Rathes=, wo die Hohenpriester die Verdammung Christi beschlossen
haben sollen. Es stehen die Ruinen einer Kirche dort und eine Moschee
daneben. Das Feld ringsum ist baumlos und felsig; es hat eine halbe
Stunde Durchmesser. Auf dem Hügel zur Rechten gewahrt man die Reste
eines Thurmes, fast zum Steinhaufen umwandelt. Man nennt die Stelle den
=Thurm Simeons des Alten=. Schön zeigt sich das griechische Kloster =S.
Elias=, in der Einsattlung zweier sanfter Höhen aus dichtem Öhlwald
mit hohen Mauern ragend, rechts aber das Dorf =Atamon=, auch das Dorf
=Simeons des Alten= genannt, und weiter im Thale =Bethsafafa=. Ein
Paar hundert Schritte vor dem Kloster =S. Elias= (drei Viertelstunden
von Jerusalem) steht ein alter, mit mächtigen Blöcken umgebener
Brunnen; er wird als derjenige verehrt, woraus der Stern den drei
Weisen emporstieg. Am Wege, der Klosterpforte gegenüber, findet man
einen Öhlbaum, um welchen, nach morgenländischer Sitte, eine Betstelle
gebaut ist; daran zeigt man im Felsboden eine Aushöhlung, worin der
Prophet geruht haben soll. =Bethlehem= wird von dort aus sichtbar. Es
ist nicht viel über eine halbe Stunde entlegen und nimmt sich auf dem
kahlen Hintergrunde felsiger Höhen stattlich aus. Alle tiefen und alle
wagrechten Räume zwischen den Felsschichten der Höhen sind trefflich
bebaut; die Erde ist röthlich, das Gestein Marmor. Auf dem Wege dahin,
eine Viertelstunde weiter, sind einige Reste alter Umfangsmauern aus
trocken gefügten Blöcken, die ein Paar Fuß über den Boden ragen.
Dort soll =Rama= gestanden haben, dessen =Jeremias= mit den von dem
Evangelisten =Matthäus= wiederholten Worten erwähnt: »Und horch!
bitteres Schluchzen und Klagegeheul auf Rama. Rachel weinet über ihre
Kinder.« (XXXI. 15.) Auf wenige Schritte zur Rechten von den Ruinen
zeigt man einen Mauersarg, 11 Fuß lang und 4 Fuß breit, unförmliches
und offenbar türkisches Werk; auch von einer kleinen Moschee umfangen.
Juden und Türken wallfahrten fleißig an diese Stelle, die sie das
=Grab Rachels= nennen. Zahlreiche Aufschriften zeugen davon. Darneben
ist eine Cisterne. Gräber der Muselmänner umgeben dieß Heiligthum,
das allerdings die durch Überlieferung bekannt gebliebene Stelle
bezeichnen kann. Das erste Buch =Moses= sagt: »Also starb Rachel und
ward begraben =an dem Wege= gen Ephrath, die nun heißt Bethlehem.«
(XXXV. 19.) Ferner =Samuel=: »Wenn du jetzt von mir gehst, so wirst du
zween Männer finden bei dem Grabe Rachels, in der Gränze Benjamin, zu
Zelzah.« (X. 2.) Diese Angaben beweisen einmal, daß das Grab Rachels
ein in den frühen Jahrhunderten bekannter Gegenstand war, und dann,
daß es in der Gränze des Gebietes von dem Stamme Benjamin und auf dem
Wege von Jerusalem nach Bethlehem lag. Es hieße sonach gewaltsam die
Wahrscheinlichkeit von sich stoßen, wollte man nicht annehmen, daß nach
und nach die Merkzeichen der Stelle zwar wechselten, =diese= aber eine
bekannte blieb, und die heut zu Tage dafür angegebene ist. Eben die
Einerleiheit dieses Punktes mit dem von der Schrift dafür gehaltenen
berechtigt zur Voraussetzung, daß der daran stoßende Ort derjenige ist,
den Jeremias =Rama= nennt, und der vielleicht in früherer Zeit =Zelzah=
hieß. Mehrere Orte tragen den Namen =Rama=, wie wir aus Jos. XVIII.,
Richter XIX., Samuel XIX. XXII. XXVIII., Könige XV. u. s. w. ersehen.
