hatte es doch gehört. Der Stuhl polterte hinter ihm zu Boden, mit
geballter Faust stürzte er auf das Mädchen los, packte es so gewaltig
an, daß es gellend aufschrie und die Schüssel aus der Hand fallen
ließ.
»Du Gans, du Gans!« Er heulte es laut heraus und wollte sie schlagen;
nur mit Mühe zerrte ihn der Vater zurück.
»Wölfchen!« Käte war die Gabel klirrend aus der Hand gefallen, mit
weiten Augen, ganz starr, sah sie auf ihren Jungen.
Das Mädchen beklagte sich bitter: so war er immer, es war nicht
auszuhalten, vorhin hatte er erst gesagt: ›Halt dein Maul!‹ Nein, das
konnte sie sich nicht gefallen lassen, lieber zog sie! Und weinend lief
sie aus dem Zimmer.
Schlieben war empört. »Du sollst gegen Untergebene manierlich sein!
Gerade weil sie dienen müssen, sollst du höflich sein! Hörst du?« Und er
faßte den Jungen mit kräftiger Hand, zog ihn übers Knie und gab ihm die
wohlverdienten Schläge.
Die Zähne zusammenbeißend, ohne Laut, ohne Träne, ließ Wolfgang die
Strafe über sich ergehen.
Aber der Mutter fiel jeder Schlag aufs Herz. Sie war selber wie
geschlagen, ganz wie zerschlagen. Als ihr Mann nach dem stürmischen
Mittagessen seine Siesta hielt, rauchte, die Zeitung las und ein wenig
dabei einnickte, schlich sie hinauf zur Kinderstube, in die der Junge
eingeschlossen worden war. Ob er weinte?
Sachte drehte sie den Schlüssel – er kniete auf dem Stuhl am Fenster,
die Nase platt an die Scheibe gedrückt, und sah aufmerksam hinaus in den
Schnee. Er bemerkte sie gar nicht; da zog sie sich vorsichtig wieder
zurück. Sie ging wieder hinunter, aber sie fand nicht die innere Ruhe,
um in ihrem Zimmer zu lesen; auf leisen Sohlen, wie rastlos, glitt sie
durchs Haus. Da hörte sie, mitten zwischen Tellergeklapper, in der Küche
Lisbeth zur Köchin sagen: »Das lasse ich mir denn doch nicht gefallen!
Von so ’nem Bengel nicht! Was hat denn der hier zu suchen?!«
Von einem lähmenden Schrecken befallen, stand Käte starr: was – was
wußte die?! Es wurde ihr glühend heiß und dann eisig kalt. ›Von so einem
Bengel nicht – was hat der hier zu suchen?‹ – o, um Gottes willen,
=so= sprach die?!
Sie lief wieder hinauf zur Kinderstube; dort kniete Wölfchen noch immer
am Fenster.
Hier hemmte noch keine Nachbarvilla die Aussicht: man sah von diesem
Fenster aus ein großes Stück unbebautes Feld, auf dem sommers Löwenzahn
und Brennessel zwischen wildem Hederich im Sande vegetierten, jetzt aber
Schnee lag, hoch und rein, von keinem Fußtritt berührt. Es dunkelte
schon der frühe Winterabend, nur dies weiße Feld schimmerte noch, und im
bleichen Schein der Schneehelle dünkte der Mutter des Kindes Gesicht
sehr blaß.
»Wölfchen!« rief sie sanft. Und dann: »Wölfchen, wie konntest du zu
Lisbeth sagen: ›Gans‹ und ›Halte dein Maul?!‹ O pfui! Woher hast du
das?!« Sie fragte es leise-traurig.
Da drehte er sich nach ihr herum, und sie sah, wie seine Augen
brannten. Es flackerte darin wie eine geängstete, unruhige Sehnsucht.
Sie sah auch das, und ganz gegen alle Regeln der Pädagogik öffnete sie
die Arme und flüsterte – als es ihr entflohen war, war ihr’s selbst
nicht klar, warum sie es gesagt hatte, hatte er doch alles, alles, was
sein Herz begehrte – flüsterte: »Du armes Kind!«
Und er lief in ihre Arme.
Sie hielten sich umfangen, Herz klopfte an Herz; sie waren beide
traurig, aber keiner von ihnen wußte, warum er selber so traurig, und
auch nicht, warum der andere so traurig war.
