ein einsamer Bussard und stieß seinen durchdringenden, sieghaften
Wildlingsschrei aus; dem war wohl hier, im Sommer wie im Winter, der
wollte nicht fort von hier.
3
Der Gemeindevorsteher des kleinen Venndorfs war einigermaßen verwundert
und verlegen, als so feine Herrschaften bei ihm vorfuhren und ihn zu
sprechen wünschten. Durch die Jauche seines Hofes, die ihm bis an die
Kniee spritzte, ging er ihnen entgegen. Er wußte nicht, wo er sie
hineinführen sollte, denn drinnen waren die Ferkel und das Kälbchen, und
die alte Sau wälzte sich vor der Tür.
So gingen sie mit ihm auf der stillen Dorfstraße, von der die wenigen
Gehöfte noch abseits liegen, auf und ab, während der Wagen langsam in
tief ausgefahrenen Geleisen hinter ihnen dreinholperte.
Käte war blaß, ihren Augen sah man’s an, daß sie wenig Schlaf gefunden
hatten. Jedoch sie lächelte, und eine erwartungsvoll-freudige Spannung
war in ihren Zügen, sprach aus ihrem Schritt; immer war sie den andern
ein wenig vorauf.
Schliebens Gesicht war sehr ernst. War es nicht eine große
Unbedachtsamkeit, eine grenzenlose Übereilung, die er jetzt beging,
seiner Frau zuliebe?! Wenn es nun nicht zum Guten ausschlug?!
Es war eine böse Nacht gewesen. Seltsam stumm und wie geistesabwesend
hatte er gestern Käte von der Baraque nach Hause gebracht, sie hatte
nichts gegessen, und, große Ermüdung vorgebend, sich früh zur Ruhe
gelegt. Aber als er, ein paar Stunden später, sein Lager aufsuchte, fand
er sie noch nicht eingeschlafen. Sie saß aufrecht im Bett, ihr schönes
Haar, das sie zur Nacht in zwei Zöpfe flocht, hing ihr lang herunter und
gab ihr so das Aussehen einer ganz jungen Frau. Aus verstörten Augen sah
sie ihn seltsam verlangend an, und dann schlang sie beide Arme um seinen
Hals und zog seinen Kopf zu sich herunter.
Sie war so eigentümlich gewesen, so weich und doch so heftig, er hatte
sie besorgt gefragt, ob ihr etwas fehle, aber sie hatte nur den Kopf
geschüttelt und ihn in stummer Liebkosung fest umfaßt.
Er glaubte sie endlich eingeschlafen – sie schlief auch, aber nur ganz
kurze Zeit – da war sie mit lautem Schrei schon wieder erwacht: sie
hatte geträumt, so lebhaft geträumt – o, wenn er wüßte, was sie
geträumt hatte! Geträumt – geträumt –! Sie seufzte und warf sich und
lachte dann leise in sich hinein.
Er merkte wohl, daß sie etwas auf dem Herzen hatte, was sie ihm gern
sagen wollte, und was sie sich doch nichts recht zu sagen traute. So
fragte er sie.
Da hatte sie es ihm denn gestanden, stockend, schüchtern und doch mit
einer Leidenschaftlichkeit, die ihn erschreckte: es war das Kind, an das
sie immerfort dachte, immerfort denken mußte – ach, wenn sie das hätte!
Das wollte sie haben, mußte sie haben! Die Frau hatte ja noch so viele
Kinder, und sie – sie hatte keins! Und sie würde doch so glücklich mit
ihm sein, ja, unsäglich glücklich!
Im Dunkel der Nacht, durch kein Wort von ihm unterbrochen, durch keine
Bewegung – er hatte ganz still gelegen, fast wie gelähmt von der
Überraschung, die doch nicht ganz eine Überraschung mehr war – hatte
sie sich immer mehr gesteigert: was war ihr ganzes Leben? Eine
immerwährende Sehnsucht! Alles, was er ihr an Liebe tat, konnte ihr doch
das eine nicht ersetzen: ein Kind, ein Kind!
»Lieber, guter Mann, schlag’s mir nicht ab! Mach mich glücklich! So froh
wird keine andre Mutter auf Erden sein – geliebter Mann, gib mir das
Kind!« Ihre Tränen flossen, ihre Arme umklammerten ihn, ihre Küsse
überschauerten sein Gesicht.
