»Meinst du?!« Nun ja, in gewisser Beziehung mochte Paul recht haben!

Wölfchen war anspruchslos, ein Apfel, eine einfache Brotschnitte waren

ihm ebenso lieb wie Torte. Aber es wäre doch besser und ihr lieber

gewesen, er hätte sich wählerischer gezeigt – hierin wie auch in

anderm. Sie gab sich alle Mühe, ihm eine feinere Zunge anzuerziehen.

Als die Köchin eines Tages ganz empört kam: »Gnädige Frau, nu will der

Wolfgang schon nich mehr von der guten Zervelatwurst, un Braten von

Mittag will er auch nich mehr auf die Stulle – ›immer dasselbe‹,

räsoniert er – was denn nu?« – da freute sie sich. Endlich war es ihr

gelungen, ihm beizubringen, daß man nicht sinnlos in sich hinein ißt,

ohne jede Wahl, nur um des Essens willen!

Hätte sie gesehen, wie er bei Frau Lämke Schmalzbrot mit

Zwiebelleberwurststopfte, oder Kartoffelkuchen in Öl gebacken heiß

aus der Pfanne hinunterschlang, sie hätte sich nicht mehr gefreut.

Aber so war sie dankbar für jede noch so kleine, feinere Regung, die

sie an ihm zu beobachten glaubte. Sie merkte gar nicht, wie sehr sie

sich selber quälte.

Ach, warum unterstützte sie ihr Mann nicht in der Erziehung?! Wenn er’s

doch täte! Aber er verstand sie eben nicht mehr!

Schlieben hatte es aufgegeben, seiner Frau hineinzureden. Ein paar Mal

hatte er’s versucht, aber seine Einwendungen waren gescheitert an der

Hartnäckigkeit, mit der sie an ihren Prinzipien festhielt. Warum sollte

er sich mit ihr entzweien?! So viele Jahre hatten sie glücklich

miteinander gelebt – bald waren sie ein Silberpaar –, und nun sollte

dieses Kind, dieses Bürschchen, das noch kaum orthographisch schreiben

konnte, dem der Lehrer eben die ersten lateinischen Regeln eindrillte –

dieses Kind, das im Grunde weder sie noch ihn etwas anging – dieses

fremde Wesen sollte sie beiden alten Eheleute auseinander bringen?! Da

ließ man eben viel lieber manches geschehen, was Käte vielleicht besser

anders gemacht hätte. Mochte sie sehen, wie sie auf ihre Weise mit dem

Jungen fertig wurde – sie hatte ihn ja so unendlich lieb! Und wenn er

dann einst, nicht mehr das Spielzeug, ihren zarten Händen entwachsen

war, dann war er, der Mann, ja noch immer da, um ihn die kräftigere Hand

fühlen zu lassen. In dem Jungen war ja zum Glück kein Falsch!

Schlieben war nicht unzufrieden mit Wolfgang. Ein Überflieger war der

freilich nicht in der Schule, gehörte durchaus nicht zu den ersten,

hielt sich aber immerhin doch noch in einer anständigen Mitte. Nun, ein

Gelehrter brauchte er ja auch nicht zu werden!

Von all dem, was Paul Schlieben einst in jüngeren Jahren nur einzig

erwägenswert gefunden hatte – Wissenschaft, Kunst und deren Studium –,

hielt er jetzt nicht mehr das gleiche wie früher. Jetzt war er zufrieden

in seinem Kaufmannsberuf. Und da dieses Kind nun einmal in sein Leben

hineingeraten war, ohne eignes Zutun in solche Verhältnisse gekommen

war, war es auch die Pflicht dessen, der sich ›Vater‹ von ihm nennen

ließ, ihm eine Zukunft zu gestalten. Und so machte sich Schlieben einen

festen Plan. Wenn der Junge so weit war, daß er das Einjährigenzeugnis

hatte, nahm er ihn aus der Schule, schickte ihn ein Jahr nach

Frankreich, nach England, eventuell nach Amerika, immer in große Häuser,

und wenn er dann vom untersten Lehrling angefangen und was gelernt

hatte, dann nahm er ihn zu sich in die Firma. Er dachte es sich schön,

manches dann auf jüngere Schultern wälzen zu können. Und verläßlich

würde der Junge wohl sein, das merkte man ihm ja jetzt schon an!

