einem Strick festgeschnürt. Die Last war so schwer, daß sie das Weib
ganz vornüber drückte und ihm den Kopf tief duckte. Drei Kinder – die
kleinen Füße in plumpen Nagelschuhen – trappten vor der Mutter her,
während ein viertes an ihrem Rock hing. Das hatte auch schon
Preißelbeeren gesucht, seine Händchen waren rot gefärbt wie die Hände
der größeren Geschwister, die Eimer, Maß und Kamm schleppten.
Hübsche Kinder, alle vier! Sie hatten dieselben dunklen Augen wie der
kleine Jean-Pierre, mit denen starrten sie halb dreist, halb scheu die
fremde Dame an, die ihnen zulächelte.
Die Solheid erkannte die Herrschaften nicht, die ihr gestern auf dem
Venn eine Gabe gereicht hatten – oder tat sie nur so?
Der Strick, der die Welle zusammenhielt, hatte ihr tief in Schultern und
Brust eingeschnitten, jetzt löste sie ihn und schleuderte mit
kraftvollem Ruck die Bürde ab; und jetzt griff sie nach der Axt, die
neben dem Hauklotz lag, und begann, als sei niemand zugegen, mit
mächtigen Hieben ein paar starke Äste zu zerkleinern.
»Heela, Lisa,« sagte der Gemeindevorsteher, »wenn du jenug Holz jehauen
hast, für die Jrumbieren zu kochen, paß ens op!«
Sie sah flüchtig von ihrer Arbeit zu ihm auf. Die Fremden waren beide –
ohne Verabredung – ein wenig auf die Seite gegangen: mochte es der
Gemeindevorsteher ihr erst einmal sagen! Es war doch nicht so einfach,
wie sie sich’s gedacht hatten. Die war nicht leicht zugänglich!
Der Solheid verschlossenes Gesicht veränderte keinen Zug; stumm, mit
zusammengepreßten Lippen verrichtete sie ihre Arbeit weiter. Das Holz
barst unter ihren kraftvollen Hieben, die Stücke flogen um sie herum. Ob
sie überhaupt auf das hörte, was der Mann zu ihr sprach?!
Ja – die Beobachtenden wechselten einen raschen Blick – und jetzt
antwortete sie auch! Lebhafter, als man es bei ihrer verdrossenen Art
vermutet hätte.
Lisa Solheid hob den Arm und wies nach ihrer Hütte, darinnen der Kleine
noch immer unerhört schrie. Rauh klang ihre Rede, in einem schier
barbarischen Dialekt, man verstand nichts davon, nur ab und zu ein
französisches Wort. Auch der Gemeindevorsteher sprach wallonisch. Sie
wurden beide lebhaft, erhoben ihre Stimmen und redeten laut
gegeneinander an; fast klang es wie Zank.
Sie schienen nicht einig zu werden! Käte lauschte in verhaltner Angst.
Würde sie es geben? Würde er’s von ihr losbekommen?!
Heimlich zupfte sie ihren Mann. »Biete mehr, gib ihr doch mehr, hundert
Taler sind viel zu wenig!« Und dem Bauer da mußte er auch etwas
versprechen für seine Bemühung. Hundert, zweihundert, dreihundert,
hundert mal hundert waren nicht zu viel! Ach, wie das arme Kindchen
schrie! Es litt sie fast nicht mehr so tatenlos vor der Schwelle.
Die Geschwister des kleinen Jean-Pierre – ein schönes Mädchen mit
wirren Haaren und drei jüngere Knaben – standen, den Finger im Mund,
die schmutzigen Näschen ungewischt, und rührten sich nicht vom Fleck.
Da fuhr die Mutter sie an: »Heela,« und sie stoben davon, eines fast
über das andre purzelnd. Aus der kleinen Höhlung unter der Schwelle
scharrten sie den Schlüssel vor, und die Größte stieß ihn ins rostige
Schloß und drehte ihn, auf den Zehen stehend, mit aller Kraft ihrer
beiden Händchen um.