»Aber warum gerade =dieses= Kind?! Und so schnell entschlossen – das
ist doch keine Kleinigkeit – man muß sich das erst sehr reiflich
überlegen!«
Er hatte Einwendungen gemacht, Ausflüchte, aber sie hatte für alles
schlagfertige Antworten bereit: was noch lange überlegen? Man würde doch
zu keinem andern Resultat kommen! Und wie er nur denken konnte, daß die
Frau das Kind vielleicht nicht geben würde? Wenn sie’s nicht liebte, gab
sie’s gern, und wenn sie es liebte, würde sie es erst recht gern geben
und Gott danken, es so gut versorgt zu wissen.
»Aber der Vater, der Vater, wer weiß, ob der damit einverstanden
ist?!«
»Ach, der Vater! Wenn die Mutter es gibt, der Vater sicherlich! Ein
Brotesser weniger ist bei so armen Leuten immer ein Glück. Das arme
Kind, es wird vielleicht sterben aus Mangel an Nahrung, während es bei
uns so gut« – sie unterbrach sich – »ist es nicht wie eine Fügung, daß
gerade wir ins Venn kommen, gerade wir es finden mußten?«
Er fühlte, daß sie ihn beredete, und er sträubte sich innerlich dagegen:
nein, wenn sie sich denn schon von ihrem Gefühl so fortreißen ließ –
sie war eben eine Frau –, so mußte er doch, als Mann, den Verstand über
das Gefühl setzen!
Und er hatte ihr alle Bedenken aufgezählt, wieder und wieder, und als
Letztes ihr gesagt: »Du ahnst gar nicht, in welchen Zwiespalt du dich
selber bringst! Wenn nun die Neigung, die du für das Kind zu empfinden
glaubst, nicht standhält?! Wenn es sich dir nicht sympathisch
entwickelt?! Bedenke, es ist und bleibt immer das angenommene Kind!«
Aber da war sie fast zornig aufgefahren: »Wie kannst du so etwas sagen?!
Glaubst du, ich bin engherzig?! Eigen geboren oder angenommen, das ist
ganz gleich, denn es wird mir angeboren durch die Erziehung. Ich werde
es mir erziehen. Das ›Ausdemselbenblutesein‹ macht’s doch nicht! Bloß
weil ich’s geboren habe, darum soll ich ein Kind lieben?! O nein! Ich
liebe das Kind, weil – weil – nun, weil es so ganz auf mich angewiesen
ist, weil es so klein ist, so unschuldig, weil es unendlich süß sein
muß, wenn so ein hilfloses Geschöpfchen die Armchen nach einem
ausstreckt!« Und sie breitete die Arme aus und schloß sie dann an ihre
Brust, als hielte sie so schon ein Kind am Herzen. »Du bist ein Mann, du
verstehst das eben nicht. Aber du willst mich doch so gerne glücklich
machen – mach mich jetzt glücklich! Lieber, geliebter Mann, du wirst ja
so rasch vergessen, daß er nicht unser Eigengeborener ist, es bald gar
nicht anders mehr wissen. ›Vater, Mutter‹ wird er zu uns sagen – und
wir werden Vater und Mutter sein!«
Wenn sie recht hätte! Von einer seltsamen Empfindung durchrieselt,
schwieg er. Und warum sollte sie nicht recht haben?! Ein Kind, daß man
vom ersten Lebensjahre an ganz auf =seine= Weise erzieht, das man
vollständig auslöst aus den Verhältnissen, in denen es geboren worden
ist, das nicht anders weiß, als daß es seiner jetzigen Eltern Kind ist,
das da denken lernt mit ihrem Denken und fühlen mit ihrem Fühlen, das
kann nichts Fremdes mehr haben. Das wird ein Teil des ureigensten Ichs,
wird einem so lieb, so teuer, als hätte man’s selber gezeugt!
Vor des Mannes Herzen stiegen Bilder auf, deren Anblick er nicht mehr
erhofft, nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Er sah sein lächelndes Weib,
auf dessen Schoß ein lächelndes Kind; er sah sich selber lächeln und
fühlte einen nie gekannten Stolz bei dem kindlich-zärtlichen Lallen:
›Va–ter!‹ Ja, Käte hatte schon recht, alles, was man sonst Glück nennt,
ist nichts gegen dieses Glück. Nur ein Vater, eine Mutter wissen, was
Freude ist!