»Es sind nicht die Schläge,« murmelte er.
Sie strich ihm mit glättender Hand das straffe Haar aus der Stirn; sie
fragte ihn jetzt nicht mehr. Denn – stieg dort aus dem Schneefeld nicht
etwas auf, schwebte am Fenster empor und legte den Finger auf die
Lippen: ›Still, nicht fragen, nicht daran rühren?!‹
Aber sie blieb bei ihm und spielte mit ihm, ihr war, als dürfe sie ihn
heute nicht allein lassen. Ja, sie mußte sich von jetzt ab überhaupt
noch mehr um ihn kümmern! Wie eine Last fiel es ihr plötzlich auf die
Seele: sie hatte ihn schon viel zu viel sich selber überlassen! Aber
dann tröstete sie sich wieder: er war ja noch so jung, er war ja noch
ganz weiches Wachs, das sie formen konnte, wie sie wollte! So am Fenster
stehen und mit so brennenden Augen hinaus ins öde Feld starren, durfte
er nie mehr! Nach was sehnte er sich? Hatte er denn nicht Liebe die
Fülle? Und alles andre, was ein Kinderherz erfreut?!
Sie sah sich um in seinem hübschen Zimmer; da waren so viele Spielsachen
aufgestapelt: Eisenbahnen und Dampfschiffe, Bleisoldaten und
Bilderbücher und die allerneuesten Spiele.
»Komm, wir wollen spielen,« sagte sie.
Da war er gleich dabei; sie erstaunte, wie rasch er seinen Kummer
vergessen hatte. Gott sei Dank, er war doch noch ein ganz ahnungsloses,
harmloses Kind! Aber mit welcher Unrast er die Spielsachen durcheinander
warf! ›Das ist dumm‹ und ›das ist langweilig‹ – nichts fesselte ihn
recht. Sie war bald ganz erschöpft von allem Vorschlagen und Anregen zu
dem und jenem Spiel; sie glaubte nicht, daß sie je selber als Kind so
schwer zu befriedigen gewesen war. Zehnmal schon hatte sie aufstehen
wollen und fortgehen – nein, jetzt hielt sie’s wirklich nicht mehr aus,
der Kopf war ihr ganz toll, ihre Nerven sträubten sich, es war
wahrhaftig leichter, am Kochherd zu stehen oder Hausarbeit zu
verrichten, als mit einem Kind zu spielen! – aber zehnmal hielt ihr
Pflichtgefühl sie wieder fest und ihre Liebe.
Sie durfte ihn nicht allein lassen, denn – mit dumpfer Angst fühlte
sie’s – denn dann kam jemand anders und nahm ihn ihr fort!
Blaß und abgemattet blieb sie bei ihm sitzen; er hatte sie sehr gequält.
Zuletzt fand er, ganz vergessen im Winkel des Spielschranks, ein
wolliges Schäfchen, ein nur mehr dreibeiniges, zerzaustes, altes
Spielding aus seiner ersten Kinderzeit. Damit vergnügte er sich; das
machte ihm mehr Spaß als die andern kostbaren Sachen. Wie ein ganz
kleines Kind saß er auf dem Teppich, hielt das Schaf zwischen den Knieen
und streichelte es.
Als er endlich im Bette lag, saß sie noch bei ihm und hielt ihm die
Hand. Sie sang, wie sie ihn so oft eingesungen hatte:
»Schlaf, mein süßes Kind,
Draußen geht der Wind,
Höre, wie der Regen fällt
Und wie Nachbars Hündchen bellt!
Hündchen hat den Mann gebissen,
Hat des Bettlers Kleid zerrissen –«
Immer leiser hatte sie gesungen; jetzt glaubte sie ihn eingeschlafen, da
riß er ungestüm seine Hand aus der ihrigen: »Hör auf mit dem Lied! Ich
bin kein kleines Kind mehr!«
* * * * *
Es war ein Glück, daß es in der Grunewaldkolonie keine Straßenjungen
gab, sonst hätte Wölfchen sicherlich mit denen gespielt; so waren es
doch nur Portierkinder. An besserem Verkehr fehlte es ihm freilich
nicht; von Schulkameraden, deren Eltern gleich den seinen in Villen
wohnten, wurde er eingeladen, und auch die Berliner befreundeten
Familien, die es gerne sahen, wenn ihre Kinder an Ferientagen hinaus
konnten in den Grunewald, forderten ihn zu fleißigem Besuche auf.