Wenn Käte nur nicht so übertriebene Anforderungen stellen wollte! Immer

war sie hinter dem Jungen her – wenn nicht in Person, so doch in ihren

Gedanken. Sie quälte ihn – er war eben nun mal kein anschmiegendes Kind

– und machte es sie denn selber glücklich?!

Manchmal, wenn des Knaben Blick, so über den Tisch weg, wie hilfesuchend

zu dem Manne flog, nickte ihm dieser unmerklich, besänftigend zu. Ja,

mit Käte war es wirklich je länger, desto weniger leicht auszukommen!

* * * * *

Schliebens verreisten. Der Gatte hatte seiner Frau wegen den Sanitätsrat

konsultiert, und dieser hatte Franzensbad verordnet. Nun, dahin konnte

er sie beim besten Willen nicht begleiten! Er würde die Zeit benutzen,

und, da er auch lange nicht ausgespannt hatte, einige Fußwanderungen in

Tirol unternehmen. Ein paar Pfund Gewichtsabnahme konnten nicht schaden.

Aber wo sollte währenddessen Wolfgang bleiben?!

»Nun, zu Hause,« sagte der Vater. »Er ist ja alt genug; elf Jahre. Die

Vormittage ist er in der Schule, die Nachmittage im Garten, und alle

paar Tage mag Hofmann nach ihm sehen – dir zur Beruhigung!«

Es war der Mutter ein unerträglicher Gedanke, das Kind allein

zurückzulassen. Am liebsten hätte sie es mit sich genommen. Aber Paul

war ärgerlich geworden: »Das fehlte noch!« Und der Arzt hatte gesagt:

»Durchaus nicht!«

Käte hatte dann ihren Mann veranlassen wollen, den Knaben mitzunehmen:

»Wie gesund würde es ihm sein, sich mal so recht auszulaufen!«

»Nun, ich denke, das besorgt er schon gründlich hier. Ich bitte dich,

Käte, der Junge ist kerngesund, gib doch nicht immer so an mit ihm!

Und ich werde ihn doch auch nicht ganz unnützerweise aus der Schule

nehmen!«

Freilich, zurückkommen, womöglich zu den Letzten gehören, durfte er

nicht! Käte war ja so ehrgeizig für ihren Sohn. So würde sie eben, da

die Juliferien schon beinahe verstrichen waren und sie in dieser

passenderen Zeit nicht mit ihm gereist waren, nun auch zu Hause bleiben!

Sie erklärte, nicht fort zu können.

Aber Arzt und Mann bestimmten über sie weg; je nervös-ängstlicher sie

sich weigerte, desto dringender erschien ihnen eine ernstliche Kur. Der

Tag der Abreise wurde schon in Aussicht genommen.

Vorher kündigte aber noch Lisbeth: nein, wenn die gnädige Frau auf so

lange fortging und der Herr auch, nein, dann ging sie auch! Mit

Wolfgang, mit =dem= Jungen allein bleiben?! Nein, das tat sie nicht!

Sie mußte sich in den nahezu zehn Jahren, die sie im Hause gewesen war,

ganz gut gespart haben, denn auch die Versicherung einer Lohnzulage

konnte sie nicht halten. Sie beharrte bei ihrer Kündigung und warf einen

bösen Blick nach dem Knaben, der eben von draußen übers Fensterbrett

sein lachendes Gesicht hereinhob.

Käte war außer sich. Nicht nur, weil sie ungern die langbewährte

Dienerin entbehrte, sie hatte auch so bestimmt darauf gerechnet, Lisbeth

würde während ihrer Abwesenheit ein wachsames Auge auf den Knaben haben.

Und es schmerzte sie, daß diese in einem so gehässigen Tone von Wolfgang

sprach. Was hatte ihr das Kind denn getan?!

Aber Lisbeth zuckte nur wortlos die Achseln und setzte eine

verdrossen-beleidigte Miene auf.

Der Hausherr nahm sich den Knaben vor: »Sage mal, Junge, was hast du

eigentlich mit der Lisbeth gehabt? Sie hat gekündigt, und, wie mir

scheint, geht sie deinetwegen. Hör mal« – er sah ihn scharf an – »du

bist wohl frech gegen das Mädchen gewesen?«

Des Knaben Gesicht wurde ganz hell: »O, das ist gut, das ist gut, daß

die geht!« Er beantwortete gar nicht die an ihn gestellte Frage.