Er wurde von den Griechen auch mit [Greek: hupsêlên], Höhe, Hochfeld,
übersetzt, eine Bezeichnung, die sich trefflich aus die Örtlichkeit der
Ruinen am Grabe Rachels anwenden läßt.
Rechts von diesem Grabe aus dem Berge liegt das Dorf =Bethisallah=,
das von Griechen bewohnt und reich an Wein und Öhl ist. Auch ein
Wasserbecken, länglichrund, zu hundert Schritt größeren Durchmessers,
natürlich gebildet, jetzt ein Garten, findet man zwischen =Rama= und
=Bethlehem=, links aber am Abhange einen Wasserzug, der bis vor Kurzem
noch Jerusalem diente, jetzt aber unterbrochen ist; vielleicht die
Quelle =Gihon=. (II. Chron. 32.)
=Bethlehem=, welches schon das erste Buch Moses nennt (XXXV. 19), und
die auch im alten Testamente mit einem heiligen Glanze umgeben war
durch die Geschichte der Moabitin =Ruth=, so würdig besungen in unseren
Tagen durch eine unserer edelsten Frauen; =Bethlehem=, welche Israel
einen Richter gegeben hatte (Richt. XII. 8) und den königlichen Sänger
=David= (1. Sam. XVI.), und von der ein Prophet weißsagend sang: »du,
die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll er kommen,
der in Israel Herr sey, und welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit
her gewesen ist« (Mich. V. 1): =Bethlehem= krönet die Einsattlung
zwischen zwei Hügeln und den einen dieser Hügel selbst; während das
Kloster und die Kirche über der Geburtstätte Christi, einer stattlichen
Burg gleich, auf dem anderen liegen. Das Thal, das dort den Ursprung
nimmt, ist reizend durch trefflichen Anbau und durch die Fülle an
Mandel-, Öhl- und Feigenbäumen. Vieles Volk war im Freien und grüßte
uns mit einem _buon giorno_. Da es gut bewaffnet war, kühn auftrat und
reiche Kleider trug, so hielt ich es für muselmännisches. Es bestand
aber aus Christen, denn diese haben in =Bethlehem= das Recht, Waffen zu
tragen. Es wohnen über 1000 Katholiken, an 1000 Griechen, 30 armenische
und 40 türkische Familien in =Bethlehem=. Die ersten spielen den
Meister. Sie tödteten vor Kurzem dem Pascha vier Soldaten von dreißig,
die er dort hielt, und verjagten die übrigen.
Man führte uns am Kloster vorüber und hinter demselben auf die freie
Höhe. Dort verehrt man die Grotte, in welcher die h. Jungfrau, kurz vor
ihrer Flucht nach Ägypten, das Christuskind vor Herodes verborgen haben
soll. Zwölf Stufen führen zu einem Altare hinab, vor dem drei Lampen
brennen. Die Wände sind roh, das Gestein ist Kreide. Die Gläubigen
sagen, einige Tropfen von der Milch der h. Jungfrau habe demselben die
weiße Farbe gegeben. Darum glauben die Frauen auch, es erleichtere, als
Pulver genommen, die Geburtschmerzen. Der Eingang dieser Grotte sieht
nach Nord.