Die Solheid wandte sich nun gegen die Fremden; ihre hagere braune Rechte
machte eine einladende Bewegung: »_Entrez!_«
Sie traten ein. Innen war’s so niedrig, daß Schlieben den Kopf bücken
mußte, um ihn nicht wider die Balkendecke zu stoßen, und so dunkel, daß
sie geraume Zeit brauchten, bis sie nur irgend etwas unterscheiden
konnten. Ärmlicher konnte es nirgendwo sein – alles in allem ein
einziger Raum. Der Herd war von rohen Steinen kunstlos gemauert, darüber
hing vom geschwärzten Balken an eiserner Kette der Kessel herab; offen
stieg der Qualm der langsam schwelenden Torfglut hinauf in den rußigen
Rauchfang. Ein paar irdene Teller im Schlüsselbrett – buntblumig aber
rissig – ein paar verbeulte Zinngefäße, ein Melkeimer, ein hölzerner
Bottich, eine lange Bank hinterm Tisch, auf dem Tisch ein halber Laib
Brot und ein Messer, wenige Kleider an Nägeln, in die Wand halb
hineingebaut das Ehebett, darin jetzt wohl die Witwe mit den Kindern
schlief, und davor die plumpe Holzwiege des kleinen Jean-Pierre – das
war alles.
Wirklich alles? Von einem Frösteln im dämmerkalten, kellerdumpfen Raum
geschüttelt, sah sich Käte um. O, wie trostlos arm! Da war kein Schmuck,
keine Zier! Doch, dort ein schreiend buntes Marienbildchen – ein roher
Farbendruck auf dünnem Papier – ein Weihwasserkesselchen aus weißem
Porzellan darunter – und dort, auf der andern Seite der Wand, dicht
beim Fenster, so daß das wenige Licht darauf fiel, ein Soldatenbild.
Unter Glas und Rahmen, in drei Abteilungen, dreimal derselbe
Infanterist. Links: das Gewehr geschultert, auf Posten vorm
schwarz-weißen Schilderhaus – rechts: marschbereit, Tornister und
Kochgeschirr aufgeschnallt, Brotbeutel und Feldflasche an der Seite,
Gewehr bei Fuß – in der Mitte: in Parademontur ein Gefreiter, die Hand
grüßend an den Helm gelegt.
Ah, das sollte wohl der Mann sein, Michel Solheid als Soldat?! Einen
scheuen Blick warf Käte auf das Bild – der da, der war ja erschossen
worden beim Schmuggeln auf dem Venn! Wie schrecklich! Sie hörte wieder
den Alten erzählen, sah den blutenden Mann im Heidekraut liegen, und das
Grausen des Abenteuerlichen rüttelte sie. Ihr Blick glitt wieder und
wieder hin zu dem Bilde, dem üblichen Soldatenbild, das in seiner
stereotypen Nichtigkeit so gar nichts sagte, und von da zu der Wiege des
kleinen Jean-Pierre: ob der viel vom Vater hatte?!
Schlieben hatte gewartet, daß seine Frau das Wort nehmen sollte – sie
würde ja am besten wissen, wie mit der andern zu reden sei – aber sie
schwieg. Und der Gemeindevorsteher sagte auch nichts; nun er die
Verhandlungen eingeleitet hatte, hielt er es für höflich, dem Herrn das
Wort zu lassen. Und die Solheid sprach auch nicht. Sie scheuchte nur mit
einer stummen Gebärde die Kinder, die sich mit Gier über das harte Brot
auf dem Tisch hermachen wollten. Dann stand sie still bei der Wiege;
ihre Rechte, die noch das Beil vom Holzspalten hielt, hing schlaff
herunter am armseligen Rock. Finster war ihr Gesicht, unnahbar, und doch
spiegelte sich ein Kampf darin.
Schlieben räusperte sich. Er hätte es lieber gehabt, wenn ein andrer für
ihn die Sache erledigt hätte, aber da dieser andre nicht da war, der
Gemeindevorsteher ihn nur erwartungsvoll anblickte, so sah er sich
gezwungen, zu sprechen. Mit einer Freundlichkeit, die wie Herablassung
erscheinen mochte und doch nur Verlegenheit war, sagte er: »Frau
Solheid, der Gemeindevorsteher wird Ihnen gesagt haben, was uns zu Ihnen
führt – verstehen Sie mich, gute Frau?«
Sie nickte.
»Wir haben die Absicht, Ihr jüngstes Kind an« – er stockte, sie hatte
eine Bewegung gemacht, als wolle sie verneinen – »an Kindes Statt
anzunehmen, _adopter_! Sie verstehen!«
Sie antwortete nicht; aber er fuhr fort, so rasch, als habe sie ›ja‹
gesagt: »Wir werden es halten, als wenn es unser eigenes wäre, es wird
es so gut haben, wie Sie es ihm natürlich nicht geben können, und wir
–«
»O, und wir werden es so lieb haben!« fiel Käte ihm ins Wort.