Schlieben zog ihn am Ohrläppchen: »Antworte, bist du frech gegen sie

gewesen?«

»Hm!« Wolfgang nickte und lachte den Vater an. Und dann sagte er, noch

triumphierend in der Erinnerung: »Gestern erst! Da hab ich ihr eine ins

Gesicht gegeben. Warum sagt sie denn immer, ich hätte hier nichts zu

suchen?!«

Schlieben erzählte seiner Frau nichts hiervon; sie würde sich ja nur

wieder neue grüblerische Gedanken machen. Dem Jungen hatte er auch

keinen Klaps gegeben, ihm nur ein wenig mit dem Finger gedroht. –

Lisbeth zog ab. Wie eine beleidigte Königin verließ sie das Haus, dem

sie so lange treu gedient hatte und in dem sie sich so viel hatte

gefallen lassen müssen, wie sie beim Abschied weinend ihrer ebenfalls

ergriffenen Herrin versicherte.

Ein andres Mädchen war gemietet worden, freilich eins, auf das Käte von

vornherein keine besondere Zuversicht setzte – Lisbeth hatte gleich

einen ganz anders intelligenten Eindruck gemacht –, aber es blieb keine

Wahl, da keine Ziehzeit war; und sie sollte doch so rasch als möglich

ins Bad.

So kam Cilla Pioschek aus der Warthegegend in die Villa Schlieben.

Sie war ein großes, starkes Mädchen mit einem Gesicht, rund und gesund,

weiß und rot. Sie war erst achtzehn, aber sie hatte schon lange gedient,

schon als sie noch in die Schule ging drei Jahre als Kindermädchen beim

Gutsinspektor. Der Hausherr amüsierte sich über sie – sie verstand

keinen Witz, nahm alles für wahr und sagte alles grade heraus, wie sie’s

dachte –, aber die Hausfrau nannte das ›dummdreist‹. Mit der alten

Köchin und dem Diener stand die Neue dagegen auf besserem Fuß als

Lisbeth, denn sie ließ sich vieles gefallen.

»Du kannst ganz beruhigt abreisen,« sagte Paul. »Tu mir den Gefallen,

Käte, sperre dich nicht länger. In sechs Wochen, so Gott will, bist du

mir ganz gesund wieder da, und ich sehe hier« – leicht tupfte sein

Finger – »hier nicht mehr die kleinen Fältchen an den Augenwinkeln!« Er

küßte sie.

Und sie erwiderte seinen Kuß, nun, da sie sich von ihm trennen sollte,

zum ersten Mal in ihrer Ehe auf so lange Zeit; denn früher waren sie

immer, immer zusammengereist, und seit Wölfchen ins Haus gekommen war,

hatte er auch nur auf höchstens vierzehn Tage einmal Urlaub von ihr

erbeten. Sie hatte das Kind nie allein gelassen. Und nun sollte sie auf

ganze sechs Wochen von den Ihren gehen?! Sie hing sich an ihn. Es

drängte sich ihr förmlich auf die Lippen, zu fragen: ›Warum gehst du

nicht mit mir wie früher? Franzensbad und Spaa – das ist ein so großer

Unterschied nicht!‹ Aber wozu das sagen, wenn er nicht einmal mit dem

leisesten Gedanken daran gedacht hatte?! Jahre waren hingegangen, von

der Innigkeit, die sie einstmals so verbunden hatte, daß sie nur

gemeinsam genießen konnten und sich nie getrennt hatten, war eben doch

manches abgebröckelt unterm Flügelschlag der Zeit!

Sie seufzte und entzog sich sacht seinem Arm, der sie umschlang. »Wenn

jemand hereinkommt, uns so miteinander sieht! So alte Eheleute!« sagte

sie mit dem Versuch zu scherzen. Und er lachte, wie es sie dünkte, ein

bißchen verlegen und machte nicht den Versuch, sie zu halten.

Aber als nun eines frühen Morgens der Wagen vor der Türe stand, der sie

nach dem Berliner Abfahrtsbahnhof bringen sollte, als die zwei großen

Koffer aufgeladen waren und das Handgepäck, als er ihr jetzt die Hand

reichte zum Einsteigen und dann neben ihr Platz nahm, konnte sie doch

nicht an sich halten: »Ach, wenn du doch mitführest! Ich mag nicht

allein reisen!«

»Hättest du mir’s doch ein bißchen eher gesagt!« Er war ganz betroffen;

es tat ihm aufrichtig leid. »Wie gut hätte ich dich den einen Tag

hinbringen, dort installieren, und den andern Tag wieder zurück sein

können!«

O, er verstand es eben nicht, dieses: ›wenn du doch mitführest‹! Mit ihr

auch dableiben – das hatte sie gemeint.