Der Zugang des Klosters ist mit breiten Steinen gepflastert, mit
Brunnen und Aufsätzen begleitet, breit und ansehnlich. Kloster und
Kirche sind es nicht minder, aber in Verfall, und wenn nicht Hülfe
kommt, bald in Ruinen. Die Armenier haben die Oberhand in diesem
Gotteshause, das erst vor wenigen Monaten von der katholischen Gemeinde
verlassen werden mußte, weil dieselbe eine Geldforderung des Pascha
nicht befriedigen konnte oder wollte. Die Kirche hat Kreuzform, ist
aber am Vereinigungsorte des Stieles mit den Armen vermauert. Acht und
vierzig Säulen, zu zwölf in der Reihe, tragen das Schiff; sie sind aus
weißem Marmor, 18 Fuß hoch, haben 2-1/2 Fuß Durchmesser, 9-1/2 Fuß
Abstand unter sich und eine Art korinthischer Knäufe von schlechter
Arbeit. Die Querbalken und das Dach sind aus Cedernholz, sagt man; mir
schien es von Cypressen. Die Wände waren mit Mosaik belegt, von der
man Reste sieht, und auch mit Marmor, wovon der größere Theil von den
Türken genommen und zu der großen Moschee in Jerusalem verwendet wurde.
Der dermalen benützte Theil der Kirche ist der obere des Kreuzes. Über
der Mitte steht ein Altar der drei Könige und der Geburt, und ist der
eigentliche Hauptaltar. Die Griechen haben einen Flügel daran; der
andere Flügel und der Mittelaltar gehören den Armeniern. Die Katholiken
dürfen dort gar nicht Messe lesen. Der vormals für sie bestimmt
gewesene Eingang in die Kirche ist nun vermauert. Über dem Hochaltar
sind die geheimnißvollen Grotten der Geburt und der Krippe. Zwei
Stiegen führen hinab zur Rechten und Linken, jede zu sechzehn Stufen;
die eine gehört den Griechen, die andere den Armeniern. Die Länge
der Grotte der Geburt ist 37 Fuß 6 Zoll von Osten nach Westen; die
Breite 11 Fuß 9 Zoll, die Höhe 9 Fuß. Die Geburtsstelle liegt an der
östlichen Wand und fällt in eine gerundete Nische. Im Boden derselben,
mit feinem Marmor belegt, ist ein flammender Stern aus Silber, der eine
Kreisplatte grünlichen Marmors zu etwa 4 Zoll Durchmesser umgibt. Im
Saum um diese Platte stehen die Worte: _=Hic de virgine Maria Jesus
Christus natus est.=_ Vierzehn Lampen brennen in der Nische, die, so
wie die ganze Grotte, mit Seidenstoffen behängt und reich geziert
ist. Wenige Schritte davon, in der südlichen Eintiefung, zeigt man
auf der einen Seite den Stein der Krippe, auf der andern die Stelle,
wo die drei Weisen ihre Geschenke niederlegten und anbeteten. Jener
steht in ähnlicher Nische; ein Stern aus weißem Marmor umschließt
eine Porphyrplatte; fünf Lampen brennen darüber. Ein Bild der Geburt
Christi, von =Jacopo Palma=, schmückt den Hintergrund. Auf dem Altar
der drei Könige ist ein Bild von demselben Meister, welches die
Anbetung darstellt. Dieser Altar ruht auf dem Steine, wo die Jungfrau
sitzend die drei Könige empfangen haben soll.
Der den Katholiken erlaubte Eingang in das Heiligthum, worin sie
neunzehn, die Griechen siebzehn und die Armenier zehn Lampen halten,
geht westwärts durch einen unterirdischen Gang. In diesem findet man
zuerst den Altar =Josephs=, dann denjenigen der =unschuldigen Kinder=,
unter welchem mit eisernem Gitter verschlossene Grotte die Gebeine
der Gemordeten enthalten soll. Von dort kommt man in die zur Kapelle
umwandelte Grotte des h. =Hieronymus=, worin er gewohnt und die Bibel
übersetzt hat; nahe daran ist sein Grab, und auch dasjenige des h.
=Eusebius= und der hh. =Paula= und =Eustochia=. Über jedem Altar
steht ein Bild. Wirklich rührend im Ausdruck ist dasjenige der beiden
Frauen, dieser Sprossen aus dem Geschlechte der Gracchen und Scipionen.