Das schwarze Weib drehte langsam den Kopf nach der Seite, wo die blonde
Frau stand. Es war ein seltsamer Blick, der die Fremde maß, die jetzt
näher zur Wiege herangekommen war. War’s ein prüfender Blick, ein
abwehrender, ein freundlicher oder unfreundlicher?!
Käte sah mit verlangenden Augen nach dem Kinde. Das weinte jetzt nicht
mehr, es lächelte jetzt sogar, und jetzt – jetzt reckte es die Ärmchen!
O, es war schon so klug, es sah sie an, merkte bereits, daß sie ihm gut
war! Es versuchte sich aufzurichten – ah, es wollte zu ihr, zu ihr!
Das Rot der Freude schoß ihr zu Kopf, schon streckte sie die Hände aus,
das Kleine aufzunehmen, da schob sich wie eine Wand die Mutter vor die
Wiege.
»_Neni_,«[9] sagte die Wallonin hart. Abwehrend hob sie die freie Linke.
Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn des Kindes,
und dann auch auf seine Brust.
[9] Nein.
Aber warum denn nicht, warum wollte sie es denn nun auf einmal nicht
geben?! Käte zitterte vor Schreck. Flehend suchte ihr Blick den ihres
Mannes: hilf du mir! Ich muß, ich muß das Kind haben!
Und Schlieben sagte jetzt, was er schon vorhin hatte sagen wollen, als
seine Frau ihm ins Wort gefallen war: »Wir stellen die Zukunft Ihres
Kindes sicher. Wissen Sie, was das heißt, gute Frau? Es wird nie Sorge
ums tägliche Brot haben – nie hungern müssen! Nie arbeiten müssen, um
sein Leben zu fristen – nur arbeiten aus Freude an der Arbeit!
Verstehen Sie?!«
Arbeiten – aus Freude an Arbeit?! Verständnislos schüttelte das Weib
den Kopf. Aber dann fiel ihm ein: nie hungern! – und ein Licht glomm in
seinem stumpfen Blick auf. Nie hungern – ei, das verstand die Witwe
wohl, und doch schüttelte sie wieder verneinend den Kopf: »_Neni!_«
Sie zeigte auf sich und die andern Kinder und dann mit einer umfassenden
Bewegung hinaus aufs große Venn: »_Nos avans tortos faim!_«[10] Sie
zuckte die Achseln mit dem Gleichmut der Gewöhnung, und es schien sogar,
als ob sie lächeln wollte; die Mundwinkel ihres verdrossenen Mundes
hoben sich ein wenig, ihre sonst herbgeschlossenen Lippen ließen die
kräftigen, gesunden Zähne sehen.
[10] _Nous avons faim tous._
Der Gemeindevorsteher mischte sich jetzt ein: »Lisa, wahrhaftiges Jotts,
dat is doch kein Pläsier, zu hungere! Sackerment, dat du so jeckelig
bis! De Jung, de kömmt ja aus der Höll in der Himmel. Wat ich dir schon
jesagt hab: die Herrschafte sin reich, sehr reich, un se sin jeck op dat
Kind, – rasch, jib et ihnen, du has ’r ja noch vier!«
Noch vier! Sie nickte nachdenklich, aber dann warf sie den Kopf in den
Nacken, und ein Blick – jetzt war er deutlich, es flackerte darin etwas
wie Haß – schoß zu der andern hinüber, die da stand so reich, so fein,
mit Ringen an den Fingern, und nach der ihr Jean-Pierre guckte.
»_Neni!_« Sie sagte es noch einmal und noch abweisender und noch
hartnäckiger denn zuvor.
Aber der Gemeindevorsteher war zäh, er kannte hier die Art. »Du wirs es
dir überlejen,« sprach er überredend. »Un wenn ich dir sage, daß se dir
reichlich jeben werden – nich wahr?« wandte er sich fragend an
Schlieben. »Habt Ihr nich jesagt, da es Euch nich ankömmt op ’n Stück
Jeld bei so ’ner armen Frau?!«
»Nein, gewiß nicht,« versicherte Schlieben. Und Käte war wieder
voreilig: »Es kommt uns gar nicht darauf an – von Herzen gern, was sie
verlangt – ach, das liebe Kind!«
»_Dju n’ vous nin_,«[11] murrte die Solheid.
