hereinholen wollen, aber nun zögerte er plötzlich zu sagen: ja. Es war
doch hart für den Jungen, nun fortzumüssen, ehe das Feuerchen brannte,
ehe die Kartoffeln gebraten waren! So sagte er nichts, sondern bückte
sich, und als er doch noch nicht tief genug herabkam, kniete er nieder
und blies mit dem vollen Odem seiner breiten Brust in das
schwach-knisternde Gezweig. Sofort sprühten Funken, und ein
aufzüngelndes Flämmchen wurde rasch zur Flamme.
Ein Jauchzen stieg auf. Frida hüpfte im Kreis, ihre Zöpfe flogen: »Et
brennt, et brennt!« In ihren Jubel stimmten Artur und Hans mit ein; auch
sie hüpften von einem Fuß auf den andern, klatschten in die beschmutzten
Hände und schrieen gellend: »Et brennt, et brennt!«
»Kinder, Ruhe!« Schlieben war amüsiert durch diese Seligkeit. Er
kommandierte: »Reisig her, aber recht trockenes,« selber von einem Eifer
erfaßt, diese noch unsichere, bald sich duckende, bald hoch
aufflackernde Flamme zu erhalten. Er blies und stocherte und feuerte
nach; der Wind trieb ihm den Rauch ins Gesicht, daß er husten mußte,
aber er wischte sich die tränenden Augen und hatte auch nicht acht, daß
sein Beinkleid vom Knieen auf dem Grund grünlich-nasse Flecke bekam und
etwaige Vorübergehende sich sehr wundern würden, Herrn Paul Schlieben
bei solcher Beschäftigung zu sehen. Es machte ihm jetzt selber Spaß,
unterm blaßblauen Herbsthimmel, an dem die weißen Wolken flogen und die
Schwalben zwitschernd dahinschossen, ein Kartoffelfeuerchen zu
unterhalten. Er hatte so etwas nie gekannt – war er doch ein Stadtkind
– aber es war schön, wirklich schön!
Die Kinder trugen Reisig zu, Wolfgang nahm’s und brach es überm Knie –
knack – die Stecken sprangen wie Glas. Wie der Junge das im Griff
hatte!
Hoch loderte die Flamme, eine behagliche Wärme strömte vom Feuerchen
aus: da mußte man sich die Hände dran wärmen können – wahrhaftig, es
tat gut!
Und dann folgte des Mannes Auge dem Rauch, den der Wind vom Acker
aufhob, einem leichten Wölkchen gleich. Grau erschien erst das Wölkchen,
doch je höher es flog, desto lichter wurde es, freundlicher Sonnenschein
durchschimmerte es verklärend. Es schwebte hinauf, immer hinauf, immer
körperloser, ungreifbarer, bis es ganz verflog – ein Ahnen, ein
Hauch.
Es war nun an der Zeit, die Kartoffeln einzubuddeln; Wolfgang war
geschäftig dabei. Man hatte nicht mehr geschürt, die Flamme war
zusammengesunken, aber die Asche barg die ganze Glut. Mit großen Augen
standen die Kinder herum, ganz still, fast den Atem anhaltend, und doch
zitternd vor Erwartung: wann würde die erste Kartoffel gar sein?! Ah,
roch es nicht schon so gut?! Witternd blähten sie die Näschen. Aber
Schlieben klopfte jetzt seine Beinkleider ab und schickte sich zum Gehen
an – es würde doch zu lange dauern, bis die Kartoffeln fertig waren!
Fast empfand er etwas wie Bedauern. Aber es ging wirklich nicht, daß er
noch länger hier umherstand, was sollten die Leute eigentlich von ihm
denken?!
Schlieben hatte sich jetzt selber wiedergefunden. »Genug jetzt,« sagte
er, und dann ging er, sorgsam die aufgebuddelten, unwegsamen Stellen des
Feldes vermeidend. Da hörte er Tritte dicht hinter sich. Er drehte sich
um: »Wolf?! Nun, was willst du?«
Die dunklen Augen des Knaben sahen ihn traurig an.
»Gehst du auch nach Hause?« Ein Erstaunen lag in Schliebens Frage – er
hatte doch gar nicht gesagt, daß der Junge mitkommen sollte?!
