Drei Stunden nördlich von Kahun nimmt man die Richtung gegen Nordost

und Ost durch die niederen Waldhügel, welche zwischen dem Karmel

und dem Gebirge von Samaria die Verbindung bilden. Die Thäler sind

bebaut und die sanften Höhen mit Wallnußbäumen bedeckt. Von Stunde zu

Stunde trifft man Ruinen von Kirchlein, aber von Kahun bis auf den

Rücken dieser Höhen keinen Tropfen Wasser. Dort (5-1/2 St.) ist eine

schlechte Tränke, bald darauf ein frisches Bächlein, vielleicht der

Bach =Kedumim= der Schrift (Richter. V. 21.). Im Schatten der Bäume,

die dessen Ufer bekleiden, ließen wir die Gluth des Mittags vorüber

gehen. Ein Türke aus Damaskus schloß sich an uns. Dann stiegen wir

rasch in die Ebene von =Esdrelon= hinab, die acht Stunden lang und halb

so breit, im Süden vom Gebirge von Samaria, im Westen vom Karmel, im

Norden von den Höhen von Nazareth, im Osten von den Bergen Thabor und

Hermon umschlossen ist, zwischen diesen beiden aber eine Verbindung mit

der Ebene des Jordan hat. Sie ist bebaut, wird aber auch von Sümpfen

und dem tief eingeschnittenen =Kischon= durchzogen. Wir irrten, um den

Weg durch die Moräste zu finden, wagend und rathlos umher, bis ein

Beduine uns die richtige Furt zeigte, erreichten nach drei Stunden die

nördlichen Höhen, und nach andern zwei, am Dorfe Jaffa vorüberkommend,

das in einem kahlen Bergkessel hochgelegene Städtchen =Nazareth=.

Da empfing uns in morgenländischer Tracht, aber mit dreieckigem Hute,

dem Zeichen seiner Würde, der Vizekonsul Sr. Majestät zu =Akka=,

=Antonio Catafago=, und führte uns in das Kloster ein, wo Gemächer

für uns bereit waren. Abends aßen wir bei ihm, und fanden uns von

seiner liebenswürdigen Familie umgeben, welche unter den Christen die

reichste der syrischen Küste ist. Er und seine Frau sind italienischen

Ursprunges; aber in Aleppo geboren. Wie ein Patriarch saß er inmitten

von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen und Schnüren. Die Frau des

einen Sohnes, auf dem Libanon geboren, war kaum dreizehn Jahre alt,

und doch schon über ein Jahr verheirathet. Diamanten, Perlen und

Goldstücke glänzten an der reichen türkischen Tracht dieser Frauen

und Mädchen; ich glaube, daß jede fünfzigtausend Piaster Werth an

solchen auf sich trug. Sie sprachen nur die Landessprache, d. i. die

arabische, waren heiter und freundlich, von angenehmen Gesichtformen,

mit tiefen schwarzen Augen, sehr weiß und rein an Farbe, und hatten die

Augenlieder schwarz bemalt.

Im Kloster fand ich zwölf Mönche, deren Vorsteher, Pater =Filkuka=,

ein Mährer, war, vormals Pfarrer zu Großmeferich. Seine Freude, einen

halben Landsmann zu finden, war nicht gering, und er bot sein Bestes

auf, um uns freundlich zu bewirthen. Das Kloster ist geräumig, gleicht

einer Festung, hat Mauern und verschiedene Höfe, und eine schöne

Kirche, als deren Heiligthum die unter dem Hochaltare befindliche

=Grotte der unbefleckten Empfängniß= betrachtet wird. Diese ist auf die

Weise der Heiligthümer in Jerusalem und Bethlehem mit Seide und Marmor

reich ausgeziert. Eine Granitsäule hängt ganz seltsam in der Decke der

Grotte, und war lange, und ist noch der Gegenstand der Verehrung der

Wundergläubigen. Hinter dieser Grotte werden andere, als Wohnort der

heil. Jungfrau, gezeigt, wobei man die Plätze angibt wo sie ruhte,

kochte u. s. w. Auch besuchen die Pilger mit Andacht die =Werkstätte

Josephs=, nun eine katholische Kapelle; das Haus des =Heilandes=,

worin durch einen Felsblock ein natürlicher länglich-runder Tisch

gebildet ist, an dem er oft mit seinen Zwölfen gesessen haben soll; die

=Synagoge=, wo er zu lesen und zu lehren pflegte, nun eine griechische

Kirche; endlich den Abhang, eine Viertelstunde vor der Stadt, wo ihn

die Nazarener herabstürzen wollten (Luk. VI.). Alle diese heiligen

Stellen finden wir in den Schriftstellern vom sechsten Jahrhundert bis

zu unseren Tagen häufig geschildert. Die älteren sprechen aber auch von

schönen Kirchen, welche die Kaiserin Helena dort errichtet hatte. Diese

sind in Trümmern, und durch kleinere ersetzt.

