Frau Lämke lachte. »Na, lassen Se man, se waren so verjniegt!« Aber dann

bekam sie doch einen Schreck, als sie des Knaben beschmutzten Anzug sah,

und fing an, daran herumzuwischen. »Jotte, wie sieht de scheene Bluse

aus – un de Hosen!« Sie bekam einen roten Kopf und wurde noch röter,

als sie den feurigen Kratz bemerkte, der über des jungen Herrn Backe

lief. »Dir haben se ja scheene zujericht – Jöhren, verdammte! Na,

wartet ihr man!« Sie drohte Hans Flebbe und den eigenen Kindern, aber es

war doch kein wirklicher Ernst in ihrer Drohung. Halblaut, mit einem

schmunzelnden Zucken um die Mundwinkel, sagte sie zu Lisbeth, die in

starrer Entrüstung dastand: »Dolle Jöhren, was? Na, det is nu ebent nich

anders, so waren wer alle auch, als wer noch jung waren!« Und sich

wieder zu Wolfgang wendend, fuhr sie ihm gutmütig mit der arbeitsrauhen

Hand über den feurigen Kratz: »Det war doch ’n Hauptspaß, was,

Wolfjang?«

»Ja,« sagte er aus tiefster Seele. Und dann, als er ihr Auge so

freundlich-verständnisvoll auf sich gerichtet sah, war es ihm, als wäre

er dieser Frau sehr gut. –

Es war ein herrlicher Nachmittag gewesen. Aber als er nun neben Lisbeth

nach Hause ging, sprach er nicht davon; sie hätte ja doch die Nase

gerümpft.

»Na, gnäd’ge Frau is schön böse,« sagte Lisbeth – sie sprach mit dem

Knaben nie anders als von der ›gnädigen Frau‹ – »was bleibste denn auch

so ewig lange?! Hast du nicht gehört, daß gnäd’ge Frau gesagt hat, du

sollst vor Dunkelwerden zu Hause kommen?«

Er blieb stumm. Mochte die nur schwatzen, das war ja gar nicht wahr!

An ihr vorbeisehend, starrte er in die Dämmerung. Aber als er zu

Hause ins Zimmer trat, merkte er doch, daß die Mutter auf ihn gewartet

hatte. Böse war sie freilich nicht, aber sein Abendbrot: ein Ei, ein

Schinkenbrötchen, die Milch im silbernen Becher, alles zierlich

zurechtgemacht, stand schon da, und sie saß gegenüber seinem Platz,

hatte die gefalteten Hände auf das weiße Tischtuch gelegt und die Brauen

ungeduldig-finster zusammengezogen.

Die große Hängelampe, deren Gaslicht hell über den Tisch leuchtete und

den gesenkten Frauenscheitel goldig flimmern ließ, machte das Gesicht

nicht heller.

Die Mutter war in Seide, in heller Seide, in einem Kleid mit Spitzen,

das über Hals und Arme nur etwas wie einen ganz dünnen Schleier hatte.

Aha – nun fiel’s ihm ein – sie sollte ja um acht Uhr den Vater, der

heute zu Mittag gar nicht nach Hause gekommen war, in der Stadt treffen

und mit ihm in eine Gesellschaft gehen! Aha, darum hatte er so früh nach

Hause kommen müssen?! Als ob er nicht allein ins Bett finden könnte!

»Du kommst ja so spät,« sagte sie.

»Du hättst ja schon gehen können,« sagte er.

»Du weißt, mein Kind, daß ich nicht ruhig bin, wenn ich dich nicht hier

zu Hause weiß!« Sie seufzte: »Wie könnte ich das auch!«

Erstaunt sah er sie an: warum sagte sie das? Hatte ihn etwa wieder

jemand verpetzt? Warum war sie so komisch?!

