Gesicht zu ihr aufgehoben, um ihren Kuß zu empfangen; aber sie merkte
ihm keine Freude an. Oder war es Befangenheit, eine knabenhafte Scham,
weil sie ihn belauscht hatte? Seine Augen sahen sie gar nicht voll an,
streiften sie aber immerfort von der Seite. War sie ihm denn fremd
geworden – so fremd?!
Eine unsägliche Enttäuschung durchzog der Heimkehrenden Herz, und ohne
daß sie es beabsichtigte, klang der Ton schroff, in dem sie das Mädchen
jetzt hinausgehen hieß. Sie setzte sich auf den eben verlassenen Platz
am Tisch und zog ihren Knaben an sich.
»Wie ist dir’s denn gegangen, Wölfchen? Nun sage doch – gut?!«
Er nickte.
»Hast du denn auch Mutterchen ein bißchen vermißt?!«
Er nickte wieder.
»Ich habe dir auch so viele schöne Sachen mitgebracht!«
Da wurde er lebhaft. »Hast du auch für Cilla was mitgebracht? Einen
Nähkasten mit allerlei drin könnte die gut gebrauchen; weißt du, sie hat
nur so ’nen alten von der Schule her. Och, die kann mal fein erzählen –
so gruselig! Und singen! Laß dir das mal vorsingen:
›Ein niedliches Mädchen, ein junges Blut,
Erkor sich ein Landmann zur Frau,
Doch sie war einem Soldaten so gut
Und bat ihren Alten ganz schlau –‹
Ich sag dir, zum Schießen ist das!«
Und lachend begann er weiterzuträllern:
»Er möchte doch fahren ins Heu, juchhei,
Ins Heu, juchhei –«
»St – – –!« Sie legte ihm die Hand auf den Mund.
»Das ist gar kein schönes Lied – ein garstiges Lied! Das wirst du nie
mehr singen!«
»Aber warum denn nicht?« Er sah sie mit runden Augen erstaunt an.
»Weil ich es nicht wünsche,« sagte sie kurz. Sie war empört: morgen, ja
morgen, da würde sie dem Mädchen aber ihre Meinung nicht vorenthalten!
Jetzt waren ihre Wangen nicht mehr heiß; eine empfindliche Kühle
schauerte über die Veranda, die ihr eisig bis ans Herz griff. Als Paul
rief: »Aber, Käte, wo steckst du denn? Lege doch erst ab!« folgte sie
rasch seinem Ruf.
Der Knabe blieb allein stehen und sah mit blinzelnden, träumerischen
Augen in die milde, jetzt ganz dunkle Nacht. Ha, das war doch so schön,
wie die Cilla gesungen hatte! Morgen mußte Cilla wieder singen und
erzählen! Wenn =sie= nun auch wieder da war! Ein ungestörtes Plätzchen
würde doch noch zu finden sein! –
Käte schlief gar nicht in dieser ersten Nacht, obgleich sie todmüde war.
Vielleicht zu müde. Sie hatte noch eine lange Auseinandersetzung mit
Paul gehabt, als sie schon zu Bette lagen. Er hatte ihr recht gegeben,
daß weder das eine noch das andre Lied sehr passend war, aber – »Du
lieber Gott,« hatte er gesagt, »was hört man als Kind nicht alles, und
es geht spurlos an einem vorbei!«
»An =dem= nicht!« Und dann klagte sie: »Ich habe so oft versucht, ihm
wirklich Schönes vorzulesen, das Beste unserer Dichter – aber gar kein
Interesse, noch gar kein Verständnis! Und für solche – solche« – sie
suchte einen Ausdruck und fand ihn nicht – »für so etwas begeistert er
sich! Aber ich leide es nicht, ich dulde es nicht! Dergleichen darf
nicht in seine Nähe!«
»Dann entlasse die Dienstboten,« hatte er ärgerlich gesagt. Er war eben
im Einschlafen und wollte nicht mehr gestört sein. »Gute Nacht, mein
Herz, schlaf dich aus! Übrigens bist du ja nun wieder da und wirst schon
das Deine tun!«
Ja, das würde sie auch! –
Sie ließ den Knaben von nun ab nicht mehr aus den Augen. Und ihre Ohren
waren überall. Es lag kein Grund vor, das Mädchen zu entlassen – es war
ehrlich und sauber, tat seine Schuldigkeit – nur mit Wölfchen durfte es
nicht mehr allein sein. Wolfgang ging ins zwölfte Jahr, eine Überwachung
durch eine Dienerin war überhaupt nicht mehr möglich.
