Ihm war’s recht. Auch ihm war nicht wohl zumute. Wenn dieses Weib, diese

Bestie, in ihrem plötzlichen Wutausbruch seine Frau getroffen hätte?!

Aber er konnte sich selber einen Vorwurf nicht ersparen: wer hatte es

ihn geheißen, sich mit solchem Volke einzulassen? Solcher Unkultur ist

man nicht gewachsen!

Und ein Unwille gegen das Kind ergriff ihn, das da so friedlich im Arm

seiner Frau schlummerte. Finster sah er in das kleine Gesicht: würde er

das je, je lieben können? Würde nicht die Erinnerung an des Kindes

Herkunft seiner Neigung stets hindernd sein? Ja, er hatte sich übereilt.

Wieviel besser hätte er daran getan, seiner Frau vernünftig ihren Wunsch

auszureden, ihrer romantischen Idee, dieses Kind, gerade dieses Kind

anzunehmen, energisch entgegen zu treten!

Die Brauen zusammengezogen, die Stirn in Falten, schaute er auch hinaus

zum Fenster, an dessen Glas sich das Grau klebte und in großen Tropfen

niederrann.

Draußen heulte jetzt der Wind; er hatte sich plötzlich aufgemacht. Und

er heulte stärker, je mehr sie sich dem Scheitel des hohen Venn

näherten, fauchte um den Wagen wie ein böser Hund und sprang den Pferden

gegen die Brust. Die Gäule mußten sich wehren, ihren Trab verlangsamen;

nur mühsam schwankte der Wagen voran.

Nie, niemals durfte dieses Kind erfahren, woher es stammte, denn sonst

– in tiefen Gedanken starrte der neue Vater ins Venn, dessen Nebelwand

jetzt für Augenblicke durch einen wütenden Windstoß auseinandergerissen

ward – denn sonst – – – was ›denn sonst‹?! Er fuhr sich über die

Stirn und atmete beklommen. Es beschlich ihn etwas wie eine Furcht, aber

er machte sich selber nicht klar: wovor.

Den Blick zu seiner Frau wendend, sah er, daß sie ganz in Betrachtung

des schlafenden Kindes versunken war, und seine Mißstimmung wurde

dadurch nicht kleiner. Er zog ihre Rechte, die sie stützend unter des

Kindes schwer hingesunkenen Kopf hielt, fort: »Laß doch, ermüde dich

doch nicht so! Es wird auch schon so weiterschlafen!« Und als sie

besorgt »St« machte, erschrocken, ob der kleine Schläfer auch nicht

gestört sei, sagte er nachdrücklich: »Eins muß ich dir sagen, mein Kind,

und dich dabei auch warnen: gib nicht gleich dein ganzes Herz – warte

erst ab!«

»Wieso?« Verwundert sah sie ihn an, sie hörte einen Unterton aus seiner

Stimme heraus. »Warum sagst du das so – so – nun so ärgerlich?!« Leise

lachte sie auf in einem glücklichen Vergessen. »Weißt du – ja, es war

abscheulich, unendlich peinlich in dieser Umgebung – aber, Gott sei

Dank, jetzt ist’s ja überstanden! Eine Mutter vergißt ja so schnell all

die Schmerzen, die sie bei der Geburt ihres Kindes gelitten hat – wie

sollte ich das Widrige heut nicht auch vergessen?! Sieh nur,« – und sie

streichelte, vorsichtig liebkosend, mit der Spitze ihres Fingers die

warmrot geschlafene Wange des kleinen Jean-Pierre – »wie unschuldig,

wie lieblich! Ich freue mich so! Freu dich doch auch, Paul, du bist ja

sonst so herzensgut! Komm, nun laß uns mal überlegen, wie wir den Jungen

eigentlich nennen wollen!« Es war eine große Weichheit in ihrem Ton:

»Unsern Jungen!«

Sie hörten nicht mehr den Wind, der zum Sturm geworden war. Sie hatten

jetzt so vieles zu überlegen. ›Jean-Pierre,‹ nein, das blieb auf keinen

Fall! Und heute abend noch würde man von Spaa bis Köln fahren, denn dort

erst konnte man es wagen, eine Wärterin zu engagieren; dort hatte ja

kein Mensch mehr eine Ahnung vom Venn. Und in Köln würde man auch

schleunigst die so notwendigen Kindersachen kaufen.