Beide, Mutter und Tochter, schlummern den Schlaf des Todes; die
Verwandtschaft und eine leise Wehmuth wohnen in ihren Zügen. Sie ruhen
auf goldverbrämten Kissen aus rothem Sammt, die Mutter im schwarzen
Pilgerkleide, die Tochter mit gelösten Haaren von Rosen durchflochten,
den gekreuzigten Heiland in der Rechten gegen die linke Brust gelehnt,
die noch unter der zarten Tunika zu beben scheint. Ein Paar Engelchen
schweben darüber, und einer derselben reicht die Krone.
Von dort sind drei und zwanzig Stufen hinauf in die katholische Kirche,
die klein, aber reich an Schmuck und Bildern ist; besonders ist das
Bild der Geburt Christi in der hinter dem Hochaltare befindlichen
Sakristei sehenswerth. Um der Bevölkerung zu genügen, mußte der Altar
der Thüre gegenüber aufgerichtet werden, damit der Kreuzgang des
Klosters die Frommen fassen könne.
Die Katholiken haben dermalen nur einen Wärter, der zugleich
Schullehrer ist, und der katholischen Bevölkerung die paar
italienischen Worte vorsagt, womit sie die Reisenden zu begrüßen
pflegt. Doch fand ich einige maronitische Priester vom Libanon dort,
welche einstweilen Seelsorge üben, stille Leute, höchst ruhigen
Ausdruckes, ernst und einfach. Mit diesen nahm ich gemeinschaftlich das
Mahl. Es war mir als säße ich mit Abraham zu Tische. --
Kloster und Kirche sind von der h. =Helena= erbaut und von christlichen
Fürsten erneuert worden. Aber schon in der ersten Zeit hatten die
Gläubigen ein Gebethaus über der =Krippe des Heilandes=. =Hadrian=
stellte eine Statue des =Adonis= dort auf. Die heil. =Helena= warf
diese nieder. Von der Terrasse des Klosters blickt man weit über
stilles, felsiges, in Schluchten und auf Abhängen mit lebendigem Grün
bedecktes Land. Wir hatten das Kloster
=St. Elias= in N. 10° O.
=Bethlehem= in W.
Arabisches Gebirge von NO. bis SSO.
den Weg nach dem Kloster =Saba= O. bis N.
die Grotte der Hirten S. 75° O.
die Grotte der heil. Jungfrau S. 32° O.
=Lukas= erwähnt der Grotte der Hirten (II. 8). Ich weiß nicht ob es
eine und dieselbe mit der Höhle =Adullam= ist, die in den Kriegen
=Davids= bekannt wurde. (II. Sam. XXIII.)
Ich kaufte in =Bethlehem= eine Zahl Heiligenbilder, Madonnen und Kreuze
aus Holz oder Perlenmutter geschnitzt, oder mit solchen eingelegt, mit
Mühe und Fleiß, aber ohne alle Kunstübung gemacht von den Bewohnern
der Stadt; auch ein paar schöne Trinkschalen von den Arabern aus =Wadi
Musa=, aus Stein des todten Meeres geschnitzt und mit Sprüchen des
Korans versehen.