[11] _Je ne veux pas._
»Du wills nich?! Ä wat!« Der alte Bauer lachte sie fast aus. »Du bis ja
wie mein Maiblum, wenn die nich stehn will un mit dem Hinterbein jegen
der Melkeimer haut! Stoß die Leut doch nit vor der Kopp! Wat haste dann,
wenn se nu fortjehn un sin des satt?! Jar nix! Dann haste ’r fünf, die
›Brot‹ schreien, un der Winter is für der Tür? Willste wieder so ’ne
Winter zubringen wie der vorige? Is dir der Jean-Pierre da nich bald
befrore? Die vier andern sin schon jrößer, die bringste besser durch.
Un du könnts dir en Kuh anschaffen – denk ens, en Kuh! Un du könnts
dir en besser Dach op et Haus setzen lassen, wat der Regen un der
Schnee nich durchläßt, un könnts auch Jrumbieren jenug han. Sicher en
jut Jeschäft, Lisa!«
Käte wollte noch etwas hinzufügen – ah, was wollte sie der Frau nicht
alles Gutes tun, wenn die ihr nur das Kind überließ! – aber ein
Räuspern des Alten und ein heimliches Zublinzeln seiner Augen mahnten
sie, stille zu sein.
»_Kubin m’è dinroz – ve?_«[12] fragte jetzt plötzlich die Solheid.
[12] _Combien me donnerez-vous donc?_
Sie hatte lange unschlüssig gestanden, den Kopf gesenkt, und es war ganz
still um sie gewesen. Die Fremden hatten sich nicht gerührt, der
Gemeindevorsteher nicht; kein Wind pfiff im Rauchfang, kein Feuer
knisterte. Auf allem lastete stumme Erwartung. Nun hob sie den Kopf, und
ihr düsterer Blick glitt wie musternd durch die armselige Stube, hin zu
dem kargen Brot auf dem Tisch und dann zu den hungrigen Vier. Das fünfte
sah sie nicht mehr an. Sie war erblaßt, das tiefe Sonnenbraun ihres
Gesichtes war ganz fahlgrau geworden.
»Wat er dir jeben will?! – Nu, wat wollt Ihr jeben?!« ermunterte der
Bauer. »Ich rechne, Ihr werd’t einsehen, dat zweihundert noch zu wenig
sin! Die Solheid hängt sehr an dem Kind, et is nich leicht, wenn se ’t
herjeben tut!« Er blinzelte von der Seite beobachtend nach Schlieben
und rief, wie man auf einer Auktion zu rufen pflegt: »Zweihundert,
zweihundertfünfzig, dreihundert! Wahrhaftije’s Jott’s, nich zu viel!
De Jean-Pierre is ene staatse Jung – seht ens, die Fäust! Un die
Braden![13] Ene höllische Jung! Nich wahr, Madame« – er sah das
Verlangen in Kätes Augen – »dreihundert Taler sin e so viel wie nichts
für den?«
[13] Lenden.
Käte hatte Tränen in den Augen und war sehr blaß. Die Luft in der Hütte
beengte sie, sie fühlte einen unendlichen Widerwillen – nur fort, rasch
fort von hier! Aber nicht ohne das Kind! »Vierhundert – fünfhundert«
stieß sie hervor, und ihr Blick suchte flehend ihren Mann, wie: mach ein
Ende, rasch!
»Fünfhundert, gern!« Schlieben zog seine Brieftasche hervor.
Der Bauer reckte den Hals, um besser sehen zu können, seine Blicke
wurden ganz starr: das hatte er noch nicht erlebt, daß einer so
bereitwillig zahlte! Auch die Kinder starrten mit großen Augen.
Die Solheid hatte einen flüchtigen Blick auf die Scheine geworfen, die
der Herr neben das Brot auf den Tisch breitete; aber das begehrliche
Licht, das in ihren Augen aufgeblitzt war, erlosch jäh wieder. »_Neni_,«
sagte sie mürrisch.
»Biet ihr noch wat mehr – mehr!« raunte der Alte.
Und Schlieben legte noch ein paar Scheine zu den übrigen auf den Tisch;
seine Finger bebten leicht dabei, die ganze Sache war ihm so unsäglich
widerlich. Er dachte ja gar nicht daran, zu feilschen; was sie haben
wollte, sollte sie haben, nur ein Ende gemacht!