Wie sollte man sich nur behelfen bis dahin?! Ganz besorgt sah Schlieben

auf seine Frau: die hatte ja so gar keine Ahnung von kleinen Kindern!

Aber sie lachte ihn aus und tat wichtig: wem der Himmel ein Amt gibt,

dem gibt er auch den Verstand. Und hier der kleine Liebling war ja so

brav, noch nicht gemuckt hatte er, seit sie fortgefahren waren, hatte

immerfort geschlafen, als gäbe es keinen Hunger und keinen Durst, als

gäbe es nur ihr Herz, an dem er sich wohlig fühlte.

Allmählich wurde es behaglicher im Wagen. Es war, als ströme der sanft

ruhende Kinderkörper eine wohltuende Wärme aus. Hauch des Lebens stieg

auf aus der sich kräftig hebenden, gleichmäßig atmenden kleinen Brust;

Freude des Lebens glühte aus den rosiger und rosiger werdenden Wangen;

Segen des Lebens tropfte von diesen winzigen, im Schlaf zu Fäustchen

geballten Händen. Still vor sich hinsinnend, mit verhaltenem Atem,

schaute die Frau in ihren Schoß, und der Mann, gerührt und seltsam

bewegt, nahm des Kindes winzige Faust in seine große Hand und besah sie

lächelnd: ja, nun waren sie Eltern! – – – – –

Draußen aber war das Grauen. So kann der Herbst nur stürmen im wilden

Venn. Hier gibt es kein sanft-wehmütiges Scheiden des Sommers, kein

leises Sichheranstehlen des Winters, keinen mild vorbereitenden

Übergang, hier setzt das Unwetter ein mit Macht, aus Sonnenwärme

schlägt’s um in Eiseskälte. Der Sturm saust übers braune Hochland, daß

sich das niedrige Kraut noch niedriger duckt und die kleinen

Wacholderstöcke sich noch kleiner machen. Mit Pfiff und Geschrill, mit

Gebell und Geheul jagt der Vennwind, stöbert in Sumpfloch und Torfgrube,

peitscht die trüben Lachen, wirft sich ins angeschonte Tannendickicht

mit Gewalt, daß das stöhnt und ächzt und knackend zusammenschauert, und

rast dann weiter um verwitterte Kreuze.

Wie Orgelton braust es übers Moor – oder ist es das Rauschen

schäumender Brandung? Nein, hier ist kein Wasser, das Ebbe und Flut hat

und in weißen Wogen gegen den Strand wäscht, hier ist nur das Venn; aber

es gleicht dem Meer in seiner ewigen Weite. Und seine Lüfte sind stark

wie Meereslüfte, und seiner Vögel schriller Schrei ist wie Möwenschrei,

und Natur spielt – hier wie dort – mit gewaltigem Griff auf der Orgel

des Sturms das Lied von ihrer Allmacht.

Über den Scheitel des großen Venns kroch der kleine Wagen. Die Winde

wollten ihn hinunterblasen wie ein winziges Käferchen. Immer wütender

stießen sie gegen das Gefährt, kläfften und heulten wie mit Wolfsgeheul,

winselten um seine Räder, schnauften um seine Wände; stemmten sich vorn

ihm entgegen und zerrten von hinten wie mit gierigen Zähnen daran: weg

mit dem hier. Und weg auch mit denen, die darinnen saßen! Diese

Eindringlinge, diese Diebe, die führten etwas mit sich fort, das dem

Venn gehörte, einzig und allein dem großen Venn!

Es war ein Kampf. Ob der Kutscher auch auf die Pferde hieb, die mutigen

Gäule stutzten doch, blieben stehen und schnauften ängstlich. Der Mann

mußte abspringen, sie eine Strecke führen, und noch immer zitterten

sie.

Aus den Gruben stieg’s auf und winkte mit wehenden Schleiergewändern

und wollte halten mit feuchten Armen. Ein Greifen war’s, ein Haschen,

ein Langen; ein Reißen von Nebeln und ein sich tückisch wieder

Zusammenballen, ein Chaos von wirbelnden, quirlenden, brauenden,

grauenden Dünsten. Und klägliche Töne von Wesen, die man nicht sah.