Er küßte seine Käte, und dieser Kuß war schon halbe Zustimmung, das
hatte sie gefühlt.
»Laß uns morgen hinfahren, morgen, gleich früh!« bat sie, unterdrückten
Jubel im Ton.
Er bemühte sich, gelassen zu bleiben: nein, erst mußte man die Sache,
nach eigner, reiflicher Überlegung, in Berlin mit dem Anwalt und auch
mit sonstigen Vertrauensleuten besprechen!
Darüber geriet sie außer sich; halb schmollte sie, halb lachte sie ihn
aus: war denn dies hier eine Geschäftssache? Was ging den Anwalt und
andere Leute ihre tiefste, persönlichste Herzenssache an?! Niemand war
darum zu befragen, niemand sollte sich da hineinmischen! Kein Mensch
durfte ahnen, woher das Kindchen kam, von wem es abstammte! Sie, sie
beide waren seine Eltern, sie kamen für es auf, sie waren sein Anfang
und die Bürgen für seine Zukunft – ihr Werk, ganz ihr Werk war dieses
Kind!
»Morgen holen wir es gleich! Je eher es aus dem Schmutz und der
Verkommenheit herauskommt, desto besser – nicht wahr, Paul?« Sie ließ
ihn gar nicht mehr zu Worte kommen, sie überschüttete ihn in sprudelnder
Lebendigkeit mit Plänen und Vorschlägen; und ihr Überschwang schwemmte
seine Bedenken mit fort.
Man kann auch zu bedenklich sein, zu übertrieben vorsichtig und sich so
jede Lebensfreude verbittern, das sagte er sich. Was taten sie denn
Außergewöhnliches? Sie hoben nur etwas auf, was ihnen vor die Füße
gelegt worden war; sie gehorchten so einem Wink des Schicksals. Und da
waren wirklich auch gar keine Schwierigkeiten. Wenn sie’s selber nicht
verrieten, würde niemand die Herkunft des Kindes erfahren, und hier
wiederum würde nicht groß Nachfrage nach dessen Verbleib sein. Es war
ein namen-, ein heimatloses Etwas, das sie an sich nahmen und aus dem
sie machten, was sie daraus machen wollten. Später, wenn man das Alter
dazu hatte, adoptierte man dann den Kleinen in aller Form und legte so
auch in Akten fest, was man im Herzen längst getan hatte. Jetzt galt es
nur noch, den Gemeindevorsteher von Longfaye aufzusuchen und mit seiner
Unterstützung die Abtretung seitens der Eltern zu erlangen!
Als Schlieben zu einem Entschluß gekommen war, plagte ihn gleiche Unruhe
wie seine Frau. Diese stöhnte: wenn es doch erst morgen wäre! Wenn ihr
nun jemand zuvorkäme, wenn das Kind nicht mehr da wäre morgen?! Sie warf
sich rastlos hin und her in Ungeduld und Bangigkeit. Aber auch Schlieben
wälzte sich schlaflos von einer Seite zur andern. Ob das Kind auch
gesund war?! Einen Augenblick überlegte er besorgt, ob es nicht geraten
sei, den Badearzt von Spaa ins Vertrauen zu ziehen – der könnte
mitfahren und den Kleinen vorerst untersuchen – aber dann verwarf er
diesen Gedanken wieder: das Kind sah ja so kräftig aus! Er rief sich die
derben Fäustchen zurück, den klaren Blick der blanken Augen – auf
nacktem Boden, bei Kälte und Wind, ohne Schutz hatte es gelegen – es
mußte eine Kernnatur haben. Darüber konnte man ruhig sein. –
Es war noch sehr früh am Morgen gewesen, als das Ehepaar sich aufgerafft
hatte – müde, wie zerschlagen an allen Gliedern – aber von einer Art
fröhlicher Entschlossenheit getrieben.