=Nazareth= hat dermalen an 5000 Einwohner, darunter 1200 Christen;

gute und bequeme Gebäude längs dem östlichen Abhange hinaufgebaut; vor

sich, im Osten, einige Gärten und Felder; im Süden das Thal, das in

die Ebene von Esdrelon ausläuft. Es behauptet sich in einer Art von

Unabhängigkeit vom Pascha von =Akka=, zu dessen Gebiet es gehört. Die

Christen haben auch da das Recht, Waffen zu tragen. Die arabischen

Häuptlinge der Umgegend wohnen gerne darin, und betrachten es als einen

Ort der Begegnung und Besprechung unter sich. =Catafago= und die

Seinigen besitzen schöne Landhäuser daselbst. Gastfreund der Häuptlinge

aus dem Gebirge von =Napluß=, flüchtete er hieher seine Familie, da

diese von dem genannten Pascha im Sommer 1828 bedroht und aus =Akka=

vertrieben worden war. Die Häuptlinge selbst trugen ihm Geld und

Leute an, und unter ihrem Schutze war er sicher gegen die Gewalt des

Statthalters.

Von Nazareth nach dem =Jordan= ist nicht über fünf Stunden Weges.

Gleich außer dem Städtchen findet man den schönen Brunnen, der nach

der heil. Jungfrau benannt wird. Man reitet längs den östlichen Höhen

fort, auf diesen das Dörfchen =Eyn-Mechel= zur Linken, in der Ebene zur

Rechten aber den Ort =Dabura= lassend, den Einige für das Städtchen

=Debora= des Buches der Richter nehmen. Diese Annahme ist irrig, denn

in diesem Buche heißt es: »Und sie wohnete unter den Palmen =Debora=

zwischen =Rama= und =Bethel=, auf dem Gebirge =Ephraim=« (IV. 6.)

=Dabura= scheint vielmehr das =Dabrath= des =Josua= (XIX. 12. XXI.

28.), welches =Eusebius= als =Dabira= kennt.