Alle Kinder kamen gern in den schattigen Garten, wo Tante Schlieben
immer so freundlich war. Kuchen und Obst gab’s da genug und Reifen und
Bälle und Krocket und Tennis, Kegel und Turngeräte. An sonnigen
Nachmittagen stieg helles Gelächter und Gekreisch bis hoch hinauf in die
grünen Wipfel der Kiefern, aber – Frau Käte sah’s mit Befremden – ihr
Junge, der sonst doch immer so wilde, war dann der stillste. Er machte
sich nichts aus dem Besuch. Die Knaben in weißen und blauen
Matrosenanzügen, deren frische Gesichter sich so wohlgesittet über
blendenden Kragen erhoben, waren ihm nicht lieb; er gewann keine rechte
Fühlung mit ihnen. Am liebsten wäre er davongelaufen, da weit draußen
hin, wo niemand anders ging, als ab und zu mit einem großen Sack ein
Strolch, der mit seinem Drahthaken jedes Stullenpapier wendete, um zu
sehen, ob vom Sonntag nicht vielleicht doch etwas Kostbares übrig
geblieben sei. Dem hätte er gern geholfen. Oder Kienäpfel in den großen
Sack gesammelt.
Aber Freunde hatte Wolfgang doch auch. Da war Hans Flebbe – sein Vater
war Kutscher bei dem Bankier, der schrägüber die prachtvolle Villa hatte
und im Winter in der Bellevuestraße in Berlin wohnte –, da waren auch
noch Artur und Frida; aber deren Eltern waren nur Portierleute in einer
Mietvilla, die von verschiedenen Parteien bewohnt wurde.
Sobald diese drei aus der Schule nach Hause gekommen waren, fanden sie
sich vor der Schliebenschen Villa ein; sie waren nicht wegzutreiben,
geduldig warteten sie, bis Wolfgang sich zu ihnen gesellte.
»Mit meinem Hans ist er wie ’n Bruder,« pflegte der Kutscher zu sagen
und Wolfgang immer mit einem ganz besonders herablassenden
Peitschenschwippen hoch vom Bock zu begrüßen. Und die Portierleute
stellten befriedigend fest: »Was er, der olle Schlieben is, der faßt
immer an ’n Hut, und sie, die Jnädige, jrüßt auch immer sehr freundlich,
aber was der Kleene is, der is doch noch janz anders!«
Es waren wilde Spiele, bei denen Frida ganz als Junge gerechnet wurde,
die die vier Kameraden spielten: Nachlaufen, Versteck, am liebsten
Räuber und Gendarm. Ha, wie Wolfs, des Räuberhauptmanns, Augen
funkelten, wenn er dem Gendarmen, Hans Flebbe, einen Tritt gegen den
Bauch gab, daß er hintenüber zu Boden fiel und vor Schmerz eine Weile
starr liegen blieb.
»Ich habe ihn erschossen,« sagte er stolz zu seiner Mutter.
Käte, durch das wilde Schreien der Kinder, die auf dem unbebauten Feld
der Villa rasten, ans Fenster gerufen, hatte ihren Knaben hereingewinkt.
Widerwillig war er gekommen; aber er war doch gekommen. Jetzt stand er
atemlos vor ihr, und sie strich ihm das feuchte Haar aus dem
schweißüberströmten Gesicht: »Wie siehst du aus?! Und hier – sieh
mal!«
Vorwurfsvoll wies sie auf seine weiße Bluse, die war von oben bis unten
beschmutzt. Wo um alles in der Welt nur hatte er sich gesielt, es gab ja
hier gar nicht solche Pfützen?! Und die Hose! Das rechte Bein war der
Länge nach aufgeschlitzt, das linke zeigte am Knie ein dreieckiges
Loch.
Pah, das machte nichts! Schon wollte er wieder fortstürmen, er zitterte
vor Ungeduld: die Kameraden hockten ja hinterm Busch, die trauten sich
nicht eher heraus, als bis er, ihr Hauptmann, wieder bei ihnen war! Er
wehrte sich gegen die haltende Hand; aber sein Sträuben half diesmal
nichts, der Vater kam aus dem Nebenzimmer.
»Du bleibst hier! Pfui, schäme dich, dich der Mutter zu widersetzen!