Am Engwege im Norden von Bethlehem wies man mir die Stelle, wo das
Haus Davids gestanden haben soll (Sam. XVI. XVII. XX.). Von dort ritt
ich zum Grabe =Rachels= und dann westwärts nach =Bethsafafa= (1/2
St.). Tausend Schritte vor diesem Orte sieht man eine tiefe Cisterne,
zur Linken aber, auf einer Höhe, =Schörafat=. In der Ebene steht eine
riesige Terebynthe, darunter die heil. Jungfrau auf ihrer Flucht
nach Ägypten geruht haben soll. Auf den jenseitigen Höhen reitet man
durch Rosengärten (wozu hier der Grund förmlich bereitet und bebaut
wird, denn Rosenwasser und Rosenöhl sind Erwerbzeuge), durch Wein und
Öhlpflanzungen und über einige Felder hinauf zum Dorfe =Mälha= (1/2
St.), das gleich den beiden erstgenannten nur von Muselmännern bewohnt
ist; dann auf der Höhe fort, drei Tumuli zur Linken lassend, und hinab
durch Terebynthen und Reben ins Dorf =St. Johann= (3/4. St.), das
reizend liegt von wohlbebauten Hügeln umbreitet. Das Kloster daselbst
wird von vierzehn spanischen Mönchen bewohnt, und ist das schönste
katholische im heiligen Lande. Die Kirche, ganz mit Marmor ausgelegt,
hat innen sieben und dreißig Schritte Länge, vier und zwanzig Breite,
vier Pfeiler und Kreuzform. Durch ein vergoldetes Gitter steigt man
zur Linken in die Grotte der Geburt =Johannis= hinab, mit weißem
und schwarzem Marmor ausgetäfelt, mit Seidenstoffen und Goldfransen
behangen. Im Hintergrunde ist die Nische, wo ein Stern aus weißem
Marmor die Stelle umschließt: _hic praecursor Domini natus est_. Fünf
Basreliefs in weißem Marmor decken die Wände dieser Nische. Das erste
stellt die Heimsuchuug, das andere die Niederkunft, das dritte die
Predigt in der Wüste, das vierte die Taufe Christi, das fünfte die
Enthauptung vor. Die Arbeit daran ist mittelmäßig und geziert. In der
schwarzen Marmordecke darüber ist ein Lamm aus weißem Marmor eingefügt,
und darüber lieset man die Worte: _Ecce agnus Dei._ Über der Nische
ist ein reicher Altar mit dem Bilde des Täufers. Die Kirche selbst hat
sieben Altäre, eine Orgel, mehrere Gemälde von Werth, darunter einen
Johannes in der Wüste, von Murillo, und eine schöne Heimsuchung in der
Kapelle zur Rechten. Dort zeigt man auch einen Stein, worauf Johannes
in der Wüste öfters gesessen haben soll.
Von der Höhe des Klosters fand ich
=Cassr= N. 25° W.
=Colonia= N. 10° O.
Johannis Grotte in der Wüste W.
das Haus der Heimsuchung S. 60° W.
den Berg der Makkabäer NO.
die Straße nach Bethlehem OSO.
den Berg Obed-Edoms[B] O.
Das Thal von =St. Johann= nach Colonia ist breit und baumreich. Es wird
für das Terebynthenthal gehalten, worin =David= den =Goliath= erschlug.
-- Der Weg nach der Wüste des heil. =Johannes= führt zunächst am Hause
der Heimsuchung vorüber, d. i. an den Ruinen eines Klosters, auf der
Stelle erbaut, wo die Mutter des Vorläufers Christi gewohnt haben soll.
In einer Grotte daran soll die heil. Jungfrau dieselbe begrüßet und die
schönen Worte gesprochen haben, die Lukas im ersten Kapitel aufführt.
Von dort nach der =Wüste= ist nicht über eine Stunde Weges. Das Wort
=Wüste= ist unrichtig von der =Öde= gebraucht, in welche man tritt, und
wo abermals eine Grotte zwischen Felsen und Bergen, verehrt wird als
der Ort, wo Johannes gewohnt und geprediget hatte.
Wir ritten nach St. Johann zurück und nahmen weiter den Weg nach
Jerusalem. Dieser führt längs dem =Berge der Makkabäer= hinauf, so
genannt, weil dort ihre Gräber seyn sollen, hält sich dann auf der
Flachhöhe, kreuzt ein Wiesthal, welches das Thal der =Beduinen= heißt,
und kommt nach einer Stunde von St. Johann an das hochumthürmte
griechische =Kloster zum heil. Kreuze=, das, ganz einsam, an der Stelle
steht, die man als diejenige, wo der Baum zum Kreuze Christi gehauen
wurde, verehrt.