Bei so viel Gleichmütigkeit hielt sich Nikolaus Rocherath nicht mehr –
so viel bar Geld auf dem Tisch, und das Weibsbild konnte sich noch
bedenken?! Er sprang auf sie zu und rüttelte sie an den Schultern:
»Biste stabeljeck? Sechshundert Taler bar op den Tisch, un du nimms se
nich?! Wer hierzuland kann sagen, dat he sechshundert Taler bar hat?!
Dat is e Stück Jeld, dat is en Stück Jeld!« Sein abgemergeltes Gesicht,
das von Jahren der Arbeit und von einem Leben in Wind und Wetter
unendlich hager geworden war, so scharf umrissen, wie aus hartem Holz
geschnitten, vibrierte in jeder Faser. Es zuckte ihm in den Fingern:
wie konnte sich da nur ein Mensch noch bedenken?!
Polternd entfiel das Holzbeil, das sie bis dahin noch immer festgehalten
hatte, der Hand der Solheid. Ohne den Kopf zu heben, ohne nach dem Tisch
hinzusehen und ohne nach der Wiege, sagte sie laut – aber es war kein
Klang in der Stimme –: »_Allons bon! Djhan-Pire est dà vosse!_«[14]
[14] _Eh bien! Jean-Pierre est à vous!_
Und sie wendete sich ab, ging schweren Trittes zum Herd und störte den
schwelenden Torf auf.
Welch eine Gleichgültigkeit! Wahrhaftig, dieses Weib war nicht wert,
eine Mutter zu sein! In Frau Kätes sanften Augen begann es zu funkeln.
Auch Schlieben war empört: nein, hier brauchte man sich kein Gewissen
daraus zu machen, das Kind fortzunehmen! Ein Ekel stieg ihm in die
Kehle.
Die Solheid tat, als ginge sie nun alles nichts mehr an. Sie hantierte
am Herd, während der Gemeindevorsteher, wiederholt die Daumen beleckend,
die Scheine zählte – jeden derselben von beiden Seiten besehend – und
sie dann sorgfältig in das Kuvert steckte, das ihm der Herr überließ.
»Da, Lisa, haste se, leg se in de Handpostill!«
Mit einer heftigen Bewegung riß sie sie ihm aus der Hand, und ihren
Oberrock hochhebend, versenkte sie sie in die Tasche eines armseligen
zerlumpten Unterrocks. –
Nun war noch das Letzte zu erledigen. Wenn auch Schlieben sicher war,
daß niemand hier mehr nach dem Kinde fragen würde, die Formalitäten
mußten doch erledigt werden. Seinen Bleistift von der Uhrkette
losnestelnd – denn wo sollte hier Tinte herkommen? – setzte er auf
einem Blatt des Notizbuchs den Abtretungsschein der Mutter auf. Der
Gemeindevorsteher als Zeuge unterschrieb. Nun setzte die Solheid noch
ihre drei Kreuze darunter; sie hatte einmal schreiben gelernt, es aber
wieder verlernt.
»So!« Mit einem Seufzer der Erleichterung erhob sich Schlieben von der
harten Bank, auf die er sich während des Schreibens gesetzt hatte. Gott
sei Dank, nun war alles erledigt, nun brauchte ihm der Gemeindevorsteher
nur noch Geburtsattest und Taufschein zu besorgen und zuzustellen! »Hier
– dies ist meine Adresse! Und hier – dies für etwaige Auslagen!« Er
drückte dem Alten verstohlen ein paar Goldstücke in die Hand, und dieser
schmunzelte, als er sie in seiner Hand fühlte.
Wie war’s, nun würden sie ja wohl gleich den Knaben mitnehmen?
In Käte, die bis dahin regungslos dagestanden hatte, mit weitgeöffneten
Augen die Mutter anstarrend, als könne sie nicht begreifen, was sie sah,
kam jetzt Leben. Natürlich würden sie das Kind gleich mitnehmen, nicht
eine Stunde länger ließ sie’s mehr hier! Und sie nahm es hastig aus der
Wiege, preßte es kosend in ihre Arme und hüllte es in ihren warmen,
weiten Mantel mit ein – es war ja nun ihr Kind, ihr so schwer
erkämpftes, tausend Gefahren entrissenes, innig geliebtes, süßes kleines
Kind!