Marsch, auf dein Zimmer, mach deine Schularbeiten für morgen!«
Schlieben sagte es barsch. Es hatte ihn empört, zu sehen, wie der Junge
sich mit Händen und Füßen der zarten Frau widersetzte.
»Du Rüpel, ich will dich lehren, wie man mit seiner Mutter umgeht! Hier«
– er packte ihn ins Genick und schleifte ihn wieder näher heran –
»hier, bitt ab, küsse der guten Mutter die Hand! Und versprich, daß du
nicht mehr so wildern wirst, wie ein Straßenjunge! Voran – nun, wird’s
bald?!«
Die Zornesader auf des Mannes Stirn fing an zu schwellen. War das ein
bockiger Bengel! Da stand er, die Bluse vorn auseinander gerissen, daß
man das Fliegen der verschwitzten Brust sah – noch hatte er nicht
ruhigen Atem gefunden, er keuchte noch vom wilden Lauf – und sah so
verwildert aus, so verwüstet, so gar nicht wie guter Leute Kind! Das
ging nicht länger so!
»Du wirst nicht mehr so toben – nie mehr – hörst du?« sprach der Vater
streng. »Ich verbiete es; spiele andre Spiele! Du hast einen Garten,
Turngeräte, hundert Sachen, um die dich andere beneiden würden. Und
jetzt voran, bitte ab!«
Der Knabe ging zur Mutter. Sie kam ihm auf halbem Wege entgegen, sie
hielt ihm schon die Hand hin. Er küßte diese, er murmelte auch: »Ich
will es nicht wieder tun,« aber Schlieben hörte keine Reue heraus. Es
war etwas in dieser verdrossenen Art, das ihn reizte. Und er ließ sich
hinreißen.
»Das war keine Abbitte! Wiederhole die Bitte um Verzeihung – und
deutlich!«
Der Knabe wiederholte sie.
»Und nun versprich, daß du nicht mehr so toben wirst! ›Liebe Mutter, ich
verspreche‹ – nun?!«
Kein Wort, kein Versprechen.
»Was soll das heißen?« Außer sich schüttelte Schlieben den Jungen. Der
aber preßte die Lippen aufeinander. Von unten herauf traf ein Blick
seiner dunklen Augen den Vater.
Frau Käte fing den Blick auf – o Gott, das war der Blick – jener Blick
– der Blick des Weibes!
Schützend hielt sie beide Arme über den Knaben: nicht, nicht, o, nicht
ihn reizen! Sie zog ihn näher zu sich und legte ihre Hände über seine
Augen, daß er sie schließen mußte, und flehte dabei mit den Blicken
ihren Mann an: Geh, geh du!
Schlieben ging, aber er schüttelte unwillig den Kopf. »Du wirst sehen,
was du aus dem Jungen erziehst!« Drohend hob er noch einmal die Hand:
»Junge, ich sage dir, du wirst parieren!« Und dann machte er die Tür
hinter sich zu – nicht einmal seine Mittagsruhe konnte man mehr
ungestört halten!
Vom Nebenzimmer aus hörte er die Stimme seines Weibes. Die klang so
weich und dabei zitternd, wie in geheimer Angst: »Wölfchen, Wölfchen,
bist du nicht mein gutes Kind?«
Keine Antwort. Herr des Himmels, dieser fühllose Rüpel, hatte er auf
diese Frage, in diesem Ton, keine Antwort?!
Nun wieder die weiche, zitternde Stimme: »Willst du denn nicht mein
gutes Kind sein?«
Wenn der Bengel jetzt nicht antwortete, dann –! Dem wider Willen
Zuhörenden stieg das Blut zu Kopf, es zuckte in seinen Fingern, er
wollte aufspringen, wieder hineineilen und – aha, jetzt mußte er
geantwortet haben! Freilich wohl nur durch ein stummes Nicken, aber
Kätes Stimme klang innig erfreut: »Siehst du, ich wußte es ja, du bist
mein gutes Kind, mein geliebtes Kind, mein – mein –!«
Nun, das war wahrhaftig auch nicht vonnöten, daß, nachdem der Junge eben
noch so ungezogen gewesen war, Käte jetzt solche Liebestöne an ihn
verschwendete! Und geküßt mußte sie ihn haben, umarmt! Ihre Stimme war
erstorben wie in einem zärtlichen Hauch.
Nun hörte Schlieben gar nichts mehr; kein Rauschen ihres Kleides, keinen
Laut – aha, jetzt flüsterte sie wohl in ihn hinein?! Wie sie den Bengel
verwöhnte!