Ein herrlicher Duft kam von den Kiefern her, die Luft atmete sich so
frei, so leicht, und dieser blaßblaue Himmel mit den gewischten weißen
Wolken, hatte etwas so ungemein Klares, den Blick Erhellendes. Weiße
Fäden flogen über Land, vom reinen Ost getrieben, hingen sich an
grünbenadelte Äste und schimmerten da wie Elfengespinst. Und die Sonne
war noch angenehm warm, ohne zu brennen, und ein kräftigender,
bitterlich-herber Geruch strömte von den goldfarbenen Blättern der
Büsche, die die Rückseiten der Gärten abschlossen.
Der Mann holte tief Atem; ihm war, als sei er plötzlich um zehn, um
zwanzig – nein, um dreißig Jahre jünger. Um mehr noch!
»Na, lauf nur,« sagte er.
Der Knabe sah ihn an, als habe er ihn nicht recht verstanden.
»Lauf,« sagte er noch einmal kurz und bündig und lächelte dabei.
Da stieß der Junge einen Schrei aus, einen so gellend-jauchzenden
Schrei, daß die Kameraden, die auf den Hacken ums Kartoffelfeuerchen
kauerten, sofort mit einstimmten, ohne zu wissen warum.
Im dunklen Auge des Knaben, der die Freiheit liebte, die freie Luft, den
freien Lauf, flammte es auf. Er sagte es nicht, daß er beglückt war,
aber er schöpfte so tief Atem, als fiele ihm eine Last von der Brust.
Und Schlieben sah auf dem Gesicht, das jetzt anfing sich zu vergröbern,
die weiche Rundung der Kindlichkeit im Mager-Jungenhaften zu verlieren,
einen Zug, der es fein und schön machte.
Blitzschnell, wie aus straffem Bogen geschnellt, flog Wolfgang zurück
übers Feld.
Schlieben ging in seinen Garten zurück; vorsichtig, damit sie nicht
knarrte, öffnete er die Gittertür und schloß sie ebenso leise wieder –
Käte brauchte es nicht zu wissen, wo er gewesen war! Aber da stand sie
schon am Fenster.
Es war etwas rührend Ratloses in ihrer Haltung, ein bängliches Forschen
in ihrem Blick – nein, sie brauchte ihn so nicht anzusehen, er war ihr
nicht böse!
Und er nickte ihr zu.
Als das Hausmädchen fragte, ob der Herr nicht wisse, wo der Junge sei,
schon dreimal habe sie nun die Milch warm machen lassen und auf- und
abgetragen, sagte er fast kleinlaut, mit einer Entschuldigung im Ton:
»Na, das ist ja nicht so schlimm, Lisbeth! Wärmen Sie sie nachher zum
vierten Mal – es ist ihm so gesund draußen!«
Zweites Buch
1
Frida Lämke feierte ihren zehnten Geburtstag. »Därfst du kommen, kriegen
wer Kuchenschnecken mit Rosinen, aber därfst du nich kommen, jibt’s nur
Schrippen wie alle Tage,« sagte sie zu ihrem Freund Wolfgang. »Sieh man
zu, det se dir lassen!« Es lag ihr am meisten daran, daß Wolfgang kam;
wegen Flebbe wurden keine Unterschiede gemacht, obgleich der immer
sagte, sie wäre seine Braut.
Und Wolfgang quälte seine Mutter. »Laß mich doch hingehen – warum denn
nicht? Ich möchte doch so gern – warum denn nicht?!«
Ja, warum denn nicht?! Mit diesem Warum lag er ihr seit vierundzwanzig
Stunden in den Ohren; es zermürbte sie ganz. Was sollte sie ihm sagen –
daß ihr Frida mißfiel? Aber was hatte das Mädchen denn eigentlich getan,
daß es ihr mißfiel? Nichts! Es knickste immer höflich, war stets
ordentlich gekleidet, hatte sogar das blaue Band mit einer gewissen
Anmut in den blonden Zopf geflochten. Die Eltern waren auch ganz
respektable Leute, und doch – immer trieben sich diese Kinder auf der
Straße herum, jederzeit, sommers und winters! Man mochte vorbeikommen,
wann man wollte, immer waren die Lämkes vor der Tür! War es die Straße
selber, die sie aus diesem stupsnasigen, für sein Alter sehr
entwickelten Mädchen ansah? Nein, zu diesen Leuten hingehen, ins Haus,
hinuntersteigen in diese Atmosphäre der Portierstube, nein, das durfte
er nicht!