Waren alle Grüfte lebendig geworden? Stiegen die herauf, die hier

geschlafen hatten, von Pferdeschnaufen und Peitschenknall geweckt,

unwillig ob ihrer verletzten Ruh? Was waren das für Laute?!

Das stille Venn war lebendig geworden. In des Sturmes dumpfen Orgelbraus

mischte sich Schrillen und Pfeifen, Gellen und Krächzen und

Flügelschlagen und empörtes Schreien.

Durchs Nebelmeer schwamm eine Schar von Vögeln. Sie ruderten rechts,

ruderten links, äugten unruhig nieder zum fremden Gefährt, standen

Minuten bewegungslos über ihm, mit gespreizten Flügeln, zum Niederstoßen

bereit, und stießen dann ihr Geschrei aus, ihr aufgeschrecktes,

scharfdurchdringendes Wildlingsgeschrei. Heute hatte das nichts

Sieghaftes an sich – es klang wie Klage.

Und das Venn weinte. Große Tropfen entsanken den Nebeln; die Nebel

selbst wurden zu Tränen, zu langsam fallenden und dann zu stürzenden,

unaufhaltsamen, strömenden Tränen.

6

Schliebens hatten glücklich Berlin erreicht. Frau Käte war angegriffen,

als sie aus dem Coupé stiegen; ihr Haar war verwirrt, ihre Eleganz ein

wenig mitgenommen. Es war doch keine Kleinigkeit gewesen, mit dem Kinde

die weite Reise zu machen. Ein Glück nur, daß sie in Köln so rasch eine

gute Wärterin gefunden hatten – eine Witwe, kinderlieb und

wohlerfahren, eine echte rundlich-behäbige Kinderfrau – aber es hatte

für die Mutter doch noch genug zu sorgen gegeben. Ob das Kind sich

erkältet hatte oder ob ihm die Flasche nicht schmeckte? Es hatte

geschrieen, mit der ganzen Kraft seiner Lungen – kein Umhertragen half,

kein Schaukeln, kein Wiegen, kein Singen – es hatte geschrieen aus

vollem Halse während der ganzen Fahrt nach Berlin.

Aber, Gott sei Dank, nun war man ja zu Hause! Und wie mit Zauberschnelle

ordnete sich alles. Die behagliche Wohnung von früher war freilich

vermietet; aber im Grunewald entstand Villa neben Villa, und da man

jetzt ja so viel mehr Platz brauchte, bezog man eine dieser Villen. Erst

zur Miete; dann würde man sie wohl kaufen, denn es war wirklich nicht

möglich, ein Kind wie dieses in eine Stadtwohnung zu bringen. Einen

Garten mußte es doch haben.

Sie nannten ihn Wolfgang. ›Wolf‹ hatte etwas so Kurzes, Kraftvolles,

Energisches, und mit einem leisen wohligen Schauer dachte es Käte – es

war wie eine geheime Erinnerung an das Venn, jene Wildnis, über die sie

triumphiert hatten, und der sie nur dies eine kleine Zugeständnis

machten. Und ›Wölfchen‹ – wenn man so das ›Wolf‹ verkleinerte – klang

es nicht unendlich liebevoll?!

›Wölfchen‹ – das sagte die junge Mutter wohl hundertmal am Tag.

Die junge Mutter! Frau Käte fühlte es: ach ja, sie war wieder jung

geworden in ihrem Kinde, ganz jung. Ihre fünfunddreißig Jahre hätte ihr

niemand geglaubt, und sie selber am wenigsten. Wie konnte sie laufen,

wie die Treppe hinaufhuschen, wenn es hieß: »Das Kind ist aufgewacht! Es

schreit nach der Flasche!«

Sie, die früher so viele Stunden auf der Chaiselongue zugebracht hatte,

kam jetzt keine Minute im Tag zum Hinlegen; dafür schlief sie des Nachts

um so fester. Es war doch so, wie sie andre Frauen hatte sagen hören:

ein Kleines nimmt die Mutter ganz und gar in Anspruch. O, was waren es

für inhaltleere, farblose Tage gewesen, die sie früher so hingelebt

hatte! Jetzt erst hatte ihr Leben Inhalt, Wärme, Glanz.