Doch jetzt – ein leises Weinen! War das noch Wolfs etwas harte,
trotzige Knabenstimme? Wirklich, er weinte jetzt laut, und unterm
Schluchzen stieß er kläglich hervor, kaum, daß man’s verstehen konnte:
»Ich mußte ihn – aber doch erschießen – er ist doch der Gendarm!«
Und nun war alles wieder still. Schlieben nahm die Zeitung auf, die er
vorhin weggeworfen hatte, und begann zu lesen. Aber er war nicht recht
bei der Sache, hartnäckig wanderten seine Gedanken immer wieder ins
Nebenzimmer. War der Bengel nun vernünftig, sah er seine Ungezogenheit
ein? Und war Käte nicht gar zu schwach?! Es war nichts, gar nichts mehr
zu hören. Oder doch – knarrte jetzt drinnen nicht die Tür? Nein,
Täuschung, alles still!
Nachdem Schlieben noch eine Weile gewartet hatte, ging er hinüber. Da
war es in der Tat sehr still, denn Käte war ganz allein. Sie saß am
Fenster auf dem erhöhten Tritt, hatte die Hände in den Schoß gelegt und
sann vor sich hin. Sie schien ganz abwesend.
»Wo ist der Junge?«
Erschrocken fuhr sie zusammen und hob wie abwehrend beide Hände.
Nun sah er, daß sie blaß war. Der Ärger mit dem Jungen hatte sie doch
wohl sehr angegriffen – wart, das sollte er büßen, doppelt so viel
Exempel rechnete er heute zur Strafe!
»Ist der Junge bei der Arbeit?«
Sie schüttelte den Kopf und errötete. »Nein!«
»Nein –?! Warum denn nicht?« Er sah sie sehr erstaunt an. »Habe ich ihm
denn nicht gesagt: sofort an die Arbeit?!«
»Das hast du gesagt. Aber ich habe ihm gesagt: lauf! – Paul, sei nicht
böse!« Sie sah, daß er auffahren wollte und legte beschwichtigend die
Hand auf seinen Arm. »Wenn du mich lieb hast, laß ihn! Ach, Paul, glaube
mir, glaube mir doch: er kann ja nicht dafür, er muß sich ausrennen,
austoben, draußen sein – er muß!«
»Du hast immer Entschuldigungen! Denke doch nur an die Geschichte mit
dem Tornister, aus seiner ersten Schulzeit – oben in die Kiefer hatte
der Bengel den geworfen. Hätte nicht zufällig ein Arbeiter den Ranzen
entdeckt und zu uns gebracht, weil er den Namen auf der Fibel las,
hätten wir lange suchen können. Du hast es entschuldigt – nun, das war
auch weiter nichts Schlimmes – ein Übermut – jetzt entschuldigst du
aber ganz anderes! Und alles!« Der seiner Frau sonst so nachgiebige Mann
erzürnte sich in seiner ernstlichen Besorgnis. »Ich bitte dich, Käte,
sei nicht so unglaublich schwach mit dem Jungen! Wo soll das hin mit
ihm?«
»Dahin!« Ernst zeigte sie auf ihn und sich. Und dann, mit einem Ausdruck
tief-innerster Empfindung legte sie die Hand auf ihr Herz.
»Wieso? Ich verstehe dich nicht! Bitte, habe die Güte, dich etwas
deutlicher auszudrücken, zum Rätselraten bin ich nicht gelaunt!«
»Wenn du’s nicht errätst, wirst du’s auch nicht verstehen, wenn ich es
deutlicher sage!« Sie senkte den Kopf, und dann nahm sie wieder ihren
früheren Platz ein; aber sie sann nicht mehr vor sich hin, sondern es
schien ihm, als lausche sie mit geneigtem Ohr dem gellenden
Triumphgeschrei, das hinterm Haus von dem wüsten Feld her bis übers Dach
stieg.
»Du wirst nie mit dem Jungen fertig werden!«
»O, ich werde schon!«
»Natürlich, wenn du ihm allen Willen läßt!« Mit eiligem Schritt ging
Schlieben aus dem Zimmer; der Unwille wollte ihn übermannen.