Mit großen Blicken, als sei sie ihm ganz fremd in diesem Kleide, das so

nackt an Hals und Armen ließ, betrachtete er sie. Nachdenklich schob er

die Bissen seines Abendbrotes in den Mund und kaute langsam. Er mußte

auf einmal wieder so sehr an das denken, was er Frau Lämke hatte

erzählen hören. Wie er geboren wurde, davon hatten sich Vater und Mutter

nie etwas erzählt!

Und er hielt plötzlich inne mit Kauen und fragte in die Stille des

Zimmers, in die Stille, die zwischen ihm und ihr war, ganz unvermittelt

hinein: »Wie ich geboren wurde, hat’s da auch so sehr lange gedauert?«

»Wie – was – wer – du?!« Sie sah ihn starr an.

Sie schien ihn nicht verstanden zu haben! Darum schluckte er rasch den

Bissen, den er noch im Munde hatte, herunter und sagte recht laut und

deutlich: »Ob’s auch so lange gedauert hat, wie ich geboren wurde? Bei

Frida hat’s sehr lange gedauert. Hast du auch so geschrieen wie Frau

Lämke?«

»Ich–?! Wer –ich?!« Sie wurde glühend rot und dann sehr blaß. Für

einen Moment schloß sie die Augen, ihr schwindelte; es sauste ihr vor

den Ohren, sie sprang vom Stuhl auf, hatte das Gefühl, fortlaufen zu

müssen und konnte doch nicht. Mit bebenden Händen hielt sie sich am

Tisch, aber die feste Eichenplatte war etwas Unsicher-wackelndes,

Wogendes, Gleitendes geworden. Was – was sprach der Junge da? O

Gott!

Sie biß sich auf die Lippen, holte tief Atem, wollte sagen: ›Laß doch

solch dumme Fragen,‹ und konnte das doch nicht. Sie rang mit sich.

Endlich stieß sie heraus: »Unsinn! Mach rasch, iß auf! Dann gleich zu

Bett!« Ihre Stimme klang ganz rauh.

Wieder traf sie des Knaben verwunderter Blick. »Warum bist du auf einmal

so – so – so eklig? Wenn man nicht mal was fragen darf!« Und

verdrossen schob er den Teller zurück und hörte auf zu essen.

Warum antwortete sie ihm nicht? Warum erzählte sie ihm nicht so etwas,

wie Frau Lämke ihrer Frida erzählt hatte? War er denn nicht auch

geboren? Und hatte sich denn die Mutter nicht auch gefreut, wie er dann

geboren war? Es war recht häßlich von ihr, daß sie ihm nichts davon

sagte! Merkte sie denn nicht, wie gern, wie schrecklich gern er etwas

davon wissen wollte?!

Eine brennende Neugier war auf einmal in dem Kinde erwacht. Die quälte

ihn, fraß förmlich an ihm. Die ganze Nacht würde er nicht schlafen

können, immer, immerfort darüber denken müssen! Und er wollte doch gern

schlafen, es war langweilig, wach zu liegen – er wollte, er mußte es

wissen!

Käte sah, wie sich des Knaben Antlitz verfinsterte. Ach, der arme, arme

Junge! Hätte sie ihn doch nur nicht zu jenen Leuten gehen lassen! Was

hatte er dort erfahren, was wußte er? Hatten sie ihn mißtrauisch

gemacht? Was wußten diese Leute? O, die hatten ihm Mißtrauen eingeflößt,

wie würde er sie denn sonst mit solchen Fragen quälen?!

Heiße Angst schoß in ihr auf, und doch fühlte sie ihre Hände und Füße

kalt werden wie Eis. Aber stärker noch als ihre Angst war ihr Mitleid –

da saß er, ach, so traurig, und hatte Tränen in den Augen! Das arme

Kind, das von seiner Geburt zu wissen verlangte und dem sie nichts sagen

konnte, sagen wollte, sagen durfte! O, jetzt nur einen guten Gedanken,

das richtige Wort!