»Ich möchte nicht, daß du hingehst,« sagte sie. Sie hatte doch nicht das
Herz, diesen bittenden Augen gegenüber zu sagen: ›Ich will es nicht!‹
Und das Kind ersah seinen Vorteil. Es fühlte deutlich: ›sie kämpft mit
sich‹, und mit einer grausamen Hartnäckigkeit verfolgte es seinen
Wunsch.
»Laß mich doch – ach, laß mich doch! Ich bin aber sehr traurig, wenn
ich nicht darf. Dann hab ich zu nichts mehr Lust. Warum soll ich denn
nicht? Mutti, ich will dich auch so liebhaben, wenn du mich gehen läßt
– laß mich – ja? Ich will aber doch!«
Sie konnte sich nicht mehr retten vor ihm, er ging ihr nach auf Schritt
und Tritt, er faßte ihr Kleid, und – wenn sie’s ihm auch verwies, die
Bitte noch öfter zu wiederholen –, sie fühlte es, er dachte doch
unablässig das eine. So zwang er sie.
Schlieben verhielt sich weit weniger ablehnend gegen diese Einladung von
Lämkes. »Warum nicht? Es sind ja ganz anständige Leute. Das schadet dem
Jungen nichts, wenn er auch mal in =die= Kreise hineinguckt. Ich bin
auch als Junge zu unsern Leuten in die Wohnung gekommen. Und warum denn
nicht?!«
Sie wollte sagen, ›Das war auch etwas ganz andres, bei dir hatte es
keine Gefahr‹ – aber dann besann sie sich und sagte es nicht. Sie
wollte ihm nicht schon wieder mit ihren Befürchtungen, ihren Zweifeln,
ihrer geheimen nagenden Angst kommen, die keinen greifbaren Grund hatte,
sich nicht deutlich machen ließ, wie man am Ende jede andre Empfindung
erklären kann. Wie ein sinkender Nebel schwebte stets etwas über ihr.
Aber warum es ihm sagen?! Sie wollte sich weder darüber schelten noch
darüber auslachen lassen; beides würde ihr gleich empfindlich sein. Er
war ja nicht mehr so wie früher! O – sie empfand es mit einer leisen
Bitterkeit – hatte er sie doch vormals verstanden! Jede Regung, jede
Schwingung ihrer Seele hatte er mitgefühlt. Dieses ahnende Verstehen war
ihm abhanden gekommen – oder verstand =sie= ihn vielleicht nicht
mehr?!
Aber er war doch noch ihr lieber Mann, ihr guter, getreuer, den sie
liebte wie sonst auf der Welt nichts mehr – nein, den sie so liebte,
wie sie Wölfchen liebte! Das Kind, ach, das Kind, das war die Sonne, um
die sich ihr Leben drehte!
Wenn Paul doch noch so wäre, wie er früher gewesen war! Sie mußte ihn
jetzt so oft heimlich ansehen und sich mit einer gewissen Verwunderung
auch in seine äußere Persönlichkeit hineinfinden. Nicht daß ihm das
Breiterwerden schlecht stand; die Fülle, die seine schlanke Gestalt mit
der einst etwas steifen, immer korrekten Haltung angenommen hatte, paßte
zu seinen Jahren, zu den silbrigen Fäden, die im Bart und an den
Schläfen zu schimmern begannen. Paßte zu der bequemen Samtjoppe, die er
jetzt immer anzog, sowie er nach Hause kam, paßte zu seinem ganzen
Wesen. Merkwürdig, daß jemand ein so praktischer Mensch werden konnte,
dem früher alles Geschäftliche lästig, ja, höchst zuwider war! Jetzt
würde er nicht mehr das fremde Kind aus dem Venn auflesen, und – einen
langen Blick heftete Käte auf den Gatten –, jetzt würde er’s nicht mehr
bei sich aufnehmen wie eine Gabe aus Märchenland!