Käte lief im Hotelzimmer hin und her, so geschäftig, so freudig erregt
wie jemand, der einen lieben Gast erwartet. Sie war so sicher, daß sie
das Kind gleich mit herbringen würden. Jedenfalls wollte sie anfangen,
die Koffer zu packen, denn wenn man das Kind hatte, dann nur nach Hause,
so schnell als möglich nach Hause! »Das Hotel ist nichts für solch einen
kleinen Liebling. Der mußte sein Kinderzimmer haben, einen freundlichen
Raum mit geblümten Gardinen – nur dunkle nebenbei zum Vorziehen, um das
Licht beim Schlafen zu dämpfen – sonst alles hell, leicht, luftig. Und
eine Babykommode muß darin stehen mit den vielen Fläschchen und
Näpfchen, und sein Badewännchen, sein Bettchen mit den weißen
Mullvorhängen, hinter denen man ihn liegen sehen kann mit roten
Bäckchen, die Fäustchen am Kopf, und fest schlummern!«
Sie war so jugendlich, so liebenswürdig in ihrer erwartungsvollen
Freude, daß sie ihren Mann entzückte. Schien nicht der Sonnenschein, auf
den er so lange vergeblich geharrt hatte, jetzt kommen zu wollen?! Er
ging schon dem Kinde vorher, fiel heiter verklärend auf dessen Weg.
–
Die Eheleute waren beide bewegt, als sie gen Longfaye fuhren. Einen
bequemen Landauer mit schließbarem Verdeck hatten sie heute genommen
statt des leichten Zweisitzers, in dem sie sonst ihre Touren zu machen
pflegten. Es könnte auf dem Rückweg zu kalt für den Kleinen werden!
Decken und Mäntel und Tücher waren eingepackt, eine ganze Auswahl.
Schlieben hatte sich mit seinen Papieren versehen; man würde wohl kaum
einen Ausweis von ihm verlangen, aber der Sicherheit halber, um einer
etwa dadurch entstehenden Verzögerung vorzubeugen, steckte er sie ein.
Man hatte ihm den Gemeindevorsteher von Longfaye als einen ganz
verständigen Mann genannt, so würde sich denn alles glatt abwickeln.
Wie die Ebereschen zu seiten der Straße unter der herbstlichen Last
roter Beeren ihre Kronen senkten, so senkten sich auch die Häupter der
beiden Menschen unter einer Flut von hoffnungsvollen Gedanken. Rasch
flogen die Bäumchen am rollenden Wagen vorbei, rasch alle Etappen des
Lebens am bewegten Gemüt. Fünfzehn Ehejahre – lange Jahre, wenn man
wartet – erst mit Zuversicht, dann mit Geduld, dann mit Zaghaftigkeit,
dann mit Sehnsucht – mit Sehnsucht, die von Jahr zu Jahr heimlicher
wird, und in der Heimlichkeit immer brennender! Nun war die Erfüllung
nah, freilich anders, als liebende Gatten sie sich ausmalen; aber doch
eine Erfüllung.
Unabweislich kam der Frau das alte Bibelwort in den Sinn: ›Und als die
Zeit erfüllet war, sandte Gott seinen Sohn‹ – o, dieses Kind aus der
Fremde, aus dem Unbekannten, aus dem Lande, das nicht Acker noch Früchte
hat und nicht gesegnet ist mit reichen Ernten, dieses Kind war eine Gabe
des Himmels, ein Geschenk seiner Güte! Sie beugte ihr Haupt wie
gesegnet, des Dankes voll.
Und der Mann drückte leise die Hand seiner Frau, und sie erwiderte den
Druck. Hand in Hand blieben sie sitzen. Sein Blick suchte den ihren, und
sie errötete. Jetzt liebte sie ihn wieder wie im ersten Jahr ihrer
jungen Ehe – nein, jetzt liebte sie ihn noch um vieles mehr, denn
jetzt, jetzt schenkte er ihr das Glück ihres Lebens: das Kind!
Selig schweifte ihr Blick übers arme Vennland, das braun und öde schien
und doch ein Märchenland war voll der herrlichsten Wunder.