Hart an Dabura, das zwei Stunden von Nazareth entlegen ist, steigt

der =Thabor= frei aus der Ebene, wie ein breiter Kegel empor. Dieser

berühmte Berg, eine der Denksäulen im Gebiete der Religionen, ist

eigentlich eine Fortsetzung der Höhen von Nazareth. Er fällt nach allen

Seiten gleich steil ab. Eichen, wilde Pistazienbäume und dichtes

Gesträuch decken dessen Rücken. Man braucht eine starke Stunde, um den

Gipfel zu erreichen, weßhalb auch =Jeremias= in seiner Prophezeiung

gegen =Ägypten= von dem »Schlächter aus Mitternacht,« der es besiegen

wird, sagt: »Er wird daher ziehen, so hoch, wie der Berg =Thabor=

unter den Bergen, und wie der Karmel am Meer!« (XLVI. 18.) Der Gipfel

hat etwa eine halbe Stunde Umfang, ist geebnet und von Resten einer

Umwallung, durch die an der Westseite ein Bogenthor (=Bab-el Hauwa=,

die Windpforte) führt, umschlossen. Grundfesten und Cisternen deuten

auf uralte Benützung dieser unvergleichbaren Stelle, von wo das Auge

alles Land zwischen dem Karmel am Meere, den Schneegipfeln des Libanon

und Antilibanon, den Gebirgen von Damaskus, des Landes Hauran und des

steinigen Arabiens umfaßt. Schon zu den Zeiten der Einwanderung der

Israeliten wird einer Stadt =Thabor= gedacht, die an die Priesterkaste

gegeben wurde (Chron. VII. 77). »Wie waren die Männer,« fragte Gideon,

die gefangenen Midianiter-Fürsten =Sebah= und =Zalmuna=, »die ihr

erwürgtet zu =Thabor=?« -- diese antworteten: »Sie waren wie du, und

ein jeglicher schön, wie eines Königes Kind.« Er aber sprach: »Es sind

meine Brüder, meiner Mutter Söhne gewesen. So wahr der Herr lebt, wo

ihr sie hättet leben lassen, so wollte ich euch nicht tödten.« Und er

tödtete sie. (Richt. VIII.) -- Polyb (_lib._ V.) kennet Thabor unter

dem Namens =Atabyrium=, worin der ursprüngliche Laut nicht verkennbar

ist, und dem selbst derjenige des heutigen Dabura nahe liegt. Man

könnte also auch Dabura und Atabyrium für einen und denselben Ort

halten; aber Polyb sagt ausdrücklich, daß die genannte Stadt auf der

Spitze eines fünfzehn Stadien hohen Berges lag, was wohl auf Thabor,

nicht aber auf das in der Ebene liegende Dabura sich anwenden läßt.

=Josephus= nennt den Berg selbst [Greek: horos Itabyrion] (_Ant._ V.

23.) und die oben liegende und ummauerte Stadt auch [Greek: Atabyrion].

-- =Adamnanus=, ein Schriftsteller des siebenten Jahrhunderts (_lib.

II. de loc. sanct._) spricht von einem geräumigen Kloster auf dem

Gipfel des Thabor und von Grotten, welche die Mönche daselbst

bewohnten. In einer dieser Grotten wird noch von den Katholiken

Gottesdienst gehalten, und zwar am Peterstage; nicht ferne davon auch

von den Griechen, aber am Tage von Maria Geburt; beide betrachten die

Stelle als diejenige der =Verklärung=.

Das mittelländische, oder wie die Israeliten es nannten, das =große

Meer= und der See von =Tiberias= breiten dem Auge des auf dem Gipfel

des Thabor Stehenden ihren glänzenden Spiegel hin. Die Berge von

=Samaria=, diejenigen von =Gilboa= liegen nahe vor dem Blicke; am

nächsten der =Hermon=, an Gestalt und Höhe dem Thabor gleich, aber

auf breiterer Grundlage ruhend und mit einer weit sichtbaren Moschee

gekrönt. »Mitternacht und Mittag hast du geschaffen; =Thabor= und

=Hermon= jauchzen in deinem Namens« (Psalm. 89). -- Am Fuße des

letztern zeigt sich =Naim=, wo Christus den Sohn der Wittwe erweckte

(Luk. VII. 11.), und =Endor=, so bekannt durch das Weib, das dem Könige

Saul, am Vorabende seiner letzten Schlacht gegen die Philistäer, den

Schatten Samuels herauf rief, der ihm die furchtbaren Worte sagte:

»Morgen wirst du mit deinen Söhnen bei mir seyn!« (Sam. XXVIII.)

-- Auch die beiden Dörfchen erblickt man, wo in unseren Tagen die

Franzosen die Schlacht am Thabor schlugen. Weit ausgebreitet aber liegt

in ihrer ganzen Länge die Ebene von Esdrelon vor dem Blicke, wahrlich

vom Himmel zum Schlachtfeld gebildet! -- Vor meinem Geiste stiegen

die alten Bilder empor, die neunhundert eisernen Wagen des Sissera,

sein Kampf, seine Niederlage gegen die Männer der Stämme Naphtali und

Sebulon, von dem begeisterten Weibe =Debora= geführt!

»=Sebulons= Volk wagte seine Seele in den Tod! Naphtali auch, in der

Höhe des Feldes.«

»Die Könige kamen und stritten« ...

»Der Bach =Kischon= wälzte sie, der Bach =Kedumim=. Tritt, meine Seele,

auf die Starken!«

»Da rasselten der Pferde Füße vor dem Zagen ihrer mächtigen Reiter ...«

»Gesegnet sey unter den Weibern Jael, das Weib Hebers des Keniters;

gesegnet sey sie in der Hütte unter den Weibern!«

»Zu ihren Füßen krümmte sich Sissera, fiel nieder und legte sich, und

krümmte sich, und fiel wieder zu ihren Füßen; und wie er sich krümmte,

so lag er verderbet.«

»Die Mutter Sisseras sah zum Fenster hinaus, und heulete durchs Gitter:

Warum verziehet sein Wagen, daß er nicht kommt? -- Wie bleiben die

Räder seiner Wagen so dahinten?...«

»Also müssen umkommen, Herr, alle deine Feinde! die dich aber lieb

haben, müssen seyn, wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht!« (Richt. V.)