Aber es war schwer für Käte, ihren Vorsätzen treu zu bleiben. Ihr Mann
machte doch auch seine Ansprüche, und ihr Haus, ihre Geselligkeit; es
war nicht möglich, alles andre abzuschütteln, aufzugeben, zu
verabsäumen, nur um des einen: um des Kindes willen. Und sie durfte Paul
doch auch nicht anhaltend verstimmen, ihn womöglich ernstlich gegen das
Kind erzürnen; davor zitterte sie. Sie mußte zuweilen mit ihrem Mann in
Gesellschaft gehen, er freute sich, wenn sie – gut angezogen – als
liebenswürdige Frau gesucht ward. Er ging gerne – ach, und viel, viel
zu oft! Gerade diesen Winter hatte sie geglaubt, doppelt auf der Hut
sein zu müssen. Und sie instruierte die Köchin und den Diener, ersuchte
beide dringend, aufzupassen. Die waren ganz verwundert: wenn die gnädige
Frau so wenig zufrieden war, sollte die gnädige Frau doch der Cilla
kündigen, zum ersten Januar gab’s ja Mädchen genug!
Unwillig wendete sich Käte ab: wie häßlich von den Dienstboten, die
andre herausbeißen zu wollen! Ungerecht durfte sie gegen das Mädchen
denn doch nicht handeln. Und wenn ein andres ins Haus kam, konnte es da
nicht ebenso sein?! Dienstboten sind immer eine Gefahr für Kinder. –
Wolfgang entwickelte sich sonst sehr gut, besonders körperlich. Nicht,
daß er gerade so sehr in die Höhe schoß; er ging mehr in die Breite,
wurde stämmig, mit einem festen Nacken. Wenn er mit den Lämkes vor der
Tür Schneeballen warf, sah er älter aus als der gleichaltrige Artur,
sogar älter als Frida. Er wurde eben anders genährt als diese Kinder.
Mit Wohlgefallen sah die Mutter seine reine, frische Haut, die gepflegt
war durch warme Bäder und die tägliche kalte Abreibung am Morgen. Und
zum Friseur mußte er alle vierzehn Tage, da wurde der dichte, glatte,
dunkle Haarschopf, der aber trotz aller Sorgfalt etwas Grobfädiges
behielt, verschnitten, gewaschen und mit stärkender Essenz eingerieben.
Beinahe verkümmert sahen die Lämkes aus gegen ihn; sie hatten ja auch
vor nicht zu langer Zeit erst die Nachwehen des Scharlach überstanden.
Wenn nur Wölfchen das nicht auch bekam. Käte hatte große Angst davor.
Bis vor kurzem hatte sie ihn von den Lämkes ferngehalten; aber freilich
in der Schule war stete Ansteckungsgefahr. Ach Gott, man kam wegen des
Kindes eben nie zur Ruhe! –
* * * * *
Sie hatten sich recht munter draußen getummelt. Der See, der unterhalb
der Villen, wie ein stilles Auge zwischen den dunklen Waldrändern liegt,
war zugefroren; Wolfgang und die halbe Klasse liefen dort Schlittschuh.
Käte war nach Tisch auch eine Weile am Ufer auf und ab gewandert und
hatte ihren Jungen beobachtet. Wie nett er schon lief! Sicherer und
besser als mancher der Jünglinge, die da Achter zogen und Kreise
beschrieben, holländerten und mit ihren Damen tanzten. Er versuchte auch
schon allerlei Kunststücke, er hatte wirklich Courage. Daß er nur nicht
hinfiel oder einbrach! Und immer lief er der tiefen Mitte des Sees zu,
wo noch Strohwische steckten! Der Mutter war, als könnte ihm nichts
geschehen, wenn sie hier am Ufer stand und ihn unablässig mit den Augen
verfolgte. Endlich aber erstarrten ihre Füße gänzlich, und sie mußte
heimgehen.
Als er gegen Dunkelwerden nach Hause kam, war er unendlich frisch. Mit
Freudigkeit sprach er vom Eislauf. »Ha, das war mal fein! Ich möchte
immer so laufen – morgen, übermorgen – alle Tage – und immer weiter,
weiter! Der See ist viel zu klein!«
»Bist du denn gar nicht müde?« fragte die Mutter und lächelte ihn an;
sie konnte sich nicht satt an ihm sehen, er sah so strahlend aus.