Nach einer halben Stunde von diesem Kloster erreichten wir die Stadt.
Vor dem Pilgerthore steht eine große Terebynthe, und nicht ferne
davon sieht man ein großes Wasserbecken, offenbar uralten Ursprunges
und höchst wahrscheinlich dasjenige, dessen das zweite Buch der
Könige (XVIII. 17.) und =Jesaias= (VII. 3. -- XXXVI. 2.) erwähnen.
Die Örtlichkeit und die Bezeichnung »der obere Teich« sind hier
entscheidend, und die letztere beweiset für das Alter auch des unteren
Bends, dessen weiter oben erwähnt wurde. -- Dort ist die Flachhöhe mit
den weißen Todtenmalen der Türken besäet. Es war ein rührender Anblick;
eine Menge Frauen beschäftigt zu sehen, an diesen Malen zu beten oder
sie mit Rosen zu bestreuen.
Mir ließ die heilige Stadt, da ich von ihr schied, einen mächtigen,
aber wehmuthvollen Eindruck zurück. Die Vergänglichkeit dessen, was so
bedeutend war, ist eine große Lehre. Mein Leben unter Ruinen und selbst
in Trümmer zerfallen, fühlt die Verwandtschaft im Schicksal mit diesen
Resten.
Du bist nun verlassen, hochgepriesene Tochter =Sions=! Der Sänger
wünschet dir: »Es müsse =Friede= seyn in deinen Mauern und Glück in
deinen Palästen!« (Psalm. 122.) Aber richtig frägt der Prophet: »Wer
will sich denn deiner erbarmen, Jerusalem? Wer wird denn hingehen und
Dir =Frieden= erwerben?« -- (Jerem. XV. 5.)
=Jerusalem=, als Wiege des Christenthums betrachtet, ist zweifelsohne
ein trauriger, christliche Fürsten schmähender Anblick. Falsch ist,
was Chateaubriand und andere Frömmler sagen, daß die =Türken= das
heilige Grab mit Feuer und Schwert zerstören wollen. Wer hätte sie
daran gehindert, würden sie es gewollt haben? -- Im Gegentheile sind
sie es, die =erhalten=. Was =zerstöret=, ist der Teufel des Neides
zwischen den christlichen Sekten und die Versagung der kleinen Almosen,
die zur Erhaltung der Bauten und Menschen unerläßlich sind. Der Tribut
der katholischen Mönche an die Pforte ist nur 7000 Piaster, aber die
Pascha und Statthalter wollen Geschenke, und die arabischen Häuptlinge
der Umgegend, wie z. B. =Bogooz=, verkaufen ihren Schutz und das
freie Geleite theuer. Dermalen hat das Kloster zum heil. Erlöser über
anderthalb Millionen Piaster Schulden; aber es sind auch seit Jahren
keine Zuschüsse aus Europa gekommen. Die Worte der Apostel (Röm. XV. --
Korinth. XVI. -- II. Korinth. IX.) sind längst verschollen.
Die katholische Gemeinde und ein englischer Reisender, =John Porter=,
mit dem ich in freundschaftlicher Verbindung stand, gaben mir das
Geleite bis zur Stelle im Norden des Pilgerthores, wo die Karawane,
mit der ich nach =Ramle= zurückging, zusammen wartete. Eine Stunde,
nachdem wir aufgebrochen waren, ritten wir unter =Colonia= weg. Die
Straße war voll von Weibern und Kindern, die nach der Stadt gemalte
Eier und Esswaaren zu Markte trugen. Wir tränkten unsere Pferde an
einem Brunnen, 1/4 Stunde vor =Errit-el-Enneb=, und hielten unter
den Feigenbäumen dieses Dorfes an. Es gehört so wie die meisten der
Umgegend dem oben genannten Araberhäuptling. Die Bewohner eilten herbei
und setzten sich freundlich zu uns, ein schönes, kräftiges Geschlecht,
gelenkigen schlanken Baues und tiefdunkelen Auges. Sobald wir die Höhe
hinter dem Dorfe erstiegen hatten, wies sich hellglänzend im West das
Sandgestade von =Jaffa=, und hinter demselben die dunkle See. Nach
anderthalb Stunden waren wir, den Felsensteig herunter, im Thal. Die
schroffen Wände dienten großen Ziegenherden zur Weide, feinbehaarte
Thiere, schwarz, mit rothgelber Zeichnung an Füßen, Bauch und Stirne,
mit zurückgekrümmten roth bestrichenen Hörnern. Die Hirten waren mit
Flinten und Keulen bewaffnet.