Schmerzlich suchte ihr Blick das Fenster oben im Hause, hinter dem

Wölfchen noch schlief. Schon gestern abend hatte sie ihm Adieu sagen

müssen, da die Abreise so sehr früh war. Vorhin hatte sie nur noch

einmal mit einem stummen Lebewohl an seinem Bett gestanden, und

vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, war ihr Handschuh über seinen schwer

auf dem Kissen ruhenden Kopf gefahren. Ach, wie gerne hätte sie jetzt

noch ein liebes Wort mit ihm gesprochen!

»Grüßen Sie den Jungen, grüßen Sie den Jungen,« sagte sie ganz rasch,

hastig mehrmals hintereinander zu der Köchin und zu Friedrich, die am

Wagen standen. »Und sorgen Sie gut für ihn! Hören Sie?! Grüßen Sie den

Jungen, grüßen Sie den Jungen!« Andres konnte sie nicht mehr sagen, auch

nichts andres mehr denken. »Grüßen Sie den –«

Da klirrte oben das Fenster! Beide Arme ausstreckend hob sie sich halb

vom Sitz.

Oben reckte der Junge den dunklen Kopf heraus. Seine Wangen blühten,

heiß vom Schlaf, über dem weißen Nachthemd.

»Adieu! Adieu! Komm gesund wieder! Und schreib mir auch mal!«

Er rief es sehr vergnügt und nickte herunter; und hinter ihm hob sich,

freundlich lachend, das runde, gesund-weiß und rote Gesicht der Cilla.

3

Käte wußte selber nicht, wie sie so über die Wochen der Trennung

hinwegkommen konnte. So schlimm, wie sie sich’s vorgestellt hatte, war

es nicht. Sie fühlte, daß eine größere Ruhe über sie kam, eine Ruhe, die

sie zu Hause nie finden konnte; und diese Ruhe tat ihr wohl. Sie schrieb

ganz zufriedene Briefe, und die heiteren Berichte ihres Mannes von

›herrlichen Bergen‹ und ›herrlichem Wetter‹ freuten sie. Auch von

Hofmann, der ihr, wie er’s versprochen hatte, treulich Kunde gab, hörte

sie Gutes.

›Der Junge ist prächtig auf dem Zeuge,‹ schrieb er, ›um den brauchen Sie

sich keine Sorge zu machen, liebe Frau! Er muß jetzt freilich seine

Gespielen entbehren – ein Junge und ein Mädel sind krank –, denn mit

dem dicken Stöpsel, der noch übrig ist, langweilt er sich allein. Er ist

meist für sich im Garten; Friedrich hat ihm Salatpflanzen gegeben, auch

Radieschen hat er sich gesät. Bei der Schularbeit habe ich ihn übrigens

auch schon getroffen.‹

Gott sei Dank! Es war der Frau, als könne sie nun, wie einer Last ledig,

frei atmen. Den Brief des alten Freundes trug sie lange in der Tasche

mit sich herum, las ihn beim Spazierengehen, im Sitzen auf einer Bank

und abends, wenn sie im Bette lag. ›Ein Junge und ein Mädchen sind krank

–‹ o, die armen Kinder! Was mochte ihnen fehlen? Aber, Gott sei Dank,

er war nur meist für sich im Garten allein! Das war das Beste!

Sie schrieb an ihren Jungen einen Brief, so recht vergnügt, und er

antwortete ihr, und auch vergnügt. Der Brief an sich war freilich ein

wenig drollig. ›Teure Mutter –‹ wie komisch! Und der ganze Stil – wie

aus einem Briefsteller abgeschrieben! Sie nahm sich vor, diesen Brief in

ihren nächsten an Paul einzulegen – was der wohl dazu sagen würde?!

›Teure Mutter!‹ – aber das freute sie doch, und auch das ›Dein

gehorsamer Sohn‹, das darunter stand. Sonst enthielt der Brief

eigentlich nichts, nichts von dem, was er trieb, nicht einmal etwas von

den Lämkes, auch kein sehnsüchtiges ›Komm bald wieder‹; aber er war doch

mit Sorgfalt geschrieben, sauber und deutlich, nicht so hingekritzelt,

wie er sonst zu kritzeln pflegte. Und daraus ersah sie seine Liebe.