»Müde?« Ein fast geringschätziges Lächeln zog seine Mundwinkel herab.
»Ich werde nie müde. Von so was nicht! Die Cilla hat gesagt, sie möchte
auch gern mal mit mir laufen!«
»Ach, warum nicht gar?!« Schlieben, der mit beim Kaffeetisch saß,
lächelte gutgelaunt; es machte ihm Spaß, den frischen Jungen ein wenig
zu necken. »Dann wird sich die Mutter eben während der Eiszeit ein
zweites Hausmädchen engagieren müssen!«
Wolfgang verstand den leisen Spott nicht. Ganz glücklich rief er: »Ja,
das soll sie tun!« Aber dann wurde sein Gesicht lang: »Aber sie hätte
keine Schlittschuhe, sagt sie. Vater, du mußt ihr welche kaufen!«
»Den Kuckuck werd ich – na, das fehlte noch!« Der Hausherr lachte laut
auf. »Nein, mein Junge, die Cilla in Ehren, aber sie Schlittschuh laufen
zu lassen, das wäre denn doch ein bißchen übertrieben! Nicht wahr?«
Er sah zu seiner Frau hin, die ganz gegen ihre Gewohnheit laut mit den
Tassen klapperte. Sie sagte nichts, sie nickte nur stumm mit gänzlich
veränderter, kühler Miene.
Der Knabe begriff das nicht: warum sollte die Cilla nicht Schlittschuh
laufen?! Hatte die Mutter was gegen sie? Komisch! Immer, wenn ihm was so
recht, recht gefiel, gefiel’s ihr nicht!
Er stützte, an seinem Arbeitspult sitzend, den Kopf in beide Hände; der
war ihm schwer. Die Augen brannten ihm und tränten, wenn er sie fest
aufs Heft richtete – er mußte doch wohl müde geworden sein. Das wurde
keine gute lateinische Arbeit! Im Geist sah er schon, wie der Lehrer die
Achseln zuckte und ihm, über so und so viel Köpfe weg, das Heft auf die
Bank feuerte: ›Schlieben, zehn Fehler! Junge, Mensch, zehn Fehler! Wenn
du dich nicht zusammennimmst, kommst du Ostern nicht mit nach Quarta
herüber?!‹
Pah, das war ihm ja ziemlich egal – nein, eigentlich ganz egal. Es war
ihm überhaupt jetzt alles egal, schrecklich egal. Er fühlte sich auf
einmal todmüde. Warum sie nur der Cilla nichts gönnen wollte? Die
erzählte doch so fein! Was hatte die doch gestern abend, als die Eltern
aus waren und sie sich an sein Bett geschlichen hatte, erzählt? Von –
von –?! Er konnte nichts mehr zusammenbringen, seine Gedanken
verwirrten sich.
Der Kopf sank vornüber aufs Pult; die Arme lang vor sich über seine
Bücher gestreckt, schlief er ein.
Als er erwachte, mochte wohl eine Stunde vergangen sein, aber er fühlte
sich doch nicht ausgeruht. Fröstelnd, mit starren Augen sah er sich im
Zimmer um. Alle Glieder taten ihm weh.
Und sie taten ihm auch die Nacht durch noch weh, er konnte nicht
schlafen; mit schweren Füßen schleppte er sich am anderen Nachmittag auf
die Eisbahn.
Viel früher als sonst kam er vom Schlittschuhlaufen wieder nach Hause.
Er mochte nichts essen und nichts trinken, immer kam ihn eine Übelkeit
an. »Sieht der Junge heute grün aus,« sagte der Vater. Die Mutter strich
ihm besorgt die Haare aus der Stirn: »Fehlt dir was, Wölfchen?« Er
verneinte.
Aber als wieder der Abend gekommen war und der Wind draußen in den
Kiefern flüsterte und eine gespenstische Hand an die Fenster rührte –
huh, eine kleine weiße Hand wie in Cillas Lied –, lag er im Bett,
schüttelte sich vor Frost, trotz der weichen warmen Decke, fühlte, daß
ihm der Hals weh tat und daß es in seinen Ohren stach und brannte.