»Hab ich’s nicht gewußt?!« murmelte sie triumphierend und doch
zusammenschauernd in einer fast abergläubischen Regung. »Ich hab’s
gefühlt – hier – hier!«
Sie konnte es kaum erwarten, bis sie das Venndorf erreichten. Ach, wie
lag das abseits aller Welt, so ganz vergessen! Und so arm! Aber die
Armut schreckte sie nicht und die aus der Armut entspringende
Unsauberkeit auch nicht; sie nahm ihn ja jetzt mit fort von hier,
brachte ihn in Kultur und Wohlleben, und daß er einmal auf nacktem Boden
gelegen hatte statt in weichem Bettchen, das würde er nun und nimmer
ahnen. Sie dachte an Moses: wie der gefunden worden war im Schilf des
Nils, so hatte sie ihn gefunden im Gras des Venns – ob er ein großer
Mann würde wie jener?! Wünsche, Gebete, Hoffnungen und hundert Gefühle,
die sie früher nicht gekannt hatte, bewegten ihr Herz. –
Schlieben hatte Mühe, sich dem Gemeindevorsteher verständlich zu machen.
Nicht daß der Mann ein Wallone gewesen wäre, der schlecht Deutsch
verstand – Niklas Rocherath aus dem Haus ›Zur guten Hoffnung‹, so
genannt, weil man’s, als das ansehnlichste des Dorfes, weit vom Venn her
erblicken konnte, war gut deutsch – aber er begriff den Herrn nicht.
Was wollte der mit dem Jean-Pierre von der Lisa Solheid? Annehmen an
Kindes Statt?! Ganz verdutzt sah er drein, und dann war er beleidigt:
nein, wenn er auch ein simpler Bauer war, zum Narren halten ließ er sich
von dem Herrn drum doch nicht!
Erst allmählich gelang es Schlieben, ihn von der Ernsthaftigkeit seiner
Absicht zu überzeugen. Aber immer noch rieb der Alte bedenklich das
stopplige Kinn und sah mißtrauisch auf die, die so hergeschneit kamen in
seine Einsamkeit. Erst als Käte, von der langen Auseinandersetzung
ermüdet und gequält, ihn ungeduldig beim Arm ergriff und ihm, fast
gereizt und mit Heftigkeit, ins Gesicht schrie: »So begreifen Sie doch!
Wir haben kein Kind, wir wollen aber ein Kind – begreifen Sie’s nun?!«
– da begriff er.
Kein Kind – o weh! Kein Kind – da weiß man ja gar nicht, für was man
lebt! Nun nickte er verständnisvoll; und mitleidig auf die Frau
blickend, die so reich war, so fein angetan und doch keine Kinder hatte,
zeigte er sich viel zugänglicher. Also der Jean-Pierre von der Lisa
Solheid hatte ihnen so gut gefallen, daß sie sich den mitnehmen wollten
bis nach Berlin? Was der Jung für ein Glück hatte! Die Lisa würde es gar
nicht glauben wollen. Zu gönnen war der’s freilich, so arm wie die war
keiner hier, die wußte manchen Tag nicht, wie sie sich und ihre fünf
satt machen sollte. Früher, als ihr Mann noch lebte –
Was, der Mann lebte nicht mehr?! Sie war Witwe?! Wie befreit aufatmend
unterbrach Schlieben den Gemeindevorsteher. Er hatte, wenn er auch nicht
darüber gesprochen hatte, vor dem Vater beständig eine geheime Furcht
gehabt: wenn der nun ein Schnapstrinker wäre oder sonst ein Tunichtgut?!
Nun fiel ihm eine Last von der Seele – der war tot, der konnte nicht
mehr schaden! Oder war er am Ende an einer Krankheit gestorben, an einem
zehrenden Leiden, das sich auf Kinder und Kindeskinder vererbt?!
Schlieben hatte sagen hören, daß die Nebel des Venns und seine
plötzlichen Temperaturwechsel leicht der Lunge und dem Hals verderblich
werden – dazu schwere Arbeit und schlechte Ernährung – der junge Mann
war doch nicht etwa gar an der Schwindsucht gestorben?! Ängstlich
forschte er.
Aber Niklas Rocherath lachte: nein, von einer Krankheit hatte der Michel
Solheid zeitlebens nichts gewußt und war auch an keiner gestorben. Zu
Verviers hatte er gearbeitet, in der Maschinenfabrik, schwarz berußt und
nackt bis zum Gürtel; dem waren Kälte und Hitze ganz einerlei gewesen.