Auch ein Bildchen hatte er ihr beigelegt: ein kleines Viereck mit

Spitzenpapierrand, darauf ein schneeweißes Lämmchen ein rosenrotes

Fähnchen hielt; darunter stand in goldiger Schrift: »_Agnus Dei,

miserere nobis._«

Wo hatte er nur das her?! Gleichviel woher, er hatte ihr etwas schenken

wollen! Und das kleine geschmacklose Bildchen rührte sie tief. Der gute

Junge!

Sie legte das Bildchen mit dem Gotteslamm sorgfältig zu ihren

Wertsachen; da sollte es immer bleiben. Eine zärtliche Sehnsucht überkam

sie nach dem Knaben, und sie begriff nicht, wie sie so lange schon hatte

ohne ihn aushalten können.

* * * * *

Der August war vorüber, der September schon fast halb vergangen, als

Käte nach Hause zurückkehrte. Ihr Mann, der vor ihr eingetroffen war,

kam ihr entgegengereist; in Dresden trafen sie sich, und ihr Wiedersehen

war ein sehr herzliches. Er konnte sich gar nicht genug freuen über ihre

klaren Farben, ihren klaren Blick; und sie wiederum fand ihn prächtig

gebräunt, jugendlicher, fast so schlank wie einst.

Hand in Hand saßen sie in dem Coupé, das er sich hatte reservieren

lassen; ganz allein, wie junge Liebesleute. Sie hatten sich unendlich

vieles zu sagen – da war nichts, gar nichts, was sie störte. Mit großer

Innigkeit sahen sie sich in die Augen.

»Wie freu ich mich, dich wiederzuhaben,« sagte sie, als er lange und

lebhaft von seiner Reise erzählt hatte.

»Und ich erst dich!« Er nickte ihr zu und drückte ihre Hand. Ja, es war

ihnen wirklich beiden, als wären sie eine Ewigkeit getrennt gewesen! Er

zog sie noch näher an sich, hielt sie so fest, als wäre sie ein ihm

schon halb entrissen gewesenes, teures Gut, und sie schmiegte sich an

ihn, lehnte den Kopf an seine Schulter und lächelte verträumt.

Vor ihren halb geschlossenen Augen tanzten auf einem schwertbreiten,

schrägen Sonnenstrahl unzählige goldne Stäubchen; das gleichmäßige

Rasseln der Fahrt und das stille Gefühl Deiner großen Freude im Herzen

lullte sie ein.

Plötzlich fuhr sie auf – war’s ein Ruck, ein Stoß?! Wie ein Schreck

hatte sie’s durchfahren: sie hatte ja noch gar nicht nach dem Kinde

gefragt!

»Wölfchen – was macht Wölfchen?!«

»O, dem geht’s sehr gut! Aber nun erzähle du mal, mein Herz, wie hast du

denn die langen Tage dort hingebracht? Wie war der Tag eingeteilt? Also

morgens zum Brunnen – erst mal einen Becher, dann den zweiten – und

dann? Nun?!«

Sie erzählte nicht. »Wölfchen ist doch gesund?« fragte sie hastig. »Es

stimmt gewiß nicht ganz – du erzählst ja so wenig von ihm?! Ich habe

immer schon solche Ahnung gehabt! Ach Gott, so sage doch!« Fast gereizt

klang ihr Ton – wie konnte Paul nur so gleichgültig sein! »Was fehlt

Wölfchen?«

»Fehlt?!« Er sah sie ganz verwundert an. »Aber ich bitte dich, Käte,

warum soll ihm denn durchaus etwas fehlen?! Er ist kerngesund!«

»Wirklich –?! Aber so erzähle doch, erzähle!«

Er lachte über ihre Ungeduld. »Was läßt sich von so einem Jungen

erzählen?! Er schläft, ißt, trinkt, geht in die Schule, kommt nach

Hause, läuft in den Garten, schläft, ißt, trinkt wieder und so fort,

vegetiert wie die Pflanze im Sonnenschein. Erzähle du lieber, wie’s dir

geht!«

»O, mir – mir« – das kam ihr auf einmal so überflüssig vor – »mir,

ganz gut, du siehst es ja!« Welch eine Gleichgültigkeit hatte er gegen

das Kind! Und sie – die Mutter –, hatte es auch so lange vergessen

können?! Eine solche Beschämung kam über sie, daß sie hastig den Kopf

von ihres Mannes Schulter hob und sich gerade aufsetzte. Nun waren sie

keine Liebesleute mehr, nur Eltern, die sich um ihr Kind zu kümmern

hatten!