»Er ist krank,« sagte Käte sehr besorgt am Morgen. »Wir wollen doch
gleich Hofmann kommen lassen!«
»Ach, es wird schon nicht so schlimm sein,« beruhigte der Mann. »Laß ihn
im Bette, gib ihm Zitronenlimonade zum Schwitzen und auch was zum
Abführen. Er hat sich den Magen verdorben oder ist erkältet!«
Aber schon am Mittag mußte der Arzt herbeitelephoniert werden. Der Knabe
lag, nicht mehr klar, in hohem Fieber.
»Scharlach!« Prüfend besah der Sanitätsrat die entblößte Brust und zog
dann sorgfältig die Decke wieder höher. »Aber der Ausschlag ist noch
nicht recht heraus!«
»Scharlach –?!« Käte glaubte in die Knie sinken zu müssen – o, davor
hatte sie sich immer so sehr gefürchtet!
* * * * *
Das frische Frostwetter mit dem blanken Sonnenschein und dem fast
sommerblauen Himmel hatte aufgehört. Graue Tage mit schwerer Luft hingen
über dem Villendach; Käte, die am Fenster des Krankenzimmers stand und
mit überwachten Augen hinausstarrte in die schwarzen Kiefernwipfel, die
da trauerten in der Nebeltrübe, glaubte nie grauere gesehen zu haben.
Die Krankheit hatte den Knaben mit Macht gepackt; als sei sein
vollsaftiger, wohlgenährter Körper so recht ein Herd, in dem die Flammen
des Fiebers wüteten. Hofmann schüttelte den Kopf: überall war der
Scharlach so gutartig aufgetreten, nur hier nicht! Und er warnte vor
Erkältung, verordnete dies und das, tat sein Bestes – nicht bloß aus
Pflicht, nein, aus tiefstem, herzlichstem Anteilgefühl heraus – er war
dem strammen Jungen immer so gut gewesen. Sie taten alle ihr Bestes.
Jede Vorsicht wurde angewendet, jede Rücksicht – es sollte ja alles,
alles für ihn geschehen!
Käte war unermüdlich. Die Hilfe einer Krankenschwester hatte sie
abgelehnt; mit Heftigkeit wehrte sie sich gegen ihren Mann, gegen den
alten Freund: nein, sie wollte ihr Kind allein pflegen! Eine Mutter wird
nicht müde, o nein!
Paul hatte nie geglaubt, daß seine Frau so viel leisten und dabei so
geduldig sein könnte – sie, die Nervöse, so unermüdlich, so unverzagt!
Wohl hatte sie immer einen leisen Tritt gehabt, nun hörte man ihn gar
nicht mehr, wenn sie durch die Krankenstube glitt; bald war sie an der
linken Seite des Bettes, bald an der rechten. Sie, deren Kräfte so
leicht versagten, wenn auch der Wille gut war, war immer, immer auf dem
Platz. Es gab viele Nächte, in denen sie keine Stunde Schlaf fand; wie
ein Schatten saß sie dann am Morgen in dem großen Lehnstuhl am Bett,
aber sie war doch voller Freudigkeit: Wölfchen hatte ja fast zwei
Stunden geschlafen!
»Tu dir nicht zu viel, tu dir nicht zu viel,« bat der Mann.
Sie wies ihn ab: »Ich fühl’s nicht! Ich tu es ja so gerne!«
Wie lange sollte das so gehen? Würden, konnten diese Kräfte anhalten?!
»Laß doch wenigstens das Mädchen eine Nacht bei dem Jungen wachen! Sie
will dich ja so gerne ablösen!«
»Die Cilla–?! Nein!«
Cilla hatte sich immer und immer wieder angeboten: o, sie wollte wohl
gut aufpassen, sie verstand’s, war doch auch ein kleiner Bruder von ihr
am Scharlach gestorben! »Lassen Sie mir,« bat sie, »ich schlafe nich,
ich passe so gut auf!«
Aber Käte wies sie zurück. Es war ihr jedesmal wie ein Stich, wenn sie
in den Nächten, die so schwarz und lang waren, ihren Knaben im
Fiebertraum sprechen hörte: »Cillchen – wir wollen doch fahren ins Heu
– juchhei – Cillchen!«
O, wie sie dieses rundwangige Mädchen mit den hellen Augen haßte! Aber
mehr als sie es haßte, fürchtete sie es. In den Stunden der Finsternis,
in jenen Stunden, in denen sie nichts hörte als das Stöhnen des Kranken
und das rastlose Pochen des eignen Herzens, wandelte sich ihr das
Mädchen in eine andre Gewalt. Groß und breit tauchte die auf aus der
Nacht, stellte sich dreist ans Bett des Kindes, und in ihrem Blick, der
stumpf war und ohne Intelligenz, flammte doch etwas auf vom Triumph der
Macht.