»Wölfchen,« sagte sie sanft, »du bist noch zu jung dazu – jetzt noch

nicht! Ein andermal! Du verstehst das ja noch gar nicht! Wenn du erst

älter bist – ein andermal erzähle ich dir!«

»Nein, jetzt!« Sie hatte sich ihm genähert, er faßte sie am Kleid, hielt

sie fest; mit der ihm eigenen, etwas schwerfälligen Hartnäckigkeit

beharrte er: »Jetzt! Ich will es wissen – ich muß es wissen!«

»Aber, Wölfchen, ich – ich habe jetzt keine Zeit! Ich muß fort – ja,

ich muß wirklich fort, es ist höchste Zeit!« Sie blickte im Zimmer herum

und war ganz verwirrt: »Ich – nein, ich kann dir nichts erzählen!«

»Du willst nicht,« sagte er. »Und Frau Lämke hat es doch ihrer Frida

erzählt!« Der Ausdruck mauliger Verdrossenheit schwand aus dem dunklen

Knabengesicht und machte dem einer wirklichen Betrübnis Platz: »Du hast

mich lange nicht so lieb, gar nicht so richtig lieb, wie Frau Lämke ihre

Frida hat!«

Sie ihn nicht lieb haben –?! Sie ihn nicht lieb haben –?! Und das

glaubte er?! Käte hätte aufschreien mögen. Wenn eine ihr Kind lieb

hatte, so war sie’s gewiß, und doch fühlte dieses Kind instinktiv: hier

fehlt etwas! Fehlte dann nicht jenes rätselhafte Band, das eine

wirkliche Mutter und ihr wirkliches Kind so unlösbar-geheimnisvoll, so

tief innen verbindet?

»Wölfchen,« sagte sie zitternd-weich, »mein liebes Wölfchen,« und strich

ihm mit der eiskalten Hand über die heiße Stirn. »Das glaubst du doch

selber nicht, was du da sagst! Wir haben uns doch so lieb, nicht wahr?!

Mein Kind – mein geliebtes Kind, sag?!«

Sie suchte seinen Blick, sie klammerte sich an seine Antwort.

Aber die Antwort, die sie ersehnte, kam nicht. Er sah an ihr vorbei. »Du

erzählst mir ja doch nichts!«

Das kam nicht aus ihm! Jetzt auf einmal dies brennende Verlangen! Das

hatte ihm jemand eingeflößt, es konnte nicht anders sein! »Wer –«

fragte sie stockend – »wer hat dir gesagt – du sollst mich so fragen?

Wer?!«

Sie hatte ihn bei den Schultern gefaßt, er machte sich frei. »Och, was

bist du so komisch! Nee – niemand! Aber ich möcht’s doch wissen. Ich

sag dir doch, ich möcht’s wissen! Es quält mich so – ich weiß nicht

warum – es quält mich eben!«

Es quälte ihn – jetzt schon, so früh?! O, dann war’s eine Ahnung, eine

Ahnung – wer wußte woher? – eine unbewußte Ahnung aus allerersten

Kindheitstagen! – Wie sollte das werden?! ›Gott, Gott, hilf mir!‹

schrieen ihre Gedanken. Jetzt galt es zu erfinden, zu erdichten,

auszudenken! Diese quälenden Fragen durften niemals, nie mehr

wiederkommen!

Und sie zwang sich, zu lächeln, und als sie fühlte, daß dies Lächeln

kein Lächeln war, legte sie, hinter seinen Stuhl tretend, ihre Wange auf

seinen Scheitel und ihre beiden Hände um seinen Hals. So konnte er nicht

nach ihr umblicken. Und mit gedämpfter Stimme, wie man Kindern ein

Märchen erzählt, sprach sie:

»Väterchen und ich waren schon lange verheiratet – denk mal an, fast

fünfzehn Jahre schon! – und Väterchen und ich wünschten uns so sehr

einen lieben Jungen oder ein liebes Mädchen, damit wir nicht so allein

wären. Mal war ich eines Tages sehr traurig, denn alle andern Frauen

hatten schon ein liebes Kind, nur ich nicht, und ich ging draußen umher

und weinte, da hörte ich auf einmal eine Stimme – vom Himmel kam die –

nein, ein Stimmchen – ein Stimmchen, das – und – und –« Sie

verwirrte sich, stotterte und stockte: was sollte sie jetzt weiter

sagen?!