Und sie sprach nur von ihm.

Paul fühlte den plötzlichen Umschwung in der Stimmung seiner Frau. Eine

Verstimmung beschlich ihn: waren sie doch wieder auf dem alten Fleck?!

Hatte sie schon wieder für nichts andres Interesse mehr als für den

Jungen?! Er empfand keine Neigung weiter, von seiner Reise zu erzählen.

Immer einsilbiger wurde die Unterhaltung; an der nächsten Station kaufte

er sich eine Zeitung, und sie lehnte sich in die Ecke und versuchte zu

schlafen. Aber so abgespannt sie auch war, es gelang ihr nicht; ihre

Gedanken streiften unruhig in allen möglichen Wendungen immer um den

einen Punkt: also ihm fehlte nichts! Gott sei Dank! – Wie gleichgültig

Paul doch war –, aber ob Wölfchen sich sehr freuen würde, daß sie

wieder kam? Der liebe Junge – der geliebte Junge!

Zuletzt mußte sie doch ein wenig geschlummert haben, denn auf einmal

hörte sie, wie von ganz weit her, die Stimme ihres Mannes: »Mach dich

fertig, mein Herz! Berlin!« – und fuhr auf.

Schon waren sie im Gewirr zahllos sich kreuzender Gleise. Jetzt rauschte

der Zug unter die Glashalle.

»So weit wären wir!« Er half ihr hinaus, und sie fing an vor Ungeduld zu

zittern. Das war ja endlos, dieses Treppab- und Treppauflaufen, dieses

Hinübergehen auf den andern Bahnsteig und dann das Warten und Lauern auf

den Vorortzug! Ob Wölfchen auch noch nicht schlief? Es würde dunkel

sein, bis sie draußen waren!

»Kommt der Zug bald? Wieviel Uhr ist es? Mein Gott, wie lange das

dauert!«

»Beruhige dich, der Junge wartet auf dich! Was denkst du wohl, der sitzt

jetzt abends noch immer lange bei der Cilla; am Tage hat sie nicht so

viel Zeit für ihn. Ein nettes Mädchen! Du hast einen guten Griff

getan!«

Sie überhörte das ganz, dachte sie doch immerwährend daran, wie sie ihn

finden würde. Ob er sehr gewachsen war?! Sich verändert hatte?! Kinder

in seinem Alter sollen sich ja immerfort ändern – ob er sich

verhäßlicht hatte oder ob er noch so hübsch war? Gleichviel – früher

hatte sie mehr auf das Äußere gegeben – wenn er jetzt nur lieb, recht

lieb war! Schon hörte sie seinen Jubelschrei, schon fühlte sie seine

Arme um ihren Nacken, seinen Kuß auf ihrem Mund.

Der Wind, der angenehm abendlich geworden war, nach dem immerhin noch

heißen Herbsttag, fächelte ihr Gesicht, ohne die von innen heraus

glühenden Wangen kühler machen zu können. Als sie vorm Hause anhielten,

das, anmutig versteckt, mit seinen Balkonen voll leuchtend roter

Geranien hinter den immergrünen Kiefern unterm reichgestirnten

Septemberhimmel lag, klopfte ihr das Herz, als wäre sie viel zu weit und

zu rasch gelaufen. Endlich! Sie atmete tief auf: nun war sie wieder bei

ihm!

Aber er kam ihr nicht entgegengelaufen. Daß er auch gar nicht aufgepaßt

hatte!

»Sie werden auf der Veranda, hinten heraus, sitzen,« sagte Schlieben.

»Da sitzen sie immer des Abends!« Er blieb ein wenig zurück. Mochte Käte

den Jungen nur erst mal für sich allein begrüßen!