Eine starke Stunde nordöstlich vom Thabor, am Fuße der Höhen von

Nazareth, stehen zwei verlassene viereckige Kastelle. Die Stelle heißt

=Suchel-khan=, oder auch der =Khan von Dschäbel Tor=. Wir fanden ein

großes Treiben von Menschen dort, weil eben Montag war, und an diesem

Tage dort Markt zwischen den Bewohnern von Nazareth und Tiberias und

den Beduinen zu seyn pflegt. =Diese= bringen Pferde, Rinder, Schafe;

=jene= Kleiderstoffe, Werkzeuge, Eßwaaren und Stuten, um sie bespringen

zu lassen. Reihen gelegter Steine bezeichnen die den verschiedenen

Waaren zugewiesenen Plätze, und Kauf und Verkauf gehen in voller Ruhe

und Sicherheit vor sich. Ich trieb mich, ohne im mindesten belästiget

zu werden, unter diesem Volke herum. Die Beduinen waren aus den

Stämmen =Anasi= (aus der Wüste), =Beni-Sohor= (am Jordan), =Szefech=

(am Thabor) und aus turkomannischen Horden. Diese Beduinen sind

durchaus Hirten, und gehören nicht in die Klasse jener rein-arabischen

Wanderhorden, die man in der Syrte, in Ägypten, in Nubien und im

eigentlichen Arabien findet.

Die beiden Kastelle scheinen byzantischer Anlage und sarazenischen

Zubaues. Sie liegen in Trümmern. -- Von der Höhe des oberen hat man

einen Ausblick in die Ebene des Jordan, wo sich der Ort =Kokeb=, 38°

südöstlich, wie ein Vorgebirge krönend zeigt. Da wir uns östlich

hielten, so hatten wir noch sanfte Höhen zu überschreiten, aus denen

die Dörfchen =Kuffre-Käne= und =Sahruni= (1 Stunde) liegen. Das erste

wird für das Städtchen =Kana= gehalten, wo Christus das Wasser in Wein

verwandelte. Nachdem man eine von allen Seiten umschlossene Ebene,

an deren Nordseite der _Mons Christi_ oder _Mons beatudinis_ (im

Arabischen =Kerun-Hottein=), wo die Fünftausend gespeiset wurden, sich

hebt, durchritten, und den Rücken der nächsten Hügelscheide erreicht

hat, liegt zur Linken der See von =Tiberias=, ein riesiger Spiegel,

der die Schneegipfel des Antilibanon und die finsteren Gebirgswände von

=Bethulia= widerstrahlt, herrlich vor den Blicken; vor sich und zur

Rechten aber zeigt sich, farblos und tief eingesenkt, die breite =Flur

des Jordan=, dessen schimmernder Streif von dort, wo er aus dem See

tritt, bis weit hinab gegen Süden wie das belebte Auge eines erstarrten

Körpers dem Schauenden entgegenblitzt. Etwa tausend Schritte unter dem

Ausflusse stehen eilf Steinbogen im Flusse, Trümmer einer Brücke. Dort

erreichten wir, nach zwei Stunden Weges von =Saruhni=, den heiligen

Fluß, in welchem noch heut zu Tage Christen, Muselmänner und Juden mit

gleicher Andacht sich baden.

Es herrscht ein wunderbarer Geist der Stille und Verlassenheit in

diesen Gefilden. Obwohl am Ufer und in der Ebene lange Strecken mit

Tabak, Dura und Getreide bepflanzt sind; obwohl am südlichen Gestade

des See's das Dörfchen =Schannag= sich zeigt, so ist es doch, als

wohne kein menschliches Wesen auf dieser berühmten Flur. Sie ist eine

abgeräumte Bühne; ihre Könige und Helden, ihre Entzückungen und Gräuel,

ihre Jubelgesänge und ihre Thränen sind nicht mehr; Schweigen sitzt wie

eine Mutter über der Vergangenheit und hüllet die Wundmale ihres Kindes

ein.