Vielleicht zum ersten Mal in seiner Ehe war Schlieben ernstlich böse auf
seine Frau. Wie konnte Käte so unvernünftig sein?! Seinen Befehl so
wenig beachten, als wäre der gar nicht gegeben – ja, sich in direkten
Gegensatz zu ihm stellen?! O, der Bengel war schlau genug, der zog schon
seine Schlüsse daraus! Und tat er’s noch nicht, so fühlte er doch
instinktiv, welchen Rückhalt er an der Mutter hatte. Es war geradezu
unglaublich, wie schwach Käte war!
Die weiche, sensitive Art, die den Mann zuerst an seiner Frau entzückt
hatte, die den gleichen Zauber für ihn behalten hatte alle die Jahre
hindurch, dünkte ihn jetzt auf einmal übertrieben – kindisch. Ja,
kindisch war diese Ängstlichtuerei, diese ewige Angst vor dem, was
vorbei und vergessen war! Von der Mutter hatten sie doch nie mehr etwas
gehört, warum deren Schatten denn bei jeder Gelegenheit wieder
heraufbeschwören? Geburtsschein und Taufattest des Jungen hatte man doch
sicher in Händen, und das Venn war weit – er würde es nie sehen –
warum denn nur immer das zitternde Bangen? Es lag gar kein Grund dazu
vor. Sie lebten in so angenehmer Umgebung, Wolf wuchs in so geordneten
Verhältnissen auf, besaß alles, was ein Kindergemüt ausfüllt und
beglückt, daß es eine wahr Manie von Käte war, bei ihm eine Art von
Heimatsehnsucht vorauszusetzen. Wie sollte er überhaupt dazu kommen? Er
hatte ja gar keine Ahnung, daß hier eigentlich nicht seine Heimat war.
Es war traurig mit Kätes Überempfindlichkeit – wahrhaftig, die Frau
konnte einen mit nervös machen!
Und Schlieben fuhr sich über die Stirn, wie um unliebsame Gedanken mit
einer Handbewegung fortzuscheuchen. Er zündete sich eine Zigarre an;
heute eine extra feine, die er sonst seinen Gästen überließ, er hatte
das Gefühl, sich über eine unangenehme Stunde forthelfen zu sollen. Denn
unangenehm, wirklich unangenehm und schwierig blieb die Sache doch, wenn
er auch hoffte, schon auf die richtige Lösung der Frage zu kommen: wie
erzieht man solch ein Kind? Jedenfalls nicht so, wie Käte es tat! Das
war ihm schon jetzt klar.
Blaue Rauchkringel in die Luft blasend, saß Schlieben in der Sofaecke
seines Arbeitszimmers. Seine Stirn blieb gerunzelt. Da war er heute
recht abgespannt aus dem Kontor gekommen, hatte allerlei Verwicklungen
gehabt – Ärger genug – hatte eilige Briefe diktieren müssen, sich
keine Pause gegönnt, und hatte nun zu Hause ein angenehmes Ausruhen
erhofft – vergebens! Merkwürdig, wie ein einziges Kind den ganzen
Haushalt, das ganze Leben verändert! Wenn der Junge nun nicht da wäre –
– –?! Ja, dann hätte er jetzt eine friedliche kleine Mittagsruhe –
ausgestreckt auf dem Diwan, die Zeitung vorm Gesicht – hinter sich und
ginge nun zu Käte hinüber, um bei ihr in höchst gemütlichem Tête-à-tête
den Kaffee zu trinken, den sie mit so viel Anmut in der summenden Wiener
Maschine selber bereitete. Er hatte immer so gern still zugesehen, wie
ihre schlanken, gepflegten Hände sich geräuschlos dabei bewegten.
Schade!
Er seufzte. Aber dann bezwang er sich: nein, einer augenblicklichen
Verdrießlichkeit wegen durfte man ihn nicht wegwünschen! Wie viel frohe
Stunden hatte ihnen das kleine Wölfchen doch bereitet! Es war reizend
gewesen, seine ersten Schritte zu beobachten, seine ersten
zusammenhängenden Worte zu belauschen. Und war nicht Käte in seinem
Besitz so glücklich – oho, wer sagte da: glücklich =gewesen=?! – sie
war es ja noch! Es ging ihr nichts über den Jungen. Und daß der Stunden
des ungetrübten Beglücktseins durch ihn jetzt nicht mehr ganz so viele
waren als vormals, das war ja nur natürlich. Er war eben nicht mehr das
Bübchen, das dort, dort drüben aus jener Ecke bis hierher zum Sofa den
ersten kühnen Lauf gewagt und, jauchzend über den eignen Wagemut, des
Vaters Bein umklammert hatte. Er fing jetzt an, ein selbständiger Mensch
zu werden, einer mit eignen Wünschen, nicht mehr mit solchen, die in ihn
hineingetragen worden waren; ureigne Willensäußerungen gaben sich kund.