Und sie eilte durch die Halle, an dem freundlich strahlenden Gesicht der

Köchin vorüber, sah nicht den Friedrich, der jetzt die Dienerlivree

angelegt hatte, nachdem er vorher noch alles mit seinen selbstgezogenen

Blumen dekoriert hatte; sie bewunderte weder seine gärtnerischen

Erfolge, noch die selbstgebackene Torte, die die Köchin auf den

festlichen Tisch gestellt hatte. Aus der Halle war sie in ihren kleinen

Salon und von da durchs Eßzimmer gelaufen, dessen Tür auf die Veranda

führte. Die Tür war geöffnet – nun stand sie auf der Schwelle – die

draußen gewahrten sie nicht.

Von den Windlichtern auf dem Verandatisch brannte nur eins, leidlich

hell, um nahebei zu leuchten. Aber Cilla tat nichts. Den Strumpf, den

sie stopfen sollte, hatte sie im Schoß; ihre rechte Hand, in der sie die

lange Stopfnadel hielt, ruhte lässig auf dem Tischrand. Sie hatte sich

ein wenig hintenüber gelehnt; ihr Gesicht, in diesem Zwielicht feiner

und schöner, war emporgehoben; sie schien nachzudenken, den Mund

halbgeöffnet.

Von Wolfgang sah man nichts. Aber jetzt hörte die Mutter ihn sprechen im

Ton des Bedauerns: »Weißt du nicht weiter?! O!« Und dann drängend:

»Weiter, Cilla, weiter, es war ja so schön!«

Aha, nun sah sie auch ihn! Er saß dem Mädchen zu Füßen, auf einem ganz

niedrigen Schemel, dicht an dessen Knie gedrückt. Und er wendete das

Gesicht jetzt zu dem Mädchen auf – bittend, begehrend – sah es an mit

Augen, die wie polierter dunkler Achat glänzten, und sprach in einem

Tone, wie die Mutter noch nie von ihm gehört zu haben glaubte: »Singe,

Cillchen! Liebes Cillchen singe!«

Die Magd stimmte an:

»›Bebe nicht, sprach sie mit leiser Stimme‹ –

Ach nee!

›Ich erscheine nicht vor dir im Grimme‹ –

Nee, auch nich!

›Warum glaubt’ ich Schwache deinen Schwüren,‹ –

Nee, ich weiß nich weiter. Nu sag einer! Un ich hab’s bei mir zu Hause

doch so ofte gesungen. Bei uns im Dorfe, wenn wer abends gingen, mein

Schatz un ich. I,« – sie stampfte ärgerlich auf – »daß mer so was auch

vergessen tut!«

»Ärger dich nicht, Cillchen! Du mußt dich nicht ärgern. Fang doch noch

mal von vorne an, das macht ja nichts. Ich, hör’s gern noch mal, immer

noch mal! Fein ist das!«

›Cillchen – Cillchen‹ – wie spielerig das klang, ordentlich zärtlich!

Und wie er an ihren Lippen hing!

Käte streckte den Kopf weit vor; sie stand schon auf der Veranda, und

die beiden bemerkten sie noch immer nicht.

Die Magd sang, leierig und zeternd, wie sie daheim auf der Dorfstraße

gesungen hatte, aber des Knaben Augen glitzerten und wurden groß dabei.

Seine Lippen bewegten sich, als ob er’s mitsänge:

»Heinrich lag bei seiner Neuvermählten,

Einer reichen Erbin von dem Rhein,

Schlangenbisse, die den Falschen quälten,

Ließen ihn nicht süßen Schlafs sich freun.

Zwölfe schlug’s, es drang durch die Gardine

Plötzlich eine kleine weiße Hand,

Was erblickt er? Seine –«

Die Sängerin stockte – ein tiefer Atemzug zitterte plötzlich über die

Veranda. Der Knabe schrie erschrocken laut auf – da stand sie, da stand

sie!

»Aber Wolfgang – Wölfchen!« Die Mutter streckte ihm die Arme entgegen,

doch er verbarg den Kopf in dem Schoße der Magd.

Kätes finsterer Blick streifte das Mädchen: was war das für ein Unsinn,

ihm solche Lieder vorzusingen!

»Och, die Frau – die gnädige Frau!« Rot werdend schnellte Cilla auf und

ließ alles, was sie auf dem Schoß hatte – Strumpf, Stopfei, Wollknäuel

und Schere – zu Boden gleiten; auch den Jungen.

Warum waren die beiden so erschrocken?! Als sei sie ein Gespenst, so

starrte Wolfgang sie ja an!

Einer Mutter Sohn · 第 9 / 23 段