Die Geschwister des kleinen Jean-Pierre standen stumm dabei mit großen
Augen. Hatten sie’s verstanden, daß ihr Bruder nun ging, auf immer ging?
Nein, sie hatten es wohl nicht verstanden, sonst würden sie doch zeigen,
wie leid es ihnen tat. Ihre großen Blicke galten nur dem Brot dort auf
dem Tisch.
Schlieben fühlte lebhaftes Mitleid mit den Kleinen – die blieben nun
hier in ihrem Elend, ihrem Hunger, ihrer Verkommenheit! Er steckte jedem
der vier eine Gabe ins Händchen; keins der vier dankte, aber die kleinen
Finger schlossen sich fest um das Geldgeschenk.
Auch die Solheid dankte nicht. Als die fremde Frau ihren Jean-Pierre aus
der Wiege genommen – sie hatte das gesehen, ohne hinzublicken –, war
sie zusammengezuckt. Jetzt aber stand sie regungslos bei der leeren
Wiege, auf der Stelle, wo vorhin das Beil polternd ihrer Rechten
entfallen war, und sah stumm zu, wie Jean-Pierre in den weichen Mantel
gehüllt ward. Sie hatte ihm nichts mitzugeben.
Schlieben hatte, trotz aller Gleichgültigkeit der Mutter, zu guter Letzt
doch noch eine Szene befürchtet – es konnte ja nicht sein, daß sie so
fühllos blieb, wenn man ihr Jüngstes davontrug! – aber die Solheid
blieb ruhig. Unbeweglich stand sie, die Linke auf die Stelle ihres
Rockes gedrückt, wo sie die Tasche fühlte. Dieses Geld in der Tasche da
– Schlieben fühlte sich heftig erregt –, strafte das nicht alle
Tradition von Mutterliebe Lügen?! Und doch – diese war ja so verkommen
in der großen Armut, halb vertiert im harten Kampf ums tägliche Brot,
daß ihr selbst die Empfindung für das Eigengeborene darin untergegangen
war! O, welch andre Mutter würde Käte nun dem Kinde sein! Und zärtlich
besorgt schob er seine Frau, die den Kleinen auf dem Arme trug, dem
Ausgang zu.
Nur fort, hier war nicht gut sein!
Sie eilten. Aber auf der Schwelle wendete Käte noch einmal den Kopf.
Einen Blick mußte sie der doch noch schenken, der, die da hinten blieb,
so starr und stumm. Wenn die ihr auch unbegreiflich war, ein Blick des
Mitgefühls gehörte der doch noch!
Da – – – ein kurzer Schrei, aber laut, durchdringend, furchtbar in
seiner erschütternden Knappheit. Ein einziger, aus Qual und Haß
herausgepreßter unartikulierter Schrei.
Die Solheid hatte sich gebückt. Ihre Hand hatte das Holzbeil aufgerafft.
Sie holte aus wie zum Wurf – blitzend flog die scharfe Schneide am Kopf
der enteilenden Frau vorüber und blieb krachend im Türpfosten haften.
5
Wie auf der Flucht, so waren sie mit dem Kinde enteilt. Sie hatten es in
den Wagen gepackt – schnell, schnell! –, der Kutscher hatte auf die
Pferde gepeitscht, die Räder hatten sich knirschend gedreht. Wie ein
böser Traum, den man gern vergißt, so blieb das Venndorf, versunken, in
ihrem Rücken. Sie sahen nicht mehr nach ihm zurück.
Ein ödes Grau lag überm Venn. Die Sonne, die noch am Morgen geschienen
hatte, war so ganz verschwunden, als hätte sich hier nie ein Strählchen
von ihr gezeigt. Der plötzliche Vennebel war da und bezog alles. Wo
vordem noch eine Aussicht gewesen war, ein Auslug ins Weite, war jetzt
eine versperrende Mauer. Eine Mauer, nicht von Stein und nicht von Lehm,
und doch um vieles fester. Sie riß nicht, sie barst nicht, sie wankte
nicht, sie wich nicht dem Hammerschlag der kraftvollsten Faust. Mächtig
und undurchdringlich baute sie sich aus den Sümpfen und ragte vom
Moorland bis hinauf zu den Wolken – oder hatten sich die Wolken hinab
zur Erde gesenkt?