Und alle Samstag war er herübergekommen von Verviers und war den Sonntag
bei seiner Familie geblieben. Und es war Samstag vor Peter und Paul
gewesen, jetzt etwas über ein Jahr her, da hatte der Michel von dem, was
er in Überstunden verdient hatte, seiner Frau eine Speckseite gekauft
und ein oder zwei Pfund Kaffee, denn –
»Ihr müßt wissen, Hähr, dat is hier viel zu teuer für uns un über der
Jrenz viel billiger,« sagte der alte Mann bekümmert, hob dann langsam
die Faust und drohte hinüber zum Venn, das ruhig und weltfern dalag. »Da
waren se ihm aber bald auf den Fersen. Von der Baraque an waren sie als
hinter ihm drein – die verdammte Cammise![5] Ihrer drei, vier. Nu müßt
Ihr wissen, dat de Michel laufen konnt wie nur einer. Wenn de seinen
Pack hinter den Busch geschmissen hätt und hätt sich am laufen gehalten,
den hätten se mein Lebtag nich jekriegt. Aber ne, dat wollt he nich, da
hätt he sich doch für sich selber jeschämt. Um sich nu nich zu verraten,
wohin he eijentlich jing, rannt he statt nach rechts nach links ab durch
’t Wallonische Venn, der Hill nach. Durch Elefay un Neckel,[6] so immer
die Kreuz un die Quer, un kam nu so janz aus der Jejend heraus, wo he
Bescheid wußt wie in seiner Tasch. Ober dem Pannensterz waren se ihm
dicht auf den Hacken. Un se waren hinter ihm am Schreien: ›Steh!‹
[5] Grenzjäger.
[6] Walddistrikte im hohen Venn.
»Seht Ihr, Hähr, wär he nu in die Jroße Haard jelaufen un hätt sich da
im Dickicht verborjen, so hätten se ihn ohne Hund nie jefunden. Aber nu
war he verwirrt un rannt aus dem Busch eraus, blank über et Venn.
»›Halt!‹ – ›Steh!‹ – un zum dritten Mal: ›Halt!‹ Aber er sprung wie
’ne Hirsch. Da drückt einer los un – Jesus Christus erbarme dich,
jetzt und in der Stunde unsers Todes!« – der Gemeindevorsteher
schlug andächtig ein Kreuz und wischte sich dann mit dem Handrücken
unter der schnüffelnden Nase her – »de Schuß fuhr durch die Speckseit
in den Buckel, hinten erein, vorn eraus. Da schlug de Solheid den
Kuckeleboom.[7] En Schand war et: um en Speckseit, so ’ne staatse
Kerl!
[7] Purzelbaum.
»He hat noch en starke Stund jelebt. He sagt noch, dat he de Solheid aus
Longfaye wär und dat se sein Frau holen sollten.
»Ich war den Tag jrad am Heckenscheren, da kam einer jerannt. Un ich
macht mich auf mit der Lisa, die war damals im sechsten Monat met ’m
Jean-Pierre. Aber als mir hinkamen, war et schon zu spät.
»Se hatten ihn liejen, nich weit vom jroßen Kreuz. Se hatten ihn tragen
wollen bis Ruitzhof in en Haus, aber he saat: ›Laßt mich – hier will
ich himmelen!‹[8] Un hatt in de Sonn jekuckt.
[8] sterben.
»Hähr, die stand am Himmel so jroß un rot de Tag – so jroß – wie se
einst wird stehen am Tage des Jerichts! Hähr, he war janz in Schweiß un
Blut – Stunden waren se mit ihm jejagt – aber an der Sonn hatt he noch
sein Freud!
»Hähr, de Kerl, de ihn jeschossen hatt, de war janz drauß, de hielt ihn
im Schoß un war am weinen. Hähr, ne,« – der Gemeindevorsteher
schüttelte sich, und man merkte seiner Gebärde den Abscheu an – »ich
möcht kein Cammis sein!«
Die Stimme des alten Mannes war tiefer und rauher geworden – es war
das Zeichen seiner Anteilnahme – nun bekam sie wieder ihren früheren
gleichmäßigen Klang: »Wenn et Euch paßt, Madame, wollen mir jetzt
jehen!«
»O, das Kind, das arme Kind,« flüsterte Käte erschüttert.
»Glauben Sie denn, daß die Witwe sich von diesem Jüngsten trennen wird?«
fragte Schlieben, von einer plötzlichen Befürchtung erfaßt. Dieses nach
dem Tode des Vaters geborene Kind – war es möglich?!