Dann faßte die überwachte Frau sich wohl an die Schläfen, in denen es
hämmerte, und streckte die Arme aus, wie abwehrend: nein, nein, du da,
geh fort! Aber das Phantom blieb stehen am Bett des Kindes. Wer war es:
die Mutter – das Venn – die Dienstmagd – Frau Lämke?! Ach, alle waren
eins!
Über Kätes Gesicht liefen qualvolle Tränen. Wie der Junge jetzt lachte!
Sie beugte sich über ihn, so dicht, daß ihrer beider Atemzüge sich
mengten und, wie sie es früher schon getan hatte, flüsterte sie ihm auch
jetzt zu: »Mutterchen ist hier, Mutterchen ist bei dir!«
Aber er gab kein Zeichen des Erkennens. – – – – –
Cilla hatte ein dick verweintes Gesicht, als sie die Küchentür im
Souterrain, an der leise geklopft wurde, öffnete. Flüsternd sagte Frau
Lämke guten Tag; sie hatte bis jetzt immer die Kinder herangeschickt,
aber gestern waren die mit einem so verwirrenden Bericht nach Hause
gekommen, daß die Unruhe sie nun selber hertrieb. Sie wollte sich
erkundigen. Draußen vor dem Gitter hielten zwei Doktorwagen, das hatte
sie aufs neue erschreckt.
»Wie jeht’s denn, wie jeht’s denn heute?«
Das Mädchen brach in Tränen aus. Es zog stumm die Frau in die Küche, wo
die Köchin, ohne in irgend einer Kasserolle zu rühren, am Herd lehnte,
während Friedrich eben, auf einen Druck der elektrischen Klingel von
oben, wie ein Gehetzter hinausschoß.
»Nee, ich sage schon!« Die Lämke schlug die Hände zusammen. »Is ’s denn
schlimm, wirklich so schlimm mit den Jungen?«
Cilla nickte nur, ihre überströmenden Augen in der Schürze verbergend,
aber die Köchin sagte dumpf: »Es jeht zu Ende!«
»Zu Ende – stirbt er wirklich – der Wolfjang, =der= Junge?!« Die Frau
starrte ungläubig: das konnte ja nicht sein! Aber sie war
schreckensbleich geworden.
Die Köchin lenkte ein: »Nu, schlimm jenug is ’s! Unser Doktor hat noch
’nen andern Professor zugezogen, ’nen janz berühmten – jestern war der
schonst hier – aber sie jlauben nich, daß se noch was machen können.
Die Krankheit is auf die Nieren jeschlagen und aufs Herz. Er kennt einen
ja jar nich mehr! Heut morgen war ich drinne, ich wollt ihn doch jerne
noch mal sehn – da lag er janz steif und still, wie aus Wachs. Ich
jlaube, das wird nischt mehr!« Die gutmütige Person weinte.
Sie weinten alle drei, um den Küchentisch sitzend. Frau Lämke vergaß
ganz, daß sie diese Küche nie mehr hatte betreten wollen, und daß ihr
Kohl, den sie daheim zum Mittagessen aufgesetzt hatte, nun wohl
verbrannte. »Jotte doch, Jotte doch,« sagte sie ein über das andre Mal,
»wie wird sie da über wegkommen, so ’n Kind – so ’n einzig liebet
Kind!«
Oben standen die Ärzte am Krankenbett, der alte Hausarzt und die noch
junge Autorität. Sie standen zur Rechten und zur Linken.
Der Ausschlag war ganz zurückgetreten; keine Spur von Röte war mehr auf
dem Gesicht des Knaben, der die Augen mit den erschreckend dunklen
Wimpern beharrlich geschlossen hielt. Die Lippen waren blau. Die breite,
aber jetzt förmlich eingesunkene Brust zitterte und arbeitete.
Bei jedem mühsamen Atemzug atmete Käte mühsam mit. Sie saß im Sessel zu
Füßen des Bettes, steil aufrecht; so hatte sie die ganze Nacht gesessen.