Jeden Tag ging sie neben dem Kinderwagen her, den die Wärterin schob,

und es machte ihr ein besonderes Vergnügen, selber einmal den leichten

kleinen Wagen mit seinem weißen Lack, den vergoldeten Knöpfen und den

blauen Seidengardinen zu fahren. Wie die Leute nach dem eleganten Wagen

sahen – nein, nach dem schönen Kinde drehten sie sich um! Ihr Herz

klopfte vor Freude, ihr geschmeicheltes Ohr fing die Rufe der

Bewunderung auf – ›Das reizende Kind!‹ – ›Wie elegant!‹ –›Die

prachtvollen Augen!‹ – und dann schlug ihr Herz noch geschwinder, ein

Gefühl seligen Stolzes erfüllte sie, so daß sie einher ging, den Kopf

frei gehoben, die Augen voll Glück. Alle hielten sie ja für die Mutter,

für des jungen Kindes junge Mutter, für des schönen Kindes schöne

Mutter! Wie oft hatten Fremde ihr schon von der Ähnlichkeit gesprochen:

›Ihnen wie aus den Augen geschnitten, gnädige Frau, nur das Haar ist

dunkler als das Ihre!‹ Dann hatte sie jedesmal gelächelt mit einem

tiefen Erröten. Sie konnte den Leuten doch nicht sagen, daß er ihr

eigentlich gar nicht ähnlich sehen konnte! Wußte sie es jetzt doch

selber kaum mehr, daß kein Tropfen ihres Blutes in Wölfchens Adern

floß.

Nach ihr schaute er zuerst, wenn er erwachte. Zwar stand sein

mullverhangenes Bettchen neben dem Bett der Wärterin, aber der Mutter

galt doch sein erster Blick, und auch sein letzter, denn niemand

verstand es so gut wie sie, ihn in Schlaf zu singen.

»Schlaf, mein süßes Kind,

Draußen geht der Wind.

Höre, wie der Regen fällt

Und wie Nachbars Hündchen bellt!

Hündchen hat den Mann gebissen,

Hat des Bettlers Kleid zerrissen –«

das tönte Abend für Abend leise und schmeichelnd aus der Kinderstube,

und der kleine Wolf schlief sanft dabei ein, beim Lied vom Wind und

Regen ob schutzlosen Häuptern und von Bettlern, deren Kleider der Hund

zerreißt. –

Schlieben hatte jetzt keine Veranlassung mehr, sich über die Stimmungen

seiner Frau zu beklagen. Alles war anders geworden – auch ihre

Gesundheit – gleichsam neu, als sei noch einmal ein Leben begonnen.

Und er selber? Er selber hatte jetzt viel mehr Lust zur Tätigkeit.

Nun er wieder ins Geschäft eingetreten war, fühlte er ein sonst nicht

gekanntes Behagen, wenn er sah, daß neue Unternehmungen glückten.

Unternehmungsgeist hatte er früher nie gehabt – wozu auch? Was er und

seine Frau brauchten, hatten sie reichlich. Natürlich war es ihm

angenehm gewesen, gut abzuschließen, aber daß es ihm Freude gemacht

hätte, Geld zu verdienen, hätte er nicht sagen können. Er hatte immer

mehr Vergnügen daran gefunden, es auszugeben.

Der alte Schlieben war darin ganz anders gewesen, von einer viel weniger

großen Leichtigkeit, und er hatte sich, solange er lebte, stets darüber

Vorwürfe gemacht, daß er den einzigen Sohn bei einem Kavallerieregiment

hatte dienen lassen; da war dem von der kavalleristischen Flottheit

etwas kleben geblieben, was mit den Ansichten des ursoliden,

behäbig-bürgerlichen Kaufmanns nicht recht stimmen wollte. Und die

Schwiegertochter? Nun, die war auch nicht so ganz nach dem innersten

Herzen des alten Herrn gewesen, die hatte zu viel modernes Zeug im Kopf,

und der Paul wurde ganz davon angesteckt. Man konnte ja ein gebildeter

Mensch sein – warum nicht? und sich auch für die Kunst interessieren,

ohne darum so wenig realen Sinn zu besitzen!