»Hm,« machte er ungeduldig. »Und –?! Erzähl doch weiter! Und –?!«

»Und am andern Tag lagst du in unsrer Wiege,« schloß sie,

ungeschickt-hastig, mit fast ersticktem Ton.

»Und –« er hatte sich von ihren Händen befreit, sich umgedreht und sah

ihr nun ins Gesicht – »das ist alles?!«

»Nun – und wir – wir freuten uns sehr!«

»Wie dumm!« sagte er gekränkt. »So ist doch nicht ›Geboren-werden‹?!

Frau Lämke erzählt es ganz anders. Du weißt es ja gar nicht!« Zweifelnd

sah er sie an.

Sie wich seinem Blick aus, aber der seine ließ sie nicht los. Ihr war,

als blickten diese forschenden Augen ihr bis auf den Grund der Seele. Da

stand sie wie eine Lügnerin und wußte nichts mehr zu sagen.

»Du weißt es ja gar nicht,« wiederholte er noch einmal bitter

enttäuscht. »Gute Nacht!« Und schlorrte zur Tür.

Sie ließ ihn gehen, rief ihn nicht zurück zum Gutenachtkuß. Starr blieb

sie sitzen.

Oben, im Zimmer über sich, hörte sie seine Tritte. Jetzt schleuderte er

seine Stiefelchen aus, jetzt polterten sie in die Ecke – jetzt ward es

still.

O, was sollte sie ihm dereinst sagen, wenn er mit vollem Bewußtsein

Fragen an sie richtete, ein zu Fragen berechtigter, Antwort heischender

Mensch?! Sie ließ sich auf den Stuhl fallen, auf dem er gesessen hatte,

und stützte den Kopf in beide Hände.

2

Die Freundschaft mit Lämkes wurde eingeschränkt. Nie mehr sollte ihr

Kind dorthin gehen! Eine Art von Eifersucht war in Käte aufgequollen

gegen diese gewöhnliche Frau, die so unpassende Sachen sprach, die vor

Kinderohren sich so gar keinen Zwang antat.

Frau Lämke konnte sich jetzt nicht mehr des freundlichen Grußes der

feinen Dame rühmen; diese ging jetzt am Hause vorüber und sah sie nicht

mehr an, schien es nicht zu hören, daß sie respektvoll grüßte: ›juden

Tag, jnäd’ge Frau!‹

»Du, wat habe ick denn eijentlich deine Mama jetan?« fragte sie eines

Tages Wolfgang, als sie, vom Einholen zurückkehrend, ihn nach langer

Zeit einmal wieder sah. Er lehnte am Gitter des schrägüberliegenden

Grundstücks und starrte sehnsüchtigen Blickes nach ihrer Haustür.

Er fuhr zusammen; er hatte sie gar nicht kommen hören. Und dann tat er,

als bemerke er sie nicht und schnippte mit der Gerte, die seine Hand

hielt, in die Luft.

»Kommste denn jar nich mehr bei uns?« fragte sie weiter. »Haste dir mit

Artur’n jehauen oder mit Frida’n jezankt? Nee, wat denn, det kann ja

nich sind, die hat ja schonst so sehr uf dir jelauert! Die Jnädige läßt

dir woll nich, was?! Nanu, wir sind woll nich mehr jut jenug? Nee

freilich, wir sind nur Portjehs und unsre Kinder Portjehskinder!«

In ihrem gutmütigen Ton mischte sich die Gereiztheit der Kränkung, und

der Knabe horchte auf. Er wurde glühend rot.

»Na ja, ick sehe schon, du därfst nich! Na meintwejen, denn nich!«

Erbittert wendete sie sich zum Gehen.