Ihr angstvoll-bohrender Blick flog über die bedenklichen Gesichter der
Ärzte und stierte dann an ihnen vorbei ins Leere. Da standen sie, zur
Rechten und zur Linken – aber da, da – sahen sie’s denn nicht?! – da
zu Häupten stand der Tod!
Mit einem unartikulierten Laut bäumte sie sich auf, dann sank sie, wie
geknickt, in sich zusammen.
Die Ärzte hatten dem todkranken Kinde eine Injektion gemacht; die
Herzschwäche war sehr groß und ließ das Schlimmste befürchten. Dann
empfahl sich die Autorität: »Auf morgen!« – aber es lag ein
Achselzucken und ein ›Wer weiß?!‹ in diesem ›Auf morgen‹.
Der Hausarzt war noch geblieben; er konnte als Freund nicht gehen. Käte
hatte sich an ihn geklammert: »Helfen Sie! Helfen Sie doch meinem
Kinde!« Nun saß er mit Schlieben unten in dessen Arbeitszimmer; Käte
hatte allein bei dem Kranken bleiben wollen, nur in der Nähe wissen
wollte sie ihn.
Stumm saßen die beiden Männer bei einem starken Wein. »Trinken Sie,
trinken Sie doch, lieber Freund,« sagte wohl der Hausherr; aber er
selber trank auch nicht. Wie wird sie’s ertragen, wie wird sie’s
ertragen?! Das surrte beständig durch seinen Kopf. Die Stirn in tiefe
Falten gezogen, versank er in ein Brüten. Und der Arzt störte ihn
nicht.
Droben lag Käte auf den Knieen. Vor dem Sessel, im dem sie all die
bangen Nächte durchwacht hatte, war sie niedergesunken und hielt die
Hände gegen ihre emporgehobene Stirn gedrückt. Jetzt suchte sie da oben,
jetzt suchte sie den Gott, der ihr das Kind, das er ihr einst gütig in
den Weg gelegt hatte, nun wieder grausam entreißen wollte. Sie schrie zu
Gott in ihrem Herzen:
›Gott, Gott! Nimm ihn mir nicht! Du darfst ihn mir nicht nehmen! Ich
habe sonst nichts mehr auf der Welt! Gott, Gott!‹
Alles, was sie um sich hatte, was sie sonst noch besaß, – auch ihr Mann
– war vergessen. Sie hatte jetzt nur dieses Kind. Dieses einzige Kind,
das so lieb, so gut, so klug, so brav, so folgsam, so schön, so
reizvoll, so über alle Maßen liebenswert war, das ihr Leben so hoch
beglückt, so reich gemacht hatte, daß sie arm, bettelarm wurde, wenn es
von ihr ging.
»Wölfchen, mein Wölfchen!«
Wie war er immer, immer lieb gewesen, so ganz ihr Kind. Jetzt wußte sie
nichts mehr von Tränen, die sie seinetwegen vergossen hatte; hatte sie
je welche geweint, so waren es Freudentränen, ja, nur Freudentränen
gewesen. Nein, sie konnte ihn nicht missen!
Aus ihrer betenden Stellung auffahrend, rutschte sie näher an sein Bett.
Seinen erkaltenden Körper nahm sie in ihre Arme, bettete ihn in
Verzweiflung an ihre Brust und hauchte ihren glühenden Atem über ihn
hin. All ihre Wärme wollte sie ausströmen lassen in ihn, mit der Kraft
ihres Wollens ihn festhalten auf dieser Erde. Wenn seine Brust nach Luft
rang, so rang auch ihre Brust, wenn sein Herzschlag stockte, stockte
auch der ihre. Sie fühlte sich kalt werden durch seine Kälte, ihre Arme
erlahmen. Aber sie ließ ihn nicht. Sie rang mit dem Tode, der zu Häupten
stand – wer war stärker, der Tod oder ihre, der Mutter, Liebe?!
