cillchen!‹ Und sie zog ihn an sich, nahm ihn fast auf den Schoß

– dazu ist er viel, viel zu groß – – und redete immer in ihn

hinein!«

»Hast du verstanden, was sie sagte?«

»Nein. Aber sie lachten. Und dann gab sie ihm einen Klaps gegen die

Kehrseite – du hättest es nur sehen sollen! – und dann er ihr. Hin und

her ging das. Ist das passend?!«

»Das geht zu weit, da hast du recht! Aber schlimm ist es nicht. Sie ist

eine gute, noch ganz unverdorbene Person, er ein dummer Junge. Darum

wirst du das Mädchen doch nicht entlassen? Ich bitte dich, Käte! Haben

sie dich bemerkt?«

»Nein!«

»Nun, dann tu auch nicht desgleichen. Das ist viel klüger. Ich werde mir

den Jungen schon mal bei Gelegenheit vornehmen!«

»Und du meinst, ich könnte – ich kann – ich muß sie nicht entlassen?«

Käte war ganz kleinlaut geworden gegenüber seiner Ruhe.

»Dazu liegt gar kein Grund vor!« Er war völlig überzeugt von dem, was er

sagte, und wollte wieder zu seiner Zeitung greifen. Da fing er ihren

Blick auf und streckte ihr die Hand über den Tisch hin: »Liebes Herz,

nimm nicht alles so schwer! Du verkümmerst dir ja das Dasein – dir –

dem Jungen – und – ja, auch mir! Nimm’s leichter! – So, und nun will

ich endlich mal zu meiner Zeitung kommen!«

Käte stand leise auf – er las ja! Sie hatte ihm ihre Hand nicht

gelassen. Seine Ruhe verletzte sie. Das war schon mehr als Ruhe, das war

Gleichgültigkeit, Lässigkeit! Aber sie wollte nicht lässig sein, nein,

sie wollte nicht müde werden!

Und sie ging ihrem Knaben nach.

Wolfgang war schon oben in seinem Zimmer. Er war zwar noch an Cilla, die

unten in der Küche das Geschirr abtrocknete, leise von hinten

herangeschlichen, hatte sie gezwickt, sie dann mit beiden Armen umfangen

und um eine Geschichte gebettelt: »Erzähl mir was!« – aber sie hatte

nicht gewollt.

»Ich weiß nichts!«

»Och, erzähl mir doch! Von der Prozession! Oder wenn’s nur von eurer Sau

ist! Wieviel hatte die doch ’s letzte Mal geworfen?«

»Dreizehn!« =Der= Frage war zwar nicht zu widerstehen, aber doch blieb

Cilla wortkarg.

»Kalbt eure Kuh auch dieses Jahr? Wieviel Kühe hat denn der größte Bauer

bei euch? Weißt du, der unten an der Warthe, der Hauländer! Sag doch?!«

Er wußte ganz genau Bescheid, kannte alle Leute bei ihr zu Hause und

alles Vieh. Er konnte nie genug davon erzählen hören und von dem Land,

über das die Glöckchen bimmeln zur Frühmesse und zur Vesper oder tief

und feierlich rufen am Sonntage um die Hochamtszeit. Vom Lande hörte er

zu gern erzählen, von Ackerbreiten, auf denen blauer Flachs und goldner

Roggen steht, von blauenden Waldstrichen am Horizont, von weiten, weiten

Heidestrecken, auf denen die Bienen emsig über blühendem Kraut summen

und abends an stillen Wassern, wenn Himmel und Sonne sich rot darin

spiegeln, der Sumpfvogel schreit.

»Erzähl davon!« Er bettelte und drängte.

Aber sie blieb unlustig und schüttelte den Kopf: »Nee, geh schon, nee,

ich will nich! Die Frau hat mer heute abend wieder so angesehn – ach,

so – nee! Ich glaube, sie will mer wohl kündigen!«

Verdrießlich war er in sein Zimmer hinaufgeschlichen und hatte sich

ausgekleidet. Er war so daran gewöhnt, er konnte gar nicht gut schlafen,

wenn Cilla ihm nicht vorher etwas erzählt hatte. Dann schlief er so

sanft ein und träumte so wunderschön von weiten Heidestrecken, die rot

blühten, von stillen Wassern, an denen der Sumpfvogel schrie, den er

jagen ging.

Ach, die Cilla, was die nur heut hatte! Wie dumm! ›Die Frau wird mer

kündigen‹ – Unsinn, als ob er das litte! Und er ballte die Faust.

Da knarrte die Tür.

Er reckte den Hals: war sie’s, kam sie doch noch?! Die Mutter war’s.

Geschwind schlüpfte er ins Bett und zog die Decke bis an die Stirn.

Mochte sie denken, er schliefe schon!

Aber sie dachte das nicht, sondern sie sagte: »So, bist du noch wach?«

und setzte sich auf den Stuhl beim Bett, auf dem seine Sachen lagen. Da

saß auch sonst immer die Cilla. Er verglich im stillen die beiden

Gesichter. Ah, die Cilla war doch viel hübscher, so weiß und rot, und

hatte Grübchen in ihren dicken Backen, wenn sie lachte, und war so

vergnügt! Häßlich war die Mutter zwar auch nicht!