»O –!« Der Alte wiegte den Kopf und schmunzelte. »Wenn Ihr wat
Ordentliches dafür jebt! Sie hat ’er ja noch jenug!«
Jetzt war Nikolas Rocherath wieder ganz Bauer; das war nicht derselbe
Mann mehr, der von der Sonne des Venns und dem Tode des Solheid
gesprochen hatte. Nun galt es, so viel als möglich herauszuschlagen,
einen Fremden, der noch dazu ein Städter war, ordentlich übers Ohr zu
hauen!
»Hundert Taler wären nich übertrieben jefordert,« sagte er und blinzelte
dabei von der Seite nach dem ernsten Gesicht des Herrn – mußte der ein
Geld haben, der verzog ja nicht eine Miene!
Vom Viehhandel her war der alte Bauer seit Lebzeiten das Feilschen
gewöhnt, nun blickte er, von scheuer Bewunderung für solch einen
Reichtum erfüllt, auf den Fremden. Bereitwillig führte er nach der Hütte
der Solheid. –
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Die Hütte der Solheid lag, wie alle Häuser des Dorfes, ganz für sich
allein hinter einer giebelhohen Hecke. Aber die Hecke, die da schützen
sollte gegen die Stürme des Venns und das wilde Schneetreiben, war nicht
mehr dicht; man sah’s, hier fehlte die sorgende Männerhand. Die
Hainbuchen waren regellos in die Höhe geschossen; abgestorbene Zweige,
die der Vennwind peitschte, reckten sich wie klagende Finger in die
Luft.
Hu, hier mußte es eisig kalt sein im Winter! Unwillkürlich zog Käte den
weichen, seidengefütterten Tuchmantel fester um sich. Und doppelt dunkel
mußte es hier sein in dunklen Tagen! Die winzigen Fensterchen waren
durch die Schutzhecke lichtlos gemacht, und tief hing das Dach über den
Eingang. Ohne Stufen, gleich von der ebenen Erde ging’s hinein.
Der Gemeindevorsteher rappelte am ›Jadder‹, der einstmals grün
gestrichenen, jetzt farblos gewordenen Haustür mit dem eisernen Klopfer.
Der Klopfer dröhnte durchs Haus, aber die Tür gab dem Druck nicht nach.
Ei, die Solheid war wohl in den Beeren und die Kinder mit ihr! Man hörte
drinnen im verschlossenen Hüttenraum nur das hungrige Schreien des
Jüngsten.
Das arme Kind – o, sie hatte es wieder allein gelassen! Käte zitterte
vor Erregung, wie Hilferuf erklang ihr das Geschrei.
Gelassen setzte sich der Gemeindevorsteher auf den Hauklotz vor der Tür
und zog seine Pfeife aus der Tasche des faltigen blauen Leinenkittels,
den er, der Herrschaft zu Ehren, rasch über das Arbeitswams gezogen
hatte. Jetzt hieß es warten.
Enttäuscht sah sich das Ehepaar an – warten?! Käte hatte den Sitz
ausgeschlagen, den ihr der Alte mit einer gerissen Galanterie auf dem
Hauklotz angeboten; sie hatte keine Ruhe, rastlos schritt sie vor dem
Fensterchen auf und ab und mühte sich vergebens, durch die blinde
Scheibe hineinzuspähen.
Immer ungebärdiger schrie drinnen das Kind. Der alte Rocherath lachte:
das war mal ein Brüllen, der Jean-Pierre hatte ’n kräftige Lung!
Käte konnte das Schreien nicht mehr mit anhören, es machte ihr
körperliche und seelische Qual. Ach, wie es ihr in den Ohren gellte! Sie
preßte die Hände dagegen. Und ihr Herz zitterte vor Mitleid und
Empörung: wie konnte die Mutter so lange ausbleiben?!
Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn; mit brennenden, ungeduldigen
Augen starrte sie hinaus aufs Venn, auf den nackten, baumlosen, sich
endlos hinschlängelnden Pfad. Da sah sie endlich Gestalten – endlich!
– und doch blieb ihr auf einmal der Atem stehen, ihr Herz setzte den
Schlag aus, um dann plötzlich, wie toll, ungestüm drauf loszuhämmern: da
kam die Mutter!