Das Thal des Jordans trägt im Arabischen den Namen =El-Ghor=. Es wird

an der Ostseite von steilen, nackten, wenig gezeichneten Gebirgen

begleitet. Der Jordan, in vielen Windungen, hält sich meist an der

Westseite. =Hadrian Relandus= (_Palaestina Illustrata_ I. 4) gibt

demselben 1200 Stadien Länge, was wenigstens um die Hälfte zu viel

ist. Im Norden bildet der =See von Tiberias=, den die Bücher Moses das

Meer von =Kinnereth= nennen, im Süden das =todte Meer= dessen Gränzen.

=Jericho= in der südlichen Hälfte, und =Scythopolis=, die =Betschean=

oder =Betsan= der Schrift, in der nördlichen, waren die vorzüglichsten

Städte derselben. Ich halte die letztere für die heutige =Kokeb=.

Das Wasser des =See's Tiberias= ist klar. Keine einzige Barke belebte

den weiten Spiegel, in den hoch herab, in Nordnordost, der =Dschäbel

El-Hesch=, die Südspitze des Antilibanon, niedersah. Die Breite von

=El-Ghor= mag da zwei Stunden betragen.

Auf dem zweiten Pfeiler der Ruinen der Brücke, bis zu dem ich das

Wasser des Jordan durchwatet hatte, sitzend und das Reisemahl

verzehrend, wurde mir ein malerisches Schauspiel zu Theil. Es zogen

nämlich, aus dem Hauran zurückkehrend, Karawanen von mehreren hundert

Kameelen durch die Ebene einher und über den Jordan nach =Tiberias=

hinauf. Fünf bis sechshundert Reiter und Fußgänger begleiteten

dieselben als Bedeckung. Es war die Sendung, die der Pascha von Akka

jährlich auf die Pilgerstraße machen muß, die von =Damaskus= durch das

=Hauran= nach =Bosra= und weiter über =Wadi-Musa= nach =Mekka= zieht.

Ein beträchtlicher Theil der Truppenkraft des Pascha ist zum sicheren

Geleite der Lebensmittel verwendet, welche zu =Mezarib= (=Astaroth=)

niedergelegt zu werden pflegen. Die Dehlis sahen mich und die Meinigen

nicht ohne Verwunderung auf dem Pfeiler im Jordan thronen; keiner aus

ihnen gab uns aber auch nur ein böses Wörtchen. Sie gingen durch die

Furt nahe unter der Brücke, wo der Fluß an achtzig Schritte Breite

hatte, und in seiner größten Tiefe dem Fußgeher bis an die Brust

reichte.

Das Wasser des Jordans ist leicht und angenehm. Ich sah viele Fische

darin. Die Ufer sind dicht mit Rosenlorbeern und Bäumen besetzt.

Nachdem ich mich gebadet und eine Flasche aus dem Flusse und eine aus

dem See gefüllt hatte, ritt ich nach =Nazareth= zurück.

Der arabische Name des Jordan ist =Scheriet-el-Kebir=; der des Berges

Thabor: =Dschäbel Tor=; der der Ebene Esdrelen: =Merdji Ibn Aamer=.

Am Morgen meiner Rückreise nach =Akka= war ich noch werkthätiger Zeuge

eines christlichen Geschäftes zu Nazareth. Der Pater =Vitus Filkuka=

bat mich, der Bekehrung eines Juden beizuwohnen. Es war ein armer

Schneiderjunge aus Baireuth, weiß Gott wie nach dem Orient gerathen,

und ihm von der Gemeinde zu Kairo zu diesem wohlthätigen Zwecke

zugesendet. Die Abschwörung der Ketzerei und Aufnahme in den Schooß der

christlichen Kirche geschah feierlich vor dem Hochaltare, wobei mein

Landsmann eine deutsche Predigt hielt, die außer dem Aufzunehmenden und

mir Niemand verstand, aber alle mit Erbauung anhörten. Ich hielt dem

Jungen eine andere in derselben Sprache, wobei er in Thränen zerfloß,

und das ganze Auditorium gerührt wurde.

Von =Nazareth= nach =Kaipha= führt der Weg über die Einsattlung im

Norden des Städtchens und jenseits in ein reichbewässertes Thal, durch

das ein Bach fließt, der ein Paar Mühlen treibt (1-1/2 St.). Dann

reitet man über waldige Hügel. Von der Stelle, wo man die Bai von

=S. Jean d'Acre= zuerst erblickt, liegt das Kirchlein auf der Höhe

von =Nazareth= 43° südöstlich; =S. Jean d'Acre= 30° nordwestlich;

das Vorgebirge des =Karmel= 75° nordwestlich; die höchste Spitze der

Gebirge von =Samaria= südlich.