Niemand konnte sie von des Knaben Bette verdrängen, auch nicht die
Krankenschwester, die Hofmann, als er endlich am Nachmittag in die Stadt
zurück mußte, herausgesandt hatte. Mit sanfter Gewalt versuchten die
Pflegerin und Schlieben sie emporzuziehen: »Nur eine Stunde Ruhe, nur
eine halbe! Nebenan oder auch hier auf dem Sofa!«
Aber sie schüttelte den Kopf und blieb auf den Knieen: »Ich halte ihn,
ich halte ihn!« –
Es wurde Abend. Es wurde Mitternacht. Es hatte vordem stark geweht
draußen, nun war es sehr still geworden. Totenstill. Kein Wind rüttelte
mehr an den Kiefern, die ums Haus standen; kerzengerade gereckt standen
sie gegen den hellen Frosthimmel, ihre Kronen waren steif wie aus
unbiegsamer Pappe geschnitten. Unbarmherzig flinzelten die Sterne; in
der schimmernden Silberplatte des gefrorenen Sees, den das starke Wehen
reingefegt hatte vom feuchten Schnee der vorhergehenden Tage, spiegelte
sich der Vollmond. Eine grimmige Kälte war urplötzlich gekommen, die
alles einzufangen schien mit ihrem Todeshauch.
Fröstelnd schauerten die Wachenden zusammen. Als Schlieben auf den
Thermometer sah, war er erschrocken, wie wenig der selbst hier im Zimmer
zeigte. Versagte die Heizung? Man sah ja den eignen Atem. Hatten die
Leute nicht neue Kohlen aufgeschippt?
Er ging selber hinab ins Souterrain, er hätte klingeln können, aber es
war ihm ein Bedürfnis, etwas zu tun. O, wie war man doch so schrecklich
tatenlos! Stumm kauerte seine Frau jetzt im Lehnstuhl, mit großen
starren Augen; die Pflegerin schlief halb, nichts regte sich im Zimmer.
Auch das Kind lag so still, als wäre es schon tot.
Eine große Bangigkeit befiel den Mann, der jetzt durch das nächtliche
Haus tappte. Es war etwas so Lähmendes in dieser Stille; alles – die
Zimmer, die Treppe, die Halle – alles kam ihm auf einmal so fremd vor.
Fremd und leer. Wie waren sie doch vordem belebt gewesen vom Hauch der
Jugend, erfüllt von der ganzen unbändigen Unbekümmertheit eines wilden
Knaben!
Schwer stützte er sich aufs Treppengeländer, unsicher tastete er sich
hinab. Ob die Leute unten noch auf waren?!
Er fand sie noch alle. Um den Tisch in der Küche, die jetzt so kalt war,
als hätte nicht den ganzen Tag ein hellloderndes Feuer im Herd gebrannt,
saßen sie frierend beisammen. Die Köchin hatte einen starken Kaffee
gekocht, aber auch der hatte ihnen nicht wärmer gemacht. Durchs ganze
Haus schlich eine Todeskälte; es war, als seien Eis und Schnee von
draußen hereingekommen, als fege der Todeshauch der erstarrten Natur
auch hierinnen vom Giebel bis zum Keller.
Es nützte nichts, daß noch mehr Kohlen dem großen Ofen in den Rachen
geschüttet wurden, nichts, daß das Wasser heißer durch alle Röhren
strömte. Kein Mensch bekam wärmere Füße, wärmere Hände.
»Wir wollen es bei dem Patienten mit einem sehr heißen Bad versuchen,«
sagte die Pflegerin. Sie hatte schon oft in ähnlichen Fällen dieses
letzte Mittel von Erfolg gekrönt gesehen.
Alle Hände rührten sich. Die Köchin feuerte, die beiden andern
schleppten das kochende Wasser hinauf; aber Cilla trug mehr und rascher
als der Friedrich. Sie fühlte ihre ganze unerschöpfliche,
schaffensfreudige Jugendkraft. Wie gern tat sie das für den guten
Jungen! Und bei jedem Eimer, den sie in die vors Bett gestellte Wanne
schüttete, murmelte sie leise ein Stoßgebet; sie konnte sich nicht
bekreuzen, sie hatte keine Hand frei, konnte auch nicht niederknieen,
aber sie war gewiß, die Heiligen würden sie doch erhören.
»Heilige Maria! Heiliger Joseph! Heilige Barbara! Heiliger Schutzengel!
Heiliger Michael, streite für ihn!«
Unten hatte sich die Köchin ihr Gesangbuch vorgesucht; sie war eine
Protestantin und brauchte es nicht alle Tage. Nun schlug sie es auf,
aufs Geratewohl: wie es traf, so traf’s! O weh! Zitternd zeigte sie es
dem Friedrich. Da stand:
›Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir –‹
O weh, der Junge muß sterben! Sie waren beide wie gelähmt vor Schreck.
Derweilen flog die flinke Cilla treppauf, treppab. Ihr war nicht mehr so
bange. Er würde nicht sterben, des war sie jetzt sicher.