Im engen Thal, am Fuße der Höhen, stehen die Ruinen einer Kirche, die
seit lange zerstört seyn muß, da aus dem Schutte große Terebinthen sich
heben. Eine halbe Stunde weiter öffnet sich das Thal und beginnt der
Anbau. Bald erreicht man zwei große, tiefe, aufgemauerte Brunnen und
tritt dann in die Ebene, die ein Bild des gesegnetesten Landes der Erde
gibt. Auf den Höhen sind hie und da Ruinen von Kirchen, Moscheen und
Heiligengräber.
=Ramle=, von der Ostseite gesehen, trägt ganz besonders das
morgenländische Kleid. Ruinen, Kuppelgebäude, Minarets, hohe Palmen,
die über die weißen Terrassen der Häuser schauen; ein Vordergrund voll
mächtiger Fülle an Gesträuchen und Bäumen; Grabwälder mit blinkenden
Malen, Brunnen und Wasserbecken zur Seite, und über das Ganze ein
wolkenloser aber blaßblauer Himmel gewölbt!
Wir stiegen im Kloster ab. Von der Terrasse desselben bleibt die
Schlucht des Gebirges von Judäa, durch welche der Weg nach Jerusalem
führt, in Ost. =Strabo= sagt, man behaupte von =Joppe= nach Jerusalem
zu sehen (_p._ 759). =Van Egmont= berichtigt diesen Irrthum (_Travels_
I. 297), =Pockock= bringt denselben wieder auf. (_Descript. of the
East._ II. 3.) Die Wahrheit ist, daß man von Joppe nicht einmal bis
Ramle sieht. Von Jerusalem, das am östlichen Abfall des Gebirges von
Judäa liegt, und westwärts auf mehrere Stunden Breite den Rücken
desselben als Scheidewand hat, ist es geradezu unmöglich die westliche
See zu sehen. Wenn =Josephus= (_de bello Jud._ IV. 3.) erzählt, vom
Thurme Psephina zu Jerusalem reichten die Blicke bis ans Meer, so ist
dieß eine Übertreibung. Übrigens kann man ganz gut das Roth des Brandes
am Himmel gesehen haben, als Judas =Jamnia= verbrannte (II. Makk. XII.
9). Man sieht von Jerusalem auch nicht das todte Meer, denn die Gegend
ist nur nach Süd etwas geöffnet.
Gefoltert durch eine unzählige Menge von Mücken, die mich um die
gehoffte Ruhe gebracht hatten, verließ ich =Ramle=, um nach =Nazareth=
zu reisen. Der Weg führt nördlich durch die herrliche Ebene zwischen
Feldern bis an das Dorf =Hudieh= (2-1/2 St.). Hinter diesem beginnt
Hutweide und dauert durch drei Viertelstunden Weges, dann ist abermals
bebaute Flur, bis zum Dorfe =Mir= (3/4 St.), das auf einem Hügelchen
liegt. An der Straße stehen zwei Kreise von =Sidirbäumen=[C] zum
Behufe der Reisenden. Während wir dort ruhten, kam ein Zug Jauchzender
aus dem Dorfe. Männer eröffneten denselben, spielten auf Cymbeln und
Hirtenflöten, sangen und schossen ihre Gewehre ab. Ihnen folgte ein
schwer beladenes Kameel, worauf zwei Mädchen saßen. Dann kamen Weiber,
die zum Theile weinten und heulten. Es war eine Brautabholung aus
dem nahen Städtchen =Lydda= (Apost. Gesch. IX), welches die Römer
=Diospolis= hießen, und das, wie so manches andere, heut zu Tage wieder
den alten Namen trägt.