Am Ausgange der Waldhügel findet man das christliche Dorf =Schfamer=

(2 St.), groß und mit einem Schlosse versehen, mit tiefen und guten

Brunnen und vielen in Felsen gehauenen Getreidemagazinen. Durch ein

baumreiches Thal steigt man in die Ebene nieder, erreicht die breiten

Dünen des Gestades (2 St.), geht über den =Kischon= und folgt der

See bis =Kaipha= (1-1/2 St.). Vor unseren Augen schoß ein Soldat des

Pascha in der Ebene eine Gazelle; auch viele Hasen trieben wir auf. In

Kaipha feierten die Bewohner eben die Bestätigung =Abdallah's= in den

Paschaliken von =Akka=, =Seida= und =Tripolis=, eine Förmlichkeit, die

alle Jahre Statt hat. Der Sultan ist nur dem Namen nach Herr in diesem

Lande. Auf der Rhede von =Kaipha= lag mein Schiff; ich betrat es mit

freudigem Gefühle, als wäre es ein Stück meiner Heimath.

Vorbereitet durch diese Reise und Carafago mit mir führend, ruderte ich

am Morgen darauf in einem Boote des =Veloce= nach =S. Jean d'Acre=,

das ich nach anderthalb Stunden erreichte. Man machte an dem Thore

Anstand uns einzulassen, und wir mußten über eine Stunde auf die

Erlaubniß hiezu warten. Man bewirthete uns jedoch einstweilen mit

Kaffeh und Pfeife. Endlich wurde uns zugestanden, in des Konsuls Haus

zu gehen. Von dort aus ließ ich dem Pascha wissen: ich wäre gekommen,

um ihn zu sprechen. Er, auf einem seiner Landhäuser eine halbe Stunde

im Norden der Stadt befindlich, wies mich an seinen Kiaja. Da ich

über diesen Vortheilhaftes hörte, so ging ich zu ihm, und fand einen

jungen schönen Mann, aus dem Kaukasus geboren, und Freund des Pascha.

Es gelang mir, ihn zu bestimmen, an den Pascha zu schreiben, um

diesen über die Besorgnisse der Eitelkeit zu beruhigen, die mir die

Seele seines Widerstandes zu seyn schienen. Dieser Schritt führte zum

Ziele. Während der Nacht, die ich im Konsulate zubrachte, erschien ein

Offizier des Pascha mit der Botschaft: Abdallah sey, um mich zu sehen,

in die Stadt zurückgekehrt und erwarte mich in der ersten Stunde nach

Sonnenaufgang. Viele Offiziere kamen mich abzuholen. Ich fand längs der

Straße des Pallastes die Soldaten in Reihe gestellt, und eben so im

Pallaste selbst den ganzen Schwarm der Hausbedienten bis an die Thüre

des Saales, in welchem der Empfang Statt haben sollte. Ich erwartete

einen finsteren Mann zu sehen, aus dessen Augen die Flecken des Blutes

nicht wegzutilgen wären, die er von Händen und Kleidern waschen konnte.

Ich fand auf dem Divan sitzend in einer der Ecken dieses heiteren,

sonnenhellen Gemaches, durch dessen Fenster See und Land in weiter

Verbreitung sich zeigten, einen freundlichen Mann, nicht über drei

und dreißig Jahr alt, etwas von Blattern bezeichnet, in einfachem,

doch höchst reichem Kleide, einen Barbareskenmantel um sich, vorne

durch diamantene Schließen gehalten, einen herrlichen Handschar im

Gürtel von Diamanten strotzend, Blumen aus Schooß und Divan. So wie

ich mich gesetzt hatte, reichte er mir einen Rosenstrauß. Er sprach

mit Milde, Glanz und Feinheit über die Weltangelegenheiten, über die

europäischen Fürsten, über den Sultan. Nach und nach leitete ich das

Gespräch aus Catafago, und gewann ihn so sehr, daß er das Geschehene

beklagte, die genommene Geldsumme zurückstellte, die Wiedereinsetzung

des Konsulats und die feierliche Erhöhung der Flagge für den nächsten

Morgen versprach und in alle übrigen Forderungen einging, die ich ihm

unter dem Kleide von Wünschen vorbrachte. So sehr hängt im Orient jedes

Geschäft an der Form, und auch das schwierigste gelingt, wenn diese

nicht verletzt wird. Das Mißtrauen in die Europäer ist zu groß, als

daß diese durch schriftliche Unterhandlung leicht zum Ziele kommen;