Ob die Jahre auch sie so verändert hatten?! Ihr Spiegel zeigte ihr keine
zu große Veränderung. Da war noch ganz dieselbe mädchenhafte Figur, die
doppelt zart erschien neben der Behäbigkeit des Gatten. Noch war ihr
Haar blond, und sie errötete noch wie ein junges Mädchen, dem schon ein
streifender Blick das leicht bewegliche Blut unter die zarte Haut
treibt. Ja, äußerlich war sie noch jung geblieben! Aber innerlich
überkam sie doch oft eine Müdigkeit. Wolf machte ihr den Kopf gar so
warm. Eine Mutter, die zehn, fünfzehn Jahre jünger war als sie, die
würde es vielleicht nicht gleich ihr empfinden, wieviel Kräfte solch ein
Kind kostet! Würde die nicht noch lachen, wenn es =ihr= schon zum Weinen
war?
O Gott, welch ungestüme, unerschöpfliche Lebenskraft war in diesem
Jungen! Sie war erstaunt, verwirrt, erschöpft davon. Wurde er denn nicht
müde? Immer auf den Beinen, um sechs schon auf, immer heraus, heraus!
Schon um Tagesgrauen hörte sie ihn sich rastlos werfen. Er schlief neben
ihnen, die Verbindungstür nach seinem Zimmer blieb immer auf, obgleich
ihr Mann darüber schalt: der Junge wäre groß genug, brauchte die
Aufsicht nicht. Nachts wenigstens könnte man sich die Störung ersparen!
Aber sie wollte, sie mußte auch seinen Schlaf bewachen. Oft hörte sie
ihn sprechen im Traum, so tief Atem holen, als beenge ihn etwas. Dann
schlüpfte sie aus dem Bett, leise, leise, damit ihr Mann sie nicht
hörte, zündete kein Licht an, suchte sich tastend, auf bloßen Füßen, den
Weg ins Nebenzimmer. Und dann stand sie an seinem Bett. Noch hatte er
das hübsche Gitterbett seiner ersten Knabenjahre – aber wie lange noch,
und dies Bett war zu klein?! Wie er wuchs, so unheimlich schnell!
Vorsichtig, mit leichter Hand, fuhr sie über seine Decke und fühlte
darunter den langgestreckten Knabenleib. Jetzt warf er sich, stöhnte,
bäumte sich auf wie einer, der gegen etwas anringt. Was hatte er nur?
Jetzt sprach er undeutlich. Von was träumte er denn so lebendig? Er
schwitzte über und über.
Wenn sie ihn nur sehen könnte! Aber sie traute sich nicht, Licht zu
machen. Was sollte sie ihrem Mann sagen, wenn er, vom Lichtschein
geweckt, sie fragen würde: ›Was machst du denn da –?‹ Und Wölfchen
würde auch aufwachen und fragen: ›Was willst du denn?‹
Ja, was wollte sie denn eigentlich?! Darauf wußte sie sich keine
bestimmte Antwort. Wissen hätte sie nur mögen, was seine Seele im Traum
so beschäftigte, daß er seufzte und rang. Von was träumte er? Von wem?!
Wo war er im Traum?!
Zitternd stand sie auf ihren bloßen Füßen an seinem Bett und lauschte.
Und dann beugte sie sich über ihn, so dicht, daß sein Atem, unruhig und
heiß, ihr Gesicht anwehte, und hauchte wiederum ihn an – mengten sie
nicht so ihre Atemzüge, gab sie ihm nicht so Odem von ihrem Odem? – und
flüsterte leise und doch so eindringlich, bittend und beschwörend
zugleich: »Die Mutter ist hier, die Mutter ist bei dir!«
Aber mit einem Ruck warf er sich auf die andre Seite, drehte ihr den
Rücken zu und murmelte. Lauter Unverständliches, selten ward ein Wort
deutlich, aber es war genug auch so; sie fühlte: er war nicht hier,
nicht bei ihr – weit fort! Suchte seine Seele im Traum die Heimat, die
er nicht kannte, die er nicht einmal ahnen konnte und die doch so
mächtig war, daß sie ihn, auch unbewußt, an sich zog?!
Von einer Unruhe ohnegleichen gepeinigt, stand Käte an Wolfgangs Bett:
eine Mutter und doch keine Mutter! Ach, sie war ja nur eine fremde Frau
am Bett eines fremden Kindes!
Und sie schlich sich zurück auf ihr Lager und vergrub ihre hämmernde
Stirn tief in die Kissen. Heftig fühlte sie ihr Herz pochen, und sie
schalt sich selber darüber, daß sie sich so unnütze Gedanken machte. Sie
änderte ja nichts dadurch, ward nur müde und traurig.