Er hatte sie aufmerksam betrachtet; und da überkam es ihn plötzlich mit

einem ihm sonst gänzlich unbekannten Gefühl: ach, sie hatte ja so

schmale Bäckchen! Und an den Schläfen herunter das weiche Haar – das

war ja – das –

»Du wirst ja grau,« sagte er auf einmal, förmlich erschrocken, und

streckte den Finger aus: »Da, ganz grau!«

Sie nickte. Ein Zug des Unbehagens verlängerte ihr Gesicht und ließ es

noch schmäler erscheinen.

»Du müßtest mehr lachen,« riet er. »Dann sähe man gar nicht, daß du

Falten hast!«

Falten – ach ja, Falten! Mit einer nervösen Bewegung fuhr sie über die

Stirn. Was Kinder für unbarmherzige Augen haben! Mit Jugend und

Schönheit war’s wohl endgültig vorbei – den letzten Rest aber, den

hatte der Knabe hier genommen! Und wie ein Vorwurf klang’s: »Das machen

die Sorgen. Deine schwere Krankheit und – und –« sie stockte, sollte

sie jetzt von dem anfangen, was sie so beunruhigte? »Und da ist noch

manches andre,« schloß sie mit einem Seufzer.

»Das glaub ich wohl,« sagte er unbefangen. »Du bist ja auch schon alt!«

Nun, ehrlich war er, das mußte man gestehen; aber ohne eine Spur von

Zartgefühl! Sie konnte eine leise Gereiztheit nicht unterdrücken; es war

nicht angenehm, sich von seinem Kinde an sein Alter erinnern zu lassen.

»So alt bin ich denn doch noch nicht,« sagte sie.

»Na, =so= alt meine ich ja auch gar nicht. Aber doch viel älter als ich

oder die Cilla zum Beispiel!«

Sie zuckte zusammen – immer kam er mit dieser Person!

»Die Cilla ist ein hübsches Mädchen, findest du nicht, Mutter?«

Der Ärger überkam sie so heftig, daß sie sich nicht mehr in der Gewalt

hatte. »So?« sagte sie kurz und stand auf. »Sie zieht zum ersten

Oktober!«

»Sie zieht?! Och nee!« Er starrte sie ungläubig an.

»Doch, doch!« Sie kam sich grausam vor, aber konnte sie denn anders

sein? Es lag ein so großes Erschrecken in seiner Ungläubigkeit. »Sie

zieht; ich kündige ihr!«

»Och nee, das tust du ja nicht!« Er lachte. »Das tust du ja doch

nicht!«

»Ja, das tue ich!« Auf jedes Wort legte sie einen besonderen Nachdruck;

es klang unumstößlich.

Er schüttelte noch immer ungläubig den Kopf: das konnte ja gar nicht

sein! Aber dann fiel ihm auf einmal Cillas gedrücktes Wesen wieder ein

und ihre Worte am heutigen Abend – ›Sie will mer wohl kündigen!‹ »Nein,

das tust du nicht!« Mit einem Ruck setzte er sich im Bette auf.

»Ich werde dich nicht fragen!«

»Nein, du tust es nicht, du tust es nicht,« schrie er. Cillas Gestalt

stand auf einmal vor ihm, ihre treuherzigen Augen sahen ihn traurig an

– sie gefiel ihm so wohl – und die sollte gehen?! Eine Wut kam über

ihn.

»Sie soll nicht gehen, sie soll nicht gehen,« heulte er auf und schrie

es laut und lauter: »Sie soll nicht gehen!« Er warf sich hintenüber,

reckte sich lang, stieß in einem sinnlosen, nicht zu bezeichnenden

Empfinden mit den Füßen gegen die Bettstatt, daß die in allen Fugen

krachte.

Käte war erschrocken; so heftig hatte sie ihn nie gesehen. Aber wie

recht hatte sie! Sein Benehmen zeigte ihr’s deutlich. Nein, sie durfte

sich nicht grausam schelten, wenn auch seine Tränen flossen; es war

notwendig, daß die Cilla ging! Aber er tat ihr leid.

»Wölfchen,« sagte sie überredend, »aber, Wölfchen!« Sie versuchte ihn zu

besänftigen und zog ihm mit liebevoller Hand die heruntergefallene Decke

wieder herauf. Aber sowie sie ihn berührte, stieß er sie von sich.

»Wölfchen – Wölfchen – du mit deinem Wölfchen! Als ob ich noch ein

kleines Kind wäre! Ich heiße Wolfgang. Und du bist ungerecht! Neidisch!

Du willst nur, daß sie geht, weil ich sie lieber habe, viel lieber als

dich!«

Er schrie es ihr ins Gesicht, das tief erblaßte. Sie hatte das Gefühl,

als müßte sie aufschreien vor Schmerz. Sie, die sie so viel um ihn

gelitten hatte, setzte er hintenan?! Jetzt fielen ihr auf einmal,

brennend und unaustilgbar, alle die Tränen ein, die sie schon um ihn

vergossen hatte. Und von all den schweren Stunden der Krankheit war

keine so schwer gewesen wie die jetzige.