Der biedere Mann, der Kaufmann von echtem Schrot und Korn und

Urberliner, hatte nicht mehr die Freude gehabt, an seinem Sohn zu

erleben, was jetzt dessen Sozien mit Verwunderung und ungemessenem

Erstaunen wahrnahmen. Sie brauchten jetzt nicht mehr über Schliebens

mangelndes Geschäftsinteresse die Achseln zu zucken und eine gewisse

Spitze auf die Frau zu haben, die ihn so ganz in Beschlag nahm; jetzt

hatte er das Interesse, das sie wünschten. Jetzt machte es ihm Freude,

auf ihre Projekte einzugehen; es erschien ihm selber Bedürfnis, ja

geradezu geboten, neue Verbindungen anzuknüpfen, den ruhigen, von lange

her eingeschlagenen Geschäftsgang nach rechts und links, nach allen

Seiten zu erweitern. Er zeigte Geschäftsgeist und wurde auf einmal

praktisch. Und mitten in seinen Berechnungen, vertieft am Pult sitzend,

konnte Schlieben sich dabei ertappen, daß er dachte: ›das wird dem

Jungen einmal von Nutzen sein!‹ Dann aber konnte ihn dieser Gedanke doch

wieder so irritieren, daß er die Feder hinwarf und unwirsch vom Pulte

aufsprang: nein, nur seiner Frau zu Gefallen hatte er den Jungen

angenommen, lieben wollte er ihn nicht!

Und doch, wenn er zu Tisch nach Hause kam, an jenen köstlichen

Nachmittagen, in denen die Kiefern um sein Haus dufteten und die reine

Luft den nach angespannter Arbeit erwachten Appetit noch verstärkte,

wenn ihm dann der Junge mit Geschrei entgegenzappelte, seinen kleinen

Bauch klopfend: »Papa – essen – gut mecken,« und Käte sich lachend am

Fenster zeigte, dann konnte er sich nicht enthalten, den hungrigen

Schreier hoch in die Luft zu schwingen und ihn erst nach einem

freundlichen Klaps wieder auf die Füße zu stellen. Er war doch ein

famoser Kerl! Und immer bei Appetit. Nun, Gott sei Dank, satt zu essen

würde er ja auch immer haben!

Eine gewisse Behäbigkeit kam dabei über den Mann. Was er früher nie so

gefühlt hatte: daß ein eignes Heim ein Glück bedeutet – das fühlte er

jetzt. Und er empfand die Wohltat des gesicherten Besitzes, der es

gestattet, sich das Leben mit allen möglichen Annehmlichkeiten

auszugestalten. Hübsch war das Haus! Aber wenn er es demnächst kaufte,

baute er doch noch an, und das Grundstück daneben kaufte er auch noch

zu. Es wäre doch höchst fatal, wenn sich da etwa einer einem dicht auf

die Nase setzte!

Es war Schlieben seinerzeit schwer geworden, hier draußen Wohnung zu

nehmen, nachdem er, solange er denken konnte, in einer Berliner

Stadtwohnung gelebt hatte. Nun aber pries er den Gedanken seiner Frau,

hier herauszuziehen, als sehr glücklich. Nicht nur des Kindes wegen! Man

hatte selber hier draußen ja einen ganz andern Genuß seines Heims; man

kam viel mehr zum Bewußtsein eines solchen. Und wie viel gesünder war’s

– wahrhaftig, der Appetit war kolossal! Man wurde noch der reine

Materialist! Und von seinem knurrenden Magen getrieben, folgte Schlieben

dem eßlustigen Jungen ins Haus. – – –

Wolfgang Solheid, genannt Schlieben, bekam die ersten Hosen. Es war ein

Fest fürs ganze Haus. Käte ließ ihn heimlich photographieren, denn

hübscher hatte nie ein Junge in ersten Hosen ausgesehen. Und sie stellte

ihrem Mann das Bild des noch nicht Dreijährigen – weiße Hosen, weißer

Faltenkittel, Pferdchen im Arm, Peitsche in der Hand – von einem

Rosenkranz umgeben, in die Mitte seines Geburtstagstisches. Das war ja

unter all den vielen Geschenken das Beste, was sie ihm geben konnte. Wie

kräftig Wölfchen war! Hier auf dem Bilde sah man’s erst: so groß wie ein

Vierjähriger! Und trotzig sah er aus, unternehmend wie ein Fünfjähriger,

der schon an Streit mit andern Buben denkt.