Wenn Käte nach solchen Nächten aufstand, fühlte sie den besorgten Blick
ihres Mannes, und ihre Hände, die das reiche Haar aufsteckten,
zitterten. Gut, daß ihr eine Nadel entfiel, da konnte sie sich doch
rasch bücken und ihr überwachtes Gesicht mit den umschatteten Augen
seinen forschenden Augen entziehen. –
»Ich bin wieder gar nicht mit dem Befinden meiner Frau zufrieden,«
klagte Schlieben dem Arzt. »Sie ist wieder schrecklich nervös!«
»So?!« Geheimrat Hofmanns freundliches Gesicht wurde energisch. »Ich
will Ihnen was sagen, lieber Freund, da gehn Sie nur gleich dagegen
an!«
»Das nützt nichts!« Schlieben schüttelte den Kopf. »Ich kenne doch meine
Frau. Der Junge macht’s, der verdammte Junge!«
Und er nahm sich Wolfgang vor. »Hör mal, du mußt die Mutter nicht immer
so quälen! Merke ich noch einmal, daß sie sich über dich kränkt, weil du
ungezogen bist, so sollst du mich kennen lernen!«
Quälte er denn die Mutter?! Wolfgang machte ein verdutztes Gesicht. Und
ungezogen war’s doch auch nicht, wenn er gern zu Lämkes wollte! Das
quält, wenn man innen sitzen muß, während draußen der Wind pfeift und
einem so lustig das Haar zerwühlt! Und das quälte ihn auch, daß er heute
nicht zu Lämkes sollte.
»So geh nur hin,« sagte Käte. Sie fuhr sogar noch vor Tisch nach Berlin
hinein und kaufte eine Puppe, eine hübsche Puppe mit blonden Locken, mit
Augen, die sich schlossen und öffneten, und mit einem rosa Kleid. »Die
bringe Frida zum Geburtstag mit,« sagte sie am Nachmittag und händigte
sie dem Knaben ein. »Halt! Vorsicht!«
Er hatte ungestüm zugepackt, es freute ihn doch zu sehr, daß er der
Frida was bringen konnte. Und in einer seltenen Regung – er war kein
Freund von Zärtlichkeiten – reckte er der Mutter das Gesicht hin und
empfing, in einer Aufwallung von Dankbarkeit, ihren Kuß. Er ließ ihn
sich mehr gefallen, als daß er nach ihm verlangte, sie fühlte das wohl,
aber sie war doch froh darüber, und mit einem Lächeln, das ihr ganzes
Gesicht erhellte, sah sie ihm dann nach.
»Aber vor Dunkelwerden bist du wieder zu Hause,« hatte sie ihm noch
zugerufen. Ob er sie gehört hatte?
Wie er lief, davonjagte, leichtfüßig wie ein Hirsch! Noch nie hatte sie
ein Kind so rasch laufen sehen. Er warf die strammen Beine, daß die
Hacken hinten gegen die Schenkel schlugen; der Wind blies ihm den
breitkrempigen Matrosenhut in den Nacken, da riß er ihn ganz ab und
rannte barhäuptig weiter, so eilig hatte er’s.
Was zog ihn nur so mächtig zu diesen Leuten?!
Von Kätes Gesicht verschwand das Lächeln, sie trat vom Fenster zurück.
–
Wolfgang war glücklich. Er saß bei Lämkes in der Stube, in der zur
kälteren Jahreszeit auch gekocht wurde. Die Schlafstätte der Eltern war
durch einen Vorhang abgegrenzt; Frida schlief auf dem Sofa und Artur
nebenan in dem Kämmerchen, das auch die Schippen und Besen, die Vater
Lämke zur Haus- und Straßenreinigung brauchte, beherbergte.
Noch war es nicht Winter, noch freundlicher Herbst, aber doch roch es
schon in der Stube hübsch warm und mollig. Mit dem zarten Duft der
blassen Monatsrose und des Nelkenstocks, der Myrte und des Geraniums,
die, dicht an das fast ebenerdige Fenster gerückt, alle blühten, mischte
sich der strengere Geruch des Kaffees, den Frau Lämke in der großen
Emaillekanne brühte. Zu Hause bekam Wolfgang nie Kaffee, hier bekam er
welchen; und er schlürfte ihn, wie er die andern ihn schlürfen sah, nur
empfand er ein noch größeres Behagen dabei. Und nie hatte ihm ein Stück
Torte so gut geschmeckt wie diese einfache Schnecke, die eher Semmel als
Kuchen war; er kaute mit offenem Mund, und als Frau Lämke ihm, dem
geehrtesten Gast, noch eine zweite Schnecke zuschob, nahm er sie mit
strahlendem Gesicht.