»Na, was ’s denn noch?!« Er hatte sie durch einen Laut zurückgehalten;

sie blieb stehen – wider Willen. Es war etwas in dem Blick der

Knabenaugen, die sie jetzt voll ansahen, das sie festhielt. »Nee, nee,

mein Sohn,« sagte sie gutmütig, »du kannst ja nich dafor, ick weeß

ja!«

»Sie läßt mich nicht,« murrte er zwischen den Zähnen und hieb mit der

Gerte durch die Luft, daß es sauste.

»Warum denn nich?« forschte die Frau. »Hat se nich jesagt, warum de nich

mit Artur’n und Frida’n mehr spielen sollst? Artur hat jetzt ’nen neuen

Triesel – ei weih, der tanzt! Un Frida von die Dame oben bei uns ’nen

wunderscheenen Ball!«

Des Knaben Augen flammten. Er holte mit dem Fuß aus und stieß ein

Steinchen, das vor ihm lag, so heftig von sich, daß es im Schwung

hinüberflog bis zur andern Seite der Straße. »Und ich spiele doch mit

ihnen!«

»Na, na, man nich so trotzig,« ermahnte jetzt die Frau. »Et kann ja

sind, vielleicht waren die Jöhren unjezogen – lieber Jott, man kann

doch nich for allens ufkommen, wat se treiben – weeßte, Wolfjangchen,

Mama’n mußte doch jehorchen, wenn se ’t nu mal durchaus nich will!« Sie

seufzte. »Wir haben dir sehr lieb jehabt, mein Sohn! Aber det is immer

so: erst is de Freundschaft jroß, aber denn besinnen sich die Reichen uf

eenmal? Du bist ja ooch jetzt eijentlich schonst zu jroß, um in’n Keller

bei uns zu sitzen –«

Sie wollte noch weiter schwatzen, da fühlte sie sich an der Hand gefaßt.

Es war ein sehr fester Griff, mit dem die Knabenhand die ihre hielt.

Sich zu ihm herunterneigend, denn sie war groß und hager und ihr Auge

vom ewigen Halbdunkel der Portierwohnung nicht mehr scharf, sah sie, daß

er Tränen in den Augen hatte. Sie hatte ihn noch nie weinen sehen und

bekam förmlich einen Schrecken.

»Laß man jut sind, laß man, Wölfchen! Nee aber, so weene doch nich, um

Jottes willen nich, det wär’t noch jrade wert!« Den Zipfel ihrer groben

blauen Arbeitsschürze nehmend – sie war nur eben mal vom Waschfaß

fortgelaufen –, wischte sie ihm die Augen, und dann die Backen

herunter, und dann strich sie ihm übers Haar, das so straff und dicht

auf dem runden Kopfe lag.

Er stand still, wie angewurzelt, auf der schon frühlingslichten,

sonnenhellen Straße; er, der so scheu vor Zärtlichkeiten war, ließ sich

also streicheln und scheute es auf einmal nicht, wenn dies auch andre

Leute sahen.

»Ich komme doch wieder in den Keller, Frau Lämke! Da kann sie sagen, was

sie will. Ich komme doch zu Ihnen!«

Als er nun davonging, nicht trabend, wie es sonst seine Art war, sondern

langsam, mit einem bedächtigen Tritt, wunderte sich die Frau, die ihm

nachsah, wie groß er schon war. –

Frau Käte hatte einen schweren Stand. Wie sie sich auch wehrte, förmlich

dagegen stemmte, daß der Verkehr mit Lämkes wieder aufgenommen wurde,

der Knabe war stärker als sie. Er setzte es durch, daß die Kinder, wenn

er denn nicht zu ihnen hin sollte, wenigstens zu ihm kommen durften. In

den Garten wenigstens – das hatte er der Mutter abgerungen.