Glückselig wies die Frau dem Manne das Bild, und ein solches Leuchten

war dabei in ihren Augen, daß er sich innig freute. Er dankte ihr, sie

küssend, viele Male für diese Überraschung: ja, dieses Bild sollte neben

dem ihren auf seinem Schreibtisch stehen! Und dann schäkerten sie beide

mit dem Knaben, der sich in seinen ersten Hosen, die ihm noch unbequem

waren, ungebärdig über den Teppich wälzte.

Schlieben konnte sich nicht entsinnen, je seinen Geburtstag so angenehm

verlebt zu haben wie dieses Mal. Es war so viel Heiterkeit um ihn, so

viel Freude. Und wenn auch Wolf schon am Mittag die ersten Hosen

zerrissen hatte – wie und wo war der bestürzten Wärterin ganz

unbegreiflich –, so störte das den Festtag nicht, im Gegenteil, das

Lachen wurde noch heller. »Zerreiße Hosen, mein Junge, zerreiße,«

flüsterte die Mutter lächelnd in sich hinein, als ihr der Schaden

gezeigt wurde, »sei du nur froh und stark!«

Am Abend war Gesellschaft. Die Fenster der hübschen Villa waren hell

erleuchtet, und im Garten war italienische Nacht. Lau war die Luft;

unbeweglich breiteten die Kiefern ihre Äste unterm Sternenhimmel, und

großen Glühwürmern gleich schimmerten bunte Lampions in Büschen und

Laubgängen.

Im Oberstock der Villa, im einzigen nicht hell beleuchteten, nur von

einer Milchglasampel matt beschienenen, durch dichte Vorhänge und

Jalousien still gehaltenen Gemach, lag Wölfchen und schlief. Aber unten

ließ man ihn leben.

An der Festtafel war der Hausherr schon betoastet worden und dann seine

liebenswürdige Gattin – mit was konnte man den Gefeierten nun noch mehr

feiern, als daß man den Jungen leben ließ, seinen Jungen?!

Der Geheime Sanitätsrat Hofmann, der erprobte Arzt und langjährige

Freund des Hauses, bat sich das Vorrecht aus, diese paar Worte sprechen

zu dürfen. Er als Arzt, als Berater in mancher Stunde, er wußte ja am

besten zu sagen, woran es hier noch gemangelt hatte. Alles war

dagewesen: Liebe und innigstes Verstehen und auch das äußere Glück, aber

– hier machte er eine kleine Pause und nickte der ihm gegenübersitzenden

Frau des Hauses freundlich-verständnisinnig zu – das Kinderlachen hatte

gefehlt! Und nun war auch das da!

»Kinderlachen – o, du Erlösung!« rief er und zwinkerte, und eine

Rührung kam dabei in seine Stimme, denn er gedachte auch seiner eignen

drei, die freilich jetzt schon selbständig draußen im Leben ihren Weg

gingen; aber ihr Lachen, das klang ihm noch in Herz und Ohr.

»Kein Kind – kein Glück! Aber ein Kind – ein Glück, ein großes Glück!

Und hier zumal! Denn meine Doktoraugen haben sich noch kaum je an einem

prächtigeren Brustkasten, an einem famoser entwickelten Schädel, an

strammeren Beinen und blankeren Augen geweidet. Alle Sinne sind scharf;