Himmel und Venn, beides eins. Nichts als Grau, ein zähes, feuchtes,
kaltes, fließendes und doch festes, unergründbares, geheimnisvolles,
schauriges Grau. Ein Grau, aus dem der, der sich im Moor verirrt,
nimmermehr herausfindet. Der Nebel ist zu zähe; er hat Arme, die packen,
die so dicht umfangen, daß man nicht mehr vorwärts sehen kann, nicht
rückwärts, nicht nach links, nicht nach rechts, daß der Ruf erstickt,
der sich aus angstgepreßter Kehle entringen will, und das Auge blind
wird für jeden Weg, jede Fußspur.
Der Kutscher fluchte und hieb auf die Pferde ein. Von der Straße war
nichts mehr zu sehen, aber auch gar nichts mehr, kein Graben zur Seite,
keine Telegraphenstange, kein Ebereschenbäumchen. Wie zerflossen war die
breite, mühselig angelegte Chaussee im Venngrau. Ein Glück, daß die
Gäule noch nicht verwirrt waren. Die folgten ihrer Nase, warfen ihre
langen Schweife, wieherten hell und trabten mutig drauflos ins
Nebelmeer.
Schaudernd hüllte Käte sich und das Kindchen fester ein; nun brauchten
sie alle vorsorglich mitgenommenen wärmenden Hüllen. Ihr Mann packte sie
noch fester ein, und dann legte er, wie schützend, den Arm um sie. Eine
böse Fahrt!
Sie hatten den Wagen schließen lassen, aber das kalte Grau drang doch zu
ihnen herein; es zwängte sich durch alle Ritzen, durchs Glas der
Fenster, füllte den Innenraum, daß ihre Gesichter wie bleiche Flecke
schwammen im dunstigen Dämmer, und legte sich schwer, hemmend auf ihren
Atem.
Käte hüstelte und dann zitterte sie. In ihrer Seele war jetzt nichts von
Freude, sie fühlte nur Angst, Angst um den errungenen Besitz. Wenn die
Mutter jetzt hinter ihnen drein käme – o, dieses schreckliche Weib mit
der blitzenden Axt! In einem Grauen sondergleichen preßte sie die Augen
zu – nur das nicht mehr sehen! Und doch riß sie die Augen wieder auf,
fühlte Angstschweiß auf ihrer Stirn und das Beben ihres Herzens – weh,
bis in ihre Träume würde sie dieses verfolgen! Bis zu ihrer letzten
Stunde würde sie das nicht mehr loswerden – nie, nimmermehr – das Weib
mit der blitzenden Axt!
Dicht an ihrem Kopf war das Beil vorübergesaust – der Luftzug des
Schwunges hatte ihr Schläfenhaar wehen gemacht –, es hatte ihr nichts
getan, in den Pfosten der Tür nur war es gefahren und hatte den krachend
gespalten. Und doch war ihr Leides geschehen. Wie in Entsetzen faßte
sich Käte mit beiden Händen an die Schläfen: nie, nie wurde sie diese
Angst wieder los!
In ihrer Seele war eine fast abergläubische Furcht, eine Furcht wie vor
einem Gespenst, das da umgeht. Nur fort von hier! Nur nie mehr wieder
hierher zurück! Nur jede Spur hinter sich verlöscht! Nie durfte jene
erfahren, wohin sie sich gewendet hatten! Berlin – leider! – die
Adresse hatten sie dem Gemeindevorsteher gegeben, aber Berlin war ja so
weit, dorthin würde das Vennweib niemals kommen!
Und das Venn selber –?! Huh! Sich schüttelnd vor Grausen sah Käte
hinaus ins graue Nebelgewoge. Gott sei Dank, das blieb ja hier, das
würde bald ganz vergessen sein! Wie hatte sie nur dieses öde Venn einmal
schön finden können?! Sie begriff sich nicht. Was war denn Reizvolles an
diesen unwirtlichen Flächen, auf denen nichts gedieh als hartes Gras und
zähes Heidekraut? Auf denen kein Korn seine Ähren wiegte, kein Singvogel
sein kleines Lied pfiff, keine fröhlichen Menschen gesellig lebten,
überhaupt keine Heiterkeit war, kein lauter Ton; nur Todesschweigen und
Kreuze am Weg. Hier war’s schrecklich!
Angstvoll, während ihr Auge vergebens nach einem Lichtblick suchte,
stieß sie hervor: »Paul, laß uns heute noch abreisen! So schnell als
möglich abreisen!«