Jetzt wollte er dies und wollte jenes und nicht nur mehr das, was die
Erzieher wollten. War das aber nicht natürlich? Überhaupt, wenn ein Kind
erst in die Schule geht, was stellt sich da nicht alles ein?! Man mußte
Nachsicht haben, wenn man sich nicht auch gleich die ganze Lebensführung
beeinflussen lassen wollte – erst die Eltern, dann das Kind!
Schlieben fühlte, wie er sich nach und nach beruhigte. Ein Junge –
welche Unsumme von Wildheit, Rüpligkeit, Ungebundenheit, ja
Ungebärdigkeit ist nicht in =dem= Wort mit einbegriffen! Und alle, alle,
die jetzt Männer waren, waren einst doch auch Jungen!
Die Zigarre ging ihm aus; er hatte vergessen, daran zu ziehen. Mit einem
eigentümlich milden Gefühl, das nicht frei von einer leisen Sehnsucht
war, gedachte Schlieben der eignen Knabenzeit. Nur ehrlich: hatte er
nicht auch getobt und gelärmt, sich beschmutzt, erhitzt und Hosen
zerrissen und dumme Streiche gemacht, mehr als genug?!
Wunderbar, wie genau er sich jetzt auf einmal einzelner Strafpredigten
erinnerte und der Tränen, die er der Mutter ausgepreßt hatte; auch noch
sehr deutlich der Tracht Prügel, die er einmal für eine Lüge erhalten
hatte. Sein Vater hatte dazumal gesagt – plötzlich war’s ihm, als hörte
er die Stimme, die sonst gar nicht sonderlich feierlich, sondern recht
alltäglich geklungen hatte, jetzt aber durch den Ernst geadelt wurde,
hier in der Stube widerhallen –: ›Junge, alles kann ich dir verzeihen,
nur das Lügen nicht!‹ Ah, es war damals recht unerquicklich gewesen in
dem engen Kontor, wo der Vater am hölzernen Stehpult lehnte und den
Stock auf dem Rücken hielt. Das Käppchen, das er seiner Glatze wegen
trug, hatte er in der Erregung schief geschoben, seine blauen
freundlichen Augen blickten scharfspähend und zugleich betrübt.
›Alles kann man verzeihen, nur das Lügen nicht‹ – ei, hatte der Junge,
der Wolfgang, denn gelogen?! Bewahre! Einfach ungezogen war er gewesen,
wie es auch die besten Kinder einmal sind!
Schlieben fühlte eine Beschämung: und er, er wollte dem Jungen diese
einfache Ungezogenheit so übel nehmen?!
Er stand vom Sofa auf, stieß den Rest seiner Zigarre in den Aschenbecher
und ging hinaus, um sich nach Wolfgang umzusehen.
Er traf die vier im vollen Glück des Spiels. Sie hatten sich ein
Feuerchen angezündet auf dem unbebauten Land dicht hinterm Gartengitter,
so daß die überhängenden Büsche des Gartens sie wie ein Dach
beschützten.
Eng hockten sie zusammen; sie waren jetzt im Lager. Frida hielt
Kartoffeln in der Schürze, die in der Asche gebraten werden sollten;
aber das Feuerchen wollte nicht brennen, das Reisig schwelte nur.
Wolfgang lag bäuchlings auf der Erde und blies, auf die Ellenbogen
gestützt, mit aller Kraft seiner Lungen. Aber die reichte doch nicht
aus, das Feuer wollte und wollte nicht brennen.
Leise war Schlieben herangekommen, in ihrem Eifer hatten die Kinder ihn
gar nicht bemerkt. »Will’s nicht brennen?« fragte er.
In einem heftigen Emporschnellen war Wolfgang sofort auf den Füßen. Er
war rot und frisch gewesen, nun wurde er blaß, sein offener Blick senkte
sich scheu, ein trübseliger Ausdruck verlängerte sein rundes
Kindergesicht und ließ ihn älter erscheinen.
»Muß ich ’reinkommen?« Es klang kläglich.