aber im mündlichen Zusammenseyn, in Beobachtung der landesüblichen

Ruhe, Heiterkeit und Schonung ist mit Niemanden leichter ein Geschäft

glücklich zu Ende zu bringen, als mit dem Morgenländer, da, mit sehr

seltener Ausnahme, die Grundlage seines Charakters die Wahrhaftigkeit

ist.

Kaum waren wir zurück im Konsulate, so kam die Musik des Pascha; dann

zu Besuch und Glückwunsch für Catafago nach und nach die ganze Stadt.

Der Greis weinte vor Freuden, und Boten eilten nach =Nazareth=, um

seine Familie für den nächsten Morgen auf die Spitzen des Gebirges zu

bescheiden, damit sie am Kanonendonner sich ergetzen könnte.

Ich besah die Stadt. Sie ist ein Viereck von nicht viel über 500

Schritte Grundlinie, auf zwei Seiten von der See bespült. Die Mauern

waren zur Zeit Buonapartes einfach; jetzt ist auf den Landseiten eine

zweite Mauer vorgelegt. Das Landthor geht durch die Ostseite nahe am

Gestade. Diese Seite hat drei, die Nordseite vier bastionirte Thürme.

Die Courtinen an jener sind für drei, an dieser für vier Geschütze

eingerichtet. Der Graben ist breit und tief. Die Festung ist mehr

als irgend eine der levantischen Küste in Ordnung. Abdallah baute

hinter der Mitte der Nordseite einen hohen, festen Thurm, welcher die

Citadelle bildet. Fast alle Gebäude im Innern der Stadt sind von hohen

Mauern eingeschlossen, was den Sturm auf dieselbe ungemein schwierig

und gefährlich machen muß.

Außen, nach Nord und Ost, ist Wellengrund und Ebene. Einige Landhäuser

beleben dieselbe, und im Nord gewährt eine Wasserleitung, mit vielen

Bogen von einem Hügel zum andern gezogen, einen malerischen Anblick.

Suterazi, d. i. Wasserhebpfeiler, bringen das Wasser nach der Stadt.

Im Osten sieht man viele Grundfesten und sonstige Spuren des alten

=Ptolemais=; im Inneren viele Granit- und Marmorschäfte, aus =Cäsarea=

und =Askalon= herbeigebracht. Jene dehnen sich auf eine halbe Stunde

längs dem Gestade und bis an die Mündung des =Belus= aus, dieses in der

alten Zeit so geschätzten Flüßchens, wo das erste Glas erzeugt worden

war. -- Die Türken erstürmten Ptolemais, nach langer Belagerung, am

19. Mai 1291, und zerstörten die Stadt vom Grunde aus. Ein mächtiges

Kaufhaus, eine ansehnliche Moschee und viele starke Privatgebäude

scheinen zum Theil noch aus jener Zeit herüber zu leben; so auch

die Ruinen der einstigen Kathedrale zum heil. Andreas, das Kloster

der Hospitaliter, der Pallast des Großmeisters und die Reste eines

Nonnenklosters, von welchem die Sage geht, daß, am Tage der Erstürmung

der Stadt die frommen Frauen durch einmüthigen Entschluß sich die Nase

abschnitten und das Gesicht verwundeten, um durch diese Entstellung die

Gier der Sieger zurückzuschrecken. Dieß war ihnen auch gelungen, und

sie fanden nur den Tod unter den Säbeln der Feinde.

Das Wasserthor geht nach dem Hafen, der klein, eng und ganz offen ist.

Kriegsschiffe können nur auf der Rhede ankern. Auch diese ist sehr

gefährlich wegen der Gewalt der Westwinde, welche die täglichen und das

Heil des Landes sind. Die Hafenmauer ist eingestürzt, so daß das Schloß

an der Spitze derselben nun abgesondert steht.

Reise ins heilige Land: Im Jahr 1829 · 第 7 / 8 段