Es war wie ein Kampf gewesen zwischen ihm und ihr, zwar ohne laute Worte

und heftige Szenen, ohne direkte Verbote von ihrer Seite, ohne Bitten

von der seinen; es war ein weit ernsteres, stummes Ringen. Sie hatte den

Trotz in ihm gefühlt, der sich gegen sie bäumte, den Widerstand in ihm,

der immer weiter und weiter sich erhob bis zur Abneigung – ja,

Abneigung gegen sie! Oder bildete sie sich das etwa nur ein?!

Gern hätte sie sich mit ihrem Manne darüber ausgesprochen – ach, es war

ihr ein solches Bedürfnis! – aber sie fürchtete dessen Lächeln. Oder

dessen indirekten Vorwurf. Er hatte erst neulich einmal gesagt: ›Es ist

keine Kleinigkeit, ein Kind zu erziehen. Schon ein eignes ist schwer,

wie viel schwerer noch ein‹ – nein, ein ›fremdes‹ sollte er nicht

wieder sagen, nein, dies nicht noch einmal! Dieses Kind war ihr kein

fremdes, es war ihr eignes! Ihr geliebtes Kind!

Sie gab Wolfgang nach. Es war ja auch nicht gefährlich, wenn die Kinder

hierher zu ihm kamen in den Garten, da hatte sie sie ja immer unter den

Augen und Ohren. Und gut wollte sie zu ihnen sein, das nahm sie sich

vor, es die Kinder nicht entgelten lassen, daß sie ihrer Freundschaft

wegen schon manch heimliche Träne hatte am Abend in ihr Kissen weinen

müssen. Lieb wollte sie ihrem Knaben den Garten machen, so lieb, daß er

nie mehr hinaus verlangte auf die Straße!

Aber als sie am Ostertag, an dem sie Wolfgang erlaubt hatte, seine

Freunde, die Lämkes und auch den Kutschersohn, in den Garten zu laden,

die bunten Eier versteckte, die Nestchen und Häschen und Küken in den

treibenden Buchsbaum bettete und zwischen die ersten blühenden

Büschelchen der blauen Scylla, erhob sich in ihrem Herzen etwas wie

Zorn. Nun würden diese Kinder mit ihren schlechten Manieren und ihren

trappsigen Schuhen kommen und ihr die Beete vertreten, diese sorgsam

gepflegten Rabatten, auf denen unter deckendem Reisig schon die

Hyazinthen Knospen trieben und die Tulpen sich reckten. Schade darum!

Und daß man diesen ersten wirklichen Frühlingstag nicht still genießen

konnte, ungestört dem flötenden Amsellied lauschen! Und gesperrt hatten

sie sich noch! Hans Flebbe freilich hatte ohne Empfindlichkeit zugesagt

– der Kutscher wenigstens wußte, was sich schickte –, aber die Lämkes

hatten durchaus nicht kommen wollen; das heißt, ihre Mutter hatte es

nicht gewollt. Zweimal hatte man Lisbeth hinschicken müssen; das zweite

Mal war die ganz empört zurückgekommen: ›ne, was solch ein Volk sich

einbildet!‹ »Lieber Junge, ich kann dir nicht helfen, sie wollen doch

nicht,« hatte Käte sagen müssen, aber da hatte sie’s ihm angemerkt, wie

niedergeschlagen er war, und in der Nacht hörte sie ihn seufzen und sich

rastlos werfen. Nein, das durfte nicht sein! Seinen Arm, der sich so

stürmisch um ihre Taille geschlungen hatte, als sie ihm die Erlaubnis

gegeben hatte, die Kinder zu laden, wollte sie auch um ihren Nacken

fühlen. Und so hatte sie sich denn hingesetzt und geschrieben – an

diese ungebildete Frau geschrieben: ›Geehrte Frau Lämke,‹ und sie

gebeten, den Kindern doch das Eiersuchen zu erlauben, Wolfgang zur

Freude.