der Junge hört wie ein Luchs, sieht wie ein Falke, wittert wie ein

Hirsch, fühlt – nun, ich habe mir sagen lassen, daß er schon auf die

leiseste Berührung seiner Kehrseite lebhaft reagiert. Nur der Geschmack

ist bis jetzt nicht in gleichem Grade fein entwickelt – der Junge ißt

alles! Aber dies wiederum ist mir ein neuer Beweis seiner besonderen

körperlichen Bevorzugung, denn verehrte Anwesende –« hier kniff der

Doktor scherzhaft blinzelnd das eine Auge zu – »wer von Ihnen spräche

nicht mit mir: ein guter Magen, der alles verträgt, ist die größte

Lebensmitgabe einer gütigen Vorsehung! Der Junge ist ein Glückskind. Ein

Glückskind im doppelten Sinn des Wortes, denn nicht nur ist er selber

alles Glückes voll, nein, das Glück ist auch bei denen, die um ihn sind,

durch ihn eingekehrt. Hier, unsere liebe Frau, haben wir sie je früher

so gesehen? So jung mit den Jungen, so froh mit den Frohen! Und hier,

unser verehrter Freund – ’s ist wahrhaftig nicht, als hätte der heute

die Mitte der Vierzig erklommen – der steckt ja voll von Tatkraft, von

Plänen und Unternehmungen wie einer mit zwanzig! Und hat dabei die

schöne Ruhe, die behagliche Gesättigtkeit des glücklichen Hausvaters.

Und das macht alles, alles der Glücksjunge! Darum, Dank sei der Stunde,

die ihn bescherte, dem Winde, der ihn hergetragen hat! Woher –?!«

Der Doktor, der eine kleine, boshafte Ader hatte, machte jetzt

geflissentlich eine Pause, räusperte sich und zupfte an seiner Weste,

sah er doch so manches neugierige Auge erwartungsvoll auf sich

gerichtet. Aber er sah auch den raschen, betroffenen Blick, den das

Ehepaar miteinander tauschte, sah, daß Frau Käte erblaßt war und

ängstlich, fast flehend an seinen Lippen hing, und so fuhr er geschwind

mit einem gutmütig-einlenkenden Lachen fort: »Woher, meine Damen – nur

Geduld! Das will ich Ihnen jetzt sagen: vom Himmel ist er gefallen! Wie

die Sternschnuppe fällt in der Sommernacht. Und unsre liebe Frau, die

just spazieren ging, hat ihre Schürze aufgehalten und hat ihn sich

heimgetragen in ihr Haus. So ist er denn der Stern dieses Hauses

geworden, und wir alle und ich ganz besonders – wenn ich nun auch als

Arzt hier überflüssig geworden bin – freuen uns seiner, ohne zu fragen,

woher er uns ward. Alle gute Gabe kommt von oben, das haben wir schon in

der Jugend gelernt – darum: auf das Wohl dessen, der unsern Freunden

vom Himmel gefallen ist!«

Der Doktor war ernst geworden, es war eine gewisse Feierlichkeit darin,

wie er jetzt seinen Champagnerkelch hob und ihn austrank bis zur Neige:

»Prosit Rest! Auf das Wohl des Kindes, des Sohnes dieses Hauses! Der

Glücksjunge, er wachse, blühe und gedeihe!«

Die schön geschliffenen Gläser klangen melodisch-hell aneinander. Es war

ein Schwirren, ein Lachen, ein Hochrufen an der Festtafel, daß der

kleine Junge oben in seinem Bettchen sich unruhig hin und her zu wälzen

begann. Er murrte unzufrieden im Schlaf, warf die Lippen auf und zog die

Stirn kraus zwischen den kleinen Brauen.

Unten rückten die Stühle. Man war aufgestanden, ging zu den Eltern hin

und drückte ihnen, gleichsam gratulierend, die Hand. Das hatte Hofmann

wirklich hübsch gemacht, wirklich riesig nett! Der kleine Kerl war aber

auch allerliebst! Alle anwesenden Frauen waren sich darin einig, selten

ein so hübsches Kind gesehen zu haben.

Kätes Herz, das bei dem Toast anfänglich ein wenig bang geklopft hatte

– der gute Doktor würde doch, angeregt durch ein gutes Glas Wein und

ein gutes Diner, nichts ausplaudern von dem, was man nur ihm und dem

Anwalt anvertraut hatte?! – klopfte jetzt in einer lebhaften

Empfindung von Glück. Ihre Augen suchten ihren Mann und sandten ihm

heimlich-zärtliche, dankerfüllte Blicke. Und dann ging sie zu dem alten

Freund hin und dankte ihm ›für all die guten, lieben Worte‹. »Auch in

Wölfchens Namen,« sagte sie herzlich weich.

Einer Mutter Sohn · 第 4 / 23 段