Sie vergaß, daß er noch ein Kind war, ein ungezogener Junge. Hatte er es

denn nicht selber gesagt: ›Ich bin kein Kind mehr –?!‹ Unverzeihlich

erschien ihr sein Benehmen. Ohne Wort ging sie zur Tür hinaus.

Er sah ihr betroffen nach: hatte er sie gekränkt?! Plötzlich kam ihm das

Bewußtsein davon – o nein, das wollte er nicht! Schon hob er die Füße

aus dem Bett, um ihr auf sackten Sohlen nachzulaufen, sie am Kleide

festzuhalten, zu sagen: ›Du, bist du böse?!‹ – da fiel ihm die Cilla

wieder ein. Nein, das war doch zu schlecht von ihr, daß sie die gehen

hieß!

Sich weinend unter die Decke verkriechend, faltete er die Hände. Cilla

hatte ihm gesagt, daß man zur heiligen Jungfrau beten müsse, zu jener

lächelnden Frau im blauen Sternenmantel, die, mit der Krone auf dem

Haupt, über dem Altar thront. Die heilte alles. Und wenn die Gott im

Himmel um etwas bat, so tat der’s. Zu ihr wollte er jetzt beten.

Cilla hatte ihn damals, als die Mutter im Bade und der Vater in Tirol

war, einmal mitgenommen in ihre Kirche. Er hatte ihr versprechen müssen,

niemandem etwas davon zu sagen, und der Reiz des Geheimnisvollen hatte

den Reiz jener Kirche erhöht. Eine unbewußte Sehnsucht zog ihn nach

jenen Altären, wo die Heiligen prangten und wo man Gott, den man doch

bitten soll wie einen Vater, leibhaftig schauen konnte. In der Kirche,

die die Mutter zuweilen besuchte und in der er auch schon gewesen war,

hatte es ihm nie so gut gefallen.

Jene Sehnsucht, die ihm wie ein Märchen im Sinn schwebte, kam jetzt mit

Gewalt und lebendig über ihn. Ja, so hinknieen können vor der lieben

Frau, die reizender war als alle Frauen auf Erden sind, und kaum daß man

seine Bitte vortrug, auch schon der Erfüllung gewiß sein, das war schön!

Herrlich!

»Gegrüßet seist du, Maria!« So fing der Cilla Gebet an; weiter wußte er

es nicht, aber er wiederholte das, viele Male. Und nun roch er wieder

den Weihrauch, der die Kirche durchduftet hatte, hörte wieder das

Schellchen der Wandlung, sah den Geweihten des Herrn, dem die prächtige

Stola überm Meßgewand hing, sich verneigen, bald links am Altar, bald

rechts. O, wie er es den Knaben in den weißen Chorhemden neidete, die

neben ihm knieen durften! Seliger Wohlklang schwebte unterm

hochgewölbten Kuppeldach:

›_Procedenti ab utroque

Compar sit laudatio_ –‹

so ähnlich hatten sie gesungen. Und dann hatte der Priester die

strahlende Monstranz hoch erhoben, und alle Leute hatten sich tief

gebeugt. ›_Qui vivis et regnas in saecula saeculorum!_‹ Ja, =das= Latein

hatte er gut behalten! Das würde er auch sein Leben nicht vergessen!

Anstoßen hatte ihn die Cilla müssen und flüstern: ›Komm, wer gehn

jetzt,‹ sonst wäre er damals noch lange knieen geblieben in der

prächtigen und doch so heimeligen Kirche, in der nichts kalt war und

fremd.

Wenn er doch wieder einmal hinkönnte! Cilla hatte es ihm freilich

versprochen zu gelegener Zeit – aber sie sollte ja jetzt weg, und die

gelegene Zeit würde nie kommen! Schade! Ein großes Bedauern erhob sich

in ihm und zugleich ein Trotz: nein, in die Kirche, wohin die Mutter

ging und wohin die aus seiner Schule gingen, dahin ging er nicht!

Und er flüsterte wieder: »Gegrüßet seist du, Maria,« und bei diesem

Flüstern fingen die Tränen, die heiß und zornig über sein Gesicht

gelaufen waren, an zu versiegen.

Er war aus dem Bett geklettert und hatte sich auf den Teppich davor

niedergekniet, die zusammengelegten Hände in Anbetung erhoben, so wie er

es bei den Engeln auf dem Altarbild gesehen hatte. Seine Augen waren

glänzend und weit aufgeschlagen, sein Trotz zerfloß in Hingabe.

Als er endlich ins Bett zurückstieg und die übergroße Müdigkeit seine

Aufregung niederschlug und er einschlief, träumte er von der reizenden

Jungfrau Maria, die wohlbekannte Züge trug, und fühlte sein Herz zu ihr

entbrennen.

* * * * *

Einer Mutter Sohn · 第 11 / 23 段