Nun waren sie da. Angetan mit ihren besten Sachen, standen sie steif und

still auf dem Gartenweg und sahen nicht einmal nach den Rabatten hin.

Käte hatte sich immer eingebildet, es besonders gut zu verstehen, Kinder

aus sich herauszulocken. Hier verstand sie es nicht. Sie hatte Fridas

ganz neues, buntkariertes Kleid gelobt und ihr den blonden Zopf, an dem

die blaue Schleife baumelte, in die Höhe gehoben: »Ei, wie dick!« –

auch Arturs blanke Stiefel hatte sie beachtet und Flebbes pomadisiertes

Haar, das er, mit einem Scheitel in der Mitte, wie angeklebt über seinem

blühenden Lakaiengesicht trug. Auch nach den Osterzensuren hatte sie

gefragt, ohne doch längere Antworten herauszubekommen, als ›ja‹ und

›nein‹.

Die Kinder waren befangen. Besonders Frida; sie war die Älteste, und sie

fühlte heraus, was da Gezwungenes in den freundlichen Fragen war. Sie

machte ihren Knicks wie immer, schnell und schnippisch wie eine

Bachstelze, die eilig auf und nieder wippt, aber ihre hohe Mädchenstimme

klang heute nicht so hell; sie sprach gedämpfter, fast bedrückt. Und sie

lachte nicht. Artur richtete sich nach der Schwester, und auch Hans

Flebbe nach dem Mädchen, an dem er ohnehin alles nachahmenswert fand.

Wie die armen Schlucker standen die beiden Jungen da, guckten unverwandt

auf ihre Stiefelspitzen und schnüffelten, da sie es nicht wagten, ihre

Taschentücher herauszuziehen und zu benutzen.

Käte verzweifelte. Sie konnte es nicht begreifen, daß ihr Wolfgang an

solchen Gespielen ein Gefallen fand; heute war er übrigens genau so wie

die andern, wortkarg und ungeschickt. Selbst als das Eiersuchen anhub,

stellten sich die Kinder dumm an; man mußte sie förmlich auf den

Versteck stoßen.

Müde, fast gereizt wandte sich Käte endlich dem Hause zu; nur ein

Weilchen wollte sie drinnen bleiben. Nein, das hier war auf die Dauer

nicht auszuhalten, immer in die Kinder hineinzureden und ihnen doch

keine Gegenäußerung zu entlocken!

Aber sie hatte kaum ihr Zimmer betreten, so horchte sie auf: von außen

drang ein Schrei zu ihr, so hell, so jauchzend-schrill, wie segelnder

Schwalben Schrei. So schrieen Kinder in höchster Lust – o, sie kannte

das von früher her, von ganz früher, ehe noch Wölfchen gekommen war! Da

hatte sie solchen Schreien oft sehnsüchtig gelauscht. Aha – ein

bitteres Gefühl regte sich in ihr –, nur =sie= mußte gehen, dann waren

die Kinder lustig, dann war Wolfgang lustig!

Sie trat ans Fenster und sah, die Stirn an die Scheibe gelehnt, hinaus

in den Garten. Wie sie rannten, sprangen, hüpften, lachten! Wie

losgelassen! Sie spielten Nachlaufen. Gleich einem Wiesel schoß Frida

hinter die Büsche, um dann mit spitzem, durchdringendem Gelächter wieder

aufzutauchen und, kreischend, aufs neue zu verschwinden. Wild setzte

Wolfgang hinter ihr drein. Er achtete nicht auf die Rabatten mit den

treibenden Blumen, der Mutter Freude; mitten hinein tappte er,

unbekümmert, ob er die Hyazinthen knickte oder die Tulpen, einzig nur

bedacht, der flinken Frida den Weg abzuschneiden.