Frau Lämke fühlte sich sehr geschmeichelt durch seinen Besuch. Aus der
Puppe aber hatte sie sich nicht viel gemacht; die hatte sie Frida gleich
weggenommen und in den Schrank geschlossen: »Det de ihr nich jleich
verknutschst! Un iebrigens biste doch keen Herrschaftskind, det uff alle
Dage mit Puppens spielt. Schade um det Jeld!« Aber nachher, als Vater
Lämke aus der Portierloge, wo er in seinen Mußestunden saß und Stiefel
flickte, herunterkam, um auch eine Tasse Geburtstagskaffee zu trinken
und eine Schnecke zu essen, wurde die Puppe doch wieder vorgeholt und
ihm gezeigt.
»Fein, was? Hat sie von Wolfjangen seine Mama. Sieh mal, Lämke« – die
Frau hob der Puppe das rosa Kleidchen auf und zeigte darunter das weiße,
mit einer kleinen Spitze besetzte Volantröckchen – »so ’ne Frisur, janz
jenau so ’ne hatte ik Frida’n um ’t Taufkleidchen jenäht. Jotte doch,
sie war doch det erste, da denkt man, et is noch wat Besondret! Ach ja,«
– sie seufzte und legte die Puppe wieder in den Schrank zurück, in dem
allerlei Krimskram, die reinen Bettbezüge und ihr und Fridas Sonntagshut
lagen – »wie de Zeit verjeht! Nu is se schonst neune!«
»Zehne,« verbesserte Frida. »Ich bin doch heute zehne jeworden, Mutter!«
»Richtig – nee, schonst zehne!« Die Frau lachte und schüttelte den
Kopf, über diese Vergeßlichkeit verwundert. Und dann nickte sie ihrem
Manne zu: »Weeßte noch, Lämke, wie se jeboren wurde?«
»Un ob,« sagte er und schenkte sich nochmals aus der unerschöpflichen
Kanne ein. »Det war ’ne schöne Tur, wie se jeboren wurde – na, ich
danke! Die Jöhre hat dir scheene zujesetzt! Un mir mit, ich kriegte
ordentlich Manschetten. Aber nu, Alte – ä, zehn Jahre her, nu is et ja
bald nich mehr wahr!«
»Un wenn et hundert her wäre, det verjäße ik nich, o nee!« Die Frau hob
abwehrend die Hand. »Ik wollte mir jrade wie heute, so um viere ’rum,
Kaffee kochen, ik hatte so ’n Jieper drauf, da jing ’t los. Jrade noch,
daß ik bis iebern Flur kam – weeßte, du warst damals noch in de
Werkstelle bei Stiller, un wir wohnten in de Alte-Jakob, fünf Treppen
links – un ik kloppte bei den Krawattenfritze drieben an un sagte:
›Ach, sein Se doch so jut,‹ sagte ik, ›schicken Se man fix Ihre Kleene
bei die Wadlern, Spittelmarcht zehne, die weeß schon‹ – au weih, war
mich schlecht! Un ik fiel uf’n nächsten Stuhl; se hatten alle Mühe, det
se mir noch ’rieber kriegten. Un nu jing det los, ik konnte nich an mir
halten, bei’n besten Willen nich; ik jloobe, se haben mir drei Häuser
weit schreien jehört. Un det dauerte, det dauerte – et wurde Abend –
du kamst zu Hause – et wurde Mitternacht – morjens fünfe, sechse,
sieben – da endlich um neune sagte de Wadlern: ›det Kind, det is an’n
Ende –‹«
»Mutter,« unterbrach sie der Mann und zwinkerte nach den Kindern hin,
die ganz still am Tisch saßen und mit weitgeöffneten, neugierigen Augen
lauschten, »nu laß’t man jut sind! Det is ja nu allens lange vorbei, de
Jöhre is da, un is dich ja soweit janz jut jeraten!«
»Punkt elfe wurde se jeboren,« sagte Frau Lämke träumerisch und nickte
ernsthaft dabei und atmete dann so tief auf, als hätte sie einen hohen
Berg überklettert. Und dann rief sie ihre Tochter zu sich heran, heute,
am zehnten Geburtstag ihrer Erstgeborenen, von Leid und Freude einer
nach zehn Jahren noch so unendlich lebendigen Erinnerung überflutet.