Eine Viertelstunde weiter steht ein Beduinendörfchen. Das Volk war um
einen Araber versammelt, der für einige Para einen grauen großen Affen
tanzen ließ. Unsere Ankunft zog die Aufmerksamkeit der Menge auf uns,
und der Affe blieb verlassen, bis wir vorüber waren. An der Nordseite
des Dörfchens fließt ein starker Bach, das größte Wasser zwischen Ramle
und Nazareth, worüber eine Steinbrücke von sechs Bogen führt. Unter
jedem Bogen sind zwei Mühlen angebracht. Diese zwölf Mühlen werden
diejenigen von Jaffa genannt. Rechts auf eine halbe Stunde, in der
Ebene, liegt das Schloß =Raß-el-Eyn=. Der Bach kommt an diesem vorüber
aus dem Gebirge im Osten.
Eine Stunde weiter ritten wir durch den Ort =Dör-Adeß=, und, mit
Abstand von einer halben Stunde von einem Punkte zum andern, über
wellenförmigen bebauten Grund, durch das Dörfchen =Kaffr-Suba=, an
einer einsamen Moschee, an einer zweiten und an =Karentsauüh= vorüber,
das eine zerstörte Feste mit Ruinen einer Kirche ist, und etwas zur
Rechten auf einer schwachen Höhe liegt. Dort ist auch ein Brunnen, der
erste seit den Mühlen. Reisende aus Baalbeck und Damask hatten ihre
Gezelte daran aufgeschlagen.
Anderthalb Stunden weiter ist =Kahun=, ein ummauerter Ort mitten in
der Ebene auf einem Hügel. In solchen Nestern, hinter Mauern von etwa
15 Fuß Höhe, trotzen die arabischen Häuptlinge den Statthaltern des
Sultans. =Kahun=, nebst einigen Orten im Gebirge von Napluß, standen
eben damals im Aufruhr gegen den Pascha von Damask. Ich zählte, von
=Karentsauüh= aus, sechzehn Orte am Gebirge oder auf demselben,
jedes ummauert und einer Feste gleich, meist die Spitzen der Berge,
so wie die Hügel der Ebene suchend, ein Umstand, der hinlänglich
den fortdauernden Kriegzustand dieses Landes beurkundet. Unter dem
Thore von Kahun wurden wir angehalten und mußten den =Aga= der Stadt
abwarten, der seit früh Morgens auswärts war. Große Herden von Rindern
zogen ein, denn die Sonne war im Untergehen; vieles Volt kehrte von
den Feldern heim, wo wir es pflügen und ernten gesehen hatten; Mägde
und Frauen gingen und kamen von dem Brunnen unten am Hügel, den
länglich-runden irdenen Krug auf dem Kopfe. Die Tracht der arabischen
Weiber ist hier dieselbe wie in =Ägypten=, ein blaues Hemde, und um den
Kopf ein rothes Tuch gewunden, das längs dem Rücken hinabhängt.
Endlich kam der =Aga=. Er ritt ein gutes Roß, führte eine lange Lanze
und war von einigen Soldaten begleitet. Er empfing uns sehr freundlich,
ließ in der Burg ein großes Gemach für uns ausräumen, ein Mahl aus
Fleisch und Reis bereiten, und leistete uns, bis dieß gebracht wurde,
Gesellschaft. Er plauderte viel über die Weltangelegenheiten, und
beklagte sich bitter über den Vizekönig =Mohammed-Ali=, den er als
einen heimlichen Christen und Verräther am Sultan schilderte. Auch zwei
Seeleute aus Tanger, Durchreisende wie wir, setzten sich zu uns, und
zechten ganz wacker, sobald sie mit uns allein waren.