Und die beiden andern machten es ihm nach. O, wie wurden jetzt die Beete

zertrampelt! Alle drei Jungen waren hinter dem Mädchen her. Der blonde

Zopf flog wie eine goldene Schnur im Sonnenschein – jetzt flog er hier,

jetzt flog er da – nun hatte Wolfgang ihn erhascht und stieß ein

Triumphgeschrei aus. Frida versuchte ihn loszureißen, der Knabe hielt

fest. Da drehte sie sich blitzgeschwind um, und, übers ganze Gesicht

lachend, faßte sie ihn mit beiden Armen um den Leib.

Es war eine harmlos lustige Umschlingung, ein Trick des Spiels – nicht

zur Gefangenen wollte das Mädchen gemacht sein, es wollte so tun, als

sei es selber die Fangende –, es war eine ganz kindlich-unbefangene

Berührung, aber Käte wurde rot. Ihre Stirn zog sich in Falten: aha, das

Mädchen von der Straße zeigte sich! Kaum daß man den Rücken gewendet

hatte!

Und mit einem Gefühl des Hasses gegen dieses Mädchen, das, so jung es

auch noch war, doch schon versuchte, ihren Knaben an sich zu locken,

ging die Mutter wieder in den Garten. –

Wenn Käte gedacht hatte, heute abend, nachdem die Kinder, beladen mit

Ostereiern und vollgesättigt, nach Hause gegangen waren, einen

stürmischen Dank von ihrem Jungen zu ernten, so hatte sie sich

getäuscht. Wolfgang sagte kein Wort.

Sie mußte ihn fragen: »Nun, war’s denn schön?«

»Hm!«

Das konnte ebensogut ›ja‹ als ›nein‹ bedeuten. Aber daß es ›nein‹

bedeutet hatte, erfuhr sie, als er ihr gute Nacht sagte. Auf Wunsch des

Vaters mußte er ihr immer die Hand küssen; er tat das auch heute mit der

unfreien, schon so echt jungenhaften, etwas täppischen Bewegung. Sein

dunkler glatter Kopf bückte sich einen Augenblick vor ihr – nur einen

kurzen Augenblick – seine Lippen streiften flüchtig ihre Hand. Es war

kein Druck in diesem Kuß, keine Wärme.

»Hast du dich denn gar nicht amüsiert?« Sie konnte es nicht unterlassen,

sie mußte doch noch einmal fragen. Und er, der aufrichtig war, sagte

geradezu:

»Immer, wenn’s gerade hübsch wurde, kamst du!«

»Nun, dann werde ich euch künftig nicht mehr stören!« Sie versuchte zu

lächeln. »Schlaf wohl, mein Sohn!« Sie küßte ihn, aber als er gegangen,

war neben dem Gefühl einer gewissen Eifersucht, überflüssig zu sein, von

andern völlig ersetzt zu werden, eine große Angst in ihr: wenn er jetzt

schon so war, o, wie würde er erst später sein?! –

Wolfgang konnte sich nicht beklagen, die Mutter ließ die Kinder so oft

zu ihm in den Garten kommen, wie er sie haben wollte – und er wollte

sie fast alle Tage. Die Freundschaft, die im Winter brach gelegen hatte,

blühte im Sommer doppelt auf.

»Laß sie doch nur,« hatte Paul zu seiner Frau gesagt, als sie ihn mit

gespannt gehobenen Augenbrauen ansah: was würde er sagen, würde er’s

wirklich gern sehen, daß Wolfgang mit diesen Kindern in seinem Garten

tobte?! »Ich finde es nett, wie der Junge mit den Kindern ist,« sagte

er. »Ich hätte nie gedacht, daß er sich so anschließen könnte!«

»Du findest es nicht nachteilig, daß er immer nur mit diesen – diesen

– nun, mit diesen Kindern umgeht, die doch einer ganz andern Sphäre

angehören?«

»Ach was! Nachteilig?!« Er lachte. »Das hört später schon ganz von

selber auf. Es ist mir bedeutend lieber, er hält sich an solcher Leute

Kinder als an die von Protzen. Er bleibt so eben viel länger ein

einfaches Kind!«

Einer Mutter Sohn · 第 8 / 23 段