»Komm man, Frida!« Und sie gab ihr einen Kuß.
Frida, ganz verdutzt durch diese unvermittelte Zärtlichkeit, lachte
ihren Bruder Artur und die beiden andern Knaben dumm an, und dann
entschlüpfte sie zur Türe: »Können wer jetzt spielen jehn?«
»Macht, det ihr ’rauskommt!«
Da stürzten sie voller Fröhlichkeit aus der dunklen Portierwohnung, die
unten im Souterrain lag, hinauf.
So hell war’s auf der Straße, so heiter schien die Sonne, Wind wehte
frisch, fern flog ein Drache übers Feld. Wenige Fußgänger, keine Wagen.
Die Straße gehörte ihnen, und mit Hallo stürmten sie dahin: wer zuerst
am Laternenpfahl an der Ecke war, der war Hauptmann!
Wolfgang hätte sich diese Ehre sonst nie nehmen lassen, aber heute mußte
er Gendarm sein, er war der letzte gewesen. Langsam und stumm war er den
andern gefolgt. Etwas saß ihm im Kopfe fest, das machte ihn schwerfällig
und hemmte seinen Lauf; er mußte darüber denken, denken. Das wurde er
nicht los, selbst als er mitten drin war im Lieblingsspiel; erst dann
vergaß er’s, als er mit Hans Flebbe eine große Balgerei hatte. Dieser
hatte ihn ins Gesicht gekratzt, darum riß er ihm jetzt ein Büschel Haare
aus. Am nächsten Gartengitter hielten sie sich gepackt.
Artur, ein kleiner Schwächling, hatte sich nicht am Streite beteiligt,
aber er schrie, die Hände in den Hosentaschen, mit kreischender Stimme
hinein in den Kampf, den die beiden wortlos miteinander ausfochten.
»Flebbe, hau ihm! Mit de Faust unter de Neese – tüchtig!«
»Wolfjang, man zu! Zeig ihm, was ’ne Harke is, immer ruff uf ihn!«
Frida hüpfte lachend von einem Bein aufs andere, der blonde Zopf tanzte
auf ihrem Rücken. Aber dann wurde ihr Lachen auf einmal ein wenig
verlegen-bang: der mehrere Jahre ältere Hans hatte Wolfgang
untergekriegt und hämmerte ihm nun mit der Faust ins Gesicht.
»Flebbe, du!« Sie zerrte ihn an der Bluse, und als das nichts half,
stellte sie ihm flink ein Bein. Da stolperte er darüber, und Wolfgang,
gewandt den Augenblick nutzend, schwang sich nach oben und besorgte es
nun dem Feind grimmig.
Das war kein Spiel mehr, keine gewöhnliche Jungensbalgerei. Wolfgang
fühlte sein Gesicht wie Feuer brennen, ein Kratz lief ihm die Wange
herab bis zum Kinn, vor seinen Augen tanzten Funken. Jetzt hatte er
alles vergessen, was ihn vorher so stumm gemacht, er fühlte eine wilde
Lust, laut brüllte er auf.
»Du, Wolfjang! Wolfjang, nee, det jilt nich,« schrie der Unparteiische.
»Det is doch keen Spaß nich mehr!« Artur schickte sich an, Wolf, der auf
des Gegners Brust kniete, die Beine festzuhalten.
Ein Ruck, und er flog zur Seite. Zitternd vor Wut kehrte sich Wolf
nun auch gegen ihn; seine schwarzen Augen funkelten. Das war kein
wohlgezogenes, wohlgekleidetes, herrschaftliches Kind mehr, das war
eine ganz elementare, ungezügelte, unbezwungene Kraft. Er schnaufte,
er keuchte – da, ein Ruf!
»Wolfjang, Wolfjang!«
»Du,« mahnte Frida, »Mutter ruft! Un euer Mädchen steht bei un winkt!«
Von der Haustür her tönte wiederum Frau Lämkes Stimme: »Wolfjang,
Wolfjang!« Und nun ließ sich auch Lisbeth spitzen Tones vernehmen: »Na,
wird’s bald? Sollst zu Hause kommen!«